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Leselupe.de > Humor und Satire
q.e.d.
Eingestellt am 01. 09. 2005 20:23


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petrasmiles
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Vom Gro├čen und Ganzen ÔÇô oder: das Technokraten-Roulette

Ein Heer von gut ausgebildeten Managern wird Tag f├╝r Tag
losgeschickt, die Effizienz zu steigern. Sie schneiden
zurecht, schrauben runter, k├╝rzen hier, outsourcen da,
und alles zum Wohle des shareholder value.
National├Âkonomien gibt es nicht mehr ÔÇô im Lehrbuch.

Der Manager hat mit der Produktion nichts mehr zu tun.
Er beaufsichtigt lediglich die Umsetzung von Kennzahlen.
Er darf sich gl├╝cklich sch├Ątzen, dass er nicht mehr
produzieren muss. Er wurde als geeignet erachtet, soviel
vom Gro├čen und Ganzen zu verstehen, dass er steuern darf.
Er wei├č zwar nicht soviel vom Gro├čen und Ganzen, dass er
es wirklich durchschaut, aber die Stimme ├╝ber ihm f├Ąllt in
sein Ohr, und so wei├č er immerhin mehr, als die, die er
steuert.
Und zur Not, wenn der Unmut von unten nicht verstummen
will, kann er, Chef I, immer noch das Zauberwort ÔÇÜGlobalisierungÔÇÖ
aussprechen, und dem kann keiner mehr etwas entgegen halten.

Sein Chef, Chef II, wei├č noch mehr vom Gro├čen und Ganzen,
aber nicht mehr soviel von der Produktion. Aber das ist auch gut so.
Wie sollte er nachts ruhig schlafen, wenn er so genau
w├╝sste, welche Konsequenzen seine Messzahlen f├╝r die
Produktion und die produzierenden Menschen h├Ątten.
Dieser Chef wei├č noch nicht genug ├╝ber das Gro├če und
Ganze, und darum muss er sich regelm├Ą├čig mit vielen seiner
Art treffen, um zu versuchen, herauszufinden, ob die
anderen mehr wissen; dabei gibt er sich den Anschein, als
w├╝sste er selbst sehr viel.
Er ist sich der Verletzlichkeit seiner Position bewusst,
man braucht ihn nicht, um die Produktion zu steuern, das
k├Ânnte er auch gar nicht mehr. Es ist also
├╝berlebenswichtig f├╝r ihn, dass er viele Freunde im
Unternehmen hat, die er unerm├╝dlich von seiner
Unersetzbarkeit zu ├╝berzeugen versucht. Da alle Chef II
dieses Bed├╝rfnis teilen, geht es hier sehr lebhaft zu.
Chef II macht also Politik.

Dabei m├╝sste er sich gar keine Sorgen machen. Denn f├╝r
eine Person ist Chef II in der Tat unersetzbar, und dass
ist Chef III. Der wei├č nun wirklich viel vom Gro├čen und
Ganzen ÔÇô so, wie es sein sollte, so wie es n├╝tzlich ist,
wie es ihm, der Firma, der Wirtschaft und damit der ganzen
Welt zu Gute kommt.
Manchmal ist er ganz besoffen von der d├╝nnen Luft der
Macht, die er manchmal atmen darf. Denn er bekommt seine
Anweisungen von ganz oben. Nur eine d├╝nne Membran trennt
ihn vom Zentrum der Macht. Freudig begr├╝├čt er jede strate-
gische Order im hohen Bewusstsein, der gro├če ├ťbersetzer
des Unternehmenswillens zu sein. Und daf├╝r braucht er
Chef II, der diesen Willen verk├╝ndet, der wiederum Chef I
braucht, damit dieser die operative Ebene instruiert.

Chef IV schaut auf sie alle hinab wie auf seine Kinder,
die er mit seiner Vision auf den rechten Weg zu schicken
wei├č. Er bestimmt das Ziel, gibt die Losung des Tages aus.
Und weil er damals als Chef II so gut taktieren gelernt
hat, und viele Freunde gewann ÔÇô Feinde hat er keine mehr,
daf├╝r hat er gesorgt ÔÇô ist er nicht nur Chef IV, sondern
auch primus inter pares unter den Chef V. Die sind nun
eigentlich gar keine Chefs mehr, weil sie nur noch lenken.
Sie sitzen auch nicht exklusiv dem Unternehmen von Chef IV
vor, sondern reisen den lieben langen Tag von Sitzung zu
Sitzung, Unternehmen zu Unternehmen, Aussch├╝sse,
Konferenzen, Tagungen, sie wissen einfach alles vom Gro├čen
und Ganzen, so, wie sie es haben wollen.

Und weil sie soviel arbeiten m├╝ssen, und im Grunde mehrere
Jobs haben, die ihnen auch niemand abnehmen kann, m├╝ssen
sie auch soviel verdienen.
Und au├čerdem ÔÇô sie tragen ja die Verantwortung.
Au├čer, wenn etwas passiert: Umsatzr├╝ckgang, Flops,
Rohertrag br├Âckelt, Rendite aus Investitionen brechen ein.
Dann sind sie von Chef IV falsch informiert worden; und
Chef IV nimmt f├╝r sich in Anspruch, einerseits von Chef
III nicht die richtigen Zahlen bekommen zu haben, und
andererseits, dass seine Anweisungen nicht richtig
├╝bersetzt worden sind.

Chef III klagt ebenfalls, falsch informiert worden zu sein
und wirft Chef II vor, nicht alle seine Chefs I korrekt
instruiert zu haben.

Chef I hat nun keine andere Wahl, ob er nun gemogelt hat
und falsche Zahlen nach oben geliefert hat oder nicht, er
muss die Kuh vom Eis holen. Mit Zuckerbrot und Peitsche
erh├Âht er die Produktivit├Ąt bei gleichzeitigem Einfrieren
des ├ťberstundenbudgets; da werden schon einmal Kollegen
unter Druck gesetzt, Urlaub verstreichen zu lassen, ihre
Anwesenheit nicht erfassen zu lassen, oder sie werden zu
Hause angerufen, wenn sie krank sind. Die zwei
gestrichenen Stellen werden vom Rest des Teams mit
performed. Wir haben ja hohe Arbeitslosigkeit.

Meist gelingt es Chef I recht schnell und immer wieder,
die Segel in den Wind zu drehen.
Wenn nicht; dann muss dramatisch gespart werden. Chef IV
ist sich mit Chef V einig: Das muss Konsequenzen haben!
Chef III wird der Bonus halbiert, Chef II bekommen keinen
Dienstwagen mehr und die H├Ąlfte der Chef I werden wieder
zu Produzenten. Die Mitarbeiter der am wenigsten
profitablen Produktlinie werden - nein, nicht entlassen,
mit Mann und Maus verkauft.

Aber meistens passiert nichts. Ich meine, das w├Ąre ja auch
sch├Ân dumm, dabei erwischt zu werden, wie man die Regeln
bricht, wenn man sie selbst macht, oder Ziele nicht zu
erreichen, die man selbst definiert hat.
Und ├╝berhaupt. Niemals w├╝rde ein Chef V Chef IV
vorschlagen, Chef III solle Chef II davon in Kenntnis
setzen, dass Chef I Mitarbeiter Produzent zu Hause anrufen
solle, wenn der sich schon die zweite Woche krank gemeldet
hat. Das w├Ąre ja sehr menschenunfreundlich, anst├Â├čig,
illegal. Und schlecht f├╝rs Image. Er ist ja in exponierter
Stellung, da muss man schon aufpassen, wobei man sich
erwischen l├Ąsst.

Nein, Chef V erz├Ąhlt Chef IV, wenn der dies nicht schon
l├Ąngst wei├č oder zumindest ahnte, dass Schwester-
unternehmen X bei Produkt oder Dienstleistung Y mehr
Gewinn macht. Chef IV sagt dann zu Chef III, wir m├╝ssen
mehr Gewinn machen. Chef III muss dann alle Fakten
sammeln, analysieren und die Stelle in der Gleichung
finden, an der er drehen muss, damit hinten der h├Âhere
Gewinn rauskommt. Dann ruft er seine Chefs II zusammen und
verk├╝ndet: Wir m├╝ssen weniger Arbeit in die gleiche Menge
Umsatz investieren. Chef II nimmt dann seine Zahlen mit
und erkl├Ąrt Chef I, bei Produkt a muss Team b c % Arbeit
einsparen. Und Chef I ruft dann den kranken Kollegen zu
Hause an, oder verweigert die Bezahlung von ├ťberstunden
bei gleichzeitiger inoffizieller Anordnung oder nicht
ablehnbarer Bitte ÔÇô (wir erinnern uns, es herrscht hohe
Arbeitslosigkeit) ÔÇô bis morgen um 7 jenes Ergebnis/dieses
Produkt fertiggestellt zu haben.

Manche Chefs I, besonders die, die selbst gern produziert
haben, kommen auf die Idee, tats├Ąchlich weniger Arbeit in
die Produkte oder Dienstleistungen zu stecken. Was wei├č
denn schon der Kunde, was alles dazu geh├Ârt?! Dort ein
Detail weglassen, hier die Doku sparen, da nur drei mal
statt vier mal lackieren, und schon stimmt die Gleichung.
Andere Chef I erfinden Ausweichkonten, buchen Äpfel unter
Birnen ÔÇô oder ordern Externe; die tauchen in der Gleichung
n├Ąmlich nicht auf. Bis jetzt noch nicht.

Chef II sammelt die kreativsten Ideen, die er Chef III
stolz verk├╝ndet als zuk├╝nftige Einsparpotenziale, die
wiederum Chef III auf Herzen und Nieren pr├╝ft. Die besten
meldet er an Chef IV, der immer wieder gerne Chefs V mit
seinem Einfallsreichtum beeindruckt.

Nach einer besonders gelungenen Aktion bewilligt das Chef
V Konsortium sich eine h├Âhere Unternehmensbeteiligung und
Chef IV eine h├Âhere Tantieme. Chef IV hebt die Geh├Ąlter
von Chef III an, der seinerseits den Bonus f├╝r Chef II
erh├Âht, der Chef I auf eine besonders attraktive
Fachkonferenz schickt.

Und die Produzenten bekommen ein Betriebsfest, eine Stunde
vor Betriebsschluss beginnend, auf dem sie sich so richtig
satt essen k├Ânnen und Chef IV seine neueste Vision
auftischt.
Wohl bekomms.

__________________
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Marius Speermann
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Humor/Satire?

Mir pers├Ânlich scheint es weder satirisch noch humorvoll zu sein. Der Text ist mir ein bisserl zu technokratisch. Irgendwie lutschen sich f├╝r mich die unz├Ąhligen Erw├Ąhnungen der Chefs I-V zu sehr ab. Bei jedem Absatz hoffte ich "aber jetzt kommt was, jetzt kommt die Pointe" - und es kam nichts.

Kann man das eventuell etwas eindampfen?

Marius

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petrasmiles
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Profil

Hallo Marius!

Vielen Dank f├╝r Deine Meinungs├Ąu├čerung und die Beachtung meines Textes.
Ja, das ist keine 'Geschichte', sondern einer Karikatur ├Ąhnlich, die durch ├ťbertreibung und Reduzierung auf wesentliche Merkmale von diesem Durchdeklinieren der Hierarchien lebt. Ich glaube nicht, dass Du durch 'Eindampfen' eine 'Pointe' finden w├╝rdest. Damit f├╝hrt Deine Kritik nicht dazu, den Text zu verbessern; wenn ich diese Stilelemente weglasse, ist es ein anderer Text. Klingt mir ein bisschen wie nach einer Operation, die den Patienten heilt und t├Âtet ;-) Ist mir zu radikal.
Vielen Dank nochmals!
Gru├č
Petra

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