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Leselupe.de > Kurzgeschichten
sie werden kommen, um dich zu holen
Eingestellt am 11. 02. 2002 19:07


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
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Sie werden kommen, um dich zu holen

Er zwingt sich, langsam zu gehen. Es ist noch immer nicht ganz dunkel, im Sommer scheinen die Tage ewig zu dauern. Nur nicht laufen. Das ist sein einziger Gedanke, bis ein anderer sich dazwischen schiebt – sie werden kommen, um dich zu holen, sie werden kommen, sie werden kommen...
Er verlĂ€ĂŸt den Waldweg und strebt dem Parkplatz zu. Nur noch sein Wagen steht im Schatten der BĂ€ume. Ob sich jemand das Kennzeichen gemerkt hat? Sie werden kommen..., er hört die Stimme seiner Mutter. Damit drohte sie ihm, wenn er unartig war. Er hat als Kind nie verstanden, wer ihn holen kommt, aber das war das Schlimmste – es nicht zu wissen.
Seine HĂ€nde zittern, als er die AutotĂŒr aufschließt. Im Wagen lĂ€ĂŸt er die Innenbeleuchtung an, um seine Kleidung zu untersuchen. Einige dunkle Flecken zeichnen sich auf seiner Hose ab. Der Schlag in ihr Gesicht ist ein Fehler gewesen. Es ist nicht nur ein Fehler gewesen, sondern auch völlig ĂŒberflĂŒssig. Sie hĂ€tte auch so nicht geschrien. Sie kannte ihn schließlich. Ihn ĂŒberkommt eine starke Übelkeit, am liebsten wĂŒrde er sich direkt ĂŒbergeben. Aber er will nicht noch mehr Spuren hinterlassen....sie werden kommen, um dich zu holen...sie werden kommen....Er fĂ€hrt langsam bis zur Landstraße, dann gibt er Gas, öffnet die Fenster und dreht das Radio an. Die laute Musik beruhigt ihn, die Angst wird von schnellen Rhythmen zerhackt und macht dem GefĂŒhl der Macht Platz. Seine Finger trommeln auf das Lenkrad, niemand hat ihn gesehen, warum sollte man ihn verdĂ€chtigen? Er hat Hatice immer gemocht, vielleicht sogar mehr als ihm zustand. Trotzdem spĂŒrt er kein schlechtes Gewissen. Es ist ihre Bestimmung gewesen, zu sterben, sonst wĂ€re es nicht geschehen.
Er hat es versucht, ihr zu erklĂ€ren, wĂ€hrend er das Tuch um ihren Hals immer enger zog. Der Tod wĂŒrde sie beide auf ewig verbinden. Obwohl er noch keine dreißig Jahre alt ist, wird er ihr treu bleiben bis zu seinem Ende. Er hat ihr die JungfrĂ€ulichkeit genommen, dafĂŒr schenkt er ihr seine Treue.
Sie werden kommen, um dich zu holen...
Gut, sie ist noch ein Kind gewesen, aber auch Kinder haben ein Schicksal. Nachdem was er mit ihr getan hat, konnte sie sowieso nicht weiter in ihrer Familie leben. Sie zu töten ist das einzig richtige gewesen. Die Erinnerung an ihren kleinen Körper lĂ€ĂŸt ihn erschauern und plötzlich ist da wieder die Stimme seiner Mutter so laut und deutlich, als sĂ€ĂŸe sie neben ihm:
”Sie werden kommen....sie werden kommen....”
Ob sich ihre Eltern schon Sorgen machten? Er sieht auf die Uhr, schon fast elf. So lange durfte sie sicher nicht ausbleiben. Aber die Familie hat ja noch zwei weitere Töchter und drei Söhne.
Vorsichtig biegt er in seine Straße ein, es ist nichts auffĂ€lliges zu sehen. Auf einem Balkon wird noch gegrillt, er hört Lachen und riecht verbranntes Fett. Schade - seine Familie wollte nicht in dieses Land kommen. Nachdem er sein Auto abgestellt hat, muß er sich ĂŒberwinden, auszusteigen. Eigentlich ist er gerne alleine, aber jetzt wĂ€re er lieber in einer fröhlichen Gesellschaft gewesen.
Sie werden kommen, um dich zu holen.
Unwillig versucht er die Worte aus seinem Kopf zu schĂŒtteln. Zögernd bleibt er vor der HaustĂŒr stehen, nur wohin soll er sonst gehen? Im Hausflur bleibt er stehen, es ist alles ruhig im Treppenhaus. Seine Wohnung liegt im Erdgeschoß - klein und ordentlich gleicht sie fast einem Hotelzimmer. Zum ersten Mal fĂ€llt ihm auf, wie dĂŒnn das Holz der WohnungstĂŒr ist. Er tritt ein und legt die Kette vor.
Sie werden kommen, um dich zu holen.
Die Worte seiner Mutter klingen immer drohender. Wie immer schaltet er als erstes das FernsehgerĂ€t ein und sieht das Ende eines schwarzweiß Films. Ein riesiger Gorilla kĂ€mpft auf einem Hochhaus gehen angreifende Flugzeuge. Er fĂ€ngt sie wie lĂ€stige Insekten und schleudert sie zu Boden. Die Tricks sind so schlecht, man meint, die Kulisse wackeln zu sehen. Diese alten Filme mag er nicht, sie kommen ihm immer etwas peinlich vor, Greisinnen, denen ein Windstoß die Röcke hoch weht.
Er schließt die Gardinen, die HĂ€user in seiner Heimat haben viel kleinere Fenster, diese großen Glasscheiben bieten keinen Schutz, ein Steinwurf genĂŒgt und dein Feind steht vor dir.
Sie werden kommen, um dich zu holen.
MĂŒde geht er ins Bad. Der Blick in den Spiegel versetzt ihn wieder in Angst. Von der Nasenwurzel zum Ohr zieht sich ein tiefer Kratzer, auf der Stirn zeichnet sich eine Beule ab, die beginnt, sich blau zu verfĂ€rben. Er schĂŒttet Rasierwasser auf ein Blatt Klopapier und drĂŒckt es auf die Wunde. Der Schmerz erwĂ€rmt seinen Magen wie ein Schluck Schnaps und beruhigt ihn.
Nachdem er alle Lichter gelöscht hat, legt er sich auf das Bett und lĂ€ĂŸt sich von der Dunkelheit umarmen. Niemand wird kommen....mit diesem Gedanken schlĂ€ft er ein. Er erwacht benommen, blaues Licht flackert durch den Raum. Sie mĂŒssen direkt vor seinem Haus stehen, sonst wĂŒrde das Blaulicht nicht so hell durch die VorhĂ€nge scheinen. Im nĂ€chsten Augenblick lĂ€utet es an der TĂŒr. Er hört Stimmengemurmel an der HaustĂŒr. Dann bekommt er mit, wie es in anderen Wohnungen klingelt. Es folgt das KrĂ€chzen der Gegensprechanlage und das Summen des TĂŒröffners. Reglos bleibt er liegen.
Sie werden kommen, um dich zu holen.
Die Stimmen im Hausflur kann er deutlicher unterscheiden. Es sind mindestens zwei Polizisten, aber am lautesten sind die BrĂŒder von Hatice zu vernehmen. Sie bedrĂ€ngen die Beamten seine WohnungstĂŒr zu öffnen. Er kann jedes Wort verstehen. Schließlich tritt jemand heftig gegen die TĂŒr. Jetzt werden auch die GrĂŒnen lauter, scheinen um ihre AutoritĂ€t zu ringen. Es wird wieder ruhiger, dann folgt ein offizielles Klopfen, laut aber nicht aggressiv. Sein Name wird genannt, er soll öffnen. Er bewegt sich nicht. Er hört mehrmals das Wort: vermißt. Das bedeutet, sie haben Hatice noch nicht gefunden. Sie werden also nicht in seine Wohnung eindringen. Er muß nur ganz still sein, dann werden sie ihn nicht holen.
Sie werden kommen....
Nach einer Weile ziehen sie ab, er kann noch vernehmen, wie die Polizisten den BrĂŒdern versprechen, es spĂ€ter noch einmal zu versuchen. Es folgt das Schlagen der WagentĂŒren, dann ist es wieder ganz dunkel in seinem Zimmer. Bevor sie noch einmal kommen, muß er fliehen. Am besten zurĂŒck in seine Heimat, da werden sie ihn nicht finden. Er muß zu seiner Mutter gehen, sie wird nicht zulassen, daß man ihn holt. Im Dunkeln packt er einige Dinge in eine Tasche, nur das nötigste. Es scheint alles ruhig zu sein. Er hat die Klinke der WohnungstĂŒr in der Hand, als ein ohrenbetĂ€ubendes Klirren ihn herumfahren lĂ€ĂŸt. Scherben fliegen ins Zimmer. Eine dunkle Gestalt klettert vorsichtig durch das zerborstene Glas.
Sie werden kommen, um dich zu holen.
Er muß verschwinden. Hastig reißt er die WohnungstĂŒr auf. Und steht zwei BrĂŒdern von Hatice gegenĂŒber. Als er zurĂŒckweicht, taumelt er dem Dritten in die Arme. Jetzt schreien sie nicht mehr, sind leise und umsichtig. Sie zerren ihn in die Wohnung und schalten das Licht ein. Sind es die Wunden in seinem Gesicht oder ist es die gepackte Tasche die ihn verrĂ€t? Sie scheinen nicht an seiner Schuld zu zweifeln. Mit tonloser Stimme fragt er:
“Was ist los, was wollt ihr von mir?”
Er merkt selber wie schwach das klingt. Einer stĂ¶ĂŸt ihn vor die Brust,
“Ruf doch um Hilfe, schrei doch. Traust dich nicht, was?”
Der JĂŒngste hatte sich auf das Bett gesetzt, sieht nur zu. Ein Messer drĂŒckt sich an seine Kehle. Plötzlich sieht er Hatices Gesicht vor sich, fĂŒhlt ihre Angst in sich – oder war es eine eigene Angst, die ihn unverstĂ€ndliches Zeug betteln ließ?
“Was hast du mit ihr gemacht, du Schwein? Wo hast du sie versteckt? Wo ist meine Schwester?”
Hilflos schĂŒttelt er den Kopf, spĂŒrt wie das Messer dabei in seinen Hals schneidet.
Erleichtert hört er ein Martinshorn in der Ferne. Es nĂ€hert sich schnell. Die BrĂŒder haben es auch gehört. Sie zerren ihn an das Fenster, stoßen ihn in die herausragenden Splitter, immer wieder stoßen sie ihn hinein. Mit dem Gesicht, dem Hals. Sie halten seine Arme auf dem RĂŒcken fest. All dies geschieht lautlos, so lautlos wie er Hatice genommen hat. Als der Polizeiwagen vor dem Haus bremst, lassen sie ihn los. Er hörte noch, wie sie den Beamten zuriefen:
“Kommen sie schnell her. Er wollte fliehen und ist in das Fenster gefallen.”
Sie werden kommen, um dich zu holen.

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Ralph Ronneberger
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Hallo kyra,

ich habe heute meinen faulen Tag. Aber die Texte, denen ich bei meinem ausgiebigen Kurzgeschichtenbummel bislang begegnet bin, machen es mir in der Mehrzahl sehr leicht. Eigentlich brauchte ich nur
gut
sehr gut
verdammt gut

darunter zu schreiben. Bei dir wĂŒrde ich zu Letzterem greifen. Ein echter "kyra". Wie immer? Nee - wahrscheinlich sogar eine Spur besser.

Gruß Ralph
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flammarion
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hu,

gĂ€nsehaut geschĂŒttelt zu keinem vernĂŒnftigen kommentar fĂ€hig grĂŒĂŸt
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Old Icke

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