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Leselupe.de > Kurzgeschichten
pension klarissa
Eingestellt am 14. 10. 2008 08:34


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unica
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Pension Klarissa

Meine Pension am Meer ist immer aufgerĂ€umt. Alle Zimmer sind gediegen möbliert. Akkurat und unaufdringlich. Fast keimfrei. Pauline hat umsichtig gearbeitet. Ich merke das an Kleinigkeiten. TĂ€glich entstaubt sie die BlĂ€tter der Anthurien und poliert die versilberten TĂŒrklinken.
Die Villa liegt einsam auf einer Anhöhe. Umgeben von weißen DĂŒnen, wilden Rosen und WacholderbĂŒschen neigt sie sich sĂŒdseitig dem Wasser zu. Ein Rotbuchenwald verdeckt die RĂŒckfront des Hauses. Den HĂŒgel hinunter schlĂ€ngelt sich ein steiler Trampelpfad zum schilfgesĂ€umten Strand. In der Saison bevorzugen die GĂ€ste den geteerten Zugang zum Meer.
Um diese Jahreszeit schĂ€tze ich die Ruhe, die oft trĂŒgerisch ist. Unaufhörlich geht der Wind. Der peitschende Wellenschlag des Wassers, Wind und Möwen erzeugen im Haus ein unheimliches GerĂ€usch. Niemand ist wirklich in der NĂ€he. Keiner erkundigt sich nach meinem Befinden. Geschweige denn nach mehr. Die Insel ist so menschenleer, dass es mir beinahe Furcht einflösst. Die wenigen GĂ€ste sind leicht zu ĂŒberschauen: Ein Ă€lteres Ehepaar aus dem Taunus, eine junge Frau ohne GepĂ€ck und drei einzelne StammgĂ€ste, die jedes Jahr um diese Zeit hier eintreffen. Zwölf der siebzehn Zimmer sind unbewohnt. Drei RĂ€ume bewohne ich, zwei gerĂ€umige Kammern unterm Dach gehören bei Bedarf Pauline, der HaushĂ€lterin und Josef dem Koch.
Einmal am Nachmittag fĂ€hrt Herr Konstantin zum Festland. Er muss das FĂ€hrboot benutzen, da es auf der Insel weder ein Postamt noch ein öffentliches Telefon gibt. Er ĂŒberbringt und empfĂ€ngt die Briefe der GĂ€ste. Die ankommende Post ordnet er in die entsprechenden SchlĂŒsselfĂ€cher in der Rezeption ein. Aus einer hĂŒbschen Box aus Weidenrohr nimmt er die zu verschickenden Briefe und Karten. Meiner Aufmerksamkeit entgeht keine Nachricht und keine Korrespondenz. In dieser Hinsicht verstehe ich keinen Spaß.
Die Frau ohne GepĂ€ck behĂ€lt auch zu den Mahlzeiten die Sonnenbrille auf. Ihre Aufmachung passt nicht in diese Gegend, eher in die Stadt. Bei der Anmeldung presste sie unbeholfen ihre Handtasche an den Bauch und rubbelte mit dem Ringfinger gegen ihr Kinn. Ihre langen Beine steckten in schwarzen Schaftstiefeln und sie trug einen eng sitzenden Lackmantel mit Zebrastreifen. Sie gab sich als Studentin aus, die einfach mal Ferien brauche und reservierte fĂŒr eine Woche. Nervös erkundigte sie sich nach einer Modeboutique wo man Pullover kaufen kann. Nichts einfacher als das, erwiderte ich, hier gibt es nur Kallaukes Laden, da kriegen sie es alles von der Salatgurke bis zum Fahrrad.
Das Ehepaar aus dem Taunus verlĂ€sst die Pension stets nach einem FrĂŒhstĂŒck gegen sieben Uhr und kommt am Abend wieder. Wie eineiige Zwillinge tragen sie die gleichen tĂŒrkisgestreiften TrainingsanzĂŒge aus Acrylfaser. Ab und zu wirft die Frau eine Ansichtskarte in den Weidenrohrkorb mit nichts sagenden Bemerkungen zum Wetter. Einmal hat sie einen Brief eingeworfen. Darin lag ein ausgefĂŒllter Tippschein. An jenem Morgen belauschte ich ein GesprĂ€ch zwischen den Eheleuten. Es verlief schleppend im FlĂŒsterton und drehte sich um den drohenden Konkurs ihres KurzwarengeschĂ€ftes. Wer braucht heute noch NĂ€hseide, Knopfgarn und ReißverschlĂŒsse? Er werde jedenfalls nicht aufgeben, meinte der Mann mĂŒrrisch. Die Zeiten kommen wieder, in denen mehr Menschen ihre Kleidung selber nĂ€hen mĂŒssen.
Inzwischen fĂŒhle ich mich heimisch in den Briefen meiner StammgĂ€ste. In einer Ringmappe fĂŒhre ich Buch ĂŒber den Postverkehr.
Einer von ihnen ist ein vierzigjĂ€hriger Hauptkommissar, dessen Frau vor zwei Jahren mit seinem Volkswagen gegen einen Baum gerast ist. Seitdem, erzĂ€hlte er mir, quĂ€le ihn eine schlimme Neurodermitis, die er an der Meeresluft lindern wolle. Es stimmt mich traurig, dass er jeden Tag einen Brief an sie schreibt und ihn an seine eigene Adresse verschickt. Er teilt ihr alltĂ€gliche Dinge mit, spricht ĂŒber laufende MordfĂ€lle und fragt wann sie wieder zurĂŒckkomme. Aber Herr Konstantin bringt ihm nie einen Brief.
Der Mann von der Polizei hat einen schönen Namen. Elias wie der Prophet. Er wirkt immer unausgeschlafen und etwas gehetzt. NachlÀssig und billig gekleidet. Seine Lederjacke ist abgetragen und die verschlissenen Manschetten seiner Hemden hÀngen aus den JackenÀrmeln. Im Kampf gegen seinen Juckreiz verlÀsst er die Pension nur um einige Stunden zu wandern. Elena, seine tote Frau, hatte blond gelockte Haare und ein ahnungsloses Gesicht. Elias und Elena waren ein makelloses Paar. Im Rucksack des Polizisten habe ich ein Hochzeitsfoto gefunden.
Frau Viktoria Gerstenmeier, eine kleine kapriziöse Dame aus Wien, ist mein zweiter Stammgast in der frĂŒhen Jahreszeit. Sie war einmal eine berĂŒhmte OpernsĂ€ngerin und besonders durch das Fernsehen populĂ€r geworden. Obwohl sie lĂ€ngst nicht mehr auftritt, ist ihre Garderobe divenhaft. Eine Prise vierziger Jahre Flitter rankt als rauchblaue Federboa um ihren dĂŒrren Hals wenn sie in das FrĂŒhstĂŒckszimmer einmarschiert. Ihr Kopf mit dem dichten weißen Haar steht in einem merkwĂŒrdigen Winkel vom Hals ab, was ihr etwas Fröhliches verleiht. Auf ihrem Gesicht ruht eine dicke Puderschicht, die aus der NĂ€he betrachtet wie von Trockenheit aufgeplatzter Lehmboden aussieht. Daraus glĂ€nzen halbgeschlossene, fast schwarze Augen, die das Unsichtbare fixieren. Ihre dunkelviolett schimmernde Lippen spitzt sie zu einem knittrigen LĂ€cheln. Am Tag ihrer Ankunft heftet sie immer einen handgeschriebenen Bitte-Nicht-Stören-Zettel an ihre TĂŒr. Dann kauert sie anmutig in einen Pelzmantel vermummt auf dem Balkon und betrachtet das Meer.
Der Strom der Fanpost, der ihr in den ersten Jahren nachgeschickt wurde, ist vor einiger Zeit versiegt. Ich las das ĂŒberschwĂ€ngliche GesĂ€usel einer Menge MĂ€nner, die sie Verehrteste Vicki nannten oder ihr Fotografien schickten, auf denen sie anzĂŒglich posierten. Manchmal versuchte sie mit mir ins GesprĂ€ch zu kommen. Zum Piepen diese schmierigen alten Geier, machen einer zahnlosen Alten den Hof und wissen nicht mal wer Falstaff ist. Ihre manikĂŒrten Fingerspitzen klackerten auf dem Tisch. Das Beste an einem KĂŒnstlerleben ist die Freiheit, das Beste an einem Frauenleben sind richtig ausgebuffte Kerle und das Beste an Kerlen ist ihr Geld wenn sie sterben. Oh, sagte ich und zuckte zusammen, ich hatte nur einen, den ich liebte und der war kreuzbrav und hatte keins.
Herr Konstantin hat mir Klebebuchstaben gekauft. Heute schreibe ich einen anonymen Brief an die Ehefrau meines dritten Stammgastes. Ich habe beobachtet, das Arthur M. sie mit der Frau ohne GepĂ€ck betrĂŒgt. Auch frĂŒher empfing er Damenbesuche ĂŒber Nacht, die ich stillschweigend hingenommen habe, da er beim Trinkgeld nicht knauserig war. Er macht keinen Hehl aus seiner neuen Eroberung.
Bei AffÀren unter den GÀsten muss ich mich einmischen.
Arthur M. ist ein erfolgreicher GeschĂ€ftsmann mit ungehobelten Manieren. Er schwimmt im Geld. Josef kocht fĂŒr ihn extra provencialische MenĂŒs und bestellt Bordeaux teurer JahrgĂ€nge. Nachdem sein Kompagnon mit der Concorde verunglĂŒckt ist, wurde Arthur M. zum Alleinherrscher einer Firma, die Software fĂŒr Anti-Aging Programme entwickelt hat.
Auch in diesen Kreisen scheitern die Ehen aus Liebe. Die Liebe zwischen Frau und Mann ist eine Lotterie, auf die die meisten hereinfallen. Ehen von Bestand werden durch Geld zusammengehalten. Was ich immer wieder feststelle, ist die Panik der Menschen vor den gesellschaftlichen Konsequenzen. Mein anonymer Brief wird deshalb wenig ausrichten. Dennoch ist er meine bescheidene Art der Rache.
Ich lache nicht. Meine Miene ist erstarrt. Ich speichere Energie fĂŒr die Momente, in denen mein Gesicht zum Ausdruck kommt. RegelmĂ€ĂŸig trainiere ich meine Gesichtsmuskeln. Ein natĂŒrliches LĂ€cheln macht mir am meisten zu schaffen. Mit den Jahren sind meine Mundwinkel heruntergezogen, die vertikalen FĂ€ltchen ĂŒber der Oberlippe schwer zu retuschieren. Der Unterkiefer ist erschlafft und ohne Kontur. WĂŒrde man meine Kinnform nachzeichnen reichte eine Linie nicht aus, man mĂŒsste die Schraffur einsetzen. Manchmal ĂŒberfĂ€llt mich die Furcht entdeckt zu werden. Dabei trage ich Handschuhe und klebe die von mir ĂŒber Wasserdampf geöffneten BriefumschlĂ€ge sorgfĂ€ltig wieder zu. Vor dem dackelgesichtigen Kommissar von der Mordkommission muss ich auf der Hut sein.
Ich höre das Gras wachsen und stelle keine Fragen. Alles was ich weiß, habe ich aus den Briefen und meinen tĂ€glichen kleinen Nachforschungen. Einige GĂ€ste erzĂ€hlen mir Geschichten. Sie halten mich fĂŒr eine graue Maus, die aufmerksam zuhören kann. Die UnauffĂ€lligkeit in Person. Du lebst nur in der Welt der Anderen, sagte mein Exmann einmal zu mir. Vielleicht lebt die Welt der Anderen nur durch mich, sagte ich. Als ich ein kleines MĂ€dchen war, entschied meine Mutter wie die Dinge auf dem Tisch angeordnet wurden. Wie die Bilder an der Wand hĂ€ngen sollen. Wie die GĂ€ste im Speisezimmer bedient werden sollen. Ich sehe meine Mutter am Rande der KĂŒche stehen und das Personal dirigieren. Ich war ihre Alice im Wunderland, die nicht richtig hineinpasste in ihr ausgeklĂŒgeltes Leben. WĂ€hrend der ersten Monate ihrer Krankheit bemerkte ich wie sie langsam die Übersicht verlor. Kleine Fehler bei den Rechnungen und einzelne verwelkte Blumen waren die ersten Vorboten. Nachdem sie nur noch im Bett lag, blieb nichts wie es war. Die Pension, sagte sie. Du wirst sie verschludern. Aber allmĂ€hlich eignete ich mir ihren Sinn fĂŒr Ordnung und Demut an. Die FĂ€higkeit ein so kompliziertes Gebilde wie eine Pension zu fĂŒhren.
Meine Pension am Meer ist immer aufgerÀumt.
An dem Tag als ich meiner Mutter Klarissa anstelle ihrer blutdrucksenkenden Tabletten die ersten Vitamintabletten gab, ging ein starker Ostwind. Bei Anbruch ihres Todestages blickte sie mich lange an und lĂ€chelte. Seit ihrem Tod ĂŒberfallen mich die Schatten und die Briefe lassen mir keine Ruhe mehr.


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Retep
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Registriert: Jun 2008

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Hallo unica,

das ist eine "ruhige" Geschichte, da passiert nichts Großartiges, da gibt es keine Pointe. Trotzdem habe ich sie gerne gelesen.
Du beschreibst alles sehr genau, beim Leser können Bilder entstehen, er kann sich das Ambiente in dieser Pension vorstellen.




Ein paar kleine Korrekturen und Anmerkungen.
(Was ich mit Blau markiert habe, wĂŒrde ich vielleicht anders formulieren.)


unica
Pension Klarissa

Meine Pension am Meer ist immer aufgerĂ€umt. Alle Zimmer sind gediegen möbliert. Akkurat und unaufdringlich. Fast keimfrei. Pauline hat umsichtig gearbeitet. Ich merke das an Kleinigkeiten. TĂ€glich entstaubt sie die BlĂ€tter der Anthurien und poliert die versilberten TĂŒrklinken.
Die Villa liegt einsam auf einer Anhöhe. Umgeben von weißen DĂŒnen, wilden Rosen und WacholderbĂŒschen neigt sie sich sĂŒdseitig dem Wasser zu. Ein Rotbuchenwald verdeckt die RĂŒckfront des Hauses. Den HĂŒgel hinunter schlĂ€ngelt sich ein steiler Trampelpfad zum schilfgesĂ€umten Strand. In der Saison bevorzugen die GĂ€ste den geteerten Zugang zum Meer.
Um diese Jahreszeit schĂ€tze ich die Ruhe, die oft trĂŒgerisch ist. (Warum?) Unaufhörlich geht der Wind. Der peitschende Wellenschlag des Wassers, Wind und Möwen erzeugen im Haus ein unheimliches GerĂ€usch. Niemand ist wirklich in der NĂ€he. Keiner erkundigt sich nach meinem Befinden. Geschweige denn nach mehr. Die Insel ist so menschenleer, dass es (sie) mir beinahe Furcht einflösst. Die wenigen GĂ€ste sind leicht zu ĂŒberschauen: Ein Ă€lteres Ehepaar aus dem Taunus, eine junge Frau ohne GepĂ€ck und drei einzelne StammgĂ€ste, die jedes Jahr um diese Zeit hier eintreffen. Zwölf der siebzehn Zimmer sind unbewohnt. Drei RĂ€ume bewohne ich, zwei gerĂ€umige Kammern unterm Dach gehören bei Bedarf Pauline, der HaushĂ€lterin , und Josef dem Koch.
Einmal am Nachmittag fĂ€hrt Herr Konstantin zum Festland. Er muss das FĂ€hrboot benutzen, da es auf der Insel weder ein Postamt noch ein öffentliches Telefon gibt. Er ĂŒberbringt und empfĂ€ngt die Briefe der GĂ€ste. Die ankommende Post ordnet er in die entsprechenden SchlĂŒsselfĂ€cher in der Rezeption ein. Aus einer hĂŒbschen Box aus Weidenrohr nimmt er die zu verschickenden Briefe und Karten. Meiner Aufmerksamkeit entgeht keine Nachricht und keine Korrespondenz. In dieser Hinsicht verstehe ich keinen Spaß.
Die Frau ohne GepĂ€ck behĂ€lt auch zu den Mahlzeiten die Sonnenbrille auf. Ihre Aufmachung passt nicht in diese Gegend, eher in die Stadt. Bei der Anmeldung presste sie unbeholfen ihre Handtasche an den Bauch und rubbelte mit dem Ringfinger gegen ihr Kinn. Ihre langen Beine steckten in schwarzen Schaftstiefeln und sie trug einen eng sitzenden Lackmantel mit Zebrastreifen. Sie gab sich als Studentin aus, die einfach mal Ferien brauche und reservierte fĂŒr eine Woche. Nervös erkundigte sie sich nach einer Modeboutique , wo man Pullover kaufen kann. Nichts einfacher als das, erwiderte ich, hier gibt es nur Kallaukes Laden, da kriegen sie es alles von der Salatgurke bis zum Fahrrad.
Das Ehepaar aus dem Taunus verlĂ€sst die Pension stets nach einem (dem)FrĂŒhstĂŒck gegen sieben Uhr und kommt am Abend wieder. Wie eineiige Zwillinge tragen sie (trĂ€gt es)die gleichen tĂŒrkisgestreiften TrainingsanzĂŒge aus Acrylfaser. Ab und zu wirft die Frau eine Ansichtskarte in den Weidenrohrkorb mit nichts sagenden Bemerkungen zum Wetter. Einmal hat sie einen Brief eingeworfen. Darin lag ein ausgefĂŒllter Tippschein. An jenem Morgen belauschte ich ein GesprĂ€ch zwischen den Eheleuten. Es verlief schleppend im FlĂŒsterton und drehte sich um den drohenden Konkurs ihres KurzwarengeschĂ€ftes. Wer braucht heute noch NĂ€hseide, Knopfgarn und ReißverschlĂŒsse? Er werde jedenfalls nicht aufgeben, meinte der Mann mĂŒrrisch. Die Zeiten kommen wieder, in denen mehr Menschen ihre Kleidung selber nĂ€hen mĂŒssen.
Inzwischen fĂŒhle ich mich heimisch in den Briefen meiner StammgĂ€ste. In einer Ringmappe fĂŒhre ich Buch ĂŒber den Postverkehr.
Einer von ihnen ist ein vierzigjĂ€hriger Hauptkommissar, dessen Frau vor zwei Jahren mit seinem Volkswagen gegen einen Baum gerast ist. Seitdem, erzĂ€hlte er mir, quĂ€le ihn eine schlimme Neurodermitis, die er an der Meeresluft lindern wolle. Es stimmt mich traurig, dass er jeden Tag einen Brief an sie schreibt und ihn an seine eigene Adresse verschickt. Er teilt ihr alltĂ€gliche Dinge mit, spricht ĂŒber laufende MordfĂ€lle und fragt , wann sie wieder zurĂŒckkomme. Aber Herr Konstantin bringt ihm nie einen Brief. (das ist klar) Der Mann von der Polizei hat einen schönen Namen. Elias wie der Prophet. Er wirkt immer unausgeschlafen und etwas gehetzt. NachlĂ€ssig und billig (ist er) gekleidet. Seine Lederjacke ist abgetragen und die verschlissenen Manschetten seiner Hemden hĂ€ngen aus den JackenĂ€rmeln. Im Kampf gegen seinen Juckreiz verlĂ€sst er die Pension nur , um einige Stunden zu wandern. Elena, seine tote Frau, hatte blond gelockte Haare und ein ahnungsloses Gesicht. Elias und Elena waren ein makelloses Paar. Im Rucksack des Polizisten habe ich ein Hochzeitsfoto gefunden.
Frau Viktoria Gerstenmeier, eine kleine kapriziöse Dame aus Wien, ist mein zweiter Stammgast in der frĂŒhen Jahreszeit. Sie war einmal eine berĂŒhmte OpernsĂ€ngerin und (ist)besonders durch das Fernsehen populĂ€r geworden. Obwohl sie lĂ€ngst nicht mehr auftritt, ist ihre Garderobe divenhaft. Eine Prise vierziger Jahre Flitter rankt als rauchblaue Federboa um ihren dĂŒrren Hals , wenn sie in das FrĂŒhstĂŒckszimmer einmarschiert. Ihr Kopf mit dem dichten weißen Haar steht in einem merkwĂŒrdigen Winkel vom Hals ab, was ihr etwas Fröhliches verleiht. Auf ihrem Gesicht ruht eine dicke Puderschicht, die aus der NĂ€he betrachtet , wie von Trockenheit aufgeplatzter Lehmboden aussieht. Daraus glĂ€nzen halbgeschlossene, fast schwarze Augen, die das Unsichtbare fixieren. Ihre dunkelviolett schimmernde Lippen spitzt sie zu einem knittrigen LĂ€cheln. Am Tag ihrer Ankunft heftet sie immer einen handgeschriebenen Bitte-Nicht-Stören-Zettel an ihre TĂŒr. Dann kauert sie anmutig in einen Pelzmantel vermummt auf dem Balkon und betrachtet das Meer.
Der Strom der Fanpost, der ihr in den ersten Jahren nachgeschickt wurde, ist vor einiger Zeit versiegt. Ich las das ĂŒberschwĂ€ngliche GesĂ€usel einer Menge MĂ€nner, die sie Verehrteste Vicki nannten oder ihr Fotografien schickten, auf denen sie anzĂŒglich posierten. Manchmal versuchte sie , mit mir ins GesprĂ€ch zu kommen. Zum Piepen diese schmierigen alten Geier, machen einer zahnlosen Alten den Hof und wissen nicht mal , wer Falstaff ist. Ihre manikĂŒrten Fingerspitzen klackerten auf dem Tisch. Das Beste an einem KĂŒnstlerleben ist die Freiheit, das Beste an einem Frauenleben sind richtig ausgebuffte Kerle und das Beste an Kerlen ist ihr Geld , wenn sie sterben. Oh, sagte ich und zuckte zusammen, ich hatte nur einen, den ich liebte und der war kreuzbrav und hatte keins.
Herr Konstantin hat mir Klebebuchstaben gekauft. Heute schreibe ich einen anonymen Brief an die Ehefrau meines dritten Stammgastes. Ich habe beobachtet, das Arthur M. sie mit der Frau ohne GepĂ€ck betrĂŒgt. Auch frĂŒher empfing er Damenbesuche ĂŒber Nacht, die ich stillschweigend hingenommen habe, da er beim Trinkgeld nicht knauserig war. Er macht keinen Hehl aus seiner neuen Eroberung.
Bei AffÀren unter den GÀsten muss ich mich einmischen.
Arthur M. ist ein erfolgreicher GeschĂ€ftsmann mit ungehobelten Manieren. Er schwimmt im Geld. Josef kocht fĂŒr ihn extra provencialische MenĂŒs und bestellt Bordeaux teurer JahrgĂ€nge. Nachdem sein Kompagnon mit der Concorde verunglĂŒckt ist, wurde Arthur M. zum Alleinherrscher einer Firma, die Software fĂŒr Anti-Aging Programme entwickelt hat.
Auch in diesen Kreisen scheitern die Ehen aus Liebe. Die Liebe zwischen Frau und Mann ist eine Lotterie, auf die die meisten hereinfallen. Ehen von Bestand werden durch Geld zusammengehalten. Was ich immer wieder feststelle, ist die Panik der Menschen vor den gesellschaftlichen Konsequenzen. Mein anonymer Brief wird deshalb wenig ausrichten. Dennoch ist er meine bescheidene Art der Rache. (WofĂŒr?)Ich lache nicht. Meine Miene ist erstarrt. Ich speichere Energie fĂŒr die Momente, in denen mein Gesicht zum Ausdruck kommt. RegelmĂ€ĂŸig trainiere ich meine Gesichtsmuskeln. Ein natĂŒrliches LĂ€cheln macht mir am meisten zu schaffen. Mit den Jahren sind meine Mundwinkel heruntergezogen, die vertikalen FĂ€ltchen ĂŒber der Oberlippe schwer zu retuschieren. Der Unterkiefer ist erschlafft und ohne Kontur. WĂŒrde man meine Kinnform nachzeichnen reichte eine Linie nicht aus, man mĂŒsste die Schraffur einsetzen. Manchmal ĂŒberfĂ€llt mich die Furcht entdeckt zu werden. Dabei trage ich Handschuhe und klebe die von mir ĂŒber Wasserdampf geöffneten BriefumschlĂ€ge sorgfĂ€ltig wieder zu. Vor dem dackelgesichtigen Kommissar von der Mordkommission muss ich auf der Hut sein.
Ich höre das Gras wachsen und stelle keine Fragen. Alles was ich weiß, habe ich aus den Briefen und meinen tĂ€glichen kleinen Nachforschungen. Einige GĂ€ste erzĂ€hlen mir Geschichten. Sie halten mich fĂŒr eine graue Maus, die aufmerksam zuhören kann. Die UnauffĂ€lligkeit in Person. Du lebst nur in der Welt der Anderen, sagte mein Exmann einmal zu mir. Vielleicht lebt die Welt der Anderen nur durch mich, sagte ich. Als ich ein kleines MĂ€dchen war, entschied meine Mutter wie die Dinge auf dem Tisch angeordnet wurden. Wie die Bilder an der Wand hĂ€ngen sollten. Wie die GĂ€ste im Speisezimmer bedient werden sollten. Ich sehe meine Mutter am Rande der KĂŒche stehen und das Personal dirigieren. Ich war ihre Alice im Wunderland, die nicht richtig hineinpasste in ihr ausgeklĂŒgeltes Leben. WĂ€hrend der ersten Monate ihrer Krankheit bemerkte ich , wie sie langsam die Übersicht verlor. Kleine Fehler bei den Rechnungen und einzelne verwelkte Blumen waren die ersten Vorboten. Nachdem sie nur noch im Bett lag, blieb nichts , wie es war. Die Pension, sagte sie. Du wirst sie verschludern. Aber allmĂ€hlich eignete ich mir ihren Sinn fĂŒr Ordnung und Demut an. Die FĂ€higkeit , ein so kompliziertes Gebilde wie eine Pension zu fĂŒhren.
Meine Pension am Meer ist immer aufgerÀumt.
An dem Tag als ich meiner Mutter Klarissa anstelle ihrer blutdrucksenkenden Tabletten die ersten Vitamintabletten gab, ging ein starker Ostwind. Bei Anbruch ihres Todestages blickte sie mich lange an und lĂ€chelte. Seit ihrem Tod ĂŒberfallen mich die Schatten und die Briefe lassen mir keine Ruhe mehr.

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