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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Heute Wind du sehen viel wehen gut
Eingestellt am 29. 08. 2004 19:08


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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

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Nach dem Verlassen des FlughafengebĂ€udes „Kazantzakis“ sehe ich mich zunĂ€chst mit der LiebenswĂŒrdigkeit der kretischen Taxifahrer konfrontiert. Sie lauern hinter ihren LenkrĂ€dern und warten mit laufendem Motor, um auf dem großen Flughafenvorplatz die Jagd auf unentschlossene Touristen zu eröffnen. Nicht mal ein sehr schlanker Hund kommt ungesehen an dem Bollwerk aus Rad an Rad parkenden Taxen vorbei. Ganze Familienclans werden laut schreiend und im Zickzack vor den Fahrzeugen hergetrieben. Trotz GepĂ€ck und Hitze legen sie eine erstaunliche Geschwindigkeit an den Tag. Die Taxifahrer lieben dieses Spiel und nennen es unter sich „Flughafenpingpong“.

Der griechische Ausspruch „ta mĂĄtja sou dekatĂ©ssera - Sieh dich vor! Hab 14 Augen! -“ muss genau hier entstanden sein. Sein Verfasser wurde jedenfalls das letzte Mal auf dem Flughafen von Heraklion gesichtet und zwar bei dem Versuch, sich unbemerkt an den Taxifahrern vorbeizustehlen. Ein fliegender Koffer traf ihn unglĂŒcklich an der Stirn. Schwerverletzt lag er wenig spĂ€ter im örtlichen Krankenhaus und erwachte nur noch einmal kurz aus dem Koma, stieß die berĂŒhmten letzten Worte aus und verstarb.

Nicht zu unrecht wird der Flughafenvorplatz von Heraklion in allen Kreta-ReisefĂŒhrern ĂŒbergangen. Auch vor der Landung heißt es nicht etwa: „Wir fliegen Kazantzakis an, die Außentemperaturen erreichen angenehme 28 Grad, machen Sie sich nach dem Auschecken auf anhĂ€ngliche Taxifahrer gefasst, wir wĂŒnschen einen angenehmen Aufenthalt.“

Auf dem Flughafenvorplatz ist die Luft regelrecht geschwĂ€ngert von einem Gemisch aus Angst und Auspuffgasen. Flirrende Hitze legt sich wie eine Wolldecke auf die Ankömmlinge, hĂŒllt sie ein und raubt ihnen schier den Atem. Zwischen panischen Touristen, fliegenden Koffern und herrenlosen GepĂ€cktransportwagen kommt es genau zu den Verletzungen, fĂŒr die man in Deutschland vorsorglich eine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen hat. Wer mit geschickten SprĂŒngen und TĂ€uschungsmanövern den Taxifahrern entkommt, hat gute Chancen, von einem der zahlreichen Reisebusse ĂŒberrollt zu werden.
Ein am FlughafengebĂ€ude Kazantzakis abgestellter Bus wirkt so verlassen wie ein stillgelegtes Kernkraftwerk. Sein desolates Erscheinungsbild verstĂ€rkt die Gewissheit, der Fahrer sei schon lange tot. Viele der Gejagten legen in der schattigen Gasse zwischen zwei Bussen eine kurze Verschnaufpause ein. Ehe sie sich versehen, heulen die Motoren auf. Die schlafenden Riesen setzen sich in Bewegung und bringen das zu Ende, was die Taxifahrer begonnen haben. ”Ta mĂĄtja sou dekatĂ©ssera!”

Zum GlĂŒck gibt es Michalis, meinen persönlichen Taxifahrer. Er bringt mich stets wohlbehalten nach Keratokampos. Davor besteht er trotzig auf das Zauberwort: „Kronkorken“, mit dem ich mir an der gesamten SĂŒdkĂŒste mittlerweile einen zweifelhaften Ruf geschaffen habe. Meine Nase findet Michalis‘ Auto auf Anhieb. Es ist alt und riecht nach Ziege. An guten Tagen transportiert es bis zu 15 Personen, auch ĂŒbereinander. Ich lehne das entschieden ab und bezahle fĂŒr eine ruhige Fahrt mehr als den ortsĂŒblichen Preis. Dennoch liest Michalis an jeder Milchkanne weitere FahrgĂ€ste auf: Ein klappriges MĂ€nnlein am KrĂŒckstock, zwei magersĂŒchtig aussehende Schulkinder, eine bucklige Alte mit Augenklappe, drei besoffene albanische Landarbeiter, vier bleichgesichtige Frauen. Das Procedere ist immer das gleiche: Er bremst, blickt mich flehend an, sagt „Nix Problem?!“ und lĂ€dt die Neuankömmlinge ins Taxi. Meine Antwort wartet er gar nicht erst ab. Eine Zeitlang plaudert er angeregt mit den FahrgĂ€sten. SpĂ€ter dreht er sich zu mir um und berichtet grob von den Einzelschicksalen. Mit trĂ€nenerstickter Stimme schlĂ€gt er sich an die Brust. Ich schlage an mein Portemonnaie und verbringe den Rest der Fahrt damit, schlechtem Atem auszuweichen. Mindestens neun der elf Schicksale halten ZahnbĂŒrste und Seife fĂŒr Teufelswerk.

Kreter finden nichts dabei, ĂŒbereinander zu reisen. Ihre Gliedmaßen sind verblĂŒffend dehnbar und passen sich außergewöhnlichen UmstĂ€nden rasch an. Michalis hat sich noch nie herausgenommen, einen Kreter auf mir zu platzieren. Sonst ist es durchaus ĂŒblich, dass er auf seinen hĂ€ufigen Fahrten nach Heraklion mindestens zwei Ehepaare auf seinem Schoß transportiert. Auf meinen ausdrĂŒcklichen Wunsch hin setzt er keine Griechinnen in meine NĂ€he.

Denn Griechinnen haben die schrillste Tonlage Europas. Der Klang ihrer grellen Stimmen erinnert an quietschendes Besteck auf Porzellan. Griechische Nachrichten verfolge ich daher stets interessiert aber ohne Ton, um meine Ohren vor akustischen Attacken zu schĂŒtzen. „Sie eignen sich nicht fĂŒr Telefonsex“, erklĂ€rte mir kĂŒrzlich ein aus Kreta stammender Imbissbesitzer. „DafĂŒr setzt man sie jetzt im Mittelmeer bei der Delphinforschung ein. Die kommunizieren ja bekanntlich auf höchster Frequenz miteinander.“

Im GesprĂ€ch ist die Griechin liebenswĂŒrdig und lĂ€chelt stets. Unter ihresgleichen verstummt sie allerdings keine Sekunde. Griechinnen haben sich immerzu etwas mitzuteilen und stoßen es hastig und atemlos hervor. HĂ€ufig erwecken sie den Eindruck, zu streiten. Eine wirklich wĂŒtende Griechin, habe ich mir sagen lassen, brĂŒllt jedoch wie eine Schwangere in den Presswehen.

Einmal entdeckte ich mein Taxi abseits des Trubels und steuerte darauf zu. Michalis Kopf hing mit weit geöffnetem Mund aus dem Fenster. Er schlief wie ein Baby. Seine Frau Stafili saß auf dem RĂŒcksitz und starrte mit ausdruckslosem Gesicht hinaus in die Dunkelheit. Zaghaft klopfte ich an die Scheibe. Wir brachten das ĂŒberschwengliche BegrĂŒĂŸungsritual hinter uns und fuhren los. Michalis ist kein rasanter Taxifahrer. Die BĂ€ume flogen nicht an uns vorbei. DafĂŒr brummte uns der Diesel gemĂ€chlich in den Schlaf. Irgendwo bei Knossos erwachte Michalis und kurz darauf entwickelte sich ein GesprĂ€ch.

Griechen schĂ€tzen die unbeholfenen Versuche des AuslĂ€nders an ihrer Sprache und sind dann außer sich vor Freude. Bereits bei einer WortanhĂ€ufung wie: ”Heute Wind, du sehen viel wehen gut” geben sie einem das GefĂŒhl, man hĂ€tte gerade eine Zigarette mit bloßer Gedankenkraft entzĂŒndet. Michalis und Stafili verhalten sich allerdings untypisch. Sie loten meine Sprachkenntnisse aus und wissen sofort, in welchem Tempo sie hinter meinem RĂŒcken ĂŒber mich reden mĂŒssen, ohne dass ich etwas verstehe. Ich kenne das Ritual. Sie tragen ihre Fragen in verschiedenen Geschwindigkeiten und LautstĂ€rken vor. Ich antworte nie oder nur bruchstĂŒckhaft. Das gibt den beiden freie Bahn. Mittlerweile waren sie vorsichtig geworden. Inzwischen reiste ich schon viele Jahre nach Kreta. Sie redeten jetzt hinter meinem RĂŒcken in einem flĂŒsternden Singsang, der wie das statische Rauschen eines defekten Radios klang.

”Ach, schön dass du wieder da bist, MĂ€dchen”, rief Stafili von der RĂŒckbank und schlug mir sehr fest aber freundschaftlich auf den RĂŒcken. Vor Schreck ließ ich meine Karelia fallen.
”Ja”, gab ich zurĂŒck und tastete das Wageninnere nach der Zigarette ab.
”Und morgen gehst du schon schwimmen, nicht?” grinste Michalis sein Taxifahrergrinsen.
”Ich will mich noch nicht festlegen. Es kommt ganz auf das Wetter an.“
Mein perfektes Griechisch schockierte sie. Stafili war sichtlich entsetzt, sog hörbar die Luft ein und blickte konsterniert zu ihrem Mann. Nun folgte ein wirklich langes statisches Rauschen zwischen den Beiden.

Wir passierten Arkalohori, die letzte grĂ¶ĂŸere Stadt vor Keratokampos und nĂ€herten uns dem hĂŒbschen Dörfchen Hondros, ein Ort voller freundlicher Menschen und zahlreicher pittoresker Kapellen. Hondros beherbergt ungefĂ€hr 200 Einwohner und liegt knapp 600 m ĂŒber dem Meeresspiegel. Die meisten Hondrioten arbeiten als Landwirte und leben ĂŒberwiegend von der Olivenernte. An den Nachmittagen sitzen sie regungslos auf kleinen HolzstĂŒhlen vor ihren weißgetĂŒnchten HĂ€usern in der Erwartung, dass etwas passiert.
Dabei ist nicht ganz klar, ob sie die Straßen oder die Straßen sie beobachten.

Hondros beherbergt außerdem einige Bucklige. Das rĂŒhrt weder von der mĂŒhseligen TĂ€tigkeit des Ziegenmelkens her noch steckt eine hemmungslos im Verborgenen ausgelebte Inzucht dahinter. Nein, schuld sind allein die StĂŒhle. Sitzt man lĂ€nger als zwei Stunden unbeweglich auf einem dieser holzgewordenen Folterinstrumente, wird einem ganz allmĂ€hlich die Blutzufuhr in den Beinen gekappt und der RĂŒcken in eine gebĂŒckte Haltung gezwungen. Manche Dörfler stehen eines Tages von ihrem Stuhl auf und bewegen sich ihr Leben lang in Sitzhaltung weiter.

NatĂŒrlich besitzt Hondros auch ein KafenĂ­o. Es befindet sich am Dorfausgang und bietet den FamilienvĂ€tern verlĂ€sslichen Halt, eine sichere Zuflucht vor den Frauenstimmen. Dichter Weinbewuchs und eine rings um die Terrasse aufgestellte Bambuswand wehren im Sommer neugierige Einblicke von Außen in die MĂ€nner–Oase ab. Allein hoch gewachsene, auf ihren Zehenspitzen balancierende Ehefrauen erspĂ€hen mĂŒhsam bestenfalls das ein oder andere HaarbĂŒschel oder eine vertraut wirkende Augenbraue - sofern diese hochgezogen ist. Die MĂ€nner hingegen haben von ihrem Versteck aus einen hervorragenden Ausblick auf alle Dorfgeschehnisse. Sie spielen Karten, trinken Raki oder lesen Zeitung. Einige dösen auf der klapprigen Holzbank gleich neben dem brummenden GetrĂ€nkekĂŒhlschrank. Pausenlos unterhalten sie sich ĂŒber das Wasserproblem. In ihrer Wut auf das höher gelegene Bergdorf Ano Viannos ergehen sich die Hondrioten in lautstarken VerwĂŒnschungen. Anno Viannos klebt an einer Felswand und hat den fruchtbarsten Boden in der Umgebung. Eine nie versiegende Quelle aus den Bergen sorgt auch im Hochsommer fĂŒr ausreichende BewĂ€sserung. Olivenöl und Weine aus der Region Viannos sind von beispielloser QualitĂ€t. TatsĂ€chlich wirken die Vianniten sauberer als die Hondrioten. Ihre Hemden sind weißer, ihre Haut glatter und ihr Gang aufrechter. Einige von ihnen können lesen und schreiben. Im KafenĂ­o von Hondros ĂŒberhören die in ihre Wasserproblematik vertieften MĂ€nner sogar das plötzliche Rauschen in den WasserhĂ€hnen.

Nicht so Irma und Rudi, Freunde aus Hondros, die die wasserreiche Zeit zu nutzen wissen. Sie lassen stets alle HĂ€hne aufgedreht, um den großen Augenblick nicht zu verpassen. Das Wasser kommt alle zwei Tage. Leider nur fĂŒr eine kurze Stunde.
Der erste Tropfen Wasser, der sanft auf die Terrasse fĂ€llt, um dort ungenutzt zu verdampfen, zaubert freudiges Entsetzen auf ihre Gesichter. Sie tauschen einen kurzen Blick aus und erheben sich wie fremdgesteuert von ihren StĂŒhlen. Von heiligem Eifer getrieben eilen sie schweigsam und zielstrebig zu den bereit gestellten Kanistern wie Kinder in der Erwartung einer großen Bescherung. Auf dem gesamten Anwesen, im Innenhof, auf der Terrasse, im Garten, ĂŒberall bietet sich dasselbe Bild dar: Kanister! Und zwar alle erdenklichen Arten, Formen und GrĂ¶ĂŸen. Trinkwasserkanister, WĂ€schekanister, Nutzviehkanister und Kanister fĂŒr die Körperpflege. Letztere unterteilt in Oberkörper-, Unterkörper- und Fußkanister. Die Körperpflegekanister bleiben meistens leer, weil das Wasser streikt. Rudi trĂ€nkt die HĂŒhner und Kaninchen. Irma versucht, alle Pflanzen auf einmal zu bewĂ€ssern. Aus der Ferne rufen sie sich knappe Anweisungen in einer unverstĂ€ndlichen Sprache zu, die außer ihnen niemand verstehen kann. Eine unsichtbare Hand fĂŒhrt dabei die Choreographie ihrer Bewegungen.

Irma und Rudi besitzen ĂŒbrigens die schönste Toilette von Hondros. TĂŒr und Fenster sind azurblau lackiert. Die Armaturen blitzen hell in der schrĂ€g herein fallenden Sonne und das Abflussloch im Fußboden sitzt tatsĂ€chlich O Wunder an tiefster Stelle. Handgemalte Delphine tĂŒmmeln sich auf den weißgekalkten WĂ€nden. In knorrig gemauerten Nischen liegen flauschige und pastellfarbene BadetĂŒcher. Keine unliebsamen Überraschungen beim Aufklappen des Toilettendeckels: Nichts huscht auf vielen schwarzen Beinen davon. Die Brille ist bequem und solide mit dem Becken verschraubt. Kurz: Ich verweile gern auf der schönsten Toilette von Hondros. Neuerdings habe ich Skrupel beim Abziehen. Es ist die reinste Wasserverschwendung. Rufe ich Irma und Rudi aus Deutschland an, vermeide ich Belanglosigkeiten wie ”ich komme gerade aus der Dusche” oder ”es regnet schon den ganzen Tag”. Sie wĂŒrden es in den falschen Hals kriegen.

Die Kreter wissen, dass der Klimawechsel fĂŒr die andauernde Trockenheit verantwortlich ist. Drohend richten sie ihre FĂ€uste und Stöcke gegen den afrikanischen Kontinent, der sich allen Kontinenten gleich durch stoische Gelassenheit auszeichnet. Der wahre Verursacher ist aus der Ferne nicht zu strafen und daher muss ein Opfer in der NĂ€he gefunden und zur Verantwortung gezogen werden. Die Hondrioten nehmen das Wasserproblem zum Anlass, in ungewohnt deutlichen Worten gegen den jeweiligen BĂŒrgermeister zu plĂ€dieren. Ungewohnt deutlich heißt: Es fallen Namen und mittelgroße Gemeinheiten. Kleine Gemeinheiten wie ein zufĂ€llig vergifteter BĂŒrgermeisterhund ĂŒbernehmen die nachtaktiven Einwohner. Nach Meinung der Hondrioten steckt ausschließlich der jeweilige BĂŒrgermeister mit den ach so reinlichen Vianniten unter einer Decke. Warum sonst zögert sich immer wieder der Bau von Wasserleitungen, RĂŒckhaltebecken und Pumpen hinaus? Ein harmoniesĂŒchtiger BĂŒrgermeister wĂ€lzt sich vor einem Gang durch Hondros einige Minuten im Staub.
Plötzlich auftauchendes Wasser strafen die Dörfler mit Missachtung und GleichgĂŒltigkeit. Es kĂ€me einer Kapitulation gleich, das dringend benötigte Nass gerade inmitten ihres Feldzuges gegen den vermeintlich Schuldigen zur Kenntnis nehmen zu mĂŒssen. Munter sprudelt und plĂ€tschert es also ĂŒber Betonterrassen, lĂ€uft glucksend die Treppen und Wege hinunter und verdampft schließlich als Rinnsal ungenutzt im trockenen Erdreich, ohne auch nur die geringste Aufmerksamkeit zu erregen.

Inzwischen haben die meisten Hondrioten das Schwitzen verlernt. Getreu dem Motto „Wer sich mir dauerhaft verweigert, dem verweigere ich mich dauerhafter“ waschen sie sich gar nicht mehr. Mit steinernen Mienen bewahren sie ihren angeborenen Stolz. Ein echter Kreter lĂ€ĂŸt sich nicht knechten. Weder von einem furztrockenen Kontinent noch von einem ehemaligen Hundebesitzer mit verdĂ€chtigen StaubabdrĂŒcken auf dem RĂŒcken.

Stafili ist eine hervorragende Köchin. Sie steht mit den Ziegen auf und beginnt ihren arbeitsreichen Tag. Gegen Nachmittag nimmt ihr Gesicht selbst ziegenĂ€hnliche ZĂŒge an. FĂŒr Stafili bietet das Leben eine reichhaltige FĂŒlle an unerledigter Arbeit. Es gibt keinen Grund, stĂ€ndig in Bewegung zu sein, aber sie kann nicht aus ihrer Haut. Abends sitzt sie erschöpft am KĂŒchentich, trinkt Ziegenmilch und klagt ĂŒber ihre geschwollenen FĂŒĂŸe. Neben ihr hockt Michalis und verzehrt gerĂ€uschvoll dicke Bohnen. Manchmal schaut er hoch und grunzt: ”KalĂł fajitĂł! – gutes Essen! -” Und wenig spĂ€ter: „Du bist die Beste!“
Sie ist die Beste. Sie ist die Schutzheilige aller Hausfrauen in Keratokampos.

Das Taxi verließ in der Zwischenzeit Hondros und steuerte auf die Serpentinenstraße Richtung Keratokampos zu. Von Hondros nach Keratokampos braucht der NĂŒchterne rund 15 Minuten. Der GlĂ€ubige fĂ€hrt lĂ€nger. Er muss sich vor jeder Kapelle und allen Ästen, die der Zufall auch nur irgendwie zum Christussymbol geformt hat, bekreuzigen. Besoffene Atheisten schaffen die Strecke Hondros-Keratokampos in fĂŒnf Minuten.

In Keratokampos steht ein Notarztwagen bereit. Er gehört Christos, dem Betreiber einer kleinen Strandbar. Christos liebt Tequila. Nach dem fĂŒnften Glas springt er ĂŒber die Theke und beginnt zu tanzen. Seine Beine bleiben wie festgeschraubt am Boden. Der Oberkörper krĂŒmmt und entspannt sich in schnellem Wechsel, die GesichtszĂŒge zerfließen. Christos scheint elektrische Erdströme durch die Fußsohlen aufzusaugen, die sich ab HĂŒfthöhe verĂ€steln. Im Gesicht kommt es zu unvorteilhaften Entladungen. Streng genommen Ă€hnelt er einer sturmgepeitschten Trauerweide unter großem emotionalen Stress. Erreicht ihn in diesem Zustand ein Notruf, fackelt er nicht lange und versucht, sich vom Boden zu lösen. Dann braust er mit seinem Rettungswagen los. Er schafft die Strecke in weniger als fĂŒnf Minuten.

Michalis fĂŒhrte uns sicher die Serpentinen hinunter. Nach wenigen Kurven konnte ich bereits das Meer sehen. Zuerst nur als dunklen Streifen am Horizont, spĂ€ter angestrahlt vom Vollmond, der, einem großen KĂ€serad gleich, ĂŒber dem Wasser schwebte und sein Licht wie flĂŒssigen Feta in das mitternĂ€chtliche Meer troff.

Ein Kaninchen kreuzte schlaftrunken unseren Weg und blinzelte neugierig in das Scheinwerferlicht. Ein harter Schlag von hinten auf meine RĂŒckenlehne weckte mich aus meinen TrĂ€umereien und erinnerte mich an die PrĂ€senz der Schutzheiligen aller Hausfrauen. Mit militĂ€risch knappen Anweisungen und schauerlichen Zischlauten stachelte sie Michalis zur Jagd auf. Der alte Diesel heulte auf und schoss hinter dem Tier her. Bald verlor er an Bodenhaftung und schlingerte von rechts nach links. Mal streifte er die StĂ€mme der OlivenbĂ€ume, mal den Rachen des unter mir gĂ€hnenden Abgrundes. Ich konnte das nicht verstehen, denn das Kaninchen lief stur geradeaus. Mir wurde leicht unbehaglich. Vor einer kleinen Kapelle kam der Wagen plötzlich zum Stehen. Die Vollbremsung erfolgte aus tiefster religiöser Überzeugung. Stafili und Michalis senkten die HĂ€upter und sprachen ein stilles Gebet. Es muss offensichtlich eine Kurzfassung gewesen sein.
”Los, schnapp es dir!”, rief Stafili schon Sekunden spĂ€ter. Mit Vollgas nahm Michalis erneut die Verfolgung auf.
”Ich bin Taxifahrer und kein JĂ€ger, Frau”, sagte er. AllmĂ€hlich machte er sich Sorgen um sein Auto.
”Ha!” rief Stafili. ”Ich bin die Köchin und da vorne lĂ€uft ein Braten. Sieh zu, dass du ihn einholst!”
In meiner Verzweiflung versuchte ich es mit einem Ablenkungsmanöver, kramte in meinem griechischem Wortschatz und sagte: „Seit Heraklit und Epiktet stellt sich mir die Frage, ob denn die essentiellen Erkenntnisse der Menschheit immer gleich so dĂŒster referiert werden mĂŒssen. Wie seht ihr das?“
Nichts! Das statische Rauschen blieb aus. Einen Kreter von Fleisch abzulenken ist so sinnvoll wie der Verzehr einer BrĂŒhe mit StĂ€bchen. Der große Diesel schlingerte durch die Dunkelheit und jagte ein winziges StĂŒck Fleisch. Ich gewann allmĂ€hlich den Eindruck, es werde mit ganzen Broten nach Enten geworfen. Stafili ging die Zutaten fĂŒr den Braten durch. Michalis hockte verbissen hinter seinem Lenkrad. Er nahm die Haltung einer Katze vor dem Sprung ein. Schließlich hĂŒpfte das Kaninchen einen Haken schlagend missmutig in einen vertrockneten Busch und verschwand. Michalis entspannte sich. Stafili fluchte und schlug wĂŒtend gegen meine RĂŒckenlehne. Danach verfiel sie in den tranceĂ€hnlichen Zustand, in den sie sich stets flĂŒchtet, wenn etwas in ihrer Planung schief lĂ€uft.

Abgesehen vom schwachen Schein der Angstlichter lag Keratokampos bei unserer Ankunft drei Stunden spĂ€ter in völliger Dunkelheit. Angstlichter schimmerten aus nahezu allen Fenstern. Jeder kretische Haushalt besitzt die kleinen Stecker mit rotem oder grĂŒnem Plastikkopf, in denen winzige GlĂŒhbirnen flackern. Nachts sollen sie den schwarzen Mann fernhalten. Gemeint ist die Ehefrau. Es gibt den schwarzen Mann nicht, wie der Kreter weiß. Trotzdem erzĂ€hlt er seiner Familie tĂ€glich haarstrĂ€ubende Schauergeschichten ĂŒber IHN, der quengelnde Kinder frisst und moderne Frauen in sein dĂŒsteres Reich verschleppt. Unmoderne Frauen bleiben nach Anbruch der Dunkelheit im Haus. Moderne Frauen wandern nachts durch die Gassen und suchen ihren Ehemann. Den finden sie entweder in Christos‘ kleiner Strandbar oder in inniger Umarmung mit einer Touristin. Touristinnen betrifft der Schwarze-Mann-Spruch nicht.

Die Moralvorstellung des Kreters ist so komplex wie Kreta selbst. Nichts verabscheut er mehr als die Untreue der Ehefrau. In den verschiedenen Regionen der Insel scheint es unterschiedliche Definitionen fĂŒr mĂ€nnliche Treue zu geben. Das trĂŒgt. Alle Moralvorstellungen grĂŒnden letztendlich auf die des berĂŒhmten kretischen Schriftstellers Kazantzakis. Man kann sie sogar auf seinem Grabstein nachlesen: „Ich hoffe auf nichts – ich fĂŒrchte nichts – ich bin frei“

Jeder Mann legt die drei Aussagen nach Lust und Laune fĂŒr seine persönlichen Zwecke aus. LĂ€stige Rechnungen wirft er mit einem fröhlichen „Ich fĂŒrchte nichts!“ ins Meer. Außereheliche Abenteuer leitet er mit „Ich bin frei!“ ein. Aus jeder Ecke der Insel tönt das berĂŒhmte Zitat, in wĂŒtendem Stolz oder in heftiger Erregung ausgestoßen. Kazantzakis hat seinen LandsmĂ€nnern einen unschĂ€tzbaren Dienst erwiesen. Angetrunkene Touristinnen sind besonders empfĂ€nglich fĂŒr die Kombination „Ich bin frei und fĂŒrchte nichts, nicht einmal den Tod!“
Mit dem Tod ist die moderne Ehefrau gemeint. Die Liebe wird auf Kreta ungewöhnlich frei und hemmungslos ausgelebt. Die grĂ¶ĂŸte Angst des Kreters jedoch ist, dass ”es” herauskommt.

Das Taxi hielt quietschend vor Michalis‘ und Stafilis Appartementhaus. Wie immer war es vollkommen leer und bot auch bei Nacht keinen erfreulicheren Anblick als bei Sonnenaufgang. Mir ist das gleich. Ich habe mich daran gewöhnt. Mein Zimmer ist so karg eingerichtet, dass es beinahe kĂŒnstlerisch anmutet.
Anfangs wollte ich der Sache auf den Grund gehen:
”Warum gibt es keine Bilder an den WĂ€nden?”
Die Antwort kam in beschwörendem Tonfall:
”Das hat psychologische GrĂŒnde, meine Liebe. Nichts soll den Gast von seiner eigenen Person ablenken.”
„Was ist mit dem Licht? Es funktioniert nicht!“
„Wer stets im Hellen wandelt, strauchelt im Dunkel schnell.“
„Hm?“
Michalis war auf alles vorbereitet.

Das völlige Fehlen jeglicher persönlichen Note lĂ€sst entweder auf unendlichen Geiz oder auf philosophische Weitsicht schließen. Im KĂŒchenschrank gibt es zwei Teller und 1 Âœ Tassen. Nach grĂŒndlicher Suche findet sich ein verbogener Löffel. Er wechselt von Jahr zu Jahr die Schublade. Die Toilettenbrille ist seit vier Jahren defekt und lĂ€sst einen normalen Vorgang zur Olympiadisziplin werden. Im Kleiderschrank hĂ€ngen massenhaft KleiderbĂŒgel. Der Nachteil ist, dass sie unsichtbar sind. Die einzigen vier Sichtbaren sind aus Draht und erinnern an Fragmente alter ViehzĂ€une. Auch daran habe ich mich gewöhnt. TatsĂ€chlich hat mich das Appartement noch nie abgelenkt. Nur der brummende KĂŒhlschrank raubt mir nachts den Schlaf. TagsĂŒber ist er in Höchstform und passt seine Innentemperatur solidarisch der Außentemperatur an.

In Michalis‘ Appartementhaus denke ich unweigerlich an den Film ”Das Leben einer Nonne”. Da wurde eine Novizin ihres Haares beraubt und in ein karges KĂ€mmerlein gefĂŒhrt. Eine vergrĂ€mt aussehende Oberschwester kam herein und sagte hĂ€misch: ”Nun gib mir deine letzte persönliche Habe. Nichts soll dich mehr an deine Vergangenheit erinnern!” Ich glaube, sie ĂŒberreichte ihr einen Kamm.

Michalis flĂŒsterte mir den Preis fĂŒr die Taxifahrt zu:
„Das macht 15.000 Drachmen, weil du du bist, anstatt 17.000, du weißt schon...“ Er schlug sich ans Herz. Derartige Persönlichkeiten machen mich nervös. Stafili schlief keineswegs hinten im Taxi. Auch wenn sie den Eindruck erweckte. So auch dieses Mal.

„Michali!“, keuchte sie von hinten. Dann folgte eine lange Diskussion. Wie immer bezahlte ich 17.000 Drachmen, weil ich ich bin und Stafili die Hosen anhat. Michalis wĂ€lzte meine Reistasche aus dem Kofferraum und hievte sie mit gespielter Leichtigkeit die Treppe zu meinem Appartement hinauf. Ich sah durch das aufgesetzte LĂ€cheln direkt bis zu seiner klapprigen Bandscheibe hindurch. Er hatte große Schmerzen. Ich hatte Kofferrollen. FĂŒr einen Kreter sind Kofferrollen nicht existent. Der Kreter ist ein Mann.

Oben im Zimmer schlug mir das schwache Odeur schon lang abgereister Touristen in die Nase. Das hat einerseits etwas Lebendiges; andererseits weiß man nie, wer oder was sich in den Matratzen gewĂ€lzt hat. Die Betten waren nicht bezogen. Das gehört zum Ritual. Auch die Novizin musste ihr Bett selbst beziehen. Michalis verabschiedete sich augenzwinkernd an der TĂŒr. Dann humpelte er die Treppen hinunter ins Taxi zu seiner Frau. Von unten rief er zu mir hoch:

„Was du auch willst, nix Problem, nix Problem!“

LĂ€chelnd winkte ich den beiden nach und sah einige Minuten zu, wie sich der alte Diesel mĂŒhsam den Berg hinauf nach Hondros kĂ€mpfte. „Nix Problem“, wiederholte ich und schloss die TĂŒr. «Kronkorken» flĂŒsterte ich leise, bevor ich in tiefen Schlaf sank.



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anemone
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Sep 2001

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hallo Majissa,

wie immer las ich gerne deine humorige ErzĂ€hlung ĂŒber die Kretische Bevölkerung. Sie hat mir meine Urlaubserinnerungen nahe gebracht. Ich bin auf jeden Fall ein Fan deiner Werke. Mach weiter so!

liebe GrĂŒĂŸe

Ach ja, Textarbeit! 1 Rechtschreibfehler war mir aufgefallen. Leider finde ich ihn nicht mehr.

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

Werke: 27
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Hallo Anemone,

wusste ich ja gar nicht, dass du zu den Kretafans gehörst und diese Geschichten gern liest. Freut mich aber sehr. Danke fĂŒr dein Lob. Ich werde versuchen, nicht nachzulassen. Wenn da nur nicht dieser verflixte Rechtschreibfehler wĂ€re...

LG
Majissa

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Inu
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2002

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Hallo majissa

Du hast genau die Art Humor, die mir gefÀllt. Ich kann nicht umhin... bei Deinen Kreta- Geschichten muss ich immer unbÀndig lachen, ob ich will oder nicht. Das passiert mir sonst höchst selten. Ich habe auch diesen Text wieder sehr genossen, ohne nun jeden Satz, jede Feinheit genau unter die Lupe zu nehmen und zu sezieren.

Liebe GrĂŒĂŸe
Inu

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majissa
Autor mit eigener TV-Show
Registriert: Jan 2002

Werke: 27
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Ich kann nicht umhin...

...zu denken, dass ich es richtig gemacht haben muss, wenn ich deinen Kommentar unter meinen Geschichten finde, liebe Inu. Und dass du das Textskalpell nicht angesetzt hast, macht ĂŒberhaupt nichts. Wenn der Gesamteindruck stimmt und du sogar unbĂ€ndig lachen musstest, habe ich mehr erreicht, als ich wollte.

Danke fĂŒrs Lesen und Kommentieren.

LG
Majissa

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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

Werke: 47
Kommentare: 222
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liebe majissa,

seit der zeit, seit der ich selber schreibe, und als aufstrebender möchtegernschreiberling, der ja etwas dazu lernen will, geht es mir oft selbst bei bĂŒchern so, dass ich das WAS vergesse und mich nur noch auf das WIE konzentriere.

so nĂŒtzlich das sein mag, verleidet es mir oft das vergnĂŒgen am lesen.

selten genug kommt es vor, dass das WIE so gut ist, dass ich das WAS mit vollem genuss lesen kann.

bei deinen texten ergeht es mir so.

danke fĂŒr diesen genuss. sag mir bescheid, wenn du ein buch veröffentlichst. genuss macht sĂŒchtig ;-)



__________________
Freifrau von Löwe

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