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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Georg
Eingestellt am 17. 05. 2006 21:02


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nisavi
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Memory is the diary that we all carry with us.
(Oscar Wilde: The Importance of being Earnest)

Georg war wach, der L├Ąrm der Flugzeuge, die zur Landung im nahegelegenen Tegel ansetzten, hatte ihn unsanft aus dem Schlaf gerissen.
Er verharrte reglos mit geschlossenen Augen .Vielleicht konnte er so die verschwimmenden Nachtbilder und ihre leisen T├Âne am Fliehen hindern.
Stimmgewirr drang an sein Ohr, Geschirrklappern war zu h├Âren, es roch nach frisch gebr├╝htem Kaffee - die Ger├Ąusche und Ger├╝che des Morgens tr├Âpfelten in seine Traumfragmente wie die Elektrolytl├Âsung in seine Venen.
Er versp├╝rte den Wunsch, sich die Kan├╝le aus dem Arm zu rei├čen, hatte Lust, Tassen, Teller und Sch├╝sseln zu zerschlagen. Es sollte einfach still sein.
Der bittere Geschmack des Morgens verursachte ihm ├ťbelkeit.

Fr├╝her, als sie noch als ├ärztin in der Klinik arbeitete, hatte sie gern lange geschlafen. Seit sie jedoch Rentnerin, war, Pension├Ąrin, wie es vornehm hie├č, erwachte sie stets fr├╝h. Sie stand dann vorsichtig auf, ging leisen Schrittes in den Wintergarten, setzte sich, geh├╝llt in ein orangefarbenes Wollplaid, in einen abgewetzten alten Sessel und beobachtete aus halbge├Âffneten Augen, wie sich die D├Ąmmerung vom Glashaus fangen lie├č.
Sie liebte diese gr├╝nen Stunden, in denen die Amseln zu zwitschern begannen und lauschte dem Donnern der S-Bahn-Z├╝ge in der Ferne. Die Nachbarn ├Âffneten scheppernd ihr Garagentor und fuhren zur Arbeit. Eilige Schritte waren zu h├Âren, die Stimmen der Passanten kamen n├Ąher ÔÇô hin und wieder verstand sie sogar einzelne Worte der morgendlichen Konversationen ÔÇô entfernten sich und f├╝gten sich in den Rhythmus des erwachenden Morgens.
Manchmal, wenn die Regentropfen eine monotone Melodie in die Scheiben trommelten, kam es vor, dass sie noch einmal einschlief. Sie erwachte dann mit dem Gef├╝hl, das Wichtigste vom Tag, sein Werden, verpasst zu haben.
Erst wenn es ganz hell geworden war, erhob sie sich, streifte die Decke ab und bereitete in der K├╝che das Fr├╝hst├╝ck.

Er war wieder der an Windpocken erkrankte sechsj├Ąhrige Junge gewesen, der schwitzend und mit juckender Haut im Dunkel des elterlichen Schlafzimmers lag. Von Zeit zu Zeit tauchte er aus Halluzinationen auf: allein und verlassen f├╝hlte er sich. Er rief nach der Mutter, die in der benachbarten K├╝che hantierte. Geduldig antwortete sie ihm jedes Mal mit sanfter Stimme, zuweilen trat sie an sein Bett und legte ihre k├╝hle wei├če Hand auf seine Stirn.
Er d├Ąmmerte dann hin├╝ber in andere, hitzige Fiebertr├Ąume.
Auto war er gefahren, rasant und schnell, vorbei an abgeernteten Getreidefeldern. Aus den Augenwinkeln hatte er Greifv├Âgel wahrgenommen, sie sa├čen an den Rainen wie stumme W├Ąchter und schienen ihn zu beobachteten.

Der Duft des Kaffees lockte auch ihren Mann aus dem Bett. Mit schlurfenden Schritten, die Zeitung in der Hand, kam er in die K├╝che und setzte er sich an den gedeckten Tisch. Sie fr├╝hst├╝ckten ausgiebig, meist schweigend. Die Uhr tickte; wenn ihr Mann eine Seite umbl├Ątterte, blickte er kurz auf. Er studierte als erstes den Sportteil, sie widmete sich den Kulturnachrichten und l├Âste anschlie├čend R├Ątsel.
Heute jedoch war sie nicht bei der Sache. Es fiel ihr schwer, sich auf S├Ątze, W├Ârter, Buchstaben und Zahlen zu konzentrieren. Drei waagerecht: ein Raubvogel mit sieben Buchstaben. Immer wieder musste sie an den gestrigen Anruf denken.
Zwei senkrecht: ein 1774 entdecktes chemisches Element.
Sie hatte vergeblich versucht, der Stimme am anderen Ende der Leitung ein Gesicht zu geben.

Er ahnte, dass er die heraufbeschworenen Erinnerungen allm├Ąhlich an das Tageslicht verlor, hinter seinen geschlossenen Lidern erhellte es bereits den gesamten Raum.
Wenn er die Augen ├Âffnete, w├╝rde er den Efeustuck an der Decke erblicken. Er konnte den Blick zu den alten Kleiderschr├Ąnken wandern lassen, von denen die Farbe abbl├Ątterte. Er w├╝rde den Schreibtisch sehen, auf dem seine Frau Medikamente und Pflegeutensilien lagerte. Den Rollstuhl, der es ihm erm├Âglichte, an den wenigen guten Tagen das Haus zu verlassen. Ein Sauerstoffger├Ąt, das f├╝r Erleichterung sorgte, wenn er Probleme mit der Atmung hatte.
Noch aber war er nicht bereit f├╝r den Anblick eines Krankenzimmers.
Georg nahm all seine Kraft zusammen und versuchte ein letzten Traumfetzen zu fassen. Zu seiner Verwunderung gelang ihm das auf Anhieb. F├╝r Bruchteile von Sekunden schaute er in das Gesicht eines M├Ądchens. Er erkannte sie sofort: Martha.

Sie w├Ąre die Ehefrau eines ehemaligen Mitsch├╝lers, erkl├Ąrte die Anruferin.
Ihr Name klang fremd.
Lag vielleicht eine Verwechslung vor? Nein, nein, beteuerte die Frau fast ├Ąngstlich, dies sei ausgeschlossen. Sie beschrieb die Erweiterte Oberschule einer brandenburgischen Kleinstadt und sprach vom damaligen Klassenleiter.
Undeutlich spiegelte sich ein Backsteingeb├Ąude im K├╝chenfenster. Das Treppenhaus dort roch unangenehm muffig. Schritte hallten. Eine T├╝r wurde zugeschlagen.
Was wollte dieser Mitsch├╝ler von ihr, nach all den Jahren? Wie hatte er sie ausfindig gemacht? Wenn die Angaben stimmten, war sie lediglich ein paar Jahre mit ihm zur Schule gegangen.
Er wolle sich mit ihr treffen, in einer bestimmten Angelegenheit. Die Stimme der Frau hatte einen fast beschw├Ârenden Ton jetzt. Es sei wichtig, wirklich wichtig. Der Krebs ihres Mannes schreite voran, so dass die Zeit dr├Ąnge.
Wann es ihr passen w├╝rde?

Der Kranke schlug die Augen auf und drehte sich vorsichtig auf die Seite. Sein Herz schlug unregelm├Ą├čig, er holte tief Luft.
Wie oft mochte er im Laufe seines Lebens von diesem M├Ądchen getr├Ąumt haben?
Es hatte Phasen gegeben, in denen sogar ihr Name verblasst war: bei der Armee, im Studium, w├Ąhrend der ersten Ehejahre.
Dann aber kehrten die zwei Silben in sein Ged├Ąchtnis zur├╝ck und Martha blickte aus gro├čen blauen Augen in seinen Schlaf, fragend und verst├Ąndnislos, so wie damals.

Warum sie zugesagt hatte? Sie wusste es nicht. Vermutlich war es der bittende Ton in der Stimme der Frau gewesen. M├Âglicherweise hatte auch die Erw├Ąhnung der Krankheit des ehemaligen Mitsch├╝lers dazu gef├╝hrt, dass sie einer Zusammenkunft zugestimmt hatte.
Sie war neugierig und sie hatte Zeit, viel Zeit.
Die Gastst├Ątte, in der sie sich treffen w├╝rden, lag in einer belebten Stra├če unweit des Zentrums.
Ihr Mann blickte auf, als sie Zeugnisse und alte Fotos vom Boden holte.
Vergilbte Aufnahmen vom Schulanfang: Zopfm├Ądchen in gebl├╝mten Sommerkleidern, die krampfhaft zu l├Ącheln versuchten. Jungen, die sich m├╝hten, gerade zu stehen. Einer von ihnen musste er sein.
Aufnahmen von einer Klassenfahrt hatte sie gefunden. Damals war sie 15 gewesen, sie waren nach Weimar gefahren, hatten das Goethe haus im Ilmpark besucht. Sie erkannte die Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald.
Wenige Wochen nach dieser Exkursion hatte sie die Schule verlassen m├╝ssen.

Der Direktor der EOS, ein grobschl├Ąchtiger Mann mit rotem, narbigen Gesicht, hatte erkl├Ąrt, warum Martha nicht l├Ąnger Sch├╝lerin seiner Schule sein d├╝rfe. Sie w├╝rde ihren Platz im Leben finden, gewiss. Er w├╝nsche ihr dies von Herzen. Als Christin und Nichtmitglied der FDJ k├Ąme ihr, und das w├╝rde sie sicher verstehen, keine gr├Â├čere Rolle bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft zu. Da bed├╝rfe es tatkr├Ąftiger, ideologisch geschulter Menschen. Stolz verwies er auf die hohe Zahl von Berufsoffiziersbewerbern unter den Abiturienten, auf Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler, die bereits den Antrag auf Aufnahme in die SED gestellt h├Ątten und auf Schulabg├Ąnger, die an den ausgezeichneten p├Ądagogischen Hochschulen des Landes studierten.
Die Stimme des Mannes ├╝berschlug sich vor Begeisterung und er wischte sich mit einer schnellen Handbewegung den Speichel von den Lippen.
Zufrieden verlas er eine Erkl├Ąrung, in der sich auch Lehrerkollegium und Sch├╝lervertreter f├╝r den Schulausschluss von Martha aussprachen. Sie empfahlen den Wechsel an eine polytechnische Oberschule und w├╝nschten viel Erfolg f├╝r ihr weiteres Leben.
Auch er, Georg, geh├Ârte zu den Unterzeichnern des Dokumentes. Als einer der ersten hatte er seinen Namen mit schwarzer Tinte darunter gesetzt.

Martha sa├č allein in einer Bank, wie hinter einer Glasscheibe. Sie trug einen rostfarbenen Strickpullover und hatte ihre langen blonden Haare zu Z├Âpfen geflochten. Den Blick hielt sie gesenkt. Es sollte einfach vorbei sein.
Dunkle, filzige Stille kroch aus den Scheuerleisten. Die Mitsch├╝ler schwiegen und die anwesenden Lehrer, die meisten von ihnen trugen das blaue Hemd mit der aufgehenden Sonne, blickten hilfesuchend zum Schulleiter. ER musste die Aussprache beenden, sonst w├╝rde keiner es wagen, den Raum zu verlassen.
Pausenklingeln. Eine andere Klasse verlie├č l├Ąrmend das Nachbarzimmer.
Schlie├člich erhoben sich auch einige der Lehrer. F├╝r sie war der Fall, dem zahlreiche Parteiversammlungen und Beratungen vorausgegangen waren, abgeschlossen.
Einige der Sch├╝ler folgten ihnen gebeugt-hastig, ohne sich noch einmal umzusehen. Auf dem Flur entkamen sie endlich dem Schweigen, indem sie belanglose Gespr├Ąche begannen.
Andere gingen langsam und nachdenklich aus dem Zimmer. Viele sahen verstohlen zur├╝ck:
Martha sp├╝rte ihre Bussardblicke.

Georg hatte nach dem Direktor als letzter den Raum verlassen und sich erst an der T├╝r umgedreht. Martha hob den Kopf und sah ihn aus gro├čen blauen Augen an: fragend, verst├Ąndnislos und traurig.
Er hatte sie nie wieder gesehen in der Kleinstadt am Rande des Spreewaldes.
Keiner seiner Freund erw├Ąhnte in den folgenden Jahren auch nur ihren Namen. Es war, als h├Ątte es die Versammlung nie gegeben.
Georg bestand wie die meisten seiner Altersgenossen das Abitur und erhielt sein Abschlusszeugnis aus den H├Ąnden des rotgesichtigen Direktors.
Nach Ableistung der Zeit bei der NVA wurde er Jurastudent, weil er glaubte, etwas bewegen zu k├Ânnen.
Auf einer Reise an die bulgarische Schwarzmeerk├╝ste lernte er eine Psychologiestudentin kennen, die seine Frau wurde. Sie war ein sanftes M├Ądchen gewesen, klug, belesen und eigenwillig. Es gab ein Schwarzwei├čfoto von ihr aus dieser Zeit. Wenn er es betrachtete, roch er das Meer und den Duft ihrer jungen Haut.
Die Ehe war kinderlos geblieben.
Seine Frau war die einzige, der er jemals von seinen Bedenken erz├Ąhlt hatte, irgendwann. Dabei hatte er verschwiegen, dass ihn das Tribunal im Klassenzimmer immer verfolgte.
Er hatte daran denken m├╝ssen, als Panzer ├╝ber Alleen rollten. Martha hatte ihn in sein B├╝ro im Ministerium begleitet und er war ihr w├Ąhrend seiner Diplomatenzeit in Genf begegnet. Er erinnerte sich an ihre geflochtenen Z├Âpfe, wenn die Nichten im Garten spielten.

Der Mann, der sich ihr unsicher l├Ąchelnd zuwandte, als sie das Restaurant betrat, war ihr fremd. Er hatte nicht mehr lange zu leben. Finalstadium. Wie oft hatte sie kranke Menschen und deren Angeh├Ârige durch diese Phase des Erstickens und der Schmerzen begleitet? Manchmal hatte sie geglaubt, die Ohnmacht nicht mehr ertragen zu k├Ânnen.
Unendlich langsam stand Georg auf und begr├╝├čte Martha schweigend. Ganz zart und warm war seine Hand, wie die eines Kindes.
Alle Zweifel eines Lebens hatten sich in sein Gesicht eingegraben. Die Z├╝ge um den Mund herum waren bitter. In den unnat├╝rlich gro├čen Augen jedoch las sie, dass er das Vergehen seines Tages angenommen hatte.
Verlegen fuhr er sich durch das sch├╝ttere graue Haar. Dann begann er zu sprechen, fl├╝sternd. Sie wusste: jedes dieser Worte hatte er sich hundertfach in seiner Dunkelheit, in Fiebertr├Ąumen und Schmerzen, zurechtgelegt.
Er bat sie um Verzeihung. Um Verzeihung daf├╝r, dass er ihren Schulaussschluss in seiner Funktion als FDJ-Sekret├Ąr bef├╝rwortet hatte.
Sie wiegelte nicht ab. Martha beugte sich nach vorn, um besser verstehen zu k├Ânnen: sie h├Ârte ihm zu.
Als die Stimme des Mannes schlie├člich versagte, legte sie ihre k├╝hle Hand auf die seine. Es war ganz still.
Dann erz├Ąhlte sie ihm, wie sie mit ihren Eltern die Republik verlassen hatte und nach Westberlin gezogen war. Sie erw├Ąhnte ihr Abitur, das Medizinstudium in T├╝bingen, ihren Mann, die Kinder.
Als sie Georg`s Frau in der T├╝r stand, verabschiedeten sie sich. Sie tat etwas, was sie gew├Âhnlich vermied: sie umarmte den Mann. Es war so leicht gewesen.

Die Flugzeuge starteten und landeten auf dem Flughafen.
Georg war wach. Er beobachtete, wie sich das gr├╝ne Licht des Morgens im Zimmer fing und h├Ârte, wie Regentropfen eine Melodie an die Fensterscheiben trommelten. Es wurde hell.
Sein Tag verging.


__________________
On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

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Ralph Ronneberger
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Hallo nisavi,
erst mal mein Kompliment f├╝r diese kleine gelungene Erz├Ąhlung, in der ein gro├čes Thema steckt. Erz├Ąhlt wird hier in zwei Perspektiven, wobei die Wechsel manchmal so flie├čend erscheinen, dass man im Kopf fast das Umschalten vers├Ąumt.
Auch stilistisch ÔÇô oder besser gesagt ÔÇ×handwerklichÔÇť ÔÇô hat mir der Text sehr gut gefallen. So wird er dem Anspruch an eine Erz├Ąhlung gerecht. So sehe ich das zumindest. Ein paar Kleinigkeiten, die mir auffielen, habe ich unten angemerkt. Auch ein paar inhaltliche Dinge musste ich einfach hinterfragen ÔÇô nicht weil ich die Aussagen anzweifele, sondern weil einige Details aus der Zeit der Handlung f├╝r mich neu bzw. ungew├Âhnlich erschienen.
Alles in allem eine runde Sache, die f├╝r mich nur ein einziges Manko hat ÔÇô es h├Ątte ein wenig mehr sein k├Ânnen. Aber da haben andere User sicherlich auch eine ganz andere Meinung.

Gru├č Ralph


Georg war wach. Der L├Ąrm der Flugzeuge, die zur Landung im nahegelegenen Tegel ansetzten, hatte ihn unsanft aus dem Schlaf gerissen.
Er verharrte reglos mit geschlossenen Augen .Vielleicht konnte er so die verschwimmenden Nachtbilder und ihre leisen T├Âne am Fliehen hindern.
Stimmgewirr drang an sein Ohr, Geschirrklappern war zu h├Âren, es roch nach frisch gebr├╝htem Kaffee ÔÇô die Ger├Ąusche und Ger├╝che des Morgens tr├Âpfelten in seine Traumfragmente wie die Elektrolytl├Âsung in seine Venen. (Das finde ich sehr gut)
Er versp├╝rte den Wunsch, sich die Kan├╝le aus dem Arm zu rei├čen, hatte Lust, Tassen, Teller und Sch├╝sseln zu zerschlagen. Es sollte einfach still sein.
Der bittere Geschmack des Morgens verursachte ihm ├ťbelkeit.

Fr├╝her, als sie noch als ├ärztin in der Klinik arbeitete, hatte sie gern lange geschlafen. Seit sie jedoch Rentnerin, war, Pension├Ąrin, wie es vornehm hie├č, erwachte sie stets fr├╝h. Sie stand dann vorsichtig auf, ging leisen Schrittes in den Wintergarten, setzte sich, geh├╝llt in ein orangefarbenes Wollplaid, in einen abgewetzten alten Sessel und beobachtete aus halbge├Âffneten Augen, wie sich die D├Ąmmerung vom Glashaus fangen lie├č.
Sie liebte diese gr├╝nen Stunden, in denen die Amseln zu zwitschern begannen und lauschte dem Donnern der S-Bahn-Z├╝ge in der Ferne. Die Nachbarn ├Âffneten scheppernd ihre Garagentore und fuhren zur Arbeit. Eilige Schritte waren zu h├Âren, die Stimmen der Passanten kamen n├Ąher ÔÇô hin und wieder verstand sie sogar einzelne Worte der morgendlichen Konversationen ÔÇô entfernten sich und f├╝gten sich in den Rhythmus des erwachenden Morgens.
Manchmal, wenn die Regentropfen eine monotone Melodie in (auf?) die Scheiben trommelten, kam es vor, dass sie noch einmal einschlief. Sie erwachte dann mit dem Gef├╝hl, das Wichtigste vom Tag, sein Werden, verpasst zu haben.
Erst wenn es ganz hell geworden war, erhob sie sich, streifte die Decke ab und bereitete in der K├╝che das Fr├╝hst├╝ck.

Er war wieder der an Windpocken erkrankte sechsj├Ąhrige Junge gewesen, der schwitzend und mit juckender Haut im Dunkel des elterlichen Schlafzimmers lag. Von Zeit zu Zeit tauchte er aus Halluzinationen auf: allein und verlassen f├╝hlte er sich. Er rief nach der Mutter, die in der benachbarten K├╝che hantierte. Geduldig antwortete sie ihm jedes Mal mit sanfter Stimme, zuweilen trat sie an sein Bett und legte ihre k├╝hle wei├če Hand auf seine Stirn.
Er d├Ąmmerte dann hin├╝ber in andere, hitzige Fiebertr├Ąume.
Auto war er gefahren, rasant und schnell, vorbei an abgeernteten Getreidefeldern. Aus den Augenwinkeln hatte er Greifv├Âgel wahrgenommen, sie sa├čen an den Rainen wie stumme W├Ąchter und schienen ihn zu beobachteten.

Der Duft des Kaffees lockte auch ihren Mann aus dem Bett. Mit schlurfenden Schritten, die Zeitung in der Hand, kam er in die K├╝che und setzte er sich an den gedeckten Tisch. Sie fr├╝hst├╝ckten ausgiebig, meist schweigend. Die Uhr tickte; wenn ihr Mann eine Seite umbl├Ątterte, blickte er kurz auf. Er studierte als erstes den Sportteil, sie widmete sich den Kulturnachrichten und l├Âste anschlie├čend R├Ątsel.
Heute jedoch war sie nicht bei der Sache. Es fiel ihr schwer, sich auf S├Ątze, W├Ârter, Buchstaben und Zahlen zu konzentrieren. Drei waagerecht: ein Raubvogel mit sieben Buchstaben. Immer wieder musste sie an den gestrigen Anruf denken.
Zwei senkrecht: ein 1774 entdecktes chemisches Element.
Sie hatte vergeblich versucht, der Stimme am anderen Ende der Leitung ein Gesicht zu geben.

Er ahnte, dass er die heraufbeschworenen Erinnerungen allm├Ąhlich an das Tageslicht verlor (verlieren w├╝rde), hinter seinen geschlossenen Lidern erhellte es bereits den gesamten Raum.
Wenn er die Augen ├Âffnete, w├╝rde er den Efeustuck an der Decke erblicken. Er konnte den Blick zu den alten Kleiderschr├Ąnken wandern lassen, von denen die Farbe abbl├Ątterte. Er w├╝rde den Schreibtisch sehen, auf dem seine Frau Medikamente und Pflegeutensilien lagerte. Den Rollstuhl, der es ihm erm├Âglichte, an den wenigen guten Tagen das Haus zu verlassen. Ein Sauerstoffger├Ąt, das f├╝r Erleichterung sorgte, wenn er Probleme mit der Atmung hatte.
Noch aber war er nicht bereit f├╝r den Anblick eines Krankenzimmers.
Georg nahm all seine Kraft zusammen und versuchte ein letzten Traumfetzen zu fassen. Zu seiner Verwunderung gelang ihm das auf Anhieb. F├╝r Bruchteile von Sekunden schaute er in das Gesicht eines M├Ądchens. Er erkannte sie sofort: Martha.

Sie w├Ąre die Ehefrau eines ehemaligen Mitsch├╝lers, erkl├Ąrte die Anruferin.
Ihr Name klang fremd.
Lag vielleicht eine Verwechslung vor? Nein, nein, beteuerte die Frau fast ├Ąngstlich, dies sei ausgeschlossen. Sie beschrieb die Erweiterte Oberschule einer brandenburgischen Kleinstadt und sprach vom damaligen Klassenleiter.
Undeutlich spiegelte sich ein Backsteingeb├Ąude im K├╝chenfenster. Das Treppenhaus dort roch unangenehm muffig. Schritte hallten. Eine T├╝r wurde zugeschlagen.
Was wollte dieser Mitsch├╝ler von ihr, nach all den Jahren? Wie hatte er sie ausfindig gemacht? Wenn die Angaben stimmten, war sie lediglich ein paar Jahre mit ihm zur Schule gegangen. (Kleiner Regiefehler! Wenn Georg bereits mit auf dem Klassenfoto der Einschulung ÔÇô siehe unten ÔÇô zu sehen ist, er aber sp├Ąter mit dar├╝ber entscheidet, ob Martha auf der EOS bleiben darf, sind sie mindestens neun jahre in einer Klasse gewesen. Oder sehe ich das falsch?)
Er wolle sich mit ihr treffen, in einer bestimmten Angelegenheit. Die Stimme der Frau hatte einen fast beschw├Ârenden Ton jetzt. Es sei wichtig, wirklich wichtig. Der Krebs ihres Mannes schreite voran, so dass die Zeit dr├Ąnge.
Wann es ihr passen w├╝rde?

Der Kranke schlug die Augen auf und drehte sich vorsichtig auf die Seite. Sein Herz schlug unregelm├Ą├čig, er holte tief Luft.
Wie oft mochte er im Laufe seines Lebens von diesem M├Ądchen getr├Ąumt haben?
Es hatte Phasen gegeben, in denen sogar ihr Name verblasst war: bei der Armee, im Studium, w├Ąhrend der ersten Ehejahre.
Dann aber kehrten die zwei Silben in sein Ged├Ąchtnis zur├╝ck und Martha blickte aus gro├čen blauen Augen in seinen Schlaf, fragend und verst├Ąndnislos, so wie damals.

Warum sie zugesagt hatte? Sie wusste es nicht. Vermutlich war es der bittende Ton in der Stimme der Frau gewesen. M├Âglicherweise hatte auch die Erw├Ąhnung der Krankheit des ehemaligen Mitsch├╝lers dazu gef├╝hrt, dass sie einer Zusammenkunft zugestimmt hatte.
Sie war neugierig und sie hatte Zeit, viel Zeit.
Die Gastst├Ątte, in der sie sich treffen w├╝rden, lag in einer belebten Stra├če unweit des Zentrums.
Ihr Mann blickte auf, als sie Zeugnisse und alte Fotos vom Boden holte.
Vergilbte Aufnahmen vom Schulanfang: Zopfm├Ądchen in gebl├╝mten Sommerkleidern, die krampfhaft zu l├Ącheln versuchten. Jungen, die sich m├╝hten, gerade zu stehen. Einer von ihnen musste er (es)sein.
Aufnahmen von einer Klassenfahrt hatte sie gefunden. Damals war sie 15 gewesen, sie waren nach Weimar gefahren, hatten das Goethehaus im Ilmpark besucht. Sie erkannte die Baracken des ehemaligen Konzentrationslagers Buchenwald. Ich erinnere mich. Die Fahrt haben wir damals auch gemacht, allerdings schon in der achten Klasse ÔÇôunter anderem in Vorbereitung der Jugendweihe)
Wenige Wochen nach dieser Exkursion hatte sie die Schule verlassen m├╝ssen. (Hier muss ich mal nachfragen. Auf welche Zeit bezieht sich das? Auf die EOS ging man ja ab der neunten Klasse. Die Entscheidung, ob man zur EOS durfte oder nicht fiel meines Erachtens aber sp├Ątestens in der achten Klasse. Mir ist daher kein Fall bekannt, wo jemand zur EOS zugelassen wurde, um erst sp├Ąter wieder an die POS zur├╝ck versetzt zu werden. Daf├╝r k├Ânnte ich mir h├Âchstens mangelnde Leistungen als Grund vorstellen. Alles andere wurde meines Wissens bereits vorher von den zust├Ąndigen Stellen gepr├╝ft. Irre ich mich da?)

Der Direktor der EOS, ein grobschl├Ąchtiger Mann mit rotem, narbigen Gesicht, hatte erkl├Ąrt, warum Martha nicht l├Ąnger Sch├╝lerin seiner Schule sein d├╝rfe. Sie w├╝rde ihren Platz im Leben finden, gewiss. Er w├╝nsche ihr dies von Herzen. Als Christin und Nichtmitglied der FDJ k├Ąme ihr, und das w├╝rde sie sicher verstehen, keine gr├Â├čere Rolle bei der Gestaltung der entwickelten sozialistischen Gesellschaft zu. Da bed├╝rfe es tatkr├Ąftiger, ideologisch geschulter Menschen. Stolz verwies er auf die hohe Zahl von Berufsoffiziersbewerbern unter den Abiturienten, auf Sch├╝lerinnen und Sch├╝ler, die bereits den Antrag auf Aufnahme in die SED gestellt h├Ątten und auf Schulabg├Ąnger, die an den ausgezeichneten p├Ądagogischen Hochschulen des Landes studierten.
Die Stimme des Mannes ├╝berschlug sich vor Begeisterung und er wischte sich mit einer schnellen Handbewegung den Speichel von den Lippen.
Zufrieden verlas er eine Erkl├Ąrung, in der sich auch Lehrerkollegium und Sch├╝lervertreter f├╝r den Schulausschluss von Martha aussprachen. Sie empfahlen den Wechsel an eine polytechnische Oberschule und w├╝nschten viel Erfolg f├╝r ihr weiteres Leben.
Auch er, Georg, geh├Ârte zu den Unterzeichnern des Dokumentes. Als einer der ersten hatte er seinen Namen mit schwarzer Tinte darunter gesetzt.

Martha sa├č allein in einer Bank, wie hinter einer Glasscheibe. Sie trug einen rostfarbenen Strickpullover und hatte ihre langen blonden Haare zu Z├Âpfen geflochten. Den Blick hielt sie gesenkt. Es sollte einfach vorbei sein.
Dunkle, filzige Stille kroch aus den Scheuerleisten. gef├Ąllt mir Die Mitsch├╝ler schwiegen und die anwesenden Lehrer, die meisten von ihnen trugen das blaue Hemd mit der aufgehenden Sonne, [also, dass die ÔÇ×meistenÔÇť Lehrer im FDJ-Hemd dort rumgesessen haben, halte ich f├╝r ein wenig ├╝bertrieben. Nicht nur deshalb, dass mir selbst w├Ąhrend meiner Schul- , Lehr oder Studienzeit ein Lehrer oder Dozent im Blauhemd begegnet w├Ąre, sondern weil die meisten schlicht und ergreifend bereits altersm├Ą├čig aus dem Hemd heraus gewachsen waren. Und wieder stellt sich mir daher die Frage, wann hat das Beschriebene stattgefunden?) blickten hilfesuchend zum Schulleiter. ER musste die Aussprache beenden, sonst w├╝rde keiner es wagen, den Raum zu verlassen.
Pausenklingeln. Eine andere Klasse verlie├č l├Ąrmend das Nachbarzimmer.
Schlie├člich erhoben sich auch einige der Lehrer. F├╝r sie war der Fall, dem zahlreiche Parteiversammlungen und Beratungen vorausgegangen waren, abgeschlossen.
Einige der Sch├╝ler folgten ihnen gebeugt-hastig, ohne sich noch einmal umzusehen. Auf dem Flur entkamen sie endlich dem Schweigen, indem sie belanglose Gespr├Ąche begannen.
Andere gingen langsam und nachdenklich aus dem Zimmer. Viele sahen verstohlen zur├╝ck:
Martha sp├╝rte ihre Bussardblicke. (ÔÇ×BussardblickeÔÇť suggerieren mir etwas Negatives. Sicherlich gab es solche Hunderf├╝nfzigprozentigen, die so etwas wie Befriedigung ├╝ber Marthas Auschluss empfunden haben m├Âgen. Die Mehrheit wird wohl eher Mitgef├╝hl versp├╝rt haben. Und wenn sie das nicht mal im Blick auszudr├╝cken vermochten, waren sie einfach nur feige. Ist ein Bussard feige?ÔÇť)

Georg hatte nach dem Direktor als letzter den Raum verlassen und sich erst an der T├╝r umgedreht. Martha hob den Kopf und sah ihn aus gro├čen blauen Augen an: fragend, verst├Ąndnislos und traurig.
Er hatte sie nie wieder gesehen in der Kleinstadt am Rande des Spreewaldes.
Keiner seiner Freunde erw├Ąhnte in den folgenden Jahren auch nur ihren Namen. (Halte ich f├╝r schlicht ├╝bertrieben und daher auch als nicht erw├Ąhnenswert Es war, als h├Ątte es die Versammlung nie gegeben.
Georg bestand wie die meisten seiner Altersgenossen das Abitur und erhielt sein Abschlusszeugnis aus den H├Ąnden des rotgesichtigen Direktors.
Nach Ableistung der Zeit bei der NVA wurde er Jurastudent, weil er glaubte, etwas bewegen zu k├Ânnen. (was h├Ątte er bewegen wollen?
Auf einer Reise an die bulgarische Schwarzmeerk├╝ste lernte er eine Psychologiestudentin kennen, die seine Frau wurde. Sie war ein sanftes M├Ądchen gewesen, klug, belesen und eigenwillig. Es gab ein Schwarzwei├čfoto von ihr aus dieser Zeit. Wenn er es betrachtete, roch er das Meer und den Duft ihrer jungen Haut.
Die Ehe war kinderlos geblieben.
Seine Frau war die einzige, der er jemals von seinen Bedenken (Was f├╝r Bedenken? Ich fasse den Text so auf, dass Georg nicht nur Bedenken, sondern sogar Schuldgef├╝hle besitzt) erz├Ąhlt hatte, irgendwann. Dabei hatte er verschwiegen, dass ihn das Tribunal im Klassenzimmer immer verfolgte.
Er hatte daran denken m├╝ssen, als Panzer ├╝ber Alleen rollten. Wann rollten denn Panzer ├╝ber die Alleen? Martha hatte ihn in sein B├╝ro im Ministerium begleitet und er war ihr w├Ąhrend seiner Diplomatenzeit in Genf begegnet. Also ist er ihr nach Jahren mindestens zweimal begegnet Aber in welchem Zusammenhang. Was macht die DDR-Fl├╝chtige in einem DDR-Ministerium, und was f├╝hrt sie in Genf zusammen? Und wie verliefen diese Begegnungen? Da bleibt f├╝r mich zuviel offen. Entweder, Du gehst da etwas n├Ąher darauf ein oder l├Ąsst es einfach weg) Er erinnerte sich an ihre geflochtenen Z├Âpfe, wenn die Nichten im Garten spielten.

Der Mann, der sich ihr unsicher l├Ąchelnd zuwandte, als sie das Restaurant betrat, war ihr fremd. Er hatte nicht mehr lange zu leben. Finalstadium. Wie oft hatte sie kranke Menschen und deren Angeh├Ârige durch diese Phase des Erstickens und der Schmerzen begleitet? Manchmal hatte sie geglaubt, die Ohnmacht nicht mehr ertragen zu k├Ânnen.
Unendlich langsam stand Georg auf und begr├╝├čte Martha schweigend. Ganz zart und warm war seine Hand, wie die eines Kindes.
Alle Zweifel eines Lebens hatten sich in sein Gesicht eingegraben. Die Z├╝ge um den Mund herum waren bitter. In den unnat├╝rlich gro├čen Augen jedoch las sie, dass er das Vergehen seines Tages angenommen hatte.
Verlegen fuhr er sich durch das sch├╝ttere graue Haar. Dann begann er zu sprechen, fl├╝sternd. Sie wusste: jedes dieser Worte hatte er sich hundertfach in seiner Dunkelheit, in Fiebertr├Ąumen und Schmerzen, zurechtgelegt.
Er bat sie um Verzeihung. Um Verzeihung daf├╝r, dass er ihren Schulaussschluss in seiner Funktion als FDJ-Sekret├Ąr bef├╝rwortet hatte.
Sie wiegelte nicht ab. Martha beugte sich nach vorn, um besser verstehen zu k├Ânnen: sie h├Ârte ihm zu.
Als die Stimme des Mannes schlie├člich versagte, legte sie ihre k├╝hle Hand auf die seine. Es war ganz still.
Dann erz├Ąhlte sie ihm, wie sie mit ihren Eltern die Republik verlassen hatte und nach Westberlin gezogen war. Sie erw├Ąhnte ihr Abitur, das Medizinstudium in T├╝bingen, ihren Mann, die Kinder.
Als sie Georg`s Frau in der T├╝r stand, verabschiedeten sie sich. Sie tat etwas, was sie gew├Âhnlich vermied: sie umarmte den Mann. Es war so leicht gewesen.

Die Flugzeuge starteten und landeten auf dem Flughafen.
Georg war wach. Er beobachtete, wie sich das gr├╝ne Licht des Morgens im Zimmer fing und h├Ârte, wie Regentropfen eine Melodie an die Fensterscheiben trommelten. Es wurde hell.
Sein Tag verging.


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Mumpf Lunse
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Lol ... Ralph

Martha war "im Geiste" immer dabei... also im Ministerium
und in Genf (hehe Diplomat!)
W├Ąhrend er stramm den weg nach oben ging hat ihn als guten Kommunisten die Ungerechtigkeit geplagt an der er als 15! j├Ąhriger beteiligt war.
Als anst├Ąndiger Kerl, der er im innersten ja ist, will er vor dem baldigen Ende diese Schuld loswerden.

(ich h├Ątte fast geweint)

Wenn Martha das Einzige war, was ihm nach DIESER Karriere auf der Seele lastet, kann man es ja fast bedauern, dass er bald an Krebs stirbt. Ein wenig mehr Zeit zum Erinnern und Reflektieren w├╝rde ich ihm schon noch g├Ânnen.

Mir gef├Ąllt die Geschichte - unabh├Ąngig vom ungereimten Inhalt, nicht. Es war sehr M├╝hsam zu lesen (f├╝r mich).

mumpf



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Ralph Ronneberger
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Hallo mumpf,


"Martha war "im Geiste" immer dabei... also im Ministerium
und in Genf (hehe Diplomat


Schei├če - der Punkt geht an dich. Ich wei├č, ich werde alt.

Und was Du sonst noch zu dem Thema anzumerken hast - O.k. - da kann man durchaus deiner Meinung sein. Ich unterstelle aber einfach mal, dass Georgs Beteiligung an diesem Schulverweis, f├╝r ihn als der Beginn einer ganzen Reihe, f├╝r die Karriere eventuell unabdingbarer, weiterer "Ungerechtigkeiten" gesehen wird. Vielleicht eine Art "Startschuld"? Der Ausl├Âser f├╝r alles, was danach noch gekommen sein mag. Und das will er los werden. W├Ąre dem nicht so, dann w├╝rde die Erz├Ąhlung inhaltlich unter Ber├╝cksichtigung deiner Argumente ("Wenn Martha das Einzige war, was ihm nach DIESER Karriere auf der Seele lastet, kann man es ja fast bedauern, dass er bald an Krebs stirbt.") tats├Ąchlich nur ein wenig an der Oberfl├Ąche kratzen.
Du siehst, Du hast mich ins Schwimmen gebracht. Jetzt w├╝rde mich die Meinung der Autorin/ des Autoren wirklich interessieren.

Gru├č Ralph

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nisavi
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hallo ralph,

zun├Ąchst danke f├╝r die intensive auseinandersetzung mit dem text.
auch auf die gefahr hin, mich zu wiederholen: ich bin nicht sehr erfahren, was prosa angeht und sch├Ątze deine hinweise.

du schreibst, dass der perspektivenwechsel sich flie├čend gestaltet. andere leser (siehe auch mumpf`s kommentar) haben gerade damit probleme. ich ├╝berlege daher schon geraume zeit, ob ich diesen wechsel zugunsten von zwei in sich geschlossenen texten aufgebe.

- im zusammenhang mit der schulzeit bin ich davon ausgegangen, dass martha und georg zum gleichen zeitpunkt eingeschult wurden, an einer schule, aber nicht unbedingt in einer klasse, lernten. erst ab klasse 9 besuchten sie gemeinsam die eos. insofern ist "Was wollte dieser Mitsch├╝ler von ihr, nach all den Jahren? Wie hatte er sie ausfindig gemacht? Wenn die Angaben stimmten, war sie lediglich ein paar Jahre mit ihm zur Schule gegangen."schlampig formuliert. da hast du recht.
selbst wenn die beiden neun jahre in einer klasse gewesen w├Ąren, w├Ąre die zeitangabe "ein paar jahre" nicht exakt. hm.

- in der regel wurde bereits an der polytechnischen oberschule "ausgesiebt",wer abi machen durfte, auch da gebe ich dir recht.
soweit ich wei├č, gab es aber im zusammenhang mit dem 17.juni 1953 einige f├Ąlle, in denen junge menschen, die sich zb in jungen gemeinden engagierten, relegiert wurden.
(ich bin jahrgang 1968 und habe mich in diesem konkreten fall auf berichte von verwandten verlassen.)

- mit "bussardblick" verbinde auch ich eher negatives. bohrende blicke. strenge beobachtung.

- "Keiner seiner Freunde erw├Ąhnte in den folgenden Jahren auch nur ihren Namen." ich glaube, dass soetwas durchaus m├Âglich ist. kollektive verdr├Ąngung von unangenehmen ereignissen. aber f├╝r den fortgang der geschichte unerheblich, stimmt.

- was georg bewegen wollte? ich kann es nur vermuten. ich denke, er war einer von den jungen idealisten, die in den ersten jahren der ddr an eine gerechte (gerechtere?) gesellschaftsordnung glaubten.einer von denen, die sich ehrlichen herzens an der gesellschaftlichen auseinandersetzung beteiligen wollten. einer, der zu sp├Ąt begriff, wohin der hase eigentlich lief.

- "bedenken" ist (vor allem in anbetracht des zeitpunktes)zu lasch. werde ich durch "schuldgef├╝hl" ersetzen.

- panzer rollten 1968 ├╝ber alleen, ├╝ber tschechische und slowakische.

insgesamt geht es mir mit dem text eigentlich darum, bestimmte dinge nicht in vergessenheit geraten zu lassen.
ich will sie erz├Ąhlen.
ich will erz├Ąhlen, wie sich der mann der schuld stellt. wie er versucht, sie zu tilgen. (tilgen? sagt man das?)
ob zu dieser "startschuld" noch andere dinge kamen, vielleicht schwerwiegendere, wei├č ich nicht.ob es weitere sachverhalte gab, die er eventuell schon fr├╝her gekl├Ąrt haben k├Ânnte? das ist nicht mein thema.
ic hwill nicht urteilen.
und schlie├člich, nur, um keine missverst├Ąndnisse aufkommen zu lassen: es liegt mir fern, die damaligen gesellschaftlichen verh├Ąltnisse in irgendeiner art und weise zu besch├Ânigen oder zu verkl├Ąren.(georg hat eine steile sozialistische karriere gemacht, ganz sicher auch vorteile genossen, w├Ąhrend andere an der mauer erschossen oder im stasiknast gefoltert wurden, mit billigung der arbeiter-und bauernpartei.ich ma├če mir dennoch nicht an, ihm anstand abzusprechen)

n.









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On a poet's lips I slept.
(P.B.Shelley)

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Mumpf Lunse
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auf keinen fall, nisavi, wollen wir uns anma├čen irgendjemandem den anstand abzusprechen. man kann menschen die unbelehrbar sind auch mit anstand erschiessen (lassen) - da stimme ich dir voll und ganz zu. deswegen mu├č man ja kein schlechter mensch sein.

mumpf
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