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Leselupe.de > Kurzprosa
sorry, aber peinlicher gehts nicht.
Eingestellt am 19. 07. 2005 13:18


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nachtsicht
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Es geht immer nur um Liebe. Du kannst versuchen, dich an was anderem aufzuh├Ąngen um erf├╝llt zu sein, und dann merkst du: es reicht nicht. Es wird niemals reichen.

Ein Mensch in einem Haus. Alle Fenster zugezogen. Sicher: dunkel. Sicher auch: drau├čen ist es hell, dort sind die gro├čen Gef├╝hle, aber Angst, wie Hannelore Kohl, die tote Frau des Exkanzlers. Lichtallergie seit 1993, dann Selbstmord. Bei ihr waren es die Schmerzen und die Ungewissheit. Bei mir nur die Ungewissheit. Oder denkt an die Dunkelzelleninhaftierten, die jeden Donnerstag f├╝r drei├čig Minuten raus d├╝rfen. Innenhof, f├╝r ein paar Minuten sehen die noch gar nichts, weil sich alles verkrampft im Augenbereich. Bei mir auch, die schwere, schwarzbraune Gardine ganz leicht zur Seite schiebend, zusammenkneifen, brennt irgendwie, klar, f├╝hlt sich aber warm an. Angst vor Hautkrebs hat man immer in der Sonne. Und weil das nur ne Schei├č Metapher ist gibts auch keine Sonnencreme mit Trauerschutzfaktor 50. Es geht um Liebe.

Also steh ich nun hier, im Schlafzimmer. Kleiderschrank auf, das nicht, das nicht, ah, das geht gerade noch. Was du nicht mitbekommen hast: Tageszeitenwechsel auf Abend. Wetter.de -> Regenwahrscheinlichkeit 90%, Sommergewitter zu erwarten. Mein Arm zittert und weil ich das bemerke halt ich den kurz an, im Griff nach den passenden Klamotten. Schau ihn dir genau an, er geh├Ârt zur Exekutive meines kleinen beschissenen Staates im Kopf. Wie er zittert. Wie die Soldaten im Russlandfeldzug unter Hitler, war schon alles entschieden, und die standen da, unterbesetzt, Munition fast leer und wussten es: bald ists vorbei. So ├Ąhnlich muss es nun diesen 70 Zentimetern Knochenfleisch mit den f├╝nf Fingern gehen.

Sich umziehen, das kann jeder. Zur Wohnungst├╝r gehen, und dann nat├╝rlich auch raus. Fahrstuhl? Heut nicht. "Heute nicht" klingt beschw├Ârerisch, ist es weniger, der Fahrstuhl ist kaputt. Manchmal liegen hier Hundehaufen in der N├Ąhe der Haust├╝r. Heute nicht. Vielleicht w├Ąre ich reingetreten, weil das noch nie jemand absichtlich gemacht hat, das Heldentum von Jackass. Wechsel der Stra├čenseite, danach anhalten, umdrehen. Im Blick jetzt meine Wohnung und die Vorstellung, wie sie leer ger├Ąumt wird, und sp├Ąter weiter vermietet, und dass der Makler nichts davon erz├Ąhlt, was mit dem Vormieter los war. Einige Nachbarn k├Ânnen sich dann wohl noch daran erinnern, wie immer alles zugezogen war, nie Licht rein kam. "So kann der doch keine Pflanzen halten."

Du f├Ąhrst an mir vorbei, Scheinwerfer an, Musik an, siehst mich kurz, denkst dir: der wartet auf jemanden, so steht doch keiner nachts herum. Bist schon wieder zwanzig, drei├čig, vierzig Meter weiter. Und ich stehe da, mit dem zitternden Arm, und dem anderen, der f├╝r gar nichts gut ist, h├Âchstens f├╝r symmetrische Effekte. Ich bin der Wichser, f├╝r den man weiter rechts f├Ąhrt damit die Regenpf├╝tzen fliegen. Ich bin das Geschw├╝r, das einen aus der Trance rei├čt. Fick dich. Und mich auch. Ich bin die Wespe, die du verschluckst, die leere Klopapierrolle, die Verachtung in deinen Augen. Mach sie zu und sag es drei Mal: Nachtsicht, Nachtsicht, Nachtsicht. Du wirst merken: es bringt gar nichts und ich stehe da, mit dem zitternden Arm und will: ich liebe dich. Schreien. Aber du h├Ârst es nie.

Eine Stra├če weiter, Bars, Menschen so eng zusammen wie im Treppenhaus vom World Trade Center am Elften. Voll mit Bier, Cocktails, Sperma, Serotin, Ideen, Gef├╝hlen, Wahnvorstellungen, Kokain. Lasst den Kellner mal durch. Zahlen, ja? Noch was bei euch? Sechs Pilz noch, geht in Ordnung. Eine Stra├če zur├╝ck: ich. Ein Jahr zur├╝ck: ich, Hoffnung, das Leben beginnt, Ver├Ąnderung. Aus Ver├Ąnderung wurde Verendung. Gestern sind zwei Kinder im Rhein geschwommen, bis eine Str├Âmung kam. Vorgestern sa├čen Menschen in einem Cafe, bis neben ihnen eine Selbstm├Ârderin aufschlug. Den Tag davor hat ein Hochwasser 76 H├Ąuser zerst├Ârt. Das ist es nicht, was mich umbringt. Ein Gef├╝hl. L├Ąsst mich abst├╝rzen und sp├╝lt mich weg.

Aus den drei├čig Minuten Entfernung vom See werden erst zwanzig, und dann zehn und ich sehe wieder dass ich nur nachts sein kann, wenn alles Ruhe ist und dann vielleicht noch zu Regen und Sturm wird, und die Ruhe zu einem Rauschen, und das Rauschen zum Rausch und von da aus wieder zur Ruhe. Du denkst dir jetzt vielleicht, wo ich die letzten hundert Meter laufe, dem Wasser entgegen, was macht das Arschloch denn? Es bleibt stehen und zieht seinen Kragen hoch. Atmet. Ein. Aus. Ein. Hebt einen Stein auf am Ufer und steckt ihn in die Hosentasche. Geht auf den Steg zu, betritt ihn, langsame Bewegungen, l├Ąuft bis ganz nach vorn, w├Ąhrend sich der Wind mit den B├Ąumen streitet. Beide Schuhe auf morschem, feuchtem Holz, das bei jedem Schritt nachfedert. Ein paar hundert Meter gerade aus, am anderen Ufer: drei Laternen malen gelbe Flecken ins schwarz. Und mein Kopf sinkt im Blick nach unten. Nach jahrzehntelangen Ausgrabungen gibt es Stellen, die mehr als achtzig Meter tief sind. In meinem Sch├Ądel nicht, dort bist du die tiefste Stelle. Du rei├čt mich nach unten, ich reise nach unten.

Und ich nehme ein St├╝ck Papier aus der Tasche, und dann einen Stift, und ich schreibe es auf, vielleicht musst du es mehrmals lesen.

Ich liebe dich.

[legt den Zettel auf den Steg, nimmt den Stein aus der Tasche, legt ihn darauf, damit seine Worte nicht davon fliegen]

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