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Leselupe.de > Kurzprosa
sonstiges, tagebuch
Eingestellt am 16. 05. 2004 21:18


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yuki
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Registriert: Apr 2004

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stadtliebe

stadtliebe

sie geht mir auf die nerven! der inhalt unserer gespräche ist abgenutzt wie das ambiente der tapas-bars das ich so oft mit ihr genossen habe. jetzt kenne ich das alles in und auswendig: die urtypischen bars mit ihren stammgästen die alle paar sekunden kommentare über gott und die welt auf die straße hinaus brüllen, sodaß einem fast das glas cerveza aus der hand fällt, und jene in denen es vom protzigen besteck bis zur mehrsprachigen multicolor speisekarte in form der torre del oro nach touristenfalle riecht. immer redet sie von denselben dingen, dem alltag, jenem vor langer zeit geborenen universum aus dem sie nun nicht mehr heraus kann. kein wunder, daß wir uns nichts mehr zu sagen haben! sie frequentiert ja auch immer dieselben orte. weil sie sich „mit ihnen identifiziert“, sie „teil von ihr sind“, sagen mir unsere freunde und fügen hinzu: „sie ist mit diesen orten verwachsen, spricht ihre sprache, trägt ihren geruch im blut: pulpo a la gallega, chocos fritos, cazon en adobo, solomillo al whyskey….“

sie finden Ihre kurven verführerisch? so südländisch, nicht? dann versuchen sie einmal auch nur einen tag eine entdeckungsfahrt ihres körpers zu widmen, ohne zigmal einen herzinfarkt zu riskieren. Strecken sie ihre finger nach ihr aus und sie werden sehen was passiert. ihr hupendes lachen bringt mich noch einmal ins grab. seien sie sicher, selbst wenn sie durch keine hindernisse, baustellen oder einbahnen dazu gezwungen sind, die rückkehr anzutreten, nun, selbst in diesem unwahrscheinlichen fall, werden sie den kakophonischen launen ihrer beständig vor sich hinratternden stimmbänder nicht entkommen.

früher? ja, früher habe ich ihre eigenheiten noch nicht bewusst wahrgenommen, habe sie sein lassen wie sie ist. ihre quengeleien waren teil ihrer schönheit, gehörten zu ihrem wesen, lösten sogar verzücken in mir aus! damals liebte ich alles an ihr. allein ihre stimme: ein melodiöses dahinrollen, wie die schallwellen ihrer mopeds, ihre haut: gewebt aus staub und jasminblüten, das muster ihres kleides als wir uns zum ersten mal begegneten: palmen umrandet von blassblauen strahlenkranz des himmels…was für ein flair! und heute…

was ist aus uns geworden? ihre attraktivsten stellen haben nicht mehr die kraft mich zum schwärmen zu bringen. und doch, wie gerne strich ich früher über ihre haut, ihre wange: eine insel umrahmt von einer haarsträhne deren farbe guadalquivir heißt und die ihr gesicht durchzieht, als ob sie ständig von einer launischen windböe geneckt würde. ich tauchte mit meinen händen durch ihre glänzenden strähnen, langsam, ohne widerstand, und wenn die sonne ihre mit zigeunerkleidern und hufeisenbögen gesprenkelten augen aufblitzen ließ, dann fühlt ich mich still und glücklich. ich wagte mich in auf den ersten blick unzugänglich scheinende winkel ihrer anatomie vor, ihre achselhöhlen—verlassene häuser, geheimnisvoll und kahl, in deren ritzen geschmiegt ich die sonne beim untergehen beobachtete.

mittlerweile spüre ich eine traurige ernüchterung, wenn ich abends meine körper eingehüllt in ihre präsenz zur ruhe lege. ich akzeptiere sie schweigend, schleiche mit distanzierten bewegungen an ihr vorbei, versuche sie mit neuen augen zu sehen und scheitere kläglich. die stempel in meinem pass sind zeuge unserer begegnungen: wir kennen uns zu gut.

das bedrĂĽckendste ist, zu wissen, dass es trotzdem noch viel an ihr zu entdecken gibt. doch leider bin ich blind geworden ihr gegenĂĽber. zweifellos werden bald andere die fĂĽr mich unsichtbar gewordenen gassen ihres wesens, die sie so kompliziert und aufregend machen, mit unverbrauchten blicken wiederbeleben. das tut weh, aber
es gibt keinen anderen ausweg mehr.

ich glaube ich werde schluss machen, einen letzten blick zurück werfen und dann spüren, wie sich das flugzeug vom boden und meine zunge sich vom gaumen löst, um den abschiedsbrief zu versiegeln, um in ihrem ohr die letzen worte zu formen -- ein klang aus lichtern und signalen der landebahn: sevilla



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arle
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2004

Werke: 33
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Profil
Lieber yuka,

eine schöne, oft erlebte Geschichte, in kraftvollen Worten erzählt. Mir gefällt das Auf und Ab der wehmütigen Erinnerungen und der leider unweigerlich folgenden Ernüchterung.

DafĂĽr neun Punkte
__________________
Am jĂĽngsten Tag, wenn die Posaunen schallen und alles aus ist mit dem Erdeleben, sind wir verpflichtet, Rechenschaft zu geben von jedem Wort, das unnĂĽtz uns entfallen. - J.W. Goethe -

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