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  • Hannah O’Brien: Irische Nacht

    Von hera | 25.April 2017

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    Es ist Samhain. Auf den irischen Aran-Inseln wird gefeiert. Doch wird nach dieser Nacht auch ein Mann ermordet aufgefunden. Er hatte ein Cottage gemietet und war bekannt unter den Inselbewohnern. Grace O`Malley, die Chefin des Morddezernats in Galway, Kollege Rory Coyne, Privatdetektiv Peter Burke und die geheimnisvollen Witwe Malone beginnen mit ihren Ermittlungen. Niemand der Bewohner hat etwas Verwertbares gehört oder gesehen. Die Tür jeden Hauses stand, wie es Brauch ist, offen und so mancher war in seiner Verkleidung nicht zu identifizieren. Doch unter ihnen muss der Mörder sein!

    Mit Faszination über das Land, die Leute und die Bräuche erzählt die Autorin den geheimnisvollen und verstrickten Krimi. Ich habe ein bisschen gebraucht, in das Buch hineinzukommen, aber sobald man sich eingelesen hat, fließt es. Die Spannung steigt. Die Ermittler arbeiten Hand in Hand. Ihre Dialoge zu verfolgen, macht sehr viel Spaß. Verschiedene Denkansätze sind wichtig, um den Fall lösen zu können. Jedes noch so kleine Detail kann weiterhelfen. Denn es steckt schon etwas mehr dahinter, als man anfangs glauben mag. Besonders schwierig ist es, das Motiv aufzudecken. Aber es wird zum Mörder führen.

    Allerdings nicht, bevor ein zweiter Mord geschieht. Und so wird weiter akribisch ermittelt und so manches Geheimnis der Bewohner aufgedeckt. Es sind viele Charaktere, die den Krimi mitbestimmen. Sie alle werden gut und vor allem sehr individuell beschrieben. Nach dem zweiten Mord wird die Stimmung spürbar unheilvoller. Das lässt die Spannung weiter ansteigen. Es ist Eile geboten. Grace O`Malley ist gut im Zuhören und Kombinieren. Dabei wahrt sie Feingefühl und Respekt. Es ist sehr faszinierend zu verfolgen, wie der Fall dann schließlich aufgelöst wird.

    Mit im Buch sind eine Karte zur besseren Orientierung und ein Glossar.

    Rezension von Heike Rau

    Hannah O’Brien
    Irische Nacht
    Kriminalroman
    dtv Verlagsgesellschaft
    400 Seiten, broschiert
    ISBN-10: 3423216751
    ISBN-13: 978-3423216753
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    ... | Kein Kommentar » | Kategorie Krimi und Thriller |

    Aurélie Bastian: Französisch backen

    Von hera | 21.April 2017

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    Aurélie Bastian hat sich mittlerweile einen Namen gemacht. Ihre Rezepte sind gut. Auch Klassiker interpretiert sie neu. Sie reduziert den Aufwand und die Kalorien. Sie beweist, dass weniger Zucker und weniger Fett nicht auf Kosten des Geschmacks gehen müssen.
    Zunächst stellt die Autorin sich vor, was Sympathie weckt, und sie zeigt Tipps und Tricks, die das Backen erleichtern. Sie hat viel experimentiert, damit alles passt und gibt dieses Wissen gern an den Leser weiter. Und so kann man sich auch an Rezepte wagen, die bisher als etwas schwieriger galten.

    Den Anfang macht das Frühstück. Was ist besser als ein selbst gebackenes Schokoladencroissant? Vielleicht ein Bauernbrot, das mit Sauerteig gebacken wurde?
    Weiter geht es mit Gebäck. Darunter sind Windbeutel mit Karamellcreme, Éclairs, Zitronen-Baiser-Tartelettes und ein Bretonischer Pflaumenkuchen.
    Für die Kaffeezeit können Madeleines, Waffeln oder ein Schokoladenkuchen gebacken werden.
    Für besondere Anlässe darf es dann doch etwas aufwendiger sein. Es gibt Weihnachtliches Hefebrot, ein Dreikönigskuchen, eine Himbeer-Zitronen-Torte oder eine Windbeutelpyramide, die wohl jeden zum Staunen bringen wird.

    Die Rezeptseiten sind sehr übersichtlich gestaltet. Auch längere Zutatenlisten bleiben damit gut überschaubar. Die Rezeptanleitungen sind sehr ausführlich gehalten, sodass beim Nachvollziehen kaum Probleme entstehen sollten. Ein bisschen Backerfahrung ist dennoch bei den Rezepten von Vorteil. Allerdings gibt es auch kinderleichte Rezepte wie beispielsweise den 4/4 Kuchen.
    Die Mischung an Gebäck im Buch gefällt sehr gut. Es wird nicht nur Süßes gebacken, es gibt auch Rezepte für Brote und Baguette. Rezepte ohne Gluten, ohne Ei oder ohne Milch sind gekennzeichnet.

    Ein wirklich sehr gelungenes Buch mit sehr hübschen Fotos, das Lust aufs Backen macht!

    Rezension von Heike Rau

    Aurélie Bastian
    Französisch backen
    176 Seiten, gebunden
    Südwest Verlag
    ISBN-10: 3517095338
    ISBN-13: 978-3517095332
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    ... | Kein Kommentar » | Kategorie Kochbuch |

    Radek Knapp: Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

    Von hera | 19.April 2017

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    Walerian wird, als er zwölf Jahre alt ist, von einer Mutter, die er kaum kennt, von Polen, wo er mit seinen Großeltern lebte, nach Wien verfrachtet. Er sieht es als Entführung an, denn mitzureden hatte er kein Wort. In Wien kommt er nicht klar. Nicht mit seiner Mutter und auch nicht mit der Schule und der späteren Ausbildung an der Handelsakademie. Als es Zeit ist, sucht er sich eine eigene Unterkunft, nicht schön, aber mit schönem Schimmelpilz, und schlägt sich mit fragwürdigen Gelegenheitsjobs durch. Walerian ist ein Mensch, der sein Leben als gegeben nimmt. Naiv wie er ist, sieht er es mit Humor, orientiert sich an den positiven Dingen und glaubt unerschütterlich, dass schon alles gut werden wird. Aber irgendwann fragt er sich doch, was er vom Leben halten soll? Wo gehört ein Mensch hin, der kein Heimatgefühl spürt und der sich fortwährend fremd fühlt? Was wird aus ihm werden?

    Zum Glück ist das Buch aus der Sicht eines Optimisten geschrieben. Ein Pessimist hätte wohl keine Chance gehabt. Für Walerian ist das Glas immer halb voll und nie halb leer. Und so ist, das merkt man als Leser schnell, alles Ansichtssache und eine Frage der inneren Einstellung. Mir hat das kleine Buch gut gefallen. Es hat sehr persönlich gewirkt. Die Erzählung ist mit echtem Humor und genauso viel rabenschwarzem Humor und Ironie geschrieben. Walerian gibt sich wirklich Mühe, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Er lernt die Sprache nach und nach, lernt die Menschen kennen und erkennt irgendwann, dass er selbst über sein Leben bestimmen kann. Im Grunde gibt es nichts, was ihn wirklich erschüttern könnte. Er zeigt sich sehr widerstandsfähig gegen jede Krise, sieht sie nicht einmal als solche an. So glaube ich nach der Lektüre, dass Walerian schon seinen Weg gehen wird. Ich brauche mir keine Sorgen zu machen.

    Rezension von Heike Rau

    Radek Knapp
    Der Mann, der Luft zum Frühstück aß
    Erzählung
    128 Seiten, gebunden
    Deuticke Verlag
    ISBN-10: 3552063366
    ISBN-13: 978-3552063365
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    ... | Kein Kommentar » | Kategorie Belletristik |

    Tim Parks: Thomas & Mary

    Von Claudine Borries | 18.April 2017

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    Eine Ehe am Abgrund!

    Thomas und Mary geht es nicht gut!

    Sie teilen zwar noch Bett und Leben, gehen sich aber weitgehend aus dem Wege. So recht will keine gute Stimmung mehr aufkommen.

    Äußerlich scheint alles in Ordnung zu sein: sie sind dreißig Jahre verheiratet, haben zwei Kinder, einen Hund und er hat eine gesicherte Anstellung.

    Doch halt: mit Thoms Anstellung ist das so eine Sache. Er hoffte auf Beförderung und muss erleben, wie die Geliebte des Chefs die von ihm avisierte Stellung ergattert. Es ist nicht verwunderlich, dass er unter Frust und Entzugserscheinungen, was den Erfolg betrifft, leidet.

    Mary hat sich in die Küche verzogen, er geht abends auf ein Bier in den Pub. Sie geht mit dem Hund spazieren; und wenn sie zu Bett gehen, schläft einer jeweils schon mit dem Gesicht zur Wand.

    Wie Tim Parks sich in die Ödnis der letzten Jahre einer Ehe hineinarbeitet, den Alltag beschreibt und sich in die Gefühlswelt der Protagonisten hineindenkt, das ist meisterhaft. Die Erzählperspektiven wechseln; einmal wird der Alltag aus der Sicht von Thomas beschrieben, dann aus der Sicht von Mark, dem gemeinsamen Sohn, dann wieder aus Marys Perspektive. Auch über die Herkunftsfamilien beider Eheleute wird berichtet. Die Tiefenschärfe, mit der die Lebensstadien ergründet werden, ist bemerkenswert. Wie soll man sich eingestehen, dass die Liebe vergangen ist? Dazu gehört Mut und Selbsteinsicht. Da schaut man lieber weg!

    Die Therapeutin, mit der Tom sich regelmäßig trifft, gibt ihm keine konkreten Hinweise, wie er sich nun verhalten soll. Das haben Therapeuten so an sich: der Klient muss mit einfachen Fragestellungen seitens des Therapeuten selber zu einer Entscheidung finden.

    Es ist mühsam, beim Lesen in das ganze Elend dieser maroden Ehe hineingezogen zu werden! Dabei fing doch alles einmal ganz glücklich an! Oder doch nicht?

    Viele Fragen bleiben offen.

    Auf diese Weise aber wird das Eheleben zur Qual. Man liest und liest und ist ermüdet von der Unfähigkeit, mit der keiner von beiden zu einer Entscheidung finden kann. Tom hatte zahllose Affären; auch diese aber liefen ins Leere. Mary wird schließlich aktiv. Es kommt zur Scheidung, zu letzten Treffen und zur Trennung der Konten.

    T. Parks beschreibt das leere Haus, die Aktivitäten von Mary und die Trostlosigkeit des phlegmatischen Thomas. Der Autor bringt gekonnt herüber, wie diese Ehe erodiert.

    Mühsam schaut man dem Treiben zu. Wie die Eheleute sich zerstören, und wie jeder seinen Part am Unglück des anderen hat. Als die Kinder das Haus verlassen, wird alles hohl und traurig. Mark bekommt den Zerfall noch mit, Sally, die Tochter, ist längst aus dem Haus. Es kommt, wie es kommen muss: die Eltern trennen sich und aus der Sicht von Tom ist er nun frei. Doch ist er wirklich glücklich?

    Das Buch endet mit Fragezeichen. Wieder einmal beweist Tim Parks wie schon in zahlreichen Romanen zuvor, dass ihn Familienangelegenheiten faszinieren, und wie er sezierend das Gefüge einer Familie auseinander zu nehmen vermag. Darin ist er ein Künstler! Und wer sich für die Dynamik in Paarbeziehungen interessiert und daraus lernen will, der findet hier genügend Gelegenheit, sich in die Psyche verrannter Paare hineinzudenken.

    Tim Parks
    Thomas & Mary
    336 Seiten, gebunden
    Kunstmann, Februar 2017
    ISBN-10: 3956141644
    ISBN-13: 978-3956141645
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    Lena Avanzini: Auf sanften Schwingen kommt der Tod

    Von donkelmann | 18.April 2017

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    Zunächst dachte ich, es wäre gar kein Thriller, sondern es wäre eher ein Gegenwartsroman. Zwar begann alles mit einem Mord, der war aber prompt infolge eines Geständnisses aufgeklärt. Dann folgten, wie der Titel schon sagt, sanfte Einführungen in die Figuren, Orte und Beziehungen untereinander. Das liest sich alles nicht spektakulär.

    Doch zwischengeschobene Tagebucheinträge wiesen schon auf die Sichtweise eines Täters hin. Es musste ja noch etwas kommen. Und es kommt auch. Und zwar richtig heftig, wenig vergleichbar mit einem herkömmlichen Krimi. Es wird ermittelt, aber nicht so, wie es der gemeine Krimileser gewohnt ist.

    Avanzini, die 2012 bereits für ihren Debütroman „Tod in Innsbruck“ mit dem Friedrich-Glauser-Preis des Syndikats geehrt wurde, hat sich für den zweiten Fall ihrer Ermittlerin Carla Bukowski einen sehr eleganten Plot einfallen lassen. Der Titel ist Programm. Es geht sanft zu, obwohl es auch Beulen gibt und Blut spritzt. Hervorzuheben sind die Zwischenkapitel aus dem Tagebuch des Täters mit dem besonderen Namen „Buch der Kränkungen“. Sie sind vom Täter selbst in der zweiten Person verfasst. Eine seltene Form in der Belletristik, aber hier mehr als passend. Der Leser erfährt vom Täter, was seine Opfer gemacht hatten, damit sie zum Opfer wurden. Der Zusammenhang mit der aktuellen Handlung ist zunächst nur schwer erkennbar. Als erfahrener Leser weiß man halt, dass da einer sein muss. Genauso wenig kann man Rückschlüsse ziehen, wer in der aktuellen Handlung diejenige ist, der das Tagebuch geschrieben hat.

    Scheinen die Konflikte anfangs banal und zusammenhanglos, so verdichtet sich mit zunehmenden Lesefortschritt das Geschehen. Die eine oder andere Wendung wirft sämtliche Vermutungen des Lesers total über den Haufen und er muss neuen Spuren folgen.

    Die Protagonistin ermittelt in einem Bereich, in dem sie nicht zuständig ist. Dabei bekommt sie Unterstützung von einem Journalisten und einem Privatdetektiv.

    Meine Empfehlung: Man sollte sich unbedingt auf den „sanften“ Roman einlassen. Belohnung folgt!

    Lena Avanzini
    Auf sanften Schwingen kommt der Tod
    Haymon Verlag, Innsbruck
    ISBN 9783709978726

    © Detlef Knut, Düsseldorf 2017
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    Julian Barnes: Der Lärm der Zeit

    Von Claudine Borries | 17.April 2017

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    Julian Barnes ist in seinem neuen Roman den Spuren des Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 -1975) nachgegangen. Er war ein anerkannter russischer Komponist des 20. Jahrhunderts. Seine Kompositionen umfassten ein reiches Repertoire an sinfonischer, instrumentaler und Filmmusik, bevor er sich an die Komposition von Opern wagte.

    Unter der Diktatur Stalins hatte der Musiker schwer zu leiden.  Wer denkt heute noch an die Tyrannei dieses Despoten, der seine Freunde und Feinde erzittern ließ ob seiner Grausamkeit und paranoiden „Säuberungen“, mit denen er Mitte der dreißiger Jahre sein Unwesen trieb?

    Julian Barnes erzählt, wie Schostakowitsch auf die Gunst und Gnade Stalins angewiesen war. Dieser liebte Musik und eben auch Schostakowitsch. Doch als Stalin die Oper „Macbeth von Mzensk“ zwei Jahre nach der Erstaufführung, die 1934 für Furore gesorgt hatte und hoch umjubelt worden war, hörte, brach sein Zorn über den begnadeten Komponisten herein. Stalin mochte die Musik nicht. Nachdem letzterer seine Loge voller Zorn verlassen hat, so berichtet Barnes, wurde aus dem Komponisten ein von Angst überwältigtes Männlein. Er steht jede Nacht mit einem gepackten Köfferchen auf dem Flur vor seiner Wohnung und erwartet die Schergen des Diktators. Seine junge Frau und die gemeinsame Tochter sollen nicht in den Strudel Ereignisse hineingezogen werden. Zu dieser Zeit ist er dreißig Jahre alt.

    Am Beispiel des berühmten Komponisten und seines künstlerischen Wohl und Gedeihens erfahren wir vom Autor etwas über die Dimensionen von Diktaturen damals und heute.

    Lebendig und hautnah kann man erleben, wie die Angst um alle Ecken schaut, und die Unterdrückung zu Depression und Lähmung führen kann.

    Schostakowitsch wird im Roman (wie wohl auch in der Realität) zu Verhören abgeholt, soll Kollegen beschuldigen, wird wieder nach Hause geschickt, mit Drohungen, die Wahrheit zu sagen, neu einbestellt, bis schließlich sogar der Verhörer verschwunden ist. Man ahnt, dass auch ihn die Rache des Diktators zu Fall gebracht haben könnte.

    In diesem Stil und Umfang, präzise und dicht in Wort und Beschreibung geht es weiter. Julian Barnes zeigt uns die „Macht“ und ihre dräuende, einschüchternde Gewalt, die auch stärkere Naturen zum Stürzen bringt. Hier wird Schostakowitsch als sensibler und einfühlender Charakter geschildert, der dieser Macht nicht Herr wird. Er wird hin und her gerissen zwischen Folgsamkeit und Selbstverdammung, stiller Resignation und Niedergeschlagenheit.

    Zitat aus der Besprechung des Romans in der Zeitschrift die „Zeit“ über die Komponisten unter Stalin: «Die einen waren am Leben und hatten Angst, die anderen waren tot.»

    Die Macht des Stärkeren lässt den Schwächeren vergehen. Auf einer Reise nach Amerika wird Schostakowitsch zum Spielball öffentlicher Belobigung, propagandistischen Fehlberichten und seiner heimatlichen Angstzustände. Lug und Trug, Fremd- Selbstbezichtigung und Abwarten kennzeichnen das Leben des Künstlers, der dem Wechselbad von Lob und Tadel ausgeliefert ist. Immer auch wieder gibt es Hinweise auf sein Privatleben, das jedoch ganz unter der Last der alltäglichen äußeren Bedrohung und Not steht.

    Barnes schreibt in seinem gewohnt eindringlichen, poetischen Stil mit psychologisch tiefenscharfen Blick. Es ist nur ein schmales Buch von 240 Seiten. Doch der Inhalt wiegt schwer und konfrontiert den Leser mit Erfahrungen, die kaum zu ertragen sind. Erschütternd sind immer wieder die Verzweiflung und der Strudel der Verleugnungen, in die die Opfer der seelischen und häufig auch physischen Zerstörungen hineingeraten.

    Die Lektüre erfordert Aufmerksamkeit und Konzentration, um der Vielfalt der angeführten Ereignisse und Zustände zu folgen.

    Ein ernstes und nachdenklich stimmendes Buch!

    Julian Barnes
    Der Lärm der Zeit
    256 Seiten, gebunden
    Kiepenheuer&Witsch, Februar 2017
    ISBN-10: 3462048880
    ISBN-13: 978-3462048889
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    Jussi Adler-Olsen: Selfies – Der siebte Fall für Carl Carl Mørck, Sonderdezernat Q

    Von hera | 11.April 2017

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    Es ist nicht der eine spezielle Fall, um den es in diesem Krimi geht. Und ich frage mich, wo ich anfangen soll. Vielleicht bei den drei jungen Frauen Denise, Michelle und Jasmine. Sie haben eine Gemeinsamkeit: Sie versuchen sich mit Geld vom Sozialamt durchzuschlagen. Es mit einem Job zu versuchen, kommt nicht infrage. Die Mitarbeiterin vom Sozialamt hat die drei Frauen durchschaut. Als sie schwer erkrankt, baut sich ein mörderischer Hass in ihr auf. Doch davon ahnen Carl Mørck und sein Team nichts. Im Sonderdezernat Q geht es eher um alte ungelöste Fälle. Die Aufklärungsquote ist hoch. Aber das scheint nicht jeder so zu sehen. Scheinbar ist die Dokumentation fehlerhaft. Für die ist Rose zuständig. Doch sie ist wieder psychisch am Ende. Die Vergangenheit macht ihr zu schaffen. Und als Carl sie zur Rede stellt, bricht sie zusammen. Sie muss sich ins Krankenhaus einweisen lassen. Carl und Assad sehen diese Vergangenheit bald auch als einen Fall an. Um Rose helfen zu können, müssen sie herausfinden, was damals wirklich geschehen ist, als ihr Vater den tödlichen Unfall hatte.

    Währenddessen gerät ein ungelöster Fall wieder in den Vordergrund. Eine alte Frau ist damals erschlagen worden. Es besteht eine gewisse Ähnlichkeit zu einem aktuellen Mord an einer älteren Dame, der Großmutter von Denise. Und damit sind wir wieder bei den drei jungen Frauen. Michelle wird absichtlich von einem Auto angefahren. Sie überlebt. Doch der Täter will sich nicht geschlagen geben und plant einen zweiten Versuch.

    Auch wenn so viel zusammenkommt, unübersichtlich ist der Thriller nicht. Der Leser weiß von Anfang an sehr viel mehr als die Ermittler. Die müssen sich erst herantasten an das, was geschehen ist. Dabei sind die Zusammenhänge überhaupt nicht klar. Und das wird richtig gefährlich. Die Unwissenheit macht es den Vorkommnissen möglich, sich immer weiter zuzuspitzen. Ein Mörder kann in Ruhe weiterplanen und in die Enge Getriebene sind auf dem Weg, ebenfalls zu Mördern zu werden. Es scheint alles so aussichtlos. Man spürt wie bei Carl, Assad und auch bei Gordon die Köpfe rauchen. Es fehlt ihnen etwas Handfestet. Etwas, das einen Fall voranbringt. Schließlich führt der Autor die vielen Handlungsstränge zusammen. Und dann passt alles und dann stimmt alles! Die Ermittler tappen nicht mehr im Dunklen und können retten, was noch zu retten ist. Grandios geschrieben! Der Thriller in seiner Komplexität hat mir ausgesprochen gut gefallen.

    Rezension von Heike Rau

    Jussi Adler-Olsen
    Selfies – Der siebte Fall für Carl Carl Mørck, Sonderdezernat Q
    Aus dem Dänischen von Hannes Thiess
    576 Seiten, gebunden
    dtv Verlagsgesellschaft
    ISBN-10: 3423281073
    ISBN-13: 978-3423281072
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    Annette Mingels: Was alles war

    Von Claudine Borries | 10.April 2017

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    Familienstrukturen heute: eine Spurensuche.

    Annette Mingels lässt ihre Heldin Susanna auf Spurensuche gehen. Mehr oder weniger wurde diese an sie herangetragen, als ihre leibliche Mutter Kontakt zu ihr aufnimmt. Denn Susa, wie sie auch genannt wird, ist ein adoptiertes Kind. Ihre leibliche Mutter, Viola, ist eine exzentrische Person, die überall in der Welt herumreist und Kontakt zu ebenso exotischen Menschen wie sie einer ist, sucht. Es gibt kaum einen Ort, an dem sie noch nicht gewesen ist. Susa ist von liebevollen Ersatzeltern adoptiert worden. Sie ist eine gestandene Wissenschaftlerin, die sich der Meeresbiologie verschrieben hat.

    Im Aufbau gekonnt und anregend geschrieben, blättert die Autorin nach und nach die Lebenssituation ihrer Heldin auf. Zu ihren Adoptiveltern hält Susa mit ihrer ebenfalls adoptierten Schwester engen Kontakt. An ihrer leiblichen Mutter oder ihrem Erzeuger zeigt sie wenig Interesse. Sie leben ja alle in so verschiedenen Welten! Doch hat es sich so ergeben, dass sie nun doch Nachforschungen über ihre biologische Herkunft betreibt.

    Susa bildet mit ihrem Mann Hendryk eine Patch- Workfamilie, da er zwei Töchter mit in die Ehe brachte. Was das für eine angeheiratete Mutter bedeutet, kann man in schönster Ausführung bei Felicitas von Lovenberg nachlesen, die bei der Hochzeit mit einem geliebten Mann gleich zwei Kinder dazu geheiratet hat. Der Titel ihres Buches lautet „Und plötzlich war ich zu sechst“. Sie entwirft überzeugend das Gebilde an Feingefühl und richtiger Umgangsform mit den beiden Kindern, bis diese sie schließlich als Frau ihres Vaters und „Stiefmutter“ voll akzeptieren.

    In der Familienforschung findet man neue Lebensformen und verändertes familiäres Verhalten. Diese sind Ergebnis einer Entwicklung, in denen Lebensmuster und Beziehungen in sehr unterschiedlicher Weise zum Ende des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gelebt werden. Die so genannte Patch- Workfamilie ist die Lebensform, die mit dieser neuen Gestaltung von Familie einhergeht. Was also hält Familien überhaupt zusammen?

    Hier werden Wege aufgezeigt, die sicher verbindlich für viele dieser zusammen gewürfelten Familien sind. Zugehörigkeit, ein Ort der Sicherheit und gemeinsames Erleben und Wachsen hält Familien zusammen. Die Sehnsucht danach bleibt bei aller angestrebter Freiheit erhalten. Doch eigenständige Entwicklungen und ambitionierte Berufswege erfordern ein Gleichgewicht und diplomatisches Austarieren in den Beziehungen, das nicht immer gegeben ist.

    Im Roman von Annette Mingels geht es um Erwachsene, die in der Rückschau und Gegenwart ihre Überlegungen zu ihrer Vorstellung von Familie preisgeben. Verwicklungen und menschliche Irrtümer sind dem Leben immanent. Anfechtungen und Zweifel werden in schönster Manier in Mingels Roman abgehandelt. Dass die Liebe über allem steht, bleibt ihr unangefochtenes Bekenntnis am Ende ihrer Geschichte.

    Annette Mingels ist selber ein adoptiertes Kind, so dass sie für ihren Roman aus der eigenen Biographie schöpfen konnte.

    Man lebt und fühlt mit den Protagonisten und kann sich in deren Gedankenwelt hineinversetzen. Der Roman ist leicht zu lesen und man wird zum Nachdenken angeregt.

    Diese gute und nicht zu anspruchsvolle Lektüre eignet sich sehr für verregnete Sommertage oder für den Urlaub.

    Annette Mingels
    Was alles war
    288 Seiten, gebunden
    Albrecht Knaus Verlag, März 2017
    ISBN-10: 3813507556
    ISBN-13: 978-3813507553
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    Krischan Koch: Backfischalarm – Ein Insel-Krimi

    Von hera | 29.März 2017

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    Die Zwillinge Telje und Tadje gehen mit ihren Mitschülern, Klassenlehrer Dr. Niggermeier, Junglehrerin Vanessa Loebell und Referendar Manuel Scholz auf Klassenfahrt. Bei der Überfahrt nach Amrum geht es turbulent zu. Es stürmt ordentlich. Die Schüler drehen trotzdem richtig auf, jedenfalls bis eine Leiche auftaucht. Es ist Jungreeder Bent Blankenhorn. Und er ist offensichtlich ermordet worden.
    Das ruft die beiden Ermittler Polizeiobermeister This Detlefsen und seine Kollegin Nicole Stappenbek auf den Plan. Dass seine Zwillinge in den Fall verwickelt sind, gefällt This gar nicht und seiner Frau, die ihn mit Anrufen nervt, erst recht nicht. Die ganze Klasse muss verhört werden. Der eine hat dies gesehen, der andere das. Dazu kommen einige von Sturm und Nebel in Mitleidenschaft gezogene Fotos und Videos auf den Handys. Da keiner wirklich was gesehen hat oder sich nicht erklären kann, was er gesehen hat, gestalten sich die Ermittlungen also schwierig.

    Der Schreibstil ist wie immer sehr witzig. Das liest sich ganz gut und ist unterhaltsam. Gut fand ich auch, dass die Runde aus der „Hidden Kist“ gerade zum Wellness auf Amrum eintrifft. Da sind alle bekannten Gesichter wieder beisammen und das gewohnte Umfeld ist an den Ermittlungsarbeiten beteiligt. Jeder steuert seinen schlauen oder weniger schlauen Beitrag bei. Das macht Spaß!
    Der Fall selbst ist sehr undurchsichtig. Aber es sind auch einige Figuren unterwegs, die fragwürdig sind. This und Nicole suchen nach einem Motiv und verrennen sich dabei immer mehr. Sie gehen rational vor, was allerdings wenig bringt. So folgt ein weiterer Mord und dann wird auch noch die eine oder andere Person vermisst. Das sorgt für Fassungslosigkeit. Der Nebel will sich einfach nicht verziehen. Es geht also turbulent zu in diesem Krimi. Und das bis zum spannenden Ende.

    Rezension von Heike Rau

    Krischan Koch
    Backfischalarm – Ein Insel-Krimi
    288 Seiten, broschiert
    dtv Verlagsgesellschaft
    ISBN-10: 3423216727
    ISBN-13: 978-3423216722
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    Daniel Schreiber: Zuhause

    Von Claudine Borries | 29.März 2017

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    Wie und wo finden wir den Ort der Heimat?

    Daniel Schreiber beginnt seine Reflexionen über „Zuhause“ mit einem Gang durch das frühlingshafte London. Er beschreibt in poetischen und anrührenden Worten die vielfarbige Blumenpracht und das frische Grün des Frühlings. Bei seinen Überlegungen, was für ihn „Zuhause“ bedeutet, kommt er zu einer tiefsinnigen Betrachtung dessen, was dem Menschen Zuhause sein kann. Ist es ein Ort der Bestimmung? Führt Heimat und Zuhause zur Identitäts- und Sinnfindung? Bedeutet es den Ort, der Geborgenheit und Sicherheit verheißt?

    In seinem Essay über seine Kinder- Jugend- und späteren Jahre gibt er seinen eigenen Weg preis, mit dem er sich lange Jahre auseinandergesetzt hat. Er wuchs auf der brandenburgischen Seenplatte auf, kann dem aber als Heimat später nichts mehr abgewinnen. Zu bitter waren die ersten Schulerfahrungen mit einer sadistischen und linientreuen Stasi- Lehrerin, die ihn quälte.

    Aus dem zuerst so poetischen Beginn entwickelt sich zunehmend ein theoretisches und philosophisches Gedankenspiel mit ganz handfesten Berichten über eine Jugend, die mit dem Makel der Homosexualität behaftet war.

    In der DDR war es verpönt, zu dieser Spezies Menschen zu gehören, wie ja überhaupt das Tabu der Homosexualität erst in den frühen siebziger Jahren auch im so genannten Westen Deutschlands eine Änderung erfuhr. Im Wechsel mit Erinnerungen an New York, London und weiten Reisen, eigenen Lebenserfahrungen und geheimen Ängsten weiht uns Schreiber in die Tiefen psychologischer Einsichten über das Wachsen und Werden seines Lebens ein.

    In einem Exkurs beschreibt er die Wanderjahre seiner Vorfahren durch Flucht und kriegsbedingte Vertreibung.

    Aussagen von Philosophen, Soziologen und Psychoanalytikern bereichern die praktischen Einsichten, zu denen er in seinen Reflexionen kommt.

    Es ist ein angenehm offenes aber keinesfalls indiskretes Bekenntnis, mit dem Daniel Schreiber über seine dunklen Stunden und die Suche nach dem wahren Zuhause aufwartet.

    Die poetischen Passagen sind besonders reizvoll, weil sie unmittelbar eine zu Ort oder Stadt passende Stimmung wiedergeben.

    Jeder mag ähnliche Erfahrungen und Entwicklungen erlebt haben, die in einer sich ändernden Welt mit großer Mobilität zu Entfremdungen und Neuorientierungen führen mag.

    Daniel Schreiber
    Zuhause
    144 Seiten, gebunden
    Hanser Berlin, Februar 2017
    ISBN-10: 3446254749
    ISBN-13: 978-3446254749
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