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Leselupe.de > Erzählungen
Mehr als alles auf der Welt
Eingestellt am 13. 01. 2007 18:44


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Binary
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Jan 2007

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„I can relate to what you’re sayin’ in your songs

So when I have a shitty day, I drift away and put ‘em on

Cause I don’t really got shit else, so that shit helps when I’m depressed

I even got a tattoo with your name across the chest”



"I hope you get to read this letter, I just hope it reaches you in time.

Before you hurt yourself, I think that you'd be doin' just fine

If you'd relax a little.

I'm glad that I inspire you, but Stan, why are you so mad?

Try to understand that I do want you as a fan."



(“Stan”, Eminem)





Sie fiel mir schon auf, als ich aus dem Tourbus stieg.

Die paar Meter bis zum Hintereingang des Hotels waren wie üblich von hysterisch kreischenden Fans gesäumt und vermutlich fiel sie mir ins Auge, weil sie wie ein Fels in der Brandung zwischen all den aufgebrachten Menschen stand. Als die Tür des Busses sich öffnete und ich nach zwei Bodyguards die kleine Treppe hinunterstieg, hatte ich sie direkt im Blick und erst dachte ich, sie gehört zu denjenigen, die angesichts ihres Stars in apathische Anbetung verfallen. Als ich dann an der Absperrung vorbei ging, hielt ich sie für teilnahmslos. Ich dachte, eine Freundin von ihr habe vielleicht ein Preisausschreiben gewonnen und sie mitgeschleift oder so was. Kurz vor dem Hoteleingang lagen nur knapp zwei Meter zwischen der Absperrung, hinter der sie stand, und mir. Ich hatte vom Management die Anweisung, niemanden direkt anzusehen, um eine Hysterie unter den Fans zu vermeiden. Daher trug ich auch an diesem Tag eine Sonnenbrille und konnte ihr, ohne den Kopf zu ihr zu drehen, einen verstohlenen Blick aus dem Augenwinkel schenken. Sie war nicht so unbeteiligt wie ich anfangs gedacht hatte. Vielmehr wirkte sie, als stünde sie unter extremen Streß und versuchte krampfhaft, die Fassung zu wahren. Aber sie war auf eine andere Art gebannt, nicht so, wie die anderen Fans um sie herum. Irgendwie lag Mitleid in den Augen, die gebannt an mir klebten und das irritierte mich. Bemitleidete sie die ausrastenden Fans oder wirklich mich? Für weitere Gedanken blieb keine Zeit, denn ich hatte die Tür erreicht und entschlüpfte dem Lärm der tobenden Meute ins paradiesisch stille Hotelfoyer.

„Mr. Palmer, es ist uns eine Ehre, sie bei uns begrüßen zu dürfen!“ empfing mich ein aufgesetzter Pinsel von Hotelmanager. Ich nickte beiläufig und Kyle, mein Manager, übernahm für mich. Ich steckte mir eine Zigarette an und ließ mich in einen Sessel der weißen Ledersitzgruppe fallen. Obwohl mein Versteckspiel hinter der Sonnenbrille und die fadenscheinige Tarnung unter der Kapuze meines Pullovers sinnlos war, legte ich sie nicht ab. An der Scheibe neben dem Seiteneingang sah ich, wie einige Securities versuchten, den Andrang von Schaulustigen und fanatischen Fans zurückzuhalten, aber einige schafften es trotzdem immer wieder ans Fenster. Manche hielten gebastelte Plakate hoch, auf denen sie ihren Wunsch nach einem Kind von mir Ausdruck verliehen oder sonst wie geartete eindeutige Angebote machten. Nichts davon beeindruckte mich. Im Gegenteil, es widerte mich an. Ich verstand mich weder als Guru ihrer Bewegung, noch als das Sexsymbol, das meine Verehrerinnen in mir sahen. Meine Musik war Ausdruck meiner Wut, nichts weiter. Aber drauf geschissen. Sollten sie mich ruhig als „Bad Boy“ des Rock’n’roll vergöttern. Wenn sie meine Platten kauften, war es mir recht. Desto mehr Aufmerksamkeit ich bekam, desto mehr hörten meine Wut schließlich. Ich war nun wirklich keiner dieser krampfhaften Protestmusiker, der glaubte, die Welt verbessern zu können oder zu müssen. Aber desto mehr Menschen ich erreichte, desto mehr konnte ich mich mitteilen. Ich sah es als Ausgleich für die Zeiten, in denen mir kein Schwein zugehört oder sich auch nur ansatzweise für mich interessiert hatte. Damals war ich nur der schwierige Junge, der sich so rebellisch gebärdete, weil er auf der falschen Seite der Stadt aufgewachsen war. Jetzt hingegen war ich ein Star und alle Welt wollte hören, was ich zu sagen hatte. Jetzt war die schlechte Kindheit, die wilde Jugend ein Markenzeichen, das sich gut verkaufen ließ. An die da draußen vor dem Fenster. Nicht, dass ich sie nicht zu schätzen wußte. Natürlich war ich ihnen dankbar dafür, dass sie mich zu dem gemacht hatten, was ich war. Einige von ihnen verstanden vermutlich sogar, wovon meine Texte handelten. Aber andere waren schlicht Idioten, die keinen blassen Schimmer hatten und meine Platten kauften, weil es gerade „in“ war.

Ich drückte die Zigarette nach wenigen Zügen im protzigen Marmoraschenbecher auf dem gläsernen Couchtisch vor mir aus und stand auf, um auf mein Zimmer zu gehen. Zwei Bodyguards eskortierten mich, dann, als die Tür ins Schloß gefallen war, hatte ich zum ersten Mal an diesem Tag meine Ruhe. Für gewöhnlich nutzte ich diese wenigen Stunden, um einfach stumpf vor dem Fernseher zu hängen. Soaps und Sitcoms, Talkshows und Musikvideos. Ein fragwürdiger Luxus, der dem Normalsterblichen vorbehalten blieb. Manchmal, wenn ich eine kreative Phase hatte, schrieb ich auch an neuen Songs. Aber an diesem Tag war mir nicht danach und auch nicht nach platter Fernsehunterhaltung. Irgendwie fühlte ich eine innere Unruhe, die ich mir nicht erklären konnte. Ich tigerte im Raum auf und ab wie ein gefangenes Tier, meine Gedanken kreisten um alles und nichts. Nach einer Weile lugte ich durch die Vorhänge, um zu sehen, was vor dem Hotel los war.

Noch immer standen draußen hysterische Fans, großteils weiblich, und versuchten, an den Securities vorbei zu kommen. Aber keine Chance. Ich wurde bewacht wie der Papst. Nicht einmal der Zimmerservice konnte einfach so zu mir hereinmarschieren. An manchen Tagen wußte ich das zu schätzen, an anderen verfluchte ich meinen selbstgeschaffenen goldenen Käfig. Und dann bewies ich mir meine eigene Unantastbarkeit, indem ich unter dem Protest meiner Bodyguards und Manager meine Verkleidung anlegte und mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze und dunkler Sonnenbrille zum Zigarettenautomaten ging. Allein. Ungeschützt. So verletzbar wie ein frisch geschlüpftes Küken. In ihren Augen. Wäre ich das wirklich gewesen, hätte ich wohl kaum so lange dort überlebt, wo ich aufgewachsen bin.

Es dauerte kaum eine Minute, bis die ersten Fans mich am Fenster ausgemacht hatten und ich zog die Vorhänge wieder zu. Es war doch immer das gleiche Spiel. Wohin ich auch ging, was ich auch tat, ich war der Mittelpunkt des Geschehens. Fans und die zahlenmäßig mindestens genauso stark vertretenen Kritiker beobachteten mich auf Schritt und Tritt. Alles wurde für oder gegen mich verwendet. Die Kritiker wurden nicht müde, mich an meine Vorbildfunktion zu erinnern, während die Fans sich das zum Vorbild nahmen, was die Kritiker zu ihren Ermahnungen inspirierte. Ein endloses Spiel, das an manchen Tagen seinen Reiz hatte und an anderen schlicht und ergreifend nervte. Ich wartete eine Weile, tigerte wieder ruhelos durch das Zimmer, dann ging ich zum Fenster zurück. Diesmal achtete ich darauf, den Vorhang nicht zu bewegen, als ich durch den Spalt nach unten spähte, denn ich wollte keinen neuen Aufruhr provozieren. Ich wollte nur sehen, ob sie auch noch da war. Tatsächlich hatte ich mich dabei ertappt, über sie nachzudenken und ich war fast enttäuscht, sie nicht unter den wartenden Fans ausmachen zu können. Vielleicht war sie doch bloß von einer Freundin mitgeschleift worden. Ich verlies das Fenster wieder und setzte mich aufs Bett. Ob sie wohl blaue, graue oder grüne Augen hatte? Durch die Sonnenbrille hatte ich es nicht erkennen können und ich fragte mich, warum ich darüber eigentlich nachdachte. Entgegen meinem Image war ich nicht der Bilderbuchrocker, den die Fans in mir sahen oder den die Medien aus mir machten. Ich war nicht der versoffene Egomane, der eine nach der anderen abschleppte. Eigentlich war ich sogar das Gegenteil. Mit meiner Freundin Kathy war ich nun seit acht Jahren zusammen. Wir kannten uns schon vor meinem Durchbruch und sie wußte, dass ich diese Beziehung nicht wegen irgendwelchen Groupies aufs Spiel setzen würde, schon unseres kleinen Sohnes Tibor wegen. Gut, natürlich ließ sich die eine oder andere Krise und auch ein paar kurzzeitige Trennungen nicht leugnen. Aber jetzt, als ich über die Augenfarbe einer Fremden nachdachte, hatte ich irgendwie ein schlechtes Gewissen, obwohl es nur eine harmlose Kleinigkeit war. Was war denn schon dabei? Ich versuchte, mir einzureden, es wäre nichts dabei, aber es mißlang, als ich mich vor mir selbst damit rechtfertigen wollte, dass ich schließlich auch die Augenfarbe meines Managers kannte. Denn dem war eben nicht so und ich verbrachte immerhin 90 Prozent meiner wachen Zeit mit Kyle. Und ich hatte mich nie für seine Augenfarbe interessiert, nicht im Geringsten. Ich wußte nicht einmal, welche Farbe sein Anzug hatte, dabei war es keine halbe Stunde her, dass ich ihn gesehen hatte. Und ich hatte ihm an diesem Tag bereits drei Stunden im Bus gegenüber gesessen. Was sie anhatte, wußte ich hingegen ganz genau. Alte Baggy Pants, schwarz. Ein bauchfreies Top, auch schwarz, mit dem weißen Schriftzug „Mankind sucks!“ und eine Orlando Magic-Wollmütze. Sie hatte einen Nasenring auf der linken Seite und ein Piercing in der Mitte der Unterlippe. Und ein Tattoo auf dem linken Unterarm, Ren und Stimpy. Ich hatte sie nur für knapp zwei Minuten gesehen und trotzdem erinnerte ich mich an jedes Detail. War das normal? Interessierte es mich wirklich, was sie trug? Gab es Grund für mein schlechtes Gewissen gegenüber Kathy?

Ich stand auf, um die bescheuerten Fragen irgendwie loszuwerden, aber es funktionierte nicht. Ihr Bild geisterte noch immer durch meinen Kopf. Ich schaltete den Fernseher ein, aber auch diese Ablenkung scheiterte. Statt der niveaulosen Talkshow sah ich noch immer sie, wie sie mit dieser seltsamen Gelassenheit in ihrer Körpersprache und dem mitleidigen Blick zwischen all den aufgedonnerten Tussis stand, die mir heute Nacht gern Gesellschaft leisten würden. Es fühlte sich an, als würde sie wie ein Geist hinter dem Fernseher stehen, unsichtbar und doch anwesend, und mich so ansehen, wie sie es unten vor dem Hotel getan hatte. Die Frage nach ihrer Augenfarbe trieb mich fast in den Wahnsinn und ich war auf meine Art dankbar, als Artie, mein Personal Assistant, anklopfte und fragte, ob er reinkommen könne. Wie von einem Hornissenschwarm gejagt stürzte ich zur Tür und öffnete sie. „Scheinst genervt zu sein“, stellte Artie fest, als ich die Tür hinter ihm wieder schloß. „Geht“, gab ich knapp zurück und setzte mich aufs Bett. Artie rückte den Stuhl vom Tisch ab, setzte sich und sah mich erwartungsvoll an. „Du bist schon den ganzen Tag mies gelaunt. Hat es was mit Kathy zu tun?“ Im ersten Moment war ich total perplex, dann fiel mir das Telefonat wieder ein, das ich morgens mit Kathy geführt hatte. „Nur das Übliche“, erwiderte ich und schnappte mir die Fernbedienung zum Zappen. „Heißt was?“ bohrte Artie weiter. Jeden anderen hätte ich sofort rausgeschmissen, da mein Privatleben niemanden was anging. Aber Artie war nicht nur mein Personal Assistant – oder „Mädchen für alles“ -, er war auch einer meiner besten Freunde und genoß daher einige Privilegien. „Hat mal wieder die Schnauze voll von allem“, sagte ich gelangweilt. „Will Abstand gewinnen, unsere Beziehung überdenken. Das Übliche eben.“ Artie nickte und legte die Arme über die Stuhllehne. „Hm“, machte er. „Rollt sie wieder die alten Kamellen aus?“ Er spielte auf eine besonders heftige Krise an, die jetzt allerdings vier Jahre zurücklag. Ich hatte mich im besoffenen Kopf mit einem Fan eingelassen und diese kleine Schlampe hatte nichts besseres zu tun, als alle Details bei einem Boulevardmagazin auszuplaudern. Es hätte aber auch nichts geändert, wenn das Miststück die Klappe gehalten hätte, denn die Papparazzi schliefen nie und so hatten bereits zwei andere Zeitschriften und ein Fernsehsender davon erfahren. Kathy und die ganze Welt erfuhren also, was wir in dieser Nacht angestellt hatten und es ist überflüssig zu erwähnen, dass Kathy so die erste Runde unserer Trennungen auf Zeit einläutete.

„Ja, auch“, gab ich etwas genervt zurück. „Aber darüber denk ich ehrlich gesagt gar nicht nach.“ Artie nickte nachdenklich und musterte mich aufmerksam. „Was ist es dann?“ „Bin einfach nur schlecht drauf.“ Ich warf die Fernbedienung aufs Bett und lehnte mich zurück. Artie sah mich erwartungsvoll an. „Ehrlich, es ist nichts!“ sagte ich nachdrücklich, doch er entließ mich nicht aus dem Verhör. Ich konnte vielen was vormachen, aber ihm nicht. Artie kannte mich zu gut. Gut genug, um zu wissen, dass doch etwas war. „Verarsch mich nicht!“ grinste er. „Raus damit!“ Ich seufzte und setzte mich wieder auf. „Später vielleicht“, vertröstete ich ihn und deutete mit einem Kopfnicken zur Uhr. „Wir müssen los.“

Als ich unter tosendem Applaus auf die Bühne trat, fiel mein Blick sofort in die erste Reihe. Ihre Augen waren blau. Und sie sah mich wieder so seltsam an, so als wisse sie etwas über mich, das andere nicht wußten. Als kenne sie meine intimsten Geheimnisse und als würde ich ihr deswegen leid tun. Ich versuchte, mich auf meine Performance und die Musik zu konzentrieren, aber mein Blick traf immer wieder auf sie, so sehr ich auch versuchte, woanders hinzuschauen. Zwischen all den kreischenden Fans war sie ein Fels in der Brandung. Sie stand einfach da, regungslos, fast teilnahmslos, aber dennoch nicht gelangweilt. Ihr Blick folgte mir über die ganze Bühne, wohin ich auch ging, und nahm mich gefangen. Was zur Hölle faszinierte mich so an ihr? Sie war weder sexy gestylt noch versuchte sie in irgendeiner Art, meine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Die ersten Reihen waren wie üblich mit weiblichen Fans gefüllt, die wirklich alles taten, um einen Blick von mir zu erhaschen. Manche zogen ihre T-Shirts hoch, andere warfen Unterwäsche oder Liebesbriefe auf die Bühne und noch andere verstrickten sich in Auseinandersetzungen mit den Ordnen, indem sie versuchten, über die Absperrung zu klettern. Sie tat nichts dergleichen. Sie brüllte weder meinen Namen noch irgendwelche Anzüglichkeiten. Sie trug kein T-Shirt mit meinem Bild und sie hielt kein Plakat hoch. Sie warf nichts auf die Bühne, sie weinte nicht, sie kreischte nicht ekstatisch und sie legte sich nicht mit den Ordnern an. Sie stand einfach nur da und sah mich an. Und desto öfter ich gegen meinen Willen diesen Blick erwiderte, desto mehr erkannte ich darin. Die Art, wie sie mich ansah, war liebevoll, sehnsüchtig, ergriffen, fragend, fordernd, abwartend, mitleidig, unruhig, gelassen, wissend und traurig zugleich. Und vielmehr noch als all das zusammen: verwirrend.

Die Bühne war immer mein Zuhause gewesen, der Ort, an dem ich mich wirklich wohl fühlte. Schon als kleiner Junge hatte ich nichts mehr gewollt, als vor tausenden von Menschen zu stehen. Aber als ich die Zugabe endlich hinter mich gebracht hatte, war ich so froh wie selten zuvor, dass es endlich vorbei war und ich gehen konnte. Nun trennten mich nur eine Aftershow Party und eine viel zu kurze Nacht mit viel zu wenig Schlaf davon, die Stadt zu verlassen und mich in den Flieger zu setzen. Das nächste Konzert fand in einem anderen Land, auf einem anderen Kontinent statt; morgen, einige tausend Kilometer entfernt von hier, würde ich sie schon vergessen haben. Das redete ich mir beinahe zwanghaft ein und dieser Gedanke beruhigte mich.

Mit der Ruhe war es auf der Aftershow Party allerdings schon wieder vorbei. Als ich mit meiner Eskorte im Club eintraf, fiel mein Blick automatisch zuerst auf die Bar. Und da saß sie, den Ellbogen auf die Theke gestützt, den Kopf auf ihre Hand. Vor ihr eine Bierflasche, auf dem Barhocker neben ihr mein Tourgitarrist Tom, mit dem sie sich unterhielt. Jetzt sah ich, dass sie auch auf dem Rücken eine Tätowierung hatte. Als meine Eskorte mich an ihr vorbei führte, um zum reservierten Tisch in der Mitte des Clubs zu gelangen, erkannte ich neben dem Totenkopf auf ihrem linken Schulterblatt den geschnörkelten Schriftzug auf einem Banner, das bis zum rechten Schulterblatt verlief. Unter der Orlando Magic-Mütze hingen einige rote Haarsträhnen hervor und verdeckten ein paar Buchstaben, aber ich wußte sofort, was dort stand. „How well I have learned that there is no fence to sit on between heaven and hell.” Ein Zitat von Johnny Cash, den ich schon in meiner Jugend bewundert hatte. Ich mußte mich zwingen, sie nicht anzustarren und setzte mich schließlich in die Mitte der Couch, die einen Halbkreis um den Tisch bildete, der für mich und mein ausgewähltes Gefolgte reserviert war.

Nur VIPs hatten an diesem Abend Zutritt zu diesem Club und ich fragte mich, wie sie es wohl geschafft hatte, hereinzukommen. Irgendwie traute ich ihr die üblichen Methoden anderer Fans nicht zu. Da gab es nämlich nur drei Arten. Erstens die Groupies, die mit den Securities oder den Angestellten des Clubs oder des Veranstalters ins Bett oder in die Toilette gingen. Zweitens waren da junge Musiker, die hofften, von mir entdeckt zu werden. Die leierten normalerweise dem Label oder irgendwelchen Musikmagazinen die VIP-Tickets aus den Rippen. Und die letzte Gruppe bestand aus Gewinnern von irgendwelchen Verlosungen, bei denen es ein Treffen mit dem Star, sprich mir, zu ergattern gab. Üblicherweise war dies die kleinste Gruppe und diese Fans wurden von Vertretern des Magazins oder des Radio- oder Fernsehsenders begleitet, von dem sie die Tickets gewonnen hatten.

Vielleicht arbeitet sie hier, dachte ich, doch ehe ich dieser Theorie gedanklich weiter nachgehen konnte, schob sich ein triumphierend grinsender Artie neben mich auf die Couch. „Hey, die Arbeit ist getan, jetzt kommt das Vergnügen, Alter! Was willst du trinken?“ „Bring mir ein Bier“, gab ich abwesend zurück und beobachtete im Augenwinkel, wie die Bodyguards sich strategisch im Raum verteilten. Artie nickte und verschwand in Richtung Bar, wo Kyle sich gerade mit dem Veranstalter niederließ. Die Geschäfte überließ ich grundsätzlich ihm allein, ich hatte schlicht und ergreifend keine Lust, mich damit herumzuschlagen. Während Artie mein Bier holte, checkte ich den Raum ab. In der Nähe der Tür sah ich den Rest meiner Tourband; Angus, den Bassisten, Natalie, die Drummerin und Paul, den zweiten Gitarristen. Sie bahnten sich ihren Weg in meine Richtung und kaum hatten sie den Tisch erreicht, kehrte auch Artie zurück. Er stellte mein Bier vor mir ab und sah die drei erwartungsvoll an. „Schätze, ich muß dann noch mal gehen, wie?“ grinste er. „Für mich Wodka-Cola!“ nickte Paul. „Gin Tonic“, fügte Natalie an. „Wenn die hier anständigen Whisky haben, Whisky. Ansonsten Bier“, sagte Angus. Artie wollte sich gerade wieder in Richtung Bar entfernen, als ich ihn am Ärmel festhielt. „Frag Tom, ob er rüberkommt“, raunte ich und ohne so wirklich zu wissen, was ich sagte, fügte ich noch leiser an: „Er kann das Mädchen mitbringen.“ Ein breites Grinsen huschte über Arties Gesicht. „Schon kapiert!“ Er zwinkerte mir zu und machte sich auf den Weg.

„Hey, was ist eigentlich heute mit dir los?“ Angus stieß mich freundschaftlich an. „Du siehst aus wie sieben Tage Regenwetter! Hast du wieder Streß mit deiner Perle?“ Ich nahm mein Bier und leerte das Glas fast ganz. „Geht so. Ist mal wieder angepißt“, erwiderte ich. „Aber Schwamm drüber. Die kriegt sich schon wieder ein, ist doch immer so.“ „Schon besser!“ grinste Angus, fischte eine Zigarette aus der Schachtel und warf diese dann auf den Tisch. „Bedien dich!“ nuschelte er, während er versuchte, den Glimmstengel an der winzigen Flamme seines fast leeren Feuerzeugs anzuzünden. Ich legte mein Benzinfeuerzeug auf den Tisch und nahm eine Kippe aus seiner Schachtel. Angus schnappte sich das Feuerzeug, zündete seine Zigarette an, gab mir Feuer und nahm einen tiefen Zug. „Wohin geht es morgen doch gleich?“ erkundigte er sich und schielte amüsiert zu Natalie und Paul herüber, die neben ihm die Köpfe zusammensteckten, tuschelten und kicherten. „Frag Kyle, nicht mich“, erwiderte ich. „Entweder Sydney oder Melbourne.“ Angus nickte kurz, dann deutete er mit dem Daumen auf seine Bandkollegen. „Die sind schon den ganzen Tag so. Echt nervig, das Geturtel!“ „Bist ja nur neidisch!“ grinste ich und schielte meinerseits zur Theke. Ich sah Artie, der gerade die Getränke in Empfang nahm, aber als ich den Blick weiter zur Seite streifen ließ, bemerkte ich, dass sie und Tom nicht mehr dort saßen. „Pah!“ machte Angus und lenkte meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. „Ich bin froh, dass meine Tussi zu Hause in Chicago geblieben ist! Das fehlt mir ja noch, dass ich auf Tour ständig überwacht werde!“ Er lachte grollend in sich hinein und ergänzte: „Nee, echt, Mann, das würde mich ankotzen. Ich will doch meinen Spaß haben!“ Bevor ich antworten konnte, schob Artie sich neben mich auf die Bank und die Getränke auf den Tisch. „Sag nicht, dein Bier ist schon leer!“ seufzte er scherzhaft, als er das Glas sah. Als ich ihn nur angrinste, stand er auf und schenkte mir noch einen beleidigten Blick, dann drängte er sich wieder in Richtung Theke durch die Menschenmenge. Mein suchender Blick folgte ihm, doch ich konnte sie nicht finden. Statt dessen schlug mir jemand von hinten auf die Schulter und ich fuhr herum. Hinter mir stand Tom und grinste breit, neben ihm stand sie und betrachtete mich mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Unentschlossenheit. „Hey, Mann, wo warst du?“ fragte ich und ohrfeigte mich innerlich. Mich interessierte nicht die Bohne, wo Tom gewesen war. Mich interessierte, ob er was mit ihr gehabt hatte. Und dieser Gedanke paßte mir selbst nicht. Tom schien meinen Zwiespalt nicht zu bemerken. „Am Kippenautomat“, erwiderte er schulterzuckend. Innerlich atmete ich auf, ließ mir aber nichts anmerken. Tom schob erst sie auf die Couch und dann sich selbst.

Und plötzlich saß sie neben mir und ich wußte nicht mehr, ob es eine so gute Idee gewesen war, Tom an den Tisch zu bitten. Er war ein guter Kumpel und ich kam mir wie ein Arsch vor, aber ich beruhigte mich schnell damit, dass ich ihm das Mädchen gar nicht ausspannen wollte. Meine Neugier verlangte nur einfach nach einer Antwort auf die Frage, warum sie mich so faszinierte. Das war alles. Was sollte auch sonst sein?

„Das ist Rabea“, stellte Tom sie vor und nahm Artie, der den Tisch gerade wieder erreicht hatte, das Bier aus der Hand. „Zu komisch!“ bemerkte der lakonisch und entfernte sich wieder in Richtung Theke. „Hi“, sagte ich knapp und schielte zu Rabea. „Hi“, erwiderte sie ebenso einsilbig. Sie tastete ihre Hosentaschen ab und als sie schließlich die Zigaretten herauszog, bemerkte ich, dass ihre Hände zitterten. „Jetzt guck sich einer die an!“ lachte Angus und sah Natalie und Paul hinterher. Die beiden waren aufgestanden und bahnten sich eng umschlungen ihren Weg zu den Toiletten. „Die führen sich auf wie Bonnie und Clyde, geht schon den ganzen Tag so!“ informierte mich Tom. Rabea hatte sich inzwischen eine Zigarette in den Mund gesteckt und suchte nun offensichtlich nach ihrem Feuerzeug, obwohl meins nach wie vor offen auf dem Tisch lag. Ich nahm es, öffnete den Verschluß und hielt ihr die Flamme hin, ohne sie richtig anzusehen. „Weißt du was? Ich geh die jetzt ärgern!“ verkündete Tom und Angus bekam einen mir unverständlichen Lachkrampf. Tom sprang auf und drängte sich in Richtung Toiletten, nur einen Moment später nahm Artie seinen Platz ein. „Und wo ist mein Bier?“ erkundigte ich mich. „Kommt gleich!“ erklärte Artie grinsend. „Die bringen uns eine Kiste.“ Er sah Rabea an. „Und wer ist die Lady hier?“ „Rabea“, sagte ich unsicher. „Hi!“ begrüßte Artie sie fröhlich und hielt ihr die Hand hin. Zögernd schüttelte Rabea sie und nahm noch einen tiefen Zug. „Wie bist du hier reingekommen?“ stellte Artie die Frage, die mir schon länger durch den Kopf gegangen war. „Mit einem gefälschten Backstagepass“, erklärte sie mit Unschuldsmiene. „Schmeißt ihr mich jetzt raus?“ Sie sah Artie herausfordernd an. Der wiederum musterte sie erst staunend, dann wandte er sich mit fragendem Blick an mich. „Quatsch!“ sagte ich. „So ein Aufwand gehört belohnt, nicht bestraft. Willst du was trinken?“ Ich war selbst überrascht, dass ich meine vorübergehende Maulsperre so schnell überwunden hatte. Es schien auch Rabea wachgerüttelt zu haben. Sie wandte sich grinsend zu mir um. „Klar. Ein Bier wäre jetzt klasse.“

Mit einem Ohr hörte ich, wie Angus irgendwas von „geilen Bräuten“ faselte und aufstand. Artie deutete auf einen Kellner, der eine Kiste Bier neben ihm abstellte. „Das nenne ich mal Timing!“ stellte er zufrieden fest und zog zwei Flaschen aus der Kiste. Er öffnete eine und reichte sie mir, dann öffnete er die andere und gab sie Rabea. „Woher kommst du?“ erkundigte ich mich bei ihr. „Seattle“, erwiderte sie knapp. „Wow!“ entfuhr es Artie. „Das ist eine ganz schön weite Strecke!“ Er öffnete sein eigenes Bier und nahm einen kräftigen Schluck. „Wie bist du hergekommen?“ fragte ich. „Bin getrampt“, erklärte Rabea. „Ich hab nur fünf Tage gebraucht.“ „Wow!“ prustete Artie erneut. „Ganz schöner Aufwand!“ Rabea nickte und sah mich mit diesem seltsamen verklärten Blick an, der gleichzeitig liebevoll, neugierig, mitleidig und lauernd war. „Ich mußte dich einfach treffen!“ sagte sie lächelnd. Artie zwinkerte mir über ihren Kopf hinweg zu. „Ist das so?“ erwiderte ich ziemlich lahm. Sie nickte. „Ja. Unbedingt.“ Artie zwinkerte erneut, dann fragte er betont ahnungslos: „Und warum mußtest du ihn unbedingt treffen? Typen wie ihn gibt es doch sicher auch in Seattle!“ Mitleidig lächelnd schüttelte Rabea den Kopf und sah Artie an. „Nein. Er ist einzigartig.“ Sie wandte sich wieder zu mir und fuhr mit verklärtem Blick fort: „Absolut einzigartig… Er ist so viel mehr, als viele in ihm sehen…“

Jetzt war ich endgültig neugierig geworden. Obwohl Neugier vermutlich das falsche Wort ist. Jetzt waren meine Hemmungen wie weggespült. Tom war nicht mehr hier und auch alle anderen inneren Blockaden brachen kampflos ein. „Ich bin mehr?“ fragte ich. „Wie meinst du das?“ Rabea lehnte den Kopf auf ihren Arm und sah mich verträumt an. „Du bist alles, was ich je gewollt habe. Seit ich dich zum ersten Mal gesehen habe, wußte ich das. Wir haben so viel gemeinsam…“ „Zum Beispiel?“ unterbrach ich. „Wir stehen beide auf Nirvana und Green Day“, antwortete sie. „Du hast oft T-Shirts von denen an.“ Ich nickte. „Und was noch?“ Sie lächelte verklärt vor sich hin. „Du hast in einem Interview gesagt, dass du ein Fan von Clive Barker bist… Ich habe auch alles von ihm gelesen und alle Verfilmungen gesehen…“ Wieder nickte ich und sie fuhr fort: „Du spielst lieber Tekken als Mortal Kombat, genau wie ich. Und du ißt gerne Indisch, so wie ich…“ „Woher weißt du das mit Tekken denn?“ fragte ich überrascht. Rabea grinste. „Das hast du in einer Reportage auf MTV gesagt. Und dass du am liebsten Yoshimitsu spielst und der ist auch meine Lieblingsfigur…“ Ich erinnerte mich dunkel an ein Interview, in dem ich das tatsächlich mal erwähnt hatte. Allerdings hatte mich noch nie jemand darauf angesprochen und ich hatte daher nie in Erwägung gezogen, dass es überhaupt gesendet worden war. „Orlando Magic ist dein Lieblings-Basketballteam und meins auch“, lächelte Rabea. „Und du findest Filme mit Jim Carrey toll, genau wie ich.“ Wieder war ich etwas überrascht. Ich war öfter mit Orlando Magic-Trikots aufgetreten und es lag auch nahe, dass ich die Mannschaft meiner Heimatstadt favorisierte. Aber dass ich ein großer Fan von Jim Carrey war, gehörte zu den weniger bekannten Fakten. „Bruce Allmächtig ist dein Lieblingsfilm, genau wie meiner…“ bestätigte sie jedoch ihr Insiderwissen.

„Hey, du kennst ihn ja besser als ich!“ grinste Artie. Rabea beachtete ihn nicht. Sie sah mich weiterhin aus verträumten blauen Augen an und angelte ihre Bierflasche. „Da könnte er richtig liegen!“ grinste ich zurück und Artie leerte seine Flasche, um direkt eine neue zu öffnen. „Okay, du bist also quer durch Amerika getrampt, weil wir den gleichen Geschmack haben?“ erkundigte ich mich. Rabea schüttelte den Kopf, zog ihre Flasche leer und stellte sie auf den Tisch. „Nein… Ich wollte dir sagen, was du mir bedeutest…“ Sie setzte sich auf und kramte in ihrer Hosentasche, dann zog sie einige gefaltete Bögen Papier heraus. „Du hast mich so sehr inspiriert“, erklärte sie, während sie die Blätter auffaltete. „Ich habe so viele Songs für dich und über dich geschrieben… Und…“ Sie legte die Blätter vor mir auf den Tisch und ich warf Artie einen überraschten Blick zu, nachdem ich gesehen hatte, was darauf war. „Nicht übel!“ nickte Artie anerkennend. Es waren Bleistiftzeichnungen von mir, aber es hätten ebenso gut Schwarzweißfotos sein können. Ich nahm die losen Seiten und blätterte sie durch. Eine Zeichnung übertraf die andere. „Wow, Respekt!“ brachte ich hervor. „Ich bin echt beeindruckt! Hast du Kunst studiert oder machst du das hauptberuflich?“ Rabea zog unbeeindruckt die Schultern hoch. „Nö. Hab ich einfach so gemacht. Mit Zeichnen Geld zu verdienen ist schwerer als man denkt.“ „Und du hast Songs geschrieben?“ nahm Artie den anderen Faden wieder auf. Sie nickte. „Ja. Ich hab sie auf CD gebrannt.“ Wieder kramte sie in der Hosentasche und zog schließlich eine CD hervor, die sie mir lächelnd gab. Auch die Coverzeichnung war beeindruckend realistisch. Selbst meine Tätowierungen hatte sie detailgetreu getroffen. Ich drehte die Hülle um, um die handgeschriebene Tracklist zu lesen. „Das sind nur die besten Songs“, erklärte sie und klang beinahe entschuldigend. „Ingesamt habe ich über hundert geschrieben.“ „Willst du von ihm entdeckt werden?“ grinste Artie, doch Rabea schüttelte sofort energisch den Kopf und sah ihn strafend an. „Die Songs sind für ihn. Ist mir egal, ob sie sonst jemand hört.“ Sie wandte sich wieder zu mir und sofort kehrte der verträumte Blick zurück. „Hauptsache, du hörst sie.“ „Ich werde sie mir auf jeden Fall anhören“, sagte ich. „Ich hab immer einen Discman mit auf Tour.“ Rabea nickte, dankbar und erleichtert, wie mir schien. „Es ist mir wirklich wichtig, dass du es hörst“, sagte sie nachdenklich. „Und auch, dass du die Zeichnungen hast.“ „Ich werde sie in Ehren halten“, versprach ich und meinte das auch durchaus ernst. „Danke“, säuselte Rabea. „Ich muß mich bedanken!“ korrigierte ich. Sie schüttelte den Kopf. „Nein, im Ernst. Es bedeutet mir unglaublich viel. Deine Songs, dein Auftreten… Seit ich dich das erste Mal gesehen und natürlich gehört habe, hast du so viele wunderbare Gedanken in mir ausgelöst. Du hast mich so sehr inspiriert… Du bist selbst Künstler, du weißt, wie wichtig das ist…!“ Ich nickte. „Inspiration ist es, was Kunst zum Leben erweckt“, zitierte ich mich selbst. „Ohne Inspiration ist sie leer…“ „Inspiration unterscheidet eine technische Zeichnung von einem Gemälde und eine Bedienungsanleitung von einem Gedicht“, fuhr sie fort. „Inspiration verleiht der Kunst Emotionen. Inspiration ist das, was Kunst transportiert und in die Herzen der Menschen eindringt. Es ist nicht die Melodie oder der Text eines Songs, es ist das Gefühl, das er wachruft…“ „Ach du Kacke!“ unterbrach Artie. „Fachsimpelt mal kurz ohne mich weiter!“ Er stand auf und drängelte sich in Richtung Toiletten durch die Menge. Rabea zuckte mit den Schultern, dann sagte sie ernst: „Darum bedanke ich mich bei dir. Weil du mir all diese wunderbaren Gedanken geschenkt hast, einfach weil du existierst.“ Sie atmete tief durch. „Ich hatte so lange das Gefühl, ich würde dir dafür etwas schulden. Und jetzt konnte ich dir endlich etwas zurückgeben und mich bedanken. Künstler verlieben sich immer in ihre eigenen Schöpfungen. Du weißt, dass das kein Gerücht oder so ist. Und du hast mich so sehr inspiriert, du hast mich so viel schaffen lassen, in das ich mich verliebt habe… Ich liebe dich. Und das wollte ich dir sagen. Darum bin ich aus Seattle hergekommen.“

Ich saß da und starrte sie einfach nur an. Keine Ahnung, ob mir die Kinnlade bis zu den Knien hing, aber ausschließen würde ich es nicht. Ich gestand mir ein, dass sie mich verdammt noch mal beeindruckt hatte. Ich weiß auch nicht, was in mich gefahren ist, aber als ich die Sprache wiederfand, fragte ich: „Wollen wir uns nicht in meinem Zimmer weiter unterhalten? Ist doch irgendwie zu laut hier.“ Rabea nickte und stand auf. Ich wank meinen Bodyguards unauffällig zu und bedeutete ihnen, mir nicht zu folgen. Und so kam es, dass ich keine halbe Stunde später tatsächlich mit einem weiblichen Fan allein in meinem Hotelzimmer war.

„Ist das okay, wenn ich kurz duschen gehe?“ fragte ich. Rabea schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht in Eile“, sagte sie und ich schloß mich im Bad ein und fragte mich in einem Anfall geistiger Klarheit, was ich da gerade machte. Es war doch mehr als offensichtlich, worauf das Ganze hinauslaufen würde. Ich zog mich aus, warf meine Klamotten vor der Tür auf den Boden, stieg in die Dusche und drehte das Wasser auf. Kathy würde davon erfahren, keine Frage. Im Club hatten mich genug Pressefuzzis mit Rabea gesehen und ihnen war garantiert nicht entgangen, dass wir die Aftershow Party ziemlich früh und zu zweit verlassen hatten. Und es hatten auch garantiert irgendwelche Fotografen auf der Lauer gelegen, die unseren Weg zum Hotel fotografisch dokumentieren konnten. Aber es war meine Entscheidung gewesen, so unvorsichtig zu sein. Ich ließ das Wasser ein paar Minuten auf mich einprasseln, dann stellte ich es ab und schüttelte die nassen Haare, so als könne ich damit auch sämtliche Bedenken und Zweifel an meinem Tun von mir schütteln. Für den Moment gelang es sogar. Ich schnappte mir ein Handtuch und trocknete die Haare notdürftig, dann warf ich den Bademantel über, knotete den Gürtel unnötiger Weise zu und öffnete die Tür.

Rabea saß im Halbdunkel auf dem Tisch. Sie trank aus einer dieser winzigen 0,2-Liter-Bierflaschen aus der Minibar und lachte mit glockenheller Stimme, als der Lichtkegel aus der geöffneten Badezimmertür auf sie fiel. „Oh Mann, laß mich raten! Du trägst nichts außer diesem Bademantel?“ Ich nickte grinsend. „Wow, das ist so sexy!“ grinste sie zurück. Ich verließ den Lichtkegel, setzte mich aufs Bett und sah sie an. „Warum ich?“ fragte ich dann. „Warum nicht irgendwer sonst?“ Sie zog unbekümmert die Schultern hoch. „Keine Ahnung. Wo die Liebe hinfällt oder so.“ Ich schüttelte leicht den Kopf und lächelte herausfordernd. „Ich glaube nicht an Liebe auf den ersten Blick. Was hat dich so an mir fasziniert?“ Wieder zog sie die Schultern hoch. „Weiß ich echt nicht. Vielleicht waren es deine Songs oder deine Lyrics. Vielleicht war es etwas in deinen Augen, in deiner Stimme oder in der Art, wie du die Haare in den Nacken wirfst. Keine Ahnung. Ich liebe dich einfach, reicht das nicht?“ „Du kennst mich doch eigentlich gar nicht. Du kennst nur das Bild, das die Medien von mir verbreiten“, konterte ich. Sie schüttelte sanft den Kopf. „Joey, das ist Quatsch. Ich habe dich nie einfach nur als Musiker gesehen. Ich habe dich immer als Menschen gesehen. Nicht als Star oder so.“ „Bin ich denn so wie du gedacht hast?“ forschte ich weiter. „Ich meine, du hattest auf dem Weg hierher sicher viel Zeit, dir auszumalen, wie es sein wird, mich zu treffen.“ Rabea nickte und leerte die winzige Bierflasche, dann stellte sie diese neben sich auf den Tisch. „Ich habe nie daran gezweifelt, dass du so sein wirst“, sagte sie und fügte nach einer kurzen Pause fast wehmütig an: „Seit ich angefangen habe, von dir zu träumen, weiß ich, wie es ist, ohne dich zu leben.“ Sie starrte vor mir auf den Boden, dann sah sie wieder auf. „Ich bin hergekommen, weil ich den Gedanken nicht ertragen habe, dass du ohne diese Liebe leben mußt.“ Langsam nickte ich. „Okay… Und du bist dir darüber im Klaren, dass ich morgen früh in den Flieger steige? Ich meine, dass…“ Ich brach stockend ab, aber Rabea lächelte nur. „Klar weiß ich das. Aber es ist okay. Das ist dein Leben und es gehört eben dazu. Es ist okay, wenn wir uns nach heute nie mehr wiedersehen. Ich habe dir gegeben, was ich dir geben wollte und ich habe gesagt, was ich sagen wollte.“ Erleichtert atmete ich auf. Sie machte es mir zu leicht.

Irgendwie habe ich mir wohl gewünscht, sie würde sagen, ich würde ihr das Herz brechen, wenn sie mich nach dieser Nacht nie wieder sehen würde. Ich weiß nicht, ob es für sie etwas geändert hätte, aber für mich hätte es alles geändert. Wenn sie das gesagt hätte, dann hätte ich vielleicht keinen Gedanken mehr daran verschwendet, wirklich mit ihr ins Bett zu gehen. Aber weil sie nichts dergleichen sagte, weil sie mich und meinen Lebenswandel einfach akzeptierte; weil sie der Realität so unerschrocken ins Auge blickte, warf ich alle restlichen Bedenken über Bord.

„Gibt es noch etwas, das du willst?“ fragte ich herausfordernd. Rabea nickte stumm und grinste. „Was willst du denn noch?“ erwiderte ich ihr Grinsen. „Rate doch“, sagte sie lächelnd. „Es gibt etwas, das ich mehr will, als alles auf der Welt. Mehr als ich je irgendwas anderes gewollt habe.“

Ich zwinkerte ihr zu, öffnete den Gürtel des Bademantels und lehnte mich bequem zurück. „Dann komm her!“ lächelte ich. Sie ließ sich vom Tisch gleiten und kam langsam zu mir herüber. Aber sie blieb neben dem Bett stehen und sah traurig zu mir herab. „Hey, keine Sorge, du weißt doch, dass ich auch nur ein Mensch bin!“ Ich zwinkerte ihr lächelnd zu und rückte ein Stück zur Seite, um ihr Platz zu machen. Sie machte jedoch keine Anstalten, sich neben mich zu legen. Irritiert setzte ich mich auf und erwiderte ihren Blick. „Was ist los?“ fragte ich besorgt. „Ist es nicht das, was du wolltest?“ Sie schüttelte langsam den Kopf. „Nein“, sagte sie leise und wandte sich zum Gehen. „Nein, das ist es nicht.“ Jetzt war ich vollends verwirrt. Was um alles in der Welt war plötzlich mit ihr los? „Aber…“ begann ich stotternd. „Aber für was bist du denn dann hergekommen?“ Ihre Antwort war ein Flüstern, doch es hallte in meinem Kopf noch lange nachdem die Tür hinter ihr ins Schloß gefallen war.

Manchmal höre ich das Echo ihrer Stimme auch heute noch, so viele Jahre später. Dann frage ich mich, ob ich ihr Herz gebrochen habe oder ob sie das meine gebrochen hat. Immer wieder spiele ich diesen Dialog im Kopf durch. Immer wieder höre ich mich selbst fragen: „Aber für was bist du denn dann hergekommen?“ Und dann wiederhole ich immer und immer wieder diese drei einfachen Worte und verliere mich an die Hoffnung, sie irgendwann wirklich zu verstehen. Zu verstehen, was Rabea meinte, als sie sagte: „Für dieses Nein.“

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Dominik Klama
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