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Leselupe.de > Kurzprosa
stumme Nacht
Eingestellt am 25. 12. 2009 11:44


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Gernot Jennerwein
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Es gibt Augenblicke im Leben, da wartet man auf jemanden, wei├č aber nicht, auf wen man wartet und macht es trotzdem. Solche Stunden sind immer langwierig und ├╝beraus vergeblich. Wenn niemand kommt, dann kommt eben niemand. Begreift man das nach einer Weile, dann macht man sich auf den Weg.

In diesem elenden Zustand betrete ich meine Stammkneipe. Es ist zu warm in der Stube. Die Beleuchtung ist heruntergedreht. Brennende Kerzen stehen ringsherum und ein krummer Weihnachtsbaum blinkt in der Ecke, wie eine Illusion. Am Stammtisch sitzen ein paar altbekannte, traurige Gestalten. Die Stimmung ist arg und ich bin willkommen.
Nichts, wenn man es ├╝berlegt, kann wohltuender sein, als sich in einsamen Momenten unter Gleichgesinnten zu befinden. Man trinkt zusammen, nimmt Anteil und hat sich gerne. Es ist der Klub, der einsamen Seelen, dem man beigetreten ist.
Und doch kann diese Laune nicht dar├╝ber hinwegt├Ąuschen, dass es einen tief im Innern friert und so schmachten wir an diesem Abend dahin.
Es wird nur wenig gesprochen und man prostet sich verst├Ąndnisvoll zu. Die Wirtin; eine Steyrerin, von Beruf aus recht trinkfest, ist doch stark benebelt; ich sehe sie kl├Ąglich das Bier ausschenken, wobei sie hin und her schwankt. Sie schaut sentimental drein und schwarze Tr├Ąnen rutschen ├╝ber ihre Backen.
Ein alter Bekannter betritt das Lokal und gesellt sich zu unserem Haufen. Er setzt sich neben mich. Wir werden sch├╝chtern, denn er ist der gro├čartigste Kerl der ganzen Stadt. Trotzdem aber entgeht es mir nicht, dass auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasitzt. Das erste Bier kippt er beinahe in einem Zug hinunter und dann sagt er vorwurfsvoll:
ÔÇ×Was sind das f├╝r Tage, die ihr verbringt?ÔÇť
Wir werden etwas verlegen. Der h├╝nenhafte Kerl hat leicht lachen. Er ist gut aussehend, hat in allen Zeiten Geld und die Frauen liegen ihm zu F├╝├čen.
ÔÇ×Armselig seid ihrÔÇť, sagt er, ÔÇ×seht mich an, ich hab mich vor drei Monaten scheiden lassen und mir geht es hervorragend. Die Kinder sehe ich nur noch jedes zweite Wochenende, die restlichen verbringe ich mit Frauen, mit immer anderen, versteht sich. Das Leben ist herrlich und ihr erstickt hier beinahe vor Selbstmitleid.ÔÇť
Keiner von uns sagt etwas darauf. Seine Worte treffen uns hart. Zum Trost bestellt er eine Runde Schnaps. Misshandelt, wie ich bin, trinke ich gerne mit. Es ist, als w├Ąre es Medizin, die uns der Peiniger verabreicht.
Nach drei weiteren Runden freuen wir uns laut, nur die Wirtin bleibt still hinter der Theke. Wir sind auf einmal mutig, erz├Ąhlen uns billige Witze und lachen fortw├Ąhrend.
Aber der viele Alkohol zeigt bald seine andere Wirkung. Wir sitzen wieder stumm und betreten am Tisch.
Es ist nach zehn Uhr und die Wirtin dreht das Radio an. Ein Chor singt ÔÇ×Stille NachtÔÇť und ich glaube, im Gedanken singen wir alle mit, so schauen wir in den Raum. Ich sehe in das Gesicht unseres Wohlt├Ąters. Sein Blick scheint in die Ferne gerichtet. Er ist bleich geworden. Seine Brust hebt sich unruhig auf und ab. Zwei tiefe Schluchzer kommen aus seiner Kehle. Er steht auf und schleicht sich aus dem Lokal.


Version vom 25. 12. 2009 11:44
Version vom 26. 12. 2009 07:56

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Odilo Plank
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stumme Nacht

quote:
Er setzt sich neben mich. Wir werden sch├╝chtern, denn er ist der gro├čartigste Kerl der ganzen Stadt.
Lieber Gernot,
da h├Ątte ich gern eine anschaulichere Typisierung. "Gro├čartigster Kerl" sagt mir nichts, und das hat auch der gro├če Zampano nicht verdient.
LG Odilo
__________________
Odilo P.
"Wer ├╝ber sein Leid spricht, tr├Âstet sich bereits." A. Camus

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Gernot Jennerwein
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hallo Odilo

hm, jetzt machst du mich etwas verlegen, eine Typisierung des Prots folgt eigentlich unmittelbar auf den Satz, den du bem├Ąngelst:

quote:
Ein alter Bekannter betritt das Lokal und gesellt sich zu unserem Haufen. Er setzt sich neben mich. Wir werden sch├╝chtern, denn er ist der gro├čartigste Kerl der ganzen Stadt. Trotzdem aber entgeht es mir nicht, dass auch er mit einer gewissen Verlegenheit dasitzt. Das erste Bier kippt er beinahe in einem Zug hinunter und dann sagt er vorwurfsvoll:
ÔÇ×Was sind das f├╝r Tage, die ihr verbringt?ÔÇť
Wir werden etwas verlegen. Der h├╝nenhafte Kerl hat leicht lachen. Er ist gut aussehend, hat in allen Zeiten Geld und die Frauen liegen ihm zu F├╝├čen.

ist das zu wenig, oder meinst du es sollte sogleich eingebunden sein?

hallo Ternessa
oje, da hat sich wieder mal das bl├Âde "wie" bei mir eingeschlichen, danke f├╝r deinen Hinweis, ich tilge es.
Und es freut mich, dass dich die Geschichte anspricht.

liebe gr├╝├če euch beiden

Gernot

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