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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Hackfresse
Eingestellt am 26. 03. 2010 19:30


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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

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FĂŒr Dieter Kallenbach, einen erfolgreichen Bauunternehmer, hatte sich ĂŒberraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefĂ€hrdete Tiefbaufirma in SĂŒd-Brandenburg zu ĂŒbernehmen.
An einem wunderschönen FrĂŒhlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knĂŒpfen.

Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige KonzentrationsschwĂ€chen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu verdanken. Der legte sich mĂ€chtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.

Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach nur wenig Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich zu einem der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See verzaubern. Plötzlich verspĂŒrte er einen unwiderstehlichen Drang, hinunter ans Ufer zu gehen.
Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, ĂŒbertrug er Frötsche die weitere FĂŒhrung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang. Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab. UnwillkĂŒrlich reckte die Nase in die nach undefinierbaren BlĂŒten duftende SpĂ€tfrĂŒhlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.

Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes entdeckte er eine schmale stĂ€hlerne Treppe, die den zum Seeufer fĂŒhrenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp zehn Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise ĂŒberwinden konnte, ohne ĂŒber den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu mĂŒssen.

Kallenbach nahm also diese Treppe und Ă€rgerte sich ĂŒber die Schmerzen im linken Knie, die sich bald bemerkbar machten, sich von Stufe zu Stufe stĂ€rker ausbreiteten und ihn schließlich zu einer kleinen Pause zwangen. Er nutzte die Gelegenheit, um von hier aus ein paar Fotos zu schießen.
„Vielleicht sollte ich doch demnĂ€chst die fĂ€llige Knieoperation ins Auge fassen‘, dachte er, wĂ€hrend er die letzten Stufen in Angriff nahm.

Unten verlief parallel zum Ufer ein sorgfĂ€ltig asphaltierter Weg. Kallenbachs Blick fiel auf eine Parkbank, die in unmittelbarer NĂ€he, im Schatten einer verzwieselten Akazie stand. Dorthin humpelte er jetzt, und als er sich setzte, vermochte er ein Ächzen nicht zu unterdrĂŒcken. In solchen Momenten wurde er deutlich daran erinnert, dass er allmĂ€hlich auf die Sechzig zu ging.

Er zog sein Jackett aus und lockerte den Schlips. Obwohl die Sonne schon sehr tief in seinem RĂŒcken stand und die Villa hinter ihm bereits lange Schatten warf, war es noch angenehm warm.
Von hier unten war die Perspektive eine ganz andere. Der lang gezogene See erschien viel breiter als von oben. Der Wald, der das gegenĂŒberliegende Ufer sĂ€umte, schien weiter weg gerĂŒckt.
Gleich einem riesigen Schwan nĂ€herte sich von rechts ein Fahrgastschiff. Hier an der schmalsten Stelle des Sees, kam es dem Ufer sehr nahe. Musik und Stimmengewirr drangen von Bord zu ihm herĂŒber.
Kallenbach zĂŒckte erneut den Fotoapparat.

„Darf ich?“
Überrascht hob er den Blick. Ein Mann war drei Schritte vor der Bank stehen geblieben. Kallenbach nahm nur eine magere Gestalt war, die in einem uralten Jeansanzug steckte; die Hose verbeult, die abgeschabte Jacke um einiges zu groß. Die nackten FĂŒĂŸe steckten in ausgelatschten Sandalen.

„Ein Penner!“, dachte Kallenbach und fĂŒhlte Ärger in sich aufkommen.
Er hatte in Ruhe hier sitzen und seine Gedanken in diese fĂŒr ihn so faszinierende Landschaft einbetten wollen.
Doch noch ehe er sich ein zögerndes Nicken abringen konnte, hatte der Jeansbefrackte sich bereits nieder gelassen. Wenn Kallenbach jetzt erwartet hatte, von einer mittelschweren Alkoholfahne gestreift zu werden, sah er sich getĂ€uscht. Auch die sonst fast obligatorische Plaste-TĂŒte, deren Inhalt stets verdĂ€chtig zu klimpern pflegte, gehörte nicht zur AusrĂŒstung des Fremden. Trotzdem begann Kallenbach innerlich jene Spannung aufzubauen, die er brauchen wĂŒrde, um mit unfreundlichem Knurren alle Versuche einer drohenden Kontaktaufnahme im Keim zu ersticken. Aber zunĂ€chst reichte es wohl, so zu tun, als sei man völlig damit beschĂ€ftigt, sich auf dem Display der Kamera die gerade geschossenen Bilder zu betrachten.

Es reichte nicht.
„Schöne Aussicht, stimmt’s? Da lohnt es sich, Fotos zu machen“, hörte er prompt den ungebetenen Gast sagen.
Kallenbach nickte, knurrte ein „Hm“ und hielt den Blick stur auf den Apparat gerichtet.
„Jetzt ist die Sicht ja nicht mehr versperrt. FrĂŒher, da
“
Der Mann brach ab, als wolle er abwarten, ob seine Andeutungen so etwas wie Interesse entfachen könnten. Als er merkte, dass das offensichtlich nicht der Fall zu sein schien, fuhr er fort: „Hier, wo wir sitzen, war frĂŒher nur Sand, sauber geharkter Sand – und dahinter – bis zum Wasser: Stacheldraht. Rostiger, aber solider Stacheldraht, in drei Reihen zwischen zweieinhalb Meter hohe BetonpfĂ€hle gespannt. Und zwischen den Reihen lagen zusĂ€tzlich etliche aufgedröselte Stacheldrahtrollen. Können Sie sich das vorstellen?“
„Kann ich“, brummte Kallenbach ohne aufzuschauen.
„Die dachten damals, da kommt keiner durch. Und falls es doch jemand versuchen sollte
 Tja
 dort oben am Steilhang, da hamse gestanden
 und gewartet
 mit ihren Schießeisen.“
„Ich weiß“, sagte Kallenbach, noch immer nicht bereit, sich ein GesprĂ€ch aufdrĂ€ngeln zu lassen.
„Ach so. Sie sind wohl von hier?“, fragte der Mann, und man konnte seine EnttĂ€uschung heraus hören. Wer weiß - vielleicht benutzte er die Beschreibung der ehemaligen Grusel-Grenze gewöhnlich als AufhĂ€nger fĂŒr ein GesprĂ€ch.

„Nein – bin geschĂ€ftlich hier.“
Kallenbach wies mit dem Daumen ĂŒber die Schulter. Dabei schaute er dem Unbekannten zum ersten Mal ins Gesicht
 und erschrak.
Dieses Antlitz war fĂŒrchterlich entstellt. Von der Stirn verlief eine breite, zickzackförmige Narbe dicht am linken Auge vorbei, ĂŒber den Wangenknochen und verlor sich im dichten Filz eines grauen Vollbartes. Eine zweite, nicht weniger auffĂ€llige Narbe hatte in die rechte Augenbraue eine breite Schneise geschlagen, die NasenflĂŒgel demoliert und sogar die Oberlippe verunstaltet. Zeugen schlimmer, offenbar schlecht verheilter Wunden.

Kallenbach senkte verwirrt den Kopf, und er fĂŒrchtete, der Andere könnte sein ZurĂŒckschaudern bemerken.
„Bin ich gewöhnt. So glotzen alle, die mich zum ersten Mal sehen.“
Kallenbach fĂŒhlte sich ertappt und rang sich ein „Tut mir leid“ ab.

Der Narbengesichtige schien davon unberĂŒhrt. Er lehnte sich auf der Bank zurĂŒck, durchwĂŒhlte seine Jackentaschen und förderte schließlich ein PĂ€ckchen Tabak zu Tage. Routiniert drehte er sich eine Zigarette.
Kallenbach taxierte ihn von der Seite und versuchte das Alter zu schÀtzen.
‚Ende fĂŒnfzig ist der auch schon‘, dachte er. ‚Und in dem Alter, wo es ĂŒberall zu zwicken anfĂ€ngt, so leben zu mĂŒssen
“

„So einer wie Sie raucht natĂŒrlich ein besseres Kraut“, murmelte der vermeintliche Penner, ehe er das Papier anleckte.
„Aber ich bin eben nur ein Hartz-Vierer und Verlierer“, glaubte er wohl noch hinzu fĂŒgen zu mĂŒssen. Vielleicht fand er das sogar lustig, denn er lachte meckernd.

Kallenbach war peinlich berĂŒhrt, wollte schon wieder eine grobe Antwort geben, besann sich aber. Was wusste er denn von diesem Mann?

„Als ich noch jung war – ganz jung – da habe ich auch von einem zufriedenen Leben getrĂ€umt. Gut bezahlter Job, hĂŒbsche Wohnung, erlebnisreiche Urlaubsreisen und jede Menge tolle Weiber.“

„Davon haben wir alle getrĂ€umt“, sagte Kallenbach und versuchte einen gelangweilten Klang in seine Stimme zu projizieren.
„Na, Sie scheinen es ja geschafft zu haben“, schniefte der Narbige und schnippte seine Kippe auf den Asphalt. Dann starrte er eine Weile schweigend hinĂŒber zum anderen Ufer.
„Als ich dort drĂŒben ankam, glaubte ich noch: Alles wird gut. Eine Zeitlang gab es eine Menge Rummel um meine Person. Meine zerhackte Visage taugte fĂŒr etliche Titelseiten und flimmerte sogar ĂŒber den Bildschirm. Da habe ich gedacht: Jetzt biste berĂŒhmt und alles Weitere kommt von allein.
Aber ein halbes Jahr spĂ€ter hockte ich schon wieder auf der RĂŒstung und durfte im Accord die Kelle schwingen. Und mit Weibern war och nischt. FrĂŒher, bevor das passiert ist
“ Er strich sich mit zwei Fingern ĂŒber die Narben. „
da hatte ich eine Freundin. Allerdings
 wenn ich sie streicheln wollte, dann hat sie sich immer ĂŒber meine rissigen HĂ€nde beschwert. Aber wenn man stĂ€ndig im Kalk rĂŒhrt, iss nischt mit Beamtenpfötchen.“
Er lachte unfroh und setzte hinzu: „Aber davon verstehen Sie ja nichts.“
„Ich bin gelernter Betonbauer“, sagte Kallenbach mit ein wenig Trotz in der Stimme.
„Echt?“ Überraschung malte sich in dem entstellten Gesicht. „Du bist vom Bau? Und wie
 ich meine
“
Er brach ab, aber Kallenbach meinte zu spĂŒren, dass der Mann sich nicht vorzustellen vermochte, dass sich ein Betonbauer in so feinem Zwirn auf eine Parkbank setzt.
„Ist doch nichts Besonderes“, murmelte er. Und etwas lauter. „Typische DDR-Karriere eben. Zwei Jahre Lehre, Achtzehn Monate NVA, drei Jahre Studium
“
„Studieren sollte ich auch. Meine Alten wollten es so. Doch ich
 nee keen Bock. Und zur Fahne schon gar nicht. Als ich wusste, dass die mich im Herbst einziehen wollten, habe ich das Kasernentor mit dem Seiteneingang dieser Villa da vertauscht.“
Diesmal zeigte er mit dem Daumen hinter sich.
„Verstehe ich nicht“, meinte Kallenbach, drehte sich um und schaute hinauf zu dem GebĂ€ude, wo die dort versammelten Herren wohl gerade dabei waren, die letzten Schnittchen von den Platten zu picken.

Als er sich wieder zurĂŒck wandte, sah er auf dem Narbengesicht ein breites Grinsen.
„Das ist ein Ding, was?“ Das Grinsen verbreiterte sich. „Wir sind damals dort eingebrochen – mein Kumpel und ich. Ein stinknormales Schloss und fĂŒr uns kein Problem.“
„Aha“, sagte Kallenbach und spĂŒrte, wie seine innere Distanz wieder zu wachsen begann. Er raffte sein Jackett zusammen und machte Anstalten, aufzustehen.
„Nee, nee – nicht was du denkst. Wir haben nischt geklaut. Wir haben uns nur im Keller verkrochen – zum Beobachten – verstehste?“

Kallenbach verstand. Sein Hintern plumpste zurĂŒck auf die Bank.
„Ach so – ihr wolltet rĂŒber?“
„Na klar!“ Das Narbengesicht nickte lebhaft. Dann holte er wieder seine Rauchutensilien hervor.
„Soll ich die Geschichte erzĂ€hlen?“
Kallenbach spĂŒrte, das war keine Frage, sondern eine Bitte. Okey – er wĂŒrde sie ihm erfĂŒllen. Oder ob Frötsche schon wartete? Egal. Sollte er.
„Krieg ich auch eine? Ich habe meine im Auto liegen lassen“. sagte er statt einer Antwort.
Der Narbige guckte erst unglĂ€ubig, aber das ging ein Leuchten ĂŒber sein hĂ€ssliches Gesicht.
„Ich heiße ĂŒbrigens JĂŒrgen. Kannst mich aber ruhig Hackfresse nennen – das machen alle Anderen auch.“
Damit reichte er Kallenbach die Selbstgedrehte. Der nahm sie und ließ sich Feuer geben. In das Husten, das dem ersten Zug folgte, mischte sich bereits wieder die Stimme des Narbigen.
„Weißt du, seit der Wende komme ich jedes Jahr hierher – immer am 13. Mai. An dem Tag bin ich zum zweiten Mal geboren und wahrscheinlich auch das erste Mal gestorben. Das ist auf den Tag genau 35 Jahre her.“

JĂŒrgen, die Hackfresse, tat einen tiefen Zug, und wĂ€hrend er den Rauch ausstieß, schaute er mit leicht trĂ€nenden Augen hinĂŒber zum anderen Ufer. Kallenbach folgte dem Blick und rechnete.
„1967 also“, sagte er rau. „Wie alt warst du damals?“
„Gerade zwanzig geworden, und Peter, mein Kumpel, nur wenig Ă€lter. Von ihm stammte der Plan zur Flucht. Er wollte rĂŒber zu seinem Alten, der angeblich vor Kohle gestunken haben soll. Als er mich fragte, ob ich mitmachen wollte, habe ich ganz spontan „Ja“ gesagt. Schiss habe ich erst spĂ€ter gekriegt, aber da wollte ich keinen RĂŒckzieher mehr machen. Und außerdem
 viele vor uns hatten es schon geschafft. Warum sollte es bei uns nicht auch klappen?

Also machten wir uns an einem Freitag-Abend los. Unser Plan war gut, und die so leicht zu öffnende TĂŒr der Villa deuteten wir als ein positives Zeichen. Wir beschlossen, vom Keller aus die Lage aufzuklĂ€ren. Einen Tag und eine eineinhalb NĂ€chte verbrachten wir dort. Wir fanden heraus, dass ein Grenzpostenpaar ungefĂ€hr 100 Meter links von uns am Rande des Abhangs seinen Standort hatte. Wir notierten uns die Zeiten der Ablösungen, registrierten wann zusĂ€tzliche Streifen vorbei kamen und ermittelten, wie lange ein Grenzboot braucht, um unserer Gesichtsfeld zu passieren.

In der Nacht von Samstag auf Sonntag verließen wir unser Versteck. Dass wir ohne große Probleme mit unserer, im Keller notdĂŒrftig zusammengebastelten, Leiter den Signalzaun ĂŒberwinden konnten, machte uns Mut. Aber nun mussten wir den dicht mit StrĂ€uchen und BĂ€umen bewachsenen Steilhang hinab kriechen. – gerĂ€uschlos, versteht sich. Mit HĂ€nden und FĂŒĂŸen versuchten wir uns in den Boden zu krallen, um nicht unkontrolliert ins Rutschen zu kommen. Überall lagen abgebrochene Äste und altes Laub. BuchstĂ€blich Zentimeter fĂŒr Zentimeter arbeiteten wir uns abwĂ€rts. Ich musste dabei höllisch aufpassen, dass ich die Drahtschere nicht verlor.
Als wir endlich unten ankamen, waren wir fix und fertig.

Um kurz zu verschnaufen, verkrochen wir uns in einem GebĂŒsch. Es war zwar eine kĂŒhle Nacht, aber mein Hemd klitschte wie ein nasser Lappen am Körper. Den Hang hatten wir geschafft, aber das Schwierigste und vor allem GefĂ€hrlichste stand uns noch bevor. Nur knapp zwanzig Meter trennten uns vom Wasser. Zwanzig Meter, die aber auf einmal unĂŒberwindlich erschienen.
Direkt vor uns lag der vielleicht sechs bis acht Meter breite Sandstreifen. Er wurde von starken Peitschenlampen grell beleuchtet. Auch der dahinter liegende Wall aus Stacheldraht bekam noch jede Menge von diesem Licht ab. Nur ein Schritt und wir wĂŒrden uns direkt auf einem PrĂ€sentierteller befinden. Besaßen wir ĂŒberhaupt eine Chance?

Wir wagten nicht einmal zu flĂŒstern – wir spĂŒrten nur, wie die Angst immer hastiger zwischen uns hin und her sprang. Rein mechanisch zog ich die Arbeitshandschuhe aus dem GĂŒrtel und streifte sie ĂŒber.
„Wollen wir wirklich? Wenn die nun gleich schießen?“, wagte ich schließlich zu hauchen
Keine Antwort. Wozu auch? Wir lagen zitternd in unserem Schweiß und dachten wohl Beide das Gleiche.

„Was ist das?“
Wir schauten nach links und entdeckten mitten auf dem See drei sich nÀhernde Lichter. Das konnten nur die Positionslampen eines amerikanischen Schnellbootes sein, das sich mit stark gedrosselten Motoren gemÀchlich nÀherte. Die DDR-Grenzboote erzeugten viel mehr LÀrm.
„Das lenkt vielleicht die Grenzer ab“, flĂŒsterte Peter. „Wir warten noch, bis es nĂ€her gekommen ist und dann 
!“
WĂŒrde das Boot die Aufmerksamkeit der Posten lange genug auf sich ziehen? Die Nerven lagen blank.
Egal! Jetzt oder nie!
„Los!“, zischte Peter.

Es dauerte keine drei Sekunden, um aus dem GebĂŒsch heraus zu huschen und mit langen SĂ€tzen den Sandstreifen zu ĂŒberqueren. Schon lagen wir wieder auf dem Bauch – unmittelbar an der Drahtsperre. Kein Laut - außer dem leisen Brummen des Bootsmotores.
Ich packte die Schere und schnitt die ersten DrĂ€hte durch. Mein Kumpel versuchte, so gut es ging, die losen Enden beiseite zu biegen. Die Dinger waren verdammt widerspenstig. Doch wir wĂŒhlten uns StĂŒck fĂŒr StĂŒck durch die Sperre, und je weiter wir voran kamen, umso mehr wuchs die Hoffnung, es schaffen zu könnten. Aber noch diktierte die Angst den Rhythmus der Herzen.

Endlich hatten wir die letzte Rolle beim Wickel, durchtrennen auch hier so viele DrĂ€hte, wie wir brauchten, um durchschlĂŒpfen zu können. Und da – die letzte Zaunreihe.
„Gleich geschafft!“, wollte ich flĂŒstern – doch plötzlich – eine laut bellende Stimme: „Halt Grenzposten – stehen bleiben!“
Wir zuckten zusammen. Nein – das durfte nicht wahr sein. In letzter Sekunde noch

„Halt – oder wir schießen!“
Dann kam der erste Feuerstoß. Ich wurde erneut starr vor Angst, ließ die Drahtschere sinken und dachte nur: Aus!“
Du kannst dir nicht vorstellen, welche Gedanken dir in so einem Moment durch den SchĂ€del rasen. Beim zweiten und dritten Feuerstoß zuckte mein Körper, stets in Erwartung getroffen zu werden. Jetzt ratterten die Maschinenpistolen fast pausenlos. Ich glaube, ich habe mich vor Angst sogar eingepisst.

„Los – weiter!“, drĂ€ngte Peter. „Auf diese Entfernung mĂŒssen die Schweine erst mal treffen!“
Das brachte mich etwas zur Besinnung, und ich schnippelte wieder hektisch an den DrÀhten herum.

Das Schießen hatte aufgehört. Beim letzten Draht verzichtete ich auf den Schnitt. Ich hob ihn einfach soweit an, dass mein Kumpel durchkriechen konnte. Das hatte er gerade geschafft, als es plötzlich laut hinter uns raschelte. Ich schaute instinktiv ĂŒber die Schulter, konnte aber nichts erkennen. Das GerĂ€usch kam aus der Richtung, wo wir vorhin aus dem GebĂŒsch gekrochen waren. Und dort krachte es jetzt im Unterholz, als wĂŒrde eine Horde Wildschweine durchbrechen.

„Heb den Draht an!“, rief ich, alle Vorsicht vergessend.
Doch da vernahm ich ein deutliches PlĂ€tschern. Der Hundesohn hatte sich in den See geworfen und mich in der Falle zurĂŒck gelassen. Ich wollte zur Schere greifen, fand sie aber nicht. Verzweifelt tastete ich nach ihr und
“
Hinter mir ein lauter Schrei! Ich sah eine Gestalt aus dem GebĂŒsch kugeln, die auf dem Sandstreifen liegen blieb.
Ein Grenzer!

Wieder diese lĂ€hmende Scheißangst! Der Kerl, der mir ans Leder wollte, richtete sich auf und tat noch aus der Hocke heraus einen Satz in meine Richtung. Doch noch im Sprung, schrie er erneut auf, landete reichlich fĂŒnf Meter von mir auf dem Bauch. Schon fischte er nach seiner Waffe, die halb unter ihm lag. Das linke Bein nachziehend, versuchte er, noch nĂ€her an mich heran zu robben. Doch vor Schmerzen stöhnend, gab er das Kriechen gleich wieder auf.
Ich war zu nichts anderem fĂ€hig, als ihn anzustarren. Und er starrte zurĂŒck. Seine Augen flackerten im grellen Licht der Grenzbeleuchtung, als sich unsere Blicke trafen. FĂŒr zwei, drei zwei Sekunden gab es nur uns Beide, die sich mit den Augen gegenseitig fest hielten.
Dann gewahrte ich, wie er langsam seine Mpi auf mich richtete. Die MĂŒndung erschien mir wie ein drittes Auge von ihm. Ein Auge dessen Blick mich unweigerlich durchbohren wĂŒrde. Gleich musste es aufblitzen, und ich wusste es wĂŒrde das Letzte sein, was ich
 Wie wĂŒrde es sein, wenn

Ich begann diesem Moment regelrecht entgegen zu fiebern – es sollte endlich Schluss sein.
„Schieß doch, du Scheißkerl“, hörte ich mich krĂ€chzen.
Doch da vernahm ich seine Stimme. Es klang merkwĂŒrdig gepresst, als er zischte: „Hau ab, du Arschloch!“
Und in diese Worte mischten sich bereits die Rufe, des zweiten Grenzers, der nun ebenfalls die Böschung herunter zu kommen schien.
„Heh Diddi - was ist los!?“ Das war schon ziemlich nahe.
„Hau endlich ab!“
Der Klang seiner Stimme gab den Worten etwas – ich habe spĂ€ter lange versucht, zu ergrĂŒnden, was es war – und glaube, „verĂ€chtlich“ ist wohl die treffendste Umschreibung. Wie konnte er mich aber verachten und trotzdem laufen lassen? Ich habe das bis heute nicht kapiert.
Aber in dem Moment war mir das egal. Ich wusste nicht, ob er nur die Katze mimte, die mit der Maus spielen wollte, oder ob er mir wirklich eine Chance gab.
Das ließ mich vielleicht einen Wimpernschlag lang zögern, aber dann warf ich mich mit dem Mut der Verzweiflung nach vorn und versuchte unter dem einen noch verbliebenen Draht durchzukommen. Ich drĂŒckte, zerrte, und robbte verzweifelt. Ich spĂŒrte kaum, wie die rostigen Stahlstacheln meine Klamotten zerrissen, im RĂŒcken und an den Beinen bis tief in die Haut drangen und mir vor allem das Gesicht zerfetzten. Es gab keine Schmerzen – es gab nur den Willen weg zu kommen. Raus aus diesem Alptraum.

Irgendwann spĂŒrte ich kaltes Wasser meinen Körper umspĂŒlen, und ich schwamm los, als mĂŒsste ich einen Weltrekord aufstellen. Ich war wie von Sinnen.
Erst, als mich die Amis in ihr Boot zogen, kam ich zu mir. Und nun spĂŒrte ich auch, welche Wunden dieser verdammte Drahtverhau gerissen hatte. Mein Gesicht brannte höllisch und um mich war das Deck voll von meinem Blut.

Ich weiß nicht, wieviel MĂŒhe sich die Ärzte im Krankenhaus gegeben haben. Als ich das Hospital verlassen durfte, war ich mir vor allem zweier Tatsachen bewusst: Ich war entkommen, lebte fortan in Freiheit, wĂŒrde aber von nun an und fĂŒr immer die „Hackfresse“ sein, vor dem man sich schaudernd abwendet.“

Der Mann, der nichts dagegen hatte, dass man ihn Hackfresse nannte, brach ab. Mit dem HandrĂŒcken wischte er sich ĂŒber die Augen. In den entstellten ZĂŒgen zuckte es.
„Nicht jeder wendet sich ab. Schon gar nicht, wenn er deine Geschichte kennt“, sagte Kallenbach leise. Er hĂ€tte gern noch mehr Tröstliches gesagt, aber er fĂŒhlte sich gehemmt.

So saßen sie einige Zeit schweigend nebeneiander. Kallenbach suchte nach Worten, doch sein Mund schien auf einmal wie ausgedörrt und die Kehle wie zugeschnĂŒrt.
Er war richtig dankbar, als er den Klingelton seines Handys vernahm. Frötsche war dran und fragte, wo er denn bliebe. Man wolle sich verabschieden.
„Ich komme!“, sagte Kallenbach. Und an seinen neuen Bekannten gewandt: „Tut mir leid. Ich muss los.“
Der Narbige schien aus seiner Versunkenheit aufzutauchen und schaute auf.
„Schade“, sagte er. „Bist ein guter Zuhörer. Hast mich nicht ein einziges Mal unterbrochen. Sonst muss ich immer so viele Details erklĂ€ren.“
Kallenbach nickte und erhob sich. Er wollte dem Mann schon die Hand reichen. Da fiel ihm etwas ein. Er griff in seine Brusttasche und zog seine Visitenkarte hervor.
„Da – nimm. Kannst mich ja mal anrufen – wenn du möchtest.
Der Narbige nahm das KĂ€rtchen und drehte es einen Moment lang ratlos zwischen den Fingern, bevor er einen Blick darauf riskierte. Und dann, einer plötzlichen Eingebung folgend, fragte er hastig: „Hast du etwa einen Job fĂŒr mich? Ich kann arbeiten
 ich bin zwar schon
“
„Kann sein“, unterbrach Kallenbach und zeigte ein LĂ€cheln, das der Andere garantiert nicht zu deuten wusste. „Das wird deine Entscheidung sein.“
„Da gibt es nichts zu entscheiden“, kam es hastig zurĂŒck.
„Abwarten“, sagte Kallenbach und reichte dem Mann die Hand. Der wollte sie festhalten, doch sie wurde ihm abrupt entzogen.
„Ich kann wirklich arbeiten!“, hörte er es hinter sich rufen.
Aber da stand er bereits auf der Treppe, die er nun, ohne sich umzuschauen, hinauf stieg.

Wieder diese stechenden Schmerzen im Knie. Diesmal schaffte er nicht einmal die HĂ€lfte der Stufen. Er stĂŒtzte sich auf das GelĂ€nder und wartete, bis der Schmerz abflaute. Sein Blick glitt dabei ĂŒber den still in der Abendsonne liegenden See, dann hinĂŒber zur Bank, wo der Narbige zu einem jeansfarbenen BĂŒndel geschrumpft schien.
Weiter wanderten seine Augen den Steilhang hinauf, bis sie nur wenige Meter von seinem Standort entfernt verharrten. Genau dort musste es gewesen sein, wo ihm dieser verdammte Ast zwischen die Beine geriet und er, sich mehrfach ĂŒberschlagend, den Abhang hinunter gestĂŒrzt war.
„Tja, Hackfresse“, murmelte er. „Ob du immer noch bereit bist, bei mir zu arbeiten, wird sich wohl erst zeigen, wenn du erst meine Geschichte gehört hast.

__________________
Schreib ĂŒber das, was du kennst!

Version vom 26. 03. 2010 19:30
Version vom 28. 08. 2010 18:03

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Lieber Ralph,

sehr gern gelesen. Eine tolle Wendung zum Schluss. Dennoch hÀtte ich ein paar VorschlÀge und eine Idee.
Zuerst zur Idee: Der Umkehrschluss ist in vorliegender Form erkennbar - und auch dementsprechend verblĂŒffend gut. Doch genau hier wĂŒrde ich weiteres Input geben, einen kurzen Handlungsstrang womöglich, die Kallenbachs Erinnerungen betreffen. Es wĂŒrde m.M.n. hervorragend passen, Kallenbachs damaliges Gedankengut hier reinzupacken, weil (auch fĂŒr mich als Leser) dessen Motivation nicht erkennbar ist. Warum hat er Hackfresse davonkommen gelassen? Schließlich hat er ja "verĂ€chtlich gekuckt".
DAS reicht m.M.n. als BegrĂŒndung schlichtweg nicht aus, ich kaufe ihm somit die ermöglichte Flucht nicht ab. War er einfach zu verletzt? Nein, passt nicht, weil er ja immer noch einfach die MPi hĂ€tte durchziehen können.
Also fehlt eine plausible BegrĂŒndung. Vielleicht wollte Kallenbach ja damals selber fliehen und hat nur auf einen "FlĂŒchtigen" gewartet, der die technische Vorarbeit leistet. Einer wie "Hackfresse", der den Fluchtweg erarbeitet - und im letzten Moment ruft der "Grenzer Kallenbach" plötzlich "Halt!" - um schlussendlich selbst auf perfide Art die Republik zu verlassen (nur so eine Idee)

Anbei ein paar Rethorik-VorschlÀge:

FĂŒr Dieter Kallenbach, einem recht erfolgreichen agierenden Bauunternehmer, hatte sich ĂŒberraschend die Gelegenheit ergeben, eine insolvenzgefĂ€hrdete Tiefbaufirma in SĂŒd-Brandenburg zu ĂŒbernehmen.
An diesem einem wunderschönen FrĂŒhlingstag war er daher vom heimatlichen Dresden nach Potsdam gereist, um erste Kontakte mit dem Vorstand des hiesigen Bauindustrie-Verbands zu knĂŒpfen.

Die Unterredung fand im gediegenen Ambiente einer Babelsberger Villa statt und verlief, obwohl Kallenbach einige KonzentrationsschwĂ€chen an sich bemerkte, ausgesprochen erfreulich. Das war nicht zuletzt dem Engagement seines Mitarbeiters Gert Frötsche zu verdanken. Der legte sich mĂ€chtig ins Zeug, wusste er doch, dass er gute Chancen besaß, mit der Leitung der neuen Firma betraut zu werden.

Von dem kalten Buffet, zu dem man im Anschluss gebeten hatte, machte Kallenbach nur wenig gern Gebrauch. Mit einigen Schnittchen auf dem Teller begab er sich an eines zu einem der hohen Fenster und ließ sich von der wundervollen Aussicht auf den langgestreckten See, der sich von hier aus in seiner ganzen Schönheit vor ihm ausbreitete, beverzaubern.

quote:
Dabei spĂŒrte er, wie der Drang, hinunter ans Ufer zu gehen, in ihm unwiderstehlich wurde.

Plötzlich verspĂŒrte er einen unwiderstehlichen Drang, hinunter ans Ufer zu gehen.

quote:
Mit den Worten: „Ich muss mal ein wenig an die Luft“, ĂŒbertrug er Frötsche die weitere FĂŒhrung des obligatorischen Smalltalks und begab sich schnurstracks zum Hinterausgang.


Kallenbach hat doch bisher noch keinen "obligatorischen" Smalltalk gefĂŒhrt. Nur gefressen hat er bis jetzt


Er betrat den winzigen Park, der die Villa umgab.

quote:
UnwillkĂŒrlich reckte die Nase in die nach fĂŒr ihn nicht zu definierenden BlĂŒten duftende SpĂ€tfrĂŒhlingsluft und atmete tief durch. Seine Aufgeregtheit vermochte er damit allerdings nicht zu vertreiben.


DAS nenne ich verbal verhaspelt
Vielleicht lieber sowas wie: UnwillkĂŒrlich sog er den BlĂŒtenduft des SpĂ€tfrĂŒhlings ein und atmete tief durch. Dennoch blieb er aufgeregt.


Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes begann eine schmale stĂ€hlerne Treppe, die den zum Seeufer fĂŒhrenden Steilhang begehbar machte. Es mochten knapp ungefĂ€hr Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise ĂŒberwinden konnte, ohne ĂŒber den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu mĂŒssen.


So, hier stoppe ich erst mal. Passen meine Ideen?

LG schon mal, von KaGeb

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suzah
Guest
Registriert: Not Yet

hallo ralph,
eine spannend geschriebene erzĂ€hlung. im ĂŒbrigen stimme ich kagebs kommentar zu. das waren auch die formulierungen ĂŒber die ich stolperte. es wĂŒrde sich lohnen, hier noch etwas nachzuarbeiten.
"Hinter einer kleinen Pforte an der Seeseite des Zaunes begann eine schmale stÀhlerne Treppe....
vielleicht solltest du hier sagen entdeckte, denn die treppe war damals wohl nicht vorhanden und das wĂŒrde dann etwas auf den schluß hinweisen.
"fast obligatorische Plaste-TĂŒte,..."
ist wohl nicht mehr "plaste" sondern besser plastik oder kunststoff.
"Aber zunÀchst reichte es wohl, so zu tun, als sei man völlig damit beschÀftigt..."
besser als sei er völlig ...
"Einen Tag und (eine) eineinhalb NĂ€chte verbrachten wir dort.."
"...wir den dicht mit StrÀuchern ..."

so weit erst mal, keine zeit mehr, guck mal selbst,
liebe grĂŒĂŸe suzah

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Ralph Ronneberger
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Lieber KaGeb,

erst mal herzlichen Dank fĂŒr deinen ausfĂŒhrlichen Kommentar. Man freut sich ja immer, wenn man Reaktionen auf seine Machwerke bekommt. Als ganz besonders hilfreich empfinde ich es, wenn der Leser/ Kritiker/ Kommentator genau auf die Schwachstellen hinweist, die man als Autor zwar bereits vermutet, aber dann mit dem Gedanken „Merkt vielleicht keiner“ geliebĂ€ugelt hat.

Ich fange mal mit deinen „Rhetorik-VorschlĂ€gen" an.

Hin und wieder verfalle ich dem Irrtum, dass ein Autor eigentlich gar keinen Lektor braucht, wenn er nur sorgfĂ€ltig genug arbeitet. Jegliche ÄnderungsvorschlĂ€ge werden dann oft als reine „Verschlimmbesserungen“ abgetan.

Irrtum! Denn dann schaut man auf solche Hinweise, wie sie von doir vorgetragen werden und kann nur noch verĂ€rgert brummen: „Verdammt, darauf hĂ€tte ich auch selbst kommen mĂŒssen.“

Kurzum – ich muss deine Anmerkungen zĂ€hneknirschend akzeptieren. Und zwar alle! (Der verbale Verhaspler mit dem FrĂŒhlingsduft ist allerdings einfach nur peinlich)

Doch nun zu deiner Idee, die den Handlungsablauf betrifft. Dazu will ich erklÀrend vorausschicken, wie diese Geschichte entstanden ist.
In meiner Schublade liegt nĂ€mlich ein zu zwei Dritteln fertig gestelltes Manuskript (wahrscheinlich wird eine Novelle draus), in dem es um das gleiche Thema geht. Dort gibt es zwei parallel verlaufende HandlungsstrĂ€nge – allerdings nicht als RĂŒckblenden (Erinnerungen) sondern als unmittelbares Handeln.
Auf der einen Seite stehen die beiden FlĂŒchtlinge, auf der anderen ein Grenzsoldat mit seinem PostenfĂŒhrer. Es werden sowohl die BeweggrĂŒnde fĂŒr die Flucht (bei Beiden sehr unterschiedlich) als auch die voneinander abweichende Haltung der Grenzer beleuchtet.

Diese Manuskript habe ich aus „der Not heraus“ (ich brauchte eine Kurzgeschichte fĂŒr eine Lesung und hatte nur begrenzte Zeit zum Vortragen) hervor gekramt und eines der KernstĂŒcke (nĂ€mlich den Fluchtverlauf) genommen, mir die Begegnung der beiden Ă€lteren Herren ausgedacht und aus diesem Gemenge die „Hackfresse“ zusammen gezimmert.

Vielleicht wÀre es wirklich die bessere Variante, den Grenzer ebenfalls fliehen zu lassen. Auch das wÀre durchaus realistisch.
In dem vorliegenden Text stellt sich der Leser natĂŒrlich die Frage, was denn den Grenzer dazu veranlasst, den FlĂŒchtling laufen zu lassen. Und
 welche Konsequenzen nimmt er damit fĂŒr sich und sein weiteres Leben in Kauf.
Möchte er aber selbst „rĂŒber“, bin ich dieses Problem los. Das hier vorgestellte Verhalten des Soldaten ist nur nachvollziehbar, wenn man mehr ĂŒber ihn weiß. Da gebe ich dir völlig Recht.Ich hatt nur gehofft, es fĂ€llt bei der Lesung nicht weiter auf.
In meiner geplanten Novelle gibt es die HintergrĂŒnde bzw. eine Vorgeschichte. Das alles hĂ€tte aber mein Dreißig-Minuten-Vortrags-Korsett völlig gesprengt.
Kurzum – ich werde heftig nachdenken mĂŒssen.

LG von Ralph

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MarenS
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In einem Rutsch gelesen! Mittendrin kurz so ein kleiner Anfall von "Ohnein, nicht schon wieder eine IchbineinarmerFlĂŒchtlingundniemandgibtmireineChanceGeschichte" der sich aber schnell legte und einer schieren Lesewut wich.

Ein sehr feiner Schluss!

Kleine Unebenheit:

quote:
Es mochten knapp ungefĂ€hr Meter Höhenunterschied sein, die man auf diese Weise ĂŒberwinden konnte, ohne ĂŒber den extrem steilen und wild bewachsenen Abhang kraxeln zu mĂŒssen.



Es grĂŒĂŸt die Maren

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Ralph Ronneberger
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Hallo, alle zusammen,

da dieser Text schon ziemlich weit durchgerutscht war und ich ein fauler Hund bin, habe ich zwar in meiner eigenen Fassung die vorgeschlagenen VerĂ€nderungen eingearbeitet und die angesprochenen Schnitzer (hoffentlich komplett) beseitigt, mich aber um die LL-Version nicht mehr gekĂŒmmert.
Das habe ich jetzt nachgeholt. Danke fĂŒr die Anregungen und Hinweise. Einen, von suzah entdeckten Hinweis habe ich aber wissentlich ignoriert – nĂ€mlich die „Plaste-TĂŒte“. Da habe ich meinen Stolz. Wenn ich durch den Park von Sanssouci schreite, erfreue ich mich hin und wieder an einer Plastik, aber meine EinkĂ€ufe werde ich stets in eine Plastik-TĂŒte stopfen.
Suzah mahnt außerdem angesichts von knychens Einwendungen an:

„
 eine solche geschichte sollte wirklich - auch wenn sie vielleicht phantasie ist und nicht auf tatsachen beruht - realitĂ€tsnah sein
“

Dem stimme ich zu und versichere: die Geschichte ist zwar frei erfunden, aber die Kulisse stimmt!

Vor drei Monaten bin ich mit meiner LebensgefĂ€hrtin am Ufer des Griebnitzsees (Potsdam-Babelsberg) spazieren gegangen. Es handelt sich dabei um den Weg, wo ein öffentlicher Streit zwischen Stadtverwaltung und GrundstĂŒckseigentĂŒmern tobt. Er ist auf Grund von Einfriedungen nur noch zum Teil begehbar. An einer ganz bestimmten Stelle bin ich stehen geblieben, habe nach oben zu einer Villa gezeigt und meine Begleiterin gefragt, ob ihr das Haus und die Stelle an der wir standen, bekannt vor kĂ€me. Sie guckte ratlos, denn sie war noch nie hier gewesen, und dann kam es ganz spontan: „Hackfresse?“

In meiner ersten Antwort habe ich schon darauf hingewiesen, dass ich eigentlich den Stoff fĂŒr eine Novelle benutzen möchte. Die Idee, eine Geschichte ĂŒber das Geschehen an der Berliner Grenze zu schreiben, ohne dabei nur „Gute“ und „Böse“ auftreten zu lassen, trage ich schon lange mit mir herum. Das liegt nahe, weil ich selbst meinen 18-monatigen Grundwehrdienst (Herbst 1966 – FrĂŒhj. 1968) am „Draht“ gestanden habe.
Als ich im vergangenem Jahr eine Einladung des Bauindustrieverbandes annahm und ich mich ausgerechnet in eine aufpolierte Villa verschlagen sah, vor der ich etliche Male mit dem Gesicht zum See gestanden hatte, kam alles wieder hoch. Ich bin zwar kein Bauunternehmer, aber ich trage viel von diesem Kallenbach in mir.

Knychen schreibt:

"erstens passte es irgendwie nicht, dass man von einer leerstehenden villa in direkter grenznÀhe so guten einblick bekommt - postenwechsel, zusatzposten, etc.
denn irgendwie waren da ja auch bĂŒsche und bĂ€ume. die hĂ€tten dort gar nicht sein dĂŒrfen. und schon gar nicht, wenn man den signalzaun bereits ĂŒberwunden hat. denn nach dem signalzaun kam generell ĂŒberschaubares gelĂ€nde (sonst hĂ€tte ja ein vom baum fallender trockener ast bereits alarm auslösen können) andererseits spielt das ja 1967 und es ist durchaus möglich, dass in dem entsprechenden bereich so kurz nach errichten von zaun und grenzstreifen alles noch provisorisch war."


Ja, es war alles noch reichlich provisorisch damals. BĂ€ume und StrĂ€ucher standen zu diesem Zeitpunkt tatsĂ€chlich noch auf dem Abhang. Die Posten standen an der NĂ€he der Böschungsoberkante. Von der Villa aus waren sie nur zu sehen, wenn sie wĂ€hrend der Ablösung unmittelbar vorbei kamen. Aber man konnte sie hören. Vor allem nachts. Sie redeten miteinander, lachten, telefonierten, husteten oder klapperten mit AusrĂŒstungsgegenstĂ€nden.
Eine Streife war noch leichter auszumachen. Die Soldaten mussten die Stahlhelme mitschleppen, und das gab bei jedem Schritt scheppernde GerĂ€usche, wenn die Ösen des Tragegestelles an den Stahlhelm stießen.

WĂ€hrend meiner Zeit als Wehrpflichtiger gab es einen Fall, wo sich tatsĂ€chlich ein junger Mann zwei Tage und NĂ€chte in einer der alten Villen (in dem Fall als Kindergarten genutzt) versteckt hatte, um zunĂ€chst aufzuklĂ€ren. Dass er dann dennoch (ohne Schießerei) festgenommen wurde, verdankte er einem blöden Zufall.

Mit dem Signalzaun gebe ich knychen Recht. Die Dinger mussten damals allerdings noch ganz schön strapaziert werden, ehe sie auslösten. Aber bei herabfallenden Ästen konnte das (wenn auch selten) schon mal passieren. Viel öfter lösten SignalgerĂ€te aus, von denen in der Geschichte keine Rede ist. Ihr Knall ließ uns aber nur die Köpfe heben, so sehr waren wir daran gewöhnt. Wir hatten uns vor allem auf den beleuchteten Kontrollstreifen und den breiten Stacheldrahtverhau zu konzentrieren.

Wie der Grenzabschnitt nach meiner Zeit sich gewandelt hat, weiß ich nicht. Das hat mich auch nicht interessiert. Ich war einfach nur froh, mit dem Mist nichts mehr zu tun haben zu mĂŒssen.

Bei Lesungen werde ich gefragt, ob denn der Grenzer, wenn er den FlĂŒchtling laufen ließ, nicht selbst Angst vor empfindlicher Strafe haben musste. Ja – das musste er.
Ich selbst habe weder einen FlĂŒchtling festnehmen oder gar die Schusswaffe gebrauchen mĂŒssen. Das ist nicht unbedingt mein Verdienst, sondern ich hatte nur GlĂŒck – genauso wie bei vielleicht 95% aller Grenzsoldaten.
Aber wir haben uns natĂŒrlich stĂ€ndig mit der Frage konfrontiert gesehen: Was wĂ€re wenn
?
Absichtlich daneben schießen? Bei einer Entfernung von 80 bis 100 Metern durchaus möglich, ohne dass es auffiel. War man aber bereits sehr nahe am der fliehenden Person, hĂ€tte es (zumindest nach meinen Überlegungen) nur einen Trick gegeben. Man musste sehen, hinter dem FlĂŒchtling in dessen Fluchtlinie zu stehen. Jeder abgegebene Schuss bzw Feuerstoß wĂ€re dann automatisch in Richtung Westberlin abgegeben worden – und das war streng verboten.
Ob mir eine solche Argumentation vor dem MilitĂ€r-Staatsanwalt ausgereicht hĂ€tte
? Wie gesagt: Ich hatte GlĂŒck und bin nie in eine solche Situation geraten. Mein Protoganist ist in dieser Situation und nutzt sie. Und um Hackfresse ohne Schusswaffeneinsatz aufzuhalten, war er wegen der Knieverletzung nicht mehr in der Lage.

"die andere sache, die mir aufstiess, war die lapidar hingeworfene bemerkung ĂŒber die typische ddr-karriere
.aber vielleicht war 67 sowas alles noch möglich."


Alles, was knychen ĂŒber den DDR-typischen Werdegang hinsichtlich Schule, Lehre, Armeedienst und Studium anfĂŒhrt ,ist richtig. Leute, die nur wenig jĂŒnger sind als ich, haben einen der von knychen geschilderten Wege gehen mĂŒssen. Dagegen sind mein eigener Werdegang und der von Kallenbach identisch. Allerdings habe ich auf knychens Einwendungen hin eine Korrektur machen mĂŒssen. Aus fĂŒnf Jahren Studienzeit wurden korrekte drei Jahre. Innerhalb von drei Jahren konnte man auch ohne Abitur eine Ingenieurschule besuchen und erlangte erst dort die Hochschulreife. Ingenieure, die diese Ausbildung haben, durften nach der Wende den Titel Dipl. Ing. (FH) annehmen.

Uff – so viel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben. Habe ich eigentlich schon gesagt, wie dankbar ich fĂŒr euer Interesse an dem Text bin? Nein? Dann sei das an dieser Stelle schleunigst nachgeholt.


Gruß Ralph

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