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Leselupe.de > Kurzgeschichten
planlos
Eingestellt am 11. 10. 2001 11:31


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Naciye
???
Registriert: Jul 2001

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Es ist halb acht am Morgen. Es nieselt. Ich stehe nicht auf, denn der neue Job ist nichts f├╝r mich. Ich habe mich bis heute ganz gut durchs Leben geschlingert. Ein Exkurs durch die verschiedensten Jobs unternommen und bin jetzt an einem Punkt angekommen. Dem Punkt null. Das h├Ârt sich gut an. Der Punkt null. Ein Scheidepunkt, an dem es jetzt keine Ausweichm├Âglichkeiten mehr gibt. Nicht ÔÇô1 oder + 0,5. Einfach null. Ich frage mich oft was ich falsch mache, sehe aber dann nach einer Weile ein, da├č es nichts Falsches ist, nichts zu wissen.
Ich wei├č weder was ich mit meinem Leben anfangen soll, noch wie ich es m├Âglichst ohne viel Brimborium schaffe, meine Br├Âtchen zu verdienen.

Klar jeder hat einen Traum. Der eine will insgeheim Meeresbiologe werden, hockt aber in einem klimatisierten Raum und bucht Soll gegen Haben. Der N├Ąchste ist eigentlich, weil das ist er schon seit dem er mit drei seine erste Trompeter geschenkt bekam, Dirigent, kann es sich aber ÔÇ×finanziellÔÇť nicht leisten, seinen Traum wahr zu machen.

Der Punkt null an dem ich jetzt also bin, zwingt mich zu einer Entscheidung. Entweder; Oder. Nur entweder Was oder Was, das wei├č ich eben nicht. Nat├╝rlich habe ich schon diverse M├Âglichkeiten im Kopf durchgespielt. Ich k├Ânnte Schauspielerin werden (Vatern hat immer gefragt, wie ich es schaffe zu l├╝gen ohne rot zu werden), oder Profireiterin (ich hatte doch mit 12 ein Pflegepferd), dann w├Ąr da noch S├Ąngerin (ich habe ja schon immer gern unter der Dusche gesummt)oder Konzertveranstalterin (schlie├člich habe ich immer die Sylvesterpartys organisiert), oder Masseuse (da hab ich ja so ein Talent sagen die Eltern) oder G├Ąrtnerin (meine Topfpflanzen gedeihen wie Unkraut), oder Restaurateurin (ich mag alte M├Âbel und bin Handwerklich geschickt), ich k├Ânnte mit meiner Kommunikationsst├Ąrke selbstverst├Ąndlich auch Unternehmensberaterin werden, oder Animateurin an einem sonnigen Ort dieser Welt. Was w├Ąre wenn ich Tierpflegerin w├╝rde? Stelle ich mich mir auch ganz spannend vor. Eine Woche.

Ich bin resigniert. Mein Gott ich ÔÇ×k├ÂnnteÔÇť alles machen. Nur was, will ich machen. Die guten Tips meiner Umwelt, kann ich mir an die rechte Pobacke schmieren. Geh in dich, entdecke dich selbst, aus der Ruhe kommt die Kraft, denk nicht, mache. Oder ein ebenfalls sehr beliebter Ratschlag, nimm dir eine Auszeit und denk in Ruhe dr├╝ber nach.

Wenn ich diesen R├Ątschl├Ągern dann sage, da├č ich inzwischen sechs Wochen krank geschrieben bin, aber immer noch keine Eingebung hatte, dann bekomme ich zur Antwort:
Dann brauchst du eben noch etwas l├Ąnger. Es l├Ą├čt sich so etwas, ja auch nicht ├╝bers Knie brechen.

Brechen, da f├Ąllt mir ein, da├č ich eigentlich auch Sozial ganz engagiert bin. Ich k├Ânnte auch eine Selbsthilfegruppe f├╝r Bulimie kranke Kinder er├Âffnen. Oder Psychologie studieren, na das geht ja leider ohne Abi nicht. Aber da h├Ątte ich ja schon riesen Lust zu. Psychologie studieren. Psychologie studieren. Dann h├Ątte ich vielleicht bald einen Doktor Titel und w├Ąre ber├╝hmt. Ich w├╝rde nur abgefahren Menschen kennenlernen, wie Dustin Hoffmann in Rain man oder Jack Nicholson, in Besser gehts nicht. Eine grandiose Idee, w├Ąre da nicht das Problem mit dem Abi. Jetzt noch mal drei Jahre die Schulbank dr├╝cken, w├Ąre unzumutbar. Au├čerdem m├╝├čte ich mir dann ja auch einen Job suchen, weil ich sonst die Miete der Wohnung, in der ich dann wieder Algebra pauken w├╝rde, nicht bezahlen k├Ânnte. Heinz R├╝hmann und der Hauptmann von K├Âppenik schie├čt mir durch den Kopf. Ohne Pass, keine Wohnung, ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit kein Geld... Ich seh mich schon als Penner, auf einem Karst├Ądter Luftabzug.

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

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Planlos?

Hallo Naciye,
dein Werk ist aufheiternd und beklemmend zugleich.
Als ich kurz vor meinem Abitur stand, hatte ich ├Ąhnliche gedanken und Gef├╝hle, wie du sie beschreibst. Da, kam mir immer wieder mein eigenes Tun in den Sinn: Ich hatte auch so allerlei bew├Ąltigt. (Theater, "Forschungsausfl├╝ge" in die nahe liegenden D├Ârfern, Folklore im Museum, Literatur -Abende, Schulzeitung...)
Ich merkte, ohne viel zu planen und ohne arg nachdenken zu m├╝ssen, dass mein eigenes Tun mein eigener Richtschnur wurde. Alles, was ich tat, hatte den Grund, dass ich neugierig auf mich selbst und auf meine Umgebung war. Hungrig aufs Begreifen.
Vielleicht deshalb, finde ich immer wieder Kraft und Elan, obwohl ich einen Beruf aus├╝be, der vordergr├╝ndig von meinen Interessen stark abweicht.
Mich und mein eigenes Tun kann ich in vielen Bereichen des Berufslebens einsetzen. Es hat sich ein sehr angenehmer Zustand bei mir eingefunden: Ich k├Ânnte jeder Zeit und ├╝berall auf der Welt vom "Null" ja gar vom "Unter Null" neu beginnen.
All die klugen und dummen Vorschl├Ąge wirst du richtig einordnen k├Ânnen, wenn du sp├╝rst, wie sch├Ân das Leben ist. dann, ist es kein Problem mit der Miete, mit dem lebensunterhalt, mit Ruhm...
Es wird doch oft von einer "Lebensbejahende" Haltung gesprochen. Dieses "Ja" ist f├╝r mich ein sehr heiters "Ja".
Bin am Leben und bereit es aufzunehmen mit allen Schmerzen und Freuden...
Hey, kauf dir ein paar Blumen und Orangen.
Sei gegr├╝├čt.
__________________
klara

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Naciye
???
Registriert: Jul 2001

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blumen

Danke f├╝r die netten Zeilen, die mir folgende Einsicht brachten. Ich k├Ânnte etwas machen (jobtechnisch) und meine Talente dort dann unterbringen. (Stelle mir gerade vor wie das wohl aussieht, ein Pferd, nebst Massage├Âl, den gesammelten Werken von Freud, Jung und Adler und ich verkaufe Br├Âtchen, weil ich B├Ąckerin geworden bin ;-))

Nein Du hast recht, das Leben ist so leicht, aber eben nicht immer. Heiter sein„ sch├Ân und gut, aber wie kann ich heiter sein, wenn ich mich zu einer Arbeit qu├Ąle, von der ich ja nicht wei├č, ob sie die ist, die ich machen will.

Ein Kreislauf, ein Karusell das sich immer schneller dreht, weil ich mich immer mehr auf den Gedanken versteife.

Sollte jetzt "loslassen" - "abspringen"...


Blumen geh ich mir jetzt wirklich kaufen...

Warum Orangen? Haben die eine erleuchtende Wirkung?

es gr├╝├čt Naciye

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klara
Hobbydichter
Registriert: Aug 2001

Werke: 11
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Naciye, Naciye...
Das Bild von der Br├Âtchen verkaufenden B├Ąckerin, nebst mit einem Pferd, Massage├Âl und B├╝cher von Bandura, Jung, Schenk-Danzinger,...gef├Ąllt mir. Die Szene k├Ânnte man ewig weiter entwickeln lassen.
Na ja,
"sich zur Arbeit zu quelen" ist bestimmt nicht das, was ich dir w├╝nschen w├╝rde. Aber, es anzunehmen als "vor├╝bergehende Notwendigkeit" hilft vielleicht. Es darf nat├╝rlich nicht ohne jegliche Entwicklung "vor├╝ber" gehen. Die Zeit f├╝r sich arbeiten zu lassen, gelingt, wenn man (frau)tats├Ąchlich Erfahrungen(Werte) sammelt, das eigene Aktiva ├╝berpr├╝ft, anstatt die Dinge als Gut/ Schlecht einordnet.
Nehmen wir an, du kommst doch zu einem Beruf (T├Ątigkeit,... was auch immer), der dich erf├╝llt und du kannst diesen gl├Ąnzender, reichhaltiger, sinnvoller gestallten, weil du eben auch andere Dinge in Erfahrung gebracht hast...
Ist das Nichts?
Blumen sind gut. Orangen? Auch gut. Warum nicht?
Liebe Gr├╝├če.
__________________
klara

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