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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Der kleine Gedanke und das Gedicht
Eingestellt am 19. 11. 2003 21:55


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wondering
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Der kleine Gedanke und das Gedicht
Eine Hommage an Max Dauthendey (1867-1918) und die Sprache des 19.Jahrhunderts

Zu einer Zeit, als noch Reines gedacht und noch mehr Feines geschrieben wurde, kam eines Tages ein kleiner Gedanke auf die Welt. Er wurde zwar im Kummer geboren, aber nun war er da und wollte dann auch gleich weiter gedacht werden. „Ich möchte unbedingt ein Gedicht werden“, rief der kleine Gedanke dem Geist zu, aus dem er kam, „und nun streng’ dich mal an, damit ich auch schön und wohlgereimt nach allen Regeln der Kunst an die Nachwelt ĂŒberliefert werde.“

Der Geist, der den Gedanken gedacht hatte, gehörte einem JĂŒngling, der sein Herz an ein MĂ€del verschenkt hatte. Sie hieß Marie, war von jener Anmut und Grazie, die jedem JĂŒngling, der sie sah, den Atem stocken und das Herz bis zum Halse schlagen ließen. Doch trug sie ihre kleine, hĂŒbsche Nase ein wenig zu hoch und liebte zudem das Spiel mit den Herzen von verliebten Toren. Auf dem Dorffest hatte Marie es zugelassen, dass der JĂŒngling, sein Name war Max, sich ihr nĂ€herte. Sie trieben allerlei Schabernack zusammen, und Marie hatte viel Spaß daran, ihren Max zu locken. Doch schon am nĂ€chsten Tag, als Max seine Marie aufsuchen wollte, um in den Wiesen mit ihr umher zu tollen, verstieß sie ihn und warf ihm garstige Worte hinterher. Sein junges Herz zerbrach und seinem Geist entsprang jener Gedanke, der nun unbedingt ein Gedicht werden wollte:

Ich fĂŒhle mich tot, als wĂ€r ich erfroren.

Nun war dieser abscheuliche Gedanke geboren und tobte im Kopf, ja bald im ganzen Körper des JĂŒnglings: „Ein Gedicht, ein Gedicht. Ich werde ein Gedicht. Mach’ mich zum Gedicht...“, lamentierte der kleine Gedanke und ließ unseren Max nicht mehr los. Doch fĂŒhlte der Verstoßene auch, so sehr ihn sein Gedanke quĂ€lte, dass er ihn auf feines BĂŒtten gebannt vielleicht loswerden könnte. Also setzte er sich hin, nahm die Feder zur Hand und schrieb seinen Gedanken sorgfĂ€ltig nieder:
Ich fĂŒhle mich tot, als wĂ€r ich erfroren.
Dies stand nun in feinen Lettern auf noch feinerem Papier. Max steckte das Ende der Schreibfeder in seinen Mund und er besann sich, auf dem Federende kauend, auf die nĂ€chste Zeile. Er forschte in seinem Inneren nach seinen GefĂŒhlen, doch wollten diese sich nicht zu klaren Gedanken formen. Viele neue Gedanken stĂŒrzten auf ihn ein und verlangten, jeder einzelne, nach einer Form:
„Mach mich zur ErzĂ€hlung“, rief der Eine.
„Nein, eine Novelle, ich bin es Wert!“, forderte der NĂ€chste, und schließlich verlangte ein tiefer Gedanke gar einen Roman.
Doch der kleine Gedanke „Ich fĂŒhle mich tot, als wĂ€r ich erfroren“ blieb fest in seinem Herzen verwurzelt und ließ keinen anderen Gedanken zu. Und er nagte an Max, der kleine Gedanke, dass unser JĂŒngling beinahe seine Feder zerbissen hĂ€tte, als ihm plötzlich die nĂ€chste Zeile kam:

Als hÀtt sich die Welt zu sterben verschworen.

Ein tiefer Seufzer entfuhr Max, nachdem er die Worte auf das Papier geschrieben hatte, und sein Herz pochte ein wenig schneller. Er lauschte in die Stille seiner Kammer und folgte dem Blick aus dem Fenster, horchte dabei in sich hinein und schrieb sogleich die nÀchste Zeile:

Ich grĂŒbe mir gern in die Stille ein Grab,
und seht her, auch gleich die ĂŒbernĂ€chste:
Und warte begraben deine Wiederkehr ab.

Max fiel ein erster Stein vom Herzen, und ein vages LĂ€cheln huschte ĂŒber das junge Gesicht.
Er dachte an Marie, sah ihr blondes Haar, das er wie pures Gold auf ihren Schultern liegen gesehen hatte. Er hörte ihr helles Lachen, das wie ein Glockenspiel in seinen Ohren geklungen hatte, und fĂŒhlte noch einmal, wie sich ihre HĂ€nde wie zufĂ€llig berĂŒhrt hatten. Voller Sehnsucht wollte sein Kummer sich im Herzen zusammenballen.

Sie hatte ihn fĂŒr den Tag nach dem Dorffest zu sich bestellt und er war, in heißer Liebe entbrannt, schon gut fĂŒnfzehn Minuten vor der Zeit an Maries Haus angelangt gewesen. In ungestĂŒmer Vorfreude hatte er wartend kleine Kiesel vor sich her gekickt, mit dem Hund der Nachbarn Nachlaufen gespielt und fortwĂ€hrend nach Maries Fenster geschielt. Doch zum vereinbarten Zeitpunkt ließ sich Marie nicht blicken. Also schickte er sich an, an der HaustĂŒr zu klopfen. Er musste dies gleich drei Mal tun, bevor die TĂŒr aufgetan wurde und die Magd ihm ausrichtete, dass Marie unpĂ€sslich sei. Zum einen enttĂ€uscht und zum anderen in Sorge, fragte Max die Magd, ob denn irgend etwas zu tun sei. Da bemerkte er die Unsicherheit der Magd, denn diese war wohl auf eine solche Frage nicht vorbereitet, wiederholte nur, dass das FrĂ€ulein unpĂ€sslich sei und senkte den Blick zu Boden.
Max ließ sich damit nicht abweisen, drang ins Innere des Hauses und rief das MĂ€dchen seines Herzens. „Hallo, ich bin da! Marie, komm zu mir. Wir wollen einen Spaziergang machen.“ Doch musste er sein Rufen wiederholen, bevor das MĂ€dchen sich zeigte und mit dĂŒsterer Miene schimpfte: „Was willst du hier? Ich habe dir nichts versprochen und ich bin nicht interessiert, mit dir einen Spaziergang zu machen. Das langweilt mich, so wie du mich langweilst. Scher dich fort, du Tor. Ich habe Besseres zu tun, als mit dir ĂŒber die Wiesen zu wandern.“
Unserem Max stand der Mund weit offen, und das Herz wollte ihm zerbrechen. Mit weichen Knien verließ er das Haus und trollte sich heim in seine Kammer, um dort seinem Kummer freien Lauf zu lassen. Und nachdem er sich auf die Bettkante fallen gelassen hatte und vor sich hin starrte, wurde der kleine Gedanke geboren.

Nun, da ihm die Erinnerung an jene Szene vor Augen lebendig geworden war, hatte der gute Max, dank des kleinen Gedankens, ein wenig seines Kummers auf Papier gebannt. Er las, was er geschrieben hatte:

Ich fĂŒhle mich tot, als wĂ€r ich erfroren.
Als hÀtt sich die Welt zu sterben verschworen.
Ich grĂŒbe mir gern in die Stille ein Grab
Und warte begraben deine Wiederkehr ab.


Max fragte sich ernsthaft, ob er tatsÀchlich diese Wiederkehr wollte. Sein Herz war noch zerrissen, und es kam ihm ein neuer Gedanke, den er sogleich niederschrieb:

Vom langen Warten versteinern die Wangen.

Ja, dieser Gedanke war ihm willkommen und er fĂŒhlte, wie ein kleiner Zorn gegen das hochgetragene NĂ€schen seiner Angebeteten in ihm aufstieg. Wie konnte ein Weibsbild es wagen, ihn, Max, so zu behandeln. Und noch wĂ€hrend er verĂ€rgert mit seiner Feder in der Luft herumfuchtelte, kam ihm das Bild ihrer lieblichen Figur in den Sinn und auch all das sĂŒndige Verlangen, das er mit ihrem Anblick verband. Er ließ die Feder auf das Papier sinken, und sogleich war mit wehmĂŒtigem Blick und zitternder Hand der nĂ€chste Gedanke des Gedichts aufgeschrieben:

Doch lebt auch im Stein noch ein lebend Verlangen.

Kaum jedoch hatte unser tapferer Liebestoller sein EingestĂ€ndnis in Lettern auf BĂŒtten gebannt, ĂŒberfielen ihn des Stolzes Gedanken und befreiten ihm das betrĂŒbte Herz ein wenig:
Ich weiß nur, dass ich nichts fĂŒhlen will;
Vielleicht steht dann endlich das Warten still.


Es wurde allmĂ€hlich Abend, nachdem Max den ganzen Tag in seiner Kammer mit dem vom kleinen Gedanken verlangten Gedicht verbracht hatte. Zwar fĂŒhlte er sich langsam wieder genesen, doch sein kleiner Gedanke maulte plötzlich herum: „Ich bin doch wahrlich kein heller Gedanke. Ich bestehe darauf, trĂŒb zu sein, also bring’ mich im Gedicht gefĂ€lligst zu Ende. Keine Hoffnung, steter Kummer, ewiger Schmerz, ja, das bin ich, das gefĂ€llt mir. Ich befehle dir, mich zu fĂŒhlen...Los, schreib mich nieder!“, und Max fĂŒhlte, wie der kleine Gedanke in seiner Brust wĂŒhlte, an den Nerven und Muskeln zog. „Ja, du hast Recht, Gedanke, das Leben ist voller Schmerz!“
Voller Inbrunst und mit gramverzerrter Miene ließ er die letzten Zeilen aus der Feder fließen:

Der Wind heult vor den nÀchtlichen Toren,
Als wĂŒrde da draußen nur UnglĂŒck geboren.


Und wie besessen, mit dĂŒsterem Blick und schneller Feder vollendete Max sein Gedicht:
Er klagt wie ein Hund in die Leere hinein
Und stets drÀngen Hunger und Sehnsucht herein.


Es war Nacht geworden und der Mond stand am Himmel, dass Max ihn von seiner Kammer aus sehen konnte. Gerne hÀtte er ihn angeheult, so ergriffen war er von dem, was der kleine Gedanke aus ihm hervorgebracht hatte. Und mit Genuss las er:

Ich fĂŒhle mich tot, als wĂ€r ich erfroren.
Als hÀtt sich die Welt zu sterben verschworen.
Ich grĂŒbe mir gern in die Stille ein Grab
Und warte begraben deine Wiederkehr ab.

Vom langen Warten versteinern die Wangen.
Doch lebt auch im Stein noch ein lebend Verlangen.
Ich weiß nur, dass ich nichts fĂŒhlen will;
Vielleicht steht dann endlich das Warten still.

Der Wind heult vor den nÀchtlichen Toren,
Als wĂŒrde da draußen nur UnglĂŒck geboren
Er klagt wie ein Hund in die Leere hinein
Und stets drÀngen Hunger und Sehnsucht herein.


GlĂŒcklich und zufrieden legte Max um Mitternacht seine Feder nieder und ging zu Bett.



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Wenn man die Ruhe nicht in sich selbst findet, ist es umsonst, sie woanders zu suchen.

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Rainer
???
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habe NICHTS zu meckern

hallo wondering,

ich bin baff: erstens freue ich mich, dass noch jemand dieses gedicht richtig gut findet,und
zweitens deine "interpretation".
ich "sehe" beim lesen eigentlich immer einen alten mann (mÀnnliche betrachtungsweise), der seiner verlorenen frau/freundin/geliebten nachtrauert.
und du wagst es dir, aus diesem gebĂŒckten menschen im nebel, mit tropfender nase und kalten hĂ€nden einen jungspund zu machen .

nun muss ich ĂŒber max dauthendey neu nachdenken - danke.


viele grĂŒĂŸe + bitte mehr davon

rainer


p.s. von mir aus könnte die sprache ruhig noch romantisch-ĂŒberladener sein, vielleicht mit noch mehr "altertĂŒmelnden" begriffen fĂŒr gegenstĂ€nde. aber auch so war es mir schon ein großes vergnĂŒgen


__________________
ist meine, und damit nur EINE Meinung

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wondering
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Hallo Rainer,

ich danke dir fĂŒr deinen netten Kommentar.
Es hat viel Spaß gemacht, diese ErzĂ€hlung zu schreiben und ich war erstaunt, wieviel leichter mir diese Sprache "aus der Feder floß", als es bei manch anderen Texten der Fall ist.
Es war ein Experiment fĂŒr mich und diese mĂŒssen ja nicht unbedingt immer futuristisch sein, dĂŒfen auch mal in die Retro-Schiene springen.

Ein dickes Danke an GabiSils fĂŒr ihr tolles Lektorat

Viele GrĂŒĂŸe
Astrid
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Gandl

AutorenanwÀrter

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Ich grĂŒbe mir gern in die Stille ein Grab

Hi wondering,
so schön. So wunderwunderschööön.
Sprache und Aufbau sind extraklasse.
Ach, Liebesleid...
Ach, das einzige Mittel dagegen: Schreiben.
Vielen Dank (auch fĂŒr das Gedicht)
Liebe GrĂŒĂŸe
Gandl

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wondering
Fast-Bestseller-Autor
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Hallo Gandl,

vielen Dank fĂŒr das Lob. Es gibt sie also doch, die Schreiber von heute, denen diese Sprache gefĂ€llt (wie mir). Das freut mich sehr.
Dein Danke fĂŒr das Gedicht gebe ich gerne in die UnvergĂ€nglichkeit weiter an Max Dauthendey...

Viele GrĂŒĂŸe
wondering
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ScarlettMirro
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wie ein kleiner Gedanke gross wurde ...

Hallo Wondering,

nun muss ich sagen, der Titel allein hĂ€tt' mich nicht zum Bleiben ĂŒberredet, da könntest du schon noch was dran tun .... aber ansonsten !WOW! --- sprachlich unglaublich schon verbunden und obwohl der Text viel Herz-Schmerz und Pathos hat ist die Sprache nicht zu sehr ĂŒberfrachtet...
Barock fÀllt mir dazu ein - ohne es negativ zu meinen!

Ganz ehrlich, ein sehr schöner Text. Vor allem die Leibhaftigkeit des Gedanken finde ich so schön plastisch dargestellt im ersten Absatz schon ...

unglaublich ĂŒberraschend der Inhalt. Toll. Ich werde wohl sehr viel hĂ€ufiger deine Texte lesen u freu mich schon drauf ...

lg
Scarlett
P.S. konnte leider nicht werten ...
__________________
Kritik? Gern sachlich und konstruktiv, aber bitte mit Sahne!

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