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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Immer stehst du am Anfang
Eingestellt am 20. 06. 2008 08:28


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kata
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Die Tage wurden lĂ€nger. Als ob er eben zum Leben erwacht sei, fliegt der erste Zitronenfalter durch den lichterfĂŒllten Wald. Ohne Schutz hat er den Winter verbracht. Strenger Frost konnte ihm nichts anhaben. Einfach irgendwo an windgeschĂŒtzter Stelle festgeklammert, hat er den Unbilden von Schnee und KĂ€lte standgehalten. Man möchte es kaum glauben, daß ein so zartes Gebilde wie ein Schmetterling dies aushĂ€lt.

Das Buschwindröschen hat einen prĂ€chtigen BlĂŒtenteppich ĂŒber den Waldboden gebreitet. Im Zentrum der großen weißen AnemonenblĂŒten leuchten die StaubgefĂ€ĂŸe gelb. Solange die BĂ€ume noch keine Belaubung tragen, kann das Licht ungehindert den Boden erreichen. Von Weiß zu leuchtenden Farben entwickelt sich die Palette der FrĂŒhlingsblĂŒten. Schneeglöckchen und Christrosen sind die ersten, die unter dem Einfluß der lĂ€nger werdenden Tage durch die Schneedecke kommen. Auf diesen „weißen Aspekt“ folgen ein blauer bis violett-roter Krokus, LeberblĂŒmchen und Schneeheide. SchlĂŒsselblumen und verwilderten Forsythien kommen im gelben Kleid, und wo die Sonnenstrahlen direkt auftreffen, öffnen sich die PalmkĂ€tzchen zuerst und schieben die gelben StaubgefĂ€ĂŸe hervor. Hasselnuß und Erlen, vom Wind bestĂ€ubt, sind lĂ€ngst verblĂŒht, die Tage merklich lĂ€nger und wĂ€rmer geworden. Noch dringt die Sonne bis zum Waldboden und zu den niedrigen Blumen im Gras.

Im FrĂŒhling laufen die VorgĂ€nge in der Natur oft nach recht strengen Regeln ab. Die meisten Zugvögel kehren zu ganz bestimmten Zeiten zurĂŒck. Ob das Wetter gut oder schlecht ist, hat nur wenig Einfluß. Die lĂ€nger werdenden Tage sind die besseren, die zuverlĂ€ssigeren Zeitgeber, nach denen dich die Natur richtet. Die zurĂŒckgekehrten Singvögel haben ihre Reviere besetzt. Die MĂ€nnchen singen unermĂŒdlich. Die Phase des ĂŒberreichen Nahrungsangebotes tritt ein. An den BĂ€umen und BĂŒschen wimmelten Insekten, besonders Raupen und andere Larven. DafĂŒr lohnte sich der weite Flug ĂŒber WĂŒste, Meer und Gebirge. Und das Licht veranlaßt die Menschen, ihre Last weniger schwer zu ertragen und unerschrocken den Tag zu verfolgen. Die Melancholie, wie der Staub auf der Seele, und die Resignation verlieren jetzt ihren durchsichtigen Schleier; nur die Hoffnung kann nun mit einem gewissen Charme Bedeutsames hervorbringen und die bloße Gewißheit, daß sich stĂ€ndig alles verĂ€ndert.

Die Welt da draußen vor der TĂŒr lĂ€ĂŸt sich noch im Glauben formen. Und kein Zweifel darf sich vermehren. Hoffen wir auf das, was wir nicht sehen können, denn immer wieder gibt es auch eine Pause, eine kurze, winzige Rast, ein Aufatmen; dann aber geht es weiter, und man ist wieder eine der tausend Figuren im wilden und verzweifelten Tanz des Lebens. Tao schrieb ĂŒber die Jahreszeiten: „Der Weg des Himmels streitet nie, und doch bleibt er Sieger; er spricht nicht, und doch gibt er Antwort; er fragt nach nichts, und doch kommt alles von selbst; er wirkt gelassen, und doch verlĂ€uft alles nach genauen PlĂ€nen. Das Netz des Himmels, gestrickt aus Liebe und Geborgenheit ist groß und weit. Obwohl die Maschen groß sind, entschlĂŒpft ihm nichts“.

Marias Verbundenheit mit der Natur und deren wechselnden Launen definierte sich in ihr, als ein Freund. Die MĂ€chte der Natur ließen sie nur noch realistischer werden. Auf keine der vielen Naturbewegungen konnte sie Einfluß ausĂŒben. StĂ€ndig spĂŒrte sie den Rhythmus des Lebens, traute ihren Intuitionen und ihrem Herzen, das ohne Zweifel war und keine Antworten dringend brauchte. Da, wo der Glaube so stark in ihrer Seele glĂŒhte, da waren auch die Wahrheit und die Einsicht in das Wechselspiel des Lebens, die ihr die Weisheit schenkten, die jetzige Zeit zu genießen. Beten war das Atmen ihrer Seele. Ohne lebendiges Beten stirbt der Glaube, erstickt allmĂ€hlich auch das Leben – davon war sie stĂ€ndig ĂŒberzeugt.

In jedem von uns leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt. Die Menschen gehen durch die Welt, und jeder grĂŒbelt ĂŒber ein großes MĂ€rchen nach, das ihm in so grellen Farben ausgemalt wird, als spiele es sich vor seinen Augen ab. So hat jeder eine geheime BĂŒhne, ein eigenes Theater, und jeder geht in sein KĂ€mmerlein und lĂ€ĂŸt sich das StĂŒck zu Ende spielen als sein einziger Zuschauer.

Maria gab ihrem dreizehnten Kind den Namen Antonio und taufte ihn in einer kleinen Kapelle, die sie nunmehr mit ihm auf den Arm, immer öfter besuchte. Den Rosenkranz trug sie stĂ€ndig bei sich und suchte nach einer Lösung, suchte die Wellen, die VerĂ€nderung bringen sollten. Es war ihr klar, daß sie dem Weg, was die KrĂ€fte zwischen Himmel und Erde ihr zugeteilt hatten, weiter vertrauen mußte. Sie ist ein Kind Gottes, und ihre Kinder sind Gotteskinder, und wenn Gott fĂŒr sie ist, wer soll dann gegen sie sein. In der Dunkelheit wohnt auch das Licht. Im Strome der Zeit trieb Maria dahin und versuchte stĂ€ndig den Himmel in sich zu tragen. Und Frommsein bedeutete zu dieser Zeit nur Vertrauen.

Lucas, Marias Mann, wurde mit der Zeit wahnsinnig und sein Leben erlosch langsam in Qualen seines Gewissens. „Das Gewissen“, sagte einmal ein alter Indianer, „ist ein kleines dreieckiges Ding in meinem Herzen. Es steht still, wenn ich gut bin. Tue ich aber böses, dreht es sich, und die Kanten tun dann sehr weh. Am schlimmsten ist, wenn ich weiterhin böse bin, denn dann stumpfen die Kanten ab, und ich spĂŒre die Schmerzen nicht mehr“.

Der Tag erhellte gerade erst im Schimmer des Morgenrots im geöffneten Fenster, und das Licht reichte jedoch aus, um sofort die AutoritĂ€t des Todes zu erkennen. Noch ein Vater wird im Grab schweigen mĂŒssen. Lukas war ein Trinker und ein Tyrann. Seine Schatten gehörten zu ihm und wanderten mit ihm mit. Diese unbekannte, begleitende dunkle Person agierte hinter seinen RĂŒcken unbewusst wie eine selbstĂ€ndige Person.
In der Luft war so etwas wie Erlösung zu spĂŒren, deshalb traute keiner diesem unbeugsamen Charakter nach.
Trotzdem hatte Lucas ein schönes BegrĂ€bnis mit Blechmusik erhalten. Nun liegt er in geweihter Erde. Hunderte von Menschen begleiteten in Stille seinen Sarg voller Blumen, mehr vielleicht aus einer Routine, als aus RespektabilitĂ€t, die Lucas vor langer Zeit erlangte und genauso brutal verlor. FĂŒr diese frommen Menschen war der Tod nichts Außergewöhnliches, ein Bestandteil und eine Aufgabe des Lebens und nur eine Macht diktiert, wann die Zeit zum Leben und zum Sterben gekommen ist. Jeder, der zur Welt kommt ist Windhauch und muß sterben. Ein Mensch geht zu seinem „ewigen Haus“ und die klagenden ziehen durch die Straßen.

Nie war Lucas ganz Marias gewesen, aber sie begleitete ihn mit einer Hingabe und einer unterwĂŒrfigen ZĂ€rtlichkeit, die allzusehr der Liebe Ă€hnelte, die eigenartig, aber nicht kĂŒnstlich war. Maria wurde zur Frau in schwarz. Unerschrocken in ihrer schwarzen Kleidung fĂŒhrte sie einen unerbittlichen Kampf gegen die zerstörerische VergĂ€nglichkeit. Strenge Trauer und WĂŒrde ihres Leidens war mehr als deutlich zu erkennen. Ihr Gesicht war wie ein schwaches LĂ€cheln, eine GefĂŒhlsstausprengung. Tausend geweinten TrĂ€nen aufgehoben im Dunkel, tosend wie die Brandung im Meer der Einsamkeit.

AllmĂ€hlich versuchte sie ihre Traurigkeit in eine Art Sehnsucht und ihre Einsamkeit in Erinnerung zu verwandeln. Diese Einsamkeit fĂŒhlte sich wie eine gefrorene Landschaft um sie. „Wann war es das letzte Mal, daß du jung gewesen bist?“, -fragt sie sich und die Erinnerungen kommen langsam in Fluß, bewegen sich wie Stromschnelle. Maria haßte den Tod nicht, ihre Trauer war doch ohne Verzweiflung, sie fĂŒrchtete ihn nicht und betrachtete den Tod als eine Art Verwandlung in der wir uns nur in Form verlieren.

Der Wind blĂ€tterte rauschend die Seiten ihres verstaubtes Vergangenheitsbuches um: Sie erinnerte sich an die schöne Augenblicke ihres Lebens, an die Bilder ihrer Jugend und an die Spiele in Weizenkornfeldern. Vor ihren Augen bewegten sich Tanzschritte der Ruhe, Sonnenblumenfelder lachten sie an und die Sonne drĂ€ngte sich unter ihren Augenliedern. Alles was sie wollte, war, die Augenblicke festhalten, sei es nur fĂŒr Sekunden. Aber sie erloschen so unvermutet, wie sie gekommen sind. Was man ihr nicht rauben konnte, war ihre Religion und ihr Stolz, und sie fĂŒhlte sich wie eine Rose, die ihr Herz immer aufrecht trĂ€gt, obwohl sie vom Wind gebeugt und von Dornen geplagt wird. Maria bewegte sich nicht, sie stand in einer merkwĂŒrdigen Einsamkeit, ruhig wie ein Bild, und sehr schön. In ihrem Blick war kein Verlangen, keinerlei Begierde, nur stauende Hingabe, dankbares EntzĂŒcken. Je stiller sie wurde, desto mehr konnte sie hören.

Die schwarze Kleidung wurde nie mehr abgelegt. „Morgen kommt ein neuer Tag“ -, dachte sie bei der Beerdigung des Mannes, der ihr Leben zur Hölle machte, der ihr jedoch einen gesunden Reichtum hinterließ, ihre gesunden Kinder. „Sie sind doch alle gesegnet!“ -, flĂŒsterte sie voller Dankbarkeit. Die Zukunft hat viele Namen: fĂŒr Schwache ist sie das Unerreichbare, fĂŒr die Furchsamen das Unbekannte, fĂŒr die Mutigen die Chance.

Mit der Zeit wurde Maria immer frommer und ihre AlltagskĂ€mpfe liefen unermĂŒdet weiter. Nur, bei wem kann sie jetzt ihr mißhandeltes Herz ausschĂŒtten? Sie schaffte sich eine eigene Welt, eine Kathedrale, eine Quelle, aus der sie die Kraft zu sich nahm. Diese ihre Welt war mit harter Disziplin verbunden.

Die Tage wurden noch lĂ€nger. Und das Licht beeinflußte die Menschen, ihre Last weniger schwer zu ertragen, und unerschrocken den Tag zu verfolgen. Die Melancholie, wie der Staub auf der Seele, und die Resignation verlieren jetzt ihren durchsichtigen Schleier – nur die Hoffnung kann jetzt mit einem gewissen Charme und Bedeutungen resultieren und die bloße Gewißheit, daß sich stĂ€ndig alles verĂ€ndert. Die Welt da draußen vor der TĂŒr lĂ€ĂŸt sich noch im Glauben formen. Und kein Zweifel darf sich fortpflanzen. Hoffen, auf das, was wir nicht sehen können und aushalten in geduldiger Erwartung. Und immer wieder gibt es auch eine Pause, eine kurze, winzige Rast, ein Aufatmen, aber dann geht es weiter und man ist wieder eine der tausend Figuren im wilden und verzweifelten Tanz des Lebens.

Von der Veranda aus betrachtete Maria jeden Abend den Hintergrund des schwarzblauen Himmels mit unzĂ€hligen silbernen Sternen, und dankte ihren Gott, ihr erlaubt zu haben, diese wunderschöne Architektur seines Universums bewundern zu dĂŒrfen.
Jeder Tag ist ein kleines Leben – jedes Erwachen und Aufstehen eine kleine Geburt, jeder frische Morgen eine kleine Jugend, und jedes Zubettgehen und Einschlafen ein kleiner Tod.

Kraft und Mut durchflossen ihren ausgesaugten Körper, als ob Gott an sie herantreten wollte. Der Eindruck einer kompakten Materie, ließ sie nicht alleine vorkommen. Sie erinnerte sich an das, was in der Bibel stand: „Denn der in euch ist, ist grĂ¶ĂŸer als der, der in der Welt ist“, und „nĂ€hert euch Gott, und er wird sich euch nĂ€hern“. Ganz genau wußte sie, daß alles einen Sinn hat und ihr Name hieß nicht Schwachheit, im Gegenteil. Die Jahre hinter ihr entglitten flĂŒchtig, und den Weg in der Mitte zu gehen, wird sie erneut wĂ€hlen, denn, der wird am sichersten sein. Das Leben wird verhandelt und neue Kompromisse werden gesucht. Und sie wird sich weiterhin, dem Unbekannten fĂŒgen mĂŒssen. Das waren die Gedanken mit denen wir uns alle reich oder arm machen, zum Bettler oder zum Dieb. Unsere Seele hat einen Zauber in sich, dem wir vertrauen dĂŒrfen, sie sucht das Ganze und ist bestrebt, jede LĂŒcke und jeden Mangel auszugleichen. Ist dies alles ein Melodram oder ein Geschenk? Auf jeden Fall ist es ein kurzer Traum. Das Leben lĂ€ĂŸt sich nicht tauschen und auch nicht abweisen.

Dessen ungeachtet wird Maria in tĂ€glicher PflichterfĂŒllung den Trost finden und das Leben begreifen. FĂŒr jede neue Herausforderung wird sie bereit sein, ohne die Möglichkeit, sich der Angst und dem Zweifel unterwerfen zu mĂŒssen. Sich zu bemitleiden wĂ€re irrsinnig, nur fĂŒr ihre inneren Feinde wĂ€re dies ein Triumph. Die GefĂŒhle in ihrem Herzen fehlten nicht, daß wußte sie, denn ohne diese GefĂŒhle, wĂŒrde sie in einem imaginĂ€ren Leben auch nicht glĂŒcklicher. Nur die Liebe, diese reine Liebe, die sie in sich trug, kann alles Weitere bewĂ€ltigen und allem einen Sinn geben. Manchmal vermag uns ein durch den Asphalt brechender Löwenzahn die tĂ€gliche Frage nach dem Sinn des Lebens eindrĂŒcklicher und ĂŒberzeugender zu beantworten, als eine ganze Bibliothek philosophischer Schriften.

Maria hat nie etwas verlangt. Nur das Geben kannte sie zu gut. War Maria eine Sklavin? Gewiß doch, aber im Geiste war sie eine freie Frau. Und wer kann von sich auch sagen, daß er kein Sklave sei, Sklave der Habsucht, der Angst oder Sklave der Wollust?
Jeder Mensch ist einmalig und es gibt weder zwei gleiche Menschen, noch zwei gleiche BlĂ€tter auf einem Baum. Das Rad der Entwicklung dreht sich weiter. Jeder Mensch ist nicht nur er selber, er ist auch der einmalige, ganz besondere, in jedem Fall wichtige und merkwĂŒrdige Punkt, wo die Erscheinungen der Welt sich kreuzen, nur einmal so und nie wieder. Darum ist jedes Menschen Geschichte wichtig, ewig, göttlich, darum ist jeder Mensch solange er irgend lebt und den Willen der Natur erfĂŒllt, wunderbar und jeder Aufmerksamkeit wĂŒrdig. In jedem leidet die Kreatur, in jedem wird ein Erlöser gekreuzigt.

Es wurde dunkler. Ein feiner Regen begann zu fallen.
Wird Maria ein geteilter Mensch werden? Wird ihr das Leben weiterhin mit WĂŒrde begegnen? Oder sie wird das Leben, das Schicksal, die Gegenwart und sogar die ungewisse Zukunft in ihrer Ohnmacht verdammen? Hat Maria etwa die ganze Zeit falsch gebetet, gibt es eine wirksame Waffe gegen Tragödien? Und sie kamen unvermutet mit einem neuen Tag voller Fragen, auf die sich Antworten schĂ€mten und sich feigherzig versteckten. Langsam traten lauter Virtuosen der SchwĂ€che hervor und zeigten Dominanz, die Maria nie im Stande sein wird, sie zu verstehen. Die Zeit verbraucht alles. Sie lĂ€ĂŸt sich nicht aufhalten und dagegen sind wir machtlos. Und wen nichts Bedeutendes, nichts GrĂ¶ĂŸeres geschieht, werden wir in blinder Eifer, auf der Suche nach dem verlorenen Paradies sein.

Noch ein FrĂŒhling hat sich verabschiedet, noch ein Sommer hat sich entfernt, der Herbst schleicht sich heimlich ein. Lange hielt sich in diesem Herbst das Laub an dem hohen Walnußbaum vor dem Haus im Hof, lange gab es im Garten noch Astern und Rosen und verwelkte BlĂ€tter berichteten ĂŒber VergĂ€nglichkeit und ĂŒber den Wandel der Jahreszeiten. Kornfelder stehen leer und ohne Blick und der Himmel lĂ€ĂŸt seine formlose Wolken herab hĂ€ngen und in jedem Augenblick scheint es, als ob er zu neuen RegengĂŒssen bereit ist. Die Welt, die vor kurzem noch in SommerfĂŒlle und SonnenwĂ€rme geatmet hatte, roch bang und bitter nach Herbst. Gegen Abend wurde es klarer am Himmel. Doch die Hoffnung auf weiteren hellen Tag war weg, ĂŒber Nacht ging alles wieder verloren. Es regnete tagelang und es wurden keine Farben mehr gesehen, nur noch Konturen und Profile.

Maria bemerkte, daß sie angespannt war und da eine unerklĂ€rte kalte Angst sie jagte und sie unsicher fĂŒhlen lies. Sie fing an voller Hoffnung zu beten, und lauschte, ob sie das Rauschen der EngelsflĂŒgel hören wĂŒrde, der ihr die Freude und ihre eigene Magie zurĂŒckbringen sollte. Was hat sie ĂŒbersehen? Will sie versuchen, das Schicksal zu begreifen? Es wurde dunkler, als ob eine schwarze Wolke ĂŒber ihr Schicksal schweben wĂŒrde. Nun beneidet sie kleinheimlich die Berge, die unverĂ€ndert an ihrem Platz bleiben, hart sind. Und wir, wir werden geboren, leiden, sterben und haben keine Macht und unser Berg wĂ€chst immer höher an Ballast, den wir mit uns herumschleppen. Maria fĂŒhlte sich so, als hĂ€tte sie jahrelang immer denselben Tag gelebt.

„Er ist wie ein Baum, der an WasserbĂ€chen gepflanzt ist, der zu rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen BlĂ€tter nicht welken. Alles was er tut, wird ihm gut gelingen“ (Psalm 1,3). Marias Gebet wurde lauter. „Sei mir gnĂ€dig, o Gott, sei mir gnĂ€dig, denn ich flĂŒchte mich zu dir. Im Schatten deiner FlĂŒgel finde ich Zuflucht, bis das Unheil vorĂŒbergeht!“
Das wichtigste in unserem Leben ist das Morgen. Um Mitternacht kommt der junge Tag, rein und unbefleckt, und begibt sich in unsere HĂ€nden, hoffend, daß wir vom Gestern gelernt haben. Und die Liebe? Es gibt einen wunderbar klingenden Spruch: „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe wohnt, wohnt in Gott und Gott in ihm“.
Ewig ist das Gesetz der Wandlung und das grĂ¶ĂŸte ist der Glaube an die Kraft Gottes und an die Mutter Natur.

Was Maria nicht Ă€ndern konnte, hat sie ertragen. Ihre Geschichte ist noch nicht zu Ende – ihre Reise zur Kraft, dem Himmel entgegen.

In dieser Nacht hÀngte sich ihre Àlteste Tochter auf.
Der Walnußbaum schwieg.

__________________
Kata

Version vom 20. 06. 2008 08:28

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kata
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@nachts
@balu
Vielen Dank fĂŒrs Lesen und positive Resonanz

@elen
Du hast vollkommen recht
Es kann sein, dass es beim Kopieren geschehen ist
Das beweist mir, dass Du es sehr aufmerksam gelesen und verfolgt hast
DafĂŒr bedanke ich mich sehr bei Dir
und wĂŒnsche einen Guten Morgen

kata
__________________
Kata

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Mumpf Lunse
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Registriert: May 2004

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hallo kata,
ich möchte auch ein kleines feedback zu deinem text geben.

los gehts!

"Solange die BĂ€ume noch keine Belaubung tragen, kann das Licht ungehindert den Boden erreichen."

tragen bÀume belaubung? nicht eher Laub oder, wenn man es spezifischer möchte, blÀtter und nadeln?

"Im FrĂŒhling laufen die VorgĂ€nge in der Natur oft nach recht strengen Regeln ab."

aha, im sommer nicht? oder im herbst? laufen sie da nach weniger strengen regeln ab, die "vorgÀnge", was immer du damit meinst.
mir fÀllt auch auf, dass strenge regeln nicht ausreichen, es werden, *recht strenge". andererseits sind recht strenge regeln eigentlich nicht so richtig strenge regeln, man könnte es sicher auch mit "ziemlich streng" umschreiben. das wÀre dann aber weniger als streng.

"Die meisten Zugvögel kehren zu ganz bestimmten Zeiten zurĂŒck."
ach? wirklich? was ist mit den anderen? denen die nicht zu den meisten zĂ€hlen? die kehren zu ganz unbestimmten zeiten zurĂŒck?

welcher informationswert haben diese sĂ€tze fĂŒr die geschichte?
nachdem du dich in epischer breite ĂŒber alle mögliche blumen ausbreitest hab ich schon verstanden. der frĂŒhling kommt.

"Die lÀnger werdenden Tage sind die besseren, die zuverlÀssigeren Zeitgeber, nach denen dich die Natur richtet."

ein kleiner tippfehler: *sich*, muß es wohl heißen.
(der zeitgeber ist natĂŒrlich nĂ­cht der tag sondern die sonne, aber damit kann ich leben.)

"Die Phase des ĂŒberreichen Nahrungsangebotes tritt ein."
bis zu diesem satz bleibst du in der gegenwart. plötzlich:

"An den BĂ€umen und BĂŒschen wimmelten Insekten, besonders Raupen und andere Larven. DafĂŒr lohnte sich der weite Flug ĂŒber WĂŒste, Meer und Gebirge."

vergangenheit!

und mit dem nÀchsten satz:

"Und das Licht veranlaßt die Menschen, ihre Last weniger schwer zu ertragen und unerschrocken den Tag zu verfolgen."

schwupp! gegenwart.

"Die Melancholie, wie der Staub auf der Seele, und die Resignation verlieren jetzt ihren durchsichtigen Schleier; nur die Hoffnung kann nun mit einem gewissen Charme Bedeutsames hervorbringen und die bloße Gewißheit, daß sich stĂ€ndig alles verĂ€ndert."

das klingt wunderbar.
nur ergibt es leider keinen sinn fĂŒr mich, wenn die nun schleierlose resignation (wenn der schleier weg ist sieht man deutlicher, resp. ist die resignation und der "staub auf der seele" unverhĂŒllt. ich vermute das wolltest du nicht sagen.)der charmanten hoffnung weicht um bedeutsames hervorzubringen.

fĂŒr die "bloße gewißheit" dass sich stĂ€ndig alles Ă€ndert bedarf es (aus meiner perspektive) weder des frĂŒhlings noch heruntergerissener schleier.

"Die Welt da draußen vor der TĂŒr lĂ€ĂŸt sich noch im Glauben formen. Und kein Zweifel darf sich vermehren. Hoffen wir auf das, was wir nicht sehen können, denn immer wieder gibt es auch eine Pause, eine kurze, winzige Rast, ein Aufatmen; dann aber geht es weiter, und man ist wieder eine der tausend Figuren im wilden und verzweifelten Tanz des Lebens."

klingt auch wunderbar, ist aber lediglich eine aneinander reihung von plattitĂŒden.
mehr schein als sein - sozusagen. oder anders: viel lÀrm um nichts.

du lĂ€sst dich mehrere abschnitte lang aus ĂŒber blumen und vögel, bevor du zur eigentlichen geschichte kommst. und die beginnt dann mit dem satz:

"Marias Verbundenheit mit der Natur und deren wechselnden Launen definierte sich in ihr, als ein Freund."

die verbundenheit definierte sich? ich lese es aber ich bin ratlos. ab hier hab ich nur noch quer gelesen und spÀtestens bei:

"Der Tag erhellte gerade erst im Schimmer des Morgenrots im geöffneten Fenster, und das Licht reichte jedoch aus, um sofort die AutoritÀt des Todes zu erkennen."

hab ich aufgegeben.

lg
mumpf






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petrasmiles
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Hallo Kata,

diese Art zu schreiben ist nicht meine Welt und darum möchte ich gar nicht weit ausholen, und Deinen Text 'niedermachen', denn er fand seine Freunde und damit kann ich gut leben.

Ich möchte aber anregen, dass auch bei aller Detailliebe die VerhĂ€ltnismĂ€ĂŸigkeit gewahrt bleibt und die zwei AbsĂ€tze umfassende Naturschilderung als Einleitung einfach zuviel sind.
Mir scheint auch, dass die Bezeichnung der BlĂ€tter als Belaubung ein Signifikator dafĂŒr ist, dass Du dazu neigst, den einen Schnörkel zuviel zu machen, die Dinge lieber komplizierter als notwendig zu beschreiben. Ich denke, hier tĂ€te Bescheidung gut. (Ganz zu schweigen davon, dass fĂŒr meine Begriffe die BlĂ€tter der BĂ€ume erst nach dem Abfallen zu Laub werden.)

Aber vielleicht genĂŒgt es Dir ja, dass Dich einige schĂ€tzen und verstehen, dann brauche ich mich nicht mehr zu kĂŒmmern.

Liebe GrĂŒĂŸe
Petra
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Nein, meine Punkte kriegt Ihr nicht ... ! Gegen Bevormundung durch Punktabzug fĂŒr Gutwerter!

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