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Leselupe.de > Kurzgeschichten
weinen
Eingestellt am 07. 09. 2001 20:05


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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

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Weinen

Ruth drĂŒckt den Filter ihrer Zigarette zwischen den Fingern zusammen, bis er flach genug ist, um sich angenehm zwischen die Lippen zu schmiegen. WĂ€hrend sie den Rauch langsam ausatmet, betrachtet sie die Risse, die von der Mitte der Tischplatte immer weiter nach außen vordringen. Sie hatte sich diesen Tisch gewĂŒnscht, eine dicke Ulmenscheibe, entrindet, aber sonst unbehandelt. Das Holz war wohl noch zu frisch gewesen, so biegt es sich langsam, wird schief und rissig.
Arno erzĂ€hlt Magda und Gero, ihren Nachbarn und Freunden mal wieder, wie untĂŒchtig Ruth selbst in Kleinigkeiten sei. Lachend berichtet er, dass sie nicht einmal ein Nummernschild an ihrem Auto richtig festmachen könne. So habe er sie ja auch kennen gelernt, ein hĂŒbsches MĂ€dchen in einem klapprigen Wagen dessen Nummernschilder mit Draht an den Stoßstangen befestigt waren. Da habe er einfach helfen mĂŒssen. Ruth hört Arno zwar zu, versuchte aber seine Worte nicht in sich eindringen zu lassen. Sie weiß wie wenig patent sie ist, wie Arno es gerne ausdrĂŒckt. Magda, halb im Sessel liegend, die HĂ€nde schĂŒtzend ĂŒber ihren schwangeren Bauch gefaltet, lacht herzlich ĂŒber diese Geschichte. Ruth versucht mitzulachen, aber als sie den spöttischen Blick von Gero auffĂ€ngt, muss sie wieder gegen das BedĂŒrfnis zu weinen ankĂ€mpfen. Arno liebt diese Anekdoten, sie merkt, wie er ihre Reaktion beobachtet, so hebt sie die Brauen, verzieht den Mund zu einem spöttischen LĂ€cheln und entgegnet,
„sei lieber froh dass nicht alle so tĂŒchtig sind wie du, sonst hĂ€ttest du viel mehr Konkurrenz. Das willst du doch sicher nicht, oder?“
Eine schwache Antwort, Arno bemerkt es sofort und setzt nach,
„es gibt auch nicht viele Frauen, die sich jahrelang damit begnĂŒgen in einer Bude zu sitzen und Lose zu verkaufen.“
Magda fÀllt ihm ins Wort,
„lass sie doch Arno, da kommt sie jedenfalls mal hier raus. Es ist sicher auch interessant, die Leute und so
“
sie will ihr wohl beistehen, machte es aber mit ihrer Bemerkung nur noch peinlicher.
Ruth mag es in dem kleinen HolzhĂ€uschen auf dem Marktplatz zu sitzen. Sie verkauft gerne Lotterielose - an aufgeregte fröhliche Kinder, an enttĂ€uschte Frauen mit schweren Einkaufstaschen – die immer direkt sagen, dass sie nie gewinnen – oder an Ă€rmliche MĂ€nner in abgetragenen AnzĂŒgen, die ein StĂŒck beiseite treten, bevor sie das Los mit ernstem Gesicht aufreißen.
Wenn niemand kommt, kann sie sich in die Welt eines Buches hĂŒllen oder der flinken Schneiderin im Änderungsatelier zusehen, manchmal schließt sie auch nur die Augen und versucht alle GerĂ€usche um sich herum zu deuten. All dies sind Dinge, die Ruth ihre Arbeit lieben lassen, aber, wie soll sie dies Gero mit seiner Softwarefirma erklĂ€ren, oder Magda, seiner ehemaligen Assistentin, die jetzt ganz ihre Mutterschaft genießen will. Bevor Ruth antworten kann, meint Arno mit unnachgiebigem LĂ€cheln,
„Ruth willst du uns nicht erzĂ€hlen, warum du dich so gerne in diesem BĂŒdchen zur Schau stellst?“
ohne auf eine Antwort zu warten, wendet er sich mit einem Auflachen an Gero,
„Ruth hat einfach das Problem, dass sie nur fĂŒr ihr hĂŒbsches Gesicht Anerkennung bekommt
ist es nicht so, Schatz? Wenn man sonst nichts hat, muss man sich die Anerkennung halt von den MĂ€nnern auf der Strasse holen. Es ist eigentlich ein Jammer,“
und zu Magda gewandt,
„Ruth ist eigentlich wirklich intelligent, nur macht sie nichts daraus
“
dann mit fordernd vorgestreckten Kinn zu Ruth,
„vielleicht wird es ja anders, wenn wir Kinder haben.“
Arno seufzt, wÀhrend er nach einer Zigarette greift,
„es wird wirklich langsam Zeit.“
Gero bedenkt Magda mit einem stolzen Blick und zĂŒndet sich ebenfalls eine Zigarette an.
Magda wedelt mit gequĂ€ltem Ausdruck mit der Hand vor ihrem Gesicht herum, Gero dreht sich sofort zur Seite und blĂ€st den Rauch ĂŒber seine Schulter. Arno tĂ€tschelt Magda unbefangen den Bauch und meint grinsend,
„das sollte der Kleine schon vertragen können, sonst wĂ€re er kein echter Scheibler
, nicht war Gero?. Außerdem kann ich dir als Arzt sagen, so schlimm ist das nicht mit dem bisschen Rauch.“
Magda entgegnet kĂŒhl,
„auch wenn du mein Arzt warst, du kannst mir glauben, ich merke sehr genau, was mir und meinem Kind bekommt, und was nicht“
Arnos LÀcheln verlÀsst seine Augen, nur der Mund grinst tapfer weiter,
„was meinst du damit, dass ich dein Arzt war? Keine Operationen mehr nach der Schwangerschaft? Gut lassen wir das Thema jetzt, fĂŒr mich ist es sowieso besser, weniger zu rauchen.“
Ruth ist zwar erleichtert, dass sie nicht mehr im Mittelpunkt steht, aber Magdas kleine Drohung bereitet ihr Unbehagen. Arno hatte vor wenigen Jahren noch eine normale Praxis als Chirurg, versorgte Schnitte, Platzwunden und machte kleine Operationen. Dann verlegte er sich auf plastische Chirurgie und wurde ein erfolgreicher Schönheitschirurg, nicht zuletzt weil Magda alle ihre Freundinnen zu ihm schleppt.
Ruth bemerkt, dass sie wieder viel zu flach atmet, das passierte ihr immer, wenn sie Spannungen um sich fĂŒhlte. Manchmal hatte sie das GefĂŒhl, ohne Haut zu leben, schon winzige Verstimmungen empfindet sie als Schmerz. Zum GlĂŒck springt in diesem Augenblick Kugelblitz, der dicke Kater, auf ihren Schoß. Dankbar lĂ€sst sie sich zurĂŒcksinken, damit er es sich auf ihrem Bauch bequem machen kann. Als er schließlich liegt, faltet sie sanft ihre HĂ€nde ĂŒber ihn, mit der gleichen Geste, mit der Magda ihren Leib umfasst. Warum fĂ€llt ihr jetzt nur keine lustige Geschichte ein, etwas, das alle von Magdas selbstsicherem Schweigen befreien wĂŒrde. Aber das einzige, wovon sie berichten könnte, wĂ€ren die völlig gewöhnlichen LoskĂ€ufer die sie jeden Tag sieht. Vielleicht hatte Arno ja auch Recht, sie genießt es wenn ein junger Mann ihr tief in die Augen sieht, manche kommen sogar öfter und versuchen sie zu einem Kaffe einzuladen. Ruth weiß, darauf kann sie sich nichts einbilden, sie ist hĂŒbsch und das ist auch das einzige, was sie zu bieten hat. Arnos Freunde sind alle erfolgreich, die Ehefrauen haben studiert, obwohl keine von ihnen arbeitet. Das schlimmste ist, dass sie Arno schon seit einem Jahr belĂŒgt, obwohl sie vorgibt, auch Kinder zu wollen, nimmt sie heimlich die Pille. Bald wĂŒrde er darauf bestehen, dass sie sich untersuchen lĂ€sst. Ruth hat Angst, Angst davor, als LĂŒgnerin entlarvt zu werden, Angst davor, Kinder zu bekommen und am meisten fĂŒrchtet sie, anzufangen zu weinen und nie mehr aufhören zu können. Die Unterhaltung setzt zögernd wieder ein, Gero berichtet von einem neuen Computerprogramm fĂŒr Ärzte und Magda erkundig sich bei Ruth nach einem Buch, was sie ihr einmal geliehen hat. Sofort setzt Ruth Kugelblitz auf den Boden und springt auf, um es zu holen, dankbar einen Augenblick wegzukommen. Sie muss eine Weile suchen und als sie mit dem Buch zurĂŒckkommt, herrscht schon Aufbruchstimmung. Arno kommt aus der KĂŒche und spĂŒlt zwei Tabletten mit einem großen Glas Wasser herunter. Das tut er fast jeden Abend, damit er schnell einschlĂ€ft. Magda lĂ€sst sich von Gero in den Mantel helfen und bedankt sich fĂŒr das Buch. Darauf folgen die ĂŒblichen Umarmungen und WangenkĂŒsse, bis morgen, man wĂŒrde sich ja sowieso im Garten sehen.
Arno verschwindet als erster im Badezimmer, die Schlaftabletten die er immer nimmt, wirken schon nach kurzer Zeit. Ruth hat einmal eine davon genommen, als sie furchtbar nervös war, weil ihre Periode trotz Pille ausgeblieben war. Sie war wenig spÀter in einen komaÀhnlichen Schlaf gefallen und erst nach zwölf Stunden wieder aufgewacht.
Ruth schminkt sich sorgfĂ€ltig ab, sieht sich dann solange im Spiegel an, bis ihr Gesicht sich aufzulösen scheint. Schließlich verzieht sie den Mund zu einem LĂ€cheln und geht ins Schlafzimmer. Arno liegt halb aufgerichtet im Bett und raucht ein Zigarillo, dies ist fĂŒr ihn das Schönste vor dem Einschlafen. Ruth findet den Gestank zwar kaum auszuhalten, hat aber schnell aufgegeben, sich darĂŒber zu beklagen. Arnos Argumente sind immer die gleichen, er mĂŒsse den ganzen Tag hart arbeiten und lasse sich dies kleine VergnĂŒgen nicht verleiden.
WĂ€hrend Ruth sich auszieht, bemerkt er schon mit etwas schleppender Stimme,
„willst du wirklich deinen Busen nicht vergrĂ¶ĂŸern lassen, es muss ja nicht viel sein, aber was du da hast, wĂŒrde ja kaum eine ZwölfjĂ€hrige zufrieden stellen“
Ruth spart sich eine Antwort, da sie merkt dass Arno langsam wegdÀmmert. Dann setzt sie sich wie jeden Abend auf seine Bettkante und wartet darauf, dass das Zigarillo ihm aus der Hand fÀllt.
Einmal hat sie nicht aufgepasst, weil sie im Wohnzimmer mit einer Freundin telefonierte. NatĂŒrlich war Arno eingeschlafen und hat ein großes Loch in die Matratze gebrannt. Nach dem gewaltigen Krach der hierauf folgte, Ruth musste sich tagelang anhören, dass sie nicht das mindeste VerantwortungsgefĂŒhl habe, weder fĂŒr ihn, noch fĂŒr die Beziehung, hat sie diese Pflicht nie mehr vernachlĂ€ssigt.
Ruth muss sich nicht lange gedulden, Arnos Kopf sinkt zur Seite, seine Finger öffnen sich, geschickt zupft sie die glĂŒhende Kippe heraus, wirft sie in die Messingdose und schließt den Deckel. Leise schlĂŒpft sie in ihr Bett, kauert sich zusammen und umarmt ihre Knie, dann zieht sie sich die Decke ĂŒber den Kopf. In diesem Zelt beginnt sie ruhig zu atmen, immer fester drĂŒckt sie das Gesicht gegen ihre Beine, bis sie merkte, wie der Schmerz in der Brust nach oben steigt, ihre Kehle entzĂŒndet und sie endlich weinen kann.

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Sigfrid
Hobbydichter
Registriert: Sep 2001

Werke: 2
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Es war wunderschön Deine Geschichte zu lesen, kein einziger Satz war ĂŒberflĂŒssig oder unnötig.
Besonders gut gefÀllt mir, wie Du Ruth beschteibst.
Man kann die Anspannung sehr gut nachspĂŒren, mit der sich diese "von anderen gelebte Frau" durch ihren Alltag bewegt.
Ich denke diesen Alltag eines Menschen, den Du schilderst und die UnfĂ€higkeit seine eigenen Interessen gegen die Bevormundung anderer durchzusetzen, kann man auf viele verschiedene Menschen mit unterschiedlichem Alltag ĂŒbertragen.
Nein, an dieser Geschichte habe ich nun wirklich nichts auszusetzen.Ganz ehrlich!

Gruß Sigfrid
__________________
Ich lerne immer wieder gerne dazu!

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
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ja,

das liest sich wie eine perlenkette. eine echte kyra-geschichte, druckreif. kommt in meine sammlung und bekommt 10 punkte. ich bete direkt, daß ruth erkennt, daß sie ihre liebe vergeudet. nichts in der geschichte macht den kerl liebenswert! ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Kyra
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Mar 2001

Werke: 64
Kommentare: 74
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hat sie

Hallo Oldick

Du schreibst:
ich bete direkt, daß ruth erkennt, daß sie ihre liebe vergeudet. nichts in der geschichte macht den kerl liebenswert!

das hat sie, damals war sie/ich 19
und er war natĂŒrlich nicht nur ein Ekel, aber schon auch sehr

Kyra

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flammarion
Foren-Redakteur
Routinierter Autor

Registriert: Jan 2001

Werke: 278
Kommentare: 8208
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oh,

das freut mich aber sehr! gratuliere! aber was war er am ende? grĂŒn oder bissig? ich kann das smily leider nicht einordnen. um noch was zu der geschichte zu sagen: ruth benimmt sich wie eine sklavin, und das ist kein mann wert. da bin ich aber erst vor zwei jahren drauf gekommen. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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Breimann
???
Registriert: Dec 2000

Werke: 38
Kommentare: 169
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GlĂŒckwunsch!!!

Nur GlĂŒckwunsch, nicht mehr; ich denke, das sagt alles aus!
Mit lieben GrĂŒĂŸen
eduard
__________________
Ich schreibe - also bin ich.

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