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Leselupe.de > Horror und Psycho
shanghai champion
Eingestellt am 15. 10. 2005 20:38


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Marcus Richter
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„Shanghai Champion“


„Andere Dichter haben ihre Harfe gestimmt, um in hohen Tönen das sanfte Auge der Gazelle zu feiern oder das holde Gefieder des Vogels in den LĂŒften; ich, von gröberer Art, besinge einen Schwanz.“
HERMAN MELVILLE, „Moby Dick"


„Siehst du das? Siehst du das?“
Der kleine Billy saß ganz oben auf den Schultern von William Miller. Ganz oben! Billy versuchte durch die Menge der dicht an dicht stehenden Zuschauer einen Blick auf die Jockeys zu erhaschen. Er reckte den Kopf, klammerte das dichte braune Haar seines Vaters.
Die Erde bebte und immer wieder rauschte dieses Donnern an ihnen vorĂŒber, wenn die zwölf gewaltigen Zossen, die ĂŒber den Parcours rasten, ganz nah an ihnen vorbeischnaubten.
Es war ein Gewitter, ein Erdbeben und ein Vulkanausbruch in einem.
„Lassen sie mich durch!“, schrie William Miller immer wieder von unten. Mit seinem Rollstuhl stieß er ungestĂŒm gegen Mauern und SĂ€ulen unbarmherziger Beinpaare.
„Lassen Sie meinen Sohn das Rennen sehen!“
„DA!“, rief Billys Vater schließlich mit ausgestrecktem Zeigefinger, als sie ganz vorn bei den alten Werbebannern standen.
„Siehst du, wie sie rennen?“
Billys Mund stand jedes Mal weit offen und er schrie vor Begeisterung, wenn die Pferde wieder nĂ€her kamen, wenn das Beben sich vom Boden bis tief in seine Brust ausbreitete, wenn er spĂŒrte, wie sein Herz mit einem mal schneller schlug, so schnell wie vierundvierzig eisenbeschlagene Hufe, die wie eine Horde von Banditen ĂŒber den Rasen jagten.

Nein, dachte Billy,
es waren Teufel.
Und sie jagten jenen Einen, der ganz vorn, mit der Peitsche auf das Tier einschlagend, nur eine PferdelÀnge vom Sieg entfernt war.



„Das ist das letzte Rennen!“, flehte William Miller und hustete und wischte sich das Blut von den Lippen. Billy stand hinter ihm und sie schauten sich nur noch durch einen Spiegel in die Augen.
„Versprich mir, Junge, dass es das letzte Rennen ist.“
„Es wird das letzte Rennen sein, wenn ich heute Nachmittag siege“, sagte Billy hastig, bevor sein Vater eine erneute schwere Atemnot erlitt und sich die zitternden, knochigen HĂ€nde vor die Lippen hielt. Mit einem einzigen schmerzhaften Hustenanfall brach er sich dunkles Blut in die HĂ€nde.
„Benutze die Peitsche nur im Notfall“, keuchte William Miller.
Er blickte Billy durch den Spiegel mit offenen gequÀlten Augen an.
Ja, dachte Billy, auch das Tier hat eine Seele. Aber alles, woran er jetzt dachte, war die Seele seines Vaters und er wĂŒrde das Tier in die Hölle prĂŒgeln, wenn es sein musste.

Das Shanghai Derby, hieß es, sei vom Teufel selbst erfunden worden, um einer Milliarde Rotchinesen den Geschmack auf die Hölle zu versĂŒĂŸen. Pferderennen war hier kein Sport, es war eine Leidenschaft, eine Passion, ein irrwitziger Wahnsinn, der tĂ€glich tausende von Menschen aus ihren HĂ€usern und hunderte Millionen Honkongdollar in die weit geöffneten Taschen der Organisatoren trieb. Allein in der Metropole der ehemaligen britischen New Territories wandern jĂ€hrlich mehr als achtzig Milliarden Hongkongdollar und damit an die zehn Milliarden Euro in die gĂ€nzlich computergesteuerten Wettschalter.
Das Geld fließt nicht mehr, es rauscht und nur nebenbei sei bemerkt, dass ein menschenverachtendes System mit den Steuereinnahmen dieses modernen Sodoms eine Mordmaschinerie am Laufen hĂ€lt, die auf Erden ihres Gleichen sucht.
Ein Donnern lag in der Luft und tief in den Eingeweiden des Happy Valley Racecours, eines atemberaubenden Kolosseums der Moderne, eingeschlossen und ĂŒberragt von schwarzen Wolkenkratzern, die das GelĂ€nde wie Riesen ĂŒberwachten, schnaubten die Tiere an den ZĂŒgeln der Jockeys und drĂ€ngten sich an ihre Seite. Billy hielt die ZĂŒgel seines Zossen kurz unter dem unruhigen Maul, das stĂ€ndig kaute und Ă€ngstlich wieherte. Die Reiter vor und hinter ihm hatten ihren Tieren schwarze SĂ€cke ĂŒber die Köpfe gezogen, einige waren bereits hier, tief unter der Erde, in die SĂ€ttel gestiegen und trabten langsam die steile Betonrampe empor. Die meisten von ihnen waren Chinesen, klein, spindeldĂŒrr und nur ihre eingekerbten, ledrigen Gesichter bewiesen, dass sie keine Kinder waren. Die schwarzen Lederstiefel reichten ihnen bis ĂŒber die Knie und ihre Trikots leuchteten in den lĂ€cherlichsten Farben, die der menschliche Verstand sich nur ausdenken konnte.
Aber das waren keine Clowns. Sie brachten niemanden zum Lachen und ihre Mundwinkel waren konzentriert und auf gewisse Weise hasserfĂŒllt nach unten gerichtet. Ihre NasenflĂŒgel waren so weit geblĂ€ht, wie die eines geschundenen VierjĂ€hrigen, der ĂŒber ein Hindernis von der GrĂ¶ĂŸe eines ausgewachsenen Mannes hinĂŒbergepeitscht wurde. Sie sprachen kein Wort, aber das war auch nicht notwendig, denn Billy hĂ€tte sie mit seinem gebrochenen Chinesisch sowieso nicht verstanden. Er schaute sich um und schaute in die von weißem Neonröhrenlicht erleuchtete Dunkelheit. Von dort unten kamen sie, wie aus der Hölle emporgestiegen.

Das klingelnde Startsignal und das fast augenblickliche Aufschießen der Starterboxen verwandelten den voll besetzten Racecours in einen Hexenkessel und versetzte zehntausende Pferdenarren von einem Augenblick zum nĂ€chsten in rauschende Ekstase. So wie die Pferde, die mit ihren Reitern sofort aus diesen Boxen herauskatapultiert kamen, so sprangen auch die Tausende von Wettbegeisterten mit Wimpeln, FĂ€hnchen und ihren Wettscheinen von ihren PlĂ€tzen auf, als wollten sie ebenfalls miteinander um dieses Rennen laufen. Man konnte sehen, wie die Mengen in den oberen Emporen schreiend mit dem Rennen wogten, jeden Sturz und jeden kleinen Sieg begeistert nachverfolgten, wie sie stöhnten, wie sie klatschten, wie sie jubelten. Billys Herz krampfte sich zusammen, als er seinen Zossen ganz dicht an der Rasenbahn vorbeifĂŒhrte und eines der Pferde kaum drei Meter von ihm entfernt zu Boden stĂŒrzte. Alle anderen Pferde trampelten einfach wie ein vorbeirasender Zug ĂŒber das zu Boden gegangene Tier hinweg! Die wogende und schreiende Menge verstummte nur einen Augenblick; Billy sah die entstellten Überreste des Jockeys, dessen Unterarm wie ein flatterndes FĂ€hnchen am Oberarm baumelte und dessen Beine ganz durch den Unterleib des Pferdes hindurchzugehen schienen. Da kamen die blutigen Stiefel aus dem RĂŒcken des Pferdes wie Strohhalme aus einem Schokoladenmilchshake heraus.
Die Menge schrie wieder und Billy fĂŒhrte seinen Zossen gesenkten Hauptes fort in Richtung Starterboxen. Dort leuchteten die Zahlen eins bis zwölf in strahlendem Weiß auf blauem Grund.

„Wenn du ihn mit der Peitsche schlĂ€gst, dann geht er durch“, sagte William Miller und reichte dem kleinen Billy die Peitsche hinauf. Billy musste sich von dem alten Gaul hinunter beugen und dabei aufpassen, dass das Tier ihm nicht durchging. Jeden Augenblick drohte es mit dem Hinterteil auszuscheren und den alten Mann in dem Rollstuhl einfach niederzutrampeln.
„Er muss die Peitsche nur sehen und er wird durchgehen wie der Teufel“, lachte William Miller. „Da, siehst du, wie seine Augen groß und rund werden?“
Und tatsĂ€chlich, das Pferd sah die Peitsche und zitterte mit einem Mal am ganzen riesigen Körper und wollte schon durchbrechen, hĂ€tte Billy die ZĂŒgel nicht mit aller Kraft zurĂŒckgerissen.
„PASS AUF, BILLY!“, schrie William Miller aus seinem Rollstuhl dem kleinen Billy lachend zu.
„Wenn du ihn jetzt schlĂ€gst, dann rast er mit dir direkt in die Hölle!“


Die Starterboxen, die zwölf engen Eisenkammern des Happy Valley Racecours, glichen zwölf weit geöffneten Schlachthöfen oder LöwenmĂ€ulern mit weißem, brĂŒchigem Lackanstrich.
Die Tiere scheuten, wieherten, als wĂŒrden sie dort hinein in eine Blutpresse gestoßen werden.
Selbst Billys Wallach, der sonst so genĂŒgsam und still seine Runden drehte, schnaubte einmal Ă€ngstlich aus, bevor er sich von Billy in diesen scheppernden Kasten hineinfĂŒhren ließ. Die ganze Boxenreihe bebte, als die anderen Tiere darin fast den Verstand und jede Selbstbeherrschung verloren.
„Ruhig“, flĂŒsterte Billy seinem Zossen zu.
In der Hand hielt Billy die Peitsche und er spĂŒrte schon, wie der Wallach das lange StĂŒck Leder argwöhnisch von vorne beĂ€ugte.
Die Peitsche sah schrecklich aus, wenn man genau darĂŒber nachdachte. Und sie schien sich einem wie eine lebendige Schlange um das Handgelenk zu winden, kurz bevor das Rennen begann. Manchmal kam sie einem vor wie der sich kringelnde und schlawenzelnde Schwanz eines Löwen.

„So machst du es richtig!“, schrie William Miller seinem Sohn zu. Der Junge ließ den Gaul mit dem FeingefĂŒhl einer Ballerina ĂŒber den Parcours jagen. Er nahm nichts zurĂŒck, gab nichts; William schloss die schon knochige Hand zur Faust und flĂŒsterte: „DAS IST ES!“
Plötzlich aber schien das Tier in vollem Lauf unruhig zu werden. Es nahm sich zurĂŒck, kam aus dem ruhigen Lauf heraus; William Miller rollte in seinem Stuhl bis zur Rennbahnmarkierung vor – der Junge nahm die Peitsche!
„Du brauchst die Peitsche nicht“, flĂŒsterte William Miller und sah, wie das Tier plötzlich in einen trommelnden Galopp verfiel, der jeder biologischen Wahrheit widersprach. Der Junge aber hieb wieder und wieder mit der Peitsche auf das Tier ein und in William Millers Hals begann es zu kratzen und er musste husten.
Der Junge peitschte das Tier um die halbe Bahn herum, bis es vor seinen Augen, mit dem Jungen auf dem RĂŒcken, ohnmĂ€chtig vor Erschöpfung wie ein totes StĂŒck hingeworfenen Fleisches zusammenbrach.
„Warum hast du das getan?“, fragte William Miller seinen Sohn, als der sich unverletzt und sich die Knie abklopfend ĂŒber dem toten Tier erhob.
„Ich wollte wissen, ob es wahr ist“, sagte der Junge.
Zwischen William Millers Lippen floss ein winziger Tropfen Blut heraus.
„Wie meinst du das, ob es wahr ist?“


Der Happy Valley Racecours lag Billy zu FĂŒĂŸen. Eine lange, grĂŒne Gerade breitete sich vor ihm aus und schien direkt in den Horizont hinein zu fĂŒhren. Nein, dass dort ein undurchdringlicher Dschungel von Stahl und Beton und ein buntes Gewimmel von gewinnsĂŒchtigen Großstadtvampiren diesen Weg in die Ewigkeit fĂŒr ihn abschnitten, das konnte Billy nicht sehen. FĂŒr ihn ging diese Gerade weiter und immer weiter geradeaus und wurde grĂŒn und immer grĂŒner, je weiter sie sich in die Tiefe dieses, seines Universums erstreckte. Es war jetzt sein Universum und fĂŒr genau fĂŒnf unendlich lange Runden, wĂŒrde es nichts anderes als seines bleiben.
Noch einmal sah Billy nach rechts, sah die Reihe, der nacheinander aufgestoßenen Reiter, die mit ihren vorgebeugten Körpern, wie ein einziger wirkten. Mal bewegte sich ein Gesicht, eine Nasenspitze aus dieser Tiefenperspektive heraus, mal ruckte eine JockeymĂŒtze in die Höhe oder da und dort eine Schulter vor. Es war alles in allem ein heilloses Durcheinander, bis alle Reiter und alle Pferde plötzlich hintereinander wie in sich selbst verschwanden. Es konnte sich nur um den Bruchteil eines Augenblicks handeln, in dem die unzĂ€hligen und so verschieden motivierten Bewegungen plötzlich in einer einzigen gipfelten. Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu so einer Überlagerung kam und dass ausgerechnet Billy sie sah, musste unendlich klein sein.
Doch was war das? Warum lÀchelten ihm diese elf in einer Person vereinigten Reiter plötzlich zu? Warum winkten sie ihm? Oder waren es, da alle ihre Bewegungen aus seiner Perspektive wie die eines einzigen waren, nun auch nur ein einziger? Wer war das, der sich ihm in diesem Augenblick zeigte? Denn es war nicht mehr als ein Augenblick, konnte nicht mehr als ein Augenblick sein. Die Alternative zu diesem Gedanken war unaussprechlich und widersprach jeder menschlichen Logik.
„Du hast etwas, das mir gehört“, sagte plötzlich dieser Reiter neben ihm, der auch elf Reiter war und elf Pferde und seine Haut wurde dabei rot und schien zu glĂŒhen, wĂ€hrend sein Gesicht sich immer mehr verzerrte. Die tief geschlitzten Augen begann sich zu drehen, so dass sich die Augenlider wie Vaginen öffneten und schlossen, die Pupillen sahen aus, wie die von Katzen und der Mund bekam mehr als nur einen Wolfsrachen zwischen Nase und Oberlippe.
„Gib ihn mir!“, zischte ihm dieses perspektivisch flimmernde Wesen zu und reckte ihm seine krallenbesetzte Hand entgegen.
Billy presste die Peitsche an seine Brust, riss sich von diesem Blick los, sah nach vorn und hörte in diesem Augenblick das ohrenbetĂ€ubende Klingeln und das Kreischen der EisentĂŒren, die genau in diesem Moment aufschossen.
Die Menge tobte und noch einen Augenblick sah Billy aus dem Augenwinkel die schreckliche Gestalt, als er auch schon mit aller Wucht mit der Peitsche auf den Zossen einhieb.

Das Rennen hatte begonnen.

William Miller hatte seinem Sohn diese Geschichte, diese ausgemachte LĂŒge, wie sie sie nannten, sicher an die tausend Mal erzĂ€hlt. Die Peitsche hatte er dabei weit fort gehalten, hoch ĂŒber das Bett, so dass der Knabe sie bis zu einem bestimmten Alter nicht erreichen konnte, oder auch nicht wollte, da die Geschichte ihn zu dieser Zeit noch zu sehr gruselte, Ă€ngstigte und lange NĂ€chte frösteln ließ.
Ja, er hatte diese Peitsche dem Teufel bei einem Rennen aus dem Leib gerissen, sie ihm hinten, kurz ĂŒber dem Steiß ergriffen und samt der Wurzel ausgezerrt. So hatte er das Shanghai Derby 1938 gewonnen, hatte das Unmögliche vollbracht, die Horde der Verfolger hinter sich gelassen und den Wallach, der damals sein ein und alles war ĂŒber die Ziellinie und in den Tod geprĂŒgelt. „In die Hölle“, wie ihm spĂ€ter aufging, aber das erzĂ€hlte er seinem Sohn nie, bis der selbst darauf kam. Bei jenem verhĂ€ngnisvollen Rennen hatte William Miller auch die Kraft in seinen Beinen und wie er feststellen sollte, auch einen Teil der Kraft seiner Seele eingebĂŒĂŸt. Diese Kraft schwand mit den Jahren immer mehr, bis er schließlich begonnen hatte, sie stĂŒckchenweise auszuhusten. Ja, die Ärzte sagten, es wĂ€re Lungenkrebs, aber William Miller wusste, dass er hier nicht nur einen Teil seines Lungengewebes verlor.
Er hustete sich die Seele aus dem Leib.


Billy raste auf seinem Zossen geradewegs auf das Ende der langen Geraden zu. Er war schnell, aber noch nicht schnell genug, um nicht den scharfen Atem der Verfolger in seinem Nacken zu spĂŒren. Man drehte sich nicht um, hatte ihm sein Vater beigebracht, wer sich auf der Zielgeraden umdrehte, der wurde im letzten Moment noch ĂŒberholt.
Billy drehte sich um und sah die dicht an dicht, als wildes KnĂ€uel hinter ihm herdonnernde Horde. Aus den NĂŒstern schoss den dampfenden Tieren weißer Atem, auch wenn der Nachmittag zu heiß war, als dass ihr Hauch und ihr Körperschweiß kondensieren konnten.
Billy blickte wieder nach vorn und ging auf seinem Zossen in die lange Kurve vor dem SĂŒdblock in dem die LogengĂ€ste, die Frauen in bunten und aufregenden Kleidern, von ihren Sesseln aufsprangen und ihre Martinis verschĂŒtteten. Die LautstĂ€rke war enorm; das Donnern der Hufe, das Kreischen der Frauen, das Johlen der fettleibigen MĂ€nner, die atemlos in ihren breiten Sesseln sitzen blieben und sich lieber von den Damen berichten ließen, wie aufregend es doch gewesen sei. Billy konnte den Zossen nur mĂŒhsam in der Kurve halten, immer wieder drohte er ihm auszubrechen. Billy hob die Peitsche, wollte auf ihn einschlagen, sah aber im letzten Moment einen Schatten an seiner Rechten auftauchen, hörte ein tiefes, gehetztes Schnauben und sah einen Arm, der sich von hinten nach ihm ausstreckte – Billy schlug mit aller Kraft zu und hörte nur ein kĂ€rgliches, schmerzerfĂŒlltes Winseln, als die ausgestreckte Hand zurĂŒckzuckte und der Reiter von ihm abfiel.
Billy beugte sich vor, ging in die Gerade und gab den ZĂŒgeln nach:
“Lauf“, zischte er, „lauf!“

Ob Billy seinem Vater die Geschichte mit der Peitsche je wirklich geglaubt hatte, das wusste nicht einmal Billy so genau zu sagen, auch wenn es er war, der es ganz genau wissen musste.
Er hatte mit dieser Peitsche ein Pferd in den Tod geprĂŒgelt, hatte es getan, um seinem Vater zu beweisen, dass er ihn belogen hatte, hatte es auch getan, um sich zu beweisen, dass sein Vater die Wahrheit sagte. Aber nachdem es vollbracht gewesen war, war es auf seltsame Weise nicht mehr wichtig, ob sein Vater gelogen hatte oder nicht. Er war ĂŒber dem Leichnam des Tieres aufgestanden und hatte festgestellt, dass die Peitsche nun auf ihn ĂŒbergegangen war. Welche MĂ€chte sie tatsĂ€chlich besaß, war Billy erst in diesem Augenblick klar geworden, denn seit Billy die Peitsche zum ersten Mal benutzt hatte, hatte sein Vater begonnen langsam zu sterben.
William Miller nannte es, die Seele zu verlieren, die Ärzte nannten es, ein Bronchialkarzinom und der Teufel nannte es wahrscheinlich Gerechtigkeit. Billy hatte dafĂŒr keinen Namen, er wusste nur eines, dass er es aufhalten musste. Und ob er nun dieses Rennen gewann und damit das Geld fĂŒr eine kostspielige Operation, oder ob er den Teufel besiegen musste, damit der seinem Vater die Seele ließ, letztendlich lief es nur auf eines hinaus:
SIEG!


Der Zosse unter ihm geriet nach der dritten Runde, kurz nachdem er wieder aus der tiefen Schere der Kurve in die Gerade eingebogen war, in eine tĂ€nzelnde Unruhe, die ihn weit aus der Innen- und hinaus auf die Außenbahnen drĂŒckte. Das Pferd drohte zu straucheln. Schon jetzt war es dermaßen abgekĂ€mpft, dass die Muskeln der riesigen Schenkel wie die losen Metallteile an einer riesigen Maschine rĂŒttelten. Der Atem des Tieres glich einem Auspuff ohne VorschalldĂ€mpfer. Der Zosse krĂŒmmte sich und Billy hielt ihm drohend die Peitsche hin, so dass das Tier noch einmal alle Kraft zusammennahm und hetzend in die Gerade ging. Doch der Ausbruch auf die Außenbahnen und der plötzliche Kraftverlust hatten die Verfolger rasch aufholen lassen. Das was Billy in den letzten Runden durch geschicktes Taktieren an Vorsprung gewonnen hatte, war in wenigen Sekunden aufgezehrt.
Er lenkte das Tier in spitzem Winkel in Richtung Innenbahn, sah die wilde Horde der herannahenden Tiere aus dem Augenwinkel, dann links von sich. Einer der Reiter zog zu ihm herĂŒber und holte mit einer kurzen Reitpeitsche zum Schlag gegen ihn aus.
Billy hob den Arm, ein heißes Brennen breitete sich auf seinem Gesicht aus. Billy senkte den schĂŒtzenden Arm, holte mit dem anderen aus und schlug mit der Peitsche aus vollem Galopp zu seinem Gegner herĂŒber. Der war fast an ihm vorĂŒber, aber das lange, flache Ende der Peitsche traf den geduckten Reiter am Kopf, umwickelte die Stirn und hinterließ dort eine rote, blutige Krone, als Billy die Peitsche mit aller Kraft zurĂŒckriss und damit den Reiter vom Pferd und unter die Hufe, der ĂŒber ihn hinwegjagenden Pferde.
Das GerĂ€usch eines gurgelnden Schreies und von zersplitternden Knochen klang Billy nur wenige Augenblicke in den Ohren. Er ĂŒberholte das fĂŒhrerlose Pferd und setzte sich auf seinem atemlosen Zossen wieder an die Spitze des Feldes.
HĂ€nde streckten sich nach Billy aus, hinter ihm schien es zu kochen und zu brodeln und Billy drehte sich ein letztes Mal um, bevor er in die vierte Runde einbog.

„LASSEN SIE MICH DURCH!“, schrie William Miller und fuhr mit seinem Rollstuhl mit aller Kraft gegen die unbarmherzigen Beinpaare der SicherheitskrĂ€fte an.
„Lassen Sie mich das Rennen meines Sohnes sehen!“
Die PolizeikrĂ€fte wussten nicht genau, was sie mit dem todkranken Mann anfangen sollten. Erst hielten sie ihn fest, um ihn schließlich zögernd fahren zu lassen. Sie hielten ihn bei den Oberarmen, ließen ihn los, hielten ihn bei den Schultern, den Griffen am Rollstuhl.
„Jetzt lassen Sie mich doch los!“, schrie William Miller und erlitt einen schweren Hustenanfall. „Sehen Sie nicht“, stöhnte er zwischen den vor den Mund gehaltenen HĂ€nden hindurch: „da reitet mein Sohn um seine Seele!“
„DA“, sagte er und wies den Polizisten mit dem Zeigefinger den kleinen schwarzen Punkt auf der entgegengesetzten Seite der riesigen Rennbahn. Die Polizisten sahen, wie sich das Verfolgerfeld dem fĂŒhrenden Reiter immer weiter nĂ€herte.
Gleich mussten sie ihn erreicht haben!
„DIE PEITSCHE, JUNGE!“, schrie William Miller aus LeibeskrĂ€ften,
„JUNGE, NIMM DIE PEITSCHE!“


Sie waren ĂŒber ihm, nur eine Kurve und eine Gerade vom Ziel entfernt, waren sie ĂŒber ihm, wie eine surrende und brummende Horde von Fliegen, die ihn rasend schnell einholte. Billy schlug, er schlug mit der Peitsche rechts und links von sich, traf Menschen- und Pferdefleisch, schlug wild und wilder, ohne die Verfolger von sich abschĂŒtteln zu können. Wo eben noch das ohrenbetĂ€ubende Geschrei der Menge ĂŒberwogen hatte, da brandete jetzt das heiße Donnern, der auf den Rasen krachenden Hufe der Pferde. Billy wurde von diesem Donnern ganz gefangen genommen, es breitete sich in seiner Brust aus, sein Herzschlag beschleunigte sich und raste so schnell in seiner Brust wie die galoppierenden Hufe auf dem Boden.
Es waren Teufel, dachte Billy
und sie jagten jenen Einen, der ganz vorn, mit der Peitsche auf das Tier einschlagend, nur eine PferdelÀnge vom Sieg entfernt war.

Billy bog um die Kurve auf die Zielgerade ein. Jetzt war der Augenblick gekommen, wo er mit der Peitsche auf sein Tier einschlagen musste. Er musste ihm jetzt die Seele aus dem Leib prĂŒgeln, wenn er das Verfolgerfeld noch einmal abschĂŒtteln wollte.
Billy hob die Peitsche



als sich plötzlich ein brennend heißer Körper von hinten mit auf seinen Zossen schwang. Das Pferd taumelte, wieherte und fĂŒr einen Moment wollten die Verfolger an Billy und seinem aufgesessenen Genossen vorĂŒberziehen. Aber Billy schlug, schlug das Pferd, das im selben Augenblick kreischend nach vorn jagte. Billy wurde von der ungeheuren Beschleunigung des Tieres fast aus dem Sattel gerissen, er drehte sich um, hob die Peitsche, um den ungebetenen Gast hinter sich aus dem Sattel zu prĂŒgeln.
Doch eine brennend heiße Hand packte Billys Unterarm und Billy sah seinem Schicksal mit weit aufgerissenen und bis in seine Seele verĂ€ngstigten Augen ins Gesicht.
„GIB SIE MIR!“, flĂŒsterte ihm dieses Gesicht zu – ein Gesicht aus elf Gesichtern und elf Pferden.
„Nein“, zischte Billy und versuchte sich der unwiderstehlichen Kraft dieses brennend heißen Geschöpfes zu widersetzen.
Fast gelang es ihm – doch dann war seine Hand mit der Peitsche plötzlich leer und Billy spĂŒrte ein schweres, unheimlich schweres Gewicht auf seinen Schultern, das ihm alle Luft aus seinen Lungen pressen wollte.
HEIß! BILLY WAR AUF EINMAL SO SCHRECKLICH HEIß!
Er hörte das stöhnende Atmen auf seinen Schultern, spĂŒrte die Knie unter seinem Kinn, die eisernen Unterschenkel an seinen Flanken und den kochendheißen Schritt seines Reiters in seinem Nacken.

Dann spĂŒrte Billy, wie ihn die Peitsche schlug und wie ihn die eigene Beschleunigung nach vorn und aus dem Sattel des rasenden Zossen schleuderte. In Billys Kopf begann es zu kochen, sein Herz schlug tausendfach wie das eines Kolibris und seine Seele, seine Seele,
seine


Niemand hatte je gesehen, dass jemand auf einem Mann reitend das Hongkong Derby gewonnen hatte. Nicht auf einem, der nach dem Rennen und mitten auf der Ziellinie tot zusammenbrach.
Stille herrschte im Happy Valley Racecours – eine atemlose Stille, die nur vom heiseren Quietschen eines ungeölten Rollstuhlrades unterbrochen wurde.
William Miller rollte langsam auf den am Boden liegenden Leichnam seines Sohnes zu.
Er sah nicht den seltsamen Jockey, der bereits den goldenen Kranz des Siegers um die Schultern trug und in dessen Hand sich die Peitsche wie eine lebendig gewordene Schlange wandte und kringelte.
William Miller glitt aus seinem Stuhl und seine leblosen Beine hinter sich herzerrend, kroch er zu seinem Sohn.

Dort blieb er mit einem letzten Husten und tiefem Röcheln liegen.

„Shanghai Champion“, sagte eine dĂŒstere Stimme und nahm sich den goldenen Kranz von den Schultern und warf ihn auf die beiden Leblosen.


„Der Gewinner bekommt alles!“

__________________
"Ein Wort aufs Papier und wir haben das Drama."
Durs GrĂŒnbein

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F Fuller
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Spannend, bewegend und am Ende gruselig!

Du hast noch einige FlĂŒchtigkeitsfehler drin, z.B. steht da öfter mal "Peitschte" statt "Peitsche" und irgendwo "ein Pferd in die Tod geprĂŒgelt".

Manchmal ist es etwas schwer, dem zeitlichen Fluss der Geschichte zu folgen, vor allem der Übergang von der RĂŒckblende (kursiv geschrieben) zur Gegenwart, dann zu der Situation in der Billy zum ersten Mal ein Pferd in den Tod treibt und wieder zurĂŒck.

Über diesen Absatz bin ich gestolpert:

quote:
Der Junge peitschte das Tier um die halbe Bahn herum, bis es vor seinen Augen, mit dem Jungen auf dem RĂŒcken, ohnmĂ€chtig vor Erschöpfung wie ein totes StĂŒck hingeworfenen Fleisches zusammenbrach.
„Warum hast du das getan?“, fragte William Miller seinen Sohn, als der sich unverletzt und sich die Knie abklopfend ĂŒber dem toten Tier erhob.


Ich wĂŒrde hier das tier sofort tot umfallen lassen, anstatt es erst einer Ohnmacht auszusetzen.


Gut gelungen:
quote:
William Miller nannte es, die Seele zu verlieren, die Ärzte nannten es, ein Bronchialkarzinom und der Teufel nannte es wahrscheinlich Gerechtigkeit. Billy hatte dafĂŒr keinen Namen, er wusste nur eines, dass er es aufhalten musste.


und:
quote:
Nein, dachte Billy,
es waren Teufel.
Und sie jagten jenen Einen, der ganz vorn, mit der Peitsche auf das Tier einschlagend, nur eine PferdelÀnge vom Sieg entfernt war.

Billy als Kind denkt so, spÀter, als er selbst Jockey ist, geht ihm das gleiche durch den Kopf! Aber: wenn Billy die ganze Passage denkt, dann muss es heissen: "Sie jagen ...".

Es hat auf jeden Fall Spass gemacht, Deine Geschichte zu lesen.

Gruss
Fuller


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Marcus Richter
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hallo f fuller,
danke fĂŒr deine guten Hinweise. Werde die Geschichte sicher an diesen Stellen abĂ€ndern.
Bei dieser Erschöpfung aus Ohnmacht und dem damit verbundenen Sterben, hast du recht, ich weiß aber nicht, ob es nicht stehen bleiben kann - es klingt gut - aber natĂŒrlich mĂŒĂŸte das Pferd einfach "vor Erschöpfung wie ein totes hingeworfenes StĂŒck Fleisch" zusammenbrechen.

Soweit, gruss, Marcus
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quote:
"vor Erschöpfung wie ein totes hingeworfenes StĂŒck Fleisch"


Ohne dem ohnmÀchtig ... dann ist es gut!

SelbstverstÀndlich ist es Deine Entscheidung, ob und wann Du was an Deinem Text Ànderst

Gruss
Fuller

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Marcus Richter
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hi FF,
kann das mit dem "ohnmÀchtig vor Erschöpfung" erstmal nicht Àndern - das Pferd muss "irgendwie" vor Erschöpfung zusammenbrechen, sonst klingt mir der ganze Satz nicht mehr.
Ich dachte erst an "brennend", aber solche Gleichnisse können mĂŒĂŸig sein, weil sie nicht wirklich etwas aussagen, werde mir hier also noch etwas Zeit mit einer Änderung lassen.

Gruss, Marcus
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