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Leselupe.de > Kindergeschichten
wie zwei Prinzessinnen einen dummen Riesen besiegten
Eingestellt am 29. 10. 2004 18:19


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knychen
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Wie zwei Prinzessinnen einen dummen Riesen besiegten

In einem großen und schönen Tal, umgeben von hohen Bergen, standen vor langer Zeit zwei Königsschlösser, jedes auf einem HĂŒgel. Dazwischen lag ein geheimnisvoller, dunkler Wald. In diesem Wald wohnte nach den ErzĂ€hlungen der allerĂ€ltesten Leute ein schrecklicher Riese. Furchtbare Geschichten wurden ĂŒber diesen Riesen erzĂ€hlt, aber das waren alles alte Geschichten. Gesehen hatte ihn schon lange keiner mehr, doch noch immer wagte niemand den Namen des Riesen laut auszusprechen. Denn die Sage war, wer den Namen des Riesen aufschrieb, dem krĂŒmmten sich fĂŒr immer die Finger, wer den Namen des Riesen aussprach, dem vertrocknete die Zunge im Halse, wer den Namen hörte, dem wuchsen die Ohren zu und wer den Riesen gar sah, der wurde mit Blindheit geschlagen. Der Riese hatte nĂ€mlich den grausamen Namen „Grummelchen“. Und dies ist die Geschichte, wie zwei kleine und mutige MĂ€dchen den furchtbaren Riesen besiegten.
In jedem der beiden Schlösser lebte nĂ€mlich eine Prinzessin. NatĂŒrlich lebten sie dort nicht allein. Da gab es den König und die Königin, die Wachen, den Hofnarren, den Mundschenk, den Stallmeister, viele Dienstboten, Köche, Köchinnen, Kinderfrauen und so weiter und so fort.
Die beiden Prinzessinnen waren fast gleich alt, hatten beide blondes Haar, waren gleich groß, beide sehr hĂŒbsch und auch ziemlich klug. Prinzessin Hermelina, die im nördlichen Schloss wohnte, hatte eine Woche vor Prinzessin Calotta Geburtstag, die im sĂŒdlichen Schloss lebte.
Wollte nun eine Prinzessin die Andere besuchen, wurde eine Kutsche angespannt und fuhr dann nebst Kinderfrau, einem Wachsoldaten und einem Kutscher um den Wald herum zum Nachbarschloss. Denn so wie der Riese durch einen Fluch der weisen MÀnner beider Königreiche in seinen Wald gebannt war, so durfte kein Mensch den Wald betreten. Wer einmal darinnen war, dessen Hilferufe wurden nicht mehr gehört und er wurde von den Seinen nicht mehr erkannt.
An einem Sonntagvormittag saß die Prinzessin Calotta in ihrem Spielzimmer auf dem Himmelbett und schaute gelangweilt zu, wie die Zeiger der großen Turmuhr immer langsamer wurden. Erst nach dem Mittagsmahl durfte sie Prinzessin Hermelina besuchen. Dabei war sie schon so gespannt, was Hermelina zu ihrem Geschenk sagen wĂŒrde.
Eines Tages hatte nĂ€mlich ein fahrender TierhĂ€ndler an das Schlosstor geklopft und darum gebeten, auf dem Innenhof seine Menagerie feilbieten zu dĂŒrfen. Es wurde ihm gestattet und bald schon hatte man durchs ganze Schloss die Rufe des HĂ€ndlers gehört.

Amseln und Spatzen,
Hunde und Katzen,
Vögel, die tanzen,
Fleisch fressende Pflanzen,
sprudelnde Fische
als Springbrunn’ bei Tische,
gar seltsame Spinnen,
die Goldnetze spinnen,
aus Norden, aus SĂŒden, aus Osten, aus Westen,
von Allen die Feinsten und davon die Besten.

Sofort war Calotta auf den Hof gerannt und der HĂ€ndler, der einen langen weißen Bart und einen spitzen schwarzen Hut mit lila Sternen darauf trug, bot ihr an, sich als Erste etwas aus seinem Angebot zu wĂ€hlen.
Calotta bestaunte den kleinen Walfisch aus dem Lande Terra Minima, wie es der Mann nannte und der zu jeder vollen Stunde angeblich eine FontĂ€ne bunten Wassers aus seinem Atemloch prustete und sie lachte ĂŒber die tanzenden Vögel, die eigentlich Hupfdohlen waren und Manette, Anette, Jeanette und Sieglinde hießen und schon fĂŒr den französischen König getanzt hatten. Entscheiden konnte sie sich aber nicht.
Da hatte der alte HĂ€ndler gefragt, was sie sich am meisten wĂŒnsche.
„Ich möchte mich immer und ĂŒberall mit meiner Freundin Hermelina unterhalten können!“ hatte sie gerufen, wohl wissend, dass das so einfach nicht wĂ€re.
Der HÀndler hatte sich den Bart gestrichen und gemeint, er hÀtte da noch ein PÀrchen rosafarbener Brieftauben, aber das hochwohlgeborene königliche Prinzesschen könne doch bestimmt noch nicht schreiben.
„Ich bin ja auch erst fĂŒnf:“ hatte Calotta ein wenig schnippisch geantwortet.
Der HĂ€ndler griff in eine große dunkle Truhe, zog einen dunklen großen Kasten heraus und entnahm diesem einen kleinen, goldenen Karton. Oben hatte der Karton viele Löcher.
„Horchen Sie mal, edle Prinzessin!“ forderte er Calotta auf.
Calotta hörte nichts.
„Schauen Sie mal, hochwohlgeborene königliche Tochter!“ forderte er sie weiter auf.
Calotta sah hinein und sah nur ein wenig schwarzgraugrĂŒnes Moos.
„Machen Sie mal TSTS, erlauchtes FrĂ€ulein!“ lĂ€chelte er.
„TSTS!“ zischelte Calotta und da bewegte sich plötzlich etwas in dem alten Moos. Da saß, nein da saßen zwei schwĂ€rzliche MĂ€uschen und glitzerten sie mit noch schwĂ€rzeren Augen an.
„Das“ hatte die Stimme ĂŒber ihr geflĂŒstert, denn Calotta hatte sich dicht ĂŒber den Karton gebeugt „sind zwei MucksmĂ€uschen. Sie verstehen, was man ihnen erzĂ€hlt und können mit ihren NĂ€schen Bilder malen. Diese Bilder malen sie aber nur fĂŒr die Person, zu der sie geschickt werden. Und kein anderer kann sie sehen oder hören.“
Diese beiden MucksmĂ€uschen kaufte sie sofort, bezahlte ein GoldstĂŒck und beschloss, eines der beiden MĂ€uschen ihrer Freundin zum Geburtstag zu schenken.
Und nun saß sie auf ihrem Bett und wartete auf die Erlaubnis, zum anderen Schloss zu fahren.
Endlich hielt sie es nicht mehr aus.
Sie setzte ihren Hut mit den Blumen auf, steckte eine Tafel Schokolade als Wegzehrung ein, griff sich den goldenen Karton und schlich sich aus ihrem Zimmer. Sie schlich den Flur entlang, die Treppen hinunter, ĂŒber den Hof, an den schlĂ€frigen Wachen vorbei und hast du nicht gesehen rannte sie den kurvenreichen Weg von SchlosshĂŒgel hinunter und war schon auf der Straße zum Schloss der Prinzessin Hermelina.
Froh und ganz aufgeregt, dass sie so einfach heraus gekommen war, hĂŒpfte sie immer am Waldrand lang, rannte ein StĂŒck, schaute dann und wann in den Karton und stellte sich vor, wie Papa und Mama staunen wĂŒrden, wenn sie spĂ€ter erzĂ€hlte, wie sie den ganzen Weg allein gegangen war.
Im Wald zu ihrer rechten, der ihr nicht ganz geheuer war, sang plötzlich ein feines Stimmchen und als sie in die Richtung blickte, sah sie einen Schmetterling mit kunterbunten FlĂŒgeln. Dann knackte es im GebĂŒsch und ein Einhorn, so weiß, dass es in den Augen schmerzte vor Schönheit, zog sich hinter die BĂ€ume zurĂŒck.
Calotta staunte.
Da hatte man ihr immer erzÀhlt, in diesem Wald wÀre es gefÀhrlich und der Kutscher hatte immer die Pferde angetrieben und furchtsam um sich geblickt und dabei gab es solche herrlichen Zauberwesen hier.
Sie wollte das Einhorn noch einmal sehen.
Ohne zu ĂŒberlegen, lief sie in das Dickicht und folgte dem Knacken und Knistern. Das weiße Fell schimmerte zwar ab und zu durch die BĂ€ume, aber zu Gesicht bekam sie das Einhorn nicht mehr. Auf einer Lichtung hielt sie an, drehte sich nach links, dann nach rechts und wusste nun gar nicht mehr, woher sie eigentlich gekommen war.
Da bekam sie ein wenig Angst.
Sie setzte sich auf die Wurzeln eines riesigen Baumes, nahm den Karton auf den Schoß und trat vor Wut, dass sie sich verirrt hatte, gegen eine der Wurzeln.
Die Wurzel begann, sich zu bewegen. Und nicht nur diese eine Wurzel, nein auch die, welche ihr als Sitz diente, wackelte. Der ganze Baum schien sich zu ihr herunter zu beugen und dann griff sie etwas hinten am Kleid und sie wurde schnell in die Höhe gezogen.
Sie schaute geradewegs in ein riesiges Gesicht.
Eine laute Stimme rief: „Was hab ich mir denn da eingetreten? Was ist denn das fĂŒr ein blaues Tierchen? Sieht ja ganz nach einem Leckerbissen a la Prinzessin aus. Hahahaha!! Welch glĂŒcklicher Tag fĂŒr mich. Vorbei die Zeit der Hasen und Rehe, heute gibt es Prinzessinnenbraten! Hohohoho!!“
Er griff mit seinem zweiten Arm hinter sich, raschelte im GestrÀuch herum und brachte einen rostigen KÀfig hervor. Mit einer schnellen Bewegung sperrte er Calotta hinein und hing sie ganz oben an den vertrockneten Ast einer alten Eiche.
Die Prinzessin hatte vor Schreck und Angst noch keinen Ton herausgebracht, es ging ja auch alles so schnell, doch nun begann sie herzerweichend zu weinen. Doch vergebens, wie jeder weiß, hören Riesen das Weinen der Kinder nicht.
„Brennholz“ brummte der Riese „ich brauche Brennholz. Und einen Spieß, wann hab ich das letzte Mal den Prinzessinnenspieß gebraucht? Ach wird das ein leckeres Abendbrot! Hmhmhm“
Er verschwand und als Letztes sah sie seinen wirren Haarknoten, den er mit einem entasteten Baumstamm im Nacken festgesteckt hatte.
Calotta saß in ihrem BaumgefĂ€ngnis, kaute erschrocken auf ihren FingernĂ€geln herum und versuchte zu begreifen, was ihr passiert war.
Was sollte sie bloß tun?
Sie schrie um Hilfe. Aber der verfluchte Wald ließ keine GerĂ€usche aus sich heraus.
Sie winkte zum vÀterlichen Schloss, aber damals gab es noch keine Fernrohre und wer sollte sie also mitten im Wald an einem Baum hÀngend sehen?
Da spĂŒrte sie ein leichtes Zwicken an der linken Hand. Durch eines der Luftlöcher des goldenen Kartons machte sich eines der MucksmĂ€uschen bemerkbar.
Sie hob den Deckel ab. „Ach wenn ihr nur grĂ¶ĂŸer wĂ€ret und mir helfen könntet. Aber was wollt ihr kleinen MĂ€uschen schon gegen einen Riesen tun?“
Die beiden MĂ€use setzten sich auf ihre Hinterbeine und stemmten die Vorderpfoten in die Seiten. Dazu nickten sie.
„Ihr meint, ihr könnt mir helfen?“ fragte Calotta erstaunt.
Wieder nickten die MĂ€use.
Das MĂ€dchen ĂŒberlegte.
Wenn sie eine Maus zu ihrem Vater schickte, kĂ€me der sicher mit der ganzen Armee und wĂŒrde sie befreien, aber dann dĂŒrfte sie bestimmt nie nie nie wieder allein aus dem Schloss. Hermelina könnte vielleicht helfen und außerdem sind es ja zwei MĂ€uschen. Ich schicke eines zu Hermelina und wenn die nicht helfen kann, habe ich immer noch eine Maus fĂŒr meinen Vater.
„Kannst du Hermelina berichten, was mir passiert ist?“ fragte sie an das eine MĂ€uschen gewandt. Wieder nur ein Nicken, denn MucksmĂ€uschen sagen ja nie einen Ton.
„Dann los!“ rief Calotta, nahm das Tierchen aus dem Karton, setzte es auf den Ast und schon war es verschwunden und nirgends mehr zu sehen.
Nun hieß es warten und hoffen.

Prinzessin Hermelina saß inzwischen in ihrem Zimmer auf dem Himmelbett und langweilte sich. Dass ihre Freundin erst am Nachmittag kommen durfte, fand sie doof.
Dabei war sie so gespannt auf ihr Geburtstagsgeschenk und außerdem hatte auch sie etwas fĂŒr Calotta. Die hatte zwar erst in einer Woche Geburtstag, aber es war ausgemacht, beide Geschenke schon heute auszutauschen. Und das, welches sie gekauft hatte, war wohl das Seltsamste, was sie je gesehen hatte.
Eines Tages hatte nĂ€mlich ein fahrender HĂ€ndler an das Schlosstor geklopft und darum gebeten, auf dem Innenhof seine Waren feilbieten zu dĂŒrfen. Es wurde ihm gestattet und bald schon hatte man durchs ganze Schloss die Rufe des HĂ€ndlers gehört.

Zuber und Wannen,
Töpfe und Pfannen,
NĂ€gel mit Spitzen,
BordĂŒren und Litzen,
wohlriechende Steine
und hölzerne Beine
vom Stuhl des Propheten,
auch Knete zum Kneten.
aus SĂŒden, aus Norden, aus Westen, aus Osten,
herbei, herbei, es wird nicht viel kosten.

Sofort war Hermelina auf den Hof gerannt und der HĂ€ndler, der einen langen weißen Bart und einen spitzen schwarzen Hut mit lila Sternen darauf trug, bot ihr an, sich als Erste etwas aus seinem Angebot zu wĂ€hlen.
Hermelina bestaunte eine Uhr, aus der zu jeder vollen Stunde ein kleiner Vogel kommen sollte, der laut Kuckuck riefe, sie bestaunte eine hölzerne Puppe, die allein gehen konnte und Mama und A-A sagte. Entscheiden konnte sie sich aber nicht.
Da hatte der alte HĂ€ndler gefragt, was sie sich am meisten wĂŒnsche.
„Ich möchte immer und ĂŒberall meine Freundin Calotta sehen!“ hatte sie gerufen, wohl wissend, dass das so einfach nicht wĂ€re.
Der HÀndler hatte sich den Bart gestrichen und gemeint, er hÀtte da noch einen Packen Zauberpapier und einen passenden Stift dazu. Mit diesen Dingen könne man Bilder malen, die aussÀhen wie ein genaues Abbild.
„Aber ein Bild bewegt sich ja nicht!“ hatte Hermelina ein wenig schnippisch geantwortet.
Der HĂ€ndler griff in eine große dunkle Truhe, zog einen dunklen großen Kasten heraus und entnahm diesen einen kleinen, goldenen Karton. Der Karton war mehr lang als breit.
„Öffnen Sie mal, edle Prinzessin!“ forderte er Hermelina auf.
Sie hatte den Deckel geöffnet und auf einem Bett von glĂ€nzendem Stoffe lagen dort zwei dĂŒnne Rohre aus goldschimmerndem Metall. Jedes hatte in der Mitte ein kleines RĂ€dchen.
„Schauen Sie mal durch eines hindurch, hochwohlgeborene königliche Tochter!“ forderte er sie weiter auf.
Sie nahm eines der Rohre aus dem Karton. Auf der einen Seite war ein schwarzes Loch und auf der anderen Seite klebte ein großer Edelstein, der aussah wie ein Auge.
„Drehen Sie doch mal an dem RĂ€dchen, erlauchtes FrĂ€ulein!“ lĂ€chelte der HĂ€ndler.
Hermelina drehte an dem RÀdchen und da hatte sie plötzlich Calotta erkannt, die in ihrem Zimmer mit ihrer Lieblingspuppe Milena spielte. Sie sah sogar, wie sie den Mund bewegte, aber verstehen konnte sie nichts.
„Das“ hatte die Stimme ĂŒber ihr geflĂŒstert „sind zwei Stieloogen. Man kann damit alles sehen, was man sich wĂŒnscht, nur hören kann man nichts.“
Diese beiden Stieloogen kaufte sie sofort, bezahlte ein GoldstĂŒck und beschloss, eines davon ihrer Freundin zum Geburtstag zu schenken. Da wĂŒrde sich Calotta bestimmt freuen.
Und nun saß sie auf ihrem Bett und wusste vor Langeweile nicht, was sie tun sollte.
Auf einmal zwickte sie etwas in die Hand. Sie sah hin und da saß doch ein putziges schwarzes MĂ€uschen und glitzerte sie mit aufmerksamen, schwarzen Augen an.
Auf dem Tisch stand schon Kuchen und Kakao.
Das MĂ€uschen flitzte vom Bett auf den Teppich, ans Tischbein, dort und an der Tischdecke hinauf bis es den Kuchen erreicht hatte und begann, KrĂŒmel zu naschen.
„Wie sĂŒĂŸ!“ rief Hermelina, sprang auf und lief ebenfalls zum Tisch.
Die kleine schwarze Maus versuchte nun, an den Kakao zu kommen. Aber die Tasse war zu hoch und zu glatt. Hermelina goss ein wenig in die Untertasse und sofort war das MĂ€uschen heran, tunkte seine Nase in den Kakao und schmierte sie gleich wieder am Tischtuch ab.
Aber, oh Wunder, aus dem Geschmiere wurde langsam ein richtiges Bild.
Da sah Hermelina einen Baum. Daran hing ganz oben ein KĂ€fig und darin saß ein MĂ€dchen mit Locken und einem herrlichen Kleid. Dann erkannte sie einen Mann mit struppigem Bart und der Mann war noch grĂ¶ĂŸer als der Baum, an dem der KĂ€fig hing.
„Calotta?“ fragte sie erschrocken.
Die kleine Maus nickte.
Hermelina sprang vom Stuhl, riss eines der Stieloogen aus dem Karton, rannte zum Fenster und sah durch das GerĂ€t hindurch nach draußen. Ein wenig musste sie noch an dem RĂ€dchen drehen und dann hatte sie ihre Freundin im Bild.
Calotta saß wie ein HĂ€ufchen Elend in dem EisenkĂ€fig, schaute in Richtung Hermelina und wischte sich dann und wann mit dem Ärmel ihres Kleides ĂŒber die Nase.
„Ich muss ihr helfen!“ rief Hermelina und begann zu ĂŒberlegen.
Ihr Blick fiel auf den gedeckten Tisch. Zur Feier des Tages hatte das DienstmĂ€dchen das beste Geschirr aufgetragen. Auf jeder Tasse, jedem Teller und jedem anderen Teil des Geschirrs prunkten kunstvolle Bilder bekannter MĂ€rchen. Auf der Lieblingstasse der Prinzessin rannte ein Hase eine Ackerfurche entlang und an jedem Ende der Furche saß ein Igel. Die beiden Igel waren gleich angezogen.
‚Die wussten sich zu helfen’ dachte Hermelina.
Ihr Blick wanderte nun zu Calottas Lieblingstasse. Dort lag ein strubbelig aussehender Mann mit einer dicken Backe auf der Erde und auf seinen Armen und Beinen wuchsen BÀume und StrÀucher. Das war aus dem MÀrchen vom naschhaften Riesen.
‚Vielleicht konnte man ja dem Riesen Zuckerwerk anbieten?’ ĂŒberlegte sie.
Ein leichtes Zwicken holte sie aus ihren Gedanken. Da saß wieder das MĂ€uschen und hatte aus der Bonbonschachtel ein Kirschbonbon gerollt, schob es jetzt zwischen die beiden Tassen, setzte sich auf die Hinterpfoten und nickte stolz.
Fast im gleichen Augenblick begriff Hermelina.
Dann holte sie aus ihrem NachtschrĂ€nkchen ein klitzekleines, hauchdĂŒnnes Seidentaschentuch, wickelte das Bonbon darin ein und band das PĂ€ckchen der Maus auf den RĂŒcken. Das MĂ€uschen hielt ganz still und kaum war die Schleife auf dem Bauch zugezogen, hob sie grĂŒĂŸend ein Pfötchen, sprang auf das Fensterbrett und war verschwunden.
Hermelina sah nochmals durch das Stielooge, versuchte sich zu merken, was Calotta anhatte und ging zu ihrem Kleiderschrank.
Sie zog sich das gleiche himmelblaue Kleid an, das auch Calotta trug, band sich genauso zwei Zöpfe und schlĂŒpfte in die roten Lackschuhe, die sie gemeinsam beim Jahrestreffen der Prinzessinnen gekauft hatten. Dann griff sie ein zweites Kirschbonbon aus der Schachtel, schlich sich aus dem Schloss und rannte zum Zauberwald.
Es war schon spÀter Nachmittag, als das MucksmÀuschen wieder bei Calotta eintraf. Das arme MÀdchen hatte inzwischen von oben mit angesehen, wie ihr Vater und die Schlosswachen am Wald vorbei ritten. Sie hatte gerufen, aber umsonst. Niemand verschwendete auch nur einen Blick auf die Baumkronen der Waldmitte.
Das Erscheinen des MucksmÀuschens kam ihr deshalb schon vor wie die halbe Rettung.
Es sprang, kaum bei Calotta angekommen, in die Tasche ihres Kleides, stupste die Tafel Schokolade heraus und fing an, das Papier abzukratzen. Calotta dachte, das MĂ€uschen habe Hunger und faltete das Papier ordentlich auseinander. Die Schokolade war natĂŒrlich inzwischen schon ganz weich geworden. Die Maus rĂŒhrte nun mit der Nase durch den braunen Brei und wischte sie sofort wieder sauber. Auf dem Schokoladenpapier entstand langsam folgendes Bild.
Ganz links saß ein Igel neben einem großen Baum, ganz rechts auch. Dazwischen rannte in vollem Lauf ein riesiger Mann mit verstrubbelten Haaren. Über jedem Igel war noch ein komischer Kreis mit zwei Dreiecken dran.
Das MĂ€uschen kratzte sie und als Calotta aufschaute, drehte das schlaue Tierchen ihr den RĂŒcken zu. Die gefangene Prinzessin sah auf dem RĂŒcken der Maus ein kleines PĂ€ckchen.
Mit zitternden Fingern öffnete sie den Knoten und fand ein in rotes Papier gehĂŒlltes Bonbon, das nach Kirschen roch.
Da verstand sie das Bild.
Es war ja ihr LieblingsmÀrchen, das vom naschhaften Riesen.
Im Wald krachte es und BĂ€ume fielen zu Boden. Der Riese kam zurĂŒck. Unter dem Arm trug er ein wahrhaft riesiges BĂŒndel Feuerholz und in seinen GĂŒrtel hatte er einen grĂ€sslich anzuschauenden Spieß gesteckt.
Er ließ alles vor der großen Eiche fallen und schob sein Gesicht ganz nah an Calottas KĂ€fig.
„Auf den Spieß werd ich dich stecken,
am Feuer dich braten,
wirst lecker mir schmecken
dazu gibt’s Tomaten.
Hahahahahaha!“
Calotta hob mutig ihren rechten Arm hoch und hielt zwischen Daumen und Zeigefinger das Kirschbonbon. Der Riese kniff seine blutunterlaufenen Augen zusammen, schnupperte einen Moment und fragte dann mit aufgeregter Stimme:
„Dieser Geruch, was ist das? Das kenn ich doch, aber woher?“
Calotta rief: „Das ist ein Kirschbonbon!“
Da fing der Riese an zu heulen.
„Gib ihn mir! Sofort! Seit meine Mutter starb- und das ist wohl schon hundert Jahre her- hab ich kein Bonbon mehr gegessen! Wirf es heraus! Mach schon!“
Doch Calotta öffnete nur den Mund und schob das Bonbon langsam zwischen ihre Lippen.
„Nein! Tu das nicht! Ich muss es haben!“
Er begann zu trampeln vor Aufregung.
„Ich gebe dir dafĂŒr, was du willst!“ bot er an.
Calotta war aber ein kluges MĂ€dchen. WĂŒrde sie ihm das Naschwerk geben, wĂŒrde er es essen und sie trotzdem verspeisen, also schloss sie die Faust um das Bonbon und rief: „Nein!“
„Aber was kannst du mehr wollen als deine Freiheit?“ fragte der Riese verwundert, weil er sich nicht vorstellen konnte, dass dieses kleine MĂ€dchen seine List durchschaut hĂ€tte.
„Ich will mit dir um die Wette rennen!“
„Du willst mit mir um die Wette rennen?“ wiederholte der Riese und glaubte, sich verhört zu haben.
„Ja“ sagte Calotta „wir rennen um die Wette. Einmal quer durch deinen Wald. Von dem großen Baum an meines Vaters Schloss zu dem großen Baum am anderen Schloss. Wenn ich gewinne, bekommst du das Bonbon und du gibst mir vorher dein Riesenehrenwort, dass ich nach hause kann. Gewinnst du, ess ich dieses leckere Kirschbonbon und du kannst mich fressen.“ Und wieder tat sie so, als wollte sie das Bonbon in ihren Mund werfen.
Die Erde erbebte, weil sich der Riese auf die Knie fallen ließ. Dem furchtbaren Kerl tropfte schon der Speichel aus den Mundwinkeln und er stammelte nur noch: „Gut, gut, so machen wir’s. Mein Ehrenwort! Das Ehrenwort eines Riesen gebe ich dir, dass du gehen kannst, wohin du willst, wenn ich nur das köstliche Zuckerwerk kriege!“ Und in Gedanken fĂŒgte noch hinzu, das Calotta ihn nicht hören konnte: ‚Geradewegs in meinen Schlund kannst du spazieren, ob du willst oder nicht, hehe’.
Dann hob er den KĂ€fig vom Baum und trug ihn zu dem großen Baum am Waldrand beim sĂŒdlichen Schloss. Dort stellte er ihn ab und öffnete die TĂŒr. Calotta kam vorsichtig heraus, Ă€ngstlich bedacht, das Bonbon nicht fallen zu lassen.
„Bei Drei rennen wir los!“
„Gut“ sagte der Riese und dann schauten sich die beiden an.
„Du musst zĂ€hlen“ rief Calotta.
„Ich kann nicht bis drei zĂ€hlen“ antwortete der Riese.
„Du solltest Dummerchen heißen“ murmelte Calotta und schrie dann, so laut sie konnte:
„Eins, Zwei, Drei!“
Beide rannten zwar im gleichen Moment los, aber schon war vom Riesen nicht viel mehr zu sehen als entwurzelte BĂ€ume, die er im hohen Bogen aus seiner Bahn schleuderte.
Nach wenigen Augenblicken kam er am nördlichen großen Baum an, etwas keuchend zwar, aber doch als Erster.
Wer kann sein Erstaunen beschreiben, als er da die kleine Prinzessin sah.
Sie stand vor dem Baum in ihrem himmelblauen Kleid, mit ihren roten Schuhen und den zwei abstehenden Zöpfen. Laut rief sie ihm entgegen: „Ich bin schon da!“ und hielt dabei ein rotes Bonbon in die Luft.
„Noch mal!“ schrie er, drehte sich um und schaute ĂŒber die Schulter zu ihr hinunter.
Hermelina, denn niemand anderes hatte ihn erwartet, sah hinauf und sagte – nichts.
„Du musst zĂ€hlen!“ rief der Riese und so schrie sie, so laut sie konnte: „Eins, Zwei und Drei!“
Wieder rannte der furchtbare Riese los, keine BĂ€ume mehr flogen aus seinem Weg, denn die hatte er ja schon bei seinem ersten Lauf umgerissen. Staub wirbelte auf, Dreckklumpen flogen Hermelina um die Ohren und augenblicklich war der Riese verschwunden.
Schneller als vorher hatte er den sĂŒdlichen Baum erreicht und fiel vor Schreck und weil er schon so geschwĂ€cht war auf seinen Hosenboden.
Denn an dem Baum stand die kleine und anscheinend gar nicht so langsame Prinzessin, reckte das Bonbon nach oben und rief abermals: „Ich bin schon da!“
Ächzend erhob sich der Riese, knirschte ein „Noch mal!“ durch die ZĂ€hne, wartete nicht auf Calottas ZĂ€hlen und stob davon.
Niemand hat mitgezĂ€hlt, wie oft der dumme Riese, der nicht mal bis Drei zĂ€hlen konnte, hin und wieder zurĂŒck rannte, als es auf einmal laut polterte und der Riese mitten im Wald zu Boden fiel.
Als die beiden MÀdchen das hörten, liefen sie los und kamen gerade noch rechtzeitig an, um mitzuerleben, wie Grummelchen seinen letzten Atemzug hinausschnaufte.
Dann war es ruhig.
Auf seinem Weg durch den Wald hatte er eine tiefe Furche in den Boden getrampelt.
Nun, da der Riese tot war, fĂŒllte sich dieser Graben langsam mit dem Wasser aus der Erde und der Baumstamm, den er sich in seinen wirren Haarknoten gesteckt hatte, lag wie eine BrĂŒcke ĂŒber den Graben.
Mitten auf dieser natĂŒrlichen BrĂŒcke trafen sich Calotta und Hermelina und umarmten sich voll Freude.
Sie fassten sich bei den HĂ€nden und liefen zum Waldrand. Der Fluch, der alle im Wald gehalten hatte, war aufgehoben und so traten sie hinaus auf die Straße und spazierten seelenruhig zu Hermelinas Schloss.
Erst jetzt, wo sie wieder aus dem Walde waren, fiel ihren Eltern das Fehlen der Prinzessinnen auf und so wurden sie mit Fragen bestĂŒrmt, wo sie denn solange gewesen seien.
„Och“ antworteten beide wie aus einem Munde „wir hatten einen Riesenspaß.“
Dann kicherten sie und waren nicht zu bewegen, mehr von ihrem Abenteuer zu erzÀhlen.

Die Prinzessinnen Hermelina und Calotta sind nun auch schon lĂ€ngst tot, die Schlösser zu Staub zerfallen, selbst die HĂŒgel, auf denen sie standen, nicht mehr zu sehen, aber noch immer sagt man in der Gegend „Stielooge“ zu einem Fernglas und „mucksmĂ€uschenstill“, wenn von jemandem nichts zu sehen und vor allem zu hören ist.

__________________
kny

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Penelopeia
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Hallo Knychen,

das ist eine köstliche Geschichte, auch wenn der Grundeinfall aus einem bekannten MĂ€rchen stammt. Solche Formulierungen wie "Jahrestreffen der Prinzessinnen" bleiben im GedĂ€chtnis, bei großen wie kleinen Lesern.
Die Sprache empfinde ich als sehr klar und ĂŒbersichtlich strukturiert.

LG

P.

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knychen
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schönen dank.
die geschichte war ganz privat fĂŒr meine tochter charlotte und ihre freundin hermine geschrieben und dem alter entsprechend mußte ich natĂŒrlich auf komplizierte satzkonstrukte verzichten. habe aber soeben beim durchlesen ein paar unschöne worthĂ€ufungen entdeckt. werd ich noch ausmerzen. calotta und hemelina erleben gerade eine neue geschichte, muß jetzt aufpassen, daß ihnen nix ernsthaftes passiert.
gruß aus berlin. knychen
__________________
kny

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