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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Langer Jammer
Eingestellt am 01. 03. 2008 16:31


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Auf meinen grĂŒnen Daumen bin ich stolz. Ich liebe Blumen und atme gern frische Luft. Doch selbst, wenn mich Sonnenblumen mit dem strahlendsten LĂ€cheln der Erde zu betören versuchen, kann ich meinen Hass auf Gartenarbeit nicht beherrschen.
Meine Eltern bewohnten ein Reihenhaus. Ein landadeliger Gutsbesitzer baute es um 1850 fĂŒr acht seiner Tagelöhnerfamilien. An jedes Achtel dieses Tagelöhnerhaus schloss sich ein kleiner Hof an, den jeweils hohe, bis auf wenige Astlöcher undurchsichtige BretterzĂ€une vom Nachbarhof trennten. Auf den Höfen stand je ein Schweinestall, ein Schuppen fĂŒr GerĂ€tschaften, die zumeist der Gartenarbeit dienten, und ein kleines HolzhĂ€uschen mit ausgesĂ€gtem Herz in der TĂŒr. Außerdem gehörte ein Brunnen dazu, aus dem mit einer Schwengelpumpe Wasser fĂŒr Mensch und Vieh in Eimer und Wasser fĂŒr Gartenpflanzen in Gießkannen gefĂŒllt wurde.
An den Hof schloss sich pro Reihenhaus-Achtel ein Garten von ca. 1000 Quadratmeter an, von dem einige Quadratmeter mit Maschendraht fĂŒr HĂŒhner, Enten oder GĂ€nse abgezĂ€unt waren. Zum GlĂŒck, sonst wĂ€re der Garten noch grĂ¶ĂŸer gewesen.
Es waren keine GĂ€rten mit RasenflĂ€chen, Swimmingpool oder Feuchtbiotop. Nein, sie dienten wĂ€hrend des zweiten Weltkrieg und Jahre danach ausschließlich dem Obst- und GemĂŒseanbau. Und sobald ich alt genug war, Harke, Hacke oder Spaten halten oder eine Gießkanne tragen zu können, half ich meinen Eltern bei der tĂ€glich mehrstĂŒndigen Arbeit im Garten. Schon damals in einem Alter, in dem ich stolz war, ihnen helfen zu dĂŒrfen, besaß ich bereits einen – wenn auch kurzen – grĂŒnen Daumen.
In Vorkriegszeiten sahen die Bewohner der umstehenden teuren MietshĂ€user abschĂ€tzig auf das eingeschössige lange niedrige Tagelöhnerhaus herab, nannten es Langer Jammer und ihre Stimmen klangen dabei Ă€ußerst verĂ€chtlich. Familien mit bis zu vier Kindern wohnten in einem Hausachtel, das gerade einmal ĂŒber drei winzige RĂ€ume und 36 Quadratmeter verfĂŒgte. Als einziges Einzelkind im Langen Jammer hatte ich unterm Spitzdach sogar ein eigenes kleines Kinderzimmer.
In den Nachkriegshungerjahren wurden aus jenen abschĂ€tzigen neidische Blicke. Den GĂ€rten sei Dank hatten wir Lange-Jammer-Leute ausreichend zu essen. Die einst hochmĂŒtigen Mietshausbewohner boten goldene Ringe, Silberbesteck und Meißener Porzellan gegen einen Korb frischer Erdbeeren und Kirschen oder einen Beutel Kartoffeln, Äpfel oder Birnen. Und einige der einst Ehrenwerten stiegen nachts heimlich ĂŒber GartenzĂ€une und bedienten sich.
Willi Wagner, Malermeister, Vater dreier Kinder, baumlang, fĂŒllig und mit regelmĂ€ĂŸiger Verdauung, konnte sich vor allem auf seine innere Uhr verlassen.
Durch ein Astloch im Holzzaun beobachtete ich ihn genau. Sommers wie winters saß er mittags auf jener hölzernen Brille, die dem Stoffwechsel diente. Die TĂŒr mit dem ausgesĂ€gten Herzen stand offen. Nur so konnte er seine langen Beine mit den herabgelassenen Hosen bequem ausstrecken. TĂ€glich Punkt zwölf war es vollbracht. Mit voll tönendem Bass rief er: „Erna, Papier!“ Und schon kam seine Frau mit zu DIN-A-4 zerrissenem Zeitungspapier aus dem Haus getrabt, ĂŒbergab ihm das bedruckte Klopapier und trabte zurĂŒck.
Willi Wagner las zunĂ€chst in aller Ruhe, was Journalisten ihm mitzuteilen hatten. Nahm ein Artikel mehrere PapierstĂŒcke ein, hielt er Fetzen an Fetzen. Und da er stets mehr von dem wissen wollte, was in der Welt geschah, rief er ein zweites Mal nach Frau und Lesestoff. Erna ging danach in ihren Garten und begann je nach Jahreszeit zu ernten, zu hacken, zu harken oder zu jĂ€ten. Willi ließ sich Zeit. Erst, wenn es von der nahen Kirchturmuhr einmal schlug, putzte er seinen haarigen Hintern ab, ging zu Erna und ließ sie achselzuckend wissen, er hĂ€tte ja gern im Garten geholfen, aber die Kunden wĂŒrden schon auf ihn warten.
Als HalbwĂŒchsiger half ich Erna gern im Garten. Ihr Malermeister verdiente gutes Geld und ich bekam fĂŒr meine Hilfe von Erna einen Stundenlohn von zwanzig Pfennig. Das war damals viel Geld, das ich sommers in Eis und Bonbons und winters ausschließlich in Bonbons umsetzte, die ich selbst nicht mochte und daher großzĂŒgig verteilte. SelbstverstĂ€ndlich war ich deswegen ein begehrter Spielpartner.
Im Garten meiner Eltern zu helfen aber war Ehrenamt, Pflicht und oft Strafarbeit. Kam ich zu spÀt vom Spielen nach Hause, verurteilten mich meine Eltern zu mindestens einer Stunde Gartenarbeit. Und das stets zu Zeiten, in denen Nachbarskinder am Gartenzaun spielten.
Meine PubertĂ€t brachte naturgemĂ€ĂŸ die absolute Unlust auf Gartenarbeit mit sich. Doch meine Eltern zwangen mich.
SpĂ€ter als Erwachsener mied ich bei der Wohnungssuche ReihenhĂ€user mit GĂ€rten. Meine Liebe zu Pflanzen gilt heute eher Topfpflanzen in Zimmern und WildkrĂ€utern in freier Natur. Gartenbesitzern bei der Arbeit zuzusehen, bereitet mir teuflisches VergnĂŒgen, SchrebergĂ€rtner verachte ich und Sonnenblumen mag ich nur, wenn sie mich ĂŒber ZĂ€une aus GĂ€rten anlĂ€cheln, die mir nicht gehören. Nach dem Essen auf meiner Toilette – mit WasserspĂŒlung und GerĂŒche absaugendem Ventilator, versteht sich – aber denke ich oft an Malermeister Willi Wagner, der sich fĂŒr Weltgeschehen und nicht fĂŒr Gartenarbeit entschied. Und wenn dann meine Frau mit Hausarbeit (einen Garten haben wir ja nicht) auf mich wartet, beschĂ€ftige ich mich Zeitung lesend mit dem, was die Welt bewegt, und – bevor ich mir den Hintern abwische, mit Weisheiten, die auf unserem dreilagigen, mit geflĂŒgelten Worten bedruckten Toilettenpapier stehen.
Und gestern entdeckte ich den Spruch: Im Garten Eden, dem Garten der GĂ€rten, war Arbeit unbekannt.

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 01. 03. 2008 16:31


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