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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
Kurz vor Hamburg
Eingestellt am 27. 10. 2005 20:24


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Walter Walehn
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2001

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Kurz vor Hamburg

Er war ein Kapit├Ąn der Landstra├če und das mit Leib und Seele. Er liebte seinen tonnenschweren Diesel, war immer bereit, Tag f├╝r Tag, Stunde um Stunde. An einem verregneten Novembertag, um vier Uhr in der Fr├╝h, startete er seinen riesigen Lastzug und fuhr in Richtung Hamburg davon.

Der Regen h├Ąmmerte gegen die Frontscheibe des Lasters. Es war bereits sieben Uhr am Morgen und die Wischer kamen nicht zur Ruhe. Er blinzelte verkrampft durch die regennasse Scheibe in die Dunkelheit. Er war m├╝de, g├Ąhnte, seine H├Ąnde klammerten sich ans Steuer. Monoton tuckerte der schwere Diesel und trieb den 30-Tonner ├╝ber die nasse Autobahn. Einhundertsechsundsiebzig Kilometer bis Hamburg hatte er noch vor der Brust und er war schon wieder viel zu sp├Ąt. Zu gerne h├Ątte er eine Rastst├Ątte angefahren und einen Kaffee getrunken, oder noch besser, ein kleines Nickerchen gemacht, doch der Disponent sorgte stets daf├╝r, dass er nicht einmal Zeit zum Pinkeln hatte.

Lichter kamen entgegen, vermehrten sich, flossen ineinander, huschten vorbei. Er griff nach der Zigarettenpackung, z├╝ndete eine Kippe an. Die wievielte heute schon? Er wusste es nicht. Verbissen k├Ąmpfte er gegen die M├╝digkeit an. Pause - daran war nicht zu denken. Er hatte Terminware geladen und der Alte w├╝rde ihn rausschmei├čen, wenn er das wagen w├╝rde. Das mit der Versp├Ątung war schon schlimm, w├╝rde noch genug ├ärger bringen.

So machte er Kilometer um Kilometer. St├Ądte, hell erleuchtet, strichen vorbei, dann wieder gro├če Fabriken, dunkle W├Ąlder, Fl├╝sse und Br├╝cken. Er fuhr und fuhr, wusste zeitweise ├╝berhaupt nicht mehr, wo er sich gerade befand. Aus dem Radio ert├Ânte ein Schlager nach dem anderen, und wenn die M├╝digkeit ihn zu ├╝bermannen drohte, sang er die Texte lauthals mit.

Noch sechsundachtzig Kilometer bis Hamburg. Immer h├Ąufiger sackte das Kinn f├╝r Bruchteile von Sekunden gegen seine Brust, um ihn im selben Augenblick erschreckt zusammen fahren zu lassen. Er hatte trotz des starken Regens das Seitenfenster ge├Âffnet, in der Hoffnung, dass die Novemberk├Ąlte ihn ein wenig aufmuntern w├╝rde. Er drehte das Radio lauter, dachte an zu Hause, seine Frau und die beiden Kinder, die in ihren Betten lagen und friedlich schliefen. Ein L├Ącheln glitt ├╝ber sein m├╝des Gesicht

Wieder zuckte er zusammen, umklammerte das Lenkrad. Eine Baustelle, vernahm sein Unterbewusstsein. Er brauchte einige Augenblicke, um sich zu orientieren. Dann trat er auf die Bremse, st├Ąrker und st├Ąrker. Gerade noch vor der Einfahrt in die Baustelle schaffte er es, die Geschwindigkeit des Lasters soweit zu drosseln, dass er die Fahrspur halten konnte.

"Verdammte Schei├če!" fluchte er, holte tief Luft, griff nach der Zigarettenpackung und klemmte sich eine zwischen seine trockenen Lippen.

Monoton tuckerte der schwere Diesel weiter. Er nahm ein paar tiefe Z├╝ge und starrte noch angestrengter als zuvor durch die Frontscheibe auf die verregnete Bahn.

Das gleichm├Ą├čige Motorenger├Ąusch fing ihn wieder ein. Ein Gef├╝hl der Leichtigkeit ├╝berkam ihn, gab die langersehnte Ruhe. Die Zigarette entglitt seinen Fingern und fiel zu Boden. Er nahm es nicht mehr wahr, ebenso wie alles andere, was mit ihm geschah.

Er wunderte sich nur f├╝r den Bruchteil eines Augenblickes, dass urpl├Âtzlich, an einem regnerischen Novembertag, kurz vor Hamburg die Sonne explodierte.






Version vom 27. 10. 2005 20:24

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Sandra
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Walter,

jetzt kann ich dir endlich die 8 geben, die du verdient hast f├╝r diese Geschichte. Mich hat sie wirklich sehr ber├╝hrt, zudem war es ein guter und nachvollziehbarer Plott.
In vielen Einstellungen finde ich mich wieder, das Gef├╝hl kurz vor dem Sekundenschlaf kennt eigentlich jeder. Bei den immer wiederkehrenden Beschreibungen seines Gem├╝tszustandes wird es nicht langweilig, ganz im Gegenteil, einerseits wird man in diese monotone Atmosph├Ąre, in der der Fahrer sich befindet mit hineingezogen, anderseits liegt man ein wenig auf der Lauer, in der Ahnung, dass etwas passiert.
Sehr gelungen und sehr gern gelesen.
LG
Sandra

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Rose
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Walter,

Deine Geschichte gef├Ąllt mir sehr gut, denn ich kann mich gut in die Lage des Fahrers versetzen, nicht nur der Erz├Ąhlung wegen.
Deine Geschichte plazierte mich auf den Beifahrersitz meines Mannes und so manches Mal bange ich um sein Leben.

Danke sehr sch├Ân ... Tr├Ąne weg wisch ...


Liebe Gr├╝sse

Rose

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Walter Walehn
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2001

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Hallo Sandra,

danke f├╝rs Lesen. Ich freue mich, dass dir die Geschichte gef├Ąllt. Ist einiges drin, was ich erlebt habe.

LG Walter

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Walter Walehn
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Hallo Rose,

danke f├╝r deine netten Worte. Ich kenne das auch oder besser gesagt, kannte es. Habe selber mal ein halbes Jahr LKW gefahren, fr├╝her. Ich wei├č noch zu gut, wie wir getrieben wurden! Aber das Fahren war einfach toll.

LG Walter

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Rose
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Walter,

dann kann ich verstehen, das Du so detailgetreu den Ablauf eines Kraftfahrers widergeben kannst.
Es hat sich nichts ge├Ąndert, die Fahrer stehen mehr denn je im Druck und ich bewundere diese Truckerfahrer, denn f├╝r mich w├Ąre es kein Job.

Liebe Gr├╝sse

Rose

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