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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Erdbeermund
Eingestellt am 21. 08. 2010 13:25


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knychen
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Erdbeermund

`
wenn ich jetzt einen Wunsch frei hÀtte
`
denkt er sehnsĂŒchtig
`
dann wĂŒrde ich diese Kassiererin in einen französischen Supermarkt an die Kasse wĂŒnschen. Die wĂŒrde an der Arschruhe der Franzosen verzweifeln
`
Mit ihrer nervigen QuĂ€kstimme nölt sie gerade das Rudiment einer Frage Richtung Kunde: „Paybackcaaard?“ Die alte Dame, an die diese Frage gerichtet ist, scheint sichtlich ĂŒberfordert und schĂŒttelt vorsichtshalber den Kopf.
Erst als schon zwei Leute hinter ihm standen, hatte Karl gemerkt, dass er wieder mal mit traumwandlerischer Sicherheit die unangenehmste und zickigste aller Kassiererinnen erwischt hatte. Diese Unaufmerksamkeit seinerseits stank ihm ein wenig, aber er war seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, hatte in dieser Zeit achthundert Kilometer fast nonstop im Lkw hinter sich gebracht, nebenher einen Reifen gewechselt und fĂŒhlte sich rechtschaffen mĂŒde. Er trug es also mit Fassung.
Seit Mittwoch ging ihm alles schief.
Erst fiel die RĂŒckladung in Barcelona aus und der Alte bekam nichts anderes als dreißig Paletten Erdbeeren nach Berlin. Zu laden bis Donnerstagmittag, allerdings zwischen Avignon und Montelimar. Das war ja an sich in Ordnung - genau die richtige Linie - aber die Ladung war am Donnerstagmittag noch nicht komplett und die letzten zehn Paletten wurden peu a peu von den Landarbeitern angeliefert. So wurde es Abend, bevor er losfuhr – der Entladetermin hatte sich jedoch nicht geĂ€ndert: Samstag, vier Uhr, Großhandelslager Großbeeren bei Berlin. Der Alte hatte am Telefon gesagt, da mĂŒssten „wir“ jetzt durch und spĂ€ter anliefern kommt nicht in Frage: wer braucht schon Samstagmittag Erdbeeren. Also hatte er durchgezogen. Bei Macon flog ihm dann der Reifen an der zweiten Trailer-Achse weg und in Luxemburg musste er ewig an der Tanke warten. War auch so eine Anweisung von oben: Getankt wird Hin- und RĂŒckweg in Luxemburg. „Wir haben nichts zu verschenken.“ In der Eiffel hatte er ein paar Stunden geschlafen, Köln gut passiert, aber auf der Eins Richtung Dortmund wurde die Durchschnittsgeschwindigkeit rapide langsamer. Richtig fett kam es dann nach dem Kamener Kreuz. Auf der Zwei stand er immer wieder mal an den ĂŒblichen Stellen: Großbaustelle bei Hamm, von Porta bis Bad Nenndorf auf die Umgehung wegen einer Vollsperrung und beim Kreuz Wolfsburg-Königslutter hatte es kurz vor ihm gekracht. Konnte er nicht mal mehr runter von der Bahn.
Es wurde schließlich halbfĂŒnf, als er beim EmpfĂ€nger an der Rampe stand. Der Kunde trampelte schon und er als Fahrer musste sich Lahmarschigkeit vorwerfen lassen.
`
egal
`
hatte er sich gedacht und
`
gleich geschafft...'
Den Volvo hatte er noch in die Firma gebracht, die TĂŒren vom KĂŒhler zum LĂŒften weit geöffnet, sich in seinen alten Citroen gesetzt und war um acht Uhr endlich zu Hause angelangt. Er hatte die Post der Woche sortiert, die Werbung in den Karton mit der Aufschrift "Werbung" geschmissen und dann ausgiebig und genĂŒsslich geduscht. Er hĂ€tte einschlafen können unter der Dusche und wĂ€re gern sofort ins Bett gekrochen. Weil er sich jedoch recht gut kannte, wusste er, dass er bis weit in den Abend hinein schlafen wĂŒrde und dass er auf jeden Fall noch einiges einkaufen musste. Rasieren fiel aus, weil er die im französischen Supermarkt ĂŒberteuert gekauften Ersatzklingen im Lkw gelassen hatte. Deswegen lag auch eine Packung Einwegrasierer neben ein paar Kleinigkeiten fĂŒr das Wochenende in seinem Wagen. Eigentlich hĂ€tte fĂŒr das bisschen auch ein Korb gereicht, aber er ist halt Kraftfahrer.
`
seit bald dreißig Jahren schon
`
denkt er gerade.
'
und wo bist du? Auch nicht weiter als vor zwanzig Jahren
`
stĂ¶ĂŸt es ihm ein wenig bitter auf.
Zwei enthusiastische Hochzeiten hat er gefeiert, zwei wunderbare Kinder gezeugt und zwei Scheidungen ĂŒberstanden. FĂŒr den Rest seines Arbeitslebens wĂŒrde ihm nicht mehr Geld bleiben, als wenn er sich ins soziale Netz fallen ließe und den Staat fĂŒr den Unterhalt der Kinder zur Verantwortung zöge. Ein Brief von seiner zweiten Frau war im Kasten gewesen. Zweihundert Euro brĂ€uchte sie extra fĂŒr das Ferienlager der Tochter. Bis spĂ€testens Freitag! Damit war der gestrige Freitag gemeint. Sonst mĂŒsse sie der Tochter sagen, dass der „Papa“ nicht will, dass sie ins Ferienlager fĂ€hrt. Und er konnte sich kaum dagegen wehren, war ja zu selten hier. Weil er den Unterhalt verdienen musste.
Er hatte halt immer das Nachsehen.
Durch diese ganzen Gedanken ein wenig verbiestert, stand der Mann in der Schlange vor der Kasse und wartete ergeben darauf, seine Waren auf das Band legen zu können.
Bei der Wahl des T-Shirts hatte nach dem Duschen der Zufall Pate gestanden und er hÀtte nicht besser wÀhlen können. In verwaschenem Blau steht auf Unigrau:
WAS MACHE ICH HIER EIGENTLICH?
`Das denk ich mir auch oft in letzter Zeit`
denkt sich die junge Frau.
Sie steht an der Kasse bei dieser unsympathischen Kassiererin und ist in eben diesem Augenblick damit fertig geworden, ihren Einkauf auf das Transportband zu legen. Dabei hat sie verstohlen den Mann gemustert, der so völlig in Gedanken hinter ihr steht. Er ist ein wenig grĂ¶ĂŸer als sie, hat dunkelblonde kurze Haare mit einem deutlichen Grau darin, trĂ€gt Diesel-Jeans und Wildlederschuhe ohne Socken. Und eben dieses T-Shirt. Auf ungefĂ€hr fĂŒnfundvierzig schĂ€tzt sie ihn,
‚
fĂŒnfundvierzig plus
‘
aber sie hat auch nicht ĂŒbersehen, dass er ganz schön fertig aussieht, k.o., knĂŒlle, unrasiert und ein wenig eingefallen. Dass so was tĂ€uschen kann beim AlterschĂ€tzen, weiß sie.
'
sieht vielleicht frisch rasiert und ausgeruht aus wie Ende Dreißig
'
War bei ihrem Mann frĂŒher auch so, als er auf Montage gefahren ist. Wenn er Freitagnacht oder SamstagfrĂŒh aus dem tiefsten SĂŒddeutschland nach hause kam, sah er auch manchmal so aus. Dann hatte die Firma Pleite gemacht, er war arbeitslos geworden und eine Weile hatten sie das Beisammensein genossen. Bis - ja – bis der Kleine kam und ihr Mann endlich wieder Arbeit gefunden hatte. Auf dem Bau natĂŒrlich, aber diesmal Berlin und Umgebung.
`
das ist jetzt grad mal vier Monate her
`
denkt sie
`
und er ist ein völlig anderer Mensch geworden...'
Am Anfang war er freitags mit den neuen Kollegen auf zwei, drei Bier in eine Kneipe gegangen. Immer irgendwo in der NĂ€he der jeweiligen Baustelle. Aus den paar Bieren waren ganze Abende geworden und sie hatte zu Hause den Kleinen versorgt und sich mit der Großen beschĂ€ftigt. Kam er dann irgendwann nachts nach hause, stank er nach Kneipe, ĂŒbergab sich manchmal und zweimal hatte er schon Spuren von Lippenstift auf dem Hals. Auf der Wange hĂ€tte sie ja akzeptiert bei den KĂŒsschen-KĂŒsschen-BegrĂŒĂŸungen ĂŒberall heutzutage, aber am Hals – das war ihr zu intim. Er hatte beide Male gesagt, er erinnere sich nicht und das hatte sogar glaubhaft geklungen.
Mechanisch geht sie ihren Waren auf dem Band hinterher.
Der Mann hinter ihr hatte jedenfalls nicht die Nacht durchgesumpft, er riecht frisch. In diesem Punkt ist sie sensibel geworden. Sie ĂŒberfliegt noch mal kurz den Einkauf, bleibt an den Erdbeeren hĂ€ngen.
`
Erdbeeren!...`
denkt sie,
`
jetzt im April! Welch ein Luxus!...`
Es ist schön, wieder ein wenig mehr Geld zur VerfĂŒgung zu haben. Sie hofft, dass ihr Mann inzwischen aus dem Bett wĂ€re, dass sie wenigstens gemeinsam frĂŒhstĂŒcken könnten. Gegen Mittag wollte er wieder los, irgendwo ein Fundament fĂŒr eine Garage gießen. Wahrscheinlich wĂŒrde er sogar ĂŒber Nacht dort bleiben, weil da noch was an der Terrasse gemacht werden mĂŒsse.
`Schatz, wir brauchen das Geld.`
hatte er argumentiert.
`Ja, aber nicht um jeden Preis!`
hÀtte sie am liebsten geschrieen.
Aber sie hatte nichts gesagt, so wie sie meistens nichts sagt.
Und er hat ja recht: kein Geld, keine Erdbeeren, keine Barbie-Zeitung fĂŒr Hanna, kein, kein, kein. Sie wĂŒrde ihm ein großes Stullenpaket machen und hoffen, dass er am morgigen Abend mal wieder Lust hĂ€tte. Lust auf seine Frau und Lust auf sich.
Ihre Tochter, die vorn an dem inzwischen leeren Wagen turnt, hat im Augenblick auf ganz was anderes Lust.
„Mama, darf ich ’ne Erdbeere naschen?“
Der Mann blickt auf, schaut auf das MĂ€dchen, das soeben in die Schale mit den Erdbeeren greift. Anscheinend hat die Mutter die Frage gar nicht registriert. Die junge Frau vor ihm trĂ€gt eine weite grobleinene Hose mit enganliegender hochgeschlossener Taille. Im Farbton irgendwo zwischen Braun und Oliv. DarĂŒber
'...aus der Boutique oder selbstgestrickt...'
einen kurzen Pullover mit weiten Ärmeln. An den FĂŒĂŸen ein paar Sandalen
`...sehen aus wie handgeflochten, wahrscheinlich Mexiko, Urlaubsmitbringsel oder second-hand...'
Die junge Frau ist ein wenig kleiner als er und hat eine sportliche schmale Figur. Ihr Haar wallt in vermutlich gewollt wirren Locken ein StĂŒck ĂŒber die Schultern hinweg.
`...wenn du hÀsslich bist, dreh dich bitte nicht um...`
denkt er und sagt mit ruhiger Stimme zu dem kleinen MĂ€dchen.
„Also ich wĂŒrde diese Erdbeeren nicht ungewaschen essen.“
Das geht der jungen Frau ein klein wenig zu weit. Sie dreht sich zu dem Mann und er ist erschrocken, wie schön sie ist.
Sie ist braungebrannt, hat Sommersprossen in der Farbe ihrer Haare und nur ihr Mund ist geschminkt. Erdbeerrot. Und alles zusammen – das Braun, das Oliv und auch ein wenig Orangerot – das alles sieht auch er in ihren Augen. Er sieht es trotz seiner MĂŒdigkeit und spĂŒrt, wie seine Aufmerksamkeit erwacht.
Sie will sich die Einmischung verbeten, sieht aber im Gesicht des Mannes, wie er jĂŒnger wird und ist verblĂŒfft.
Die MĂŒdigkeit ist weg, da ist helle Wachheit statt MĂŒdigkeit und da sind Falten und FĂ€ltchen statt eingefallener Schlaffheit. Das Gesicht hat eindeutig Konturen bekommen.
’...jetzt sieht er richtig interessant aus...’
denkt sie.
Er wendet den Blick von ihr zu dem kleinen, vielleicht fĂŒnfjĂ€hrigen MĂ€dchen. Das MĂ€dchen ist eine Miniaturausgabe ihrer Mutter, allerdings trĂ€gt sie ein buntes Kleid als ZugestĂ€ndnis an den sommerlichen Tag und darĂŒber eine Jacke als ZugestĂ€ndnis an die reellen Temperaturen. Die Erdbeere hat sie noch in der Hand und die Hand kurz vor dem Mund, aber sie schaut schon ein wenig skeptisch.
„Entschuldigung“ sagt er zu der Frau gewandt „Aber ich habe genau diese Erdbeeren heute frĂŒh auf dem Großmarkt angeliefert und ich hatte direkt beim Kunden geladen...also da, wo die Erdbeeren geerntet wurden..Ă€h...na ja, da sind jedenfalls einige Paletten bei gewesen, die wurden aus ZeitgrĂŒnden nicht mehr gewaschen, also die Beeren natĂŒrlich, nicht die..Ă€h... Paletten....und ich nehme nicht an, dass das ein Erzeuger war, der biologischen Anbau ...Ă€h...Sie verstehen?“
Er ist ganz durcheinander.
„Sind die giftig, wenn man die nich wĂ€scht?“ fragt das MĂ€dchen.
„Nee, giftig nicht direkt“ antwortet er zu der Kleinen gewandt „aber ich nehme an, man kann da so Ausschlach von kriegen. Auf der Haut, verstehst du?“
„Was iss’n Ausschlach?“
„Na da kriegt man Flecken oder Pickelchen auf der Haut, denke ich mir. Ich kenn mich da nicht so aus.“
Bei diesem GesprĂ€ch ĂŒberfliegt er kurz den Einkauf der schönen Frau.
Packung Wiener
'...klar, gehört in jeden Haushalt mit Kindern...'
ein Paket von der Fleischtheke, zwei Packungen fettreduzierte GeflĂŒgelwurst, ein SechsertrĂ€ger kleine Pils, Flasche RosĂ© aus dem mittleren Preissegment, Brötchen zum Aufbacken, Slipeinlagen, eine Schale Erdbeeren, eine KleinemĂ€dchenzeitschrift,
'...zumindest der Farbe nach...'
Milch, eine ganzes Display voller Kindernahrung in bunten GlÀsern
'...aha...da ist also noch ein Kind, Familienplanung wahrscheinlich abgeschlossen, wahrscheinlich bis sicher auch ein Mann, das dicke Wurstpaket war garantiert nicht fĂŒr sie, bei dem Bier konnte man nicht wissen, echte BrĂ€une hat sie auch, wahrscheinlich Reihenhaus mit Garten oder Wohnung mir großzĂŒgigem Balkon, aber eher Garten....verflucht!... ist die hĂŒbsch...was hat die Kleine grad gesagt?..’
Er bekommt eben noch mit, dass das MĂ€dchen mit den Worten
„Ich hab schon so einen Fleck“
den TrĂ€ger ihres Kleidchens zur Seite schiebt, den Ausschnitt nach unten zieht und ein braunes PĂŒnktchen etwas oberhalb ihrer mageren linken Brust zur Schau stellt.
„Hanna!“ rĂŒgt ihre Mutter halbherzig.
Er bedeckt mit ĂŒbertrieben gespieltem Erschrecken seine Augen und grinst.
"Nicht doch! Das ist nur ein belangloser und dafĂŒr umso hĂŒbscherer Leberfleck. Ich wĂŒrd ihn an deiner Stelle aber nicht ĂŒberall rumzeigen."
’...eigentlich grinst er gar nicht, sondern lĂ€chelt...’
findet die Mutter.
WĂ€hrend ihre Tochter sich mit dem Mann unterhielt, war sie neugierig mit den Augen ĂŒber seinen kleinen Einkauf gescannt.
Zwei eingeschweißte Rindersteaks, eine Packung Salatherzen, ein Beutel Einwegrasierer – '...Rasieren tat not, Einwegrasierer passten nicht zu ihm...'
SchafskÀse, ein Krustenbrot, Birnensaft
'...schwer zu sagen, ob er fĂŒr sich allein einkauft oder so wie sie den großen Wochenendeinkauf ergĂ€nzt...’
Erstaunt stellt sie offensichtliches Interesse fĂŒr diesen fremden Mann fest.
Ihre Tochter hatte gerade wieder Kleid und Jacke gerichtet, zeigt aber mit dem Finger nochmals auf die Stelle an der Brust und sagt:
"Mama hat da auch einen."
Die Frau schaut den Mann an, der Mann schaut die Frau an, vier Augenbrauen wandern synchron nach oben.
"HANNA!!" kommt es jetzt mit Nachdruck von der Frau.
Er blickt interessiert in das Regal mit den Tabakwaren und pfeift so, wie man pfeift, wenn man sich uninteressiert stellt und trotzdem das Komische einer Situation genießt.
'...steht ihr toll, die leichte Röte...'
stellt er fest.
"Da fehlt aber noch ein guter Wein zu dem Candlelight-Diner..."sagt sie ablenkend und nickt ĂŒber seinen Einkauf hinweg.
"Nicht wirklich“, antwortet er und fĂŒhlt sich wieder auf sicherem Boden, "den hol ich mir aus dem Keller, wenn es soweit ist. Ist ĂŒbrigens kein Candlelight-Diner, gab nur leider keine einzelnen Steaks. Aber ich denke, ich werde mir mit einem Villages aus dem unteren Rhonetal auch das zweite Steak noch irgendwie reinquĂ€len können. Wahrscheinlich nehme ich einen 98er von der Domaine du Pigeonnier aus Saint Alexandre. Malerisches französisches HĂŒgeldorf an der..."
Er verstummt mitten im Satz.
'...warum hat sie bloß plötzlich diesen bohrenden Blick?...'
denkt er.
'...Saint Alexandre...Alexandre...'
klingt es in ihr nach. Ihr Gehirn spult in Millisekunden einen etwa zwei Wochen zurĂŒck liegenden Abend vor ihrem inneren Auge ab. Sie hat das GefĂŒhl, eine GesprĂ€chssequenz des Abends hat mit der jetzigen Situation zu tun. Sie zoomt sich heran...
'...freundin susan...esoteriktrip....netter weiberabend...wahrsagerin.....reimform....
....Reimerin...

Die Reimerin wurde sie genannt und sie las den anderen GĂ€sten bei Susan auf Wunsch in einer stillen Ecke der Wohnung aus der Hand. Sie selbst, Alexandra, kann mit solchem Hokuspokus nichts anfangen und war demonstrativ in die KĂŒche gegangen. Dort hatte sie am Fenster gestanden, einen Rotwein in der Hand, und ins Nichts gestarrt.
'...wĂ€r schon manchmal toll, wenn man wĂŒsste, was die Zukunft so bringt...'
Bis plötzlich eine angenehm tiefe weibliche Stimme dicht neben ihr gesagt hatte:
"Na? Glaubst nicht dran, stimmt's?"
Sie hatte der Reimerin ins Gesicht geschaut und noch schnell einen Schluck Roten genommen.
Das fest geplante "Nein" kam recht brĂŒchig. Die Reimerin wusch sich ihre HĂ€nde an der SpĂŒle und benutzte dafĂŒr SpĂŒlmittel.
'...das hat Mutter auch immer so gemacht...'
war es ihr durch den Kopf gegangen und plötzlich war da eine andere AtmosphĂ€re. Die Reimerin hatte sich auf die Tischkante gesetzt, die langen Haare mit gleichmĂ€ĂŸigem Schwung nach links und rechts ĂŒber die Schulter geworfen und ihr dann angeboten:
"Pass auf, ich schau mir mal deine linke Hand kurz an und wenn ich was Schönes entdecke, sag ich es dir. Schaden kann's nix und kosten tut's auch nix. Und wenn ich nichts sage, heißt das ja nicht automatisch, dass ich was Schlechtes gesehen habe. Vielleicht war ja dann auch gar nichts zu sehen. Und wenn du im ersten Moment denkst, es könnte was Schlechtes sein, wenn ich nichts sage, dann schaltest du einfach wieder das rationale Denken ein und alles ist wie vorher."
Da hatte sie ihr ein wenig trotzig die Linke hingestreckt. Die Reimerin hatte die Hand in ihre frischgewaschenen und schon wieder ganz trockenen und warmen HĂ€nde genommen, hatte ihr die Finger gebeugt und dann wieder gerade gestrichen, war mit den Fingerkuppen mit sanftem Druck ĂŒber die gesamte InnenflĂ€che ihrer, Alexandras, Hand und dann in einer wiederkehrenden Reihenfolge die Linien darauf entlang gefahren. Es hatte nicht unangenehm gekribbelt und dann hatte die Reimerin gefragt, ob mit den Kindern alles in Ordnung sei. Ob das nicht in der Hand stĂŒnde, hatte sie provokativ gefragt. Nein, hatte die Reimerin geantwortet und war dabei ganz entspannt geblieben, wie es den Kindern ginge, könnte sie – wenn ĂŒberhaupt – nur aus deren HĂ€nden erkennen. Sie sehe nur, dass sie eine Ă€ltere Tochter mit viel MĂŒhe und Schmerzen und einen noch ganz jungen Sohn exakt nach Zeitplan und ohne Drumherum entbunden habe. Und genau so war es ja auch gewesen mit den Kindern.
Dann hatte die Reimerin ihre Hand noch einmal zwischen ihre HĂ€nde genommen, ganz sanft und irgendwie angenehm entspannend, hatte sie dann los gelassen und gesagt:
"Neues GlĂŒck wird dich erreichen..."
Dabei war sie dann schon Richtung TĂŒr gegangen, hatte sich dort noch mal umgedreht und vollendet:
"...und der Name ist das Zeichen."
'...Neues GlĂŒck wird dich erreichen und der Name ist das Zeichen.....Name...Zeichen...'

Sie blÀst sich eine nicht vorhandene Locke aus der Stirn.
'...kann er wissen, dass ich Alexandra heiße?...'
Sie stehen sich mit einem halben Meter Distanz gegenĂŒber, die Tochter ist in ihre Aufgabe vertieft, die gescannte Ware in den Korb zu legen.
Er schaut erstaunt in das ihm voll zugewandte Gesicht.
'...WAS hab ich gesagt?...ihre Augen...was suchen die in meinem Kopf?...'
Sie weiß, sie brĂ€uchte jetzt bloß fragen, wo dieser Wein heute Abend auf den Tisch kommt.
'„,Hanna und Timmy nimmt Mutter...hat sie schon immer angeboten...und ihr Mann?....hat doch schon ewig gesagt: Geh doch auch mal wieder ne Runde um die Blöcke!...Ich muss den Mann nur fragen, wo dieser Wein heute....'
"Können wir jetzt mal weiter machen? Hier warten schließlich noch mehr Leute. Paybackcard? siebenundzwanzigfĂŒnfunddreißig! Karte?"
Automatisch hat die Frau sich der Rede der Kassiererin zugewandt, reicht nun ihre Karte rĂŒber und wirft einen Seitenblick auf den Mann.
Er sieht ihr an, dass sie noch etwas sagen will.
"Fertig!" ruft Hanna und die Frau wĂŒrde am liebsten alles noch mal heraus rĂ€umen, um Zeit zu gewinnen. Sie unterschreibt den Bon und nun gibt es keinen plausiblen Grund mehr fĂŒr sie, zu warten. Nicht mit der Tochter dabei. Hanna schiebt mit dem Korb zur Tiefgarage und dann folgt die Frau ihrer Tochter – erst langsam, zögernd, dann zĂŒgig und mit festem Schritt.
Sie hat wie immer nichts gesagt.
Er hofft wĂ€hrenddessen, dass er schnell an der Kasse durch kommt. Er will die schöne Frau nebst Tochter auf ein unverfĂ€ngliches Eis einladen und dann wĂŒrde sich schon Gelegenheit fĂŒr ein kurzes GesprĂ€ch ergeben. Er will wissen, was das eben fĂŒr eine seltsame Situation war.
Aber es kommt nicht so. Der Strichcode bei den Steaks lĂ€sst sich nicht einlesen und dann ist die Bonrolle am Ende und auch wenn das Auswechseln nicht lange dauert – in der Summe lĂ€uft es darauf hinaus, dass die schöne Frau verschwunden ist, als er mit seinem Einkauf in der TĂŒte vor der Entscheidung steht: Rolltreppe oder Tiefgarage?
Denn er hat nicht gesehen, wohin sie entschwunden ist.
So wie er immer das Nachsehen hat.

__________________
kny

Version vom 21. 08. 2010 13:25
Version vom 22. 08. 2010 02:46

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Ralph Ronneberger
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Hallo knychen,

dass deine Geschichten gut sind, ist ja (zumindest fĂŒr mich) nichts Neues. Aber die hier ist saugut!
In Erwartung einer lĂ€ngeren ErzĂ€hlung hatte ich mir den Text herunter geladen, die AnschlĂ€ge zĂ€hlen lassen und mich auf eine ellenlange ErzĂ€hlung gefasst gemacht. Dabei ĂŒbersah ich, dass ich ja alle drei Versionen kopiert hatte. Deshalb war ich ĂŒberrascht, wie schnell die Geschichte zu Ende ging. Und enttĂ€uscht. Ich hĂ€tte den beiden sympatischen Menschen ihr GlĂŒck gegönnt. Aber trotzdem (oder gerade deshalb?) fand ich den Schluss toll.
Ein paar kleine Anmerkungen:
Die Art, in der du die wörtliche Rde zerhackst, finde ich ungewöhnlich. Gewollt?
Besonders am Anfang des Textes fiel mir die HĂ€ufung von Hilfverben (war, hatte, wurden) auf. Vielleicht lassen die sich mit etwas Geschick noch ein wenig reduzieren.
Das Àndert aber nichts an meiner Begeisterung.

Gruß Ralph
__________________
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Ralph Ronneberger
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Hallo knychen,
fast fĂŒnf Jahre hat es gedauert, bis die "Erdbeere" gereift ist - zum Werk des Monats. GlĂŒckwunsch.

Gruß Ralph
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Schreib ĂŒber das, was du kennst!

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