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Inspektor Frisbee und der Judasbaum
Eine Geschichte in der Nachfolge des Krimi-Altmeisters Edgar Wallace.
Inspektor Frisbee und der Judasbaum
Kapitel 1
Donner grollte, während der ältliche Lord Woodgrouse die Tür zu dem Arbeitszimmer seines Anwesens aufschloss. Ein gefährlich zuckender Blitz erhellte das Zimmer, als sich die Tür öffnete. Und wie von eben diesem getroffen blieb der Lord, der ansonsten gar nicht so schreckhaft war, im Türrahmen stehen und rang plötzlich nach Luft.
„Carpenter!“, gellte seine bellende Stimme durch die hohen Räume von Woodgrouse Hall. „Carpenter!“, ertönte es abermals, lauter und heftiger als noch zuvor.
Endlich kam der Diener angelaufen. Er war schon etwas in die Jahre gekommen und hatte ein teigiges Gesicht. „Mylord? Sie haben gerufen?“, fragte er atemlos und spielte damit das Brüllen des Hausherrn höflich herunter.
„Wo waren sie denn so lange?“, fuhr der Lord seinen Bediensteten sogleich an. „Sie müssen umgehend die Polizei verständigen. Ein Schwerverbrechen!“
Carpenter runzelte die Stirn und schaute in das Zimmer. Zuerst entdeckte er nichts Verdächtiges, doch als ein weiterer Blitz den Raum erhellte, konnte auch er es sehen: Der Safe war aufgebrochen und ausgeräumt worden.
Woodgrouse war inzwischen auf einen nahe gelegenen Sessel zusammengesunken und öffnete sich seinen Kragen. „Nun stehen Sie nicht so herum, machen Sie schon“, befahl er barsch. „Und meine Herztropfen! Diese Aufregung…“
Der Lord stöhnte leise und starrte auf den ausgeräumten Safe, der ihm nun vorkam wie ein offener Brustkorb, aus dem man das Herz herausgerissen hatte. Während der Diener sich entfernte, fühlte der alte Woodgrouse nun tatsächlich eine kalte Hand nach seinem Herzen greifen. Ein Donnergrollen ließ ihn zur Fensterfront schauen, hinter der er eine Gestalt ausmachen konnte. Der Lord richtete sich misstrauisch auf. Der nächste Blitz offenbarte ihm schließlich die wahre Natur des unerwarteten Besuchers: ein leichenblasses, wie im Todeskampf verzerrtes Gesicht über einem dunkel gewandeten Körper. Mit ersticktem Aufschrei fiel Woodgrouse in den Sessel zurück. Dunkelheit umfing seine Sinne.
Als schließlich die Polizei eintraf, hatte sich der Lord schon wieder soweit von seinem Schreck erholt, dass er den Beamten ohne groß zu zögern die Hölle heiß machen konnte.
„Inspektor, natürlich kann ich verstehen, dass alles seine Zeit braucht. Die Spurensicherung, Verhören der Verdächtigen, und so weiter. Trotzdem werden sie kaum welche haben. Sie wissen doch sicher, dass ich regelmäßig mit Ihrem Vorgesetzten Golf spiele, nicht wahr?“
„Nein, Mylord. Dieser Umstand war mir bis jetzt entgangen“, antwortete der Inspektor freundlich.
„Nun gut. Dann wissen Sie es eben jetzt. Wenn Sie in den nächsten Tagen keine Ergebnisse vorweisen können, dann werde ich jedenfalls veranlassen, dass Sie von diesem Fall abgezogen werden und ein fähigerer Mann die Ermittlungen übernimmt. Haben wir uns verstanden, Inspektor… Wie war noch gleich Ihr Name?“
„Frisbee“, stellte sich der Inspektor noch einmal vor. „Wir haben uns vollkommen verstanden. Und ich will auch gar keine Zeit verlieren. Ihre Auskünfte waren schon sehr hilfreich und während die Spurensicherung ihre Arbeit tut, würde ich gerne jetzt mit Ihren Dienstboten sprechen. Es wäre überdies sehr hilfreich, wenn Eure Lordschaft derweil eine genaue Aufstellung der fehlenden Gegenstände anfertigen würden.“
Woodgrouse nickte und gab einen leicht grunzenden Laut von sich. „Sie können den Salon für die Verhöre benutzen.“
Gemeinsam begaben sie sich in den Salon. Der Lord setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben, während Frisbee sich dem herbeigerufenen Diener zuwandte, der nun in korrekter Haltung vor ihm stand.
„Sie heißen also John Carpenter und sind schon länger in den Diensten der Familie?“
„Ja, Sir. Fast 30 Jahre. Der ältere Bruder des jetzigen Lords hat mich noch eingestellt. Ruhe er in Frieden. War ein feiner Herr, immer höflich und freundlich. Die Güte in Person.“
Frisbee zog die Augenbrauen hoch. „Wollen Sie damit sagen, dass sich das Arbeitsklima hier seitdem verändert hat?“
„Inspektor!“, fuhr sogleich die keifende Stimme des Lords dazwischen.
Frisbee räusperte sich. Es war wohl ein Fehler, die Gespräche im Beisein des Dienstherrn zu führen. „Nun, darum geht es ja auch gar nicht. Kommen wir zu dem Raub. Sie haben einen Generalschlüssel und somit Zugang zu allen Räumen?“
„Natürlich, Inspektor. Ich weiß auch worauf Sie hinauswollen. Doch spätestens am Safe hätte auch ich kapitulieren müssen.“
„Man wird sehen. Wo waren Sie, nachdem der Lord das Arbeitszimmer zuletzt verlassen hat?“
„Ich habe im Salon den Tee serviert und war danach in der Küche bis ich die Rufe seiner Lordschaft gehört habe.“
„Gehört?“, brummte Woodgrouse wieder in die Unterhaltung hinein. „Ein Hörgerät brauchen Sie, Carpenter. Die Küche ist doch wohl nah genug. Es ist derselbe Flur.“
„Oh, verzeihen Sie“, kam die eloquente Antwort des Dieners. „Ich meinte natürlich die Waschküche. Diese Ungenauigkeit war mein Fehler.“
„Mhm.“ Frisbee notierte sich alles. „Das wäre es dann erst einmal. Sie können gehen und dem Gärtner Bescheid sagen.“
Carpenter neigte demütig sein Haupt und entfernte sich dann so lautlos, wie es sich für solche dienstbaren Geister schickte.
Der Lord erhob sich und reichte Frisbee das so eben erstellte Schriftstück. Der Inspektor ließ kurz seinen Blick darüber schweifen. „Diese kleine Mahagonischatulle, was befindet sich darin?“
„Nichts“, so lautete die harte Antwort seines grauhaarigen, faltigen Gegenübers. „Es ist ein Erinnerungsstück. Nichts weiter. Hat einen sehr großen ideellen Wert für mich. Ich muss es zurückbekommen.“
„So? Der Rest des Safeinhaltes scheint viel wertvoller zu sein.“
Ein böser Blick traf den Inspektor. „Ich sagte bereits, dass es einen großen ideellen Wert hat. Das Materielle ist ersetzbar. Erinnerungen nicht.“
„Soviel Romantik hätte ich Eurer Lordschaft ehrlich gesagt gar nicht zugetraut.“
„Nun werden Sie mal nicht frech. Sie kennen meine Verbindungen.“ Woodgrouse schaute den Inspektor hart an. Seine Augen waren mitleidlos. „Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte. Ich habe doch meine Pflicht nun getan, oder?“
„Fürs Erste, Mylord“, nickte Frisbee, faltete das Blatt Papier und steckte es in seine Brusttasche.
Kapitel 2
Auf dem Flur stieß Woodgrouse fast mit seinem Gärtner zusammen. Der Lord ließ sein übliches missgünstiges Grunzen vernehmen und ging seiner Wege, während der Gärtner an die Tür des Salons klopfte und selbigen dann betrat. Inspektor Frisbee blickte dem vierschrötigen Mann freundlich entgegen. „Alan Miller, nicht wahr?“
„Genau der.“ Miller hatte eine tiefe, dunkle Stimme. „Aber bitte machen Sie es kurz. Ich stecke bis zum Hals im Dreck. Das Gewitter hat einen Großteil des Parks verwüstet.“
„Keine Sorge. Ich habe nur ein paar Fragen. Wo waren Sie zum Beispiel während des Gewitters?“
„Im Gärtnerhaus natürlich. Wenn es draußen schüttet, kann ich nicht arbeiten. Und ich habe auch keine große Lust, mich von einem Blitz erschlagen zu lassen.“
„Das habe ich auch nicht vermutet. Waren Sie allein?“
„Überrascht sie das? Wir wohnen hier recht einsam. Oder hätte ich mir ein leichtes Mädchen aus der Stadt kommen lassen sollen, nur um ein Alibi zu haben? Hätte ich natürlich gerne gemacht, wenn ich das alles vorher gewusst hätte. Habe ich aber nicht. Pech für uns beide was?“ Miller lachte freudlos.
„Scheinbar.“ Frisbee blieb unbeeindruckt. „Haben Sie vielleicht irgendetwas Verdächtiges im Park bemerkt?“
„Nein. Nur eine düstere Regenfront. Und der Garten sieht auch aus, als wäre eine ganze Mongolenherde durchgeritten. Suchen Sie die und Sie haben ihre Räuber. Ich helfe Ihnen auch gerne beim Aufknüpfen der Bande.“
„Danke. Ich werde darauf zurückkommen.“ Frisbees Blick ging zur Tür, an der ein junger, dunkelhaariger Mann stand und dem Inspektor ein Zeichen gab. „Danke, Mr. Miller.“
Frisbee ging zu dem jungen Mann und Miller verließ das Zimmer.
„Ein ziemlich derber Kerl, was?“, grinste der Dunkelhaarige dem Inspektor zu.
„Sie sagen es, Sergeant Baxter. Was gibt es denn?“
„Der Einbrecher ist durch das Fenster gekommen, sagt die Spurensicherung. Ein Profi, wie es aussieht.“
„Dann wollen wir doch schnell mal in den Garten bevor unser feinsinniger Freund auch noch die paar Spuren vernichtet, die das Gewitter übrig gelassen hat.“
Frisbee verließ den Raum. Baxter folgte schmunzelnd.
Während die Beamten in den Park des Anwesens gingen, war Woodgrouse seinem Diener in die Küche gefolgt.
„Wünschen Sie etwas, Mylord?“ Carpenter schaute nicht auf. Er schnitt gerade Tomaten.
Woodgrouse ging zu ihm hin, hob seinen Arm, in dem er eine Reitgerte hielt und ließ zwei schnelle Schläge auf den Rücken des anderen niedergehen. Der Diener verzog keine Miene, wehrte sich nicht und protestierte auch nicht. Er drehte sich langsam um.
„Du warst es!“, bellte der Lord, die Etikette nun vollends hinter sich lassend. „Du kennst den Inhalt der Schatulle doch genau! Du hast einen Generalschlüssel! Sag es mir jetzt ins Gesicht, wenn du mich erpressen willst, du Hund!“
„Ich war es nicht, Mylord. Auch bin ich bislang mit meiner Entlohnung auch immer zufrieden gewesen. Wenn Eure Lordschaft es aber unbedingt wünschen, dass ich mehr bekomme, dann…“
Ein weiterer Hieb mit der Reitgerte folgte. Carpenter blieb auch jetzt regungslos.
„Ich war Ihnen damals schon loyal, als Sie noch im Schatten ihres Bruders standen, und bin es auch heute noch, Mylord.“
„Dann solltest du dich nicht erdreisten, vor dem Inspektor solche infamen Reden zu schwingen!“
„Immerhin habe ich wie befohlen Ihre Phantasterei von der Leiche Ihres Bruders am Fenster verschwiegen.“
Der Lord nahm den Einwand zur Kenntnis, schien aber trotzdem nicht beruhigt. Fast schon im Gegenteil. „Wehe ich komme dir auf die Schliche und du warst es doch, dann bringe ich dich um!“
Woodgrouse nahm seinem Diener das Messer aus der Hand, umklammerte es fest und rammte es dann wie zur Untermauerung seiner Worte mit voller Kraft in die hölzerne Arbeitsplatte, in der es leicht zitternd stecken blieb. Dann wandte er sich um und verließ die Küche.
Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht zog Carpenter das Messer wieder aus der Platte. Dann schaute er aus dem Küchenfenster, an dem gerade die beiden Polizeibeamten vorbei gingen.
„Sehr dürftig das Ganze, Inspektor“, urteilte der junge Baxter.
„Dürftig?“, erwiderte Frisbee irritiert. „Ich finde diesen Teil des Parks im Gegenteil sehr üppig und recht exotisch. Der Baum dort hinten zum Beispiel stammt aus dem Mittelmeerraum.“
„Eigentlich meinte ich eher unsere Ausbeute“, stellte der junge Sergeant klar.
„Ach so, ja. Die ist in der Tat sehr dürftig. Und es ist auch im höchstem Maße verdächtig, dass der Gärtner mit seiner Aufräumaktion genau in dem Teil des Parks begonnen hat, in dem auch das Beet vor dem Arbeitszimmer liegt.“
„Natürlich. Das habe ich auch schon gedacht. Es war wohl ein Fehler, den Park nicht sofort abzusperren.“
Frisbee seufzte leise. Das war nun schon der zweite Fehler, der ihm bei dieser Untersuchung unterlaufen war. Er wurde wohl langsam alt und sein Geist durch die alltägliche Routinearbeit träge. „Immerhin bleiben uns ja noch die Fußspuren am Zaun zum Nachbargrundstück. Wer wohnt dort?“
„Moment.“ Im Weitergehen blätterte Baxter in seinen Notizen. „Ah, da. Ein Literaturwissenschaftler. Lucius Grant. Vor kurzem in den Adelsstand erhoben. Werden Sie ihn aufsuchen?“
„Genau das hatte ich jetzt vor. Sie kommen hier doch allein zurecht, Sergeant, oder?“
„Selbstverständlich“, lächelte Baxter. Dann trennten sich ihre Wege und alles, was der Sergeant noch hinter sich vernahm, waren die immer leiser werdenden Schritte des Inspektors auf dem Kiesweg.
Das Haus von Sir Lucius konnte bei weitem nicht mit dem Anwesen von Lord Woodgrouse mithalten. Es war klein und kompakt, bestach aber durch ausgezeichnete Schmiedearbeiten an Tür, Fenstern und Dach. Der Hausherr öffnete selbst als Inspektor Frisbee klingelte. Jedenfalls schloss der Polizeibeamte dies aus der geschmackvollen und teuer aussehenden Kleidung des blassen, hoch gewachsenen Mannes.
„Sie wünschen?“, kam eine näselnde, fast unwirklich klingende Stimme aus einem schmallippigen Mund.
„Ich bin Inspektor Frisbee von Scotland Yard.“ Er zeigte seine Dienstmarke vor. „Ich hätte einige Fragen an Sie. In der Nachbarschaft wurde eingebrochen. Sie sind Sir Lucius Grant?“
Sir Lucius nickte knapp. „Kommen Sie herein.“
„Danke.“
Frisbee folgte dem Hausherrn in die Eingangshalle und schaute sich dort mit beruflicher Neugier um. Die Einrichtung war modern zu nennen. Kalter Stahl und kräftige Farben dominierten die Szenerie. An den Wänden hingen zahlreiche Fotos. Sie zeigten Sir Lucius zusammen mit einem älteren, wettergegerbten Mann im Hafen von Sydney und im australischen Outback. Die Bilder mussten schon vor einiger Zeit aufgenommen worden sein, denn Sir Lucius fehlten noch die grauen Schläfen, die ihm nun eine Art von Erhabenheit verliehen.
„Ich hoffe, Sie nehmen keinen Anstoß an der hier herrschenden Unordnung. Sie treffen mich gerade bei der Ausübung meines Hobbys an“, entschuldigte sich Sir Lucius und ging in einen der Wohnräume.
„Keine Sorge“, entgegnete Frisbee sofort und schaute sich auch dort um. Zahlreiche Schriftrollen lagen auf den Kommoden und den Sitzgelegenheiten während sich auf dem Tisch ein Vergrößerungsglas und ein hochwertiges Schreibset komplett mit Feder und verschiedenen Arten von Tinte befanden.
„Wie im Skriptorium eines Klosters“, murmelte der Inspektor.
Sir Lucius nickte. „Ja, so ähnlich. Ich betreibe in meiner Freizeit Kalligraphie. Und ich habe viel davon. Aber nun zu Ihren Fragen bitte.“
„Gerne. Haben Sie während des Gewitters oder in der Stunde davor irgendetwas Verdächtiges gehört oder gesehen?“
„Während des Gewitters beim besten Willen nicht. Da habe ich mich hier im Hause verkrochen. Ich bin sehr schreckhaft was laute Geräusche angeht. Und vor dem Gewitter ist der Einbruch bestimmt nicht passiert.“
„Was macht Sie da so sicher?“
„Ich war vor dem Regenguss noch im Garten und habe am Zaun mit dem Gärtner von Lord Woodgrouse ein paar Worte gewechselt. Mr. Miller ging schließlich zurück zum Gärtnerhaus, doch ich blieb draußen, bis es anfing zu regnen. Diese Seite des Anwesens war in der ganzen Zeit vollkommen ruhig. Das kann ich Ihnen sogar beeiden, Inspektor.“
„Und wenn der Täter auf der anderen Seite in das Haus eingestiegen ist?“
„Ach“, winkte Sir Lucius ab. „Warum sollte er denn? Der Safe befindet sich auf dieser Seite des Anwesens. Warum sollte er es riskieren, beim Herumschleichen im Haus entdeckt zu werden, anstatt den kürzesten Weg zu nehmen? Außerdem ist das Arbeitszimmer immer verschlossen wenn sich niemand dort befindet.“
Frisbee hob seine Augenbrauen. Das war bei ihm immer ein Ausdruck von besonderer Aufmerksamkeit. „Sie kennen sich bei Lord Woodgrouse scheinbar genauso gut aus wie in den Gedankengängen eines Einbrechers.“
Sir Lucius schien die Spitze überhört zu haben und blieb ruhig. „Ich bin eben ein alter Freund der Familie. Wir sind schon viele Jahre Nachbarn. Ich kannte ja auch noch Edward Woodgrouse, den früheren Lord. Bin viel mit ihm umher gereist.“
„Dann ist er der Mann auf den Bildern in der Halle?“
„Ja.“
„Deshalb kam er mir wohl auch so vertraut vor.“
„Die Familienähnlichkeit zu seinem jüngeren Bruder Woodrow ist auch sehr ausgeprägt“, bestätigte Sir Lucius. „Äußerlich jedenfalls. Charakterlich trennte sie viel.“
„Das habe ich schon gehört“, nickte Frisbee leicht. „Aber zurück zu Ihnen. Sie sind mit Mr. Miller ebenfalls gut bekannt?“
„Natürlich“, kam es ohne zu zögern von seinem Gesprächspartner. „Alan Miller ist schließlich mein Angestellter. Er ist derzeit nur an Lord Woodgrouse ausgeliehen, weil der Gärtner seiner Lordschaft im Krankenhaus liegt. Es war ein Verkehrsunfall mit Fahrerflucht.“
„Verstehe. Ist er bei Ihnen denn schon länger in Diensten?“
„Nein. Auch erst wenige Wochen.“
„Dann würden Sie Ihre Hand nicht für ihn ins Feuer legen?“
„Er war bisher stets fleißig und verlässlich. Mehr kann ich über ihn nicht sagen. Und Einbrechen hätte er ja schließlich auch schon bei mir können. Ich bin auch nicht ganz unvermögend. Dass er einmal bei Lord Woodgrouse arbeiten würde, war ja nicht abzusehen.“
„Ein berechtigter Einwand“, gab Frisbee zu. „Das wäre es dann auch fürs Erste. Danke.“
„Ich bringe Sie noch zur Tür, Inspektor.“
Das tat Sir Lucius dann auch. Anschließend ging er rasch zu seinem Telefon und wählte hektisch eine Nummer.
Kapitel 3
Als Inspektor Frisbee am nächsten Morgen sein Büro betrat, lag auf seinem Schreibtisch schon ein Kuvert, auf dem sein Name stand, sowie eine Notiz des Pförtners, dass ein Junge dies vor einer Stunde für ihn abgegeben hatte. Frisbee setzte sich, nahm das Kuvert, öffnete es und entnahm ihm einen Brief.
„Ein Liebesbrief, Inspektor?“ Der junge Sergeant Baxter war hinzugetreten. Sie wollten zusammen den Fall und die bisherigen Ergebnisse besprechen.
„Nein. Wer sollte mir auch schon einen Liebesbrief schicken. Außer Ihnen natürlich.“
Baxter grinste. „Auch wieder wahr. Was ist es denn dann?“
„Ein Brief des verstorbenen Lord Edward Woodgrouse an einen Bekannten in Australien.“
„Oh, wie unheimlich. Eine Nachricht aus der Gruft. Was schreibt er denn?“
„Mein lieber Freund“, las Frisbee vor. „Ich wünschte du wärst jetzt hier. Die Stimmung im Haus wird von Tag zu Tag erdrückender. Woodrow schleicht mit düsterer Miene umher. Seine neue Freundlichkeit mir gegenüber ist zu übertrieben, um glaubhaft und echt zu wirken. Ich war nie besonders furchtsam, doch nun fühle ich mich nicht mehr wohl in meiner Haut. Wenn mich die Geschäfte nicht hier halten würden, wäre ich schon längst zu dir nach Sydney gereist. Doch wahrscheinlich würde mein Bruder mir auch dorthin folgen. Kann ich dich nicht doch überreden nach England zurück zu kommen? Ich sitze gerade vor dem Fenster und schaue zum Nachbarhaus. Unheimliche Schatten scheinen dort drüben ihr Unwesen zu treiben. Dabei weiß ich doch ganz genau, dass es schon seit Kriegsbeginn leer steht. Der Krieg ist mittlerweile vorbei und noch immer ist es nicht wieder bezogen. Dabei könnte ich gerade jetzt mehr vertraute Gesichter um mich gebrauchen. Bitte komm zurück nach England, alter Freund, ich werde hier sonst noch wahnsinnig“, schloss der Inspektor und schaute auf das Datum. „Geschrieben vor zwei Jahren. Kurz darauf muss er wohl verstorben sein.“
„Aus Angst?“
„Wir werden sehen, Baxter. Soweit ich weiß gab es damals eine gerichtliche Untersuchung.“ Frisbee griff zu seinem Telefon und wählte die Nummer des Archivs. Dort forderte er die Akte Woodgrouse an. Als er auflegte fiel sein Blick auf den Boden. „Holla! Was haben wir denn da?“
Der Inspektor beugte sich hinunter und hob es auf.
Baxter runzelte die Stirn. „Was ist es?“
„Eine Art Visitenkarte. Muss wohl beim Öffnen des Briefes hinuntergefallen sein.“ Frisbee schaute darauf. Seine Miene versteinerte sich.
„Inspektor?“
„Lord Woodgrouse wird bezahlen, Arthur Milton.“
Baxter zeigte sich unbeeindruckt. „Hört sich nach einem Racheakt an. Fragt sich nur wer dieser Mr. Milton ist.“
„Sie kennen ihn nicht, Sergeant? Haben Sie noch nie etwas vom Hexer gehört?“
Natürlich hatte Baxter schon von diesem kriminellen Genie gehört, doch war er natürlich noch viel zu jung um Details darüber zu wissen. „Das ist doch eine alte Polizeilegende, nicht wahr?“
„Mitnichten. Fragen sie Superintendent Wembury. Oder den pensionierten Bliss. Die beiden hätten ihn vor 30 Jahren beinahe erwischt.“
„Hm, na gut“, lenkte der Sergeant ein. „Aber was heißt das jetzt für uns?“
„Es kann zweierlei bedeuten. Entweder in der geraubten Schatulle war etwas sehr Wertvolles und Lord Woodgrouse musste nun damit dafür bezahlen, dass er seinen Bruder terrorisiert hat, oder …“ Frisbee hielt inne.
„Oder was, Inspektor?“
Frisbee machte ein sehr ernstes Gesicht. „Oder Lord Woodgrouse hat seinen Bruder damals umgebracht und schwebt nun ebenfalls in Lebensgefahr.“
„Warum dann der Einbruch?“, wand der Sergeant ein.
„Ich nehme an, dass der Inhalt der Schatulle eine bedeutende Rolle bei dem Fall spielt.“
„Es liegt zumindest im Bereich des Möglichen“, stimmte Baxter vorsichtig zu. Er hatte einen nachdenklichen Ausdruck auf dem Gesicht. Doch seine Gedankengänge wurden durch ein lautes Klopfen unterbrochen.
Ein Mitarbeiter betrat das Büro und überreichte dem Inspektor die angeforderte Akte.
Frisbee bedankte sich und studierte sie eine zeitlang. Baxter wartete geduldig ab.
„Interessant. Woodrow Woodgrouse hat die Untersuchung des Todesfalles selbst angeordnet“, kam es schließlich wieder vom Inspektor.
„Dann wird er seinen Bruder nicht umgebracht haben. Das wäre doch viel zu gefährlich gewesen“, schloss Baxter daraus.
„Es sei denn, dass er sich sicher war, dass man ihm nichts würde anhaben können. Das Ergebnis lautete schließlich auf natürlichen Tod. Obgleich man im Körper des Toten Spuren von Arsen gefunden hat. Allerdings in zu geringer Dosis um tödlich zu sein. Man nahm an, dass der Fisch, den er zuvor gegessen hatte, damit belastet gewesen war.“
„Ist das die einzige Unregelmäßigkeit?“
Frisbee nickte. „Ja. Zumindest was sein konkretes Ableben betrifft. Der verstorbene Lord soll vorher mehrere Male geäußert haben, dass er seine Besitztümer verschiedenen Stiftungen vermachen würde. In seinem letzten Testament war jedoch sein Bruder als Alleinerbe eingesetzt. Das scheint jetzt nach diesem Brief von ihm natürlich sehr merkwürdig.“
„Dann hat Lord Woodgrouse jetzt die Quittung dafür erhalten, dass er damals das Testament gefälscht hat“, schlussfolgerte Baxter stolz, wurde jedoch sofort in seiner Euphorie gebremst.
„Ich glaube nicht, dass es so einfach ist, Sergeant. Erinnern Sie sich an den genauen Wortlaut der Karte. Es heißt hier, dass Lord Woodgrouse bezahlen wird und nicht, dass er bezahlt hat. Außerdem stört mich immer noch das Arsen. Das Testament ist sicherlich gefälscht und vielleicht befindet sich das echte sogar in der Schatulle, aber Lord Woodgrouse ist promovierter Chemiker“, nahm Frisbee seinem jungen Kollegen den Wind aus den Segeln. „Das wird auch der Hexer wissen. Ich glaube, der Lord befindet sich jetzt in Lebensgefahr. Arthur Milton hat ihn beraubt und er wird ihn auch töten. Wir müssen schnell handeln.“
„Wie alt ist Milton wohl jetzt? Existiert ein Foto von ihm?“
„Er wird wohl Mitte 60 sein. Ein Foto haben wir nicht. Nur die Beschreibung von Wembury und Bliss. Aber selbst wenn wir eines hätten, würde uns das nicht viel nützen. Der Hexer ist ein Meister der Verwandlung. Wer immer den Einbruch begangen hat, muss der Hexer sein.“
Baxter war nicht vollkommen überzeugt, lenkte aber ein. „Nun gut. Dann kommen wir mal zu dem Einbruch zurück. Er muss vor dem Gewitter geschehen sein. Die Erdspuren im Arbeitszimmer, die die Spurensicherung gefunden hat, waren knochentrocken.“
„Dann ist Sir Lucius unser Mann. Er hat behauptet, vor dem Gewitter den Garten beobachtet und nichts gesehen zu haben.“ Frisbee stand auf, ging zur Garderobe und nahm seinen Mantel. „Kommen sie, Baxter.“
Kapitel 4
Als die beiden Polizeibeamten schließlich das Haus des Literaten erreicht hatten, fanden sie die Haustür unverschlossen vor.
„Es scheint, der Vogel ist ausgeflogen, Inspektor.“
„Sollte das der Fall sein, bin ich mir sicher, dass wir im Nachbarhaus die Leiche von Lord Woodgrouse finden werden.“
„Der Hexer hat seine Tat vollbracht und uns durch den Brief die Rechtfertigung dafür geliefert?“
„Selbstverständlich. Wir waren halt einfach zu langsam.“
Frisbee und Baxter hatten das Haus von Sir Lucius betreten und sahen sich nun darin um. Der Inspektor deutete auf die Fotos auf den Wänden. „Da haben wir die fotografischen Beweise für die Freundschaft der beiden. Wahrscheinlich haben die beiden Brüder Arthur Milton nur unter der Maske des reisefreudigen Lucius Grant gekannt.“
Baxter ging weiter. „Ich bin aber immer noch nicht ganz überzeugt, Inspektor. Für mich klingt das alles viel zu phantastisch. Wie konnte Sir Lucius denn vor allen Dingen sicher sein, dass Miller nicht doch noch einmal umkehrt und ihn beim Einsteigen ins Haus erwischt?“
„Er liebt eben das Risiko.“
„Trotzdem. Mir wäre das zu unsicher.“ Der Sergeant arbeitete nun schon mehrere Jahre mit dem agilen Mittvierziger zusammen, dessen Karriere mit den Jahren langsam aber sicher in Routinearbeit erstickt war. Und er kannte auch Frisbees Ehrgeiz und rechnete es diesem zu, dass sich sein Vorgesetzter jetzt so sehr in diese Hexergeschichte hineinsteigerte, in der Hoffnung nun endlich einmal einen dicken Fisch an der Angel zu haben. Allerdings mochte und achtete der junge Mann den jovialen Inspektor viel zu sehr, um jetzt seinen Bedenken noch stärker Luft zu machen. Und so schwieg Baxter und ging lieber weiter in den Wohnraum, wo er wie angewurzelt stehen blieb. „Wie passt das hier denn in Ihre Theorie, Inspektor?“
„Hm?“ Frisbee horchte auf und betrat nun ebenfalls das Zimmer. Es herrschte noch größere Unordnung als bei seinem gestrigen Besuch. Die Papiere, Schriftrollen und Pergamente lagen kreuz und quer im Raum verteilt, ein Beistelltisch war umgestoßen und ein Mann lag regungslos quer über dem Schreibtisch, um seinen Hals ein Hanfseil und in der Hand ein Zweig mit rosa Blüten und grünen, kreisrunden Blättern. Es war Sir Lucius Grant.
„Soll ich Ihnen mal ausführen, wie es sich für mich darstellt, Inspektor?“
Frisbee schaute nachdenklich auf die Szenerie. „Bitte.“
„Der Ermordete war doch ein Kalligraph, oder?“
Der Inspektor nickte.
„Dann hat er den Brief gefälscht und uns zukommen lassen, um uns auf eine falsche Fährte zu locken. Er hat den Einbruch zusammen mit Miller begangen. Zuerst inszenierten sie einen Unfall, um den Gärtner des Lords aus dem Verkehr zu ziehen und Miller bei ihm einzuschleusen. Während dieser dann ins Haus eingestiegen ist, stand Sir Lucius am Gartenzaun Schmiere. Und dann kam es hier zum Streit um die Beute bei dem Sir Lucius den Kürzeren zog. Ich wette wir finden noch mehr Hanfseil im Gärtnerhaus.“
„Möglich. Dennoch kann ich mich Ihrer Meinung nicht anschließen, Sergeant. Da war in der Tat etwas, dass ich übersehen hatte.“
Baxter runzelte die Stirn. „Und das wäre?“
„Das Testament des verstorbenen Lord Woodgrouse. Das war es, was Sir Lucius damals gefälscht hatte. Deshalb musste er jetzt sterben. Der Hexer hat ihn ermordet und er wird auch noch den Lord töten.“
„Mit Verlaub, Inspektor. Wird das nicht langsam zu einer fixen Idee von Ihnen?“ Der junge Sergeant musste jetzt doch das Wort ergreifen. „Halten wir uns doch lieber an etwas Handfestes. Das Testament wurde immerhin als gültig anerkannt. Die Echtheit des Briefes hingegen ist noch nicht erwiesen.“
„Ich bin sicher die Analyse wird meine Vermutung bestätigen.“
„Und wie soll Miller den Einbruch begangen haben, wenn Sir Lucius bis zum Einsetzen des Regens das Haus beobachtet hat? Die Erde im Arbeitszimmer war trocken.“
„Die Lösung ist einfach. Der Hexer hatte durch Sir Lucius nun ein Alibi. Er hat die trockene Erde selbst mitgebracht. Bestimmt hat er heimlich den Generalschlüssel des Dieners nachmachen lassen. Das Fenster hat er dann anschließend manipuliert, damit es so aussieht, als wäre der Täter von draußen gekommen.“
„Na ja. So abwegig ist das natürlich nicht.“ Baxter grinste nun leicht. „Und sprachlich ist es von Arthur Milton zu Alan Miller ja auch nicht sehr weit.“
„Hören Sie lieber auf, sich über mich lustig zu machen und verständigen Sie die Kollegen. Ich werde bei Lord Woodgrouse anrufen und mich nach seinem Wohlbefinden erkundigen. Er soll niemanden in seine Nähe lassen, bis wir bei ihm sind. Dann durchsuchen wir das Gärtnerhaus. Ich bezweifle allerdings, dass wir Miller dort noch antreffen werden.“
„Wer war das, Carpenter?“ Lord Woodgrouse war in der Tat noch bei bester Gesundheit, wenn auch seit dem letzten Abend nervöser und angespannter als sonst, was ihn gleich doppelt unausstehlich machte.
„Es war der Inspektor, Mylord“, antwortete der Diener. „Er ist besorgt um Eure Lordschaft. Wir sollen niemanden einlassen bis er kommt.“
„Pah“, spie Woodgrouse aus. „Das hätte ich sowieso nicht getan. Ich habe ihn wieder gesehen. Sein bleiches, schmerzverzerrtes Gesicht am Fenster meines Schlafzimmers.“
„Wir wissen beide doch ganz genau, dass ihr Bruder tot ist, Mylord. Eure Nerven …“
Woodgrouse sprang aus seinem Sessel auf. „Was willst du damit andeuten?“ ereiferte er sich und packte Carpenter am Kragen. „Hältst du mich etwa für verrückt? Irgendjemand spielt hier ein ganz böses Spiel. Aber nicht mit mir, verstanden? Nicht mit mir!“
Polizeisirenen ertönten.
Der Lord sank in seinen Sessel zurück. „Was ist da draußen los?“
Carpenter ging zum Fenster des Salons, zog den Vorhang etwas zur Seite und schaute hinaus. „Sir Lucius wird auf einer Bahre aus seinem Haus getragen. Er sieht tot aus.“
„Auch das noch“, knurrte Woodgrouse.
Der Butler drehte seinen Kopf. „Und Mr. Miller wird gerade in Handschellen abgeführt. Der Sergeant trägt eine Art Schaufensterpuppe unter dem Arm und eine Gummimaske in der Hand.“
„Ich habe dem Kerl schon seit jeher misstraut. Hab ihn doch nur die Vertretung machen lassen, um Lucius einen Gefallen zu tun. Aber Hauptsache der Spuk ist jetzt vorbei.“
Der Lord tastete an seiner Brust nach einem kleinen Schlüssel und ballte seine Faust darum. Es war der Schlüssel zu der geraubten Schatulle.
Carpenter ließ vom Fenster ab und wendete sich Woodgrouse zu. „Wünschen Eure Lordschaft nun den Tee?“
„Ja. Endlich haben wir wieder Ruhe, Carpenter.“
Epilog
„Ich sage nichts ohne meinen Anwalt“, grollte Miller, als man ihn abführte. Man hatte in seinem Haus tatsächlich Hanfseil gefunden. Dazu noch ein Schreiben seines Bewährungshelfers. Miller war wegen Einbruchs vorbestraft. Und man fand auch die Maske, die den alten Lord mit verzerrten Gesichtszügen darstellte.
Baxter war mit sich zufrieden. „Ich habe doch gesagt, die ganze Geschichte mit dem Hexer und der Rache aus dem Grab hinaus ist nur eine Ablenkung. Nichts für ungut für Ihre Theorie, Inspektor.“
„Ist schon okay, Sergeant.“
Frisbee schaute seinem jungen Kollegen hinterher, als dieser Miller zum Polizeiauto brachte und hing weiter seinen eigenen Gedanken nach. Er konnte einfach das Gefühl nicht loswerden, noch irgendetwas Wichtiges übersehen zu haben. Sein Blick ging vom Polizeiauto hin zum Leichenwagen, dessen Hintertür gerade mit leisem Knall zufiel. Frisbees Hand glitt in die Tasche seines Trenchcoats und förderte den Zweig zutage, den der Tote in den Fingern gehalten hatte. Er starrte die Blüte einen Moment lang an, dann kam Leben in ihn. Mit eiligen Schritten ging er zurück ins Gärtnerhaus und holte sich von dort eine Schaufel. So bewaffnet machte er sich auf in den Park von Woodgrouse Hall. Er orientierte sich kurz und ging dann zielstrebig in die Richtung der Fensterfront des Arbeitszimmers. Nicht weit von dieser entfernt stand ein Baum mit rosafarbenen Blüten. Gestern Abend war der Inspektor schon einmal an diesem vorbeigekommen, hatte ihn sogar im Gespräch mit dem Sergeant erwähnt! Nun beugte er sich zu dem kleinen Schild hinab, das vor dem Baum angebracht worden war. Cercis siliquastrum, Judasbaum. Die Erde um den Baum herum war vor kurzem noch bewegt worden. Frisbee zögerte nicht, das mitgebrachte Werkzeug zu benutzen und fing an zu graben. Da die Erde von dem Gewitterschauer noch aufgeweicht war, ging ihm diese Arbeit leicht von der Hand. Dass er da nicht eher drauf gekommen war! Sir Lucius war genauso gestorben wie Judas im Matthäus-Evangelium, mit einem Strick. Schon nach wenigen Spatenstichen wurde Frisbee fündig und stieß auf einen unförmigen, länglichen Gegenstand. Vorsichtig legte er ihn weiter frei. Es war der Leichnam des Dieners. Auch er hatte ein Hanfseil um den Hals geschlungen. Anders als Sir Lucius schien er allerdings schon seit mehreren Tagen tot zu sein. Zwei Verräter, hingerichtet wie Verräter. Der langjähriger Reisegefährte des alten Lord Woodgrouse Sir Lucius Grant, der das Testament fälschte, und sein getreuer Diener John Carpenter, der ihm im Auftrag Woodrows das Gift verabreicht hatte. Fluchend sprang Frisbee auf, alarmierte die anderen Beamten und brach dann die Tür von Woodgrouse Hall auf. Doch es war zu spät. Als man den Lord im Sessel in seinem Salon fand, war der Brudermörder schon tot. In der Hand, die auf seinem Schoß lag, hielt er eine Teetasse und auf der Kommode neben ihm stand die Schatulle aus dem Safe. Sie war geöffnet und enthielt eine Phiole, die mit einer trüben Flüssigkeit gefüllt war. Es war das von Lord Woodgrouse entwickelte Gift, das nun beide Brüder dahingerafft hatte. Von Arthur Milton fehlte jede Spur.
Version vom 27. 08. 2009 03:43 Version vom 30. 08. 2009 15:56 Version vom 30. 08. 2009 20:34 Version vom 01. 09. 2009 01:23
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