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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Kongo
Eingestellt am 10. 07. 2010 16:15


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Ringelroth
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2010

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Kongo

Die Welt ist voller Wunder und Mysterien, voller Zauber und Magie.
Unsere Fantasie kann der SchlĂŒssel zu einer der TĂŒren sein, hinter denen sich diese zauberhafte Welt befindet.
Ist es uns gelungen eine solche TĂŒr einmal zu öffnen, so sollten wir nicht leichtfertig und unĂŒberlegt hindurch gehen.
Denn manchmal gibt es kein zurĂŒck mehr.

Bis zu meinem zwölften Lebensjahr lebte ich mit meinen Eltern in einem winzigen, verschlafenen Weiler im Hochwald, sĂŒdlich der Eifel. In unserem Ort gab es einen Milch- und KĂ€sehĂ€ndler und einen BĂ€cker, der auch die nötigsten Lebensmittel anbot. Es war eine Zeit, nicht sehr lange nach dem großen Krieg, als die Begriffe Discounter und Supermarkt fĂŒr uns noch zur Sprache der Außerirdischen, oder der Zulu-Kaffer gehört hĂ€tten, wĂ€ren sie seinerzeit von jemandem ausgesprochen worden.

Vier HÀuser neben dem, in welchem ich wohnte, lebte die Familie Maloschyk. Zur Familie Maloschyk gehörten die Eltern und zwei Kinder, nÀmlich Gertrud und Gregor. Gertrud war drei Jahre Àlter als ihr Bruder und Gregor war ein halbes Jahr Àlter als ich und er war mein bester Freund.
Dass Gertrud und Gregor einen so komischen Nachnamen hatten, kam daher, dass ihre Eltern im Krieg aus Schlesien fliehen mussten.
Damals fand ich Gregors Nachnamen schöner, oder besser gesagt interessanter, als meinen eigenen. Ich heiße nĂ€mlich Weber. Peter Weber. Das klingt so einfach und langweilig – jedenfalls war das meine damalige Ansicht.
Nun, Gregor und ich waren praktisch den ganzen Tag zusammen. Die Leute machten Scherze und nannten uns Max und Moritz.
„Ihr seid genau solche Lausbuben wie Max und Moritz“, sagten sie und streichelten uns ĂŒber die Köpfe.
Gregors Kopf war pechschwarz. Nein, nicht sein ganzer Kopf, nur seine Haare. Dagegen waren meine hellblond. Und ich hatte Sommersprossen. Diese verhassten Tupfen im Gesicht und an den Unterarmen, die sich im Sonnenlicht von Tausend StĂŒck zu Milliarden vermehrten. Ich mochte sie nicht, und habe mich oft ĂŒber ihr Dasein beschwert.
„Lass doch“, sagte dann Gregor. „Wenn ich sie hĂ€tte, wĂŒrde mich das nicht Ă€rgern.“

Eines Abends im Sommer, nachdem ich mal wieder eine Schimpfkanonade gegen die blöden Sprossen losgelassen hatte, meinte Gregor: „Weißt du was? Heute Abend, wenn wir ins Bett gehen und das Nachtgebet sprechen, bitten wir den lieben Gott, dass er mir deine Sommersprossen gibt. Dann bist du sie los und mir machen sie nichts aus.“
Und so haben wir es auch gemacht. Es hat aber nichts genĂŒtzt. Warum der liebe Gott unserem Wunsch nicht nachgekommen war, weiß ich nicht. Vielleicht hatte er an diesem Abend Wichtigeres zu tun.

In der warmen Jahreszeit waren wir, wie es damals ĂŒblich war, von morgens bis abends draußen. Die HĂ€lfte der Dorfbewohner verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Landwirtschaft und so war unser Ort umgeben von Äckern und Wiesen. Dorf und Felder wiederum waren in ein riesiges Waldgebiet eingebettet. Ein Paradies fĂŒr uns Kinder.
Wenn wir unser Dorf in östliche Richtung verließen, kamen wir nach etwa zwei Kilometern an einen kleinen Weiher. Dort war zwar das Schwimmen verboten, aber wer sollte uns schon davon abhalten? Alle Leute hatten tagsĂŒber ihre Arbeit und wir waren immer auf der Hut, falls doch mal jemand vorbeikommen sollte. Jedenfalls hat uns nie jemand erwischt. Außerdem waren alle Verbotsschilder so verrostet, dass wir uns sagten: Wenn die so verrostet sind, dann gelten sie auch bestimmt nicht mehr.

Weil es in jener Zeit in allen Wintern noch ordentlich Schnee gab, war es selbstverstĂ€ndlich, dass auch wir stolze Besitzer eines Schlittens waren. Mein Opa war ein hervorragender Zimmermann und er hatte fĂŒr Gregor und mich, als wir ungefĂ€hr sechs Jahre alt waren, zu Weihnachten jedem einen Rodelschlitten gebaut. Unsere Rodelbahn war auch nicht sehr weit weg. Wir mussten nur in Richtung Weiher laufen und auf halbem Wege nach links abbiegen und an Bauer Berwangers Maisfeldern lĂ€ngs bis zum Waldrand. Dort war ein kleiner HĂŒgel – nicht sehr hoch, aber sehr lang. Ideal um ordentlich Fahrt aufzunehmen.

Damals waren Entfernungen von drei, vier, fĂŒnf Kilometern, die man zu Fuß zurĂŒcklegen musste, kein Thema. Unsere Schule war im Nachbarort und ungefĂ€hr drei Kilometer Fußweg von zu Hause weg. Zu jener Zeit hatten die Eltern weniger Angst um ihre Kinder, wenn diese außer Haus waren, als heute. Ihre Sorgen beschrĂ€nkten sich darauf, dass der Bub vom Baum fallen und sich den Arm brechen könnte. Oder dass sich die Tochter in dem alten, gesprengten Bunker das schöne Kleid an einer Stahlarmierung zerreißen könnte.
PĂ€dophilie, Kindesmissbrauch oder gar Kindstötung hatte es damals sicherlich auch gegeben, aber wohl in einem so geringen Maße, dass uns Kindern jedenfalls nie so etwas zu Ohren gekommen war.
Dass es in unserem Dorf, unserer kleinen, heilen Welt, trotzdem zu einer unfassbaren Katastrophe kommen konnte, hĂ€tte keiner je fĂŒr möglich gehalten.

Mein erstes Fahrrad bekam ich zu meinem achten Geburtstag. Gregor bekam seines ein Dreivierteljahr spÀter. Es war das Jahr, in dem das Entsetzliche passierte.

Als wir RĂ€der hatten, erweiterten wir natĂŒrlich unseren Horizont. Einmal kam mir die Idee, meinen Onkel zu Besuchen. Er wohnte etwa fĂŒnfundzwanzig Kilometer weit entfernt. Wir hatten Ferien und das Wetter war warm und trocken. Also machten wir uns frĂŒh morgens auf den Weg. Es war ganz schön kompliziert zu meinem Onkel zu kommen, lag doch eine große Stadt zwischen unserem und seinem Dorf. Und da mussten wir durch. Überall fuhren Autos und Straßenbahnen. Wir entschlossen uns, bis wir aus der Stadt raus sind, unserer RĂ€der zu schieben nachdem ich einmal beim StraßenĂŒberqueren mit dem Vorderrad in einer Straßenbahnschiene stecken blieb und beinahe samt Fahrrad umgefallen wĂ€re.

Als wir nach gefĂŒhlten hundert Stunden an unserem Ziel ankamen, war mein Onkel gar nicht zu Hause. Wir hatten vergessen, dass er arbeiten musste.
Aber meine Tante versorgte uns mit Kakao und Keksen und so fuhren wir nach kurzem Aufenthalt mit vollem Magen wieder Richtung Heimat.

Wir hatten bereits auf dem Hinweg die breite Straße entdeckt, die parallel zu dem Fluss verlief, der die große Stadt teilte. Da gab es keine Straßenbahn und keine FußgĂ€nger, keine Ampeln und keinen Gegenverkehr. So beschlossen wir auf dem RĂŒckweg, diese Straße fĂŒr den Heimweg zu benutzen. Nachdem wir ungefĂ€hr einen Kilometer auf dieser Straße unterwegs waren, ĂŒberholte uns ein Polizeifahrzeug und hielt direkt vor uns an, sodass wir bremsen und absteigen mussten. Die beiden netten Polizisten fragten uns, ob wir nicht wĂŒssten, dass wir uns auf der Stadtautobahn befĂ€nden, und dass hier nur Autos, aber keine FahrrĂ€der fahren dĂŒrften. NatĂŒrlich wussten wir das nicht, aber die Standspur war tadellos geeignet zum Radfahren, und wenn man hintereinander fuhr, war sie auch breit genug.
Die Polizisten schickten uns wieder zurĂŒck, also drehten wir um, und schoben unsere RĂ€der entgegen der Fahrtrichtung bis zur Autobahnauffahrt. Danach quĂ€lten wir uns wieder durch den Stadtverkehr, bis wir am spĂ€ten Nachmittag fix und fertig, durstig und hungrig zu Hause ankamen.
Ich glaube nicht, dass die Polizei heute genauso reagieren wĂŒrde. Wahrscheinlich hĂ€tten wir unsere RĂ€der hinter der Leitplanke deponieren mĂŒssen und zu den Beamten in den Wagen einsteigen mĂŒssen. Aber damals war eben damals.

Nach diesem aufregenden Sommer kam ein langer, nasskalter Herbst. Wenn es draußen so ungemĂŒtlich war, spielten wir abwechselnd bei Gregor oder bei mir in der Wohnung.
Ich hatte einen Mechanik-Baukasten, fĂŒr den sich Gregor mehr interessierte als ich, und er
hatte einige Plastikfiguren mit denen ich mich lieber als er beschĂ€ftigte. Es waren Cowboys und Indianer. Manche saßen auf Pferden, andere standen auf ihren FĂŒĂŸen und schwangen Lasso oder Tomahawk. Dazu gab es zwei Zelte und eine Pferdekutsche. Trotz unserer Vorlieben fĂŒr das eine, oder das andere Spiel, spielten wir immer zusammen. Außer mit dem Baukasten oder den Figuren spielten wir Schwarzer Peter, was Gregor immer zu Neckereien mit meinem Vornamen veranlasste, oder wir malten.
Malen war etwas, was wir beide sehr gerne taten. Das Problem war allerdings, dass zu jener Zeit weißes Papier, auf dem man zeichnen konnte, sehr teuer war und man es auch nicht an jeder Ecke kaufen konnte.

Also nutzten wir zum Zeichnen den unbedruckten Rand von alten Zeitungen, oder die RĂŒckseite von Tapetenresten. Einmal schenkte uns BĂ€cker Niedermaier, der wusste, dass wir gerne malten, fĂŒnf Papierrollen, die eigentlich fĂŒr seine Kasse gedacht waren. UnglĂŒcklicherweise waren sie ihm beim Kramen in einer Schublade heraus gefallen und im darunter stehenden Putzeimer gelandet. So waren sie nach dem Trockenen ganz wellig und gelblich-braun verfĂ€rbt, sodass er sie als Kassenquittung nicht mehr nutzen konnte.

An diesem Tag hatten wir bis zum Abendessen bereits zwei komplette Rollen auf der Vorder- und RĂŒckseite voll gemalt. Mit Mal- und Bleistiften versorgte uns meistens Frau Zöllner, eine Nachbarin der Maloschyks. Sie arbeitete dreimal die Woche in der Stadt in einem Schreibwarenladen. Dort gab es immer mal wieder Zeichenstifte die gebrochen waren, oder deren Verpackung zerrissen war, sodass man sie nicht mehr verkaufen konnte. So erklĂ€rte sie uns, wie sie zu den Stiften kam. Heute glaube ich, sie hat die Stifte gekauft, weil sie wusste, dass wir gerne zeichneten. Sie selbst war unverheiratet und kinderlos.

Wenn wir aber auch vom Malen genug hatten, blĂ€tterten wir in Gregors Buch ĂŒber Afrika.
Das war ein dicker WĂ€lzer mit vielen Schwarz-Weiß-Fotos von wilden Tieren und von Landschaften und Menschen des Kontinents. Gregor sagte oft, dass er Afrika-Forscher werden will, wenn er groß ist.
Ich weiß nicht, wie viele Male wir dieses Buch aus Gregors WĂ€schekommode holten und aufschlugen, wir fanden immer etwas Neues, was uns zuvor nicht aufgefallen war. Er hatte mich mit seiner Begeisterung zwar angesteckt, aber ich wollte lieber nach Amerika und Cowboy werden.
Hatten wir genug vom Bildergucken, nahmen wir eine von seinen Reiterfiguren, und hockten uns an die Wand neben die ZimmertĂŒr. Das war die unheimlichste Wand, die ich je gesehen hatte. In unserer Fantasie verwandelte sie sich in ein gefĂ€hrliches Abenteuerland.
Und diese Wand sollte eines Tages das Leben von Gregor und mir und unseren Familien auf grausame Weise fĂŒr immer verĂ€ndern.
Es war an einem trĂŒben Nachmittag Ende Oktober. Den ganzen Tag ĂŒber hatte es geregnet und nun kam ein lauwarmer Wind auf. Gregors Vater meinte, dass wĂ€ren die besten Voraussetzungen fĂŒr ein Gewitter. Wir saßen auf Gregors Bett und blĂ€tterten wieder mal in seinem AfrikawĂ€lzer. Das Licht, das durch das kleine Fenster in die Stube fiel wurde immer spĂ€rlicher. Der Wind trieb welke BlĂ€tter und kleine Äste ĂŒber die Straße. Wir konnten die Fotos kaum noch erkennen, so dunkel war es mittlerweile geworden. Daher beschlossen wir das Licht anzumachen und nach Afrika zu gehen.
Afrika lag an der Wand zwischen EingangstĂŒr und Zimmerecke.
Die untere HĂ€lfte dieser Wand war mit einer ganz besonderen Tapete verkleidet. WĂ€hrend die anderen drei WĂ€nde des Zimmers, wenn ich mich recht erinnere, irgendein langweiliges BlĂŒmchenmuster hatten, so hatte diese Tapete ein Wege- und Pfadmuster. So sah es in Afrika aus. Jedenfalls fĂŒr uns. Die Tapete reichte von der Fußleiste genauso hoch, wie wir uns, mit erhobenem Arm und auf Zehenspitzen stehend, strecken konnten. Der Rest der Wand darĂŒber war mit weißer Raufaser beklebt.
Die Grundfarbe unserer Abenteuertapete war ein helles GrĂŒn, das durchzogen war, von sich schlĂ€ngelnden hellgelben Streifen. Wie eine endlose, stĂ€ndig die Richtung wechselnde Straße, durchbrach das gelbe Band diese große Grasebene. Die gelbe Linie begann an der rechten Zimmerecke ganz unten oberhalb der Fußleiste und endete links oben neben dem TĂŒrrahmen. In unregelmĂ€ĂŸigen AbstĂ€nden waren ĂŒberall fast kreisrunde, schwarzgrĂŒne FlĂ€chen, die uns wie geheimnisvolle dunkle Augen zu beobachten schienen. Darin erkannten wir die dichten, unerforschten UrwĂ€lder, die voller Gefahren und Geheimnisse waren.
Dort lebten wilde, menschenfressende Wesen, die nur darauf lauerten, dass ein unvorsichtiger Abenteurer einen unbedachten Schritt in ihr Revier machte. Und sollte der UnglĂŒckliche den ReißzĂ€hnen der Urwaldbestien entkommen sein, so wĂŒrde ihn der vergiftete Pfeil eines eingeborenen Kriegers töten.
Das war fĂŒr Gregor ganz klar, und ich trĂ€umte mit, wenn ich auch lieber durch die PrĂ€rie geritten wĂ€re. Aber dazu fehlte eine passende Tapete.
Wir nahmen also die Pferdefiguren mit den Cowboys und Indianern drauf in die Hand und ritten ĂŒber diese Wege an der Wand, die uns zu immer neuen Abenteuern fĂŒhrten.
Einer dieser gefĂ€hrlichen, dunkelgrĂŒnen Flecken, er war unmittelbar neben der TĂŒr in Höhe des SchlĂŒssellochs, schien etwas dunkler und grĂ¶ĂŸer als alle anderen zu sein. Gregor sah in ihm ein besonders verwunschenes und gefĂ€hrliches StĂŒck Urwald. Er gab ihm den Namen Kongo. Diesen Namen hatte er im Afrikabuch gelesen und er war sein Synonym fĂŒr Wildheit und Gefahr. Um diesen Kongo machten wir auch immer einen Bogen. Obwohl eine Straße beinahe den gesamten Flecken umschloss, vermieden wir es, diesen Weg zu benutzen.

„Aber wir mĂŒssen unbedingt ĂŒber alle Wege reiten und dĂŒrfen keinen auslassen. Wir mĂŒssen unten anfangen und dort oben rauskommen“, sagte Gregor und zeigte auf das obere Ende der Tapete. „Nur dann finden wir am Ende der Straße die goldene Schatztruhe.“

Das war nĂ€mlich unser Ziel: die goldene Schatztruhe, die oben neben dem TĂŒrrahmen, am Ende der Straße vergraben war.

Wir knieten nebeneinander auf dem Fußboden. Als Knieschoner benutzten wir unsere Pullover.
Inzwischen kam das Gewitter immer nÀher. Wir erschraken jedes Mal, wenn es so heftig donnerte, dass die Fensterscheiben erzitterten.
Da die Straßen zu schmal waren, um die beiden Reiterfiguren nebeneinander fĂŒhren zu können, ließ ich Gregor den Vortritt und folgte ihm. Schließlich war er der Ältere und es war ja auch seine Idee und seine Wand.

Wir ritten hintereinander her und kamen schon bald in die NĂ€he des ersten Urwaldes. Er lag auf unserer linken Seite und Gregor warnte mich: „Peter, pass auf die neunköpfige Schlange auf. Sie ist riesig. Sie wird versuchen, dich mit einem ihrer Köpfe vom Pferd zu schubsen und dann zu fressen.“
Er hatte es kaum ausgesprochen, da sahen wir, wie sich das Dickicht des Urwaldes an einer Stelle teilte. Wir waren bereits auf gleicher Höhe und konnten in die gelb leuchtenden Augen der Bestie blicken. Zu unserem Schutz hielten wir uns an den rechten Rand des Pfades und gaben unseren Pferden die Sporen.
„Du darfst ihr nicht in die Augen schauen!“, rief ich, und wir rasten mit klopfendem Herzen weiter bis links und rechts vom Weg nur noch offenes Land war.
„Das ging noch mal gut“, stellte Gregor erleichtert fest und stoppte sein Pferd.
„Ja“, antwortete ich und blieb ebenfalls stehen. „Das wird spannend. In jedem Urwald hausen Ungeheuer, die uns an den Kragen wollen.“
„Wir mĂŒssen immer ganz außen auf der anderen Straßenseite reiten und ganz schnell, dann kriegen sie uns nicht“, wusste Gregor. Mit vorgeschobenem Kinn und zusammengekniffenen Augen gab er seinem Gaul die Sporen.
Der gelbe Pfad durchschnitt nahezu schnurgerade die flache Landschaft. Aber schon hinter der nĂ€chsten Biegung fĂŒhrte er am zweiten Urwald vorbei. Diesmal auf der rechten Seite.
Und wieder durchzuckte das helle Licht eines Blitzes das kleine Zimmer. Zwei Sekunden spÀter folgte der krachende Donner. Und wieder vibrierten leise die Fensterscheiben.

Unsere Fantasie ließ uns zwischen Neugier und Angst hin und her pendeln. SchwarzgrĂŒn stand der Wald und tausend glĂŒhende Augen nahmen uns ins Visier. Wir gaben den Pferden die Sporen, doch es schien als nĂ€hme der Wald kein Ende, als bewege er sich mit uns mit.
„Ich kann sie hören!“, schrie Gregor. „Sie schreien und zischen.“
„Ja!“, schrie ich zurĂŒck. „Das sind die riesigen Saurierlöwen. Wir dĂŒrfen nicht hinsehen. Sie könnten uns hypnotisieren!“

Es war ein ausgesprochen kribbliges GefĂŒhl, das wir verspĂŒrten. Eine Mischung aus Spieltrieb, dem Erfinden von neuen Monstern, der Angst, die wir uns damit selbst einflĂ¶ĂŸten, die uns gleichzeitig aber auch Spaß machte. Es war wie das Anschauen eines Horrorfilmes – man weiß zwar, dass man Ängste ausstehen wird und sich erschrickt, aber es ist die Freude am Nervenkitzel die uns zuschauen lĂ€sst.

Das Gewitter war nun genau ĂŒber unserem Dorf angekommen. Der Regen klatschte gegen die Scheiben und der Wind war so stark, dass er durch die Ritzen des Fensters hindurch die VorhĂ€nge schaukeln ließ.
Wir hatten ungefÀhr die HÀlfte unseres Weges geschafft, als der dunkelste und unheimlichste Urwald auf der linken Seite vor uns auftauchte.
Gregor hielt an und ich ebenfalls. Mein rechter Arm tat mir weh, sodass ich die Gelegenheit war nahm, um mein Plastikpferd in die linke Hand zu wechseln.
„Wir mĂŒssen uns ĂŒberlegen“, begann Gregor, „wie wir an am Besten an diesem supergefĂ€hrlichen Monsterwald vorbei kommen.“
Ich nickte und dachte nach.
„Dort gibt’s nicht nur Saurierlöwen und mehrköpfige Todesschlangen. Da sind riesengroße Giftspinnen, die ihr Gift bis auf die Straße spritzen können und Mammutelefanten die dich tottrampeln und Echsen, die so lange klebrige Zungen haben, dass sie uns damit vom Pferd reißen können.“
Gregor hatte mir bei diesen Worten seine freie Hand auf die Schulter gelegt und mich ernst und eindringlich angeschaut. So, als mĂŒsste er mich dringend vor diesen Gefahren warnen.
Dabei war mir vollkommen klar, dass wir vor der riskantesten Aufgabe standen, die wir jemals zu bewÀltigen hatten.
„Aber welche Möglichkeiten haben wir denn, außer rasend schnell vorbeizureiten?“, fragte ich besorgt.
Jetzt dachte Gregor angestrengt nach.
Unser Schweigen wurde von drei unmittelbar hintereinander folgenden Blitzen, gefolgt von drei ineinanderlaufenden ohrenbetÀubenden DonnerschlÀgen unterbrochen.
Wir blickten erschrocken zum Fenster. Der Himmel war schwarz, und der Wind peitschte den Regen gegen die Scheiben, als wolle er diese mit aller Gewalt zerbrechen.
Die Ablenkung war aber nur von kurzer Dauer. Es galt ein großes Abenteuer zu bestehen und wir standen unmittelbar vor der grĂ¶ĂŸten Herausforderung, die uns noch vom Schatz am Ende der Straße trennte.
Gregor hatte die Augen geschlossen. Das tat er immer, wenn er sich ernsthaft auf etwas konzentrieren musste. Ich machte es ihm nach, aber außer schnell auf der gegenĂŒberliegenden Straßenseite vorbeizureiten, fiel mir nichts ein, so sehr ich mich auch anstrengte.
Plötzlich riss Gregor die Augen auf und rief: „Ich weiß, was wir machen. Wir reiten, so schnell wir können wie immer ganz am Rand der Straße und zusĂ€tzlich
“, an dieser Stelle hob er seine Hand und streckte den Zeigefinger nach oben, „ gehen wir aus dem Sattel und hĂ€ngen uns auf die Seite, sodass wir vom Pferd verdeckt sind.“
Er hatte ganz glÀnzende Augen und grinste von einem Ohr zum anderen.
Ich aber konnte mir das gar nicht vorstellen. „Wie sollen wir uns auf die Seite hĂ€ngen? Wir können uns doch nicht am Pferd festkleben.“
„Ich hab das mal in einem Heft gesehn mit einem Cowboy-Roman“, erklĂ€rte Gregor.
„Wir mĂŒssen doch ganz rechts reiten und stellen uns mit dem rechten Fuß in den SteigbĂŒgel. Das linke Bein heben wir ĂŒber den PferderĂŒcken, so als wollten wir absteigen, dabei halten wir uns, mit dem ZĂŒgel in der Hand, am Sattelknauf fest. Wenn wir dann den Kopf noch ein bisschen einziehen, sind wir ganz vom Pferd verdeckt und die Monster können uns nicht sehen.“
„Ach, so“, erwiderte ich. „Jetzt hab ich’s kapiert.“
„Also“, sagte Gregor. „Kann’s los gehen?“
„Ja“, hauchte ich und mir war schon etwas mulmig.
Wir hielten unsere Pferdefiguren wieder auf unsere vorherige Position und Gregor gab das Kommando: „Los!“
Wir ritten wie der Teufel und ließen uns in unserer Fantasie aus dem Sattel gleiten, wie es ein Stuntman nicht eleganter hĂ€tte machen können.
Jetzt trennten uns nur noch wenige Meter von diesem UngetĂŒm eines verwunschenen Monsterwaldes. Hinter unseren Pferden bildete der aufgewirbelte Staub eine dicke, gelbe Wolke, sodass ich Gregor mit seinem Pferd nur schemenhaft erkennen konnte.
GlĂŒhende Augen verfolgten uns und meterlange, zĂŒngelnde Schlangenzungen
zielten in unsere Richtung. Feuerspeiende Flugechsen kreisten zwischen Waldrand und Straßenböschung. Wir trieben unsere Pferde mit lauten Rufen an und konnten den Blick nicht vom schwarz-grĂŒnen Waldrand abwenden.
Ich beobachtete, wie sich das undurchdringlich scheinende GebĂŒsch an einer Stelle teilte und sah eine am ganzen Körper mit Schleim bedeckte, rotbraune Echse hervortreten. Sie riss das Maul auf und eine lange, feuerrote Zunge schoss in unsere Richtung. Das war die gefĂ€hrlichste Bestie ĂŒberhaupt. Ihre Zunge war so klebrig, dass locker ein ganzes Pferd daran festkleben konnte. Ich schloss blitzschnell meine Augen und zog reflexartig den Kopf ein.
Ich dachte noch, hoffentlich reitet Gregor nahe genug am Straßenrand, denn durch die Staubwolke konnte ich ihn nicht sehen.
Im selben Augenblick sah ich ein helles Licht durch meine geschlossenen Lider. Und noch bevor mir klar war, dass das Licht von einem Blitz herrĂŒhrte, knallte ein Donner an mein Trommelfell, dass ich dachte das Haus sei getroffen und es fiele jeden Augenblick in sich zusammen.
Ich erinnere mich, dass ich die Augen aufriss und zum Fenster rannte, weil dies aufgesprungen war. Mit all meiner Kraft stemmte ich mich dagegen und drĂŒckte die beiden FlĂŒgel wieder zu. Trotzdem hatte der Sturm soviel Regen ins Zimmer geblasen, dass mein Gesicht und mein Oberkörper geduscht wurden.
„Mann, hast du das gesehn“, rief ich, wĂ€hrend ich mich zu Gregor umdrehte.

Aber Gregor antwortete nicht.
UnglĂ€ubig blickte ich im Zimmer umher, doch Gregor war nicht mehr da. Wie hat er das angestellt? So schnell und ohne ein GerĂ€usch zu verschwinden. Wie elektrisiert begann ich hinter alle Möbel zu schauen. Das war ein toller Trick, den musste er mir unbedingt erklĂ€ren. Trotzdem war ich sicher, dass ich ihn gleich finden werde. Ich rief seinen Namen und schaute in seinem Schrank nach. Vielleicht war es aber auch gar kein Versteckspiel, Vielleicht hatte er wegen des schlimmen Unwetters Schiss bekommen, und sich deshalb verstecken wollen. Aber im Schrank war er nicht. Auch nicht unter seiner Bettdecke und nicht unterm Bett. Damit hatte ich alle möglichen Verstecke ĂŒberprĂŒft. Jetzt verstand ich gar nichts mehr. Ich riss die TĂŒr auf und rannte in die KĂŒche. Gregors Mutter stand am Fenster.

„Wo ist Gregor?“, rief ich.
Sie schaute mich entgeistert an und ich erklĂ€rte ihr, was los war. Ihren unglĂ€ubigen und doch Unheil ahnenden Blick werde ich nie vergessen. Ihre immer lauter und hysterischer werdenden Gregor-Rufe und ihr hektisches Gerenne, ließen schlagartig auch in mir Angst und Verzweiflung aufsteigen. Verdammt, das war kein Spiel. Da ist etwas Unheimliches, etwas Schreckliches passiert. Es war kein sicheres, begreifbares GefĂŒhl. Es war wie eine langsam immer stĂ€rker werdende Übelkeit, die einem mit Sicherheit den Magen umdrehen wird. Man schluckt und schluckt und versucht panisch an etwas anderes zu denken, um das Unvermeidbare doch noch zu verhindern. Aber man schafft es nicht. Der DĂ€mon im Innern bahnt sich brennend mit brachialer Gewalt seinen Weg nach draußen und demonstriert seine Macht.

Wir durchsuchten alle Zimmer, den Keller und den Speicher. Wir rannten im strömenden Regen hinters Haus und suchten im Schuppen. Dann spurteten wir wieder in Gregors Zimmer und drehten alle Kissen um. Wir zogen den Teppich weg und untersuchten die Dielen nach einer geheimen FalltĂŒr. Wir hĂ€mmerten gegen die WĂ€nde in der Hoffnung eine unsichtbare TĂŒr ginge auf und der lachende Gregor streckte uns die Zunge raus.
Aber da war nichts.

Wir liefen schreiend und mit heißen Gesichtern die Straße rauf und runter und fragten alle Nachbarn. Das Gewitter tobte ungezĂŒgelt unter einem schwarzen Himmel. In Sekunden hatte uns der Regen bis auf die Haut durchnĂ€sst. Aber ich spĂŒrte nur Verzweiflung und Angst.
UnzĂ€hlige Male drĂŒckte mein Daumen auf die Klingeln der Nachbarn. UnzĂ€hlige Male formte mein Mund die Frage: „Haben Sie Gregor gesehen?“

Seit jenem Tag sind mehr als fĂŒnfzig Jahre vergangen.
Eine Antwort auf meine Frage von damals habe ich bis heute nicht bekommen.









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Ein Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel heraus gucken.
Georg Christoph Lichtenberg

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