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Leselupe.de > Kurzgeschichten
rosa - schwarz; ein leben ohne euch, unvorstellbar
Eingestellt am 26. 07. 2003 11:13


Autor
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SchriftstellerRT
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Apr 2003

Werke: 14
Kommentare: 3
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"Geblieben ist die Gleichg├╝ltigkeit.
Die schlimmste aller Naturkatastrophen.
Ich habe doch nur getr├Ąumt - getr├Ąumt von der Hoffnung - der Liebe - dem
Gl├╝ck in seiner Einfachheit.. .
Lass mich die Zeit noch einmal zur├╝ckdrehen..bin nicht geboren.. .
Die wenigen Erinnerungen die ich noch an diesen Tag habe, sto├če ich mit
jedem Ausatmen weit fort von mir.
Gerade noch rechzeitig habe ich erkannt, dass ihr nicht mehr wert seit
wie diese letzte Zigarette auf meinem Weg in ein neues Leben - mein neues
Leben.
Habe euch viel zu lange schon mit all meinem Verlangen nach N├Ąhe,
Geborgenheit und Anerkennung in mir aufgesogen.
F├╝r diesen kurzen Augenblick in dem ihr mir "Aufmerksamkeit" geschenkt,
Erl├Âsung all meiner k├Ârperlichen und seelischen Qualen gesp├╝rt.
Eure Gewaltt├Ątigkeit.
Eure Gleichg├╝ltigkeit.
Dieser schleichende Tod, der ganz langsam aber mit klarem Ziel vor Augen,
in meiner Kindheit schon Besitz von meinem K├Ârper ergriffen hat.

Anzeichen das der Kontakt mit den Inhaltsstoffen dessen, was ihr "Familie
nanntet Gift f├╝r mein unreifes Ich waren gab es genug.
Mindestens so viele wie gelebte Kindertage - gestorbene Kindertr├Ąume.

Laufe orientierungslos durch mein Leben - bin auf der Suche nach der
nicht vorhandenen Zukunft.
Berge von schmutziger W├Ąsche und der strenge Geruch, von seit Tagen nicht
mehr gesp├╝ltem Geschirr, vermischen sich mit dem kalten Rauch
der auch keinen Ausweg mehr findet.
Zeitzeugen meiner inneren Kapitulation - vor mir selbst.

Nur der dicke Staubbelag auf den schwarzen M├Âbeln, weckt f├╝r wenige
Augenblicke neuen Lebensmut in mir - zitternde H├Ąnde die Tr├Ąume malen.
Tr├Ąume, die ich mit all der Selbstverachtung die ich f├╝r dieses H├Ąufchen
Elend das mir ab und zu noch im Spiegel begegnet,
mit einem meiner letzten Atemz├╝ge als Vorhut in eine bessere Welt
entsende.

Sitze hier im Durcheinander meiner Gef├╝hle.
Meines so jungen Lebens.
Hunderte von Briefen an euch geschrieben.
Niemals abgeschickt.
Ausgebreitet auf dem verschmutzten Boden.

Das Tagebuch.
Wo ist das verdammte Tagebuch?
Hier muss sie doch zu finden sein, die Befreiung f├╝r meine gegei├čelte
Seele, meine k├Ârperlichen Qualen.
Aufgezeichnet auf reinem Wei├č.

Der Aschenbecher.
Wo ist der gottverdammte Aschenbecher?
"Schau nur wie, sie mich ansieht die rote tot bringende Glut.
Als wollte sie mir sagen: "Lehn dich zur├╝ck.
Komm wir lassen uns fallen.
Mit jedem deiner letzten Atemz├╝ge, verschlinge ich das Papier das mich
umh├╝llt.
Mach dir also keine Sorgen, was ich in die Hand nehme kennt kein Morgen..
Vater.
Mutter.
Ich bin euer Sohn.
Euer Fleisch und Blut.
Aufgewachsen in einem Eisenbahner - Viertel, irgendwo in Stuttgart.
Wall aus rotem Backstein.
Un├╝berwindbar f├╝r meine kleinen Kinderh├Ąnde.
Flehendes Schreien das von der geh├Ârlosen Ignoranz hinter dem Wall
fortgesto├čen wird.
Aufgewachsen..?!
Was konnte jemals in mir wachsen..?
Erkenntnis?
Das Leben - mein Leben, ist kein Wunschkonzert.. .
Der Keimling im Schoss von Mutter Erde, h├Ątte nicht viel zum Leben -
├ťberleben gebraucht.

W├╝nsche.
Tr├Ąume.
Hoffnung.
Kindheit.
Alles das, wurde schon im Ansatz von euch zerschlagen - geschlagen -
getreten.

Was konnte in mir wachsen..?
Meer von Tr├Ąnen.
Neid.
Missgunst.
Hass.
Auf all die gl├╝cklichen Kinder, die ich lachend und spielend ├╝ber gr├╝ne
Wiesen rennen sah.
Ausgebreitete Arme die sie hingebungsvoll erwarteten und in die sie sich
voll des Gl├╝cks "fallen lassen" konnten.

Was konnte jemals in mir wachsen..?
Nichts!
Da war kein Licht.
Keine W├Ąrme.
Keine Geborgenheit, in der dieses junge Leben gesch├╝tzt heranwachsen
konnte.
Keine Liebe, die diese zarten Wurzeln n├Ąhrt.

Gewachsen bin ich.
Cm um cm.
Das wenigstens konntet ihr nicht verhindern.. .

Bin in der Nacht erwacht, wieder einmal.
Kalter Schwei├č bedeckt meinen K├Ârper.
Friere.
Mir ist bitterkalt.
Kann meine Augenlider kaum ├Âffnen.
Habe im Schlaf um dich geweint, wieder einmal.
Tr├Ąnen die dem Tageslicht verschlossen.
Die Fenster beschlagen von meinem warmen Atem.
Habe ich nach dir gerufen?
Nach dir geschrieen, wieder einmal?
Vater,
will leben.
Nicht nur existieren.
Leben wie ich es noch nie gekannt.
Mit allen H├Âhen und Tiefen, nur ohne dich.
Vater.
Was ist nur aus dem kleinen hageren Jungen geworden, der egal wie
schlecht das Wetter auch war tief im Wald die unzug├Ąnglichen T├╝mpel
aufsuchte.
In einer Plastikt├╝te die heimlich entwendeten Einweckgl├Ąser, die beim
Transport in die friedliche Welt des kleinen Tierforschers so manchen
Sprung erhielten.
Mit gro├čen Augen habe ich das Leben, das in diesen kleinen stillen
Wasserl├Âchern scheinbar stillzustehen stand studiert.
Der Laich der Fr├Âsche - diese klibbrig durchsichtige Masse und ihre
unz├Ąhligen kleinen schwarze Punkte inmitten, schien oft den ganzen T├╝mpel
zu bedecken.
Kaum vorstellbar, auch ich war einmal ein solch kleiner Punkt im Schutz
von Mutters Bauch - wollte dein Gl├╝ck, der Sinn deines Lebens sein,
Mutter.
Wage kaum zu atmen, in dieser mir sonst so unbekannten und grenzenlosen
Stille.
Mit wachen Auge konnte ich sie sehen, die kleinen Luftblasen die langsam
zur Wasseroberfl├Ąche steigen - ein sicheres Anzeichen f├╝r Molche.
Mit blo├čen H├Ąnden habe ich euch gefangen - ihr hattet eine faire Chance..
.
Bergmolch, Kammmolch ich habe sie alle mit geschickter und schneller Hand
aus dem tr├╝ben Wasser gefischt, Vater.
In die Einweckgl├Ąser gepackt und an die Zoohandlungen in unserer Umgebung
verkauft - Geld f├╝r meine erste Forschungsreise.

Vater.
Tierforscher wollte ich einmal werden.
Die Welt bereisen und alles schon entdeckte und auch noch unendeckte, neu
entdecken.
Den Menschen diese faszinierende Welt, in all seiner Einfachheit und doch
so komplex und durchdacht nahe bringen.
Wusstest du um diesen meinen Kindertraum?
Du hast meinen geliebten Stallhasen schlachten lassen und uns zum Essen
auf den Tisch gestellt - wusstest also doch um meinen Traum.
Vorsichtig nehme ich etwas von dem Froschlaich aus dem T├╝mpel und f├╝lle
ihn in eines der Einweckgl├Ąser - muss l├Ącheln,
wenn Mutter das jetzt sehen w├╝rde..ja, Mutter.. mein L├Ącheln wandelt sich
mit der Geschwindigkeit, mit der ich sonst mit schneller und sicherer Hand
die Molche aus dem Wasser fische zum entt├Ąuschten Blick.
Mutter, du w├╝rdest dieses f├╝r dich so unbedeutende Leben sofort in der
Toilette entsorgen.
Links und rechts, dann mitten in mein Gesicht - gerechte Strafe f├╝r drei
nicht mehr zugebrauchende Einweckgl├Ąser.
Werde mich also sputen m├╝ssen, um vor dir zuhause zu sein.

Vater.
Was ist aus dem kleinen Tierforscher geworden, dem in den Sommerferien
alle Schul - Tiere anvertraut wurden.
Herr Barth, der Biologielehrer vertraute nur mir - was war ich stolz auf
mich.
Hast du eigentlich jemals wahrgenommen, wie fasziniert ich vor dem
selbstgebauten Terrarium die mir anvertrauten Tiere beobachtet habe?
Nein, du nicht.
Deine tr├╝ben Augen bewegen sich nur, wenn du das Gift suchst das deine
Sucht stillt.
Mutter hat es sofort bemerkt, wenn ich aus allen Zeitungen die ich
bekommen konnte dieTierbilder ausgeschnitten und dann in die Schulhefte
geklebt habe.
Links und rechts, dann mitten ins Gesicht.."du verkommener Kr├╝ppel, werde
dich lehren unser Geld sinnlos zum Fenster hinauszuschmei├čen.
Beginne zu zittern.
Der kalte Schwei├č auf meinem K├Ârper scheint sich in Eiskristalle zu
verwandeln.
Will nicht mehr nach dir rufen, Vater.
Meine Tr├Ąnen sollen der Wahrheit ins Auge blicken.
Frage dich heute,
warum habe ich kein einziges Gef├╝hl empfunden, als ich an deinem
Sterbebett von dir Abschied nahm?
Warum habe ich ├╝berhaupt Abschied genommen?
Wir waren uns doch nie nahe.
Warum bin ich ├╝berhaupt gekommen?
Waren es diese drei Worte, die ich nur einmal aus deinem Munde h├Âren
wollte - vielleicht heute.
Vater.
Da liegst du nun, ein Schatten deiner selbst.
Zu schwach zum Sprechen?
Zu schwach die Augen zu ├Âffnen?
Nichts mehr da von deiner Manneskraft.
Nichts sagen, nichts h├Âren, nichts sehen - auch so kann man sterben,
Vater.

Was wollte ich ausgerechnet heute von dir?
Was erhoffte ich mir ausgerechnet heute von einem Wiedersehen?
Gewissheit?
Gewissheit, dass dieser unglaublich brutale Mensch, der mir so viel
k├Ârperliche und seelische Wunden zugef├╝gt hat
auch wirklich in K├╝rze in der H├Âlle schmoren wird?!

Im Augenblick des Abschiednehmens,
dein nahendes Ende vor meinen Augen,
wusste ich es wird eine h├Âhere Instanz geben vor der du dich f├╝r dein
unmenschliches Tun wirst verantworten m├╝ssen.

Habe mir diesen Augenblick meines ganzes Leben herbeigesehnt?
Bin nicht mehr Sohn, nicht mehr f├╝hlender Mensch.
Bin nicht die so oft herbeigesehnte Gleichg├╝ltigkeit.
Bin die zerst├Ârte Kindheit, bin die Gewalt, die lange Zeit unberechenbar
in mir lebte.
Bin die Aggression, die Wut und der Hass - bin euer Spiegelbild.

Vater.
Der Weg zu mir selbst war weit.
Und doch, ich bin Mensch geworden, habe ein letztes Mal zugeschlagen -
das Spiegelbild zerst├Ârt.
Mein Weg aus eurer Dunkelheit, ein Weg voller Dem├╝tigungen.
Fortlaufen. Nicht zuschlagen.
Worte ersetzen mein Faustrecht.
Jetzt war ich in deinen Augen ein endg├╝ltiger Versager.
Vater, jetzt endlich war ich frei.

Dienstagabend.
Abendbrot.
Das Telefon klingelt.
..Mutter,
jetzt wird sie mir mit weinender Stimme mitteilen,
"dein Vater ist soeben nach einem letzten qualvollen Aufb├Ąumen
verstorben.
F├╝hle nichts.
Keine einzige Tr├Ąne bist du mir wert.
Stille in mir.
Selbst als ich noch einmal ins Krankenhaus fahre - der Gewissheit wegen.
Zwei Stockwerke.
Ein langer Flur, und am Ende des Ganges wartest du auf mich.
Vater.
Warum haben sie dir ein Kissen auf dein Gesicht gelegt?
War Mutter vor mir da?
Wollte sie Gewissheit?
Konnte sie deine abgrundtiefe Boshaftigkeit doch nicht vergessen?
Deine menschenverachtende Brutalit├Ąt gegen die Familie?

Deine H├Ąnde zum Gebet gefaltet.
Vater.
Nichts ist vergeben und vergessen.

Ber├╝hre deine H├Ąnde.
Lege das Kissen auf die Seite.
Drehe mich um, und gehe.
Vater, du warst mein Held, warum hast du mich nicht gerettet?

Sohn.
Konntest du nicht ohne diese Gewissheit weiterleben?
Ist dies, deine Art von Selbstjustiz?
"├ťber Tote soll man nicht schlecht sprechen, Vater.
Deinen Kindern hast du mit dem Tag der Geburt, jedes Recht auf Leben
abgesprochen, Vater.

Nie vergessene Qualen.. .
Wie oft wurde ich von diesem meinem liebenden Vater brutal
zusammengeschlagen, nur weil ich beim Fu├čballspiel im Verein kein Tor
geschossen habe!
Der G├╝rtel aus hartem Leder, nicht genug.
Nein!
Die Metallschnalle des G├╝rtels hat mich gelehrt, das n├Ąchste Mal
schneller ├╝ber den Platz zu laufen.
Qualen.
Mehr blaue Flecken am K├Ârper, wie Haare auf dem Kopf.
Zertr├╝mmerte Knochen.
Qualen.
Mutter, konntst du jemals vergessen wie wir dich im Bauernschrank
versteckt und eingeschlossen haben - wieder einmal.
Wir soweit es ging, unter die Betten - wieder einmal.
Er hat die T├╝re einfach eingetreten - wieder einmal.
Da stand er mit schwingendem S├Ąbel - wollte uns alle k├Âpfen - wieder
einmal.
Haben geschrieen, gefleht, geweint um dein Leben, unser Leben.
Qualen.
Kleiner Junge der sich nachts nicht zum Pinkeln traut, weil er Angst hat
dem Vater zu begegnen.
Zum Gl├╝ck gibt es den alten Kohleofen in unserem Kinderzimmer.
Der kleine Junge, das war ich, Mutter.

Du schwache unf├Ąhige Frau.
Was willst du heute von mir?
Mein Mitleid?
Mein Mitgef├╝hl?
Mein Verst├Ąndnis f├╝r deine Unf├Ąhigkeit, deine Kinder vor diesem, deinem
Mann zu sch├╝tzen?
Meine Vergebung?
Gott kann dir vergeben - ich bin nur Mensch.
Mutter,
beweinst einen Menschen der solange er seine H├Ąnde erheben konnte, seine
Beine bewegen, dich geschlagen und getreten hat.
Du bist nicht minder Schuld an den Schmerzen die ich ertragen musste.
Hast zugesehen!
Nein!
Viel schlimmer!
Du hast weggesehen.
Um ihn nicht zu verlieren, hast du mich geopfert.
Damit er sieht das du ihn liebst, hast du mich ebenfalls geschlagen.
Du bist genauso Schuld an den Narben die meine Arme und meinen Kopf
zieren.
Mit einer Rasierklinge habe ich mich daf├╝r bestraft allen Mut
zusammengenommen zu haben und zu deinem Schutz die Hand gegen den
schlagenden Vater erhoben.
Ich habe ihn fast get├Âtet.
Warum habe ich ihn nicht get├Âtet?
Jeder h├Ątte Verst├Ąndnis daf├╝r gehabt.
Unsere Erl├Âsung lag in meinen H├Ąnden.
"Weil ich dann nicht besser bin, wie er! Ich dich nur sch├╝tzen wollte,
Mutter.
Weil ich ein Feigling bin? Warum habe ich euch nicht schon viel fr├╝her
vor diesem Monster besch├╝tzt!
Nein! Weil ich die Schuld f├╝r seine Gewalt bei mir suchte - was mache ich
nur falsch?
Vater.
Ich f├╝hlte mich frei und stark in diesem Augenblick, und zum ersten Mal
in meinem Leben habe ich Angst in deinen Augen erkannt.
Wusstest du um deinen bevorstehenden Tod?
Schlage zu - immer wieder. Dein Blut, ├╝berall.
H├Ąnde die vor kurzem noch heimlich Tierbilder in Schulhefte geklebt,
nehmen dir jetzt die Luft zum Atmen.
Alle meine zerst├Ârten Kindertr├Ąume, die nicht mehr z├Ąhlbaren Striemen von
nicht mehr z├Ąhlbaren G├╝rteln die meinen unschuldigen K├Ârper gez├╝chtigt
haben.
F├╝r die Tage und N├Ąchte unter Betten. F├╝r die Schande der du uns
ausgesetzt hast. F├╝r meinen geliebten Stallhasen.
Vater. Die Rache ist mein!
Lasse von dir ab - ich bin nur ein Mensch - ein Kind - ich will eine
Zukunft.

..Ich war gerade einmal 14 Jahre alt.
Was seit ihr f├╝r Menschen, die ihr euer eigen Fleisch und Blut so
misshandelt.
Mussten nicht alle Spiegel auf der Stelle zerspringen in denen solche
Ungeheuer ihre Unschuld zu finden hofften?
Vater.
Heute besuche ich zum ersten Mal die gro├če Wiese unter der du irgendwo
anonym begraben liegst.
Ja, Mutter hat mir bis heute nicht verziehen, dass ich nicht zu deiner
Beisetzung gekommen bin.
Mutter.. .
H├Ątte sie uns, ihre Kinder wirklich geliebt sie h├Ątte es nie zugelassen,
dass du dich so davonstehlen konntest.
Sie hat uns allen die M├Âglichkeit genommen einen Ort aufzusuchen an dem
wir dich beschimpfen, verfluchen und auch um dich weinen k├Ânnen.
Kein Grab an dem ich dich zur Rede stellen kann. Muss ins Weite sprechen
und hoffen du h├Ârst mich.
Selbst im Tod diese deine Feigheit, die nicht minder schwer wiegt wie
deine Gewalttaten zu Lebzeiten gegen mich, gegen uns.
Du wolltest, dass wir dich f├╝r immer vergessen?! Dein Todestag der
Geburtstag deines Sohnes.
Wie sollen wir dich da jemals vergessen?
Ich will dich nicht vergessen!
Ich will das Gespr├Ąch mit dir. Will dich anschreien.
Was soll ich anschreien?
Das Einzige, das bleibt in unserer Verg├Ąnglichkeit - eine unverg├Ąngliche
Seele?
Du seelenloses Wesen hast deine Erl├Âsung gefunden.
Egal wo.
Egal wie.
Und ich? Was ist mit meiner Erl├Âsung, meinem Frieden?
M├Âchte auch meinen Frieden mit mir machen.
Warte Vater.
Will mich zu dir auf die Wiese setzen.
Es ist sch├Ân hier.
Alles so sauber, gepflegt, so ruhig.
Aber wo bist du?
Bist du ├╝berhaupt hier, an diesem engelsgleichen Ort?
Was wei├čt du ├╝berhaupt von deinem Sohn.
Meiner ersten Liebe. Dem ersten Liebeskummer.
War nicht f├Ąhig diese Liebe zuzulassen, Vater.
Denke oft an Claudia.
Was sie heute wohl macht?
Wei├čt du eigentlich, dass sie die erste Frau war mit der ich geschlafen
habe..ich f├╝r sie der erste Mann.. .
Nein Vater, wir waren beide noch Kinder.
Kinder die Sehnsucht nach k├Ârperlicher N├Ąhe hatten.
Sehnsucht nach Geborgenheit und W├Ąrme.
"Leg deinen Kopf auf meinen Bauch, hat sie oft zu mir gesagt.
Mir durch mein Haar gestreichelt und mit ihrer sanften Stimme sch├Âne
Worte in mein Ohr gefl├╝stert.
Ich wollte das dieses Gef├╝hl kein Ende nimmt. Wollte sie nur atmen - habe
das Leben gef├╝hlt, das durch ihren zarten K├Ârper flie├čt.
Sekunden von denen ich mir gew├╝nscht, sie w├╝rden zu Minuten, zu Stunden,
zur Ewigkeit.
Erste gro├če Liebe.. .
Dein Eisbrecher konnte die Fahrrinne zu meinem Herzen nie ganz
freihalten.
Bist irgendwann in warme Gefilde gezogen.


Vater.
Ich habe begonnen zu leben.
Sch├Ânes lebenswertes Leben.
Der Tag an dem ich diesen Ort der Gewalt f├╝r immer verlassen habe.
Die Jahre im Altenheim auf einer Pflegestation.
Alte Menschen.
Allein und abgeschoben.
Diese erwachsenen Kinder, waren keine besseren Eltern..brutal auf ihre
Weise.


Waschen. Essen eingeben. Wundversorgung.
Das durfte nicht alles sein, was ich f├╝r sie tun konnte.
Habe mir in meiner Freizeit oft einen Bewohner geschnappt und dann ab
durch B├Âblingen.
Werde nie vergessen, wie mir der alte Mann beim Waschen auf den Kopf
gepinkelt hat - mich gefragt, werde ich diese Zeit ├╝berstehen.
Ich habe die Zeit ├╝berstanden.
Viel mehr noch. Es waren Jahre, voll von innerem Gl├╝ck.
Ich habe sie beim Sterben begleitet, w├Ąhrend sich die Verwandtschaft im
Zimmer um das Erbe gestritten hat.
Ihre kn├Âchrigen H├Ąnde gehalten. Die eingefallenen Wangen gestreichelt.
Ich habe ihn wieder gesp├╝rt, diesen Hass, diese Verachtung - Gef├╝hle die
in meiner Kindheit geboren.
Diese habgierigen Wesen, keinen Respekt vor den letzten Atemz├╝gen die
noch in dir sind alter Mensch.
Ihr alten Menschen.
Ich danke euch f├╝r diese wunderbaren Jahre.
Viel zu schnell vorbei, die Zeit voller Freude und Zuneigung.
Das erste Mal hatte ich das Gef├╝hl mein Leben wird sich zum Besseren
wandeln

Vater.
Und es gab den August 1994.
Keine Angst Vater, mache dir keinen Vorwurf dass du meinen Geburtstag
vergessen hast - wieder einmal.
Nein, es war der Tag von dem ich dachte, die Welt st├╝rzt ├╝ber mir ein.
Mit einer Gewalt wie ich sie bisher noch nie erlebt habe.
Bin voller Freude auf die Familie und diesen sch├Ânen Tag, vom Nachtdienst
nach Hause gefahren.
Habe mir schon in der Stra├čenbahn in meinen m├╝den Gedanken ausgemalt, wie
wundersch├Ân dieser Tag wohl werden wird.
Ein paar Meter noch zu Fu├č, und..vermisse das freudige Bellen unseres
Hundes beim ├ľffnen des Hoftores - meine Schritte werden schneller..nein,
nur das nicht..!
Einige Stufen noch..bin pl├Âtzlich hellwach.. ├ľffne die Wohnungst├╝re.
Nein! Kein Hund der mich freudig anspringt. Kein, "beeil dich, sonst wacht
die Kleine auf.
Renne wie von Sinnen in das Kinderzimmer. Das Bett leer. ..Wahrscheinlich
schlaft ihr alle im Schlafzimmerbett - Hoffnung, und ein kleines L├Ącheln
kehrt f├╝r einen Augenblick zur├╝ck, auf mein bleiches, zuckendes Gesicht.
Gleich bin bei euch, wenige Schritte noch - nichts! Alles ausger├Ąumt. Die
geliebte Tochter fort.
Sinke weinend auf dem Bett nieder.
Sie hat ihre Worte wahr gemacht, mich zu verlassen falls ich nicht
weniger arbeite.
Vater, wollte doch nur ihr Bestes - sie sollten niemals Hunger leiden.
Meine geliebte Tochter niemals die getragenen Kleider, die andere
Menschen nicht mehr wollten auf ihrem K├Ârper sp├╝ren.
Bin wie von Sinnen - kann nicht mehr klar denken.
Durchsuche die Schr├Ąnke - alles leer.
Vater.
Du h├Ąttest alles das verdient, aber ich..?!
Warum ich?
Ein Leben voller Tiefen.
Nur wenige Lichtblicke.
Will mich bestrafen f├╝r mein Versagen, aber wie?

Habe euch zum Abschied eine Postkarte aus Strasbourg geschickt.
So sehr auf einen Anruf von euch gehofft - nichts.
Ihr seit meine Eltern - meine Familie, warum habt ihr mich nicht
gerettet?


Frankreich.
Strasbourg.
Franz├Âsische Fremdenlegion.
Diese schwere Eisent├╝re.
Zittern am ganzen K├Ârper.
Trete ein.
Wollte ich wirklich jemals hierher.
Wie verzweifelt war ich?
Endstation..!
Endlos die Zeit.
All die kaputten und hoffnungslosen Leben neben mir im Aufenthaltsraum.
Nachdenken.
Rasende Gedanken.
Verlorene Seele.
Alleingelassener Mensch.
Selbstmitleid.

Ich habe einmal den Dienst an der Waffe verweigert.
Bin nicht ohne Hoffnung.
Sp├╝re noch Leben in mir.
Nichts wie weg hier.
Die gro├če Treppe hinunter.
Leere Augenpaare die mir l├Ąchelnd folgen.
Meine Papiere geholt.
Durch die schwere T├╝re, zur├╝ck in die Zukunft.
Laufe lachend durch Strasbourg.
Trinke Kaffee und erfreue mich an der Sprache der Menschen - wieder.
Ohne dieses Leben Vater, w├╝rde es meinen ├╝beralles geliebten Sohn heute
nicht geben.
H├Ątte ich seine Mutter nie kennen und lieben gelernt.
Vielleicht hat all mein erlittener Schmerz nur diesen einen Sinn gehabt.
" In seinem Zuhause soll immer die Liebe wohnen.
Vater.
Darf dich nicht vergessen, um des Vergessen Willen.
Werde niemals verdr├Ąngen, was du mir angetan.
Verzeihen will ich dir, um meines Sohnes Zukunft Willen.. .
M├Âchte mit der Wahrheit in ein Beduinenzelt ziehen.
Loslassen lernen von euch Menschen, die ihr meine Gef├╝hle missbraucht
habt.
Das Lachen meines Kindes, f├╝r meinen Neubeginn mit mir nehmen..

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Daktari
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Registriert: Not Yet

betroffen

Hallo!
Das Werk macht betroffen, nachdenklich; wirkt aber dennoch auf mich nicht langweilig oder trocken.

Ciao
Tim

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