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Großmutters Lied
Ich mochte sie nicht diese endlos grauen Tage.
Niemand weiß, was die Sonne macht.
Ist sie gerade aufgestanden oder legt sie sich schlafen hinterm Guruluberg?
Oder hat jemand die Sonne gestohlen,
wie in dem Märchen, das Großmutter uns erzählte?
Sind die Nächte bald auch nur noch grau,
Mond und Sterne hinter dichten Schleiern versteckt?
Am Abend klettert der Wind über den Berg,
er verfängt sich in den Wipfeln der Buchen und Tannen
und zerrt wütend an den Fensterläden unseres Hauses.
Großvater hat vergessen, die Läden von innen zu verriegeln.
Nun ist ES hier!
„Frieder, Brüderlein, hörst du mich?
Ich habe Angst“, rufe ich leise.
Überall ist ES.
Unter meinem Bett beginnt ES zu klopfen,
ES wird immer lauter.
Von der Zimmerdecke herab ruft ES nach mir,
erst zärtlich singend,
dann laut fordernd.
ES sucht mich.
Noch hat ES mich nicht entdeckt,
ich darf mich nicht rühren.
Ganz fest schließe ich meine Augen.
Jedes Flimmern könnte ES auf mich aufmerksam machen.
Bestimmt leuchten meine Augen im Dunkeln wie die unserer schwarzen Katze.
Warum kommt Frieder nicht?
Schläft er?
Er hat versprochen, mich nicht allein zu lassen.
Wie viele Schritte sind es bis zu seinem Bett?
Ein schriller Schrei
bohrt sich tief in meine Ohren
und öffnet meine Augen gewaltsam von innen.
Ein fetter Krake verdeckt das Fenster,
er klebt außen an der Scheibe
und schiebt sich langsam vorwärts.
Unter seiner Last vibriert das Glas,
es wellt sich,
beult aus,
rollt sich ein,
verdichtet sich zu einer Kugel,
fliegt durch den Raum,
GENAU AUF MICH ZU.
***
Ein wundersames Lied steigt in mir auf
und taucht den Raum in rotgoldenes Licht:
"Grüß die Sonne, küss den Mond
und lache mit den Sternen,
dann weißt du, wo der Falke wohnt
und wirst fliegen lernen."
Großmutter, es ist dein Lied.
Jeden Abend hast du es für uns gesungen.
Und an jenem Tag,
als du in dem wunderschönen weißen Kleid
ganz still in Schneewittchens Sarg lagst
und alle weinten,
hast du es auch gesungen.
Außer mir hat es niemand gehört
und keiner hat gesehen,
wie glücklich du warst.
Leise sagtest du zu mir:
Vergiss unser Lied nicht,
mein Liebling.
Und ich habe es nicht vergessen.
Gleich morgen werde ich es Großvater vorsingen.
Er ist immer so still und traurig,
sitzt auf seinem Stuhl und schaut aus dem Fenster.
Seine Augen werden leuchten wie früher,
wenn du zur Tür hereinkamst
und er wird spüren,
dass alles gut ist.
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"Poesie tritt oft durch das Fenster der Unwesentlichkeit ein." M.C. Richards
Version vom 17. 05. 2010 18:24
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