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Leselupe.de > Kurzprosa
überlebt - die Hölle der FSME
Eingestellt am 22. 05. 2001 02:40


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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
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"Eine harmlose Sommergrippe. Da machen Sie sich nun mal keine Sorgen. Legen sie sich eine Woche ins Bett, dann geht’s wieder."
"Ich mache mir keine Sorgen Doc. Nur diese verdammten Kopfschmerzen. Manchmal habe das Gefühl, als würde mir die Schädeldecke mit einer Trennscheibe aufgeschnitten."
"Hmmh, die Kopfschmerzen sind etwas ungewöhnlich. Aber das hängt sicher mit der Hitze zusammen." Der schmächtige Mann mit der randlosen Brille nickte wissend und machte eine wiegende Bewegung mit der Hand. "Diese Grippe im Frühjahr, die macht mir Sorgen, die hätten sie nicht übergehen sollen. Das war gar nicht gut. Gar nicht gut."
"Ja, ich weiß, ich weiß. Aber das ging nicht anders. Zu viel Arbeit. Ich konnte mein Geschäft nicht im Stich lassen. War doch gerade im Aufbau. Ist ja diese Woche schon schlimm genug."
"Nein, nein. Diesmal lassen sie das schön bleiben. Diesmal ruhen sie sich aus. Damit ist nicht zu spaßen. Auch nicht bei einer kleinen Sommergrippe. Ist das klar?"
"Ja Doc. Ist klar. Ich werde mich ins Bett legen und pflegen lassen."
"Gut. Kommen sie dann in einer Woche wieder vorbei. Ich will mir das dann noch einmal ansehen, okay."
"Hmmh, danke Doc, bis nächste Woche."

Ein gequältes Stöhnen, wie aus unendlicher Ferne, drang über die Lippen, des etwa fünfunddreißigjährigen Mannes und seine Lider flatterten nervös. Nur einen kleinen Augenblick lang. Dann lag er wieder da wie die letzten Tage zuvor. Reglos. Stumm. Nur die Maschine, an denen der Schlauch der aus seinem Mund kam, angeschlossen war, sang ihr endloses Lied. Fauchend. Schnaufend. Geduldig.
Die Krankenschwester die an seinem Bett saß hob den Kopf, horchte einen Atemzug lang, und senkte dann ihr kleines Taschenbuch, in dem sie lustlos herumgeblättert hatte.
Sie erhob sich, legte ihr Buch achtlos zur Seite und trat ganz nahe an das Bett ihres Patienten heran. Gleichzeitig griff sie nach dem Schalter mit dem kleinen roten Knopf, der etwa einen Meter über der Brust des Mannes baumelte.
Beinahe augenblicklich öffnete sich die Tür des Krankenzimmers und eine junge Ärztin steckte ihren Kopf herein. "Hallo Andrea, gibt es Probleme?" fragte sie und trat ein. Sie ließ ihre Blicke über die Anzeigentafeln, die Instrumente und die Infusionsständer mit ihren zahllosen Kabeln und Schläuchen, die rund um das Bett aufgebaut waren huschen, und warf der Schwester ein fragendes Lächeln, in dem eine ungewisse Sorge spiegelte, zu.
"Nein, keine Probleme", erwiderte diese schnell. "Aber ich glaube er hat sich bewegt. Zumindest habe ich ein Geräusch gehört. Es kann auch sein, dass er nur gestöhnt hat." Sie zuckte mit den Schultern.
"Hmmh, ist gut." Die Ärztin trat näher, nahm behutsam die rechte Hand des Mannes und drückte sie kurz. Sie legte ihre linke Hand auf die heiße, fiebrige Stirn ihres Patienten, und strich in einem zärtlichen Reflex sachte darüber.
"Komm wach auf", flüsterte sie und wischte eine Strähne seiner schweißfeuchten Haare aus der Stirn. "Wach auf, wir brauchen dich. Hörst du? Du kannst hier nicht ewig herumliegen und faulenzen. Am Hof wartet eine Menge Arbeit auf dich." Ihre Stimme hatte eine fordernde Tonlage angenommen, obwohl sie so leise flüsterte, dass die Schwester, die neben ihr stand, die Luft anhalten musste, um die Ärztin zu verstehen.
Doch in dem Gesicht des Mannes regte sich kein Muskel. Nichts verriet ob die eindringlich geflüsterten Worte den Mann erreicht hatten, oder nicht. Die Sekunden verstrichen, während die Frau ihre Augen nicht von ihm abwenden wollte. Als nach einer endlos langen Minute noch immer keine Regung kam, huschte ein Schatten über das hübsche Gesicht der Ärztin und sie wandte sich enttäuscht ab. In ihren Augen glitzerte eine ungeweinte Träne.
"Es kann auch sein, dass ich mich getäuscht habe", die Stimme der Schwester hatte sich dem Flüstern der Ärztin angepasst. Sie sprach leise, kaum vernehmlich.
"Ja, vielleicht?" Mit wenigen Handgriffen und geübtem Blick kontrollierte die Ärztin die Anzeigetafeln, den Sitz der Infusionsnadeln und zupfte ein wenig an der Decke des Mannes, wohl wissend, wie sinnlos diese Handgriffe in Wirklichkeit waren.
Ihr Blick wanderte dabei immer wieder zum Kopf ihres Patienten. "Achte bitte weiterhin auf jede Änderung, Andrea ja?" Die Stimme der jungen Ärztin wirkte etwas gefasster, wenn sie auch noch immer sehr leise sprach.
"Du kennst ihn, nicht wahr?"
"Ja", die Ärztin nickte. "Ich kenne ihn. Ich kenne ihn schon sehr lange. Ich kenne ihn wahrscheinlich besser, als er sich selbst. " Ein Seufzen quälte sich über ihre Lippen und sie verstummte. Für einen langen Augenblick war nur das geduldige Fauchen der Maschine, die die Beatmung des Mannes unterstützte, zu hören. "Er hat mir vor langer Zeit einmal bei der Ausbildung meines Pferdes geholfen." Sie setzte sich mit einer müden Bewegung ans Ende des Krankenbettes.
"Ist lange her. Ich habe mir dieses Pferd eingebildet", erzählte sie weiter, während die Krankenschwester daneben stehen blieb und zuhörte. "Obwohl mir jeder, der den Besitzer und dieses Tier kannte, abriet." Sie wischte mit einer unruhigen Handbewegung durch die Luft. "Ich war damals ein ziemlich junges, dummes Ding und wollte wohl mir und der Welt um mich herum etwas beweisen." Ihre Augen wanderten wieder unvermittelt über die Anzeigentafel und den Körper des Mannes.
"War es sein Pferd?" fragte die Schwester neugierig und deutete mit dem Kopf auf das Bett.
"Nein, nein", beeilte die Ärztin sich, der Krankenschwester zu versichern, und fragte sich einen Augenblick warum sie der Schwester ihre Geschichte erzählen sollte. Sie hatte noch nicht einmal danach gefragt. Aber dann sprach sie doch weiter. "Nicht sein Pferd. Er hat es zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal gekannt. Nein. Das Pferd kam aus einem Privatstall. Einem sehr vernachlässigten Privatstall. Und es war böse. Ich habe bis dahin noch nie ein böses Pferd gesehen oder gekannt. Ich wusste nicht einmal, dass es so etwas gibt. Verstehst du, ich meine nicht ein Pferd das beisst, wenn man ihm zu nahe kommt, oder ein Pferd, das nach einem ausschlägt. Nein. Es war ein Pferd, das mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln versucht, dich zu verletzen. Ein Pferd, schwarz wie der Teufel, und böse wie zehn Dämonen." Sie schüttelte abwehrend den Kopf. "Ich habe mir einreden lassen, es wäre nur nervös, und habe es gekauft." Die Ärztin schüttelte wieder den Kopf und ein leichtes Lächeln huschte um ihre Mundwinkeln. "Gott, war dieses Pferd schön. Ich habe nie zuvor ein herrlicheres Tier gesehen. Aber den Ärger den ich mir mit diesem Pferd eingehandelt habe, kann ich gar nicht aufzählen. Wir würden morgen noch hier sitzen." Das Lächeln wurde wehmütig, fast traurig.
"Als sie mich mit meinem Pferd des Stalls verwiesen haben, gaben sie mir eine Adresse. Dort sollte ich vorbeisehen. Wenn sie dir irgendwo helfen können, dann dort, meinten sie. Ich habe mir einen anderen Stall gesucht, zwei Wochen später wieder einen anderen, dann habe ich es privat untergestellt, und dann habe ich dort angerufen. " Die junge Frau lächelte wieder. Ein wissendes Lächeln, das sie mit einem langen, beinahe liebevollen Blick zu dem Mann in dem Krankenbett verband.
"Konnte er dir helfen", die Krankenschwester neigte kurz den Kopf und lauschte dem Fauchen der Maschine. Hatte sie eine Veränderung gehört, oder war es eine Täuschung? Die Ärztin lehnte sich zurück. Sie hatte anscheinend nichts vernommen. Also entspannte sich auch die Schwester wieder.
"Ja. Er hat mir gezeigt, wie man mit einem Pferd umgeht, er hat mir meine Schwächen gezeigt und er hat mir geholfen meine Schwächen in Stärken umzukehren. Er hat es geschafft, aus einem bösen Pferd ein lammfrommes Tier zu machen. Obwohl es noch lange keine anderen Menschen mochte und lange niemand außer ein paar Leute an sich heran ließ. Er hat uns zu einem Team zusammengeschweißt. Mehr noch. Er hat mir unbewusst den Rückhalt geboten, den ich brauchte um mein Studium durchzuziehen." Ihre Stimme wurde wieder leiser, flüsterte. "Wir waren ein Paar . . . und ich war sehr verliebt. Ich weiß nicht, wie ich es ohne ihn geschafft hätte." Einen langen Atemzug lang sagte sie nichts mehr. Nur das Fauchen der Maschine war in dem Schweigen zu hören.
"Irgendwann haben wir uns getrennt und ich habe ihn aus den Augen verloren, bis er vor fünf Tagen hier eingeliefert wurde."
"Sie haben ihn in seiner Wohnung gefunden", versuchte die Schwester zu erklären. "Seine Frau ist mit den Kindern irgendwo im Urlaub. Niemand weiß wirklich, wie lange er schon krank ist." Sie beobachtete die Ärztin, die unwillkürlich die Hand des Mannes ergriffen hatte. "Die Ärzte, die Nachtdienst hatten, dachten er würde die erste Nacht nicht überleben."
"Hmmh, ich weiß", erwiderte die Ärztin. "Ich sehe in jeder freien Minute vorbei, seit er bei uns ist." Sie senkte ihre Stimme wieder zu einem Flüstern. "Ich denke, das bin ich ihm schuldig."
"FSME", versuchte die Schwester den Faden wieder aufzunehmen. "Der Befund ist heute Vormittag gekommen. Weißt du zufällig ob er geimpft war?"
"Frühsommer-Meningo-Enzephalitis, der gemeine Holzbock und sein dämonisches Nervengift. Er war mit Sicherheit geimpft. Er wusste ob solcher Gefahren. Nein, so widersinnig sich das für jeden, der ihn kennen mag, anhören muss, leichtsinnig war er nie." Die Ärztin erschauerte und verbesserte sich schnell. "Ist er bis jetzt nie gewesen." Sie stand auf und streckte sich leicht. "Er wurde als einziger nicht ein einziges Mal von meinem Pferd gebissen. Einmal geschlagen. Aber nur weil ich unachtsam war und er sich schützend vor mich stellte. Aber nie gebissen. Kannst du dir das vorstellen. Dieses Pferd ging auf jeden und alles los. Nur auf ihn nicht." Sie legte den Kopf in den Nacken und atmete tief durch.
"Gib auf ihn acht . . . bitte." Sie wandte sich zum Gehen, und die Schwester war mit dem Mann und der Maschine wieder allein.

Schwarz. Pulsierende finstere Schwärze. Weit weg, nur ahnend zu begreifen, dunkelrotes flackerndes Glühen, gleich einem höllischen Horizont.
Schmerzen. Rasende, pochende, reißende, sägende, schreiende Schmerzen. Brüllend. Hämmernd. Endlos.
Bilder. Düstere, rabenschwarze Bilder. Abstrus, dämonenhaft, hetzen sie durch den Geist.
Jagen, drängen. Treiben Schmerz und Geist durch die Unendlichkeit. Gleich einem teuflischen grausamen Feuersturm, der nur lebt um zu vernichten.
Blitze, explodierende Lichter in schwarz. Strudel die hinabreißen in unendliche Tiefen. In Höllenmäuler voll glühender, alles verzehrender Schmerzen. Dröhnend, und doch lautlos.
Denn nur der eigene Geist vernimmt die verzweifelt flehende Stimme. Die um Gnade wimmert.
Die Hölle. Es gibt sie.
Ich war da . . . ich habe sie gesehen . . . ich habe sie gespürt.

"Können sie mich hören?"
"Ja, natürlich."
"Nicken sie mit dem Kopf, wenn sie mich verstehen."
"Ich kann dich verstehen."
"Ich denke er hört uns. Können sie mit dem Kopf nicken, bitte."
"Aber warum soll ich mit dem Kopf nicken. Ich sage dir doch, dass ich dich verstehe."
"Macht nichts. Kein Problem. Schließen sie die Augen und öffnen sie sie wieder, wenn sie mich verstehen, ja."
"Du bist sehr hübsch, weißt du das? Ich kann dich übrigens gut verstehen. Wo bin ich hier eigentlich? Ist das der Himmel? Dann musst du ein Engel sein. Ja, so sehen sicher Engel aus. Du bist wunderhübsch. Ich habe übrigens keine Schmerzen mehr. Warst du das, schöner Engel. Hast du mir die Schmerzen genommen?"
"Vielleicht kann er uns doch nicht hören?"
"Aber ich höre dich doch. Was soll denn das?"
"Er driftet wieder weg. Wir verlieren ihn wieder. Oh, nein. Verständigen sie mich bitte, sobald er wieder wach wird. Und rufen sie bitte Frau Doktor Eder, sie kennt ihn anscheinend, ja."

Schwärze. Dunkel, samtig. Nicht mehr bedrohlich. Nur in weiter Ferne lauernd. Manchmal nähert sich ein fernes Grollen, dunkelrotes Wabern einer fremden Welt. Als ob das Grauen hinter dem Fenster sitzen würde und warten. Warten darauf hereinkommen zu dürfen. Und manchmal kratzt es an dem Fenster, und manchmal steigt es durch das Fenster herein und streift meinen Geist. Zerrt an mir. Aber etwas anderes, etwas Zartes aber Starkes, kämpft mit ihm und nimmt mich ihm weg. Entführt mich an einen sicheren Ort. Bis das Grauen mich wieder entdeckt, seine Klauen nach mir ausstreckt und das böse Spiel von Neuem beginnt.
Ich schwimme, kämpfe, muss der zarten Hand helfen. Muss ihr helfen, das Böse zu besiegen. Ich schwimme im Wildwasser. Nur ist es kein Wasser, es ist zäher, dunkler. Will mich in seine Tiefen ziehen. Ich schwimme, kämpfe ums Überleben. Ich muss ihr helfen. Ihr, die mir die Hand reicht.

"Guten Morgen, sie sind ja wieder wach. Wie geht es ihnen denn?"
"Hallo Engel, warst du das dort unten? Hast du mir geholfen? Sind wir in Sicherheit?"
"Können sie mich verstehen?"
"Ja sicher. Warum fragst du? Du hast eine so schöne Stimme."
"Versuchen sie mit dem Kopf zu nicken, wenn sie mich verstehen."
"Warum soll ich mit dem Kopf nicken? Okay, okay, wie du willst. Dabei möchte ich dir doch so viel sagen."
"Gut, sehr gut. Sie können uns also hören. Wie ist ihr Name?"
"Mein Name ist . . . mein Name ist . . . mein Name . . . ich weiß nicht genau. Mein Name ist . . . oh, das ist mir jetzt peinlich. Ich habe meinen Namen vergessen. Ich merke mir Namen nicht besonders gut, weißt du. Aber dass ich meinen eigenen vergesse, das ist aber auch zu dumm. Mein Name ist . . . "
"Ruhig, ganz ruhig. Kein Problem. Ihr Name ist Manfred . . . "
"Hmmh, das ist nicht mein Name. Tut mir leid mein Engel. aber das ist nicht mein Name. Du musst jemand anderen meinen. Mein Name ist . . . jetzt weiß ich es wieder. Mein Name ist Fredy. Ja. Schade. Ich dachte ihr im Himmel seid allwissend. Vielleicht bin ich doch nicht im Himmel. Schade auch."
"Können sie sprechen? Nein. Auch kein Problem, das wird wieder. Im Moment ist es wichtig, dass sie sich ausschlafen. Gut. Haben sie große Schmerzen?"
"Hey, was soll das? Ich spreche doch die ganze Zeit mit dir. Du bist kein Engel, okay. Hab es kapiert. Schmerzen habe ich, ja. Sie sind im erträglichen Bereich. Was nun?"

Langsam dämmert mir, dass meine Stimme nur in meinem Kopf ist. Ich kann sie hören. Aber nur ich. Sie kann mich nicht hören. Schade auch. Der schöne Engel kann mich nicht hören.
Enttäuschung breitet sich aus. Zerrt an mir. Mein Engel lächelt. Ein Lächeln, das mich mit allem versöhnt. Es ist nicht schlimm, dass sie mich nicht hören kann. Solange sie lächelt.

"Haben sie große Schmerzen? Vermutlich. Wir geben ihnen relativ starke Schmerzmittel, können aber ohne ihre Angaben nicht sagen, ob sie ausreichen." Sie verharrte einen Atemzug lang. "Können sie mich verstehen, ja?" Ihr Lächeln war so freundlich wie mitfühlend. Wie kann er das nur überlebt haben, dachte sie dabei. Die Meningitis allein war bereits so weit fortgeschritten, als sie ihn eingeliefert hatten, dass es an ein Wunder grenzte, dass er noch lebte. Was das Nervengift des Zeckenbisses angerichtet hatte, daran wollte sie im Augenblick lieber nicht denken. Sie drückte leicht die Hand ihres Patienten und strich ihm dabei mit dem Fingernagel über den Handrücken. Kein Anzeichen verriet ihr, ob er ihre Berührung verspürt hatte. Wahrscheinlich nicht, dachte sie und blickte ihm lächelnd in die Augen. Der Zeitpunkt an dem sie ihm erklären musste, dass er außer einem Kopfnicken keine Bewegungen mehr machen konnte, würde noch früh genug kommen. Sie wollte ihn jetzt noch nicht damit beunruhigen. "Sie können mich verstehen, nicht wahr? Nur mit dem Kopf nicken. Gut." Ihr Lächeln hellte sich wieder auf. "Gut. Sehr gut. sind die Schmerzen erträglich?" Ein Nicken des Kopfes antwortete ihr. "Fein", dankbar nickte die Ärztin. Wenigstens etwas, das sie hatten tun können. Sie ließ ihren Blick noch ein letztes Mal über die Instrumente und Anzeigentafeln schweifen und kontrollierte die Infusionen, die tropfenweise über je zwei Nadeln in beiden Unterarmen ihre überlebenswichtige Flüssigkeit spendeten.
"Ich muss dann weiter, aber ich sehe heute noch mal nach ihnen, ja?" Wieder lächelte die Ärztin ihn an. Sie warf der Krankenschwester, die neben dem Bett stand und das Geschehen wortlos mitverfolgt hatte, ein paar schnelle Anweisungen zu, machte auf dem Absatz kehrt und ging, nicht ohne ihm ein letztes Lächeln zu schenken.

Es ist dieses Lächeln, an das ich mich heute noch erinnere. Das Lächeln und diese unendlich geduldige Liebe, die mir in diesem Krankenhaus begegnete, solange ich dort war. Auch in den vielen Stunden, die ich später noch dort verbringen musste, fand ich nichts anderes als Liebe, Fürsorge, Anteilnahme und grenzenlose Geduld.
Ich möchte mich heute bedanken. Nicht bei dem Team von Ärztinnen und Ärzten, von Schwestern und Pflegern, denen ich damals nicht nur mein Überleben zu verdanken habe, sondern die mir mein Leben, so wie ich es heute wieder führen kann, gegeben haben, sie sind meine Freunde geworden; sondern bei all denen, die ebenso wie sie an der Front stehen. Dort wo über Leben und Überleben entschieden wird. Die all ihre Kraft und Energie aufwenden, um für uns zu sorgen. Für uns, die wir es meist nicht einmal zu schätzen wissen. Biestig und grantig in unseren Schmerzen und Sorgen. Dank euch allen, ihr guten Geister. Ohne euch wären die meisten von uns verloren.

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flammarion
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eine

sehr anrührende geschichte, gut erzählt. die wenigen fehler kann man ob der vortrefflichen lektüre leicht übersehen. da kann ich nur noch sagen: willkommen in unserer mitte! ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Fredy Daxboeck
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danke

danke liebe marion, dass du mich in eure mitte aufgenommen hast. es ehrt und freut mich sehr.
aber die fehler . . . die fehler . . . die fehler kratzen ein wenig an meinem ego.
bitte erlöse mich und sag mir, wo ich gepatzt habe.

herzlichen dank und liebe grüsse

fredy
________________________________

die hölle ist nicht irgendwo dort draussen
sie sitzt in dir
doch diese erkenntnis macht mich nicht klüger
sondern nachdenklicher

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Fredy Daxboeck
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Feb 2001

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*anlässlich des threads "der dichter und sein leid" hochgepostet und zur begutachtung freigegeben.

ich möchte vielleicht noch dazusagen dass dies eine authentische geschichte ist. da ich sie aber weit hinter mir und überstanden habe, bitte ich um eure meinung zum text.

vielen dank

fredy
_____________
denn um zu lernen ist es nie zu spät

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Rote Socke
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber fredy,

über den Inhalt hatte ich Dir schon einiges gesagt. Leider kann man den Inhalt nicht ändern oder rückgängig machen.

Im Text gefällt mir besonders gut, wie Du neben der eigenen Story auch noch so als Nebengeschichte von der Ärztin berichtest. Diese Stellen sind schön geschrieben.
Ich finde aber, Du solltest manches was Dich betrifft im Text, etwas in einem schnelleren Sprachstil schreiben, um so die Dramatik um Deinen Zustand zu erhöhen, denn es war ja eine gewaltige Dramatik dieses Erlebnis. Es gab bange Stunden um Dich und das sollte stärker in den Vordergrund treten.

Wie auch immer, es ist ein guter Text, der sich nicht nur wegen dem Inhalt gut lesen lässt.

Gruss
RS (Und wieder blieb die Klinge in der Scheide stecken. Konnte nur mal kurz an der Oberfläche kratzen)

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gladiator
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Schöne Geschichte

Hat mir sehr gut gefallen. Die Passagen mit den Schilderungen der Visionen/Träume fand ich teilweise etwas kitschig, aber du wirst das sicher besser beurteilen können als ich.

Ich merke, es ist schwierig, einen Text zu bewerten, wenn er authentisch ist. Ich tu's trotzdem.

Natürlich trifft das Unglück oft unvermittelt und meist die Falschen. Aber ich finde den Mann durch die Erzählungen der Frau etwas zu überhöht dargestellt. Kein Mensch ist "nur gut", mag sein, daß Du es auch nicht so darstellen wolltest, aber so kommt er bei mir an...

Gruß
Gladiator
__________________
Die Raben fliegen in Scharen, der Adler fliegt allein.

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