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Leselupe.de > Kurzgeschichten
wettbewerbsbeitrag
Eingestellt am 24. 05. 2001 14:19


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axel
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"Kritische Gedanken zur angeblichen Spaß- und MobilitĂ€tsgesellschaft" war die Ausschreibung und die folgende Geschichte mein Beitrag dazu

Der Auftrag

Thomas Bergner war an merkwĂŒrdige Anweisungen seines Chefs gewöhnt, aber jetzt wusste er rein gar nichts mit den Worten der post-it-Notiz auf seinem Bildschirm anzufangen. Philipp war im BĂŒro, nur durch einige StellwĂ€nde von Thomas Bergner getrennt, doch er hatte vorhin ziemlich unentspannt ausgesehen.
„Ich bin Philipp, den Hengst lassen Sie von jetzt an weg! Der Vorname und das Sie, so reden wir uns alle im Team an, das gilt sogar fĂŒr Friedhelm, unseren Hausmeister, den Sie ja vorhin schon kennen gelernt haben. Der wird den Bergner von nun an genauso wenig brauchen wie ich, denn hiermit sage ich Ihnen: Willkommen im Hyper-Team, Thomas!“
Es war jetzt beinahe drei Monate her, dass Philipp jene Worte gesprochen hatte, doch noch immer hatte Thomas Bergner Schwierigkeiten damit, seine spezielle Rolle in Philipps Firma genau zu definieren. Als „Creative Writing Assistant” war er in das Hyper-Team gekommen, jedenfalls hatte das in der Annonce gestanden, auf die er sich damals beworben hatte.
Schreiben konnte er, kreativ war er durchaus auch, von der Zukunft des Internet war er ĂŒberzeugt, und so war Thomas Bergner sicher, mit seiner Aufnahme in das Hyper-Team das ganz große Los gezogen zu haben.
„Mittlerweile haben wirklich alle begriffen, welche significance das Internet heute bereits hat und viele ahnen, welch future development noch kommen wird. Unsere success-ressource ist unsere knowledge-advance. Die big points macht, wer schneller ist. Der pacemaker bestimmt das Tempo und alle hecheln ihm hinterher. Dadurch macht er sich unentbehrlich.”
Heute schien die Geschwindigkeit nicht ganz so wichtig zu sein, denn auf dem Klebezettel stand: Termin 22 Uhr. Thomas Bergner hatte nicht unbedingt vor, so lange in der Firma zu bleiben, denn er wollte endlich einmal mit Kathrin auf die after-work-Party. Er hatte schon viel von diesen Partys gehört und natĂŒrlich mehrfach die Homepage der Organisatoren besucht. Die waren wenigstens auf der Höhe der Zeit, boten sie doch sogar die Möglichkeit der online-Reservierung, die Thomas Bergner auch schon mehrfach genutzt hatte.
Heute wollten Kathrin und er dann auch tatsĂ€chlich hinfahren, deshalb musste dieser Auftrag eher erledigt sein. Wenn er erst eine zĂŒndende Idee (oder wĂ€re jetzt: ‚creative breakthrough’ besser?) hĂ€tte, könnte er frĂŒher fertig werden. Doch diese Idee musste ihm kommen und als Voraussetzung dafĂŒr musste er begreifen, was die wenigen Worte der Anweisung zu bedeuten hatten.
Immerhin sollte er diesmal einen richtigen Text schreiben, nicht nur einen kurzen Slogan. Sechs Seiten sollten es sogar sein, und Thomas Bergner kam in den Sinn, dass man ihn zum ersten Mal seit seiner Aufnahme in das Hyper-Team an einem echten Kundenauftrag mitarbeiten ließ. Alles, was er bisher hatte schreiben sollen, hatte doch stets dem Ziel gedient, die immer umfangreichere Homepage des Unternehmens noch ein StĂŒckchen weiter zu entwickeln oder neue Ideen fĂŒr die stĂ€ndig zu aktualisierende Werbung zu finden. Diesmal musste das anders sein, denn welche interne Verwendung sollte es fĂŒr einen so langen Text geben?
Aber warum gab es dann keinerlei Informationen ĂŒber den Auftraggeber oder den Verwendungszweck? War das ein Versehen oder Absicht?
Thomas Bergner ahnte, dass er ohne weitere Informationen nicht anfangen konnte. Sich diese Informationen zu verschaffen, wĂŒrde allerdings nicht leicht werden. So einfach zu Philipp rĂŒbergehen um ihn direkt zu fragen, das war dann doch nicht möglich, trotz der vorgeschriebenen Anrede beim Vornamen.
„Thomas, Sie mĂŒssen verstehen, dass ich als Leiter unseres Teams mich leider nicht um jedes Detail persönlich kĂŒmmern kann. Ihr Engagement und Ihr Streben nach Genauigkeit weiß ich sehr zu schĂ€tzen, doch ebenso wichtig ist uns ein eigenverantwortliches Handeln unserer Mitarbeiter, fĂŒr das wir Sie ja schließlich auch sehr gut bezahlen. Außerdem sehen Sie ja, was hier los ist.“
Philipps Antwort wĂ€re mit Sicherheit wieder dieselbe, und wahrscheinlich wĂŒrde auch wieder mindestens eins der Telefone auf seinem Schreibtisch oder in seinen Jackentaschen bimmeln. Außerdem hatte Thomas Bergner die Lektion seines damaligen Vorpreschens gelernt und wusste somit, dass es Gudrun vorbehalten war, persönlich an Philipps Schreibtisch aufzutauchen.
Gudrun war Philipps rechte Hand, und sie war es auch, die diesen Zettel geschrieben hatte, der da am Monitor klebte. Erst jetzt bemerkte Thomas Bergner, wie ungewöhnlich eine solch altmodische Form der Nachrichten-Übermittlung fĂŒr das Hyper-Team doch war. Handgeschriebene Buchstaben auf Papier kamen so gut wie gar nicht mehr vor, fĂŒr die Kommunikation der Mitarbeiter untereinander gab es ziemlich genau festgelegte Regeln:
„Achten Sie bitte darauf, dass Sie jederzeit fĂŒr unsere Kunden erreichbar sind. Bei der großen Konkurrenz in unserem GeschĂ€ft ist das ein nicht zu unterschĂ€tzender Faktor. Deswegen sehen wir es nicht allzu gerne, wenn unsere Mitarbeiter das Schreibtischtelefon benutzen, um selber damit anzurufen. FĂŒr diese Zwecke haben Sie ihr Diensthandy. Denken Sie bitte außerdem daran, dass Sie jedes Mal, wenn Sie ihren Schreibtisch verlassen, die Anruf-Weiterleitung zu diesem Handy aktivieren.“
Obwohl Thomas Bergner wĂ€hrend seiner bisherigen Zugehörigkeit zum Hyper-Team ja noch keinerlei Kundenkontakt gehabt hatte, musste er doch sehr schnell merken, dass diese Regel selbst fĂŒr den Besuch bei einem Kollegen an dessen Schreibtisch galt, und dass eine Nichteinhaltung durchaus bemerkt wurde.
Die stĂ€ndige Programmierung der Telefone schien vielen der Mitarbeiter sehr lĂ€stig zu sein, denn die meisten griffen mittlerweile bei Fragen an einen Kollegen gleich zum Diensthandy oder ĂŒberbrĂŒckten die paar Meter Distanz via E-Mail., so dass sie ihren Schreibtisch nicht mehr verlassen mussten.
E-Mail! Na klar, die hatte Thomas Bergner heute noch gar nicht abgerufen, vielleicht fanden sich dort ja weitere Details zu dem merkwĂŒrdigen Auftrag.
Die daily team-message meldete, dass die Notierung der Aktie des Hyper-Teams eine weitere Schallmauer durchbrochen habe und listete die Namen der traditionsreichen Unternehmen am Alten Markt auf, die das Hyper-Team damit seit gestern auch noch hinter sich gelassen hatte.
Michael.Olfers@hyper-team.de schrieb „an alle“, dass es nicht sein könne, dass schon wieder er an der Reihe sei, die tĂ€gliche Massenbestellung beim Pizza-Service zu organisieren und wies darauf hin, dass er nur Bestellungen berĂŒcksichtigen werde, die bis spĂ€testens 13.30 Uhr per E-Mail bei ihm eingegangen seien.
Markus.Damman@hyper-team.de teilte mit, dass die gestrige Aufforderung, alle sollten ihre Konten wieder beim hausinternen POP3-Server einrichten, leider doch ein wenig voreilig gewesen sei, da ein neues Problem aufgetaucht sei.
Doch da, tatsÀchlich, eine Mail von Philipp, eingegangen um 0.45 Uhr:
„Guten Morgen Thomas. Bitte beachten Sie die Notiz auf Ihrem Bildschirm. Ich zĂ€hle auf Sie. Philipp.“
Diese Mail verriet nur eins: es war bestimmt kein Versehen, dass Thomas Bergner so wenige Informationen ĂŒber den mysteriösen Auftraggeber bekommen hatte. Ob das so ĂŒblich war im Hyper-Team? Er ließ seine Augen ĂŒber die Kolleginnen und Kollegen streifen, die in seinem Blickfeld saßen: auf welchem dieser Schreibtische hatte denn auf jeden Fall schon mal das Telefon geklingelt? Meistens waren es ja doch die Handys, die sich meldeten.
Alles GrĂŒbeln brachte ihn nicht weiter, vielleicht war ja zumindest Gudrun fĂŒr ihn zu sprechen. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, ehe sie endlich antwortete.
„Tut mir leid, Thomas, aber mehr als zwei Telefone gleichzeitig kann ich nicht halten, habe auch jetzt eigentlich ĂŒberhaupt keine Zeit. Nein, ich weiß auch nicht mehr, mehr hat er nicht gesagt. Sie können ja eine E-Mail schreiben, wenn Sie noch Fragen haben, ich werde sehen, ob ich ihn darauf hinweisen kann. Viel Erfolg.“
Na gut, dann sollte es eben so sein:
„Guten Morgen Philipp. Vielen Dank fĂŒr den Auftrag. Bitte jedoch um nĂ€here Angaben zu Verwendungszweck und Auftraggeber, um unserem Anspruch, den Kunden maßgeschneiderte, auf ihre individuellen BedĂŒrfnisse abgestimmte Lösungen anbieten zu können, besser gerecht werden zu können. Vielen Dank. Thomas“
Na, das war doch eine ĂŒberzeugende BegrĂŒndung. Beim Versenden meldete der Bildschirm den Eingang einer neuen Nachricht: der „All-Time Championship Round-Letter“ berichtete, dass „Federvieh“ nicht nur „Hyperkiller“ von der Spitze verdrĂ€ngt, sondern gleich viermal neu in die Top Ten Einzug gehalten habe. Da auch „Spiegelei“ mit spektakulĂ€ren Erfolgen aufwarten könne, sei „Hyperkiller“ augenblicklich gar nicht mehr in den Top Ten vertreten.
Angeblich wusste Philipp nichts von der Existenz dieses Parallelnetzwerkes, das Markus eingerichtet hatte. Markus wusste auf beinahe jede technische Frage eine Antwort.
„Theoretisch möglich mĂŒsste das eigentlich schon sein.“
Wenn er diese Worte sehr langsam sprach und dabei noch sein Kinn bedĂ€chtig in die linke Hand nahm, dann wusste man, dass man nach etwas gefragt hatte, das nach menschlichem Ermessen eigentlich unmöglich war. Markus hatte dann aber dennoch Feuer gefangen und wĂŒrde nicht eher ruhen, bis er eine Lösung gefunden hĂ€tte. Auf dem Weg dahin konnte es passieren, dass zunĂ€chst mal alle Systeme ihre Gefolgschaft verweigerten und nach Beseitigung der SchĂ€den trotzdem nicht wieder alles genauso funktionierte wie zuvor. Im Falle des zentralen Highscores konnte man den FĂ€higkeiten von Markus aber anscheinend uneingeschrĂ€nkt vertrauen. Die Existenz einer firmeninternen Moorhuhn-Meisterschaft hĂ€tte Philipp vielleicht noch amĂŒsiert. Der Titel „Round-Letter“ aber ganz bestimmt nicht.
Thomas Bergner war nach der neuen Entwicklung nicht mal mehr Top 40, doch jetzt hatte er keine Zeit zu verlieren. Wenn Philipp sich nicht meldete, musste er ja trotzdem heute Abend etwas vorzuweisen haben.
„Kritische und satirische Gedanken zur angeblichen Spaß- und MobilitĂ€tsgesellschaft“
Er konnte sich noch immer nicht vorstellen, welchen Verwendungszweck eine Internet-Firma wie das Hyper-Team fĂŒr einen solchen Text haben konnte, aber vielleicht sollte er sich von dieser Frage ganz und gar lösen.
MobilitĂ€t – mobil – Mobiltelefon.
So groß war der Gedankensprung doch gar nicht. Dazu wĂŒrde ihm schon eine Menge satirisches Zeug einfallen, denn eigentlich hielt Thomas Bergner den Besitz eines Handys auch jetzt noch fĂŒr ziemlich ĂŒberflĂŒssig.
Kathrin war da immer anderer Meinung gewesen: ihr Leben hatte ja so an QualitÀt gewonnen!
Mit ihrer Freundin Silke brauchte sie seitdem nicht schon am frĂŒhen Abend feste Verabredungen treffen, man konnte sich doch jederzeit telefonisch erreichen. „Ja, wir sind jetzt gerade hier im sowieso, gehen dann gleich noch ins soundso, vielleicht habt ihr ja auch Lust zu kommen, ansonsten können wir ja auch noch mal telefonieren.“ Thomas Bergner hatte solche Szenen schon einige Male miterlebt und dachte, dass er sich doch gar nicht so viel ausdenken mĂŒsse.
Kathrin wollte auf einmal nicht mehr in dieses Restaurant, das sie doch gemeinsam ausgesucht hatten. Handys waren dort aber ausdrĂŒcklich unerwĂŒnscht, und Kathrin war sich sicher, dass Petra noch anrufen wollte. Als ein anderes Mal der Akku leer war, konnte man gar nicht erst losfahren. „WĂ€re alles kein Problem, wenn du dir nur auch endlich eins gekauft hĂ€ttest. Dann könnten wir jetzt los.“
Ein paar Übertreibungen und Zuspitzungen hier und da, mehr brĂ€uchte er gar nicht: Ein kompliziertes Geflecht verschiedener Personen, die alle unbedingt unter allen UmstĂ€nden jederzeit erreichbar sein mussten, sich aber gar nicht mehr sahen. Das mit dem Akku konnte er einbauen, verlorene oder defekte Handys, schließlich den verzweifelten Versuch, um Mitternacht wenigstens noch eine ordinĂ€re Telefonkarte zu erwerben. Als man sie endlich hat, ist sie wertlos, da man natĂŒrlich keine der Nummern von all den Freunden auswendig weiß. Die waren alle in dem Handy gespeichert, und das ist weg. Eine echte und reale Krisensituation, jetzt brĂ€uchte man die Freunde, fĂŒr die man doch immer erreichbar war, doch jetzt bekamen die gar nichts von der großen Not mit!
Thomas Bergner fing an zu schreiben und hatte schon relativ bald vier der gewĂŒnschten sechs Seiten gefĂŒllt, als ihm auf einmal Zweifel kamen, ob er denn ĂŒberhaupt auf dem richtigen Weg sei. Was wĂ€re, wenn der Auftraggeber irgend etwas mit der Mobilfunkbranche zu tun hĂ€tte? Das Hyper-Team bot jeden nur denkbaren Service rund um das globale Netz an, und dieses Angebot richtete sich natĂŒrlich an ausnahmslos alle Interessenten, aber wer nahm es denn eigentlich in Anspruch?
Vielleicht hatte Philipp ja inzwischen geantwortet?
Markus schrieb, dass die Probleme mit dem POP3-Server behoben seien und alle ihre Konten wieder bei diesem einrichten sollten, um fĂŒr Hausmitteilungen keine externe DFÜ-Verbindung mehr zu benötigen. Thomas Bergner wĂŒrde mit diesem Schritt zur Sicherheit ein paar Tage warten, doch die anderen machten das genauso.
Michael bat um mindestens drei weitere Bestellungen, da dann die nÀchste Rabattgrenze beim Pizza-Service erreicht sei.
Dieter hatte mal wieder eine Liste mit Hyperlinks erstellt, die alle zu Artikeln in Fachzeitschriften fĂŒr Anleger fĂŒhrten und sĂ€mtlich zu dem Schluss kamen, dass das Hyper-Team eine sichere Investition in die Zukunft sei.
Der „Round-Letter“ vermeldete die RĂŒckkehr des „Hyperkiller“, der nun immerhin wieder die PlĂ€tze sechs und acht belegte. Keine Antwort von Philipp.
Thomas Bergner verlor nun langsam die Geduld und griff kurzentschlossen zu seinem Diensthandy.
„Gudrun? Sie? Ich habe doch Philipps Nummer gewĂ€hlt.“
„Thomas, Sie wissen doch, dass sein normales Diensthandy meistens auf meinem Schreibtisch liegt, wenn er im BĂŒro ist. Eins hat er natĂŒrlich immer bei sich, auch jetzt, aber die Nummer darf ich Ihnen nicht geben. Nein, ich kann Ihnen nicht sagen, ob er Ihre E-Mail schon gelesen hat, ich weiß selber nicht, was heute mit ihm los ist. Er wirkt furchtbar angespannt, ich schaffe es auch nur selten, zu ihm durchzukommen. Tut mir leid.“
Thomas Bergner schaute auf das Telefon auf seinem Schreibtisch. FĂŒr Anrufe von Kunden sollte dieses reserviert sein, nicht einmal Kathrin hatte er seine Durchwahl verraten dĂŒrfen, und jetzt sollte er erstmals fĂŒr einen Kunden tĂ€tig werden und wusste nicht, mit wem er es zu tun hatte. Wie hörte sich der Klingelton denn ĂŒberhaupt an? Er schaute noch mal ĂŒber die anderen Schreibtische: Hatte nur eines dieser Telefone irgendwann schon einmal gelĂ€utet?
Welcher Teufel auch immer ihn in diesem Augenblick geritten haben mochte, Thomas Bergner griff zum Hörer und war in diesem Moment fĂŒr keinen Kunden des Hyper-Teams mehr erreichbar.
„Ja? Was ist denn schon wieder? – Thomas? Was machen Sie auf dieser Leitung?“
„Tut mir leid, Philipp, aber ich muss Sie unbedingt sprechen und habe es auf jedem anderen Weg erfolglos versucht. Wir können es auch ganz kurz machen: Gibt es irgendwelche Interessenkollisionen mit unserem Auftraggeber, wenn ich zuviel Kritik an der vermeintlichen Bedeutung von Handys in unserer Gesellschaft Ă€ußere? Oder noch besser: von wem kommt dieser Auftrag?“
„Es handelt sich in diesem Fall um ein Konsortium. Da sind sowohl private als auch öffentliche Stellen beteiligt. Mehr kann ich leider nicht sagen, mehr Informationen brauchen Sie aber auch nicht. Eine Kollision von Interessen ist ausgeschlossen, aber verbreiten Sie bloß nicht zuviel von diesem elendigen Kultur-pessimismus. Das lockt heute zum GlĂŒck niemanden mehr hinter dem Ofen hervor. Ihnen wird schon was einfallen, Thomas, schließlich haben Sie doch noch etliche Stunden Zeit dafĂŒr. Und in Zukunft denken Sie aber bitte daran, dass diese Leitung ...“
„NatĂŒrlich, Philipp. Schönen Tag noch.“
Thomas Bergner durfte also nicht nur noch einmal von vorne beginnen, sondern konnte Philipps Worten auch entnehmen, dass er vor einem weiteren Problem stand: eine allzu schnelle ErfĂŒllung seiner Anweisungen war fĂŒr Philipp ein ganz deutliches Zeichen dafĂŒr, dass seine Mitarbeiter sich nicht genĂŒgend angestrengt hatten.
„Ihr Vorschlag zeigt gute AnsĂ€tze, ist aber sicherlich noch ausbaufĂ€hig. Ich bin sicher, dass Sie mehr können, Thomas.“
Dass die Wahl damals dann doch auf den zuerst eingereichten Vorschlag gefallen war, wĂŒrde kaum dazu fĂŒhren, dass Philipps Reaktion diesmal eine andere wĂ€re. Selbst wenn Thomas Bergner also schnell etwas Neues einfallen wĂŒrde, könnte er kaum damit rechnen, das BĂŒro frĂŒh genug verlassen zu können, um einen Besuch der Party noch lohnend erscheinen zu lassen. Oder war es möglich, den Computer so zu programmieren, dass dieser die Mail mit dem fertigen Text erst um kurz vor zehn an Philipp schicken wĂŒrde?
Markus hĂ€tte auch das gewusst, doch es war natĂŒrlich stets ein großes Risiko, ihm eine solche Frage zu stellen: Wenn es keine einfache Lösung gab und seine Hand erst mal zum Kinn ging, dann konnte man schon sicher sein, erst im Morgengrauen wieder ĂŒber einen funktionsfĂ€higen Computer zu verfĂŒgen, die Datei mit dem Text wĂ€re aber bestimmt nicht mehr auffindbar.
Wenigstens konnte er Kathrin in diesem VersicherungsbĂŒro ganz normal anrufen, dort galten nicht so merkwĂŒrdige Regeln. Sie nahm seine Absage mit Fassung, erzĂ€hlte was von selber viel zu tun und außerdem mĂŒde, vielleicht in der nĂ€chsten Woche.
Sie hatte also gar keine Lust, doch das wĂŒrde sie in nicht allzu ferner Zukunft bestimmt nicht davon abhalten, auch den heutigen Tag in die Liste der angeblichen Belege fĂŒr ihre These aufzunehmen.
„Dein Internet ist es doch, dass dazu fĂŒhrt, dass du gar nicht mehr richtig lebst. Was haben wir denn bisher tatsĂ€chlich gemacht von all den schönen VorschlĂ€gen, die du dort gefunden hast? Eigentlich doch gar nichts.“
Okay, irgendwie hatte sie ja recht, und heute Abend wĂŒrde es ja auch wieder nichts, aber wie heute hatte das in jedem einzelnen Fall GrĂŒnde gehabt, die mit dem Internet nie irgend etwas zu tun hatten.
Ohne Internet hĂ€tte Thomas Bergner nie von seiner jetzigen Stelle erfahren, die natĂŒrlich (wie heutzutage doch beinahe alle guten Jobs) nur online ausgeschrieben worden war. Wenn er sich richtig erinnerte, dann sollten heute doch sogar Photos auf der Party gemacht und ins Internet gestellt werden. Da könnte er ja nachher noch mal reinschauen.
Er arbeitete fĂŒr eine Internet-Firma, obwohl er an Tagen wie diesen schon manchmal den Eindruck gewinnen konnte, in einem Irrenhaus beschĂ€ftigt zu sein. Viel Zeit fĂŒr die ErfĂŒllung seines Auftrages blieb ihm nun nicht mehr, langes GrĂŒbeln war nicht angesagt, also war Thomas Bergner dann wirklich dankbar fĂŒr die spontane Idee, die ZustĂ€nde in seiner Firma zum Gegenstand einer Geschichte zu machen und schrieb diese Seiten.
Als er den Text um 21.45 Uhr an Philipp schickte, war eine neue Mail in seinem Postkasten gelandet: ein erneuter Round-Letter meldete, dass „Hyperkiller“ nun doch wieder alle vorderen fĂŒnf PlĂ€tze innehatte.
Als Thomas Bergner beim Verlassen des BĂŒros einen kurzen Seitenblick auf Philipp warf, konnte er erkennen, dass dessen Anspannung sich offensichtlich wieder gelegt hatte. Vielleicht gefiel ihm die Geschichte ja sogar.

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