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Leselupe.de > Erzählungen
Brückengeld
Eingestellt am 27. 10. 2002 11:35


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Vera-Lena
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Brückengeld

Jelisaweta Lukasz war auf dem Heimweg. Sie schritt durch eines der Dörfer nördlich von Krakau. Es war Spätsommer. Die Felder waren noch nicht gänzlich abgeerntet. Man schrieb das Jahr 1850. Das Mädchen trug eine reich bestickte weiße Bluse, und einen knöchellangen weiten roten Rock. Es war ein normaler Werktag. Aber da der Priester des Dorfes sie zu sich bestellt hatte, holte sie ihr besseres Kleid hervor. Lisenka, wie sie von allen genannt wurde, schüttelte sich vor Lachen, so dass ihre blonden Zöpfe hin und her flogen. Nein, wie hatte er komisch ausgesehen! Als Hochwürden sie Zur Tür hinaus begleitete, waren sie durch das Vorzimmer gekommen. Dort saß ein junger Mann über ein Buch geneigt. „Das ist mein Neffe, Miroslaw Ostrowski“, hatte der Priester gesagt, und der junge Mann war mit einem solchen Ungestüm aufgesprungen, dass sie in Gedanken sah, wie die Frackschöße um ihn herumwehten, obwohl er keinen Frack angehabt hatte. Als sie bei Tante Vera in der Stadt zu Besuch war, waren sie in ein Konzert gegangen, und Lisenka hatte zum ersten Mal in ihrem Leben ein derartiges Gewand betrachtet, und schon damals fand sie das Geflatter dieser Frackzipfel sehr lustig. Aber dieser , wie hieß er gleich........, Miroslaw mit seiner heftigen Bewegung war doch urkomisch. In Wirklichkeit trug er eine einfache schwarze Hose und dazu ein kariertes Hemd, fast wie ein Bauer. Sie hatte ihn gar nicht weiter angeschaut. Er hatte sich kurz verneigt, sie hatte artig einen Knicks gemacht, und dann war sie froh, dass sie zur Tür hinauskonnte, weil sie so sehr lachen musste. Als sie an einem Marterl vorbeikam , bekreuzigte sie sich und kniete auf dem Grase nieder, aber es half alles nichts, sie fiel fast vornüber vor Lachen. Sie stand wieder auf. Der Heiland würde ihr bestimmt verzeihen. Jetzt wieder einigermaßen gefasst setzte sie ihren Weg fort. Der Schmied kam ihr auf seinem Pferdewagen entgegen, er war wohl auf dem Weg zur Stadt. „Ja, Lisenka!“, rief er ihr überrascht zu. Seit Monaten hatte er das Mädchen immer nur mit trauriger Mine gesehen. Sie scheint langsam, alles zu verwinden, dachte er sich und stimmte ein lustiges Fuhrmannslied an.

Im Pfarrhaus suchte Miroslaw nach der zuletzt gelesenen Seite seines Buches, die er bei der Begrüßung des Mädchens verschlagen hatte. Dann legte er das Lesezeichen hinein. „Das Mädchen scheint etwas scheu zu sein“, sagte er zu seinem Onkel. „Die Lisenka“, ach, ganz und gar nicht“, antwortete dieser. „Wahrscheinlich muss sie für ihre Leute das Abendessen zurichten und ist deshalb so rasch aufgebrochen. Sie ist ein mutiges und beherztes Mädchen“, fügte er hinzu.“ Ja, das ist sie“, und er seufzte kummervoll. „Du scheinst dir Sorgen um sie zu machen“, stellte Miroslaw fest. “Ach, Sorgen“, erwiderte der Priester“, wenn es nur das wäre, Vorwürfe mache ich mir. So ist das.“ „Aber, Onkel, wieso denn?“, fragte Miroslaw überrascht. „Ja, mein Junge“, lachte der Onkel, „da sitzt du völlig abgeschottet in der Stadt in deinem Priesterseminar und kriegst vom eigentlichen Leben nichts mehr mit.“ „Und ich denke immer“, entgegnete Miroslaw, „ du sitzt hier völlig abgeschottet von allen interessanten Dingen der Stadt in deinem Dorf, aber wie es mir auf dem Seminar ergeht, das weißt du wenigstens.“ Nun lachten sie beide. Sie wechselten hinüber ins Wohnzimmer . Das Mobiliar war aus rötlichem Buchenholz. Es gab 2 Stühle mit geschnitzten Armlehnen in der Nähe des Kachelofens, und um den riesigen Esstisch waren zwölf Holzstühle mit Sitzkissen gruppiert, deren bunt gewebte Bezüge dem Raum eine freundliche Note gaben. Auf dem Tisch lockte eine Holzschale mit frischem Obst zum Verzehr. An den Wänden hingen unzählige naturgetreu gemalte Bilder von Blumen, aufgeschnittenen Früchten, u.s.w. Sie setzten sich nebeneinander auf die Holzbank, die unterhalb des Fensters im Bedarfsfall 4vier Personen Platz geboten hätte.
“Das wahre Leben“, sagte der Onkel und tippte leicht gegen seine Brust, „spielt sich hier ab, und da kannst du allerdings manchmal ganz schön was erleben. Bis zum Abendessen dauert es noch eine kleine Weile. Vielleicht kann ich dir die Sache bis dahin auseinandersetzen.
Aber du müsstest doch in der Zeitung gelesen haben, dass sich der Janko Tomcek hier im Dorf erhängt hat“. Fragend blickte er seinen Neffen an. „Ja, natürlich“, antwortete dieser. „Nun“, begann der Priester zögernd, „in diese Angelegenheit ist die Lisenka verwickelt.“ „Wieso das?“ fragte Miroslaw und rückte näher an den Onkel heran. „Auf die allereinfachste Weise“, antwortete der Priester, “sie kam gerade am Ort dieser traurigen Tat vorbei.“ „Sie hat es mit angesehen?“ fragte erschrocken der junge Mann. „Ja“, antwortete ihm der Onkel, „und nicht nur das, sie hat auch versucht, ihn noch zu retten“. „Tatsächlich“, rief Miroslaw aus, “bitte erzähle mir alles!“
„Der Janko Tomcek war ein gutmütiger Kerl. Er hatte alles auf eine Karte gesetzt und ernährte sich ausschließlich vom Obstanbau. Er zog die köstlichsten Apfelsorten. Wenn die Jungen im Herbst auf seine Bäume kletterten, und er sie erwischte, stieß er die fürchterlichsten Drohungen aus, nur um zum Schluß jedem von ihnen einen Apfel zu schenken gegen das Versprechen, dass sie seine Bäume in Ruhe ließen. Das hielt dann vierzehn Tage an, und dann begann alles wieder von neuem. Na, du weißt ja, wie das ist.“ Miroslaw nickte. “Er hatte, so viel wir wissen, keinerlei Schwierigkeiten“, fuhr der Onkel fort,“ weder im Dorf mit den Leuten noch irgendetwas finanzieller Art. Er lebte allein, aber doch schon seit mehr als fünf Jahren. Niemand weiß, warum er einen derartigen Entschluß gefasst hat.“ „Und du, Onkel Viktor“, fragte der Neffe, “was für eine Vermutung hast du?“ „Ich weiß nicht, ob das so das richtige ist, sich über jemanden, der nicht mehr widersprechen kann, so grundlegende Gedanken zu machen.“ Fragend schaute der Onkel auf seinen Neffen. Miroslaw überlegte einen Augenblick. „Natürlich hast du recht, Onkel Viktor“, entgegnete er dann, „aber jeder würde doch in so einem Fall nach Erklärungen suchen und so ganz für sich allein sich auf etwas festlegen, meinst du nicht?“ „Das mag so sein“, antwortete der Onkel, „es ist gewiß schwer, sich immer wieder zu sagen, das geht mich nichts an, und die Sache dann auf sich beruhen zu lassen. Aber nehmen wir einmal an, ich habe mir darauf so für mich ganz allein einen Reim gemacht, dann muss ich damit doch auch so für mich allein bleiben, oder?“ „Entschuldige bitte, Onkel“, bat der Neffe. „Ist schon gut ,Miroslaw“, der Priester legte ihm die Hand auf den Arm, „ was meinst du, wie gerne ich mich manchmal über meine Gedanken mit jemandem austauschen würde. Es ist eine schwierige Sache, mit so vielen Dingen ständig alleine zu sein. Es ist eine Prüfung, die dir auch noch bevor steht. Für eine Weile schwiegen beide. Dann fuhr der Priester fort:“ Eine Nachbarin der Familie Lukasz, ach, ja, die Lisenka heißt mit Nachnamen Lukasz, bat das Mädchen, die Alte Jana zu Hilfe zu holen wegen einer kranken Kuh. Du erinnerst dich doch an die Alte Jana?“ „Ja, natürlich“, antwortete Miroslaw, „ihr Ruf, Menschen und Tiere heilen zu können, ist teilweise schon bis in die Stadt vorgedrungen.“ „Die Lisenka tat der Nachbarin den Gefallen“, erzählt der Priester weiter,“ und traf auf dem Hinweg den Janko Tomcek. Der bog gerade mit seinem großen Pflückkorb, in dem er auch immer sein Okuliermesser zu liegen hat, in seine Apfelplantage ein. Lisenka rief ihm einen Gruß zu, aber er antwortete nur knapp. Auf dem Heimweg, sie ging allein, denn sie hatte die Alte Jana nicht angetroffen und ihr nur eine Nachricht hinterlassen, sah sie den Janko dann, wie er mit den Beinen zwischen den Bäumen zappelte. Sie lief hinzu, erkannte wohl, was da vor sich ging, oder hatte eine Eingebung, wer weiß denn, was in einem solchen Augenblick in einem Menschen vorgeht? Also, sie nahm das Messer aus dem Korb, der auf dem Boden stand, legte die Leiter an, kletterte hinauf und schnitt den Strick durch. Der Janko fiel auf die Erde. Was danach passiert ist, weiß bis heute niemand so genau, denn man fand die beiden erst einige Stunden später.“ „Heilige Mutter Gottes!“, rief Miroslaw und bekreuzigte sich. „Als ihre Leute vom Feld heim kamen, war das Abendessen nicht gekocht und Lisenka verschwunden. Einer der Knechte fand sie und brachte sie nach Hause. Als sie ihren Vater sah schrie sie: ‚Es ist meine Schuld, es ist meine Schuld’ ‚ und konnte sich nicht wieder beruhigen. Die Großmagd wurde dann zu mir geschickt, und ich wusste wirklich nicht, wo ich zuerst hingehen sollte, ob zu Janko, der immer noch an dem Unglücksort lag oder zu den Lukasz . Aber ich musste mich ja doch erst einmal überzeugen, was mit Janko passiert war, und so ging ich zuerst dort hin. Nun da war nichts mehr zu machen. Er hatte das typische Aussehen des Erhängten, die schwärzlich heraushängende Zunge, ach, erspar mir die Einzelheiten. Ich ließ ihn also erst einmal dort liegen, weil meine Sorge mich zu den Lukasz trieb. Ich traf Lisenka immer noch schreiend an, und ich brauchte viel Zeit, sie so weit zu beruhigen, dass sie die dürren Einzelheiten preis geben konnte, die mitzuteilen sie sich allmählich entschlossen hatte. Ach, es war ein Jammer! Sie war davon überzeugt, dass der Janko durch den Sturz auf den Boden ums Leben gekommen sei, dass er, wenn sie sich nur geschickter angestellt hätte, noch leben würde. Ich redete auf sie ein, aber sie war viel zu verstört. Ich sagte ihr, dass ich den Janko in die Stadt ins Krankenhaus einliefern lassen würde, wo es Methoden gibt, genau festzustellen, woran er nun gestorben sei, aber das Mädchen schien mich nicht zu verstehen. Plötzlich stand die Alte Jana in der Tür. Sie war unterwegs zur Nachbarin der Familie Lukasz, und eine Eingebung ließ sie erst einmal hier Halt machen. Da wusste ich Lisenka nun gut aufgehoben und ging ins Pfarrhaus, um alles Weitere zu veranlassen.“
„Das arme Mädchen“, sagte Miroslaw teilnahmsvoll, “kann man sich von einem solchen Schock überhaupt wieder erholen?“ „Du wirst schon sehen“, antwortete der Onkel, “wie schnell sie sich erholt hat.“ „Ach“, machte der Neffe überrascht, „aber warum du dir Vorwürfe machst, Onkel Viktor, das verstehe ich nicht.“ „Bei dem Punkt sind wir ja auch noch gar nicht“, sagte der Priester bekümmert, “wart es nur ab. Das heißt, haben wir denn noch Zeit? Ich möchte nicht, dass Frau Olga in der Küche steht und die Hände ringt, weil sie nicht mehr weiß, wie sie das Abendessen für uns warm halten soll. Wie ich sie kenne, hat sie zu Ehren deiner heutigen Ankunft etwas Besonderes vorbereitet.“ Er blickte zur Standuhr. „Na, noch besteht keine Gefahr, also will ich fortfahren. Nachdem aus dem Krankenhaus der Totenschein mit der Todesursache eingetroffen war, eindeutig Tod durch Erhängen, besuchte ich wieder die Familie Lukasz. Zuerst sprach ich mit Bolko, dem Vater der Lisenka. Er war ein schwer geprüfter Mann, denn ein halbes Jahr zuvor war seine Frau, an der er sehr hing, an der Schwindsucht gestorben. Sie war immer eine zarte Frau gewesen. Sie kam ja aus der Stadt und war die Tochter des Goldschmieds.“ „Dann hatte Lisenka ein halbes Jahr zuvor ihre Mutter verloren?“, rief der junge Mann aus. „Ja, so ist es“, bestätigte der Onkel, “manchmal kommen die Dinge so unglücklich zusammen. Ich sprach also mit Bolko, und er sagte mir, dass sich die Lisenka wieder beruhigt habe, dass sie aber die meiste Zeit in Gedanken versunken sei, und er nicht wisse, ob er sie in Ruhe lassen oder sie darauf ansprechen solle. Ich ging dann zu ihr. Sie saß in ihrer Kammer auf einem Stuhl, erhob sich und knickste sehr artig, wurde dann sehr verlegen, weil es keinen zweiten Stuhl gab. Ich bat sie, sich wieder hinzusetzen. Das tat sie. Ich erzählte ihr von dem Bericht des Krankenhauses. Sie blickte mich ruhig an. Nach einer Weile fragte sie : ‚Dann wird der Janko wohl bald beerdigt werden?’ Ich antwortete ihr, dass das so bald wie möglich geschehen werde. Sie nickte, sprang dann auf, knickste und machte mir die Tür auf. Du kannst dir sicher denken, dass ich kaum wusste, was ich dem besorgten Vater sagen sollte. Sie war einerseits ganz ruhig und entschieden, und andererseits wirkte diese Ruhe auch auf mich unheimlich. Das Rätsel löste sich dann bald. Schon am nächsten Tag kam sie ins Pfarrhaus.
Frau Olga führte sie in mein Studierzimmer, und bis ich dort eintrat, muß sie wie ein Tiger hin her gelaufen sein. Sie ließ sich kaum Zeit für eine Begrüßung. Ich sah, wie aufgewühlt sie war und hatte nun selbst auch nicht mehr die innere Ruhe, mich hinter meinen Schreibtisch zu begeben. Ich setzte mich auf den Besucherstuhl. Ihr einen Platz anzubieten , hatte überhaupt keinen Sinn. ‚Mein Vater sagt, Janko Tomcek wird in ungeweihter Erde begraben’ , stieß sie hervor. ‚Die Kirche hat gewisse Vorschriften für einen solchen Fall’, erwiderte ich, aber schon während ich das sagte, war mir klar, dass ich völlig ins Leere redete. ‚Mein Vater sagt’, fuhr sie mit demselben Ungestüm fort ‚das Weihen soll bewirken, dass dem Verstorbenen der Übergang in eine jenseitige Welt leichter fällt.’ ‚Nun, der Janko hat etwas getan......’setzte ich zu einer längeren Erklärung an, aber sie unterbrach mich augenblicklich. ‚Der Janko hat etwas getan, wovon nur Gott weiß, warum er es getan hat, das sagen alle.’ Immerhin bekreuzigte sie sich, und ich hoffte, dass sich nun in einer ruhigeren Tonart mit ihr weiterreden ließ, aber da hatte ich mich getäuscht .’ Gott hält den Janko lieb, wie er ihn immer lieb gehabt hat, weil, wie Sie Hochwürden es immer wieder auf der Kanzel gesagt haben, Gott die Liebe ist. Er kann nicht einmal lieben und ein anderes Mal nicht, darum müssen wir den Janko doch auch lieb halten, und müssen ihn in eine geweihte Erde geben, nicht wahr?’ Ihre Frage drang auf mich ein, als ob sie mich pulverisieren wollte. ‚Weißt du’, sagte ich , und merkte gar nicht, dass ich mich verteidigte,’ es gibt Menschen, vor denen ich meine Handlungen verantworten muss.’ ‚Ja!’ schrie sie auf, das haben Sie immer gesagt, dass man sich eines Tages vor dem Allmächtigen verantworten muss.’ Ich saß ganz reglos da. Sie stürzte zu Boden, umfasste meine Knie und begann zu flehen:’ Sie können es doch heimlich tun, wenn es niemand, sieht können Sie doch die Erde weihen, schon vor oder vielleicht auch nach dem Begräbnis.’ Ich strich ihr über das Haar. ‚Mein liebes Kind’, sagte ich. ‚Ich will doch nur, dass der Janko heim zum Himmlischen Vater kommt,’ rief sie. Und dann begann sie zu schluchzen, dass ich mir nicht mehr vorstellen konnte, wie sie wohl zu beruhigen wäre. So Vieles ging mir durch den Kopf. So weit man es bis jetzt herausfinden konnte, hatte der Janko keine Angehörigen. Nun kniete hier seine einzige Fürsprecherin vor mir und ließ sich ganz sicher mit nichts abspeisen. Sollte ich ihr mit Kirchenvorschriften kommen, deren Sprache sie nicht einmal verstand, geschweige denn den Inhalt? Es war einer jener Augenblicke in meinem Leben , in denen ich völlig ratlos war. Plötzlich hörte sie auf, zu weinen.’ Ich werde es an ihren Augen erkennen , ob sie ihn in geweihte Erde gelegt haben oder nicht’, sagte sie auf einmal ganz ruhig. Dann stand sie auf, knickste und ging davon.“
Der Priester holte ein Taschentuch hervor und trocknete sich die Stirn. „Onkel Viktor,“ sagte Miroslaw, “was für eine schreckliche Geschichte!“ „Ja, mein Junge, und jetzt frag mich nicht, was ich nun getan, und was ich nicht getan habe“, stöhnte der Onkel. „Nein, natürlich nicht“, versicherte der junge Mann, “aber so, wie ich dich vorhin zusammen mit der Lisenka gesehen habe, nun ich meine, daraus könnte man den Schluss ziehen, dass du ihr Vertrauen behalten hast.“ „Gut beobachtet“, sagte der Onkel und ließ ein erleichtertes kurzes Auflachen hören. “Weshalb machst du dir dann Vorwürfe?“ fragte Miroslaw erneut. „Nur Geduld“, antwortete der Priester, “gleich kommen wir zu diesem Punkt der Angelegenheit. Schon auf dem Priesterseminar, das weißt du ja, muss man sich Gedanken machen, welche Schwerpunkte man innerhalb dieser Ausbildung setzen will. Zieht es einen mehr zur Theologie oder ist der Gemeindepfarrer das ersehnte Ziel? Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie ich ein Leben lang in einer Studierstube sitze und mich mit Kirchengeschichte befasse.“ Miroslaw schmunzelte. Jedermann im Dorf und auch einige Leute in der Stadt wussten, wie sehr der Onkel seinen Bauergarten liebte. Wie von ungefähr tauchte ab und zu ein Pfarrkind auf und bat geradezu darum, im Garten dies und das in Ordnung zu bringen fragte den Onkel auch oft, ob Hochwürden Pflanzen aus der Stadt mitgebracht haben wollte u.s.w. Schon aus diesem Grund passten Der Onkel und das Wort “Studierstube“ wirklich nicht zueinander. Nein, er musste draußen umhergehen können und all die Herrlichkeiten bewundern, die er unter seinen Blumen zu entdecken meinte. Der Priester hatte das amüsierte Lächeln seines Neffen nicht bemerkt und sprach ungehemmt weiter. „ Und ist man erst einmal in der Gemeindearbeit verankert, stellt es sich heraus, das jeder auch hier seine Vorlieben hat. Der eine ist vielleicht ein glänzender Prediger, der andere bemüht sich um Umbauten seines Gotteshauses, weil er insgeheim ein Baumeister ist u.s.w. Mein Anliegen ist das Wohlbefinden meiner Gemeindemitglieder. Ich möchte, dass sie begreifen, dass Gott alles Lob gehört, dass sie, wie soll ich es ausdrücken, in ständigem Frohlocken über die Güte und Herrlichkeit Gottes selbst glücklich sind.“ „Onkel, was für ein Vorhaben!“ rief Miroslaw aus. „Wie oft wirst du dir dann die Frage stellen lassen müssen, warum Gott dieses oder jenes zulässt.“ „Ja, natürlich“, antwortete der Onkel, „immer wieder muss ich erklären, dass Schicksalsschläge Prüfungen bedeuten, und dass man, wenn man richtig damit umgeht, viel Kraft daraus ziehen kann. Sicher, dieses Anliegen von mir stellt sich als eine lebenslange Aufgabe dar, und ich werde schließlich auch nicht ans Ziel damit gelangen, aber sie ist mein eigentlicher Ansporn, verstehst du das?“ „Ja, ich verstehe dich voll und ganz“, antwortete der Neffe. „Gut, gut“, sagte der Priester, „dann kann ich also fortfahren. Seit dem Tode von Janko Tomcek waren zirka zehn Monate vergangen. Ich schaute einmal kurz zur Chorprobe unseres Kantors, Marek Jablonski, herein, na du kennst ihn ja. Da fiel mir auf, dass die jungen Mädchen schwatzend und lachend miteinander heimgingen , und die Lisenka ganz allein davonging. Ich sprach den Marek darauf an, und er sagte mir, dass das immer so sei. Am darauffolgenden Sonntag hielt ich die beste Freundin der Lisenka zurück und fragte sie ein wenig aus. ‚Bist du nicht mehr mit der Lisenka befreundet?’ frage ich sie also. ‚Aber doch, Hochwürden’, antwortet sie. ‚Aber du sprichst doch gar nicht mit ihr’, sage ich. ‚Ja’, antwortet sie in aller Schlichtheit. Es hat mich einige Mühe gekostet, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Als die Mädchen erfahren hatten, dass die Lisenka den Janko vom Baum abgeschnitten hat, da ist ihnen diese Tat als etwas Ungeheuerliches vorgekommen. Sie selbst wären wahrscheinlich, eine wie die andere, schreiend davongerannt. Dadurch, dass sich die Lisenka so ganz anders verhalten hatte, als sie selbst es getan hätten, kam sie ihnen auf einmal unheimlich vor. Sie getrauten sich nicht mehr, sie anzusprechen, eine Scheu hielt sie davon ab. Vorwürfe mache ich mir, weil ich das erst so spät bemerkt habe. Wäre es mir eher bekannt gewesen, hätte ich von der Kanzel herab mich dazu äußern können. Aber du kennst die Leute hier nicht so genau. Hat sich in ihren Köpfen erst einmal etwas festgesetzt, dann ist es schwierig, dagegen anzugehen. Trotzdem werde ich auch jetzt noch einiges versuchen.“ „Lieber Onkel Viktor“, sagte Miroslaw, “ich verstehe, dass du an dieser Situation etwas ändern willst, aber du darfst dir doch nicht die Schuld daran geben.“ „Na ja“, lenkte der Onkel ein, „manchmal allerdings sehe ich das auch so. Mein Junge“, und er legte seinem Neffen den Arm um die Schulter, „ich sollte einmal in den Keller hinabsteigen und nachsehen, welch gutes Weinchen uns für heute Abend bestimmt ist“. Die Wanduhr tat sieben hallende Schläge , und der Priester ging federnden Schrittes aus dem Zimmer.

Am nächsten Nachmittag war Miroslaw Orzelski unterwegs , ein Notenblatt, das Frau Olga zusammengerollt und umsichtig mit einem Bändchen umschlungen hatte, in der Hand. Er ging die Dorfstraße entlang und bog dann ein in den Fahrweg, der zum Gehöft der Familie Lukasz führte. Als er näher kam, hörte er eine Frauenstimme singen. Es musste Lisenka sein, die ihm den Rücken zukehrte. Sie saß vor dem Wohngebäude im Schatten und war mit etwas beschäftigt. Miroslaw erkannte das Lied, das sie sang und lächelte.



Es flogen zwei Raben durch die Luft,
sie waren umgeben von Blumenduft,
sie kamen aus der Königin Hain
und fühlten sich besonders fein
in ihrem festlich schwarzen Kleid,
als wären sie zu Priestern geweiht.

Als sie mit dem Gesang so weit gekommen war, hub er laut mit der zweiten Strophe an. Sie fuhr erschrocken herum, doch dann lächelte auch sie und hörte ihm zu.

Es flogen zwei Kühe durch die Luft,
sie waren umgeben von Blumenduft,
sie kamen aus der Königin Hain
und fühlten sich besonders fein,
weil ihnen Flügel gewachsen waren,
sie ahmten nach der Engel Gebaren.

Die dritte Strophe sangen sie dann gemeinsam.

Es flogen zwei Fliegen durch die Luft,
sie waren umgeben von Blumenduft,
sie kamen aus der Königin Hain
und fühlten sich besonders fein,
sie nannten sich fortan Königsfliegen
und nahmen teil an der Ritter Kreuzzügen.

Sie legte ihr Schälmesser beiseite sprang auf und machte einen Knicks. „Guten Tag Herr Orzelski“, sagte sie. „Guten Tag, Lisenka“, antwortete er.“ Haben dir deine Eltern auch immer verboten, dieses Lied zu singen?“ „Natürlich“, sagte sie und lachte. „Ja, die meinen auch“, meinte er, „und trotzdem kennt jedes Kind in Polen dieses Lied. Und das schon seit 500 Jahren.“ Sie sah ihn bewundernd an. „Wirklich?“, fragte sie. „Na so ganz genau weiß ich das auch nicht, aber es könnte doch sein.“ Jetzt sah er, dass sie riesige Mengen von Kartoffeln schälte. „Ich könnte ja ein wenig mithelfen“, sagte er und deutete auf den Kartoffelkorb. „Oh, nein!“ rief sie erschrocken, “was würde mein Vater dazu sagen.“ „Wir müssen es ihm ja nicht erzählen“, schlug er vor. Sie wischte sich die Hände an der Schürze ab. „Ich könnte schnell einen Kaffee aufgießen, und dann gibt es auch noch Rosinenbrot.“ Er legte das Notenblatt auf eine halb zudeckte Holztonne, die wohl darauf wartete mit irgendetwas gefüllt zu werden.“ Das Rosinenbrot habe ich selbst gebacken“, sagte sie. „es ist allerdings noch von gestern. Ich müsste Sie vielleicht bitten, mit mir in die Küche zu kommen.“ Und ehe er antworten konnte, eilte sie schon voraus. Er folgte ihr. Er sah die riesigen Kochtöpfe auf dem Herd. Die konnte sie doch gar nicht bewegen, wenn sie voll waren. Wahrscheinlich schöpfte sie das Essen mit der großen Kelle in Schüsseln, und wenn der Topf fast leer war, waren ja ihre Leute schon vom Feld zurück und konnten ihr bei dem Rest behilflich sein. Sie nahm zwei Tassen vom Bord und stellte sie auf den Tisch. Dann schnitt sie das Rosinenbrot auf. Als der Kaffee fertig war, schenkte sie ihm ein. „So setzen Sie sich doch bitte“, sagte sie . Und er ließ sich gehorsam auf den Schemel nieder, trank einen Schluck und biß herzhaft in das Rosinenbrot. Dann schaute er sie an. „Entschuldigen Sie bitte“, sagte sie irritiert, “ist etwas nicht in Ordnung?“ „Lisenka“, sagte er begeistert, „es ist schade, dass du das nicht selbst sehen kannst, durch das Fenster fällt nur ein schmaler Lichtstrahl auf deinen Scheitel, und an der Stelle schimmern deine Haare jetzt wie Gold.“ „Ach so“, sagte sie erleichtert , „da ist es so, als hätte die Heilige Jadwiga mir den Goldstrahl geschickt. Sie ist meine Lieblings-Heilige.“ Natürlich, nach allem, was ihm Onkel Viktor gestern über Lisenka erzählt hatte, hätte er Wetten darauf abschließen können, dass sie der Heiligen Jadwiga den Vorzug gab, dieser außergewöhnlich couragierten Frau, die während der Regierungszeit ihres Mannes so viel getan hatte, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Plötzlich sprang er auf. „Oh, entschuldige mich bitte einen Augenblick!“ Er lief nach draußen und kam mit dem Notenblatt wieder zurück. „ Mein Onkel bat mich, dir das hier zu geben“, sagte er und überreichte ihr das Papier. Sie nahm das Bändchen ab und warf einen Blick auf die Noten. „Ich werde es noch heute Abend einüben“, sagte sie leichthin. „Mein Onkel erzählte mir, du hast das absolute Gehör“, meinte Miroslaw. „Ja“, sagte sie. Sie schien nicht zu wissen, dass das etwas Besonderes war. Glühend hätte er sich eine solche Gottesgabe gewünscht. „Sonst könnte ich dieses Stück ja nicht ohne Klavier einüben“, fügte sie noch hinzu. „Als Hochwürden mich gestern zu sich bestellte , war die Abschrift noch nicht fertig, ich hätte sie sonst gleich mitgenommen.“ Er steckte sich das letzte Stückchen Rosinenbrot in den Mund. „Ich habe sie dir gerne vorbei gebracht“, sagte er, als er halbwegs wieder sprechen konnte. Sie standen beide auf. „Vielen Dank und einen Gruß an Hochwürden“, sagte sie. „Keine Ursache, und ich werde es ausrichten. Gott helfe dir“, grüßte er sie. „Gott helfe Ihnen“, grüßte sie zurück.
Miroslaw schlug den Weg zum Pfarrhaus ein. Dieses Mädchen! Wie sie sich bemühte, die Rolle der Jungbäuerin zu übernehmen. ‚Ich müsste Sie vielleicht in die Küche bitten.’ So hätte ihre Mutter gesprochen, wenn sie noch lebte. Und dann wieder ganz kindlich ‚Was würde mein Vater dazu sagen.’ Sie war doch erst 17 Jahre alt, so sagte jedenfalls der Onkel.
Und dass sie den ganzen Tag alleine war, während die anderen lustig auf dem Feld wirtschafteten! Sicher war das nur in der Erntezeit so, aber er stellte es sich ziemlich öde vor. Wahrscheinlich brachte sie Mittags ihren Leuten in einem Leiterwägelchen die Mahlzeit hinaus. War das für sie nicht viel zu schwer? Vielleicht hatten die Lukasz aber auch einen Esel, und Lisenka trieb das Tier an, wenn es wieder einmal bockte und flüsterte ihm ermunternde Worte ins Ohr, die nur sie kannte. Was malte er sich denn da alles aus? Was ging ihn dieses Mädchen an? Sie hatte Schlimmes durchgemacht, ja, aber deshalb musste er doch nicht dauernd an sie denken. Er brach von einem Haselstrauch einen Stecken ab und hieb wütend damit durch die Luft. Eine ziemlich kindliche Methode, mit Problemen fertig zu werden, sagte er sich nach einer Weile und fing an, in seinem Innern den 92. Psalm zu beten.
Dann fiel ihm die Geschichte mit dem Janko Tomcek ein. Vielleicht war er besessen gewesen. So etwas kam vor. Irgendein Wesen nahm vom Geist eines Menschen derartig Besitz, dass der Ärmste alles tun musste, was dieses Wesen von ihm verlangte. Vielleicht hatte es von Janko verlangt, sich zu töten. Dann war es gar kein Selbstmord im eigentlichen Sinne, und der Mann konnte durchaus im Einverständnis mit der Kirche in geweihte Erde gelegt werden. Wahrscheinlich hatte der Onkel insgeheim auch diese Theorie vertreten, und hatte den Janko tatsächlich noch nachträglich in seinem Grabe geweiht. Er, Miroslaw traute ihm das zu.

Am Abend berichtete er dem Onkel, dass er seinen Auftrag ausgeführt habe. „Nun, da hast du heute eine schöne Blume im Gewächshaus Gottes betrachten dürfen“, meinte der Priester. „Schön“, antwortete Miroslaw, „sind nicht alle Mädchen schön?“ „Es gibt da aber so einige Unterschiede“, sagte der Onkel und lachte schallend. „Es wird wirklich Zeit, dass du wieder einmal unter Menschen kommst.“

Ehe Miroslaw es sich versah, stand er am nächsten Tag wieder auf dem Gehöft der Familie Lukasz. Lisenka, die Zuckerrüben zum Sirup Einkochen vorbereitete, hob den Kopf. In frohem Erstaunen sprang sie auf. Sie begrüßten einander, und Miroslaw sagte so beiläufig wie möglich,“ ich hatte dem Bauern Kondrat etwas auszurichten, und da euer Gehöft auf dem Wege liegt, bin ich nur einmal kurz vorbeigekommen.“ Verblüfft sah sie ihn an. Plötzlich schien sie zu verstehen, „Die Felder und auch der Hof der Kondrats liegen aber dort“, und sie zeigte mit weitausholendem Arm in eine ferne Gegend. “Da müssen Sie sich verlaufen haben.“ „Das kann schon sein“, antwortete er, „aber jetzt bin ich ja auf dem richtigen Wege. Und heute musst du mich mithelfen lassen, sonst werde ich mich beim Himmel über dich beklagen.“ Sie erschrak, was sollte sie jetzt davon denken? „Es war doch nur ein Spaß“, sagte er begütigend, “aber dass ich mich auch einmal nützlich machen möchte, ist die Wahrheit .“ „Sie werden denken, dass das nicht mehr Ihre Hände sind, hinterher“, warnte sie ihn. „Frau Masowiecki, die Haushälterin meines Onkels, na, du wirst sie ja kennen, hat aber auch keine Einwände, wenn ich ihr in der Küche die Bohnen für das Mittagessen abfädele“, entgegnete er. „Also gut“, ohne ein weiteres Wort lief sie ins Haus und kam mit einem Messer zurück. Sie machten sich an die Arbeit. „Es gibt Klöster, in denen die Mönche auch auf dem Felde arbeiten, und da sehen ihre Hände dann aus, wie sie aussehen“, griff Miroslaw noch einmal das Thema auf. “Wollen Sie in ein Kloster gehen?“ fragte Lisenka. „Nein“, antwortete er, „ich möchte Gemeindepfarrer werden, wie mein Onkel. Schon von Kindheit an ging ich in den Dom neben dem Königlichen Schloss.“ „Ich war auch einmal dort“, sagte Lisenka, „als ich meinen Onkel und meine Tante in der Stadt für 14 Tage besucht habe. Sie haben ein Haus in der Stadtmitte.“ „Oh“, sagte Miroslaw, “ich wohne in der Nähe des Flusses , von hier aus gesehen in einem der ersten Häuser auf der anderen Seite des Flusses.“ „Ach, ganz dicht am Wasser“, entgegnete das Mädchen. „Wohnt dort nicht der Kaufmann Ostrowski, der Ziegelsteine und Dachschindeln und solche Sachen verkauft?“ „Ja, das ist mein Vater“, erwiderte Miroslaw. „Im Dom war es sehr feierlich“, sprach Lisenka weiter, „ und der Chor hat wunderschön gesungen. Man kam sich wie im Himmel vor. Und die Orgel, ich möchte so gerne noch einmal die Orgel hören.“ „Ja, das kann ich verstehen“, stimmte ihr Miroslaw zu. „Ich bin einige Jahre dort Ministrant gewesen. Einer der Priester, Pater Tadeusz, war ein großartiger Mensch. Schon sein Aussehen hat mich tief beeindruckt. Er konnte einen ansehen mit einem Blick so voller Milde und Güte, und wenn man zu ihm beichten ging, dann sagte er jedes Mal an irgendeinem Punkt ‚ Du bist wunderbar. Du bist ein Kind Gottes, und je länger du lebst, umso mehr wird es dir deutlich werden, dass du ein Kind Gottes bist.’ „Hat er das zu allen gesagt oder nur zu Ihnen?“ fragte Lisenka. „Ich habe mit niemandem darüber gesprochen“, antwortete Miroslaw, „aber ich bin überzeugt, dass er das zu jedem gesagt hat. Er floß einfach über vor Liebe zu den Menschen. Wenn er hörte, wie jemand hässlich über einen anderen sprach, sagte er ‚ Bedenke, wenn du in seiner Lage wärest, würdest du dich vielleicht noch schlechter benehmen als dieser.’ Wenn er an die Kinder Bonbons verteilte, dann hättest du ihn einmal sehen sollen. Er strahlte selbst wie ein Kind, ja, er leuchtete geradezu vor Freude. Ich habe immer auf so einen Augenblick gewartet, wenn er mit Kindern zusammen war, einfach, um ihn so zu sehen. Nachdem sich sein Bild durch mehrere Jahre hindurch in mein Innerstes eingeprägt hatte, wurde mir auf einmal klar, dass ich so werden wollte wie er. Vielleicht findest du dass komisch, weil ich schließlich noch sehr jung bin und von alledem noch gar nichts an mir habe?“ Erwartungsvoll schaute er das Mädchen an. „Nein, nein“, erwiderte sie hastig, “es wird schon recht sein.“ Und dann hing jeder seinen Gedanken nach. Und die Messer machten ihr knirschendes Geräusch, während sie Wurzeln und Blattwerk von den Rüben trennten.
Schließlich legte Lisenka das Messer beiseite und reckte sich, um sich von der starren Körperhaltung zu entspannen. „Weil Sie geholfen haben“, sagte sie, „darf ich jetzt eine Pause machen. Zur Belohnung gibt es einen Kaffee. Ein Brot mit Butter und Zucker könnte man auch dazu essen. Sirup haben wir ja noch keinen.“ In der Küche wuschen sie sich die Hände, und Lisenka bereitete mit gewohntem Geschick die kleine Mahlzeit zu. „Ich hatte einmal eine Mutter“, sagte sie ganz unvermittelt, „sogar noch vor anderthalb Jahren.“ Miroslaw blieb stumm. Was sollte er jetzt sagen? Daß ihre Mutter im Himmel sei, hatte sie inzwischen sicher tausend Mal gehört. Daß sie die Mutter vermisste, darum schien es ja zu gehen, und daß sie die Mutter in vielen Dingen ersetzen musste, das war in ihrem Alter einfach zu viel verlangt. Sorgsam bestrich sich Lisenka ein Stückchen Brot mit Butter und sagte nichts mehr. „Es ist schade, dass dir deine Tante nicht beistehen kann“, meinte Miroslaw schließlich. „Ja, meine Tante Vera ist keine Bäuerin. Sie hat einen Tischler geheiratet. Mein Großvater ist ja auch Tischler. Und so ist sie immer eine Stadtfrau geblieben. Sie hat drei Kinder, die zur Schule gehen, und um die sie sich kümmern muss. Und mein Onkel will auch versorgt sein. Wie sollte sie da hierher komme?.“ Sie sprach in gleichmütigem Ton. Was aber bewegte sie wirklich? Worüber wollte sie eigentlich sprechen? Miroslaw kam sich völlig hilflos vor. Wenn er jetzt eine Frau gewesen wäre, hätte er sie einfach umarmt. Nun war er aber ein junger Mann und dazu noch ein angehender Priester. Nein, das ging wirklich nicht. Kummervoll betrachtete er sie. Sie hob den Kopf und fing seinen Blick auf. Beschämt nahm sie eine ihrer beiden Zöpfe in die Hand. „Das Kämmen hält nie einen ganzen Tag vor“, sagte sie und wollte sich dafür entschuldigen, dass sich einige ihrer feinen Härchen aus dem Geflecht herausgestohlen hatten. Er streckte den Arm aus, um nach dem Zopf zu greifen, aber entschlossen warf sie ihn auf ihren Rücken. Eine solche Berührung war ihm nicht erlaubt. Entschlossen stand sie auf und räumte den Tisch ab. „Die Sonne steht schon tief“, sagte sie, als sie vor die Tür getreten waren. „Ja, Lisenka, ich danke dir für den Kaffee“, sagte er. „Keine Ursache“, antwortete sie artig. Ich danke für die Hilfe bei der Arbeit.“ Dann verabschiedeten sie sich.

Nach dem Abendessen im Pfarrhaus erzählte Miroslaw seinem Onkel, wie es ihm ergangen war, als Lisenka begann von ihrer verstorbenen Mutter zu sprechen. „Ich kam mir so erbärmlich vor, Onkel“, klagte er. „Ich weiß nicht, ob ich wirklich das Zeug zu einem Gemeindepfarrer habe“. „Nun mach’s mal halb lang“, besänftigte ihn der Priester, „du hast es doch genau richtig eingefädelt. Du hast dich mit ihrem Alltag vertraut gemacht. Das ist schon einmal das allerwichtigste. Wenn du nicht weißt, was für ein Gesicht ein Mensch macht, weil er eben diese oder jene Arbeit verrichtet hat, läufst du ja schon von vorneherein gegen eine Wand. Außerdem bringst du das mit, was am dringendsten benötigt wird, nämlich den Wunsch zu helfen, und alles andere kommt mit der Zeit. Was meinst du, wie schwierig manches anfangs für mich gewesen ist. Nur eines verstehe ich nicht so ganz, mein Junge, du bist hier bei mir in den Ferien, und anstatt dich zu erholen, läufst du durch meine Gemeinde, um auszuprobieren, ob du dich zum Gemeindepfarrer eignest.“ „Aber irgendwann muss ich das ja einmal machen“, verteidigte sich Miroslaw. „Ganz recht, ganz recht“, sagte der Onkel, du solltest es aber nicht übertreiben. So bald ich mich ein bisschen frei machen kann, werden wir gemeinsam etwas unternehmen. Jetzt trink noch einen kräftigen Schluck, dass sich die trüben Gedanken wieder verflüchtigen. Manchmal sind Selbstzweifel ja ganz angebracht, aber alles in der richtigen Dosierung . Sollten wir unsere Schachpartie nicht fortsetzen?“ fragte er, und hoffte, auf diese Weise Miroslaw zu zerstreuen.

Miroslaw wollte dem Onkel eine Freude machen und pflanzte die Blumen, die der Schmied aus der Stadt mitgebracht hatte, in ein Beet. Aber er war nicht so richtig bei der Sache. Eigentlich hatte ihm der Onkel keinen Rat gegeben. Er hatte ihm nicht gesagt, wie er sich Lisenka gegenüber besser hätte verhalten können. Er wünschte sich, er könnte diese dumme Angelegenheit des gestrigen Tages wieder gut machen. Nachdem er die letzte Pflanze gesetzt hatte, zog er sich um und eilte zum Hof der Lukasz. Kaum bog er in die Einfahrt, hatte Lisenka ihn schon entdeckt und kam ihm lachend entgegen. „Haben Sie sich wieder verlaufen?“ fragte sie. „ Eigentlich nicht“, antwortete er ernsthaft,“ ich habe im ganzen Dorf nach einem Gedenkstein der Heiligen Jadwiga gesucht und bis jetzt nichts gefunden.“ Fragend sah er sie an. „In meiner Kammer hängt ein Bild von ihr“, sagte sie und senkte den Kopf. „Aber ich kann Ihnen etwas anderes zeigen“, rief sie und sprang davon, um gleich wieder zurückzukehren. Sie hielt etwas in der Hand. „Wenn ich sie in die Wohnstube bitten dürfte“, sagte sie feierlich und bemühte sich wieder , die Mutter nachzuahmen. Er folgte ihr. Der Kaffeetisch war gedeckt. „Erwartest du jemanden?“ fragte er. „Wahrscheinlich störe ich ja.“ „Nein, nein“, sagte sie. Es ist gar nichts besonderes....ich wollte nur....“Sie griff mit der leeren Hand nach einer ihrer Flechten und ließ diese durch ihre Finger gleiten. „Ich habe einen Kuchen gebacken. Ich erwarte niemanden. Und Sie stören nicht. Würden Sie jetzt bitte Platz nehmen“, bat sie. Miroslaw setzte sich. Sie legte etwas neben ihren Teller, eilte abermals hinaus und kam vor Freude strahlend mit einem duftenden Kuchen wieder herein. Sie schien etwas vom Backen zu verstehen. Miroslaw schmeckte der Kuchen. Als er sie lobte strahlte sie ihn an. Der Onkel hatte ja recht, dachte er. Sie war wirklich ein hübsches Mädchen. Die hellbraunen Augen hoben sich reizvoll von den blonden Haaren ab. Wimpern und Augenbrauen waren dunkelbraun. Ihre Haut schimmerte in einem bronzenen Farbton. Als sie jetzt lachte, blitzten ihre kleinen weißen Zähne zwischen den fülligen Lippen hervor. Eine intensive Lebenskraft ging von ihr aus, eine Frische und Klarheit. Er nahm dieses Bild in sich auf und schaute dann zur Seite, um sie nicht zu irritieren. Er sah den Gegenstand, den sie neben ihren Teller gelegt hatte. Sie folgte seinem Blick. „Das ist eine Muschel“, sagte sie, „ meine Mutter war einmal am Meer und hat sie von dort mitgebracht. Wenn man sie ans Ohr hält, kann man darin das Meer rauschen hören.“ Sie reichte ihm das interessant geformte Exemplar. Er hielt es ans Ohr und lauschte auf das Geräusch im Innern. „Ja, tatsächlich“, sagte er. Dann betrachtete er die Muschel genauer. „Was für eine schöne rosa Färbung sie hat, und wie sie schimmert. Sie ist sehr schön“, und er gab ihr das Kleinod zurück. „Man sagt, der Wassermann kann darauf Musik machen“, sagte sie. „Ach, ja, all die Geschichten vom Wassermann habe ich als Kind auch gerne gehört“, er trank von seinem Kaffee. „Aber glauben Sie nicht, dass daran etwas Wahres sein könnte?“ fragte Lisenka. „Ich dachte immer, dass die Mütter ihren Kindern diese Märchen erzählen, um sie zu warnen, damit sie nicht zu dicht ans Wasser herangehen. Bei den vielen Flüssen, die es in Polen gibt, wäre das doch gerechtfertigt“, antwortete Miroslaw. „Schon, schon“, antwortete Lisenka, “aber man sagt auch, dass es Naturgeister wirklich gibt.“ „Ja“, erwiderte er, „aber solange ich noch keinen Zwerg, keine Elfe und keine Undine gesehen habe, glaube ich daran nicht.“ „Ich kenne aber jemanden, der sie sehen kann“, entgegnete das Mädchen. „Tatsächlich?“ fragte er erstaunt. „Ja, die Alte Jana“, und sie schwieg erwartungsvoll.“ Sooo“, sagte Miroslaw gedehnt, „ja, wenn das so ist! Ich habe die Alte Jana lange nicht mehr gesehen, aber wenn ich sie gut kennte und ihr vertraute, würde ich ihr wohl glauben.“ Überrascht schüttelte er den Kopf. „Du meinst also wirklich...? Hat sie auch erzählt, wie diese Wesen aussehen?“ „Nein“, antwortete Lisenka, „das würde sie nie tun. Als ich einmal mit meiner Mutter zusammen bei ihr war, sagte sie ‚Paß auf die Lisenka auf, sie hat etwas an sich, was den Wassermann sehr erfreuen könnte’ Aber meine Mutter lachte und sagte ‚der Fluss liegt ja noch sehr weit von uns entfernt. Da muss ich wohl keine Angst haben.’ „Was könnte die Alte Jana gemeint haben?“ fragte Miroslaw. „Ich weiß es nicht“, antwortete das Mädchen, „ da meine Mutter gelacht hat, habe ich das auch nicht mehr so ernst genommen.“ „Und jetzt ist deine Mutter nicht mehr da, um dich zu beschützen“, sagte er. Sie senkte den Kopf. „Lisenka“, sagte er eindringlich, „ich wollte dir das gestern schon sagen, es tut mir so sehr leid, dass deine Mutter nicht mehr bei dir ist. Ich habe aber etwas herausgefunden, was man machen kann, wenn man einen lieben Menschen verloren hat.“ Sie rührte sich nicht, aber sie schien ihm zuzuhören. „Dass diese Frau deine Mutter gewesen ist, dass du mit ihr glücklich gewesen bist, deswegen bist du ja sicher sehr dankbar.“ Sie nickte. „Und darum“, fuhr er fort, „wenn die Traurigkeit kommt, dann solltest du sofort an die Dankbarkeit denken und dich an etwas Schönes erinnern, was du mit deiner Mutter erlebt hast. Wenn du voller Dankbarkeit bist, muss die Trauer verschwinden. Beides auf einmal hat keinen Platz in deinem Innern. Es kann immer nur eins von beidem da sein.“ Sie verharrte noch eine Weile zusammengesunken auf ihrem Stuhl. Dann hob sie den Kopf, tat einen tiefen Seufzer und blickte ihn schließlich an. „Danke“, sagte sie.

Viktor Orzelski und sein Neffe schritten kräftig aus. Sie waren schon sehr früh aufgebrochen. Bei ihrer Wanderung, die sie an vielen Feldern vorbeiführte, sahen sie die Leute dort bei der Ernte. Auch die Kinder im Alter ab fünf Jahren wurden mitgenommen und angeleitet zu helfen , so gut sie es vermochten. Man sah allerorten bunte Kopftücher, Strohhüte und gebeugte Rücken.“ Die Bauern haben viel zu tun dieses Jahr, sagte der Priester, “ aber sie sind guter Dinge, denn die Witterung, im Frühling viel Regen und im Sommer viel Sonne, hat eine reiche Ernte hervorgebracht. Das Erntedankfest wird ausgelassen werden, wie lange nicht mehr. Da du hier in den Ferien bist“, fuhr er fort, „will ich dich nicht fragen, wie es so im Seminar läuft.“ Miroslaw lachte. “Und den neuesten Dorfklatsch hat dir Frau Olga sicher schon aufgetischt. Dann weißt du auch, dass wir im Dorf einen Widder mit drei Hörnern haben.“ „In der Tat“, lachte der Neffe wieder, „das hat mir deine Haushälterin bei allen Heiligen beschworen, aber ich habe es trotzdem nicht geglaubt.“ „Doch, doch , mein Lieber, da tust du Frau Olga unrecht“, versicherte der Onkel, „du musst ihn dir unbedingt ansehen. In der Mitte zwischen den beiden Hörnern hat er noch ein ganz kleines Horn. Eine außergewöhnliche Sache!“ Sie kamen an einem Bach vorbei, und der Priester betrachtete eingehend die kleinen blauen Blumen, die dort wuchsen. Als sie weitergingen sagte er,“ was ich dich aber noch unbedingt fragen wollte, weißt du wie es mit dem Wiederaufbau der Häuser steht, die in diesem Frühjahr durch das Hochwasser auf unserer Seite des Flusses unbewohnbar geworden sind?“ „Mein Vater sagte mir“, antwortete Miroslaw,“ dass die Leute aus der Stadt sich sehr eingesetzt haben sowohl mit Geldmitteln als auch mit tätiger Hilfe, und man hofft, dass alle elf Familien zum Winter wieder ihr Unterkommen haben werden.“ „Das ist einmal eine Gute Nachricht“, erwiderte der Priester, „was soll auch werden, wenn nicht wenigstens Christenmenschen zusammenhalten. Die Uferbefestigungen der Stadt haben ja auch gehalten, und niemandem ist dort ein Härchen gekrümmt worden. Es ist jetzt schon das dritte Jahr hintereinander, dass der Fluss auf der anderen Seite über das Ufer getreten ist, und merkwürdiger Weise sind in jedem dieser Jahre genau elf Häuser zerstört worden. Es wäre zu wünschen, dass man hier eine Lösung findet.“ Er zog ein Taschentuch hervor und wischte sich den Schweiß von der Stirn. „Ehe die Sonne den Höchststand erreicht hat, werden wir hoffentlich im Wald angekommen sein.“ Sein Wunsch erfüllte sich. Noch vor Eintritt der größten Mittagshitze waren sie umschlossen und beschattet von einem Gemisch aus Kastanien, Mehlbeere, Birke und Ahorn .“Nun sieh dir einmal diese Rinde an“, sagte der Onkel und deutete auf eine Schwarzpappel, die hier ganz vereinzelt stand, und deren Stamm die typischen knollenartigen Verdickungen aufwies. „Ach, wenn ich ein Maler wäre“, seufzte er. Ein andermal bewunderte er den gleichmäßigen Wuchs eines Baumes und dann wieder das vermeintliche Alter eines weit ausladenden Ahorn. Miroslaw befürchtete schon, dass sie bei der Vorliebe des Onkels für Pflanzen keinen Schritt mehr vorankommen würden. “Junge, wir wollten ja auch noch woanders hin“, fiel es dem Priester nun selbst ein. Dankbar atmete er in tiefen Zügen die kräftige Waldluft ein und schritt dann wieder beherzt vorwärts.

Plötzlich standen sie vor der Grotte. Man musste sich bücken, um hinein zu gelangen, und einige Zeit ging es steil abwärts. Schließlich kamen sie in ein größeres Gewölbe. Beide betrachteten eine Weile stumm die kristallklaren Farben, die zum Teil in den Wänden grün, tiefblau und violett glitzerten. Der Onkel stand wie angewurzelt vor so viel Schönheit. „Das ist ja wie in einem Feenpalast“, flüsterte Miroslaw. Der Onkel antwortete nichts, aber da man in die Höhle nicht tiefer hineingehen konnte, und er zu frösteln begann, bedeutete er dem Neffen, dass sie wieder hinauf gehen wollten. „Wir sollten uns mal langsam auf den Weg zum Sonnenwirt machen,“ sagte er oben angekommen, „ seine Frau versteht es, vorzüglich zu kochen.“ Unterwegs meinte er, „ich weiß ja ,dass deine Bemerkung über die Feen scherzhaft gemeint war, aber die Leute auf den Dörfern sehen das noch ganz anders.“ Miroslaw dachte daran, was ihm Lisenka über die Alte Jana erzählt hatte, nämlich dass die Alte solche Naturgeister erblicken konnte, und so erwiderte er nichts. „Ich sag dir“, fuhr der Onkel fort,“ die Leute kommen vom Gottesdienst am Erntedankfest nach Hause und schütten Milch, Mehl und Salz vor ihre Haustür, damit die Feen sie vor Krankheiten bewahren. Bis das Christentum hier einmal vollständig Fuß gefasst hat, ist es noch ein weiter Weg.“ „Willst du mir meinen Berufswunsch ausreden, lieber Onkel“, fragte Miroslaw halb im Scherz. „Im Gegenteil mein Junge, so lange wir der göttlichen Botschaft auch nur einen Zentimeter den Weg ebnen können, sind wir an der richtigen Stelle“ , sagte der Onkel mit Nachdruck. „ Solche alten Bräuche verlieren sich nun einmal nicht so schnell. Durch so etwas darfst du dich nicht entmutigen lassen. Aber wenn ich mich nicht täusche, schimmert dort ein Dachfirst durch die Bäume.“

Der Sonnenwirt begrüßte den Priester erfreut, und Viktor Orzelski stellte ihm seinen Neffen vor. Als Miroslaw einmal kurz hinaus ging, meinte der Wirt,“ ein schmucker Bursche Ihr Herr Neffe, das schwarzgelockte Haar, dazu die blauen Augen und die hochgewachsene Gestalt, wahrscheinlich ist er ein wahrer Mädchenschwarm.“ „Mein Neffe besucht das Priesterseminar“, antwortete der Onkel. „Oho“, sagte der Wirt leicht verlegen, “ja, wenn das so ist...“ Und dann nahm er die Bestellung entgegen. Die beiden aßen mit großem Genuss jeder eine Bachforelle und tranken dazu einen leichten Landwein. Beim Dessert, Obst aus dem Rumtopf mit Rahm, redete der Priester sich sein Anliegen von der Seele. „Junge, ich wollte dir ja noch erzählen, was ich mir für die Lisenka ausgedacht habe“, begann er. Miroslaw horchte auf. „Weil sie so isoliert ist, meinst du?“ fragte er. „Ja, darum geht es“, bestätigte der Priester. „Im vergangenen Jahr auf dem Erntdankfest konnte sie natürlich nicht zum Tanzen da bleiben. Das Trauerjahr für ihre verstorbene Mutter war ja noch nicht verstrichen. Ich fürchte nun, dass sie auch in diesem Jahr nicht bleiben will. Seit die gleichaltrigen Mädchen sich ihr gegenüber völlig schweigsam verhalten, hat sie sich ganz und gar zurückgezogen. Dass sie nicht so mir nichts dir nichts einfach nach Hause geht, darauf werde ich schon ein Auge haben. Ich werde sie an meinen Tisch bitten und sie in ein Gespräch verwickeln. Aber das allein würde noch nichts nützen. Erst wenn sie zwischen den anderen tanzt und lacht, werden sie alle wieder für ein ganz normales Mädchen halten, und der Nimbus des Unheimlichen, der sie in den Augen mancher umgibt, wäre dann endlich durchbrochen, und ich müsste keine Schuldgefühle mehr haben und könnte mich endlich wieder ganz wohl fühlen. Wenn sie von niemandem zum Tanz aufgefordert werden sollte, würdest du, Miroslaw, dann einspringen? Du müsstest sie ordentlich herumschwenken und am besten wäre es, wenn du sie zum Lachen brächtest. Würdest du das für mich tun, Mirko“, fragte der Onkel und benutzte dabei die für den Namen Miroslaw übliche Koseform. „Das scheint mir nun eher eine Kleinigkeit zu sein“, antwortete der junge Mann. Der Onkel lächelte dankbar und ließ genüsslich eine Rum durchtränkte Kirsche in seinen Mund gleiten.

Die Wanderung mit dem Onkel hatte Miroslaw gut getan. Heute wollte er allein einen Spaziergang auf den Hügeln jenseits des Dorfes machen. Als er die Anhöhe fast erreicht hatte, hörte er eine Stimme aus Leibeskräften rufen,“ Rindvieh, wo bist du?“ Er nahm die letzte Steigung und konnte nun den Hügel hinunter blicken. Das war ja Lisenka, die ihre Augen mit der Hand abschirmte und sich nach allen Seiten umsah. „Aber mich hast du nicht gemeint?“ rief er ihr zu. Erschrocken legte sie die Hand vor den Mund und wollte sich dann ausschütten vor Lachen .Er eilte das Stück zu ihr hinunter. Als er bei ihr angelangt war, hatte sich ihr Gesichtsausdruck schon völlig verändert, und Zorn sprühte jetzt aus ihren Augen. „Wir haben dreißig Milchkühe, und eine davon ist verschwunden“, polterte sie los,“ wie kann denn so etwas passieren? Kühe sind Herdentiere. Sie laufen nicht alleine irgendwo hin. Es müssten mindestens zwei fehlen oder drei. Wenn eine Kuh fehlt, dann ist sie entweder in einen Brunnen gefallen, oder sie hat sich in einem Zaun festgehakt oder jemand hat sie gestohlen. Aber ich muß hier die Zeit verplempern. Ich weiß doch ganz genau, dass sie nicht hier sein kann.“ „Mit Kühen kenne ich mich leider nicht aus“, sagte Miroslaw bedauernd. Lisenka holte tief Luft und versuchte, sich zu beruhigen. „wahrscheinlich ist sie längst schon wieder bei den anderen“, sagte sie, „und ich bekomme noch geschimpft, weil ich so lange ausgeblieben bin. Aber jetzt ist es schon einerlei. Nun, da ich sie getroffen habe, möchte ich Sie gerne etwas fragen.“ Und auf ihre manchmal ganz unvermittelte Art fügte sie hinzu,“ gibt es wirklich eine Hölle?“ Jetzt war es an Miroslaw, tief Luft zu holen. „Ja, weißt du“, sagte er, „manchmal, wenn Menschen verzweifelt sind, befinden sie sich ja schon in einem Zustand der Hölle.“ „Nein, das meine ich nicht“ erwiderte sie heftig,“ ich meine, wenn man gestorben ist, kann man dann in die Hölle kommen?“ Flehend blickte sie ihn an. Ganz offensichtlich erhoffte sie sich, dass er jetzt „nein“ sagte, und dann wäre das Gespräch zu Ende gewesen. Ach, wenn es doch so einfach wäre! „Kurz nachdem man gestorben ist kommt, glaube ich, eine Zeit“, begann er und tastete nach den richtigen Worten, „da wird einem gezeigt, was man alles getan hat in Augenblicken, wo es einem nicht mehr so klar war, dass Gott ja eigentlich gesagt hat, wie wir uns verhalten können. Also, es wird einem gezeigt, was man getan hat, was nicht im Einverständnis mit dem ist, was Gott sich von uns wünscht . Uns es wird uns dann auch gezeigt, was das für den Menschen bedeutet hat, dem wir ein Leid zugefügt haben. Für uns war es vielleicht eine Kleinigkeit, aber der andere hat vielleicht sehr gelitten ohne dass wir das erfahren haben. Und jetzt erfahren wir es, und ich denke, man fühlt sich dabei dann nicht wohl, und das ist vielleicht die Hölle.“ Er sah sie besorgt an, ob sie ihn verstanden hätte. Sie hatte sich auf ihren Stecken gestützt, mit dem sie eigentlich die Kuh heim treiben wollte, und war tief in Gedanken versunken .“Wenn ich zum Beispiel der Großmagd ein Loch in die Schürze geschnitten hätte aus Wut über sie“, fragte sie schließlich, „dann hätte ich gedacht, das ist nicht so schlimm. Aber wenn das eine Schürze ist, welche die Großmagd zum Andenken geschenkt bekommen hat, und sie weint heimlich in ihrer Kammer, meinst du es so?“ „Ja“, sagte Miroslaw, “so meine ich es. Und es wird einige Zeit dauern, bis man solche Dinge über sein ganzes Leben erfahren hat. Danach aber, glaube ich, kommt man in einen Zustand, wo einem die Dinge gezeigt werden, mit denen man anderen Gutes getan hat. Und dann befindet man sich im Himmel. Es muss doch beides geben, denke ich.“ „Dann glaubst du also“, unterbrach sie ihn hastig, “dass keiner ewig in der Hölle schmort ?“ „Es heißt doch von Ewigkeit zu Ewigkeit“, antwortete er. Die eine Ewigkeit ist die, in der man die schlimmen Dinge gezeigt bekommt, und die andere Ewigkeit ist die, in der man die guten Dinge gezeigt bekommt. Nur so kann ich das verstehen. Aber warum fragst du mich danach?“ „Wegen dem Janko“, sagte sie. „Mein Onkel hat mir erzählt, was dir widerfahren ist“, sagte Miroslaw, „ich wünschte, du wärest an jenem Tage nicht dort vorbeigekommen.“ „Und ich wünschte, dass ich ihn gerettet hätte“, rief Lisenka und ergoss sich in einem Wortschwall von großer Heftigkeit. „Als er da am Boden lag, und sich nicht mehr rührte, und ich auch keinen Atem mehr von ihm spürte, da wollte ich ihn zudecken. Ich weiß nicht warum, ich dachte , man muss das machen. Ich suchte Zweige so viel ich konnte und brach auch welche ab. Irgendwann war er ganz zugedeckt. Da setzte ich mich daneben und dachte, jetzt ist alles gut. Unter diesen Zweigen liegt niemand. Nichts ist passiert. Ich weiß nicht, wie lange das gedauert hat. Aber dann dachte ich wieder, vielleicht lebt er ja doch noch, vielleicht erstickt er jetzt, weil ich die Zweige auf sein Gesicht gelegt habe. Ich zog vorsichtig das Geäst von seinem Kopf weg. Da sah ich zum ersten Mal sein Gesicht genauer, und ich fing an zu schreien und zu schreien, aber niemand hat mich gehört.“ Sie schlug die Hände vors Gesicht und weinte bitterlich. „Lisenka“, sagte er und legte eine Hand auf ihren Arm, “die Sache ist schon so lange her. Der Janko hat sicher schon seinen Frieden gefunden.“ Sie umschlang seinen Hals mit beiden Armen und legte ihren Kopf auf seine Schulter ,“das sagst du“, schluchzte sie, „aber ich muß immer wieder daran denken. Oh, Mirko“, und ihr Weinen ging in ein schmerzliches Seufzen über. Miroslaw erschauerte, als sie ihn beim Kosenamen nannte, und er fühlte wie sie sich mit ihren Brüsten gegen ihn presste. Er wiegte sie sanft in seinen Armen hin und her. Plötzlich löste sie sich von ihm. „Jetzt habe ich Sie mit du angeredet!“ sagte sie erschrocken. „Das ist doch nicht schlimm“, meinte Miroslaw, „ich rede dich ja auch immer mit du an.“ „Das ist ganz etwas anderes“, sagte sie, „Sie müssen das so machen, aber für mich schickt sich das nicht.“ „Wenn du meine Schwester wärst, würdest du mich auch mit du anreden“, versuchte er, sie zu beruhigen. „Ich bin aber nicht Ihre Schwester“, sagte sie bestimmt und fing an, in ihren Schürzentaschen zu kramen. Offensichtlich fand sie nicht das Gesuchte. Miroslaw zog sein Taschentuch heraus und gab es ihr. Sie trocknete sich das Gesicht und steckte dann das Tuch ein. „Dass sie so werden wollen wie Pater Tadeusz, müssen Sie deswegen Priester werden, oder geht das auch.... irgendwie... vielleicht ... anders?“ fragte sie stockend und blickte ihn dann ängstlich an. Er hatte das Gefühl, als ob sein Leben eine Pause machen würde, als schöbe man ihn in eine Leere hinein. Er starrte sie blicklos an. Nach einer Weile bemerkte er ihren ängstlichen Gesichtsausdruck. „Ich habe darüber nie nachgedacht“, sagte er. Sie schaute ihn weiterhin erwartungsvoll an. „Deine Leute warten doch sicher auf dich“, sagte er, „du solltest vielleicht zu ihnen zurückkehren.“ Dann hob er in einer hilflosen Geste seine Arme, „ich kann dir jetzt nichts anderes sagen.“ Sie wandte sich augenblicklich um. „Warte!“ rief er. Sie drehte sich wieder zu ihm. Er küsste sie dreimal auf die Wangen, wie es unter Verwandten und mit Freunden üblich war. Dann lief sie davon. Miroslaw ließ sich ins Gras fallen. Was war ihm denn widerfahren? Was ging in ihm vor? Könnte er aus dieser Betäubung wieder erwachen? Als wäre er ein aufgezogener Automat, so setzte er seinen Weg fort. Lisenkas Frage trug er in seinem Innersten wie einen Widerhaken.

Am Abend versuchte Miroslaw, sich auf den gut gelaunten Onkel einzustellen. Sie unterhielten sich über die Vorbereitungen zum Erntedankfest. Behutsam klopfte es an der Tür. Auf ein Wort des Priesters öffnete sich diese, und Frau Olga tat einen Schritt ins Zimmer. „Das Essen wäre zubereitet“, sagte sie, hob dann den Kopf und lächelte den Onkel , wie es Miroslaw jetzt erschien, auf eine sehr vertraute Art an. Zum ersten Mal bemerkte er, was für eine lebenssprühende Person die Haushälterin war. Sie hatte eine glatte schimmernde Haut, obgleich sie nicht mehr allzu jung war. Ihre Figur war üppig aber gut gebaut, und ein beständiger Frohsinn leuchtete aus ihren Augen. Eine tiefe Zufriedenheit ging von ihr aus. Miroslaw warf einen raschen Blick auf den Onkel. Hatte er das Lächeln genauso erwidert? Er konnte sich darüber nicht klar werden.

„Ich glaube“, sagte der Priester, nachdem sie die Servietten beiseite gelegt hatten, „heute gelingt es mir, dich matt zu setzen“, und spielte auf die gestern neu begonnene Schachpartie an. Sie setzten sich vor das Brett. Miroslaw war am Zug. Er nahm den Springer. Wenn er den nach 4e versetzte, würde es der Onkel jedenfalls nicht so leicht haben. Doch dann ließ er die Spielfigur in seiner geschlossenen Faust verschwinden. „Natürlich habe ich alles gehört, was man über das Zölibat sagen kann, aber ich wüsste gerne, wie du darüber denkst, lieber Onkel“, brachte er etwas mühsam heraus. Der Priester sah seinen Neffen aufmerksam an. Dann sagte er, „ zuerst bin ich mal dafür, dass du den Springer zurück an seinen Platz beförderst, bevor du mich mit einer derart heiklen Frage überfällst, und mich dann auch noch mit dem Spiel völlig in der Luft hängen lässt.“ „Entschuldige bitte“, sagte Miroslaw und stellte die Figur auf das Brett. „Vielleicht sollten wir uns noch ein Glas Wein genehmigen, das gibt dem Blut einen geregelten Gang und beruhigt die Nerven,“ meinte der Onkel. Fragend blickte er den jungen Mann an. Miroslaw nickte. Der Onkel holte den gut temperierten Wein aus dem Keller, stellte die Gläser auf den Tisch und schenkte ein. Mit feinem Klirren stießen sie an. „Auf das Leben und die Frauen“, sagte er, und den überraschten Blick seines Neffen übersehend, fügte er hinzu,“ zum Glück gibt es auch die Frauen auf der Erde, sie sind das Lieblichste, was vorstellbar ist, vergleichbar den Blumen, den Schmetterlingen und dem Gesang der Vögel.“ Und er nahm einen Schluck des feurigen Getränkes und ließ es genießerisch alle Stellen seiner Zunge befeuchten, bevor er es herunterschluckte. „Sich von Frauen fern zu halten, ein ganzes Leben lang, ist nicht jedermanns Sache, auch das hast du schon gehört“, hub er schließlich an, „eigentlich weiß ich nicht, was du genau von mir willst. Aber ich will trotzdem versuchen, dir auseinender zu setzen, in welchen Punkten ich das Zölibat für einleuchtend halte. Sieh einmal, die Sexualkraft ist die Kraft aller Kräfte. Nichts, was auf Erden vorstellbar ist , besitzt mehr Macht als sie. Ein Mensch, der seine Sexualkraft wirklich beherrscht, kann die Welt aus den Angeln heben. Allein daran, dass wir uns mit Hilfe der Sexualkraft vervielfältigen können, siehst du schon, wie machtvoll sie ist. Aber die meisten Menschen sind ihr ausgeliefert. Sobald sie sich meldet, geben sie ihren Forderungen nach und verbrennen sie im Geschlechtsakt. Hier hat sie dann weiter keine Auswirkungen mehr, sondern der Teil von ihr, der verbrannt ist, ist aufgebraucht und verschwunden. Auf diese Weise reduziert der Mensch im Laufe seines Lebens diese Kraft immer mehr, die zugleich auch seine Lebenskraft ist. Hat er sie aufgebraucht, vegetiert er nur noch dahin und führt kein kraftvolles lebendiges Leben mehr. Alle bedeutenden Menschen, Künstler Erfinder u.s.w. haben es verstanden, ihre Sexualkraft zu beherrschen und sie sich für ihre Werke nutzbar zu machen. Kannst du mir folgen?“ fragte er den Neffen. „Aber, ja“, antwortete Miroslaw, der gespannt zuhörte. „Auf diesen Erkenntnissen fußend, denke ich“, fuhr der Priester fort, “sagte Paulus ‚heiraten ist gut, nicht heiraten ist besser.’ Auch ein Priester hat ein großes Lebenswerk zu vollbringen. Viele Menschen liebevoll und aufmerksam zu betreuen, ist keine Kleinigkeit, und er muss immer darauf achten, dass er von den dunklen Geschehnissen um ihn herum nicht selbst hinab gezogen wird. Er wird seine Sexualkraft einsetzen müssen, um sich immer wieder mit dem Höchsten zu verbinden. So weit sieht die Sache rein theoretisch sehr gut aus, nicht wahr?“ Und er zwinkerte seinem Neffen zu und nahm erneut einen Schluck aus seinem Glas.“ In der Praxis sieht es aber oft so aus, dass die Priester es noch gar nicht schaffen, ihre Sexualkraft zu beherrschen. Sie werden es natürlich ihr Leben lang anstreben und sich darum bemühen, aber da dies eine so schwierige Sache ist, gelingt es nicht jedem. Dann wird das Amt schnell zu einer übergroßen Bürde, und es ist ein Segen, daß man eine solche Entscheidung, nämlich Priester zu werden, auch wieder rückgängig machen kann. Denn woher soll man schon in jungen Jahren wissen, wessen man fähig ist. Natürlich hat es immer begnadete Menschen gegeben, die ohne Anfechtung ihren Weg gegangen sind, aber das ist die Ausnahme. Dass ich selbst immer noch im Amt bin........, nun ja, irgendwann habe ich dieses Himmelsgeschenk erhalten, aber ich habe eine ziemlich qualvolle Wegstrecke bis dahin zurücklegen müssen.“ „Dann hast du aber eine längere Zeit Zweifel gehabt, ob die Sache mit dem Zölibat für dich das richtige ist“, fragte Miroslaw. „Ja, mein Junge“, antwortete der Onkel, „aber ich wusste immer, dass ich Priester werden wollte. Ich hätte natürlich auch Botanik studieren können, aber ich wusste immer, das ist nicht das Eigentliche. Und so habe ich mir gesagt, gehe es wie es will, ich will nun einmal Priester werden, daran ist eben nichts zu ändern.“ Sie schwiegen eine Weile. Die Standuhr tickte und zeigte mit melodischem Klang die Viertel Stunde an. Wenn ich dem Jungen nur helfen könnte, dachte der Priester, denn er sah wohl, dass sich Miroslaw mit etwas herumplagte. „Onkel“, fragte der junge Mann, „du sagst, dieses Himmelsgeschenk bekommt nicht jeder. Wie soll ich wissen, wie es für mich damit bestellt sein wird?“ „Das ist eine Frage, die sich bestimmt jeder stellen wird, der den Priesterberuf ins Auge gefasst hat“, antwortete Viktor Orzelski . „Darauf lässt sich zweierlei antworten. Erstens, manchmal stellt man sich eine Frage, aber man hat Angst vor der Antwort. Es wird sich immer erst eine deutliche Antwort einstellen, wenn man wirklich Klarheit haben will und alles in kauf zu nehmen bereit ist, was damit zusammenhängt. Zweitens, beantwortet der Himmel solche Fragen, wenn man sie ernsthaft stellt, man träumt zum Beispiel etwas, hat ein völlig überraschendes Erlebnis u.s.w.“ Am liebsten hätte der Onkel den Neffen jetzt gefragt, was ihn denn so sehr quäle, aber Miroslaw saß mit zusammengepressten Lippen vor ihm, den Blick auf einen entfernten Punkt gerichtet und schien für eine Mitteilung nicht bereit zu sein. Im stillen schickte der Priester ein Gebet zu Miroslaw’ Schutzengel und ermahnte sich selbst, dem Jungen doch zuzutrauen, dass er seine Probleme eigenständig zu lösen, die Kraft hätte.

Das Erntedankfest brach an mit einem strahlenden Sonnenaufgang. Miroslaw befand sich unter den Ministranten. In der Sakristei konnte man am Getrappel der Füße hören, wie sich die Kirche langsam füllte. Schon am Vortag war der Altar geschmückt worden. Frau Olga und der Kantor hatten die Gaben der Gemeindemitglieder entgegen genommen und sorgfältig um den Altar herum drapiert. Da leuchteten Äpfel, Birnen und Pflaumen aus Körben. Sträuße mit Kornähren gaben ihr Gold dazu. Aber auch Kürbis, Gurken, Tomaten, Bündel mit Zwiebeln und Mohrrüben hatten ihren Platz gefunden. Duftende Brote und immer wieder leuchtende Herbstblumen vollendeten diese Farbensymphonie. Maria mit dem Kinde lächelte mild auf all diese Gaben herab. Auf jedem Gehöft waren höchstens zwei Personen zurück geblieben, um die letzten Handgriffe für das Festessen zu tun. Alle übrigen Dorfbewohner waren in der Kirche versammelt. Die Stimmung war heute weniger andächtig, es schien sich eher ein unterdrückter Übermut in dem ehrwürdigen Gemäuer auszubreiten. Als sich die Leute von den Bänken erhoben, war es schon eher ein Aufspringen als ein Aufstehen, und gleich mit dem ersten Lied, das die Gemeinde gemeinsam sang, begann sich Fröhlichkeit zu entfalten. Miroslaw, der zusammen mit den anderen Messdienern um den Altar platziert war, hob seinen Blick zum Chor und sah dort oben Lisenka in der ersten Reihe stehen. Mit ernsthafter Miene blickte sie auf ihr Notenblatt, aber ab und zu wanderten auch ihre Augen zu Miroslaw. Sie befanden sich zu weit voneinander entfernt, als dass sie sich wirklich hätten ansehen können. Es war nur ein gegenseitiges sich Versichern: Du bist da, ja, du bist da. Mit der heutigen Predigt bewegte sich Viktor Orzelski in seinem ureigensten Element. Er sprach davon, wie Dankbarkeit und Freude zwei Schlüssel seien, um dem Göttlichen nahe zu kommen. Als die Gemeinde dann das „Halleluja“ anstimmte, brauste ein wahrer Freudensturm durch die Dorfkirche und schien durch die bunt verglasten Fenster nach draußen dringen zu wollen. Nur während der Kommunion stellte sich eine gewisse Feierlichkeit ein. Als der Schlusssegen über die Gemeinde gesprochen war, drängte man beglückt ins Freie und versicherte sich gegenseitig, welch zusätzliches Geschenk diese strahlende Herbstsonne sei. Man verabschiedete sich in der Gewissheit, in wenigen Stunden wieder zusammenzutreffen.

Einige Stunden lag der Kirchplatz verlassen da. Die jungen Burschen des Dorfes hatten schon am Vortag ein Podium aufgebaut und in einem weiten Karree Tische und Bänke gruppiert. An der Westseite unter einer Baumgruppe gab es eine lange Tafel, die bald mit Gläsern , Kuchen und Küchlein bedeckt sein würde. Ein riesiges Fass Bier wartete auf den Anstich. Allmählich füllte sich der Platz. Die Bauern erschienen im Sonntagsstaat, der jahraus jahrein derselbe blieb, die Frauen tauschten nur ab und zu ein Halstuch aus, und die Männer erneuerten das obligatorische weiße Hemd. Die Burschen trugen bunt bestickte Westen, und die Mädchen hatten sich Bänder in die Haare geflochten. Aus manch einer Rocktasche lugte ein Flaschenhals hervor, denn die Bauern brachten gerne ihren selbstgebrannten Obstschnaps mit.

Die Bauern saßen zumeist mit ihrem Gesinde beisammen, so dass man, wenn man sich in der Runde umsah, quasi von einem Gehöft zum anderen blicken konnte hinsichtlich ihrer Bewohner. Der Priester aber hatte Bolko Lukasz und seine Tochter Lisenka an seinen Tisch gebeten. So saßen Miroslaw und der Onkel nebeneinander und gegenüber der Bauer mit seiner Tochter. Auf dem Podium hatten die Musikanten Platz genommen. Bei besonderen Anlässen war es üblich, sich Musiker aus benachbarten Dörfern auszuborgen, aber am Erntedankfest, legte jeder seinen Stolz darein, in der eigenen Gemeinde zu spielen, und so musste jedes Dorf mit den Musikern vorlieb nehmen, die es selbst hervorgebracht hatte. Der Kantor, Marek Jablonski, konnte zufrieden sein. Im Winter unterrichtete er , wen immer er finden konnte, auf verschiedenen Instrumenten , und so hatte er im Laufe vieler Jahre eine hörenswerte Dorfkapelle herangebildet, die sowohl Kirchenmusik spielte, als auch zum Tanz fleißig flötete und fiedelte. Vor einiger Zeit hatte er ein „Ave Maria“ komponiert, das heute zum ersten Mal zur Aufführung kommen sollte. Lisenka hatte den Solopart übernommen. Da stand sie nun auf dem Podium gut sichtbar neben den Musikern und vor dem Chor in ihrer weißen Bluse mit dem schwarzen Mieder. Sie trug ein Halstuch und einen Rock in zartem Pastell-lila mit eingewebten rosa Rosen. Die Fransen des Halstuches spielten um ihren Brustansatz. Sie hielt den Kopf gesenkt. Als sie ihren Einsatz hörte, schaute sie auf und verankerte ihren Blick im Geäst der gegenüber stehenden Bäume, als sähe sie dort etwas Bestimmtes. Die Töne schienen aus ihrem Innersten hervorzubrechen und hatten auch in der Höhe einen warmen Klang, wie er bei einem Sopran sehr selten ist. Lisenka schien mit der Melodie empor zu schweben, um in den höchsten Höhen der Jungfrau Maria ihren Gruß dar zu bringen. Als sie geendet hatte, blickte sie verwirrt in die dörfliche Gemeinschaft hinab und zupfte verstohlen an den Fransen ihres Halstuches. Wieder am Tisch des Priesters angekommen, nahm sie verlegen lächelnd die Komplimente entgegen, die man ihr zu ihrem Gesang machte.

Dies war mit Sicherheit der Schlusspunkt unter den festlichen Teil des Tages. Die Musikanten stimmten ihre Instrumente neu, und begannen mit temperamentvollen Tanzweisen, auf die alle nur gewartet hatten. Im nu füllte sich der Platz mit sich drehenden Paaren. Viktor Orzelski blinzelte seinem Neffen zu , und Miroslaw stand auf, ging um den Tisch herum, postierte sich vor Lisenka und bat sie zum Tanz. Bereitwillig erhob sie sich. Er begann gleich mit heftigem Schwung, fasste sie bei einer Drehung um die Hüften , hob sie empor und wirbelte sie herum. Überrascht schrie sie auf, und als er sie wieder auf den Boden ließ, lachte sie. Ja, sie lachte. Ihre Zähne blitzten und ihre Augen begannen zu funkeln. “Tamm-tamm-tamm, tamm-tamm-tamm“, begann er mit der Musik mitzusingen, und sie rief ihm zu, “Sie sind ja auch ein Sänger.“ „Aber selten bei Tanzmusik“, rief er zurück und wirbelte mit ihr durch die Reihen der übrigen Paare. Immer schneller ging es, und er genoss dieses Tempo, diesen Schwung und dieses wundervolle Mädchen, das hüpfte und schwebte und sich drehte, als sei ihr ganzes Leben Musik. Die Musiker machten eine Pause, und die Paare kehrten auf ihre Plätze zurück. Dort angekommen, bemerkte Lisenka, dass sich eine ihrer Flechten, die sie heute aufgesteckt trug, vom Kopf zu lösen begann. Sie entfernte sich für einen Augenblick und kehrte mit strahlendem Lächeln kurz darauf zurück. Wieder setzte die Musik ein. Im Handumdrehen stand Feliks Kondrat vor ihr und forderte sie zum Tanz auf. Sie blickte hilflos zu Miroslaw hinüber, dann stand sie auf und ließ sich auf die Tanzfläche geleiten. Viktor Orzelski prostete seinem Neffen zu. „Mein Junge, mein Plan hat funktioniert, ich danke dir“, rief er Miroslaw zu. „Ach, ja, richtig, der Plan“, Miroslaw erinnerte sich. Der Onkel hoffte, wenn jemand mit Lisenka getanzt hatte, würden auch alle anderen wieder mit ihr sprechen, und der dunkle Nimbus, der ihre Person umschwebte, wäre damit gebannt. Ja, das hatte wohl funktioniert. Er versuchte durch die anderen Paare hindurch einen Blick von Lisenka zu erhaschen. Jetzt sah er sie . Sie schaute zu Feliks empor und lachte. Er stand auf.

Ihm schwindelte. Zuerst ging er nur bis zum Kuchenbüffet, dann schritt er weiter und weiter, ging die Dorfstraße entlang bis zum Dorfeingang, ging weiter und durchmaß die abgeernteten Felder. Keine Menschenseele war hier zu treffen weit und breit. Wer jetzt nicht behindert war oder krank oder sterbend, oder als Gefährte bei einem Behinderten oder Kranken oder Sterbenden, der war auf seinem Erntdankfest. Hier traf er nur die pieksigen Getreidestoppeln, und nachdem die Musik immer mehr verklungen war, eine tiefe Stille, die von jubilierenden Amsellauten unterbrochen wurde. War das dort hinten am violetten Himmelsrand schon der Abendstern? Er wusste seinen Weg, auf festgefügter Bahn zog er dahin. Und er, Miroslaw, was irrte er hier umher? Würde er den Weg erkennen, den zu gehen, ihm bestimmt war? Und wenn er ihn gefunden hätte, würde er die Kraft haben, ihn zu gehen? Und was wollte er eigentlich? Würde er jemals etwas anderes wollen können, als was er in diesem Augenblick wollte, und neben dem kein anderer Wunsch auch nur den mindesten Platz hatte? Er wollte dieses Mädchen, und kein anderer sollte sie haben, kein Feliks und kein Marek und kein Franek. Er öffnete den Mund und heulte auf wie ein Wolf.





„Aber vor einer Woche hat er doch noch getanzt wie ein junges Füllen!“ begehrte Frau Olga auf und versuchte, sich im Disput mit Hochwürden in dessen Studierzimmer zu behaupten. Viktor Orzelsky hörte sehr wohl die unterdrückte Gereiztheit in seiner Stimme, als er ihr entgegnete, „ich weiß auch, dass er vor einer Woche noch getanzt hat.“ „Ich meine, was ich sagen möchte ist......“ die Haushälterin setzte erneut an, aber weiter kam sie nicht. „Was es da zu sagen gibt, ist bereits gesagt“, donnerte Hochwürden, als müsste er den weiten Kirchenraum mit seiner Stimme füllen. „Auch mir wäre es lieber, die Alte Jana würde sich meinen Neffen ansehen“, fuhr er etwas leiser fort, „aber Sie wissen doch auch, dass sie vor dem Abend nicht wird aufzutreiben sein. Wenn sie dann hier gewesen ist, dauert es möglicherweise noch 2 Tage, bis sie eine Medizin hergestellt hat. Meine Schwester wird damit nicht einverstanden sein. Sie schwört auf ihren Arzt in der Stadt. Sie wird es mir nie verzeihen, wenn ich ihren Sohn nicht noch heute zurück bringe.“ Frau Olga blickte ihren Dienstherren erwartungsvoll an, ob da nicht doch noch ein Argument käme, das sie entkräften könnte, aber der Priester sagte nichts mehr. Als sie sich schon umwandte, fragte er sie:“ Wollten Sie nicht schon seit längerem zu Ihren Verwandten in der Stadt?“ Sie nickte, verwundert, dass er daran überhaupt einen Gedanken haben konnte. „Dann packen Sie doch auch gleich Ihre Sachen zusammen. Herr Jablonski wird ja wohl ein, zwei Tage auch ohne Sie auskommen.“ Sie betreute auch den Kantor, der in dem weiträumigen Pfarrhaus eine eigene Wohnung inne hatte genau wie sie selbst auch. „Ich schaue dann mal, wer mir einen Wagen ausleiht“, sagte er und verließ das Haus. Frau Olga blieb kurz im Treppenhaus stehen und lauschte, ob sie ein Geräusch von oben aus dem Zimmer des jungen Herrn hörte, aber es blieb still.

Miroslaw versuchte zu erkennen, was für ein Vogel sich dort im Baum tummelte. Wenigstens stand sein Bett so, dass er aus dem Fenster schauen konnte. Er wandte den Kopf zum Nachttisch. Sollte er wieder einen Schluck trinken? Ach, er wollte noch warten. Inzwischen waren die Halsschmerzen so intensiv geworden, dass er nur noch Brei und Flüssigkeit zu sich nahm. Gleich am Morgen nach dem Erntedankfest hatte das Ziehen im Hals begonnen. Als er es nicht mehr verbergen konnte, hatte die Haushälterin ihm Zwiebelumschläge gemacht, um die vermeintliche Entzündung heraus zu ziehen, aber es hatte nicht geholfen. Er war immer kraftloser geworden, und heute war er noch gar nicht aufgestanden. Als der Onkel ihn fragte, ob er nach Hause wolle, musste er sich eingestehen, dass ihm das ganz einerlei war. Wie wichtig konnte es schon sein, wo er sich im Augenblick aufhielt. Er konnte ohnehin nichts Anderes tun als nachzudenken. Leider hatte das zu keinem greifbaren Erfolg geführt. Er kam vorläufig immer wieder zu demselben Schluss: Er wollte Priester werden, und er wollte seinen Lebensweg gemeinsam mit Lisenka gehen. Das blieben zwei unvereinbare Dinge. Sollte er vielleicht das Mädchen bitten, auf ihn zu warten, um dann seine Haushälterin zu werden? Er lachte leise auf, und verzog das Gesicht vor Schmerz. Ja, so seltsame Blüten hatte seine Phantasie auch schon getrieben. Am wahrscheinlichsten war es ja wohl, dass sie sich wünschte, er sollte Bauer werden, schließlich erbte sie einmal den Hof, aber das konnte er nicht. Irgendwann war ihm zu dem Thema nichts Neues mehr eingefallen, und er hatte gehofft, er könnte es nun beiseite schieben. Aber es ließ sich nicht wegtun, zuverlässig war es die ganze Zeit in seinem Kopf. Er stöhnte. In 14 Tagen begann das Priesterseminar von neuem. Dann wollte er Pater Tadeusz um Rat fragen. Das war die einzige Hoffnung, an der er sich fest klammerte. Vorsichtig probierte er, ob ihm seine Stimme noch gehorchte:“ Lisenka“, flüsterte er, und dann versuchte er, einen Ton hineinzulegen, “Lisenka“, sagte er leise, aber es tat so sehr weh.

Auf den Eingangsstufen zum Haus der Alten Jana saß Lisenka. Sie wartete. Seit sie denken konnte, wohnte die Alte Jana in dem kleinen Holzhäuschen, und seit sie denken konnte, sah die Alte Jana so aus, wie sie aussah. Sie war nicht jung und nicht alt, das heißt, alt war sie schon, aber sie schien nicht älter zu werden. Sie ging gebeugt und hatte das weiße Haar in einen festen Zopf geflochten und hinten am Kopf festgesteckt. Ja, selbst ihre Kleidung schien immer dieselbe zu sein. Sie trug einen dunkelvioletten Rock und dazu ein mächtiges rot-orange-grün geblümtes Tuch, in das sie sich, je nach Witterung, hineinwickeln konnte. Wie im Dorf üblich, beförderte auch sie die Dinge, die es zu tragen galt, in einem Weidenkorb auf ihrem Rücken. Lisenka dachte daran, dass die Alte Jana ihrer Mutter nicht hatte helfen können. Die Alte tat, was sie konnte, aber danach lag es nicht mehr bei ihr, ob jemand genas oder nicht. Lisenka seufzte. Sie wollte trotzdem auch diesmal ihre ganze Hoffnung in das Können der Alten setzen.
Dort kam sie . Ihr fein gefälteltes helles Gesicht leuchtete. Lisenka sprang auf. „Gott helfe dir“, rief sie zum Gruß der Alten zu. „Gott helfe dir“, erwiderte Jana. „Hat dich jemand geschickt?“ fügte sie hinzu. Lisenka schüttelte den Kopf. „Dann hoffe ich, dass du nicht von mir verlangst, dass ich dir einen Liebestrank braue“, sagte die Alte. „Nein“, beteuerte Lisenka, „ich weiß doch, dass du so etwas nicht tust“. Die Alte lachte. „Es war doch nur ein Spaß“, sagte sie. Dann blickte sie Lisenka forschend an. „Ist etwas passiert?“ fragte sie. Lisenka nickte. Warum fiel es ihr nur so schwer zu sprechen, fragte sie sich. „Komm erst einmal herein“, gebot die Alte und schob die Türe auf . Drinnen stellte sie die Kiepe ab, ließ sich auf einen Stuhl fallen und bedeutete Lisenka, sich ebenfalls zu setzen. Die Alte muss müde sein, schoss es Lisenka durch den Kopf, aber ihr Kummer zwang sie dazu, ihr Anliegen dennoch augenblicklich vorzutragen. „Der Neffe des Herrn Pfarrer ist erkrankt, und der Herr Pfarrer hat ihn vor ein paar Stunden in die Stadt zurück gefahren.“ „Woher weißt du das?“ fragte Jana. „Die Großmagd hat es mir erzählt, und die hat es von unserem Knecht Mariusz, und der weiß es vom Schmied. Bei dem hat sich der Herr Pfarrer den Wagen und die Pferde ausgeliehen“, antwortete Lisenka. „Aha“, sagte die Alte, „es liegt dir viel an ihm, an dem jungen Neffen, meine ich?“ Lisenka errötete. Tränen traten in ihre Augen. Sie nickte und senkte den Kopf. „Hast du einen Gegenstand, der ihm gehört?“ , fragte die Alte. Lisenka nestelte Miroslaw’ Taschentuch aus ihrer Schürzentasche hervor, dass sie damals auf dem Hügel tief in Gedanken eben dorthin gesteckt hatte, und reichte es der Heilerin. Jana umschloß es mit ihrer rechten Hand, winkelte den Ellbogen etwas an, schloß die Augen und verharrte so. Lisenka bemühte sich, die Alte nicht anzuschauen, damit sie nicht abgelenkt würde. Ängstlich blickte sie starr aus dem kleinen Fensterchen nach draußen. Ohne dass es ihr bewusst wurde, rang sie die Hände. Welches Urteil würde jetzt gleich gefällt werden? Nach einer Weile öffnete Jana die Augen. „Jaaaa“, sagte sie gedehnt. Lisenka zuckte zusammen. „Was fehlt ihm denn?“ fragte sie. „Er hat eine Geschwulst auf dem Kehlkopf“, antwortete die Alte und gab Lisenka das Taschentuch zurück. „Aber wir haben Glück im Unglück“, fuhr sie fort . „Das Kraut, das eine Heilung bewirken kann , steht gerade in Blüte. Damit es seine Kraft voll entfalten kann, wäre morgen früh vor Sonnenaufgang der richtige Zeitpunkt, es zu pflücken. Ich muß es dann noch mit Sud aus anderen Kräutern vermischen und ab und zu schütteln und so weiter. Wenn du übermorgen Abend um diese Zeit wieder kommst, wird es fertig sein.“ „ Danke, Jana“, hauchte Lisenka. „Er ist noch so jung“, sagte die Alte, „er sollte wieder gesund werden.“

Am übernächsten Tag eilte Lisenka zur Alten Jana. „Gerade bin ich damit fertig geworden“, sagte die Alte und händigte Lisenka eine irdene Flasche aus. Ein Zettel war daran festgebunden und gab Auskunft, wie das Mittel einzunehmen sei. „Was bin ich dir dafür schuldig?“ fragte Lisenka. „Du weißt genau, dass euer Knecht erst im Frühjahr mein Dach repariert hat, also bin eher ich euch etwas schuldig“, antwortete die Alte. „Liebe Jana“, sagte Lisenka und umarmte die Alte. „Mein Kind“, sagte Jana, „möge es helfen! Wer wird es denn in die Stadt bringen?“ Lisenka blickte zu Boden und antwortete nicht. „Du wirst es doch nicht selbst tun?“ fragte die Alte erschrocken. „Es wird sich doch jemand finden, der diesen Weg machen kann!“ „Es ist doch niemand da“, sagte Lisenka erregt. Der Herr Pfarrer ist selbst in der Stadt. Er wäre der einzige, dem ich dieses Mittel anvertrauen würde. Alle anderen würden doch denken, es sei nicht so eilig, und würden vielleicht „ja“ sagen, aber es dann doch nicht tun, oder sich unendlich viel Zeit damit lassen.“ „Ich kann nicht weg“, antwortete die Alte, „auf mich wartet noch ein Kranker aus dem Nachbardorf , den kann ich doch nicht im Stich lassen. Aber du bist viel zu aufgeregt, das sehe ich doch.“ Sie dachte nach, wer jetzt, da die Kartoffeln ausgemacht wurden, einen Wagen und einen halben Arbeitstag opfern würde und zudem verantwortungsbewusst genug wäre, aber es fiel auch ihr niemand ein. „Herr Jablonski, natürlich, unser Kantor“ sagte sie dann. „Den habe ich vorhin getroffen“, erwiderte Lisenka, „als er von der Empore herunter gestiegen ist, rutschte er aus und hat sich den Knöchel verstaucht. Ohne Wagen kommt er niemals in die Stadt.“ „Und du?“ fragte die Alte, „willst du etwa zu Fuß gehen?“ „Da ist doch gar nichts dabei“, erwiderte Lisenka ungeduldig, „ich muß es tun, versteh doch, ich muß es unbedingt tun!“ Die Alte Jana sah dem jungen Mädchen lange Zeit schweigend ins Gesicht. Ganz ruhig sagte sie dann: „Lisenka, tu es nicht . Bemühe dich, jemand anderen zu finden. Mein Kind, mein liebes Kind, sagte sie inbrünstig und schloß Lisenka in die Arme, „Gott helfe dir!“ „Gott helfe dir“, erwiderte Lisenka und versuchte, die Tränen zurück zu halten. Dann eilte sie davon. Die Alte Jana blickte ihr lange nach und ihre Lippen murmelten die alten Segenssprüche, die sie für alle Reisenden auszusprechen pflegte.


Auf dem Hof der Familie Lukasz hatten sich alle wie gewohnt zur Ruhe begeben. Es ging auf Mitternacht zu. Lisenka rechnete sich aus, dass sie morgens um sechs bei Miroslaw sein wollte. Seit zwei Tagen war abnehmender Mond. Er würde also noch recht hell scheinen, wenn er in einer Stunde aufging. Den Weg durch die Felder bis zum Wald, der dem Fluß vorgelagert war , fände sie demnach gut, denn der Himmel war wolkenlos. Beim Wald angekommen, würde die Morgendämmerung hereinbrechen, und dann gab es gar keine Schwierigkeiten mehr. Der Vater würde ein wenig beunruhigt sein, aber wenn sie ihm ihr Vorhaben mitgeteilt hätte, würde er sie daran gehindert haben. Sie war ja bald wieder zurück, und dann war alles gut. Sie ging in die Kammer ihrer Mutter und kramte das Schreibzeug hervor. „Lieber Vater, ich bin bald zurück“, schrieb sie auf einen Zettel. Sie ging in ihre Kammer zurück und legte den Zettel auf ihr Kopfkissen. Dann suchte sie sich die kleinste Weidenkiepe und legte die Flasche mit dem Heilmittel hinein. Sie zog ihren roten Rock mit der weißen Bluse an, nahm noch eine weiße mit bunten Blüten bestickte Strickjacke dazu.
Sie kniete sich hin vor das Bild der Heiligen Jadwiga. Aber sie fand keine Worte. Am liebsten hätte sie darum gebeten, dass sie Flügel bekommen hätte. Daß sie den weiten Weg bis zum Wald und durch den Wald hindurch und über den Fluß hinweg hätte fliegen können. Aber das war nun wirklich zu albern. „Heilige Jadwiga, bitte heile ihn, heile Miroslaw Ostrowski“, flehte sie. Dann schulterte sie die Kiepe, schlich sich vom Hof und machte sich auf den Weg.

Als sie die Dorfstraße entlang ging, schlug hier und da ein Hund an. Hier kannte man sie. Wenn sie durch die anderen Dörfer kam, würden die Hunde wahrscheinlich mehr Lärm machen. Sie konnte nur hoffen, dass sich niemand dazu entschließen würde, seinen wohl verdienten Schlaf zu unterbrechen, um nachzusehen, was denn da los war. Wenn sie sich auch noch verstecken müsste, würde sie das viel zu viel Zeit kosten. Aber die Wegstrecke zwischen den einzelnen Dörfern war jeweils sehr lang, und so schritt sie tapfer aus. Eine Geschwulst auf dem Kehlkopf.... Zum ersten Mal, seit sie diese Bezeichnung gehört hatte, konnte sie sich jetzt Gedanken darüber machen. Sicher hatte er furchtbare Halsschmerzen. Aber Luft würde er doch bekommen. Mit dem Atmen hatte das doch sicher nichts zu tun. Atmen tat man durch die Nase. Und dann? Wo ging die Luft dann hin? In die Lunge. Und wie kam sie dahin? Musste sie nicht auch durch den Hals? Lisenka blieb stehen. Alle Kraft verließ sie. Sie streckte die Arme aus, weil sie fürchtete hinzufallen. Und dann hörte sie sich schreien:“ nein, nein, nein“, schrie sie unzählige Male. Sie taumelte vorwärts. „Lieber Gott, lass ihn nicht ersticken, bitte, bitte, laß ihn nicht ersticken“, stammelte sie. Dann begann sie zu rennen. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie dringend es war, dass Miroslaw das Heilmittel so schnell wie möglich erhielt. Nach einer Weile musste sie mit Seitenstechen stehen bleiben. Nein, das hatte keinen Sinn. Wenn sie dieses Tempo beibehielt, würde sie überhaupt nicht ankommen. Sie musste sich ihre Kräfte einteilen. Immer wieder rief sie sich in Erinnerung, wie es war, als sie mit Miroslaw getanzt hatte. Wie er sie hochgehoben und herumgewirbelt hatte, wie seine schwarzen Locken ihm ins Gesicht fielen , wie er sie anschaute, so eindringlich, und auch sie nichts anderes konnte, als ihn anzuschauen. Warum musste die Musik auf einmal aufhören? Warum konnte es nicht immer so weitergehen? Seitdem hatte sie ihn nicht mehr gesehen. Jeden Tag hatte sie gehofft, irgendwie auf ihn zu treffen. Aber es hatte sich nicht ereignet. Was immer sie tat in den vergangenen Tagen, sie sah ihn vor sich, spürte seinen Atem, fühlte den Druck seiner Hände, während er sie im Kreis herum schwang.

Einige Stunden war sie nun schon gegangen. Durch die schlafenden Dörfer war sie im Laufschritt gerannt bis sie das Hundegebell hinter sich hatte. Dort zeichnete sich der Waldrand ab. Zu ihrer rechten begann jetzt auch der Himmel hell zu werden, wie sie es sich ausgerechnet hatte, und der Mond über ihr, der sie bis hierher begleitet hatte, fing an zu verblassen. Als sie in den Wald einbog merkte sie, dass es viel dunkler war, als sie es sich vorgestellt hatte. Sie hätte doch besser eine Laterne mitnehmen sollen. Links von ihr preschte ein aufgescheuchtes Tier durch das Unterholz. Lisenka schrak zusammen. Das würde sicher noch öfter passieren. Daran musste sie sich gewöhnen. Der Pfad war steinig, und da sie nicht viel sehen konnte, musste sie ihr Tempo etwas verlangsamen, um nicht zu stürzen. Nach einiger Zeit gabelte sich der Weg. Damit hatte sie nicht gerechnet. Was sollte sie jetzt tun? Sie war immer nur mit einem Pferdefuhrwerk hier entlanggekommen. Wahrscheinlich hatte sie auf irgendwelche Richtungsänderungen nicht acht gegeben, denn sie hatte ja niemals das Pferd gezügelt. Sie war immer nur mitgefahren. Sie lauschte, aber das Rauschen des Flusses, das ihr einen Hinweis hätte geben können, war noch nicht zu hören. Bis jetzt war sie ganz beherzt gewesen, aber nun fing die Angst an, der führende Wegweiser zu werden. Ich darf mich nicht verlaufen, sagte sie sich verzweifelt, das würde so unendlich viel Zeit kosten. Welchen Heiligen rief man doch gleich an, wenn man sich verlaufen hatte? Es wollte ihr nicht einfallen. „Heilige Muttergottes“, rief sie aus, „zeige mir den richtigen Weg, um Miroslaw willen.“ Aber in ihrer besinnungslosen Angst nahm sie nicht das geringste himmlische Zeichen wahr. „Heilige Jadwiga, verlass mich nicht“, rief sie, aber genau das schien sich ereignet zu haben, sie fühlte sich vollständig verlassen. Einen Weg muss ich ja nehmen, sagte sie sich und wandte sich nach rechts. Hastig stolperte sie vorwärts. Sie würde sich erst wieder beruhigt haben, wenn sie erkannte, dass es der richtige Weg war. Aber es war nicht der richtige Weg. Nach einer halben Stunde kam sie wiederum am Waldrand bei den Feldern heraus und nicht, wie sie es erhofft hatte am Flussufer. Mit einem Aufschrei machte sie kehrt und eilte die Strecke zurück. Langsam wurde es heller, und sie erkannte die vorige Wegkreuzung wieder. Diesmal wandte sie sich nach links. Nach einer endlosen Wanderung vernahm sie das Geräusch des Flusses. Wenn ich dem Geräusch nachgehe, bin ich sicher eher am Ufer, dachte sie sich. Aber nach einiger Zeit wurde das Unterholz so dicht, dass sie abermals umkehren musste. Tränen liefen ihr über das Gesicht und hinderten sie daran, auf den Weg zu schauen. „Was bin ich für eine blöde Kuh!“ rief sie aus, wischte sich die Tränen mit dem Ärmel fort und marschierte auf dem Weg weiter. Endlich lichtete sich der Wald und sie war am Fluss angekommen. Aber wo war sie? Diese Gegend kannte sie überhaupt nicht. Sie hatte sich vorgestellt an der steinernen Brücke, welche direkt in die Stadt führte, aus dem Wald zu kommen. Wieder wusste sie nicht, welche Richtung sie einschlagen sollte. Jetzt ging die Sonne auf. Jenseits des Flusses zeichnete sich eine schmale Linie der vorgelagerten Hügel des aufstrebenden Gebirges ab. Diese Linie erkannte sie wieder. Die Stadt musste links von ihr liegen. Sie wurde von neuer Zuversicht erfüllt, und obgleich das Gelände am Flusslauf sehr unwegsam war eilte sie in rascherem Tempo weiter. Jetzt sah es so aus, als zeichneten sich auf der gegenüberliegenden Seite die ersten Stadthäuser in der Ferne ab. Und dort? War das nicht die alte Holzbrücke?

Die Brücke war schon seit Jahren gesperrt und sollte eigentlich gesprengt werden, das hatte ihr der Vater erzählt. Wenn sie jetzt über diese Brücke ging, könnte sie die Zeit, die sie durch das Herumirren im Wald verloren hatte, wieder aufholen. Drüben käme sie direkt beim Kaufmann Ostrowski ans Ufer, während sie anderenfalls den Weg bis zur Steinbrücke hinauf gehen müsste und jenseits des Flusses durch die Stadt noch einmal dieselbe Strecke zurück. Sie sah sich die Brücke an. Der Zugang zu den Stufen, die hinauf führten, war mit gerundeten Holzbalken vernagelt. Dort würde sie mit den Füßen sicher einen Halt finden und ohne größere Schwierigkeiten hinüber steigen. Die Brücke zu betreten war gefährlich, aber sie, Lisenka, wog ja nicht viel. Ihretwegen würde sie schon nicht einstürzen. Schwimmen konnte sie nicht, das vermochten nur die Leute, die am Fluß wohnten. Wer mehr landeinwärts lebte, hatte meistens keine Zeit, sich mit Sachen wie Schwimmen zu befassen. Sie überlegte nicht länger. Eile tat not. Sie raffte ihren Rock zusammen, steckte die Stofffülle, so gut es ging , in den Bund und überkletterte das Hindernis. Vorsichtig machte sie einige Schritte. Das Holz hallte unter ihren Füßen. Sie blickte über das Geländer. Drunten rauschte und gurgelte der Fluß, und man konnte ein paar Stromschnellen erkennen, wo sich das Wasser in Strudeln zusammenballte. Sie eilte vorwärts . Nach einer Weile gab es zu ihrer Linken kein Geländer mehr. Sie wollte zur rechten Geländerseite hinüber gehen, da schallte es von unten herauf: Jelisaweta Lukacs!“ Sie erstarrte.

Mit der linken Hand hielt sie sich an dem Rest des Geländers fest und schaute dann in die Tiefe hinunter. Was sie da erblickte, konnte nur der Wassermann sein., denn die Wasser flossen um ihn herum, und er ragte ganz ruhig aus dem Gewoge und Gestrudel heraus, als stünde er auf der sanftesten Wiese ganz Polens. Obgleich der Fluß ohrenbetäubend rauschte, konnte sie ihn mühelos verstehen. „Wir haben lange auf dich gewartet“, sagte er. Blitzartig erinnerte sie sich an all die Geschichten, die sie vom Wassermann gehört hatte, der es angeblich liebte , junge Mädchen als Gespielinnen für seine Töchter ins Wasser zu locken. Hatte sie Fieber? War ihr die ganze Aufregung zu Kopfe gestiegen. War sie vor lauter Angst um Miroslaw dabei, verrückt zu werden? Sie kannte sich nicht mehr aus.
Der Wassermann lächelte sie an. Etwas Hoheitsvolles ging von ihm aus. Seine grünen Augen hatten eine Tiefe, dass man, wenn man dort hineinsah, an kein Ende gelangen konnte. „Jelisaweta“, sagte er, „du hast etwas, was nur wenige Menschen haben. In dem farbigen Lichtkreis, der dich umstrahlt, gibt es sehr viel Violett.“ Sie blickte an sich hinab. „Du kannst es selbst nicht sehen“, sagte der Wassermann, „aber meine Töchter und ich können es wahr nehmen.“ Jetzt bemerkte Lisenka drei Mädchen, die sich ebenso gelassen auf den Fluten bewegten wie der Wassermann. Ihr schwindelte. „Sorge dich nicht“, sagte der Herr der Gewässer, „meine Töchter werden deinem Herzallerliebsten rechtzeitig die Medizin bringen. Über diese Brücke kommst du nämlich nicht. Nach ein paar Metern weist sie eine große Lücke auf, und auch das Geländer ist auf beiden Seiten dort so schadhaft, dass du dich nicht daran entlang hangeln kannst. Sie erschrak. „Gib mir die Medizin“, sagte er. Mechanisch ließ sie die Kiepe von ihren Schultern gleiten und gab sie dem Wassermann. Erst jetzt erkannte sie, wie groß er war, als der Korb auf einmal winzig klein an einem seiner Finger baumelte. Er legte die Kiepe einer seiner Töchter in die Hände, und alle drei schwammen sofort auf das jenseitige Ufer zu. „ Miroslaw wird gerettet werden, ganz gewiss“, sagte der Wassermann . „Da du die Gabe hast, mit Hilfe des violetten Lichtes, das dich umgibt, wahre Wunder zu vollbringen, könntest du für das Land am Fluss etwas Segensreiches tun.“ Lisenka tauchte wiederum ein in die grünen Augen des Wassermanns. Auf einmal war sie außerhalb jeglicher Zeit. Was sie eben noch so sehr gequält hatte, die Angst, zu spät zu kommen, war nun gänzlich von ihr gewichen. „Am Grunde des Flusses hat sich ein böses Wesen niedergelassen, das den Fluß jährlich zum Überfluten bringt, und über das ich keine Macht habe“, fuhr der Wassermann fort. „Es fürchtet sich aber vor dem violetten Licht. Du könntest es vertreiben, so dass es vielleicht nie mehr hierher zurückkehrt. Willst du das tun?“ „Wie kann ich das?“ fragte Lisenka. „Du begleitest mich auf den Grund des Flusses“, antwortete der Wassermann. „Und wie lange wird das dauern?“ fragte Lisenka. „Das kann ich dir nicht erklären“, antwortete der Wassermann, „weil die Zeit in unseren Bereichen eine andere Qualität besitzt als bei den Menschen. Selbst wenn ich dir sagte, wie lange es dauert, würdest du es nicht verstehen.“ „Werde ich Miroslaw wiedersehen?“ fragte sie. „Durch unzählige Leben hindurch werdet ihr beide euch immer wiedersehen“, sagte der Wassermann, und er lächelte, dass der ganze Fluss funkelte und leuchtete. Dann schickte er einen Regenbogen zu ihr und Lisenka setzte zaghaft ihren Fuß darauf.

Miroslaw verstand nicht, warum er immer, wenn er sich am meisten nach Lisenka sehnte zum Fluss hinunter ging. Nein, warum es ihn immer wieder zu diesem Ort hinzog, das wusste er nicht.





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Parsifal
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Brückengeld

Hallo Vera-Lena,

schon lange habe ich in der Leselupe keine so wunderschöne Erzählung (oder sollte ich lieber Märchen sagen?) mehr gelesen. Der Aufbau, die Schilderung der Menschen und die Lebendigkeit der Dialoge nötigen Bewunderung ab. Es wäre schön, wenn man mehr Texte dieser Qualität hier lesen könnte!

Nur eine kleine Anmerkung: Von der Straße her ein Posthorn klingt ist aus der „Wintereise“, nicht aus der „Schönen Müllerin“.

Herzliche Grüße
Parsifal

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Vera-Lena
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Brückengeld

Hallo, Parsifal,

ich danke Dir für Dein großes Lob. So eine Geschichte ist wie ein eigenes Kind, und jeder freut sich, wenn seine Kinder gelobt werden. Ganz herzlich danke ich Dir auch für den Hinweis auf die "Winterreise". Ja, dann wußte ich es wieder, das hatte ich verwechselt. Schon wegen der Moll-Klänge hätte ich eigentlich erkennen können, daß es die "Winterreise" ist.

Liebe Grüße, Vera-Lena
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