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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Alice
Eingestellt am 23. 09. 2002 21:57


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Pommel
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Sep 2002

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Regenvorhang, dachte Alice. Ein Regenvorhang hing ├╝ber der Stra├če. An F├Ąden, die sie nicht greifen konnte, lief alles herab, machte alles na├č. Nichts blieb trocken in ihren Gedanken. Sie rochen so schwer nach dem Auswaschen. Das Wasser rauschte gegen den Bordstein, die Reifen gluckerten in jeder Pf├╝tze. Das Quietschen der Scheibenwischer konnte Alice nicht h├Âren. Daf├╝r sah sie ganz klar durch die angelaufenen Autoscheiben. Sie hatte nur eine Gestalt im Blickfeld. Wie damals, als sie in die Columbia Avenue einzogen, stand Mark im Garten, tropfna├č, und schaute ihrem Auto mit riesigen Augen nach. Die dicken schwarzen R├Ąnder seiner Brille stachen aus dem blassen Sommersprossengesicht heraus, die dunklen Haare hingen in langen, nassen Str├Ąhnen. Und er hielt einen Gartenschlauch fest in seinen kleinen H├Ąnden, um die Blumen zu w├Ąssern. Als h├Ątte Mark alles um sich herum vergessen, stand er in der Gartenpf├╝tze und w├Ąsserte weiter, obwohl er selbst im Regen stand.
Dann blinzelte Alice in den n├Ąchsten Kleingarten hinein. Mr. Wilson lie├č dort die Blitze und Gewitter zum Himmel aufsteigen. Sein Gesicht war unter der gro├čen Metallmaske nicht zu sehen, aber die Blitze aus seiner Gewittermaschine spiegelten sich in seinen nassen Oberarmmuskeln. Als Alice mit ihren Eltern im Wagen vorbeifuhr, hielt er mit dem Blitzen inne, legte den Schleifer ab und schob die Schwei├čermaske hoch. Auch Mr. Wilson hatte sehen wollen, wer dort neu in Columbia Ave einziehen w├╝rde.
Alice sch├╝ttelte den Kopf, versuchte zu schreien. Wenigstens ihre Eltern m├╝├čten doch bemerken, da├č sie schreckliche Schmerzen hatte. Das, was am Morgen so aus ihr herausgelaufen war, hatte f├╝rchterlich gerochen. So bitter gallengelb, aber s├╝├člich schwer nach Blut, schon ├╝berreif. Wenn Pfirsiche faulig werden, aber noch immer an den B├Ąumen h├Ąngen. Und Erbrochenes. Alice hatte das nicht so gewollt, es h├Ątte so ohne Schmerzen gehen m├╝ssen, einfach nur einschlafen hatte sie gewollt. Ihr Kopf schwirrte, die Sirene am Wagen machte so furchtbaren Krach und in der Plastikmaske glaubte sie, nicht richtig Luft bekommen zu k├Ânnen.
Sie sprach den Pfleger an, in seiner sch├Ânen roten Uniform, doch der konnte ihre Sprache nicht verstehen.

Mama. Sie konnte sie nicht richtig sehen, weil sie so verschwommen war. Nur verschwommen. Schon als kleines Kind war sie immer so weit weg gewesen, so verschwommen und nie richtig da ÔÇô und diese Ber├╝hrung. Sie streichelte Alice die Handgelenke. Alice schrie, sie schlug um sich. Ich will sie nicht hier haben, ich will meinen Frieden haben, sie sollen nicht wieder diese Spritzen aufziehen, sie sollen nicht.
Eine Engelsschwester trat auf Alice zu, der wei├če Kittel wie bei einem Schreiner. Ihr engelhaftes L├Ącheln hatte nichts von Gewalt, und Alice driftete weg, als sie den Hahn ├Âffnete, der ihr kalt den Schlaf in die Kan├╝le pumpte. Sie hat sie nicht rausschlagen k├Ânnen, nichts brach auf, was so an Krusten an ihren Handgelenken klebte. Alice musste schlafen und warten.

Und Alice erz├Ąhlte von einem Hasen. Vor dem Krankenhaus. Es war die Rede von Mark. Sie hatte mit Mark einen kleinen Hasen gehabt. Als Mark sie mit ein paar anderen Jungs aus der Siedlung zur Jagd mitgenommen hatte. Sie waren durch die B├╝sche geschlichen wie Indianer, durch das Dorngestr├╝pp, auf der Suche nach kleiner Beute. Alice hatte ihn erst gar nicht bemerkt. Ein kleiner Hase hatte sich unmerklich an ihre Fersen geh├Ąngt. Nur Mark bemerkte, dass sie zur├╝ckblieb und kam, um nach ihr zu sehen. Sie sa├č am Boden und streichelte den kleinen Hasen. Und Mark erkl├Ąrte ihr, dass sie ihn nicht mit nach Hause nehmen k├Ânnte. So ein Hase brauchte doch seinen Auslauf, und in der Wohnung in der Columbia Ave w├Ąre das ein Witz. Dann das Futter. Ob Alice w├╝sste, was ein Hase denn so braucht. Alice k├Ânnte gar nicht f├╝r den Hasen sorgen. Er w├╝rde nur unter Qualen verhungern, verenden. Alice lie├č sich von Mark ├╝berzeugen. Nach ein paar zaghaften Versuchen, ihn davon zu jagen, hoppelte er davon. In die Richtung der anderen Jungs. Und sie st├Âberten den Hasen auf. Sie br├╝llten, bis der Hase in wilden Haken durchs Gestr├╝pp jagte. In wilder Panik. Dann ein Schrotschuss, bei dem Alice tief in die Eingeweide zusammenzuckt. Nur zerfetzte Reste blieben ├╝brig.

Die Mutter war regelrecht ausgeflippt. ÔÇ×Wie konntest du Alice nur zur Jagd mitnehmenÔÇť, fauchte sie Mark an. Was da alles h├Ątte passieren k├Ânnen. Und Alice bekam Mark lange nicht zu sehen. Sie erz├Ąhlte, dass sie eingeschlossen wurde, in einem alten Gem├Ąuer, das zum Teil schon eingest├╝rzt gewesen war. Wie in einem Bombenkeller. Ihre Eltern sprachen ├╝ber die Zukunft. ÔÇ×Was soll nur aus ihr werden?ÔÇť

ÔÇ×Wenn wir ├╝berhaupt etwas werden.ÔÇť antwortete Alice Mark pessimistisch. Doch Alice hatte ihre Entscheidung getroffen. ÔÇ×Wenn wir etwas werden, ich m├╝sste mich f├╝r einen hohen Regierungsbeamten entscheiden. Nur die Regierung kann n├Ąmlich entscheiden, wei├čt du?ÔÇť Und dabei schlug sie mit der Hacke lose Schaumstoffisolierungen von der Wand. Es war einmal ein ehemaliges Regierungsgeb├Ąude gewesen. ÔÇ×Nur dort kann ich entscheiden. Ich kann mit anderen nicht auf Dauer leben. Es ist die einzige M├Âglichkeit.ÔÇť Mark hatte nur einen entsetzten Blick, aber verstanden hatte er nicht. Damals.
Und Alice fiel in ein bodenloses Loch, tiefer und tiefer.

Und Alice tr├Ąumte schlie├člich. Wieder Regen. Mark trug sie weg von der Columbia Ave. Er trug sie ohne M├╝he. Trotz des angeschwollenen Bauches, trotz des zus├Ątzlichen Gewichts. Weit weg von ihren Eltern. Und mit Alice w├╝rde er ein eigenes Heim aufbauen k├Ânnen. Ein eigenes Heim, mit ihren eigenen, gesunden Kindern. Und wie immer, sah sie ihn mit der dicken Hornbrille im Garten stehen, die Blumen w├Ąssern. Und Mr. Wilson blitzte immer noch im Vorgarten, und hob noch nicht einmal seine schwere Schwei├čerbrille hoch, um zu schauen, wohin Mark sie tragen w├╝rde. Und Alice lachte, lachte auf Marks Schultern, lachte beim Erz├Ąhlen, lachte beim zu Bett Gehen, lachte, lachte, lachte.
Alice w├╝rde lange schlafen wollen. Sie hatte diese Geschichte oft erz├Ąhlt. Bis sie endg├╝ltig aufgeh├Ârt hatte zu lachen und eingeschlafen war.

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Zefira
???
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Hallo Pommel,

...fein, da├č dieser Text hier gelandet ist. Ich habe schon in der Schreibwerkstatt bemerkt, wie gut er mir gef├Ąllt! Wunderbar einf├╝hlsam, atmosph├Ąrisch dicht, vieldeutig; allein das kleine St├╝ck mit dem Hasen ist ein Meisterwerk, aufw├╝hlend und dabei ohne eine Spur von R├╝hrseligkeit. - In diesem Zusammenhang eine winzigkleine Kritik vielleicht; mich st├Ârt das Wort "Nahrung" an dieser Stelle (ich habe den Text soeben zum drittenmal gelesen, da fiel es mir auf). Es klingt ein wenig nach Fachsprache aus dem Mund von Kindern. Vielleicht besser "Futter"?

Die Reihe von "Und-S├Ątzen" am Ende, die ich in der Schreibwerkstatt noch beanstandet hatte, st├Ârt mich jetzt nicht mehr. Es ist ja an dieser Stelle ein Bilderstrom, eine Traumvorstellung, alle Bilder des Eingangsabsatzes ziehen noch einmal gedr├Ąngt vor├╝ber.

Wunderbar. H├Âchstwertung von mir . Hoffentlich findet die Geschichte hier viele Leser!

lG, Zefira

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Pommel
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Danke f├╝r das positive Feedback. Motiviert doch richtig, eine neue zu entwerfen. Den Punkt mit der Nahrung habe ich mir durch den Kopf gehen lassen und wie Du sehen kannst, ge├Ąndert. Feilarbeiten.

Dann pack ich mal die grobe aus, damit bald was zu lesen gibt.
Gru├č, Andy

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Zefira
???
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Mach das. Freue mich schon drauf
lG von Zef

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Arno1808
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Alice

Hallo Pommel,

Zefira hat eigentlich schon alles gesagt. Mir bleibt nur noch hinzuzuf├╝gen:

WOW!

Gl├╝ckwunsch zu diesem Text! Ein wirklich gelungener Einstand in der Lupe.

Eine winzige Kleinigkeit:

Eine Engelsschwester trat auf Alice zu, der wei├če Kittel wie bei einem Schreiner. Ihr engelhaftes L├Ącheln hatte nichts von Gewalt...

Auch von mir: volle Punktzahl!

Gru├č

Arno

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Pommel
Manchmal gelesener Autor
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Vielen Dank f├╝r die Kleinigkeit. Das geh├Ârt wohl so zu den Dingen, die ich nach 1000 mal Lesen immer noch nicht sehe...

Danke auch f├╝r die Kritik. Wie gesagt, ich feile an der n├Ąchsten.

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hoover
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hallo pommel,

zefira hat mich nicht entt├Ąuscht ... einer der besten texte, die ich hier bisher gelesen habe ... fl├╝ssig, tiefgehend, ein wirklich beeindruckender text.

gr├╝├čle
hoover

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