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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Die silberne Etagere
Eingestellt am 12. 01. 2008 12:09


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Brise
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2008

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Die silberne Etagere

Mit zaghaften Schritten betritt Carola ihr Wohnzimmer. Da ist sie! Auf der Fensterbank steht die silberne Etagere. Vier Sch├Ąlchen ├╝bereinander, nach oben immer kleiner werdend, ringen sich um einen silbernen Stander, der oben einen kleinen Griff hat, damit die Etagere hochgenommen werden kann ohne dass Fingerabdr├╝cke auf den Silbersch├Ąlchen zur├╝ck bleiben. Die Etagere ist sicher sechzig Zentimeter hoch, wirkt aber sehr filigran, verspielt, sehr klassisch.. Seit die kleine Familie vor kurzem in das alte, geschichtstr├Ąchtige Haus mit den hohen R├Ąumen eingezogen ist, steht die Etagere an dem S├╝dfenster, im Blick ├╝ber den Weinhang und Schlo├čgarten.

Auf der Etagere liegen keine kleinen, feinen Schokoladen, keine Pralinen, keine Bonbons. Die Etagere ist best├╝ckt mit Steinen, Muscheln, getrockneten Bl├╝ten. In der oberen Schale befindet sich nichts.

Seit ├╝ber zwanzig Jahren besitzt Carola diese Etagere. Bekommen hat sie sie nach dem Tod ihrer Gro├čmutter, versprochen wurde sie ihr schon davor, von der Gro├čmutter selbst. Mit ihren Steinen, Muscheln und getrockneten Bl├╝ten. Carolas Gro├čmutter hat die Etagere als einziges Familienerbst├╝ck auf der Flucht aus K├Ânigsberg im Februar 1945 zerlegt mit nach Norddeutschland gebracht. Sie hat sie geh├╝tet, versteckt, besch├╝tzt - mit sehr viel Phantasie. Ein paar Jahre war sie sogar vergraben in einem moorigen Waldst├╝ck, weil sie verborgen werden musste vor neugierigen Blicken, vor Menschen, die meinten, die Fl├╝chtlinge sollten froh sein, ein Dach ├╝ber dem Kopf zu haben, Schmuck, Bestecke, Bilder br├Ąuchten sie nicht zu besitzen. Aus Erz├Ąhlungen in der Familie wei├č Carola, dass es sicher viele Momente gab, in denen die Gro├čmutter stark sein musste, gegen den Drang ank├Ąmpfen musste, die Etagere gegen eine Kartoffelmahlzeit einzutauschen, oder gegen eine Lage Stoff, um daraus Kleidung f├╝r ihre Kinder n├Ąhen zu k├Ânnen. Sie hat es geschafft. Sie hat die Etagere Jahre sp├Ąter mitgenommen in ihre neue Wohnung in Hamburg, hat sie dort auf einen Paradeplatz gestellt, damit ein St├╝ck Heimat geschaffen. Auf verschiedenen Fotografien aus den 60er Jahren ist die Etagere im Hintergrund zu sehen. Immer blinkend, immer poliert.

├ťber viele Jahre best├╝ckte die Gro├čmutter die Etagere. Fast so, wie sie heute best├╝ckt ist. Ihr Leben lang liebte sie Steine und von all ihren Reisen, die sie gemeinsam mit Carolas Gro├čvater unternahm, als es der Familie langsam besser ging, brachte sie einen Stein mit. Einen. Sie war sehr sorgf├Ąltig bei der Suche, schaute genau hin, nahm bewu├čt an einem Tag ihres Urlaubs Zeit, diesen Stein f├╝r die Etagere zu suchen. Von jedem der in der untersten Ebene der Etagere liegenden Steine wu├čte sie die Herkunft und den Tag an dem sie ihn gefunden hatte. Genau so war es mit den Muscheln. Es sind nicht viele, zw├Âlf St├╝ck. Elf Muscheln hat sie gesammelt in all den sp├Ąten Jahren, in denen sie im Sommer mit ihrem Mann nach Sylt gereist ist. Die zw├Âlfte Muschel ist aus Schweden. Gefunden w├Ąhrend eines Landgangs, den sie im Verlauf einer Nordmeerkreuzfahrt unternahmen. Auf der dritten Ebene liegen getrocknete Bl├╝ten, mehrere Rosen, Lavendel, eine Lampionbl├╝te, eine getrocknete Kaktusbl├╝te und andere. Die Bl├╝ten stammen alle entweder aus dem Garten von Carolas Gro├čvaters oder aus zahlreichen Blument├Âpfen ihrer Gro├čmutter, die die Wohnung zierten. Sie hat auch hier sehr genau geschaut, sehr geflissentlich getrocknet und dann ganz genau gewu├čt, aus welchem Jahr welche Bl├╝te ist.

Auf der oberen Ebene lagen solange die Gro├čmutter lebte Pralinen. Carolas Gro├čmutter a├č jeden Nachmittag eine Praline. Sonst keine S├╝├čigkeiten. Nur diese eine Praline t├Ąglich. Sonntags wurde die Etagere erst ges├Ąubert, alle Steine, Muscheln und Bl├╝ten sorgf├Ąltig entstaubt, die Sch├Ąlchen ausgerieben, poliert, dann wieder best├╝ckt und dann kamen sieben handverlesene Pralinen in das oberste Sch├Ąlchen. Der Gro├čvater a├č keine Schokolade, so wurden die Pralinen einzig f├╝r die Gro├čmutter ausgesucht und sonntags dort oben, ├╝ber all den Erinnerungsst├╝cken, ausgelegt. Es waren herrliche Kreationen, dunkle und helle Schokolade umfassten immer andere Kerne aus zartschmelzendem Tr├╝ffel, knackigem Krokant, weichem Marzipan oder zuckriger Creme. Die Pralinen wurden samstags in der Confiserie gekauft. Jede Woche war es ein ehrf├╝rchtiges Ritual und Carola ist sich sicher, in den sp├Ąten Jahren wurden die alten Herrschaften in dem Gesch├Ąft samstags gegen 11h bereits erwartet. Als Kind hat Carola gestaunt ├╝ber so viel Korrektheit, hat sie ehrf├╝rchtig die Etagere betrachtet und sich immer wieder - die Nase ├╝ber dem schokoladigen Duft - erkl├Ąren lassen, woher die Steine oder Muscheln stammten und wann und zu welchem Anlass diese oder jene Bl├╝te geschnitten worden war.

Heute steht die Etagere auf Carolas Fensterbrett. Ihre Gro├čmutter ist schon lange tot. Bis zuletzt hat sie jeden Tag eine Praline gegessen. Auch, als sie sonst wegen ihrer Erkrankung fast nichts mehr essen konnte. Dieses Ritual hat sie aufrecht gehalten, hat sie gef├╝hrt ├╝ber ihr letztes Weihnachtsfest und auch ├╝ber den anschlie├čenden Jahresbeginn. Tapfer war sie. Gefasst hat sie Carolas Mutter damals zugesehen, wenn diese die Etagere f├╝r die neue Woche herrichtete. Selbst war sie zu schwach daf├╝r. Von Woche zu Woche wu├čte die Familie nicht, ob sie noch alle Pralinen w├╝rde essen k├Ânnen. Sie starb schlie├člich an einem Samstag.

Heute ist Samstag und heute hat Carola ein T├╝tchen mit sieben handgefertigten Pralinen gekauft.

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