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Leselupe.de > Humor und Satire
Krankheit als Weg
Eingestellt am 29. 01. 2012 09:15


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Jens Rohrer
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jan 2012

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Krankheit als Weg

Es zu einem wirklich anständigen Hypochonder zu bringen ist nicht leicht. Es erfordert langes Suchen und prüfen, bis man eine Krankheit gefunden hat, die so richtig zu einem passt. Schon so mancher Hypochonder ist an einer hastig oder schlampig ausgesuchten Krankheit zugrunde gegangen. Zudem müssen sich die Symptome auch überzeugend darstellen lassen. Es ist immer ärgerlich, wenn einen der Hausarzt ohne groß nachzudenken einfach widerlegt.
Ich wäre ja gerne Schläfenlappenepileptiker. Das ist eine sehr schöne Krankheit zum sich einbilden. Und vor allem, nicht so anstrengend. Schwindsucht, zum Beispiel, wäre ja eine sehr literarische Krankheit. Ein Heer von Schriftstellern und Protagonisten ist daran zugrunde gegangen. Wäre also sehr schön, aber wie gesagt, sehr anstrengend. Man muss fortwährend Husten und hin und wieder einen Blutklumpen in ein Taschentuch spucken. Da muss man erst mal kucken, wie man denn überzeugende Blutklumpen fabriziert. Außerdem bin ich Raucher.
Überhaupt fallen Krankheiten mit körperlichen Symptomen aus. Zu anstrengend. Bleibt das Gehirn. Da sollte es dann aber schon etwas sein, was man von zu Hause ausüben kann. Ein Leben in der Psychiatrie ist dann auch nicht so schön. Und Katatonie zum Beispiel wird auf die Dauer wohl ziemlich langweilig. Dostojewski litt ja unter Epilepsie. Wieder mal also sehr hübsch literaturgeschichtlich besetzt, zumal der mit „Der Idiot“ auch gleich ein großartiges Werk liefert. Auch andere große Männer waren Fallsüchtig: Napoleon, Caesar, Alexander der Große. Aber da käme doch dann wieder die Anstrengung ins Spiel. Wenn man sich an seine „Vorpatienten“ halten will, muss man entweder spielsüchtig werden und Romane mit mindestens 1000 Seiten schreiben. Oder man muss losziehen und die halbe Welt erobern. Hierbei kommt man ja sofort in Entscheidungsnot, wie das mit der Weltherrschaft anzupacken ist. Erst einmal den Rubikon überschreiten? Oder doch lieber in Persien einfallen? Darüber hinaus bin ich ja auch schon in den verschiedensten Ländern einmarschiert. Dabei war ich allerdings meist allein und unbewaffnet und wurde deswegen wohl einfach nicht bemerkt.
Erschwerend hinzu kommt dann noch das Krankheitsbild, das dann auch noch einiges von einem abverlangt. Mit sich auf den Boden werfen und minutenlang zappeln ist es ja nicht getan. Gleichzeitig muss man auch noch die Augen verdrehen und mit dem Mund Schaum produzieren. Das verlangt einem höchste Konzentration ab. Und dann noch der Zungenbiss. Autsch.
Aber ich habe da neulich einen sehr interessanten Artikel gelesen. Und da ging es um Schläfenlappenepilepsie. Erst einmal ein sehr schönes Wort, wie ich finde. Schlä-fen-lap-pen-e-pi-lep-sie. Da kann man ja beinahe dazu tanzen. Vor allem aber fällt dieses Ganze Gedöns mit dem Gezappel weg. Ein bisschen mit den Lidern flattern. Das wars. Es ist nämlich nicht das gesamte Hirn betroffen, sondern das Ganze spielt sich, wie der Name ja schon sagt, nur in den Schläfenlappen ab. Dies ist der Ort im Gehirn, in dem Gegenstände, Gesichter und Begriffe erkannt werden. Auch mit der Gefühlswelt ist der Schläfenlappen untrennbar verbunden. Der Betroffene, nennen wir ihn an dieser Stelle einmal liebevoll „Schläfi“, erlebt diese Anfälle deshalb nicht selten als eine Art von Erleuchtung, manchmal auch einhergehend mit Halluzinationen. Das ist dann auch die neurologische Erklärung für religiöse Visionen. Dem Artikel zufolge waren demnach Moses und Johanna von Orleans wohl Schläfenlappenepileptiker. Da kann man dann wunderbar im Wartezimmer angeben. Beispielsweise, wenn man aufschnappt:
„Ich habe ja so ein Nervenleiden, mein Vater hatte so was auch schon.“
Dann lehnt man sich zurück, sieht sein Gegenüber etwas mitleidig an und sagt:
„Ich bin ja Schläfenlappenepileptiker. Moses hatte das ja auch.“
Dann teilt man den Zeitschriftenstapel und freut sich schon mal auf sein EEG. Ist das Leben nicht schön?
__________________
Jens Rohrer

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