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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
zehn finger
Eingestellt am 13. 01. 2007 11:26


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the meia
Hobbydichter
Registriert: Jan 2007

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Gut gerollt ist halb gewonnen

Frohen Mutes senkte ich die Finger auf die Tastatur, bereit, irgendeine belanglose Wortfolge, die technische Daten meiner Person enthalten sollte, auf dem flimmernden Monitor sichtbar zu machen. Aber noch bevor ich eine Taste gedrĂŒckt hatte, entschied ich mich anders, ich hielt den englischen Satz „the lazy brown fox jumps over the quick dog“ fĂŒr weitaus besser, da er alle Buchstaben von a-z enthielt (natĂŒrlich außer den Mitlauten) und mit am besten geeignet war, eine Tastatur oder die eigenen SchreibfĂ€higkeiten zu testen. Das Ergebnis ĂŒberraschte mich, anstatt lesbarer Zeilen fĂŒllten Zeichen wie „tjw kazx voown gux kimpes obwe tje wiock dig“ den Bildschirm, die selbst unter dem Einsatz jeglicher Vorstellungskraft keinerlei Wiedererkennungswert zu dem Gedanken erkennen ließen, den ich optisch fixieren wollte. In diesem Moment dachte ich wieder an die Ereignisse der letzten Monate zurĂŒck, ich war ein gesunder Mensch, der seit neununddreißig Jahren vieles als selbstverstĂ€ndlich ansah, jeden Tag arbeiten ging und dessen Denken hauptsĂ€chlich von den tĂ€glichen Anforderungen geprĂ€gt wurde. Plötzlich war alles anders. Ich erinnerte mich noch, dass ich an einem Sonntagabend bierumsĂ€uselt eine GaststĂ€tte verließ, und als ich dann erwachte war es nicht wie erwartet Montagmorgen, sondern inzwischen ein Monat vergangen, ich lag in einem Krankenhausbett und konnte zu meinem Erstaunen weder hören noch laufen. Mittlerweile waren mehr als drei Monate seit dem prĂ€genden Erwachen vergangen, ich befand mich immer noch in einem Krankenhaus, und außer der Tatsache, dass meine FĂ€higkeitsreduktion durch die vergangene Zeit ihren Überraschungseffekt verloren hatte, waren die Auswirkungen des Verlustes von Sinnesleistungen noch in ihrer GĂ€nze vorhanden, sorgte diese Reduktion immer wieder fĂŒr praktische Probleme des tĂ€glichen Lebens, die in einer mir als lang zurĂŒckliegend erscheinenden Zeit kein Thema waren. Besonders Ă€rgerte mich meine hieroglyphenĂ€hnliche Handschrift, und da Schreiben eines meiner dringensten BedĂŒrfnisse war, kritzelte ich ein kurzes Übungsgedicht in meinen Schreibblock. Am Folgetag erstaunte mich die unleserliche Handschrift, ich konnte die Buchstaben beim besten Willen nicht mehr entziffern. In diesem Moment hoffte ich auf einen zumindest rudimentĂ€ren Erhalt meiner FĂ€higkeiten an der Tastatur, welche in den vielen Jahren vor meiner Erkrankung zum wichtigsten Schreibuntensil geworden war und die ich sehr gut zu beherrschen glaubte. Ich erzĂ€hlte einer Ergotherapeutin von meinen Überlegungen, und eines Tages tat sie mir einen großen Gefallen und ermöglichte mir den Zugang zum Computerraum der Abteilung Ergotherapie, fĂŒr mich sehr ĂŒberraschend, waren Rechner doch dem Personal vorbehalten und die TĂ€tigkeit daran fĂŒr Patienten tabu. Aber als ich die seltsamen Worte auf dem Monitor sah, welche an die eines unter starkem alkoholeinfluss stehenden Schimpansen erinnerten, entpuppte sich mein Denken als eine reine Illusion, eine unrealistische Wunschvorstellung, und ernĂŒchterten mich schlagartig. Unsanft landete ich auf dem Boden der Tatsachen, umgeben von den klĂ€glichen Resten meiner ehemaligen FĂ€higkeiten, und sah mich mit einem erneuten praktischen Problem konfrontiert. Am meisten frustrierte mich die Tatsache, dass ich im Jahr vor meiner Erkrankung sehr froh darĂŒber war, endlich schnell genug schreiben zu können, um nach einem im Gehirn formulierten Satz nicht mehr daran denken zu mĂŒssen, die Tasten schnell genug zu drĂŒcken. In den weit ĂŒber zwanzig Jahren davor war die nach der Formulierung eines Satzes eintretende Stockung mein Hauptproblem gewesen, die Finger agierten nicht schnell genug, wĂ€hrend ich noch mit der Niederschrift des ersten Satzes beschĂ€ftigt war, ersann das Gehirn neue SĂ€tze, und da sie nicht zu Papier beziehungsweise Festplatte gebracht wurden, Ă€hnelte ihre Existenzdauer derer aus Schall und Rauch gebildeten Elementen. Oft kam es vor, dass bereits eine Version des zweiten oder dritten Nachfolgesatzes, die ich fĂŒr gut und verfassungswĂŒrdig hielt, verworfen und durch minder gute Versionen ersetzt wurde, da ich noch mit der Niederschrift des ersten Satzes beschĂ€ftigt war. FĂŒr jemanden wie mich, der Zeit seines Lebens den Drang verspĂŒrte, seine Gedanken aufzuschreiben, war schreiberische Schnelligkeit ein nicht zu unterschĂ€tzender Vorteil. Aber offensichtlich konnte ich es vergessen, als eine Erinnerung an vergangene Zeiten ansehen und als nicht mehr aktuell betrachten. Sehr interessant war allerdings eine Beobachtung die mir Mut machte, zwar waren ein Großteil meiner FĂ€higkeiten wie weggeblasen, ins nichts entschwunden und es erschien mir, als wĂ€ren sie nie vorhanden gewesen, aber trotzdem nahmen meine HĂ€nde ohne explizit daran zu denken die in vielen Jahren verinnerlichte und fĂŒr das Schreiben mit zehn Fingern nötige Grundposition ein. Hierin sah ich eine Grundlage auf die man mit Übung aufbauen konnte, zwar war vieles weg aber offensichtlich nicht alles. NatĂŒrlich umtrieb mich nicht der Gedanke daran, wieder so schnell zu werden wie vor der Erkrankung, aber ich sah es als möglich an, in BĂ€lde lesbare SĂ€tze in halbwegs passabler Geschwindigkeit aufzuschreiben. Nach dieser Erkenntnis informierte ich die Leiterin der Krankenhausabteilung Ergotherapie - die mir wĂ€hrend der ganzen Zeit meiner Schreibversuche interessiert ĂŒber die Schulter geschaut hatte - ĂŒber mein Ansinnen, das von mir und einem halbseitig gelĂ€hmten Mann bewohnte Zimmer aufzusuchen und rollte gen Ausgang.
Als der frĂŒhe Abend hereinbrach und das abnehmende Sonnenlicht den menschenleeren Vorplatz in einen mich ansprechenden Zustand der DĂ€mmerung tauchte befand ich mich wie jeden Abend auf der Auffahrt vor dem Haus, dem am leichtesten erreichbaren Ort an dem rauchen toleriert wurde. Die Luft roch wĂŒrzig, minimal nach Feuchtigkeit und mich erstaunte die Tatsache, dass ich sie am Ende eines Tages als Angenehmer wahrnahm als zu einer mittĂ€glichen Stunde. Ich erklĂ€rte mir jenes PhĂ€nomen damit, dass sich gen Abend der Ausstoß von Schadstoffen drastisch reduzierte und die Luft weniger belastete. Gierig sog ich an einer Filterzigarette, die erste und vorraussichtliche Einzige des Tages. Jeden Abend stellte ihr Genuss aufs Neue eine der wenigen mir möglichen und mit Abstand die gravierenste Freude des Tages dar. Dass es stets nur eine oder selten zwei hintereinander waren hatte mehrere GrĂŒnde. Zum einen nahm ich nur ungern den weiten Weg von der Station zum Vorplatz in Kauf, einen der wenigen Orte, an denen Nikotingenuss geduldet wurde – im GebĂ€ude selbst war dies aufgrund Ermangelung eines Raucherzimmers nicht möglich. Zum anderen bestand ein Grund darin, dass Zigaretten Mangelware fĂŒr mich waren, eine Packung GlimmstĂ€ngel einen schwer erreichbaren Luxus fĂŒr mich darstellte, zwar hatte ich genĂŒgend Geld, aber am Kiosk wurde kein Tabak verkauft und im GebĂ€udeinneren oder in fĂŒr mich erreichbarer Entfernung war kein Automat zu finden. Mit einem GefĂŒhl der Unzugehörigkeit beobachtete ich die Menschen auf dem Parkplatz etwa zwei Meter unter mir. Da der kleine Vorplatz angesichts der wachsenden Zahl von Rauchern nicht mehr ausreichte, hatten die nikotinabhĂ€ngigen Patienten jenen zu ihrem Treffpunkt erkoren. Zumeist hielten sich Abends dort etwa zehn bis zwanzig Menschen auf, zwar hĂ€tte ich mich rein theoretisch auch dort hinstellen können, aber da ich mein Gehör verloren hatte und an normaler menschlicher Kommunikation nicht mehr teilnehmen konnte, blieb ich lieber fĂŒr mich, denn ich war mir gewiss, mich in einer derartigen Umgebung völlig ĂŒberflĂŒssig und wie ein fĂŒnftes Rad an einem Wagen zu fĂŒhlen. Fehl am Platz zu sein war mittlerweile ein GefĂŒhl, dass mich stĂ€ndig dominierte, egal an welchem Ort ich mich aufhielt. Da ich schon ĂŒber zwei Monate in dieser Klinik verweilte, und außer einer Gewichtszunahme bedingt durch das gute Essen keinerlei Änderung zu bemerken war, wollte ich nur nach Hause in meine kleine Wohnung. Ich stellte mir die profanen GenĂŒsse vor, die mich dort erwarteten. Der Gedanke daran, Zigaretten nicht mehr als schwer erhĂ€ltliches Luxusgut zu betrachten, rauchen zu können wann ich wollte und auch die Vorstellung, zwecks des Nikotingenusses nicht mehr einen langen Weg sondern nur einige lĂ€cherliche Meter zurĂŒcklegen zu mĂŒssen erfĂŒllte mich mit Freude. Nicht minder erhebend war der Gedanke, stĂ€ndig Computer zur freien VerfĂŒgung zu haben, die den einzigen Weg darstellten, meinen starken Wunsch nach schriftlichem Ausdruck befriedigen zu können. Zwar lag das Erleben jener Dinge nur drei Monate zurĂŒck, aber dennoch erschien es mir wie etwas, das tief in der Vergangenheit verborgen war und mir deshalb wie ein lange nicht erlebtes VergnĂŒgen vorkam. Mittlerweile war die Zigarette an ihrem Ende angelangt, ich rollte zu einem BlumenkĂŒbel, in den irgendjemand einen Aschenbecher gestellt hatte, drĂŒckte meine Zigarette in diesem aus und fuhr in Richtung EingangstĂŒr. Ich wollte zurĂŒck auf die Station um dort noch ein wenig mit dem Rollator zu ĂŒben, den ein bereits entlassener Zimmernachbar zurĂŒckgelassen hatte. Im Rollstuhl zu sitzen war ich gelinde gesagt leid, das stĂ€ndige Aufschauen zu anderen Menschen erzeugte ein wachsendes GefĂŒhl absoluter Erniedrigung in mir und ich wollte anderen Menschen zumindest wieder in Gesichtshöhe begegnen. Zwar war jener nur bedingt geeignet, um die Auswirkungen der Gleichgewichtsstörungen (neben Hörverlust, Facialisparese und beschĂ€digter Feinmotorik die Folgen meiner Erkrankung) zu kompensieren, aber ich werde nie jenes HochgefĂŒhl vergessen, das ich empfand als ich das erste Mal in aufrechter Körperhaltung meine Runden durch die Station drehte. Als sich die hydraulisch betriebenen SchiebetĂŒren fĂŒr mich lautlos öffneten, steuerte ich den mehrere hundert Meter entfernt liegenden Fahrstuhl zu den oberen Stockwerken an. Ich rollte an der Portiersfrau vorbei, welche meinen Anblick gewöhnt war und, in ihre Akten vertieft, keinen Sekundenbruchteil lang aufschaute.

Meia allein zu Haus

Knapp zwei Jahre spĂ€ter hatte sich einiges in meinem Leben verĂ€ndert. Nicht als vergessen aber als eine Erinnerung an vergangene Tage betrachtete ich die fast vier Monate im Krankenhaus nach meiner Erkrankung. Besonders einfach vorstellbar war das GefĂŒhl der Freude, welches ich empfand, als ich zum ersten Mal dauerhaft einen Rollstuhl zur VerfĂŒgung gestellt bekam, das BedĂŒrfnis nach MobilitĂ€t befriedigen konnte, und nicht im Bett liegend an einen Ort gebunden war. Jener war mittlerweile stĂ€ndig einem Rollator gewichen, denn einen Rollstuhl besaß ich zwar, aber direkt am ersten Tag zu Hause musste ich feststellen, dass jener nicht durch den Eingang zum Badezimmer passte, die KĂŒche konnte ich eigentlich erreichen, aber dennoch unterließ ich den Gebrauch eines Rollstuhls, da ein Passieren des Eingangs einem Unterfangen glich, gegen das das EinfĂŒhren eines Fadens in ein Nadelöhr gedankenlose Routinearbeit ohne jegliche Form der Konzentration darstellte. Folglich deponierte ich den Rollstuhl direkt zu Beginn platzsparend zusammengeklappt in einer Zimmerecke, wies ihm eine neue Funktion als ĂŒberdimensionierter StaubfĂ€nger zu und erkor den Rollator als stĂ€ndige Gehhilfe. Dies war eine Entscheidung, die mich zwar mit vorher nicht erahnten Schwierigkeiten ĂŒberraschte, aber im großen und ganzen meiner Meinung nach richtig war und nie bereut wurde. Auch in Bezug auf das Schreiben hatte sich einiges verĂ€ndert. Als allererstes sorgte ich fĂŒr zwei funktionsfĂ€hige Computer, zwei deshalb, weil ich mir einerseits vorstellte im Fall, dass ein Computer mit einer mehrstĂŒndigen Aufgabe beschĂ€ftigt wĂ€re, ich auf einen zweiten weiterschreiben konnte. Andererseits gedachte ich fĂŒr einen Teil der Kommunkation das Internet zu nutzen und bei einem theoretisch möglichen Defekt des Rechners sollte direkt ein anderer zur VerfĂŒgung stehen. Da die Reduktion der körperlichen FĂ€higkeiten einherging mit dem Effekt, dass kleine Details, die fĂŒr mich als gesunder Mensch eher unbedeutend waren, an Relevanz betreff der Zielerreichung stark zugenommen hatten, probierte ich verschiedene Tastaturen unterschiedlichster Hersteller daraufhin aus, welche am besten zu mir passte und mit der ich am besten zurechtkam. Nach nur kurzem Suchen entschied ich mich fĂŒr ein bestimmtes Modell, die Tastatur hat zwar mittlerweile gewechselt, aber der Hersteller blieb gleich. Sogar in dem fĂŒrwahr unguten Hörverlust sah ich etwas Positives: da ich zum Großteil zu normaler Kommunikation nicht mehr fĂ€hig war, wurden meine Worte nicht mehr ausgesprochen sondern aufgeschrieben, da dies zumeist mittels Tastatur geschah, brauchte ich mich auf Übungen an der Tastatur nicht zu konzentrieren, automatisch verband sich das Nötige mit dem NĂŒtzlichen. Nach kurzer Zeit brachte ich lesbare SĂ€tze in passabler Geschwindigkeit auf virtuelles Papier, meine schreiberischen FĂ€higkeiten waren nicht komplett verschwunden, sondern einer starken Reduktion unterzogen worden, sodass ich die seltsamen Buchstabenfolgen im ersten Test darauf zurĂŒckfĂŒhrte, dass die Finger nicht den auf vergangenen FĂ€higkeiten beruhenden Anforderungen des Gehirns Folge leisten konnten. Aus dem Internet besorgte ich mir eine dem Tipptraining dienende Software, die mir stets ermöglichte die genaue Schreibleistung festzustellen. Nach einigen wenigen Wochen erreichte ich eine Anschlagszahl von ungefĂ€hr 130 TastendrĂŒcken in der Minute – ein solcher Wert ist mitnichten berauschend und als kein Anlass zum jubeln anzusehen, aber ich war mit dem Ergebnis zufrieden, obwohl ich als gesunder Mensch darin einen großen Grund zum Üben gesehen hĂ€tte. Besonders die doch recht nervigen Gleichgewichtsstörungen, die in aufrechter Haltung schnell einen Bewegungsfehler möglich machten, zwangen mich eine Fehlervermeidung anzustreben und schnellstmöglich zu verinnerlichen. Eine derartige Vorgehensweise beeinflusste auch mein Verhalten an der Tastatur. Selbst hier war ich um grĂ¶ĂŸtmögliche Fehlerfreiheit bemĂŒht, agierte so viel konzentrierter und viele FlĂŒchtigkeits- und Tippfehler gehörten der Vergangenheit an. Am Anfang fixierte ich schriftlich manche der mich umtreibenden Gedanken und schrieb einige neue Stories, deren Ideen auf der Zeit nach meiner Erkrankung basierten. Danach beschloss ich, obwohl noch einige vage formulierte EinfĂ€lle jĂŒngeren Datums in den Gehirnwindungen spukten, mich Ă€lteren Texten zuzuwenden, halbfertiges zu vollenden, sowie zum Teil mehrere Jahre zurĂŒckliegende Ideen zu verwirklichen. Da ich mich natĂŒrlich nicht mehr an alle Details einer potentiellen Story erinnern konnte, erwies sich im Nachhinein die schon vor Jahren angenommene Gewohnheit der Niederschrift eines von mir ExposĂ© genannten Kurztextes von Vorteil, welcher in notizenĂ€hnlicher AusfĂŒhrung die Rahmenhandlung einer Geschichte schilderte. Solche als erstes anzufertigen hatte ich mir in der Vergangenheit angewöhnt, da mitunter EinfĂ€lle zu strukturierten Ideen heranwuchsen, mir aber desöfteren Zeit und Motivation fehlten, eine komplette Kurzgeschichte in ihrer GĂ€nze zu verfassen. Auch dienten mir solche Texte dazu, spontane Ideen aufzuschreiben, sofort an die richtige Stelle zu ordnen um der Gefahr, den Einfall zu vergessen entgegenzuwirken. Zwar waren die Meisten Geschichten von mir bereits angefangen aber nie vollendet worden, so dass sich die Grundidee nach LektĂŒre von selbst in Erinnerung rief, aber bei zweien lagen nur eben jene Notizen und sonst nichts vor. Ich schrieb sie und das Wissen darum, mich zur Niederschrift nur auf fĂŒnf oder sechs Jahre alte Notizen gestĂŒtzt zu haben erfĂŒllte mich mit Freude. Durch jene Erfahrungen motiviert erglomm in mir die Idee, die Arbeit zu der lĂ€ngsten angefangenen Geschichte, betitelt „Meia, Hotte und Co.Kg.“, erneut in Angriff zu nehmen und sie fertigzustellen. Mittlerweile waren seit dem Zeitpunkt der letzten kreativen BeschĂ€ftigung damit ĂŒber zehn Jahre ins Land gegangen, eine sehr lange Zeit, in der die doch recht große Datei stets mit BerĂŒhrungsĂ€ngsten versehen war und selten geöffnet wurde. Um mir einen Überblick ĂŒber das bereits Geschriebene zu verschaffen las ich zuerst die bereits verfassten neunzig Seiten, danach die zumeist per Hand geschriebenen Notizen, die sich ĂŒber mehrere Seiten erstreckten und in einem eigenen Ordner abgelegt waren. Durch die LektĂŒre entstand in mir die Idee des in der Endfassung verwirklichten Rahmens. Da ich meine durch das Schreiben von Kurzgeschichten genĂ€hrte Neigung zur AusfĂŒhrlichkeit kannte, schĂ€tzte ich die Zahl der noch zu schreibenden Seiten auf 500 - 800 ein, sollte diesen die alte Idee zugrundeliegen, meine neue Idee reduzierte den Umfang auf noch circa 100 zu schreibende Seiten, also nicht nur eine kĂŒrzere, sondern meines Erachtens nach auch inhaltlich die bessere Variante. Es lag nahe, mich fĂŒr letzteres zu entscheiden, mit dazu bei trug die Tatsache, die neue Idee sowieso fĂŒr besser zu halten. Nur einige wenige der viele Jahre alten EinfĂ€lle ĂŒbernahm ich, platzierte sie im Geist innerhalb der Geschichte und verzichtete auf die Anfertigung neuerer Notizen. Nebst diesem Entschluss umtrieb mich der Wille – die im Krankenhaus entstandene Idee der zukĂŒnftigen Konzentration auf das Schreiben berĂŒcksichtigend – mir fest vorzunehmen, jeden Tag mindestens eine Seite anzufertigen, mich in keinster Weise von UnpĂ€sslichkeiten, Unlust oder Überraschungen jeder Art – seien sie positiv oder negativ – von meinem Vorsatz abbringen zu lassen.
Nachdem ich jenes fĂŒr mich beschlossen hatte, stelle ich den Vibrationswecker auf sieben Uhr morgens, zĂŒndete mir eine Zigarette an und nahm mir fest vor, bereits am nĂ€chsten Morgen mit der Verwirklichung des mir in seiner grĂ¶ĂŸe bisher nicht erlebten Projekts zu beginnen.

Am Ziel nicht aller aber eines Wunsches

Als ich ungefĂ€hr ein halbes Jahr spĂ€ter das magische Wort „Ende“ unter die letzte Zeile des Textes schrieb, erfĂŒllte mich ein selten gekanntes HochgefĂŒhl und ich griff zu der extra fĂŒr diesen Moment bereitgehaltenen Zigarette. Ein vor Jahren gesehener Film, in dem ein Autor erst in diesem Augenblick zu einem GlimmstĂ€ngel griff, er anscheinend die vielen Seiten und Stunden zuvor auf den Genuss von Nikotin verzichtet hatte und sich diesen erst im erhabenen Endmoment gönnte, diente mir als Vorbild fĂŒr mein Verhalten. Allerdings war jene Handlung auch die einzige Parallele zu dem Filmakteur, neben vielen anderen UmstĂ€nden erschien mir die Tatsache bei der Fertigstellung von „Meia, Hotte und Co.Kg.“ jede Menge Zigaretten geraucht zu haben am gravierensten. Trotz des Wissens um die gewaltigen Unterschiede zu einem professionellen Schriftsteller und bar jeder Illusion, jemals ein solcher zu werden, erfĂŒllte mich eine tiefe Zufriedenheit, die ich in dieser Form noch niemals kennengelernt hatte. Einerseits war ich froh, bis zu diesem Punkt gekommen zu sein und mein Vorhaben, jeden Tag etwas daran weiterzuarbeiten, verwirklicht hatte. Andererseits bewies es mir selbst, dass ich durchaus fĂ€hig war, etwas GrĂ¶ĂŸeres als die höchstens neunseitigen Kurzgeschichten fertigzustellen, ich mich in der Lage fĂŒhlte, auch Ideen zu verwirklichen, die ich fĂŒr einen ĂŒblichen Rahmen zu umfangreich hielt. Ich fĂŒhlte mich wie jemand, der eine einengende Grenze ĂŒberwunden hatte, und neue BetĂ€tigungsfelder vor sich sah, die einem weitere Möglichkeiten versprachen. Nach dieser Vorstellung schloss ich das 212 Seiten umfassende Dokument, und kopierte es direkt auf eine eingelegte Diskette, um es in zweifacher Form parat zu haben und auch ein hĂ€ufig erlebter Hardwaredefekt mich im schlimmsten Fall nicht um das Ergebnis der KreativitĂ€t bringen konnte. WĂ€hrend ich gedankenverloren ein die MondoberflĂ€che zeigendes Hintergrundbild betrachte, dachte ich an die Tatsache, dass jene angefangene Geschichte ĂŒber zehn Jahre unbearbeitet und wenig beachtet in einem verzeichnis fĂŒr Prosa-Dateien ihrer Fertigstellung harrte.
Folglich besaß sogar meine Erkrankung, welche negativen Folgen sie auch hatte, einige positive Seiten, denn ich glaubte nicht, dass ich als ein fest in die tĂ€gliche Routine eingebundener gesunder Mensch jemals die Zeit und – was meines Erachtens nach noch wichtiger war - die Motivation zur schriftlichen Vollendung gehabt hĂ€tte. WĂ€hrend ich schon ĂŒber die nĂ€chste zu verwirklichende Idee nachsann, EinfĂ€lle sofort im Geiste verwarf oder fĂŒr gut gehaltene in meiner Erinnerung notierte, verschwand blitzartig das Mondbild vom Monitor und wurde durch den tiefschwarzen Anblick einer Fehlfunktion ersetzt. Da ich nichts berĂŒhrt, keine Taste versehentlich betĂ€tigt hatte, war es mir sofort klar, dass es sich um das Versagen einer Computerkomponente handeln musste. Ich seufzte angesichts der ungeplanten BetĂ€tigung, drĂŒckte meine Zigarette aus und wandte mich dem Rechner zu. Als erstes entnahm ich die Diskette mit der gespeicherten Endversion von „Meia, Hotte und Co.Kg.“, und legte sie auf ein ĂŒber mir befestigtes Regal. Zwar erwartete mich einiges an Arbeit bei der Fehlersuche, aber solche war ich gewohnt und mit dem Bewusstsein, dass mich ein Defekt zwar stören aber nicht wirklich belasten konnte, machte ich mich an die Arbeit. „Hauptsache, die Story ist fertig..“, dachte ich mir, drĂŒckte einige Knöpfe und unterbrach gutgelaunt Steckverbindungen.





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ENachtigall
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zehn finger

Hallo the meia,

herzlich willkommen in der Leselupe.

Ich habe den Text mit Interesse gelesen.

Als ersten Vorschlag möchte ich Dir eine aufgelockerte Gestaltung der langen Blöcke ans Herz legen. FĂŒge mehr AbsĂ€tze ein. Das bietet dem geneigten Leser kleinere "HĂ€ppchen" LektĂŒre an, die im Allgemeinen lieber angenommen werden, als die kompakten Einheiten.

Herzliche GrĂŒĂŸe

Elke


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Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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the meia
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hallo elke!
danke fĂŒr die kritik. genau den von dir angesprochenen punkt habe ich vor einiger zeit schon bedacht und bei neueren werken berĂŒcksichtigt. neben meiner neigung zu langen sĂ€tzen sind genau die wenigen absĂ€tze etwas, dass es zu vermeiden gilt und ich beim schreiben stets beachten möchte.

beste grĂŒĂŸe

the meia

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