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Leselupe.de > Gereimtes
sprung in latex
Eingestellt am 05. 03. 2018 08:17


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Mondnein
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    sprung in latex


sprache sind all die sich selbst pr├Ądizieren: subjekte
pflaumen wie du die sich wein pr├Ądikate zumeistern
fein ausgegorne erkorne verlorne projekte
seid ihr sich setzenden s├Ątze die s ich ├╝berkleistern

glanz lack gelackter erinnerung kaut schuh kleider
keiner kann dich erkennen sie blicken ins nichts
nein ÔÇô sie schauen hindurch und beneiden die neider
die sie da sehn in der spieglung des masken gesichts

heben die arme und falten die h├Ąnde und neigen
sich vorn├╝ber zu springen zu tauchen zu vieren
dort ├╝ber kreuz einander hindurch zu zeugen
da├č sie dein ich sind wo sie einander ber├╝hren


__________________
sato bandhum asati nir avindan
hridi pratishya kavayo manisha

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shoshin
Guest
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Hallo Mondnein,

Du hast unl├Ąngst ein Gedicht "Escher Mandala" eingestellt. Ich hab keine Ahnung, was du mit diesem hier sagen willst, aber ich habe den Eindruck es ist ein Mondnein Sprach-Mensch-Manadala oder eher noch ein Vexierbild, alles ist verschlungen, aber nichts ber├╝hrt (sich). Macht mich total nerv├Âs, weil ich keinen Faden zu fassen bekomme.

LG
shoshin

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Mondnein
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Liebe Shoshin!

Mindestens zwei Ebenen schichten sich hier ├╝bereinander.
Eine unmittelbare Bedeutungsebene, und damit w├╝rde ich anfangen, und dann ein Spiel mit Bedeutungsvarianten, metaphorisch.

S├Ątze sind Pr├Ądikationen von Subjekten, das ist ein alter aristotelischer Grundsatz der Grammatik, der den "Satzglieder"-Funktionen in unseren Grammatiken zugrundeliegt. Das bedeutet zun├Ąchst einmal: Jeder Aussagesatz ist Pr├Ądikation, d.h. Aussage ├╝ber etwas, und zwar Aussage ├╝ber das Satzsubjekt. Da setzt der erste Vers an.
Aber er spielt sofort mit der anderen, der erkenntnistheoretisch-philosophischen Bedeutung von "Subjekt": Dort ist n├Ąmlich nicht das gemeint, wovon Aussagen getroffen werden, sondern eher die Person, die die Aussagen trifft. Und wenn ein Subjekt Aussagen ├╝ber sich selbst macht, ├╝berkreuzen sich beide Bedeutungen des Begriffes "Subjekt".
Dann folgt gleich ein entsprechendes Spiel mit der Doppeldeutigkeit von "Pr├Ądikat".

Da w├╝rde ich ansetzen beim Verstehenversuch.

"kaut schuh kleider" liest sich auch als "Kautschuk-Leider".
Die Doppeldeutigkeit von "latex" habe ich schon oben angemerkt.

Von der zweiten zur dritten und eben in dieser dritten Strophe baut sich ein Bild auf: Vier Personen stehen an einem Beckenrand, etwa im Schwimmbad, und springen ins Wasser. Sie stehen vielleicht f├╝r die Selbst-Pr├Ądikation des Ichs, des "Subjekts, das sich zum Subjekt hat".

Die zweite Strophe sieht die Selbstpr├Ądikation kritisch: Blick "ins nichts", oder durch das Nichtsichselbstspiegeln des Spiegels ("nichts") scheinbar hindurch ins Spiegelbild, und dann folgt eben das Bild der dritten, wo die Ambivalenz zwischen Gebetshaltung der gefalteten H├Ąnde und der Sprung-Handhaltung von Schwimmern changiert.

Zuletzt die Doppeldeutigkeit des "zeugens".

Das w├Ąren einige Ansatzpunkte, ich hoffe, sie helfen.

Auf jeden Fall aber danke, danke sehr!, f├╝r das Lesen und Dichbesch├Ąftigen mit den drei Strophen. Sie sind kein blo├čes Klangspiel, so sehr ich sowas schon mal liebe, sie reflektieren die Sprachreflexion des sich selbst pr├Ądizierenden "Ich bin ...", und dies in dem Bewu├čtsein, da├č das Bewu├čtsein sich in Bildern sieht, immer nur in Bildern, und vielleicht in allen m├Âglichen Bildern, "facultas imaginandi", wie Kant die "Einbildungskraft" als Grundfunktion des "Ich bin ..." in der "Kritik der reinen Vernunft" latinisiert hat.

Aber dieses Gedicht setzt weder Aristoteles noch Kant voraus, wohl aber die schulisch g├Ąngigen Satzteil-Begrifflichkeiten von "Subjekt", "Pr├Ądikat" und deren alltagssprachlichen Kr├╝mmungen oder Spielvarianten ("Pr├Ądikatswein"), und beginnt eben mit der Definition des Aussagesatzes: S├Ątze sind Pr├Ądikationen von Subjekten, Aussagen ├╝ber Satzgegenst├Ąnde.

grusz, hansz


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shoshin
Guest
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Vielen Dank f├╝r deine ausf├╝hrliche Erl├Ąuterung. Jetzt scheint es mir eigentlich vollkommen klar; ich habe mich irgendwie von der ersten Zeile in die Irre f├╝hren lassen ("Sprache sind ... ) und habe nicht mehr zur├╝ck gefunden. Aber ich glaube mit meinem Vexierbild (wer bin ich) und Mandala (letzte S der vier Ich-Schleifen) war ich gar nicht so weit weg. Ich denke aber die Aussage "da├č sie dein ich sind wo sie einander ber├╝hren" ist wohl nicht wirklich richtig. Das "Ich" ist mE als Identit├Ątsstifter ungeeignet, bleibt immer eine wandelbare Vielheit oder eben eine Einbildung.
LG
shoshin

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shoshin
Guest
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Ah ja, zur Form muss ich hier vielleicht auch noch etwas sagen:

Mir ist zuerst gar nicht aufgefallen, dass es ein Reimgedicht ist, aber wie immer arbeitest du mir viel Lautmalerei und Binnenreimerei - das ist mir manchmal zu ├╝berladen. Aus irgendeinem Grund ist mir das hier aber gar nicht so aufgefallen.

Warum, kann ich nicht erkl├Ąren. Sag du's mir!

Der Dreif├╝├čer hat teilweise viel Tempo, was ja zur Thematik des getriebenen Menschen passt; man bleibt aber immer wieder h├Ąngen, bei schweren Silben in Senkungen oder Zweif├╝├čern, zB besonders auff├Ąllig in diesem Vers:

quote:
glanz lack gelackter erinnerung kaut schuh kleider

X (X) xXx xXxx X (X) Xx

welcher Vers vielleicht ja doch im Grunde f├╝r das ganze Gedicht stehen k├Ânnte (?) - Glanz und Latex - Lug und Trug (?)

LG
shoshin

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Mondnein
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quote:
Das "Ich" ist mE als Identit├Ątsstifter ungeeignet, bleibt immer eine wandelbare Vielheit oder eben eine Einbildung.

eben das, Shoshin, ist mit den damit angesprochenen Versen ja mit-gesagt. Exakt.


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