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Leselupe.de > Kurzprosa
zwergnase
Eingestellt am 14. 10. 2010 13:11


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monday
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Keine gute Idee, die Wohnung zu verlassen, das habe ich schon an der Ampel gemerkt, deren rotes Licht einfach zu grell war f√ľr diesen Tag, an dem Nebel wie Trockeneis die Luft erf√ľllt, und es h√§tte mir auch schon im Treppenhaus auffallen k√∂nnen, an meiner Erleichterung, niemandem zu begegnen, sich ein simples ‚ÄěGuten Morgen‚Äú ersparen zu k√∂nnen, aber ich hatte keinen Kaffee mehr und vielleicht auch Hunger, doch dann habe ich mich nicht getraut, beim B√§cker im Kaisers ein Br√∂tchen zu kaufen, und als ich aus dem Supermarkt komme, kann ich mich nicht erinnern, ob mir an der Kasse ein ‚ÄěDanke‚Äú gelungen ist.
Keine gute Idee, die Wohnung zu verlassen, aber jetzt traue ich mich nicht mehr zur√ľck, und auf den Stufen vor dem Kaisers steht die winzige bucklige Frau von dem Blumenstand an der Ecke, an dem ich nur einmal etwas gekauft habe, weil ihre Blumen k√ľmmerlich waren und sie unfreundlich, und sie unterh√§lt sich mit dem riesigen Bettler, der irgendwie immer hier ist, der hier zu wohnen scheint auf diesen Stufen mit seinem alten, wie von Motten zerfressenen Hund, also tue ich so, als w√ľsste ich wohin, und √ľberquere die Stra√üe, um gegen√ľber in den Park zu gehen, vielleicht in der Hoffnung, dass hier niemand sein wird, doch am Eingang steht die dicke vietnamesische Zigarettendealerin, tritt von einem Fu√ü auf den anderen, w√§hrend ihr Atem in der K√§lte dampft.
In meiner Eile, an ihr vorbeizukommen, nehme ich den schmalen Pfad mitten √ľber die graue Wiese, obwohl ich lieber unter den B√§umen geblieben w√§re, auch wenn sie kahl sind und ich an den mit B√§nken ausgestatteten S√©par√©es vorbeigemusst h√§tte, in denen sonst die Alkis sitzen, aber jetzt ist es wahrscheinlich zu kalt und alles menschenleer und ich bin dankbar deswegen.
Der Weg teilt sich in drei verschiedene Richtungen und pl√∂tzlich wei√ü ich nicht mehr, wo ich hinsoll. Wie die Beine eines unendlich gro√üen Tieres t√ľrmen sich ein paar gewaltige Birken √ľber einen kleinen Spielplatz und irgendwie hilflos bleibe ich an seinem Rand stehen. Niemals habe ich ein Kind hier spielen sehen, die farbigen Spielger√§te schimmern verlogen durch den Nebel und die bunten W√§nde des verbarrikadierten Platzh√§uschens dahinter sind zerfressen von Sprayertags. Ringsherum ist das Gestr√ľpp schwarz und dicht, und wer w√ľrde es schon h√∂ren, das Geschrei der verschleppten Kinder, die 10 Jahre sp√§ter bleich und abgemagert aus Kellern und Hinterh√∂fen herauskriechen und nicht einmal von ihren eigenen M√ľttern erkannt werden?
Ich fl√ľchte mich auf eine Bank, die etwas abseits unter einem der verfrorenen B√§ume steht. Vor mir im Sand hockt ein verrottetes Krokodil, das einmal gr√ľn gewesen ist, und be√§ugt mich mit aufgesperrtem Maul. Mannshohe Holzpf√§hle bemalt mit geisterhaften Fratzen ragen wie trunken in den Nebel und dann sehe ich das Kind. Es hat die Kapuze seiner roten Jacke √ľber den gesenkten Kopf gezogen und sitzt alleine auf einer h√∂lzernen Wippe, die gestaltet ist wie ein schlangenartiger Drache mit zwei K√∂pfen: gespaltene Zungen ringeln sich zwischen den spitzen Z√§hnen und das Kind sitzt auf einem dieser K√∂pfe und r√ľhrt sich nicht. Aber dann bin ich mir pl√∂tzlich nicht mehr sicher, weil ich sein Gesicht nicht sehen kann, und was macht es da, allein auf einer Wippe, regungslos, und ich versuche zu erkennen, wie seine H√§nde aussehen, die es vor sich auf das Holz gelegt hat, ob es √ľberhaupt Kinderh√§nde sind, menschlich, und wenn es pl√∂tzlich zu mir her√ľbersieht und seine Augen schwarz sind, vollkommen schwarz, auch das Wei√üe, ohne Pupillen, tot, und ich stehe auf und versuche, nicht zu rennen, nicht auf mich aufmerksam zu machen, w√§hrend ich mache, dass ich wegkomme.
Am Nachmittag erscheint die Sonne wie ein bleiches Gespenst am wei√üen Himmel und sp√§ter in der Stra√üenbahn ist es mir egal, was die Leute um mich herum denken. Der mit gelbem Kunststoff √ľberzogene Haltegriff, hinter dem ich versuche, mich zu verstecken, f√ľhlt sich irgendwie vergr√∂√üert an in meinen verkrampften H√§nden, irgendwie klebrig. Niemand scheint mich zu beachten und vielleicht bin ich niemals hier gewesen und ich fahre immer weiter und hoffe, dass wir niemals anhalten werden, aber an der Endstation steige ich aus und stehe eine Weile am Ende der Gleise, w√§hrend der Himmel √ľber mir langsam eine blassblaue Farbe annimmt.

Version vom 14. 10. 2010 13:11

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Lakritze
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Brrrr. Nach der Lekt√ľre mu√ü ich mich sch√ľtteln. Sch√∂ner Einblick in einen Kopf, der sich von √Ąngsten umzingelt sieht und dem der Bezug zur Welt verloren gegangen ist. Mir gefallen solche Momentaufnahmen ohne Entwicklung oder gar Erkl√§rung, endlose innere Monologe. Und ich mag es, wie ich hier gleich anfange zu spekulieren: was hat der Protagonist? Ist er/sie krank, hat vielleicht √ľble Erfahrungen gemacht ...? Wie geht es weiter?

[...] schon im Treppenhaus auffallen k√∂nnen, an meiner Erleichterung, niemandem zu begegnen, sich ein simples ‚ÄěGuten Morgen‚Äú ersparen zu k√∂nnen, aber ich hatte keinen Kaffee mehr und vielleicht auch Hunger, aber doch dann habe ich mich nicht getraut, beim B√§cker [...]

[...] etwas gekauft habe, weil ihre Blumen k√ľmmerlich waren und sie unfreundlich war, und sie unterh√§lt sich mit dem riesigen Bettler [...]

In meiner Eile, an ihr vorbeizukommen, nehme ich den schmalen Pfad mitten √ľber die graue Wiese, obwohl ich lieber unter den B√§umen geblieben w√§re, obgleich auch wenn sie kahl sind [...]

[...] t√ľrmen sich ein paar gewaltige Birken √ľber einen einem? kleinen Spielplatz, und irgendwie hilflos bleibe ich an seinem Rand stehen.

[...] und wer w√ľrde es schon h√∂ren, das Geschrei der verschleppten Kinder, die 10 Jahre sp√§ter bleich und abgemagert aus ihren Kellern und Hinterh√∂fen herauskriechen und nicht einmal von ihren eigenen M√ľttern erkannt werden? [¬Ľihren¬ę -- aus wessen Kellern?]

Mannshohe Holzpfähle bemalt mit geisterhaften Fratzen ragen wie trunken in den Nebel, und dann sehe ich das Kind.
[...] ringeln sich zwischen den spitzen Z√§hnen, und das Kind sitzt auf einem dieser K√∂pfe und r√ľhrt sich nicht.

[...] ich versuche zu erkennen, wie seine H√§nde aussehen, die es vor sich auf das Holz gelegt hat, ob es √ľberhaupt Kinderh√§nde sind, menschlich, und wenn es pl√∂tzlich zu mir her√ľbersieht und seine Augen schwarz sind, vollkommen schwarz, auch das Wei√üe, ohne Pupillen, tot, und ich stehe auf und versuche, nicht zu rennen, nicht auf mich aufmerksam zu machen, w√§hrend ich mache, dass ich wegkomme.
... ¬Ľund wenn es pl√∂tzlich zu mir her√ľbersieht¬ę: da steht nicht, da√ü es her√ľbersieht; es k√∂nnte nur sein, da√ü -- das ist der einzige Moment in der Geschichte, an dem der innere Monolog Panik erkennen l√§√üt. Klasse.

[...] wie ein bleiches Gespenst am weißen Himmel, und später in der Straßenbahn ist es mir egal, was die Leute um mich herum denken.

Niemand scheint mich zu beachten, und vielleicht bin ich niemals hier gewesen, und ich fahre immer weiter und hoffe, dass wir niemals anhalten werden, aber an der Endstation steige ich aus und stehe eine Weile am Ende der Gleise, w√§hrend der Himmel √ľber mir langsam eine blassblaue Farbe annimmt.

Brrr: weil er ja jetzt drau√üen steht, unter dem Himmel, aber einer Erleichterung oder gar L√∂sung seiner √Ąngste n√§her ist er immer noch nicht ...
__________________
¬ĽDie einzig normalen Menschen sind die, die man nicht besonders gut kennt.¬ę

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monday
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LG monday

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