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Leselupe.de > Erzählungen
Lovisandes Versprechen
Eingestellt am 18. 10. 2009 10:06


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MarenS
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Als Lovisande die Windsschwester an diesem tr√ľben, kalten, nach November riechenden Oktobertag durch den Hain fuhr, war sie wohlgemut. Sie wirbelte wie toll durch das erste gefallene Laub, ihre Gew√§nder lang hinter sich her schleifend und die raschelnden Ger√§usche vermischten sich mit dem vergn√ľgten Pfeifen, das sie ausstie√ü wenn sie um B√§ume herum sauste.
Sie liebte die Waldr√§nder und Hochw√§lder in denen der Baumbestand nicht zu dicht war. Dort vollf√ľhrte sie ihren rasenden Tanz mal links mal rechts um die St√§mme, dann wieder rundherum. Pfeifend und lustvoll aufst√∂hnend fuhr sie den ein oder anderen kr√§ftigen, hochgewachsenen Baumstamm hinauf, um hoch oben unter den √Ąsten umzudrehen und in freien Fall mit hellem Gel√§chter wieder nach unten zu st√ľrzen. Ein herrliches Leben!
Ab und an wagten sich Spazierg√§nger durch diese Gegend, meist weil sie Hunde ausf√ľhrten. Mit griesgr√§migem Gesicht, dick vermummt und schnellen Ganges zogen sie die Vierbeiner den Waldweg entlang, um nach Pflichterf√ľllung des Tieres sofort in die warme Wohnung zur√ľckzukehren. Lovisande mochte diese Menschen. Sie sauste auf sie zu, nahm eine ordentliche Handvoll Bl√§tter dabei vom Boden auf und stob den bem√ľtzten Gestalten ins Gesicht, die Bl√§tter √ľber sie sch√ľttelnd. Erntete sie unwilliges Kopfsch√ľtteln, so kicherte sie, schimpften oder fluchten die Menschen gar, hatte sie einen Heidenspa√ü und wiederholte das ganze in kurzen Abst√§nden.
Hach! Was ein Leben! Sie jauchzte nachdem sie den letzten wagemutigen Hundebesitzer vertrieben hatte, fuhr mit pfeifendem Get√∂se mutwillig in einen Baumbestand, dass die Bl√§tter nur so durch die L√ľfte flogen, dann durch eine Mulde, in der sie richtig Schwung holen konnte und √ľber eine kleine H√ľgelkuppe hinweg.
Zu sp√§t erkannte sie ihren Fehler. Hinter dem Kamm lag eine wirres Kn√§uel √ľbereinandergest√ľrzter B√§ume vom letzten Unmutsausbruch ihres Bruders. Lovisande flitzte schrill pfeifend gekonnt durch das Gewirr doch pl√∂tzlich gab es einen Ruck und sie wurde unsanft festgehalten. "Mist", dachte sie und zerrte ungn√§dig an ihren Gew√§ndern, die sich irgendwo an einem Astbruch verhakt hatten. Lovisande war alles andere als geduldig, eher bekannt f√ľr ihr ungest√ľmes Temperament und so zog und zerrte sie, wand sich hin und her und fuhr zu guter Letzt dann doch zur√ľck, dabei aber unter einem kleinen Stamm hindurch, den sie vorher √ľberflogen hatte um den sich ihre Gew√§nder nun schlangen. Wild fuchtelte sie mit den Armen, Verw√ľnschungen zischelnd, hin und her sausend, bis sie sich im Gewirr der gebrochenen √Ąste so festgehakt hatte, dass sie nicht mehr vor und zur√ľckkam. Sie pfiff und jaulte laut vor Zorn, doch es half nichts, sie sa√ü fest. Ihre sinnlose Raserei hatte sie all ihre Kr√§fte gekostet, war sie doch vorher schon lange Stunden unterwegs gewesen und wie entfesselt durch den Wald gestromert. Nun blieb ihr nichts mehr √ľbrig als es sich in ihrer wahrlich unsch√∂nen Lage so bequem wie m√∂glich einzurichten und zu warten. Sie wusste, es konnte Tage dauern. Ihresgleichen war weit √ľber Land unterwegs und traf sich selten und die Menschen gingen in dieser Jahreszeit kaum noch quer durch den Wald, denn die Pilze wuchsen nicht mehr, es war schon zu kalt. So legte sie sich halbwegs auf einen leicht schr√§g liegenden Baumstamm, ein Bein fest in das Gewand gewickelt und zwischen einer Gabelung verkeilt, das andere zur St√ľtze auf den Boden gestellt und pfiff leise und entkr√§ftet unmutig vor sich hin.

Sie meinte stundenlang so gelegen zu haben, als es im Laub hinter dem H√ľgelkamm st√∂berte und raschelt. Das konnte kein Tier sein, solch einen Krach machten nur Menschen! Sie begann halblaut vor sich hinzupfeifen, ein auf und ab an Pfeift√∂nen, von denen sie hoffte, dass selbst ein Mensch sie als absonderlich empfinden w√ľrde. Die sich n√§hernden Ger√§usche gaben ihrer Hoffnung recht.
Schon kurz darauf tauchte oberhalb des Windbruches ein Mann auf. Ohne M√ľtze, die fast schwarzen, glatten Haare notd√ľrftig mit einem Band zusammengehalten, in abgetragener Kleidung. Er blieb kurz stehen und lauschte woraufhin Lovisande sofort wieder zu pfeifen begann, was sie in Betrachtung des Menschen ganz vergessen hatte. Sein Kopf wandte sich in ihre Richtung und sie sah, wie seine Augen sich weiteten. Nun musste sie geschickt sein. Sie legte K√ľmmernis in ihren Gesichtsausdruck und f√ľhlte sich, angesichts der Hilfe, die nahte aber noch nicht gewillt war zu helfen, pl√∂tzlich sehr armselig. Bittend hob sie ihre H√§nde, um gleich drauf mit einer Hand auf die verwickelten Gew√§nder zu weisen.
Der Mann betrachtete sie eine Weile sinnend, dann straffte sich sein Körper und er schritt entschlossen auf sie zu.
"Kannst du sprechen?" fragte er. Lovisande sch√ľttelte den Kopf, ihr war keine Stimme gegeben.
"Aber verstehen kannst du mich?" wurde sie nun gefragt. Sie nickte vehement und zeigte erneut verzweifelt auf das Chaos ihrer Kleider.
"Warte, das ist nicht so einfach", sprach dieser Mensch bed√§chtig und lie√ü den Blick seiner dunklen Augen √ľber sie gleiten. Lovisande bemerkte ein kurzes Flimmern in seinen Augen, ein kurzes Zucken der Mundwinkel.
"Ich werde dir helfen aber du musst Geduld haben. Pfeife nicht so schrill und halte still. Du bist eine der Windsschwestern, nicht war? An deine Befreiung kn√ľpfe ich eine Bedingung."
Lovisande nickte m√ľde als Zeichen, dass sie verstanden habe.
"Wenn ich dich aus dieser unguten Lage befreie, musst du mich, bis dein j√ľngster Bruder, der Fr√ľhlingswind das Land aus dem Winterschlaf singt, jeden Nachmittag wenn es dunkelt besuchen und mir Gesellschaft leisten bis ich schlafe."
In Lovisande erwachte ein Funken ihrer Willenskraft und sie b√§umte sich auf und ein Pfeifen entrang sich ihren Lippen. Sofort wandte sich der Mann ab und schien davongehen zu wollen. Die Windsschwester verfiel auf der Stelle in leises, j√§mmerliches S√§useln, lag still und nickte sacht, denn sie wollte nun wirklich keine Minute l√§nger so ungelenk gefesselt hier liegen m√ľssen.
"Frank", sagte der Mann unvermittelt und sah sie wieder an, "so nennt man mich." Sie nickte leicht und er begann sorgsam nachzusehen auf welche Weise er sie befreien k√∂nne. Er wies sie an hierhin und dorthin zu rutschen, sich da und dort durchzuzw√§ngen und l√∂ste an verschiedenen Stellen die Stoffe von Astst√ľmpfen und aus Gabelungen miteinander verschlungener B√§ume. Schlussendlich war es geschafft.
"Du hältst dein Versprechen"? fragte Frank eben, als sich in Lovisande ein Funken Freiheitszorn regte. Sie nickte mit kleiner Falte zwischen den Augenbrauen, die ihm nicht entging.
"Gut, es ist nun Nachmittag und es wird bald dunkel, folge mir also."
Lovisande zischelte aber sie wusste, das es mehr als unlauter war, ein Versprechen zu brechen und so folgte sie ihm.
Er wohnte unweit des H√ľgels am Waldrand in einem Holzhaus, was ihr wohl gefiel, denn ihre kleine Unmutsfalte verlor sich, als sie √ľber die Schwelle schritt. An den W√§nden hingen viele Bilder, mit leichter Hand gemalt in sanften Farben und doch war ihre Sprache eindringlich einsam. Lovisande betrachtete sie, w√§hrend er sich des Mantels entledigte und ein Feuer im Ofen des Wohnzimmers entfachte, das bald in eigenwilligem Rhythmus zu knacken begann. Sie war so vertieft in die Gem√§lde, dass sie fast erschrak, als er ihre Hand nahm.
"Ich denke, eine Windsschwester liebt den Tanz," sagte er bestimmt, sie f√ľhlte sich umschlungen und sp√ľrte seinen warmen K√∂rper an dem ihren, der sich zu einer Melodie bewegte, die er wohl h√∂rte und der sie nachzusp√ľren begann indem sie sich seinen Bewegungen anpasste, bis sie sich miteinander ineinander bewegten und Lovisande aufst√∂hnte wie im Wald, wenn sie die Baumst√§mme hinauffuhr.

Diesen Winter √ľber begann Frank jeden Morgen damit, das verwirbelte Chaos seines Hauses wieder in Ordnung zu bringen aber er tat es vergn√ľgt pfeifend.

18. Oktober 2009
MarenS

Angeregt durch Frankes Gedicht, zu finden unter Lyrik, Ungereimtes: Vorratshaltung

Danke, Manfred!

Version vom 18. 10. 2009 10:06
Version vom 18. 10. 2009 10:46
Version vom 18. 10. 2009 12:15
Version vom 18. 10. 2009 22:06

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