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Leselupe.de > Kurzgeschichten
stumm
Eingestellt am 22. 06. 2002 23:56


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fallen angel
Hobbydichter
Registriert: May 2002

Werke: 6
Kommentare: 2
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Ich hätte mein Zimmer nicht verlassen sollen. Eigentlich vergrabe ich mich doch eh immer, einfach aus dem puren Grund, weil ich ihnen nicht begegnen möchte.
Doch ich hatte es getan. Dieses Mal. Ein Mal zuviel.
Komisch, heute waren viele Zufälle auf einmal, in ein und demselben Moment geschehen.
Es lief keine Musik, es war still in meinem Zimmer. Und ich hatte es verlassen, einfach so.

Kurz nachdem ich die T√ľr ge√∂ffnet hatte h√∂rte ich sie streiten, eigentlich wie immer. Und eigentlich h√§tte ich mich sofort umdrehen und meine T√ľr schlie√üen m√ľssen. Und wenn ich, wie eigentlich jeden Abend die Musik h√§tte laufen lassen, dann h√§tte ich es vermutlich gar nicht geh√∂rt.
Vielleicht hätte ich mein Zimmer dann auch gar nicht verlassen.
Was treibt einen Menschen dazu stehen zu bleiben, sich nicht ein St√ľckchen vom Fleck zu bewegen, nicht mal einen Atemzug zu tun, wenn er ganz genau wei√ü, dass er alles tun sollte - nur nicht zuh√∂ren?

Das ganze Prozedere ging schon eine ganze Weile so, Tag ein, Tag aus - und eine Lösung? Nein, das Wort 'Lösung' sollte ich in diesem Zusammenhang wohl eher nicht versuchen anzubringen.
Hatten sie sich jemals bem√ľht? Wirklich bem√ľht? Auch hier war die Antwort, die ich mir selber geben musste ein schlichtes, kurzes und trockenes 'nein'.
Aber dieses 'nein' tat weh. Es tat verdammt weh.
Vielleicht hatte ich auch nicht das Recht dazu von ihnen zu verlangen es zu versuchen. Allerdings - was war falsch daran?
Vielleicht hätte ich sie fragen sollen. Einfach so, in einem dieser Momente, in dem die Stille, die im Zimmer herrschte, fast greifbar war.
Schon oft bin ich in eine ihrer Streitigkeiten geplatzt, und obwohl man vorher jedes gesprochene Wort durch geschlossene T√ľren hatte h√∂ren k√∂nnen, so waren sie, kaum dass ich den Raum betreten hatte, pl√∂tzlich ganz still.
Die Uhr gab ein leises, stetiges Ticken von sich, und mein Vater stand wie gewöhnlich auf. Es war wie ein Versuch all das vor mir zu verbergen. Alles, was gesagt wurde, die ganze Spannung, die in der Luft lag.
"Na mein Mausezahn" sagte mein Vater dann immer und lächelte irgendwie schief. 'Mausezahn' - das war so eine Marotte von ihm. Eigentlich fand ich es auch immer ganz nett, aber in einem Moment wie diesem war es einfach nur fehl am Platze.
Ich war kein Mausezahn, ich war 19, fast erwachsen. Aber trotzdem lächelte er. Ich war in diesem Moment die kleine Tochter. Nicht das große Mädchen, nicht die bemerkenswerte Frau, wie er es manchmal nannte, nein, ich war die kleine Tochter. Seine kleine Tochter.
'Sag was', ging mir jedes Mal durch den Kopf, 'zeig ihnen, dass du weißt, worum es hier geht'. Jedes Mal.
Aber statt dessen lächelte ich ebenfalls, ignorierte die ganze Situation gekonnt, wie ich es mir in der letzten Zeit angewöhnt hatte.
Und dann - ja, dann ging ich wieder. Schnell, fast hastig als ginge es um mein Leben, griff ich nach den Sachen die ich hatte holen wollen und verließ das Zimmer.

Mein Zimmer gab mir ein gewisses Gef√ľhl von Schutz. Hier war ich, alleine, mit mir selbst. Keine Spannung in der Luft, keine b√∂sen Worte, die diese Spannung wie Projektile einer Waffe durchbohrten. Nur ich, meine Gedanken, meine Stille, meine Tr√§nen. Ich ganz alleine mit meiner Einsamkeit.
Die K√§lte, die manchmal nach so einem Streit in der ganzen Wohnung wie Nebelschwaden umher zu wabbern schien, schien unter der T√ľr durch in mein Zimmer zu kriechen. Und ich sa√ü immer noch da. An die T√ľr gelehnt, zusammengekauert. Alleine.

Vielleicht war es meine Schuld. Ich hatte nie etwas gesagt, es einfach nur stillschweigend hingenommen. Und niemand da, dem ich es hätte erzählen können. "Hey Mum, mir geht es nicht so gut, weil..." - das ging nicht. Denn spätestens da hätte ich nicht mehr gewusst, was ich hätte sagen sollen.
"Mum, mich kotzt das alles an!". Vielleicht h√§tte ich das sagen sollen, einfach so. Gerade heraus, ohne Umschweife. Aber dann w√ľrde sie mich ansehen, ungl√§ubig, vielleicht sogar feindselig.
Und dann w√ľrde sie, wie schon einmal, sagen 'das ist nicht dein Leben, halte dich da einfach raus'.
Sicher... es war wohl nicht mein Leben, schon lange nicht mehr. Als es noch mein Leben war, da habe ich mich zu Hause wohl gef√ľhlt, da hatte ich nicht st√§ndig Angst gehabt ihnen zu begegnen.
Und jetzt? Jetzt konnte ich ihnen teilweise nicht mehr in die Augen sehen.

Einmal hatte ich es getan. Wieder mal mitten in einem Disput. Eigentlich hätte ich die Uhr danach stellen können, so regelmäßig war das schon geworden.
Dieses Mal sah ich meiner Mutter kurz, nur f√ľr den Bruchteil einer Sekunde in die Augen. Und was ich sah durchfuhr mich wie ein Stromschlag.
'Sag jetzt blo√ü nichts Falsches'. Nein, ich sagte nichts Falsches, denn ich sagte √ľberhaupt nichts. Wie immer.
Ich wei√ü, eigentlich h√§tte ich in diesem Moment mit der Faust auf den Tisch schlagen und ihnen meine Meinung sagen m√ľssen. Dass es nicht so weiterginge, dass ich Angst hatte, sie zu verlieren, dass ich mich alleine f√ľhlte.
Aber die Stille, die herrschte, schien mir die Luft abzuschn√ľren, ich brachte keinen Ton heraus. Wie immer.
Und jedes Mal tat es weh. Die Worte, die mir in einem solchen Moment fehlten, st√ľrzten in meinem Zimmer auf mich nieder, wie ein pl√∂tzlicher Platzregen im Sommer.
Wenn die Blumen schon halb verd√∂rrt waren, dann sah man in den Himmel, der mittlerweile schon grau-gr√ľn war, und wartete auf den Regen. Und wenn nichts geschah, dann entschloss man sich doch die Blumen zu gie√üen. Und kaum, dass man die ersten Tropfen auf das Blumenbeet hatte tropfen lassen, begann es wie aus Eimern zu gie√üen. Jetzt brauchte man auch diesen Regen nicht mehr.

Die Gedanken, die mir in solch einem Moment kamen, waren nicht mehr zu ertragen, und schon gar nicht zu gebrauchen. Denn ich konnte nicht noch einmal nach vorne gehen und ihnen das alles sagen. Bis ich dort war, waren die ganzen Gedanken sowieso verschwunden, und wenn ich dann vor ihnen stand, dann w√ľrde ich wieder kein einziges Wort hervorbringen.


Ich stand noch immer da, in genau derselben Position wie eben. Und ich w√ľnschte mir, ich w√§re einfach in meinem Zimmer geblieben. Ich w√ľnschte, ich h√§tte die Musik laufen gehabt, ich w√ľnschte, ich w√§re in der Lage gewesen, genau in diesem Moment ihre Stimmen einfach ausblenden zu k√∂nnen.
Ich w√ľnschte, ich w√§re in diesem Moment taub gewesen.

"Dann sollten wir uns trennen"...


__________________
I'm slowly fading away...

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willow
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

bemerkenswert beobachtete Situation, mit gutem R√ľckblick, vor allem der Blick der Mutter, dieses auferlegte Schweigen.

Eigenartig, wie sehr die Worte auch rauswollen, sie k√∂nnen manchmal nicht. Und hinterher, wenn es zu sp√§t ist, macht man sich dann Vorw√ľrfe, nichts gesagt zu haben. Oder eben auch nicht. Vielleicht wird einem klar, dass man in einer vergleichbaren Situation jedes Mal ganz genauso reagiert h√§tte, auch wenn man schon lange erkannt hat, dass gerade dieses Schweigen eigentlich falsch ist.

Mir gef√§llt am Ende vor allem der Wunsch der Protagonistin, in eben diesem Moment lieber taub zu sein, als das eigentlich Unausweichliche mit anh√∂ren zu m√ľssen.

Lieber Gruß,

willow

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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

Werke: 587
Kommentare: 977
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stumm

eine unertr√§gliche Situation, besonders f√ľr die beiden Partner. Sehr anschaulich geschildert

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fallen angel
Hobbydichter
Registriert: May 2002

Werke: 6
Kommentare: 2
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ja, was soll ich sagen? wahrscheinlich wäre "danke" das am ehesten Angebrachte. ich schätze die Kritiken wirklich sehr, egal in welcher Hinsicht - denn man kann ja nur draus lernen, richtig?

zu der Geschichte... na ja, es ist nicht einfach, und warum konnte ich es so anschaulich schildern... na, kennt ihr die Antwort...?

fallen angel
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