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Leselupe.de > Kurzgeschichten
vom schein zum sein
Eingestellt am 02. 10. 2000 20:11


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mortisha
Hobbydichter
Registriert: Oct 2000

Werke: 46
Kommentare: 30
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Er ist der beste seiner Klasse. Er ist so eine alte, schlechtverschweißte Popperseele. Hat sich immer gefragt, was denn die andern so an diesem Lärm finden konnten, den sie freitags spielten, wenn es voll wurde und grob. Er hatte das Gefühl, da muss doch irgendwas dahinterstecken? Dass sie diese Musik hörten, die ihm so kompliziert erschien, mit Texten über die Heimsuchung des Lebens, mit ihrem schreienden Nihilismus, da steckte doch mehr dahinter als groteske Gitarren. Er versuchte, eine Verbindung zu finden zwischen den Texten und ihrer Brutalität, dem Sound, der ihm, ehrlich gesagt, immer noch Angst machte und der Aussage, die die Drucke auf den Shirts der Bandmitglieder zu betonen sich bemühten. Die ihm unbegreifliche Gewalt des Komplexes aus Kunst und Ideologie erwuchs zu einem Mysterium, das ihn nicht umhin kommen ließ zu glauben, es handele sich um etwas, was er einfach nicht erfassen konnte. Womit folglich bewiesen war, dass die andern, die sich dem Treiben echt und ernsthaft hinzugeben in der Lage waren, es wohl schon begreifen mussten, wie sonst kämen sie dazu, sich dem in diesem Maße zu unterwerfen. Damals ließ er vom Mythos ab, als er sich nicht beweisen konnte, ihn bis zuletzt verstanden zu haben und daher das Interesse verlor, sich selbst als Narren auszuweisen, und sich gleichzeitig, um nicht in den Verdacht zu geraten, die Sache zu verraten, distanzieren musste. Denn es wäre wohl mit ziemlicher Sicherheit aufgeflogen, hätte er zu lang den Anhänger eines Glaubens gespielt, den er nicht begreifen konnte. Ein echter Poser also. Dem galt es konsequent auszuweichen. Jahre später einmal geriet in die Szene seiner ersten wirklich großen Niederlage zurück und genoss im Halbdunkel einer unermesslichen Fabrikhalle, umgebaut zur Demonstration gewaltiger Soundspektakel - zwischen schwitzenden, schwarzbekutteten, in keiner Weise rätselhaften Körpern, die der Apotheose auf der Bühne frönten, welche eine Woche voller Konsequenzen zu versprechen im Stande war, nicht allein, was den Untergang mittelständischer Allmachtsphantasien anzugehen schien, auch die Macht und Fähigkeit auditiver Wahrnehmung würde darunter zu leiden haben - das Bewusstsein der Abwesenheit jeglichen Mysteriums und das Geräusch, das das Blut in seinen Ohren machte, wenn sie der Rhythmus seines Pulses dem der Musik anpasste. Der Mythos intellektuellen Überhangs, der ihn begleitet hatte, löste sich auf und zurück blieben eine Anästhesie des Trommelfells und die Sicherheit, dass die vergangenen Jahre und Platten anmutiger Popmusik nicht umsonst und vergebens waren. Er hatte richtig gehandelt.
Er ist der beste seiner Klasse. Er ist der erste, der es weiß, der das Erscheinungsdatum kennt, und er ist der, der schweigt und genießt. Denn er ist der einzige. Sein Kult heißt Pop.

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---http://www.chronoMEtron.de---

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