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Mit unserem Maulwurf spielt man nicht!
Karlchen, der kleine Hase, läuft schon zum hundertsten Mal zum großen Baum auf dem Hügel und späht über das Tal. Wann kommt endlich Kurti? Heute beginnen doch die großen Ferien!
Eine Fliege kreist um seinen Kopf und landet auf der linken Ohrspitze. Ihr Rüssel tastet in seinem Fell herum – das geht ja wohl zu weit!
„Verschwinde!“, zischt Karlchen und wackelt mit dem Ohr.
„Hab dich bloß nicht so“, brummt sie.
Karlchen hebt eine Pfote – da fliegt das schwarze Ungetüm blitzschnell in die Luft und kichert: „Kriegst mich doch nicht – hi hi.“ Sie dreht einige Kreise um seinen Kopf und brummt dabei wie eine Sirene – laut, leise, laut, leise – oh, das nervt! Dann winkt sie zum Abschied mit den Flügeln und entschwindet im Blau des Himmels.
„Albernes Viech“, murmelt Karlchen. Er will gerade sein Ohr glatt streichen, da hält ihm jemand von hinten die Augen zu und flüstert mit ganz tiefer Stimme: „Wer bin ich?“
„Kurti!“, schreit Karlchen und springt hoch.
Kurti saust schon in höchstem Tempo den Hügel hinunter, schlägt mehrere Hakten und rollt einige Meter als Fellkugel durchs Gras.
Karlchen ist fast genauso schnell; sie rollen gegeneinander, springen auf, hopsen umeinander herum, boxen sich vor Freude und singen: „Fe-ri-en! Fe-ri-en!“
Schließlich fallen sie japsend auf den Rücken und liegen still. Aber nur kurz!
Karlchen setzt sich auf. „Was machen wir heute?“ Erwartungsvoll guckt er Kurti an.
Kurti rollt sich auf den Bauch, stützt seinen Kopf in die Pfoten und reckt seine Füße in die Luft. Seine Zehen wackeln hin und her, genau wie seine Ohren. Hat er eine Idee?
„Hmh“, beginnt er langsam, „was hältst du davon, wenn wir mal wieder auf die Osterwiese gehen und Graf von Groeneveld besuchen?“
„Tolle Idee!“, ruft Karlchen, „und vielleicht ist die Zauberhummel da und wir können sie ein bisschen ärgern!“
Die beiden Hasenjungen laufen schnell nach Hause, sagen Bescheid, nehmen noch jeder eine Möhre mit auf den Weg und ab geht die Post.
Es ist warm, das Gras ist trocken und ihre Fellhosen werden diesmal nicht nass. Die Sonne ist so hell, dass Karlchen am liebsten auch eine Sonnenbrille hätte, wie Graf von Groeneveld. Er könnte ihn ja mal fragen, wo es so etwas - rumms! „Au!“ Karlchen schießen Tränen in die Augen. Und seine Nase! Oh, tut die weh! „Blöder Baum!“, ruft er, aber bevor er ihm einen Tritt geben kann, ist Kurti da mit einem Büschel Gras von einer schattigen Stelle. „Hier, das hilft“, sagt er.
Karlchen drückt sich das grüne Kühlpack ins Gesicht und schnieft ein paar Mal. Dann schüttelt er sich und scheint etwas zu sagen, es hört sich an wie: „Ofay, af unf weiferaufen“.
Kurti versteht, er hebt Karlchens Möhre auf und sie setzen sich in Bewegung. Etwas langsamer diesmal, und Kurti erzählt von dem Lied, das sie zum Abschied in der Schule gesungen haben: Alle Hasen sind schon da. „Fing foch ma“, bittet Karlchen, und Kurti legt los.
„...alle Hasen, alle;
braune, weiße und ein grauer
liegen gerne auf der Lauer...“
An der Stelle wirft Karlchen das Grasbüschel hinter sich und singt mit. Sie marschieren im Gleichschritt und klopfen ihre Möhren in jeder Luftholpause zusammen.
Nach drei Strophen lassen sie sich lachend ins Gras fallen. Karlchen hat seine schmerzende Nase vergessen und denkt an die Hasen im Lied, die dem Fuchs erzählen, was Sache ist.
„Kra, kra!“
„Hilfe!“
„Kraaa!“
Karlchen und Kurti fahren hoch und blicken sich an.
„Hilfe! Hilfe!“
„Kra, kra, kra!“
Sie springen auf und rasen im superbesten Hasentempo in Richtung der Schreie. „Wir kommen!“, rufen sie. „Keine Angst!“
Da sehen sie schon etwas auf der Wiese: Große schwarze Flügel schlagen heftig durch die Luft. Ein Rabe! Er hält etwas mit den Krallen fest und will vielleicht hochfliegen.
Karlchen holt aus und schleudert seine Möhre mit aller Kraft auf ihn. Treffer! Der Rabe guckt hoch. Da knallt ihm Kurtis Möhre an den Kopf! Der Rabe fällt um
„Treffer, versenkt!“, jubelt Kurti grinsend.
„Hilfe!“ Die Stimme klingt sehr mitgenommen.
„Kurti! Das ist Graf von Groeneveld!“ Karlchen ist als erster bei dem armen Maulwurf angelangt.
„Ah, wie gut, dass ihr da seid“, stöhnt Graf von Groeneveld. „Lange hätt ich es nicht mehr ausgehalten.“ Er liegt schwer atmend im Gras. Und neben ihm seine kaputte Sonnenbrille.
„Armer Graf von Groeneveld.“ Karlchen streichelt ihm über den Rücken.
„Au! Nicht da!“ Erschrocken nimmt Karlchen seine Pfote weg – sie ist voll Blut! Entsetzt schreit er: „Kurti, Graf von Groeneveld blutet!“
„Kra, kra“, ertönt es leise. Der Rabe ist aus der Ohnmacht erwacht. Mit Mühe kommt er auf die Füße, schüttelt sich, schüttelt sein Gefieder, hebt einen Fuß, kratzt sich am Kopf. Dann guckt er herum und bemerkt die drei Felltiere.
Karlchen und Kurti stehen wie Bodyguards vor Graf von Groeneveld. Abwehrend recken sie ihre Pfoten nach vorne und zeigen ihre eindrucksvollen Nagezähne. Sie versuchen sogar zu knurren.
„He, was ist mit euch los? Bleibt cool!“ Der Rabe zieht eine Flügelfeder durch seinen Schnabel und blinzelt sie von der Seite an.
„Du hast unseren Freund angegriffen, du, du, - du Miesling, du!“, faucht Karlchen.
„War nur Spaß, regt euch ab. Ich hatte grade Langeweile und wollte mal wissen, wie lange ich mit ihm spielen kann...“, und dabei grinst er sie an.
„Und wir wollten mal wissen, ob so ein Angeber-Rabe sich von einer Möhre umhauen lässt“, kontert Kurti.
„Immerhin habt ihr zwei Möhren gebraucht...“
„Au, au“, unterbricht Graf von Groeneveld die Plauderstunde.
Kurtis Augen funkeln den Vogel an: „Findest du das etwa witzig!? Was hat dir deine Rabenmutter nur beigebracht?!“ Dabei klopft er angriffslustig mit seiner rechten Hinterpfote auf den Boden. Der Rabe senkt den Kopf. „Okay“, murmelt er, „war nicht in Ordnung von mir.“
„Gut – aber das reicht nicht!“ Kurti lässt nicht locker. „Du musst es wieder gutmachen und ihm helfen! Bleib hier, ich guck, was du machen kannst.“ Der Rabe atmet tief ein – und nickt.
„Ruhig, Graf von Groeneveld, wir sind ja da.“ Karlchen tröstet den armen Maulwurf.
„Lass mal sehen“, sagt Kurti. In der Schule hat er nämlich Erste Hilfe gelernt. Er beugt sich mit angestrengtem Blick hinunter zu der blutenden Wunde. „Oh, da hat dir der Rabe aber tüchtig das Fell aufgerissen. Aber er wird das auch nie wieder tun und will dir jetzt helfen, nicht wahr, Rabe!?“
„Tut mir echt Leid, Maulwurf“, krächzt der. „Ich heiße übrigens Jakob.“ Er breitet die Flügel aus und spendet dem Verwundeten schon mal Schatten.
Kurti hat aber einen anderen Auftrag. „Du kannst uns ein bestimmtes Kraut holen, es wächst oben in manchen Bäumen“, sagt er und beschreibt es genau. Jakob fliegt mit lautem Krächzen los.
Inzwischen hat Karlchen Graf von Groeneveld etwas zu trinken geholt in einem großen Blatt, und Kurti säubert die Wunde von Gras und Sand.
„Bsss, was ist denn hier los?“ Die Zauberhummel! Auch das noch! Sie lässt sich auf einer gelben Blume nieder und putzt sich. Dabei wirft sie verstohlene Blicke auf die drei.
„Graf von Groeneveld ist von einem Raben gebissen worden“, erzählt Karlchen eifrig, „aber der Rabe ist jetzt nett und holt ein Zauberkraut.“
„Bsss, bssss, brummm – ach ja? Und ihr glaubt, dass er wiederkommt?“
„Ja, das glauben wir! Und wir glauben auch, dass du eine blöde Miesmacherin bist! Kannst du überhaupt nett sein?“
„Ihr seid ja immer noch so frech wie Ostern! Vielleicht verzauber ich euch doch noch in – in – in Nacktschnecken!“ Und bevor Karlchens Büschel Gras sie treffen kann, hat sie sich davon gemacht.
„Feige und unverschämt“, stellt er fest.
Graf von Groeneveld geht es schon besser. Er liegt nicht mehr wie ein überfahrener Igel da und seine Nase sieht wieder hübsch rosa aus.
Jetzt kommt Jakob, den großen schwarzen Schnabel voll mit dem Heilkraut. Er darf es noch ein bisschen weich kauen, dann platziert Kurti es als grünes Pflaster auf der Wunde und bindet es mit mehreren Grashalmen fest. Graf von Groeneveld sieht aus wie ein schwarzes Geschenk mit grüner Schleife.
„Sehr schönes Gewand für einen Grafen“, sagt Karlchen, und Graf von Groeneveld kann sich schon wieder vornehm verneigen.
„Morgen früh ist alles wieder in Ordnung“, verspricht Kurti.
„Dann können wir ja wieder spielen“, krächzt Jakob und grinst.
Die beiden Hasen und der Maulwurf gucken ihn an.
„Ich habe auch schon eine Idee!“, ruft Karlchen, „Möhrenwerfen auf schwarze Vögel!“
Die Geschichte erschien am 26.06.10 in unserer Tageszeitung, illustriert von den Kindern meiner 4. Klasse.
Version vom 03. 06. 2010 18:01 Version vom 12. 06. 2010 20:23
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