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Leselupe.de > Kurzgeschichten
untitled
Eingestellt am 27. 07. 2001 13:39


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Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

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Vielleicht war dies das Ende. Das Wetter war schlecht, es regnete schon den ganzen Tag lang. Die Bahnen waren voll, schwitzende, stinkende Menschen drĂ€ngten dicht an dicht, und ich freute mich ĂŒber meinen Sitzplatz, der es mit allerdings nicht erlaubte, mehr als den dicken Hintern einer Frau zu betrachten. Gleich wĂŒrde der Bahnhof kommen, ein großer Umschlagplatz, da wĂŒrde es sicherlich leerer werden. Das Kind auf dem Schoß neben mir zappelte, und ich dachte nur, wehe, wenn du mit deinen dreckigen, nassen Schuhen an meine schöne neue Hose kommst.
Die Durchsage fĂŒr den Bahnhof. Eine kaum wahrnehmbare Welle ging durch die Menschenmasse. Wer konnte, drehte sich bereits mit der Vorderseite in Richtung Ausgang. So machte man unauffĂ€llig deutlich, dass man die nĂ€chste Haltestelle aussteigen will.
Ich wollte noch nicht aussteigen, ich fuhr bis in den tiefen Osten der Stadt. Ich besuchte meine Freundin, die mich gar nicht mehr sehen wollte, aber das wĂ€re eine andere Geschichte. Der Fuß des Kindes kam meinem Bein ziemlich nahe.
Der Wagen bremste ab, das Gerangel um die besten PlĂ€tze begann. Ich freute mich schon auf die nĂ€chste Zigarette. Der Hintern vor mir kam in Bewegung, ich sah, wie sich der Slip abzeichnete. Die Hose war aus dunklem Wollstoff, da wo die Oberschenkel sich trafen, war der Stoff schon ein wenig aufgewetzt. Ein schönerer Hintern, und der Anblick wĂ€re verlockend gewesen. So aber war ich froh, dass diese Frau nun ausstieg. Ich wĂŒnschte, das Kind neben mir wĂŒrde auch aussteigen, aber es zappelte einfach weiter. Schlimmer noch, es begann zu weinen.
Ich schaute es an. Es war blond, wie so ziemlich alle Kinder blond zu sein scheinen. Vielleicht ein Jahr alt, vielleicht auch nicht. Woher sollte ich so was auch wissen. Ich kannte persönlich keine Kinder, und ich konnte mich auch nicht daran erinnern, selbst mal ein Kind gewesen zu sein. Offensichtlich war es ein MĂ€dchen, denn es trug rosa (wieso eigentlich???), auch wenn es - wahrscheinlich aus praktischen GrĂŒnden - statt eines Rockes oder Kleides eine Hose trug. Den Schnuller hatte es, nun da es zu einem wilden GeplĂ€rre angesetzt hatte, ausgespuckt, und er baumelte glitzernd und klebrig an einer weißen Plastikkette um den Hals. Vom Schnuller drohte daher eine zweite Gefahr, denn das Kind hatte immer noch nicht aufgehört zu zappeln, und so kam mir er zeitweilig gefĂ€hrlich nahe. Ich fragte mich, warum die Mutter - keine Schönheit, war wahrscheinlich auch noch nie eine - das Kind nicht unter Kontrolle kriegte.
Ich warf ihr einen Blick zu, doch ihre Augen waren kalt und nicht grade einfĂŒhlsam. Sie schienen sagen zu wollen: was willst du von mir, noch nie ein mĂŒdes Kind gesehen, noch nie eine mĂŒde Mutter gesehen? Und ich mochte zurĂŒck schreien, um das Gegreine des Kindes zu ĂŒbertönen: noch nie einen mĂŒden Maurer gesehen???
Doch ich schluckte meinen Ärger herunter, und just wurden meine Gedanken abgelenkt, weg von den Menschen um mich herum, weg von dem Weinen des Kindes, weg von der Mutter mit den kalten Augen, weg von dem Regen, dem Gestank der nassen Kleidung, den Fettflecken auf den Fensterscheiben, die von den Köpfen der FahrgĂ€ste zurĂŒckgelassen worden waren. Vor mir stand das bezauberndste Wesen, das ich je gesehen hatte.
Wie eine Prinzessin stand sie da, hielt sich an einer Haltestange fest und wirkte ziemlich gestresst. Die Kleidung war schick, aber vom Regen durchgeweicht. Das Haar klebte ihr in nassen StrÀhnen in der Stirn. Sie hielt die Augen geschlossen und lehnte mit ihrem Kopf an der Haltestange. Der Mund war schmal und wirkte zusammengepresst. Auf der Stirn waren Falten zu erkennen. Plötzlich zuckten ihre Mundwinkel und schoben sich unmerklich nach oben. Sie schien von etwas angenehmen zu trÀumen. Ich hÀtte gerne gewusst, was ihr die Sinne erheiterte. In diesem Moment stellte ich fest, dass ich mich sofort in sie verliebt hatte. Obwohl sie nichts besonderes war. Sie stand einfach nur so da und schien zu trÀumen. Vielleicht war es das, was mir so gefiel. An ihr. Ich.
Das Kind neben mir streifte mich endlich mit seinem Fuß, nun war es vollbracht, die Hose verdreckt mit Schlamm und Straßendreck, und eine Sekunde lang Ă€rgerte ich mich. Doch dann schaute ich wieder auf, auf zu meiner Prinzessin - die verschwunden war.
Ich suchte sie allzu unauffĂ€llig mit meinen Augen, doch sie musste wohl ausgestiegen sein, ohne mich zu bemerken. Jetzt hielt sich ein offensichtlich stark erkĂ€lteter Teenager an der Stange fest. Meine Augen blieben auf einem alten Mann, der auf der gegenĂŒberliegenden Seite saß, heften. Auch er hatte nasse Haare, die Kleidung war durchweicht. Seine HĂ€nde ruhten zitternd auf dem Knauf seines altmodischen Spazierstocks. Die Hose war auch altmodisch, aber im Gegensatz zu meiner sauber.

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flammarion
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erst einmal willkommen auf der lupe! eine nette kleine alltagsgeschichte hast du da geschrieben. du plauderst so unaufdringlich daher. ein kunstwerk ist es nicht, aber mach man so weiter, kann eigentlich nur besser werden. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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schwafelfasel
Guest
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also, ich

.. finde, das hier ist schon mehr als eine nette, kleine Alltagsgeschichte. Ich meine, diese Sache da mit dem Baby, die sich wie ein roter Faden durch die Handlung zieht; der Protagonist, der zuerst nur um seinen Hosen Angst hat, wobei ihm dann das Baby aber letztlich nicht nur die Hosen sondern vielleicht auch die Chance auf die Liebe seines Lebens ruiniert - da steckt schon eine gewisse bittere Ironie drin. Und durchaus auch Tragik, denn wer weiß, vielleicht wĂ€re dieses geheimnisvolle MĂ€dchen ja wirklich genau die Richtige fĂŒr den Maurer gewesen. Zwei Menschen, die vielleicht fĂŒreinander bestimmt sind, vom Schicksal zusammengefĂŒhrt und durch einen blöden Zufall wieder auseinandergerissen werden. Das hat doch was. (Nur aus dem Einleitungssatz werd ich nicht das ganz schlau - das Ende wovon?)

Schwafelfasel

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Marc Mx
AutorenanwÀrter
Registriert: Nov 2000

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Diese Szene ist nett formuliert, mit vielen, nachvollziehbaren Details, was das Ganze erst richtig lesenswert macht...
Doch mehr als eine Szene ist es nicht. Es ist definitiv keine Kurzgeschichte, sondern gehört mMn in die Rubrik "Sonstiges".
Wenn es eine Kurzgeschichte werden soll, dann muß daran noch ordentlich gearbeitet werden!

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Star
Hobbydichter
Registriert: Jul 2001

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Danke fĂŒr Eure Reaktionen!

Nun also erstmal eine kleine ErklĂ€rung zur Geschichte. Sie gehört in einen grĂ¶ĂŸeren Komplex, der erst in der beta-phase und sowieso zu 90% in meinem Kopf ist, und kann daher wirklich auf den ersten Blick etwas unvollstĂ€ndig wirken.

Im Prinzip geht es darum, alltĂ€gliches zu erzĂ€hlen - nicht zu plaudern, dann brauch ich es ja nicht schreiben, denn das bedeutet eine sinnlose Form der Kommunikation. Und meine Absicht ist dabei auch, Kunst des AlltĂ€glichen zu produzieren. Schade, wenn das nicht so rĂŒberkommt.

Aber dies ist ja auch wirklich erst die Rohfassung.

Zu konkreten MĂ€ngeln: 1) Einleitungssatz. Hasse recht. Muss ich mir noch was einfallen lassen, 2) keine echte Kurzgeschichte --> sie ist ja eine kurze Geschichte, deshalb steht sie hier und nicht woanders. Aber im Prinzip hasse recht, erst im Geschichtenkomplex wird sie ihre Bestimmung finden 3)Die Message ist ansonsten aber rĂŒbergekommen, yeah!, 4)werde fleissig weiter dran arbeiten

Danke also nochmal fĂŒr Eure Kommentare!

Star

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hero-freak
Guest
Registriert: Not Yet

verbesserung?

1. "In diesem Moment stellte ich fest, dass ich mich sofort in sie verliebt hatte. Obwohl sie nichts besonderes war."
diesen teil solltest du unbeding streichen!!! der zerstört das trÀumerische moment ...
2. du solltest auf den einleitungssatz zurĂŒckkommen und grĂŒnde fĂŒr die beobachtungen liefern oder gefĂŒhle

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