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Leselupe.de > Kurzgeschichten
wie mein agent mich um die ecke bringt
Eingestellt am 28. 09. 2003 00:23


Autor
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Paul Stoyan
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Registriert: Jun 2003

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Heute habe ich meinen Agenten verpasst. Das war auf dem Plateau H√∂he Ostsee, nachdem wir uns mehrere Tage sehr umeinander bem√ľhten, sosehr, dass mich vor allem zwei Fragen interessierten, schon immer, erstens, wie kam er zu seinem Geld und zweitens, warum erinnerte er mich immer an meinen Schulfreund, wobei die zweite Frage klar hinter die erste zur√ľcktrat.

Gesehen haben wir uns das erste Mal auf einem der unz√§hligen Literaturfestivals, und da ich wieder mehr unter die Leser gegangen war - meine Texte fanden ja nur insofern rei√üenden Absatz, als ich sie nacheinander vor den Augen meiner nahestehenden Verwandten und Freunde allesamt durchgerissen habe, und nur wer wollte, konnte sich ein paar der durchgerissenen Geschichten bem√§chtigen, soll ich sagen bem√§chtigen, oder soll ich einfach nur sagen ... etliche meiner Freunde haben jetzt zumindest halbe Geschichten ... von mir, w√§hrend die andere H√§lfte irgendwo zwischen meinen rei√üenden Fingern verschwanden, w√§hrend ich wieder mehr unter die Leser gegangen war, und hier lief mir dann, ohne dass ich wusste, in welcher Funktion er nun vor mir stand, mein sp√§terer Agent √ľber den Weg, er wurde mir mit Mollenkamp vorgestellt, und besa√ü vor allem zwei Dinge. Einen Aktenordner und eine Brille ... aber wir trafen uns ja als Leser, und seit ich wieder Leser bin, habe ich wieder ein gro√ües Vergn√ľgen daran zu sagen, was mir durch den Kopf schie√üt, - und mich √ľberhaupt wieder frei zu √§u√üern ... meistens absch√§tzig, wie sich versteht, denn wer einmal all seine Geschichten durchgerissen hat, kann sich kaum mehr vorstellen, dass irgendjemand die Gr√∂√üe hat, seine Geschichten ohne weiteres zu ver√∂ffentlichen, ohne nicht auch daran zu denken, sie alle einmal durchzurei√üen und durch ganz andere zu ersetzen ... Und weil in der Mitte durchgerissene Seiten auf mich inzwischen eine gr√∂√üere Faszination aus√ľben, als vollgeschriebene Seiten, kommt all das, was ich sage und vor allem mit Mollenkamp austauschte immer mehr dem nahe, was man allgemein als allegorische Finger√ľbung bezeichnet, und solange wir nur vollgeschriebene Seiten zu Gesicht bekommen, k√∂nnen wir davon ausgehen, dass es immer noch genug schreibende Leute gibt, die der Illusion folgen, man k√∂nnte mit vollgeschriebenen Seiten den Halbwahrheiten entkommen, Halbwahrheiten, die mir nun, da alles durchgerissen ist, zu Tage treten wie eigentliche Wahrheiten. Indem ich all meine Sachen sozusagen in der Mitte durchgerissen habe, bin ich einer der ehrlichsten, wenn nicht sogar wahrhaftigsten Autoren, sagte ich eines Tages meinem Mollenkamp, denn ich gebe wenigstens zu, dass ich nur noch Halbwahrheiten verk√ľnde, w√§hrend die anderen ja noch immer glauben, die Wahrheit an sich zu ver√§u√üern ... Und weil in dieser Tatsache - den mitten durchgerissenen Geschichten - auch eine Portion Witz und Selbstironie steckt, sagte ich weiter, werde ich Ihnen nur noch halbe Geschichten pr√§sentieren, nur noch Halbwahrheiten, nur noch halbe Seiten ... und Sie m√ľssen sich den Rest dann selbst zusammenbauen ...

Keine schlechte Idee. Sagte Mollenkamp, von dem ich immer noch nicht wusste, wie er zu seinem Geld kam, wo er doch offensichtlich nur von einem Literaturfestival zum n√§chsten fuhr, und von den vier oder f√ľnf Autoren, die er bisher auf den Markt gebracht hatte, kann er doch beim besten Willen nicht leben ..., dachte ich, und schon bin ich bei der zweiten H√§lfte meiner Geschichte, in der es - quasi als Herleitung einer allegorischen Finger√ľbung - nur darum geht, wie ich meinen Agenten schon wieder verpasste, und diesmal sogar, - wahrscheinlich - f√ľr immer verlor.

Denn ungef√§hr zu der Zeit, da ich mich h√§ufiger mit Mollenkamp auf verschiedenen Literaturfestifals herumtrieb, hatte ich vor allem auch einen mehr oder weniger freundschaftlichen Kontakt zu einer etwas verm√∂genderen Apothekersfamilie ... - die hatten ja das mehr oder weniger unglaubliche Gl√ľck, gerade immer dort eine Apotheke zu er√∂ffnen, wo Wochen oder Monate sp√§ter ein Kaufhaus errichtet wurde, oder ein √Ąrztehaus, und dieses Apothekerp√§rchen ... eine etwas l√§ngere Geschichte w√§re das jetzt, den Hergang unserer Beziehung, oder wie es zu unserem Kontakt kam, zu erl√§utern, und getreu des Mottos, dass ich die Geschichten eh im Anschluss ihrer Niederschrift mittendurchrei√üen werde, habe ich es mir auch abgew√∂hnt alles bis ins Detail zu treiben, alles zu beschreiben, von dem man sich bei nochmaligem Durchlesen ohnehin trennt ... man trennt sich ja von allem, wenn man mal die Zeitachsen miteinander vergleicht ... die Zeitachse Kindheit oder die Zeitachse Jugend oder die Zeitachse Universit√§t ... vielleicht reicht diesmal die Andeutung: Die Frau in dem Apothekerverh√§ltnis war auch einmal meine Freundin ... und dann hat sie sich aber f√ľr den Apotheker Rolf entschieden ... dieser Apotheker hat nun schon seit mehreren Jahren das Gl√ľck, immer dort eine Apotheke zu er√∂ffnen, wo nach Wochen oder Monaten dann ein Kaufhaus oder ein √Ąrztehaus ... etcetera. Nungut, und diese beiden, ja ... verm√∂gend durch Apothekerleistung und gl√ľckliche Familie mit zwei Kindern, ein M√§dchen mit dem Knopf im Ohr ... diesen Titel habe ich ihr einmal verliehen, nachdem ich ihr einen B√§ren aufbrummte mit einem Knopf im Ohr ... sp√§ter liest man ja dann ganz andere Dinge, dass sich Kinder zum Beispiel allesm√∂gliche in alle m√∂glichen √Ėffnungen stecken, wie Nasenloch, Mund, Ohr ... und so kam der kleine Junge zu seinem Namen: du bist die andere H√§lfte von Jim Knopf im Ohr ... das war auch schon die erste H√§lfte der Geschichte. Die zweite H√§lfte, die man sich jetzt weggerissen vorstellen muss, beziehungsweise ... wir k√∂nnen davon ausgehen, dass Mollenkamp die zweite H√§lfte eh f√ľr sich nimmt, also einkassieren wird, oder auch schon einkassiert hat, denn glauben Sie nur nicht, ich h√§tte noch den √úberblick √ľber all meine halbierten Geschichten, die ja nichts anders sind als eine allegorische Finger√ľbung √ľber die Halbwahrheiten ... jedenfalls sitze ich eines Tages mit meinem Apothekerp√§rchen in ihrem komfortablen Automobil und wir haben sage und schreibe eins koma f√ľnf Millionen in einer mehr oder weniger gro√üz√ľgigen Aktentasche und wollen dieses Geld jetzt an den Eingang zum Fahrstuhl H√∂he Frankfurt √ľbergeben an den Entf√ľhrer ihrer beiden Kleinen, Jim Knopf und seine bessere Schwesterh√§lfte. Am Fahrstuhl H√∂he Frankfurt also ich damit beauftragt, eins komma f√ľnf millionen zu √ľbergeben an den Entf√ľhrer ihrer beiden Kindh√§lften ... und als ich dann endlich den Fahrstuhl h√∂he Frankfurt heranfahren sehe, sich die Fahrstuhlt√ľr √∂ffnet, und ich den Geldkoffer da reinstellen will, erkenne ich niemanden anderes als Mollenkamp, der mit schwarzen Handschuhen und wie AlCapone mit Hut und im Schatten ruhender Gesichtsh√§lfte den Geldkoffer entgegennimmt und schon schlie√üt sich die Fahrstuhlt√ľr und nimmt ihre Fahrt Richtung Ostsee auf. Ich rief noch schnell schnell, ihr beiden, raus da, ich kenne den ... aber sie waren ja vielzu gl√ľcklich, ihre beiden kleinen Kindh√§lften in Empfang zu nehmen, als dass sie mir folgten ... weswegen ich dann allein die Verfolgung aufnahmn, denn immerhin war es ja mein Agent, der nun auch drohte, mit meiner Geschichte davonzuziehen, das war immerhin meine Geschichte, mit der er hier sein Geld verdiente, und da w√§re es doch nur Rechtens, wenn ich nun auch endlich etwas verdiente mit meiner Geschichte, zumal dieser Fahrstuhl von Frankfurt nach Rostock ..., gewiss ... hm, ich also ... und nun beginnt jenes Chaos, an das ich mich immer nur erinnere, wenn ich den Fernsehabend um einen weiteren Krimi verl√§ngere ... also, man stelle sich das alles ein bisschen in gr√ľn vor ... dunkelgr√ľn ... viele Schattenbereiche ... umherirrendes Personal, keiner f√ľhlt sich bem√§chtigt ... und die Polizei wei√ü nat√ľrlich auch nicht so recht ... und √ľberall blinkt es ... es blinkt vor allem, weil es so schnell geht, es geht in nullkommanichts von Frankfurt nach Rostock ... auf das Ostseeplateau ... und hier st√ľrmischer Wind ... die rauschende See, Helikopter zum Abflug bereit, √ľberall Absperrungen und Zollbeamte ... und ich sage noch in so ein W√§rterfenster hinein, h√∂ren Sie mal, haben Sie nicht eben noch einen Alcapone gesehen mit Koffer und schwarzem Hut und Halbschattengesicht, und klar haben sie den gesehen ... sagt der Kommisar der Zollfahndungsbeh√∂rde zu mir in seinem rotwei√ü karierten Hemd, das ist doch nur ein Literat. Nur Literat. Rufe ich, Unsinn, Unsinn, er ist vielmehr, haben Sie denn nicht geh√∂rt von der Kindesentf√ľhrung, von dem L√∂segeld, von dem Fluchtposten ... der und kein anderer ist es, rufe ich ... Lacht der Mann in seinem rotwei√üen Hemd ... ich also auf diesem Plateau mit den st√ľrmisch eisigen Winden, und den aufsteigenden Helikoptern, und dann sehe ich Mollenkamp in einem der Hubschrauber sitzen, mit seinem Koffer mir zuwinken, und ich kann gerade noch denken, da fliegt er davon mit meiner Geschichte, w√§hrend man mich vom Ordnungspersonal in einen abw√§rtsf√ľhrenden Fahrstuhl schiebt, und es wieder mit rasender Fahrt Richtung Keller geht, von wo ich aufgebrochen bin, diese halbfertige Geschichte zu retten.

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

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Lieber Paul,

diese Werk erschlägt mich ein wenig ... ich finde keinen konstruktiven Ansatz. Daher nur: hat mir sehr gut gefallen!

Gruß,
Gabi

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Paul Stoyan
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

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freut mich!

der eitle junge in mir wollte die geschichte schon wieder löschen, weil sie keinen zu interessieren schien, aber der große junge in mir hat gesagt, lass sie noch hier stehen, sie ist ja eh schon vom agenten zu gewinn gemacht :-), und das zeigt ja auch die mär vom agenten. Er ist sowieso unsichtbar, so wie viele leser auch.

gruss

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Zefira
???
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Einfach Klasse, Paul, bei mir bist Du schon mindestens Two-Hit-Wonder-Autor.

Kann es sein, daß Du die gleiche Gerichtsshow geguckt hast wie ich?

Ich bin jedenfalls hell begeistert.

Nur habe ich das Gef√ľhl, da√ü Du mehr als einmal zur zweiten H√§lfte Deiner Geschichte kommst, als k√∂nne diese Geschichte mehr als eine zweite H√§lfte haben, aber nach dem Lesen dieses Textes bin ich bereit, auch drei, vier und mehr H√§lften hinzunehmen.

lG, Zefira (sah Mollenkamp auch schon von weitem)
__________________
schmollfisch

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Paul Stoyan
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

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Gerichtshow?

Nein, gerichtsshow... nachtmittags etwa... manchmal gucke ich da hin, wenn ich denn oll genug im kopf bin... und denke sogar, mensch, tape-rekorder... her damit, das sind echte romane, die da ablaufen... nein, diese kleine episode entstand sozusagen als wärmepuffer in meinem kopf neben dem heizkissen, der meine freundin war, und als ich erwachte, dachte ich, ich reiß alles durch, meine geschichten, meine ideen, und vor allem, was all die lektoren und agenten jemals von mir zu gesicht bekamen.

Und dann dachte ich, nachdem ich diese kleine story geschrieben hatte, wieso eigentlich muss ich das kind zur mutter bringen, wenn die mutter doch immer zum kind kommt.

also beschloss ich, den agenten mit seinem kofferkuli nach nebraska, oder besser translantik abfliegen zu sehen, als mich weiterhin zu fragen, warum mir all meine geschichten abhanden kommen. der (alp)traum vom vollendeten leben.

Ach ja das mit den Geschichts- oder Gesichtshälften... die bessere Hälfte ist immer woanders. Manchmal muss man nur hinter sich greifen. :-)

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Zefira
???
Registriert: Jan 2001

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Ja,

... in meinem Fall nach hinten und etwas nach unten.
__________________
schmollfisch

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