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Leselupe.de > Erzählungen
Rot und Schwarz
Eingestellt am 09. 08. 2011 11:35


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Arno Abendschön
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Drei Stunden saß der Reisende im Zug, der ihn von der Hauptstadt auf das Hochland hinaufbrachte. Er döste in der Hitze und freute sich auf die Stille und den Frieden, denen er entgegenfuhr. Dort würde er die Ruhe finden, um sich in Die Lehre des Erhabenen zu versenken. Er hatte das Buch am Anfang seiner Reise auf einem Trödelmarkt gekauft, doch in der lärmerfüllten Stadt war es beim bloßen Schmökern hier und da geblieben. So habe ich gehört: Einstmals weilte der Erhabene in … So begann dort jeder Text.

Umsteigen in A. – war das der Zug nach B.? Ein halber Waggon für die wenigen Fahrgäste, ein halber fürs Personal, davor die Diesellokomotive, dahinter ein Güterwaggon. Man stieg hinten über eine offene Plattform ein. Der Wagen schien noch aus Kaisers Zeiten zu stammen. Es war heiß und stickig in ihm. Die Fenster ließen sich auch mit großer Kraftanstrengung nicht öffnen. Man bat den Schaffner um Hilfe. Er versuchte es, kraftlos, von Beginn an resigniert. Die Fenster blieben natürlich geschlossen. Abfahrt!

Dem Reisenden – es war ein Mann Anfang dreißig – kam es wie eine Fahrt mit der Zeitmaschine ins alte Österreich vor. Es holperte, ratterte und schlingerte und erinnerte an hohen Wellengang. Langsam, Meter für Meter, schob sich diese Eisenbahn, die hier wirklich noch ein Gefährt aus viel Eisen war, durchs stille, grüne Land. Schon nach einer Station verlangsamte sich die Fahrt noch mehr. Dann blieb der Zug stehen, fuhr zum Bahnhof zurück, nahm einen neuen Anlauf, kam wieder an derselben Stelle zum Halten, fuhr noch einmal zurück und schaffte es endlich beim dritten Versuch.

Der Reisende dachte an eine Stelle bei Musil. Schade, dass er jetzt nicht nachschlagen konnte. Musil beschrieb darin die alles mitreißende und alles verschlingende Unrast in Metropolis und als Reaktion darauf die Sehnsucht nach einem meerschneckenhaft tiefen und langsamen Glück. Und dann war dort, wenn er sich recht erinnerte, vom Aussteigen und Abspringen die Rede, vom Nicht-sich-Entwickeln und Steckenbleiben … Ja, darauf hatte er Lust, und dazu brauchte man hier nicht einmal den Zug zu verlassen.

Allmählich nahm er die Landschaft wahr. Der Maler Kirchner war, soweit ihm bekannt, in dieser Gegend nie gewesen. Der Reisende malte sich aus, wie Kirchner diese Landschaft gesehen hätte: den Vordergrund hellgrün mit großen dotterfarbenen Flecken darin – die Wiesen mit den Feldern von Löwenzahn; den Mittelgrund schwarzgrün – die kompakte Masse der Fichten; darüber einen Himmel, dessen Blau teils tief, klar und durchsichtig war, teils weißlich verschleiert wie Milchglas. Es war Mitte Mai. Worin bestand der Reiz dieser Landschaft? Es war gerade kein Reiz, nur tiefer Friede, er besänftigte umfassend und anhaltend. Im Übrigen fehlte den dunklen Wäldern jede Schwermut. Der Reisende suchte ein Wort und fand es: entrückt.

Sein Seelenfrieden wurde schon nach der zweiten oder dritten Station empfindlich gestört. Dabei hatte er – ein Mann, der die Männer liebte – den sehr jungen schräg gegenüber doch nur flüchtig und sozusagen rein gewohnheitsmäßig gemustert. Der aber – ein neugieriger Landbewohner oder tatsächlich an Männern interessiert – sah seitdem in kurzen Abständen herüber. Was den Reisenden dabei sogleich beunruhigte, war der Ernst, den er auf den Zügen des jungen Mannes entdeckte. Es war ein Gesicht, in dem eher Fragen als Antworten geschrieben standen, und die Antworten darauf mussten für ihn von großer Bedeutung sein. Der Reisende, noch erschöpft vom Aufenthalt in der Stadt, wollte anfangs durchaus nichts auf diesem Gesicht entziffern, um nicht zugeben zu müssen, er wisse die Lösungen auch nicht. Doch Neugier überwand allmählich seine ängstliche Trägheit. Wider Willen spürte er Anteilnahme an diesem hartnäckigen Ernst in sich aufsteigen, und wider seine Vorsätze begann er, die Landschaft dieses Gesichtes zu studieren. Er beobachtete ihn so verstohlen, wie die Vorsicht ihm ratsam erscheinen ließ, und so offen, dass der andere wahrnehmen musste, diskret betrachtet zu werden. Allmählich gingen sie dazu über, sich manchmal für kurze Zeit offen anzuschauen. Schließlich musterten sie sich unaufhörlich.

Er hatte braune, fast schwarze Augen, dichte schwarze Haare wie eine kleine Pelzkappe und einen kleinen schwarzen Schnurrbart. Er war groß und in den Schultern breit. Sein Gesicht war noch sehr jung und glatt. Es drückte im Ganzen Harmonie und Kraft aus. Der Reisende erriet eine Dynamik, die mögliche Spannungen überbrückte. Er geriet ins Spekulieren: Geschicklichkeit und Lebensmut konnte man von einem erwarten, der einen so ansah. Kein Zweifel, Schönheit war etwas, das auch von innen kam. Es musste etwas hinzukommen zur stofflichen Verfassung, und zwar etwas Belebendes.

Der Mitreisende erriet vielleicht diese Gedankengänge. Er belebte sich noch mehr, stand auf, löste dabei langsam den Blick vom Reisenden und ging hinaus auf die Plattform. Die Reisetasche ließ er zurück und die blaue Cordjacke auch. Es waren noch fünfzehn Minuten bis B.

Es vergingen fünf Minuten, dann zehn – der junge Mann kam noch immer nicht zurück. Er schien ziemlich lange auf der Zugtoilette zu verweilen. Wo sollte er sonst sein? Er konnte sich auch auf der Plattform aufhalten. Das war während der Fahrt gewiss untersagt, aber man kann ein jedes Verbot übertreten. Vielleicht hatte er die Toilette nur kurz aufgesucht und blieb noch einige Zeit auf der Plattform, da er die Luft im Abteil unerträglich fand. Harmlose Erklärungen bieten sich ja fast immer an.

Ein letztes Mal verlangsamte der Zug seine Fahrt. Links und rechts die ersten Häuser von B., der Bahnhof war Endstation. Der junge Mann kam rasch ins Abteil zurück, warf die Jacke über, nahm seine Tasche und reihte sich, ohne den Reisenden noch einmal anzusehen, in die kleine Schlange ein, die sich über die Plattform auf den Bahnsteig hinunterwand. Der Reisende ließ sich Zeit und verließ den Zug als Letzter. Draußen fand er den jungen Mann wieder, versunken in den Anblick der Bahnhofsrückseite, als wäre sie neu für ihn. Er musste an dem Trödelnden vorbeigehen, und als er es eben tat, löste der Jüngere den Blick vom Gebäude, um ihn hinüberzuschwenken auf zwei Mädchen, die wenige Schritte vor dem Reisenden zum Ausgang strebten. Dann erneuter Schwenk, wie der Ältere noch aus den Augenwinkeln wahrnahm, während er weiterging, und die Blicke aus den braunen Augen waren wieder auf die palladianische Fassade gerichtet. Um die Hausecke ging es zur Bahnhofstoilette. Leichte Drehbewegungen des Halses zeigten an, hier bemühte sich einer, einen möglichst umfassenden Horizont unter Kontrolle zu behalten.

Das Spiel begann den Reisenden zu unterhalten. Vor dem Bahnhof bot ihm die Schautafel mit dem Stadtplan einen unverfänglichen Halt. Er war doch zum ersten Mal hier! Und während er vorgab, die Spinne der Handvoll dargestellter Straßen zu betrachten, überholte ihn der Jüngere bereits. Dabei warfen sie einander kurze, wache Blicke zu. Als der Reisende bald darauf weiterging und in die Bahnhofstraße einbog, sah er den anderen nicht mehr und erschrak: Wie konnte er so rasch verschwunden sein!

Er war nicht unter denen, die mit ihnen angekommen und gerade noch am anderen Ende der Straße zu sehen waren; sie entfernten sich eilig zur Stadtmitte hin. Sollte er in eines der niedrigen Häuser getreten sein, die die linke Straßenseite säumten? Rechts standen keine Gebäude, der Waldhang zog sich fast bis zur Straße herab, und er war mit Maschendraht abgezäunt. Der Blick des Reisenden fiel auf eine Plakatwand vor der Böschung, auf der eine Brauerei für ihr Bier werben ließ: Erst trink ich’s aus, mein Stolzenhaus …Der das sagte, war ein biederer Bürger dieses braven Landes, und in ihm vermochten sich alle Braven und Biederen wieder zu erkennen. Es war am Sonntag im Wirtshaus, eine Männergesellschaft, vielleicht nach dem Fußball. Man war schon im Aufbruch, sie standen alle noch herum. Die Gruppe im Hintergrund war unscharf, sie blickten gespannt nach dem Braven, der sie nicht im Blick hatte. Vielmehr nahm er einen kräftigen Schluck aus dem noch gut gefüllten Glas, die Augen über den weiß perlenden Schaum erwartungsvoll auf einen Sportskameraden gerichtet, der etwas abseits stand und überhaupt von ihnen abstach. Schon das rot karierte Hemd hatte etwas Aufreizendes, und da er so hübsch war, hätte er sich durchaus etwas weniger herausfordernd geben können – der Reisende würde ihn auch dann anziehend gefunden haben. Hierin war er sich vermutlich mit dem Biertrinker einig: Erst trink ich’s aus, mein Stolzenhaus … Und was dann?

Der Reisende war vor dem Plakat stehen geblieben. Er besann sich und wollte eben weitergehen, als sein Blick auf die Spitzen der schwarzen, ziemlich eleganten Halbschuhe fiel, die unter der Reklametafel sichtbar waren. Da also stand er! Langsam weitergehend, vergewisserte er sich, indem er aus den Augenwinkeln schräg hinter die Palisade blickte. Die Haltung des anderen dort rief Erinnerungen an ganz andere Stätten wach, die man gewöhnlich in Eile aufsucht, indem man gesenkten Blickes Pendeltüren mit Milchglasfüllung aufstößt und von anderen nur insoweit Notiz nimmt, als man jegliche Berührung oder gar einen Zusammenstoß zu vermeiden sucht. Und oft gibt es inmitten der peinvollen Gehetztheit einzelne Gestalten, die über sehr viel Zeit verfügen. Ihnen scheint die Zeit zuzufallen, die alle anderen sich durch rasches Eilen absparen, oder sie saugen mit ihren umherschweifenden Blicken die freien Zeitpartikel auf, und sie geben sich ungeniert müßigen Beschäftigungen hin … Wäre er doch ein Mann schneller Entschlüsse! Hinter die Plakatwand zu treten, hätte der Situation sofort jede Zweideutigkeit genommen. Aber er wagte es nicht.

Er ging weiter und kam nicht weit, da hörte er schon die eiligen, festen Tritte hinter sich. Der andere überholte ihn und wandte ihm dabei die Front des Oberkörpers zu. Er lächelte, breit und eindeutig. Er bleckte die Zähne, es trieb ihm die Augenschlitze auseinander. Für vier, fünf Sekunden wich sein Ernst einer Fröhlichkeit voll Sinnlichkeit, Witz und Klugheit. Auch der Reisende lächelte. Dann ging der junge Mann rasch weiter. Der Reisende folgte ihm langsam. Der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich.

Am Ende der Bahnhofstraße bog der Jüngere links um eine Ecke. Der Reisende tat es ihm nach und hatte den Hauptplatz des Städtchens vor sich und unter sich: ein rapide abfallendes Dreieck. Von oben konnte man meinen, die niedrigen Häuser rutschten den Abhang hinunter Der Jüngling ging jetzt viel langsamer, er war in einen unentschiedenen Zotteltrab gefallen. Der Reisende achtete darauf, dass er ihn auf den hier belebteren Gehsteigen nicht aus den Augen verlor, und ließ sich weiter von ihm führen. Wenn er sich nicht täuschte, behielt ihn der Jüngere seinerseits auch unter Kontrolle.

Auf der anderen Seite des Platzes fiel ihm der Gasthof Roter Adler ins Auge, weniger aufgrund seines ziemlich bescheidenen Äußeren als seines Namens wegen. War das Gasthaus sozialistisch? Adler waren doch gewöhnlich schwarz. Rot und Schwarz, diese Kombination hätte ihn jetzt allein befriedigt. Rot wie das Hemd auf dem Brauereiplakat, schwarz wie die glänzenden Schuhe unter der Stellwand. Er hatte sein Buch, das tief im Rucksack verstaut war, schon vergessen …

Der Gasthof war gewiss nicht sozialistisch. Hier, in dieser Gegend, bekam die Volkspartei bei jeder Wahl siebzig Prozent, mindestens. Übrigens wählte man gewöhnlich in schönen Gegenden schwarz, das schien ein Naturgesetz zu sein, wie die Beispiele Oberschwaben, Mainfranken und Appenzell-Innerrhoden bewiesen. Unterwegs waren ihm schon wiederholt Plakate aufgefallen, die man nach der letzten Wahl einfach vergessen hatte: Gewinnt die Volkspartei, bleibt das Sparbuch steuerfrei! Er repetierte den Spruch jetzt mehrmals mit Vergnügen still für sich. Gewinnt die Volkspartei, bleibt das Sparbuch steuerfrei … Das war balladeske Lyrik, am Wechsel der Vokale konnte man sich berauschen. Gewinnt die Volkspartei – er brach ab, da der schöne Jüngling eben erneut um eine Ecke bog. Schon wieder ging es linksherum.

Noch einmal folgte er ihm. Doch dann sah er, dass die steile Straße oben am Bahnhof endete. Er verlor auf einmal die Lust an diesem Spiel, falls es eines war. Mochte der andere zum Bahnhof zurückkehren und mit einem anderen Zug wegfahren! Er selbst machte kehrt und stand schon wieder auf dem Hauptplatz. Nun aber zum Roten Adler! Und im Rhythmus von Volkspartei und steuerfrei – denn so klang’s immer noch in seinem Kopf – betrat er die Gaststube. Sie hatten ein Zimmer frei für die Nacht, und als er die kurze, steile Treppe zum Oberstock hinaufging, dachte er, dass Adler, ob rot oder schwarz, ihre Sparbücher schon zu verteidigen wüssten.

Es war ihm lieb, dass das Zimmer auf den Platz hinausging. Auf Reisen störte er sich nicht an Lärm und Unruhe. Das Buch im Rucksack war tatsächlich vergessen … Er sah sich im Zimmer um. Es war sehr einfach eingerichtet. Dann trat er ans Fenster, und es wunderte ihn keineswegs, dass der schöne, ernste Jüngling eben unten am Gasthof vorüberging. Er kam jetzt wieder vom oberen Ende des Platzes herunter. Als hätte er seine Rolle gut einstudiert, ließ der Reisende jedes Ding im Zimmer liegen, wie es lag, schloss die Tür sofort ab und eilte die Treppe hinunter und auf die Straße hinaus.

Der junge Mann ging zwanzig Schritte vor ihm. Er schleppte noch immer seine braune Reisetasche mit sich und trug jetzt schwer an ihr. Der Reisende konnte ihm nicht lange mit den Augen folgen, denn der andere bog hinter der Post rechts um die Ecke. Diese Straße führte hinab ins Tal und war wenig begangen. Der Reisende zögerte. Sollte er ihm sofort in geringem Abstand folgen? Auch dies hätte unzweideutig wirken können, und das wollte er nach wie vor vermeiden. Er verbrachte einige Minuten damit, die Fahrpläne der Postbusse zu studieren.

Unten floss der Bach, der nach der Stadt benannt war. In den Anlagen fand der Reisende keine Spur von dem, den er nicht hatte verlieren wollen. Er verwünschte seine Neigung zum Zaudern und suchte alle Straßen zwischen dem Bach und dem Bahnhof nach dem Verschwundenen ab. Es war schon halb sechs vorbei, mehr als eine Stunde seit ihrer Ankunft hier, da sah er ihn noch einmal. Er kam ihm auf dem Dreifaltigkeitsplatz entgegen, es war gegenüber der Pestsäule. Er sah jetzt müde aus, er sah schräg am Reisenden vorbei. Sie gingen ein letztes Mal auseinander. Er hätte ihn auf ein Bier einladen sollen.

Nachher beim Abendessen sagte sich der Reisende, es müsse sich um einen Soldaten gehandelt haben, der zum Wochenende heimfuhr – es war ja Freitag. Sicher war er jetzt schon zu Hause angekommen.



Am anderen Morgen hat sich der Reisende beruhigt. Der junge Mann ist nur mehr eine Erinnerung unter vielen anderen. Beim Frühstück studiert er die Karte und beschließt, den Fußweg zu nehmen, der von B. talaufwärts führt. Er wird mittags am Schloss von C. sein und dort vielleicht essen können.

Der Weg beginnt in den Anlagen, die er schon kennt, und führt lange Zeit an dem Bach entlang, der seinen Namen von der kleinen Stadt hat. Nach einer Stunde erreicht er die Ruinen einer Mühle. Die Mauern aus Feldsteinen sind zum größten Teil eingestürzt und von Weidengebüsch überwachsen. Nach einer weiteren Stunde kommt er zu der Brücke, an der sich sein Weg vom Bach trennt. Es geht von da an aufwärts. Vorher will er ausruhen und lässt sich für zwanzig Minuten auf einer Bank nieder, die am diesseitigen Ufer steht.

Sein Blick fällt auf den Wiesenhang jenseits des Baches. Es ist ein Anblick, in den er sich versenken kann: von dunklen Fichten eingerahmt die steile Wiese da drüben, hellgrün, voller Frühlingsblumen und genau in der Mitte als einzige zwei Apfelbäume. Sie stehen dicht zusammen und sind annähernd gleich in ihrer äußeren Form: zwei kurze Stämme, die unverhältnismäßig breit ausladende Kronen tragen. Die Kronen berühren sich und sind ineinander verwachsen. Die Bäume stehen gerade in ihrer schönsten Blüte. Wie viele Tausende cremefarbener, ein wenig rosig überhauchter Blüten mag dieses Doppelwesen hervorgebracht haben? Und sein besonderer Reiz besteht darin, dass es Identität darstellt, die sich harmonisch vom Übrigen abgrenzt, dass es sich als Einziges und Vereinzeltes in doppelter Gestalt versteht … Ein wunderbares Bild! (Es ist dem Reisenden möglicherweise unbekannt, dass die Bauern, um den Ertrag zu steigern, je einen männlichen und einen weiblichen Apfelbaum benachbart pflanzen.)

Seine Gedanken lösen sich allmählich vom gegenwärtigen Bild und gleiten über reale vergangene Eindrücke zu bloß erträumten Konstellationen und lösen sich dann auch von den Bildern. Er ist wieder bei dem Thema, das ihn seit einiger Zeit vor allem interessiert: Homosexualität ist Sexualität unter Gleichen. Dies zu Ende gedacht und auf die Spitze getrieben, führt dazu, dass man die innigsten Beziehungen nur noch mit denen aufnehmen will, die einem im Innersten völlig entsprechen. Ein Psychologe hat ihm vor kurzem erklärt, man nenne das die narzisstische Partnerwahl. O, er kennt sie gut, auch wenn ihm der Begriff neu gewesen ist. Vertraut sind ihm jene Beziehungen, bei denen man zunächst nur Übereinstimmung in den äußeren angenehmen und gefälligen Zügen feststellt, ganz ohne Anflug von Neid, vielmehr mit Sympathie; woraus sich Verhältnisse entwickeln, in denen man sich ohne Anstrengung sozusagen gemütlich einrichtet – man fühlt sich wie zu Hause, man ist bei sich. Diese Bindungen kann man als eine Art Expansion der eigenen Individualität begreifen, wodurch deren Identität sowohl bekräftigt als auch aufgehoben wird, indem sie sich mit einer so gut wie identischen vermischt. Wie wohl einem das tut, diese Entgrenzung und Verdoppelung, bei der im Übrigen alles beim Alten bleibt. Und alles ist so einfach wie das Ineinanderfließen zweier Tintenkleckse auf Löschpapier.

Meistens geht es nicht gut. Es geht nur gut, wenn beide zumindest ahnen, worauf diese Art von Faszination beruht und dass vollständige Harmonie unmöglich ist. Anderenfalls treten, wenn die Gefühle und Einstellungen geringfügig differieren, panische Reaktionen auf – das fremde Gewebe wird erst jetzt als solches erkannt und eilig abgestoßen; worauf man wiederum bei sich ist, wenn auch um die Hälfte der Masse vermindert. Im Übrigen bedarf es nicht einmal dieser Anlässe. Allein schon das Glücksgefühl, sich näher und immer näher zu kommen, kann in unerklärliche Angst und Fluchtbewegung umschlagen: So zieht sich derjenige, der sein Spiegelbild betrachtet und dabei der Oberfläche des Spiegels zu nahe gekommen ist, ruckartig von der glatten, kalten Spiegelglasscheibe zurück.

Ja, er kennt diese Krisen, diese Nachmittage und Abende, an denen man vergeblich auf den erwünschten und versprochenen Anruf wartet. Stattdessen meldet sich, wenn es doch einmal klingelt, eine unbekannte Frauenstimme: falsch verbunden. Und dann die schlaflosen Nächte, in denen die Selbstgespräche Dialogform annehmen. Aber wozu sich erinnern … Er wirft noch einen letzten Blick auf die Apfelbäume drüben am Steilhang. Eine rosaweiße Wolke vor einem unwahrscheinlich tiefblauen Himmel, sie kommt ihm wie eine hermetische Hecke vor.


Das Dorf C. bestand aus höchstens dreißig Häusern. Zum Schloss ging es, wie er der Karte entnahm, hinter dem Dorf einen Feldweg hinauf. Er hatte die Steigung schon zur Hälfte hinter sich, als er von der bebuschten Kuppe einen Läufer auf sich zukommen sah. Zwischen den steinigen Äckern und den mageren Wiesen hier, fern von jeder Großstadt, kam ihm dieses neuzeitliche Training ein wenig seltsam vor. Und wenn er es wäre?

Der Läufer kam sehr rasch zu ihm herunter und hielt abrupt an. Es war der Mitreisende vom Vortag. Er sagte: „Grüß dich“, und sein Atem normalisierte sich bereits.

„Grüß dich auch. Wohnst du hier im Dorf?“

„Ja – und du warst gestern im Zug.“

Sie waren beide überrascht und froh und nahmen mit Selbstverständlichkeit die Unterhaltung auf, die sie gestern noch nicht oder auf eine andere Art geführt hatten. Der andere trug eine kurze Sporthose – schwarz mit dunkelroten Längsstreifen – und ein einfaches weißes Leibchen. Er war höchstens zweiundzwanzig Jahre alt.

Ob er Soldat sei, wollte der Reisende wissen.

Nein, Polizeischüler. Er habe eigentlich Verkäufer gelernt, aber nach der Zeit beim Militär hier keine Arbeit gefunden. So sei er in der Hauptstadt in den Polizeidienst getreten. Gewöhnlich fahre er jedes zweite Wochenende heim.

Der Reisende wunderte sich, wie bereitwillig der andere Auskunft gab. Polizist war er oder wollte er werden? Das hätte ihn sonst sehr gestört. Aufgrund gewisser Erfahrungen mied er die Hüter der guten Ordnung, ja, er hatte eine Art Phobie gegen sie entwickelt, wie gegen streunende Hunde, Propagandisten im Supermarkt oder lose Dachziegel bei stürmischem Wetter. Er machte einen Bogen um sie und wunderte sich jetzt erneut: Der Berufswechsel war ihm sympathisch. In diesem plötzlichen Hinüberspringen von einer Lebensbahn in eine ganz andere erkannte er sich selbst wieder – war das der Grund?

Er hörte ihm zu und sah ihn dabei genau an. Der Polizeischüler sprach mit lauter und fester Stimme. Die schwarze Kappe war etwas in Unordnung geraten. Die Züge des Gesichtes waren regelmäßig, verrieten im Ausdruck Neugier und Bereitwilligkeit und erschienen gleichzeitig auf schwer ergründbare Art diszipliniert – ein hoch gewachsener Waldbauernbub, noch neu in der Stadt.

Er lebe gar nicht gern in der Stadt, sagte der Polizeischüler. Dauernd dort unten zu leben, im Lärm und in der schlechten Luft, das sei für ihn eine bedrückende Vorstellung. Und wie er gestern hier wieder aufgelebt sei, gleich bei der Ankunft, als er auf dem Bahnhof die frische, klare Luft geatmet habe …

Der Reisende bestätigte ihm, dass die Luft hier oben auch ihm gut tue; sie sei so rein und trocken. Der Polizeischüler lächelte und behielt das Lächeln dann bei. Oft lachte er ihn an. Er zeigte gern die Zähne. Und nicht einmal die Grübchen fehlten. Der Reisende freute sich über diese Zeichen, die in starkem Kontrast zu der ruhigen und festen Stimme standen. Auch seine Augen führten andere Reden als der Mund.

Der andere sprach von der Natur, wie sehr er sie liebe. Und er zog die Turnschuhe aus und stand barfuß im Gras, das noch feucht war von der Nacht. Der Reisende entledigte sich seines Rucksackes. Während sie beide fortfuhren, sachliche Themen zu berühren, ließ er seine Augen über die kräftigen Schultern des anderen wandern und über den Brustkorb - die zwei Fixsterne waren nur zu ahnen. Als hätte er zu lange in die Sonne gesehen, schloss er erst die Augen und sah nachher zum Waldrand hinüber.

Noch seien hier die Bäume gesund, sagte der Polizeischüler, der seinem Blick gefolgt war. Und, nicht wahr, eine gesunde Natur sei doch das Wichtigste?

Ganz recht, bekräftigte der Reisende, sie sei aber nicht mehr selbstverständlich heutzutage.

Der Jüngere begann, über Bäume zu reden. Er sprach von Fichten und Tannen, von Eichen und Buchen, von Birken, Weiden und Pappeln. Alle diese Bäume gab es hier. Der Reisende hörte von Hochwald, Mittelwald und Niederwald, vom Ausstocken, von Sommer- und Wintergrün. Und als die Bäume abgehandelt waren, ging er zu den Vögeln über, sprach allerdings nur über Raubvögel. Nein, Adler kämen hier nicht vor, jedoch der Bussard und der sei beinahe so etwas wie ein Adler. Dem Bussard gehörte seine besondere Liebe. Er rühmte den scharfen Blick seiner großen Augen, die Spannweite seiner Flügel – mehr als ein ganzer Meter – und sah immer wieder in die Luft, ob sich vielleicht einer zeige. Sie sahen aber nie einen.

Dafür ertönte jetzt aus der Richtung des Dorfes ein Hahnenschrei. Das sei ihrer, sagte der Polizeischüler, der Hof liege hinter der Linde da drüben. Er wies auf eine Bodenwelle, hinter der sich die Gebäude verbargen. Als der Reisende ihm zur Seite trat, um besser sehen zu können, bemerkte er, wie die Schulter des anderen ihm allmählich sehr nahe kam. Bis jetzt hatte es der junge Mann vermieden, Eltern, Geschwister und Freunde auch nur zu erwähnen. Er sprach überhaupt nicht von Menschen, die er kannte. Es schien, als hätte er sich bisher ausschließlich mit Bäumen und Raubvögeln beschäftigt und nur ihnen seine Gefühle gewidmet.

Die Unterhaltung stockte. Der Reisende, fast ganz vom Zuhören und Beobachten in Anspruch genommen, trug wenig zu ihr bei. Dabei verspürte er das Verlangen, den anderen in die Arme zu nehmen, ihn zu streicheln, ihn recht zart zu behandeln … Aber das war hier, in der Nähe seines Dorfes, unmöglich! Wenn ihm doch ein Ausweg, wenigstens ein Vorschlag für die Zukunft einfallen würde … Je mehr er sich in Gedanken abmühte, desto aussichtsloser erschien ihm dieses Wiedersehen, das er bloß einem erstaunlichen Zufall verdankte. Dass er gerade bachaufwärts gegangen war, dass er so lange auf der Bank an der Brücke gesessen hatte, in den Anblick der Apfelbäume versunken! Und nun ließ sich gar nichts damit anfangen.

Der junge Mann war geschickter. Er fand ein anderes unverfängliches Thema: die Heimat des Reisenden. Wie weit seine Stadt vom Meer entfernt war, wollte er wissen. Wie sich die Stadtregierung zusammensetze? Welcher politischen Richtung seine Sympathien gehörten? - Der Reisende gestand ihm, er habe zuletzt die neue kleine Partei gewählt. - Der Polizeischüler lächelte, jedoch ohne Wärme. Und dann halte man bei ihm zu Hause den bisherigen Kanzler (ihren eigenen, der sich nach Verlusten bei der Sparbuchwahl schmollend und grollend zurückziehen wollte) vielleicht für einen großen Mann? - Der Reisende bestätigte es ihm, mit Wärme. - Nein, der Bruno sei gar nicht ihr Fall hier oben, erwiderte der andere. Allenfalls die Volkspartei, vielleicht gerade noch … Und dann kam er auf die frühere Größe seines jetzt so kleinen Landes zu sprechen – was hatte nicht alles dazugehört!

So politisierten sie also, ohne sich zu ereifern. Der Reisende beobachtete ihn dabei weiter und freute sich, verfolgen zu können, wie der andere mit dem Spielbein spielte und es häufig wechselte. Ein schon abgeblühter Löwenzahn, von seinem Fuß leicht angestoßen, entließ die wolligen Fäden quer über die Wiese. Während ihres ganzen langen Gespräches geschah es immer wieder, dass eine Welle kindlicher, freudiger impulsiver Erregung über sein Gesicht hinging, besonders wenn er sich beobachtet fühlte.

Er sei leider noch niemals im Ausland gewesen, sagte der Polizeischüler. Besonders reize ihn die Vorstellung, Südamerika näher kennen zu lernen. Der Reisende rätselte, warum dem anderen gerade diese Weltgegend sympathisch war. Während der junge Mann von den Steppen Argentiniens schwärmte – und es waren hoffentlich nur die Steppen, die ihn an Argentinien beeindruckten! -, ließ sich von weitem knatternd ein Moped hören. Es war ein anderer junger Dorfbewohner, der den Feldweg befuhr und sehr höflich grüßte. Wie der Reisende bemerkte, verschwand in diesem Augenblick der Ausdruck von freundlicher Aufgeschlossenheit vom Gesicht des jungen Mannes – eine glatte, kalte Maske legte sich darüber. Indem sich das Moped entfernte, hellte sich seine Miene sogleich wieder auf.

Sobald er mit der Schule fertig sei, wolle er Spanisch lernen, Spanisch als erste Fremdsprache, damit er in Südamerika besser zurechtkomme. Und plötzlich wollte er vom Reisenden wissen: „Versteht man eigentlich mein Deutsch gut?“

Aber er rede ja fast reines Hochdeutsch, mit nur wenig Akzent. Wie sollte da das Verständnis erschwert sein? Gestern Abend im Gasthaus habe er dagegen etwas Mühe gehabt … Der andere unterbrach ihn und meinte, er rede doch wie alle hier in der Gegend. Der Reisende wusste es schon besser, doch ließ er ihn in seinem Glauben. Das Gasthaus war ein Stichwort für den Polizeischüler: Mit Diskotheken sei es hier oben gar nicht so schlecht bestellt, vielleicht werde er eine am Abend besuchen. Er sah ihn jetzt eindringlich an, als wäre das eine zwischen ihnen noch zu klärende Sache. Der Reisende ging nicht darauf ein.

Es war schon beinahe Mittag. Sie standen seit mehr als einer Stunde auf freiem Feld beisammen. Bald würden sie auseinander gehen. Der Reisende sagte sich, er müsse zumindest noch versuchen, der zufälligen Begegnung einen Sinn zu geben. Er wollte doch noch herausfinden, was sie verband und was sie trennte.

Sein Gegenüber sah träumerisch in die Luft. „Ich hätte jetzt gern einen Fotoapparat. Ja, ich sollte mir einen Fotoapparat kaufen. Vielleicht sehe ich dann einen Bussard …“ Ja, etwas festhalten können.

Dann wollte der junge Mann seinen Namen wissen. Am Namen hat man etwas, woran man sich halten kann. Den Namen des anderen im Zustand großer innerer Bewegung auszusprechen, das ist Anrufung, Bekräftigung, Beschwörung. Und ist der andere für uns nicht mehr erreichbar, so bleibt uns sein Name als Symbol dessen, was gewesen oder was nicht gewesen ist, jedoch hätte geschehen können.

Der Reisende nannte ihm gewohnheitsmäßig nur seinen Vornamen. Er fühlte sogleich, dass der andere den ganzen Namen oder eher noch den Familiennamen allein hatte hören wollen. Der junge Mann nannte ihm nun auch nur seinen Vornamen: Heinrich.

Das sei ja ein altdeutscher Name, sagte der Reisende und ließ seine Enttäuschung hören, sein eigener Großvater habe ihn getragen. Wie konnte einer wie er Heinrich heißen!

„In der Schule sagten sie zu mir: Heinrich der Vogeler.“ Er sagte es ernsthaft, errötete dann jedoch, vielleicht da er sich gewisser möglicher Anklänge und Anspielungen bewusst wurde, die vorgekommen sein konnten.

Man wisse nicht, wie dieser Heinrich, dieser Sachsenkönig ausgesehen habe, sagte der Reisende, zunächst nur, um nicht zu schweigen und um dem anderen über eine peinliche Erinnerung hinweg zu helfen. Vielleicht, fuhr er fort, gebe es in irgendeiner romanischen Kirche des Nordens eine Statue, die zeige, wie man sich ihn Jahrhunderte später vorgestellt habe, sicher kräftig, mutig und schön.

Heinrich errötete stärker, doch jetzt wieder vor Freude, wie deutlich zu sehen war. Dem Reisenden schien es, Heinrich genieße vielleicht zum ersten Mal das Gefühl, von einem anderen Mann begehrt zu werden, und zwar ohne Aussicht auf Erfüllung dieses Begehrens. Er verstand ihn gut: Der andere sah sich erstmals auf diese Weise wie in einem Spiegel, der ihm ein sehr angenehmes Bild seiner selbst präsentierte.

Dann sprachen sie über Kunst. Heinrich verriet eine gewisse Vorliebe für Kolossalfiguren. Er hatte eine Abbildung des Bismarckdenkmals am Hamburger Hafen gesehen. Der Reisende sprach abschätzig vom Marzipan-Riesen. Wenn schon dieses Genre, fuhr er fort, dann eher noch die Münchner Bavaria auf der Theresienwiese. Nachher begriff er selbst nicht, was er damit hatte ausdrücken wollen. Heinrich fragte zurück: „Vielleicht so ähnlich wie die Venus von Milo, kennst du sie?“ Und klang es nicht listig?

Der Reisende überlegte, ob er ihn jetzt zum Essen einladen solle. Sie könnten noch vieles miteinander bereden. Aber nein, sie erwarteten ihn sicher zu Hause. Er wollte sein Ansehen im Dorf durchaus nicht ruinieren. Da es sein musste, beschloss er, rasch ein Ende zu machen. Er sagte, nun werde er sich wieder auf seinen Weg machen.

Sie verabschiedeten sich ohne weitere Umstände. Als der Reisende die Höhe erreicht hatte, wandte er sich noch einmal um und sah Heinrich zwischen den ersten Häusern des Dorfes verschwinden. Ob er sich auch einmal nach ihm umgedreht hatte? Nicht einmal das konnte er erfahren.


Auch der Reisende ist der Sohn eines Bauern, wie Heinrich ist er sehr jung in eine weit entfernte Großstadt gezogen. Er kennt all das aus eigener Erfahrung: hineingeboren sein in eine Welt, für die man nicht taugt, und später in einer anderen Welt leben, in der man auf Dauer fremd bleibt. Was für Heinrich jetzt die Steppen Argentiniens sind, das sind für den Reisenden früher die Gebirgstäler Norwegens gewesen. In diesem Alter sucht die Sehnsucht sich geographisch weit entfernte Ziele. Und wie früh wir uns zu verstellen lernen, denkt er jetzt, bis wir uns in einem Zug einem Wildfremden zu erkennen geben, einem Fremden, in dem wir uns sogleich wieder erkannt haben. Er hätte jetzt nicht einfach weggehen dürfen. Heinrich erschien ihm wie ein Seiltänzer und zugleich wie ein Vogeljunges, das aus dem Nest gefallen ist und es noch nicht vollständig begriffen hat. Denn das war er wohl: aus dem Nest gefallen.

An den folgenden Tagen durchstreift er das Hochland nach verschiedenen Richtungen. Die Landschaft bleibt sich immer gleich, gelassen in sich ruhend und scheinbar unendlich. Doch ihm ist jetzt, als sei sie nur eine Folie, unter der sich das fĂĽr ihn Wesentliche verbirgt. Er kehrt vorzeitig in die Hauptstadt zurĂĽck.

Der Gedanke an eine nochmalige Begegnung mit dem PolizeischĂĽler verbietet sich von selbst. Nun, daran zu denken, ist wohl erlaubt, nur der Versuch, sie herbeizufĂĽhren, ist sinnlos. Der Stadtplan gibt Auskunft, wo sich die Polizeikaserne befindet. Er kann sich immerhin eine Vorstellung davon verschaffen, in welcher Umgebung Heinrich hier lebt. Die Kaserne liegt nicht weit vom Zentrum, jedoch in einem Bezirk, den er noch nie betreten hat.

Unterwegs wirft er einen Blick auf das Wohn- und Sterbehaus des großen Satirikers, dessen Schriften er sehr liebt. Das Haus des Empfindlichen, der am Tag geschlafen und nachts gearbeitet hat, liegt, sich selbst entfremdet, in einem engen Geflecht breiter, lärmerfüllter Verkehrsadern. Der Reisende liest die Aufschrift auf der Gedenktafel und fühlt sich getäuscht. Hier ist nichts sich gleich geblieben, seit der große Zornige vor bald fünfzig Jahren gestorben ist. Etikettenschwindel, denkt er, und setzt den Weg zur Marokkanergasse fort.

Er nähert sich dem Komplex, der wie eine Kreuzung aus Festung und Mietskaserne aussieht, durch eine Seitenstraße. Es ist zwei Uhr nachmittags. Durch ein Tor kann er bereits in einen der Höfe hineinsehen. Eine Gruppe junger Uniformierter steht herum, nachlässig angetreten zum Ende der Pause. Noch fehlt der Ausbilder, wenn er eintrifft, werden sie eine andere Haltung annehmen. Der Reisende will sich den Anblick ersparen. Er geht rasch weiter und um die Ecke der Gasse herum. Die Kaserne nimmt hier die ganze lange Straßenfront ein, vielfach gegliedert durch Fenster und Gesimse. Über allem liegt der graubraune Staub, der seit hundert Jahren auf die inneren Bezirke herabrieselt und die kostümierten Fassaden mit einer Maske starrer und schmuddeliger Gleichgültigkeit überzieht. Worte eines anderen Schriftstellers kommen ihm in den Sinn. Das erhabene und milde steinerne Angesicht der Stadt, es ist welk geworden. Wie hässlich auch schöne Städte sein können, wenn sie gealtert sind.

Ja, welk, doch nicht müde. Vielmehr verrät die fensterreiche Fassade bei näherem Hinsehen erstaunlich viel Leben. Es sind die Fenster der Unterkünfte. Junge Polizisten hängen in ihnen. Sie räkeln sich auf den breiten Gesimsen und verfolgen mit ihren neugierigen Blicken die wenigen Passanten unten auf dem Gehsteig. Sechzig, siebzig oder sogar hundert Augenpaare sehen ihn jetzt an – und eines kann Heinrich gehören. Er vermeidet es, in irgendein Gesicht zu blicken, und ist froh, als er die Gasse hinter sich hat.

Der Rückweg führt ihn über einen monströsen Platz, von dem sich strahlenförmig Fahrbahnen und Trambahngeleise in alle Richtungen ergießen, ebenso wie es die Wassermassen aus dem Hochbrunnen tun, der auf ihm errichtet ist. Die Behörden haben hier nicht einmal versucht, die Ströme der Fahrzeuge und Passanten durch Signalzeichen zu ordnen. Er fühlt sich unsicher, gefährdet. Eine plötzliche Windbö drückt einen der mächtigen Strahlen der Wasserspiele über den Beckenrand hinaus. Durchnässt und verstört erreicht er die Einmündung einer Straße, die Rennweg heißt.

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Dominik Klama
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Ein junger Deutscher, offenbar in Hamburg ansässig, reist im Mai in ein „entrücktes“ österreichisches Hochtal. Im Zug fällt ihm ein noch jüngerer Einheimischer (etwa 22 Jahre alt) auf, zu dem er sich erotisch hingezogen fühlt. Zwischen den beiden gehen intensive Blicke hin und her, auch später wieder, als sie sich im Ort sehen. Jedoch ist nicht eindeutig auszumachen, ob die erotische Anziehung tatsächlich beiderseitig ist oder der wortlose Kontakt vielleicht vom Älteren nur so interpretiert wird. Der Mann unternimmt eine Wanderung. Als er rastet, taucht ein Weitstreckenläufer auf, wieder der junge Mann aus dem Zug. Sie führen ein langes Gespräch, streifen die Themen Natur, Kultur, Politik (es ist die Zeit kurz nach dem Kanzler Bruno Kreisky, der junge Einheimische ist - wie fast alle in der Gegend - politisch konservativ eingestellt). Man erfährt etwas von der Lebensgeschichte des schönen Läufers. Er ist dabei, vom Beruf eines Verkäufers auf den des Polizisten umzusatteln und besucht die Polizeischule in Wien. Augenscheinlich fühlt auch er sich zu dem anderen Mann hingetrieben, jedoch bleibt der Umgang so vorsichtig tastend, dass von „Flirten“ nicht gesprochen werden kann. Der Deutsche glaubt, jedes intensivere Verhältnis verbiete sich von selbst, und scheint jetzt geradezu froh, dass er dem Anderen nicht mehr begegnet. Dennoch macht er in Wien die Polizeischule aus, begibt sich dorthin, schrickt aber zurück, als ihn von den Fenstern herab eine größere Zahl junger Männer mustert.


Wie wir es gewohnt sind von Arno, ist der Text formal nahezu perfekt. Was die Stimmigkeit und Effizienz der Sprachverwendung angeht - und bezüglich Grammatik und Rechtschreibung sowieso. Daher möchte ich dieses Mal (anders als sonst, wenn ich ein Werk kommentiere) nicht mit Zitaten aufwarten, die auf Fehler hinweisen, sondern zitiere einige Sätze, dir mir besonders gut gefallen haben.

Zuvor allerdings noch: Wie bin ich zu diesem Text gekommen? Ich wollte mal wieder was in der Leselupe lesen, über das man sich dann vielleicht ein paar lohnende Gedanken machen könnte. Zufälligerweise war mir am selben Tag Ingeborg Bachmanns Titel „Anrufung des Großen Bären“ untergekommen. Deshalb gab ich bei der Inhaltssuche (Fernglas) den Begriff „Anrufung“ ein. Wie man sich vorstellen kann, bestehen die 19 Treffer fast ausschließlich aus lyrischen Werken. Ich habe allerdings ziemlich selten Lust auf die lyrischen Arbeiten innerhalb der Leselupe. Weil ich andererseits mit Arno Abendschön schon mal zu tun hatte, wollte ich dessen Werk aber auch nicht besprechen. Darum las ist zuerst die Prosa eines jungen Münchner Autors, der seit einigen Jahren nichts mehr in der LL veröffentlicht. (Super eigentlich, um es zu rezensieren: Man kann was ausgraben, was bisher nicht die gebührende Aufmerksamkeit fand, und man tritt keinem aktuell aktiven Kollegen auf die Zehen...) Es war „Die Reisen des Hiob: Think of burning ice“ von Yamana. Ein Text, den man schon mal lesen kann, weil der Schreiber ausprobiert, was man mit der Sprache alles so treiben kann. Formal viel ungewöhnlicher als Arnos Arbeit. Aber auch deutlich selbstgefälliger und um Applaus buhlender als diese. Yamanas nassforsche Sprachzwirbelei mit ihren Anklängen ans Hard-Boiled-Krimigenre ging mir mit der Zeit dann so auf den Keks, dass ich mich schließlich doch Arnos Text zugewandt habe. Ich habe es nicht bereuen müssen.

Die „Bachmann-Stelle“ (ha ha ha) bei Arno Abendschön lautet übrigens:

> „Den Namen des anderen im Zustand großer innerer Bewegung auszusprechen, das ist Anrufung, Bekräftigung, Beschwörung. Und ist der andere für uns nicht mehr erreichbar, so bleibt uns sein Name als Symbol dessen, was gewesen oder was nicht gewesen ist, jedoch hätte geschehen können.“



> „Was den Reisenden dabei sogleich beunruhigte, war der Ernst, den er auf den Zügen des jungen Mannes entdeckte.“

Ja, ja, sich gegenseitig ziemlich ernst, sozusagen kindlich ernst, ins Gesicht schauen, das aushalten, ohne was zu sagen, deutet meist auf einiges voraus. Und so taugt der Satz hier auch gut, eine gewisse Spannung im Text zu erzeugen. Dass die Spannung in dem doch recht langen Text dann aber eigentlich nie so richtig eingelöst wird, steht auf einem anderen Blatt.

> „Das war während der Fahrt gewiss untersagt, aber man kann ein jedes Verbot übertreten.“

Stolzer Satz, besonders angesichts der Bereitwilligkeit, mit welcher der Protagonist sich im weiteren Verlauf selber zustimmt, dass mit dieser flüchtigen Bekanntschaft etwas anzufangen ja komplett unmöglich sei.

> „Als der Reisende bald darauf weiterging und in die Bahnhofstraße einbog, sah er den anderen nicht mehr und erschrak: Wie konnte er so rasch verschwunden sein!“

Na, das kenne ich aber! Scheint magisch in solchen Momenten fast immer auf das herauszukommen. Wie schaffen sie das nur, plötzlich vom Erdboden verschluckt zu sein? Und taugt gut, die Spannung im Text wieder zu straffen.

> „Von oben konnte man meinen, die niedrigen Häuser rutschten den Abhang hinunter.“

Nach dem Satz fehlt übrigens der Punkt. Hin und wieder einen Fehler macht selbst Arno. Die rutschenden Häuser, das mag ich. Als ich erstmals ein Foto der Glasbläserstadt Lauscha im Thüringer Wald erblickte, war ich von den „rutschenden Häusern“ angetan.

> „Auf der anderen Seite des Platzes fiel ihm der Gasthof Roter Adler ins Auge, weniger aufgrund seines ziemlich bescheidenen Äußeren als seines Namens wegen. War das Gasthaus sozialistisch?“

Ja, manchmal weiß man bei Abendschön nicht so genau: Ist er ein ziemlich verschmitztes Schlitzohr oder hat er einfach diesen naiv-ernsten, von wenig Denkklischees überformten Blick auf die Welt? Dürfte jedenfalls nicht viele Leute geben, die angesichts so einer Wirtschaft auf sozialistische Gedanken kommen.

> „Homosexualität ist Sexualität unter Gleichen. Dies zu Ende gedacht und auf die Spitze getrieben, führt dazu, dass man die innigsten Beziehungen nur noch mit denen aufnehmen will, die einem im Innersten völlig entsprechen. Ein Psychologe hat ihm vor kurzem erklärt, man nenne das die narzisstische Partnerwahl.“

Ach ja, die Psychologen, für die Homosexualität erst mal das Symptom einer seelischen Krankheit war, dann doch nicht mehr, dann aber zuletzt halt irgendwie doch öfters wieder... So wie hier zum Beispiel: Narzissmus ist was Krankhaftes und Homosexualität ist was Narzisstisches. Meinetwegen. Es sind jedenfalls keine Sätze, die mir gefallen. Zumal mir persönlich unter den Homosexuellen kaum welche ein derartiges Desinteresse bis Abscheu einjagen wie die eigentlich Gleichen. Also halte ich sehr wenig von der hier entwickelten Theorie. Aber das ist nicht der Punkt. Sondern: Ich frage mich, ob das nicht eine der Stellen im Werk ist, wo das ins erzählte Beobachtete hineingetragene Theoretische eher stört als nützt. Da wird eine Theorie über den Charakter homosexueller Attraktionen entwickelt, aber wo geschieht dann etwas, was mit ihr im Zusammenhang steht? Was dann nämlich erzählt wird, belegt, wenn überhaupt, eher das Gegenteil von dieser Theorie. Die beiden voneinander Angezogenen sind mehr als zehn Jahre im Alter auseinander, kommen aus zwei Ländern, wählen politisch diametral entgegengesetzt, der eine ist erfüllt von sportlichem und beruflichen Ehrgeiz, der andere hat sich Müßiggang und Geistigem verschrieben. Aber beide sind Männer. Na ja, irgendwelche Gemeinsamkeiten muss es doch wohl auch noch geben.

> „Und alles ist so einfach wie das Ineinanderfließen zweier Tintenkleckse auf Löschpapier.“

HĂĽbscher Einfall, finde ich.

> „Ja, er kennt diese Krisen, diese Nachmittage und Abende, an denen man vergeblich auf den erwünschten und versprochenen Anruf wartet.“

Gerade eben in Hörbuchform Auszügen aus Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ gelauscht. Barthes beschreibt ausführlich genau dieses stundenlange Warten auf den Anruf als Kennzeichen des Liebenden. (Im Übrigen findet er in Goethes „Werther“ das Muster seines Liebenden.) Somit wäre dies also eine Stelle, die darauf verweist, dass es eine homosexuelle „Liebe“ gibt, welche der der Heterosexuellen fast identisch ist. Jedoch, kurz davor waren wir noch bei einem Alleinstellungsmerkmal des homosexuellen Verlangens: sein chronischer Narzissmus. Hm, hm, da könnte man ja jetzt lange diskutieren... Mir wäre es an dieser Stelle aber einfach lieber, die Erzählung der Geschichte mit dem jungen Mann ginge endlich weiter.

> „So politisierten sie also, ohne sich zu ereifern. Der Reisende beobachtete ihn dabei weiter und freute sich, verfolgen zu können, wie der andere mit dem Spielbein spielte und es häufig wechselte.“

Eigentlich erstaunlich, wenn Männer, die politisieren, dabei aber nicht einer Meinung sind, sich nicht ereifern. (Und für irgendwie Homoerotische gilt das genauso.) Aber überhaupt - ich sage das für Leser, die es vielleicht nicht gemerkt haben - ist das ja genau der Fehler der beiden, dass sie sich selber dazu verurteilt haben, strikt auf der Gesprächsebene flüchtig bekannter und sich freundlich für einander interessierender Männer zu verbleiben, obwohl da längst ein ganz anderes Gespräch am Laufen ist, eines zwischen Brustwarzen und Spielbein. Dem taugt der Austausch von Ideen zu Natur und Politik letztlich gar nicht. Ich selbst neige in solchen Fällen aber auch dazu, immer weiter brav übers Vorgebliche zu parlieren, obwohl ich genau weiß, dass da noch was anderes ist. Zum Glück gibt es andere Leute, die anders sind und die rationale Ebene aufs Mal verlassen, als wäre nichts dabei. Notfalls mit dem Griff unter die Gürtellinie. (Kommt hier aber nicht mehr.)

> „Mit Diskotheken sei es hier oben gar nicht so schlecht bestellt, vielleicht werde er eine am Abend besuchen. Er sah ihn jetzt eindringlich an, als wäre das eine zwischen ihnen noch zu klärende Sache. Der Reisende ging nicht darauf ein.“

Genau so begeben sich solche Dinge. Wir mĂĽssen Arno danken, dass er es zutreffend wiedergibt, ohne eine groĂźe Sache daraus zu machen.

> „Er verstand ihn gut: Der andere sah sich erstmals auf diese Weise wie in einem Spiegel, der ihm ein sehr angenehmes Bild seiner selbst präsentierte.“

Es passt zu der Narzissmus-Theorie von oben. (Wobei dort aber auch stand, irgendwann komme auch das Zurückschrecken vor dem glatten Spiegel.) Es ist eine Erklärung, die sich der Erzähler zurecht legt, es muss nicht die Meinung des Autors sein. Es mag im Übrigen genau so auch sein. Jedoch möchte ich zu bedenken geben, dass möglicherweise der Erzähler sich von seiner eigenen Spiegel-Theorie hat blenden lassen. Für ebenfalls möglich halte ich, dass der junge Mann innerlich die ganze Zeit herumgekaut hat an seinem Zuwendungsbedürfnis seitens des Fremden und sich gesagt hat, aber er wird ja nicht viel an mir finden, und sich jetzt freut, dass der Fremde ihn attraktiv findet. Also gar nicht mal so sehr, dass er attraktiv sein will, viel mehr, dass er es in den Augen dieses einen Mannes gern wäre.


Dass das mit dem Herumstreunen um die Polizeikaserne in Wien am Ende dann zu nichts führt außer zum Angepisstwerden und auf eine einsame Weg-Rennbahn geschickt Werden, wird wohl keinen wundern. Irgendwann hat das jeder erlebt: Als vielleicht etwas möglich war (wie man jetzt in der Rückschau meint), hat man den Moment verpasst, weil man dachte, es sei ja unmöglich - und als man den Moment dann bewusst erzeugen will, ist nichts mehr möglich.


Schwarz sind also die eleganten Schuhe des jungen Polizisten und rot ist das Hemd des Mannes auf dem Brauereiplakat. Rot und schwarz sind politische Signale: rot die Überzeugungen des Deutschen, schwarz (oder gar braun?) die des Einheimischen. Rot und Schwarz kommen in Laufdress des jungen Mannes auch wieder vor. Dazu ein weißes Leibchen, schwarz, weiß, rot, ein erneuter Verweis auf seinen ultrakonservativen politischen Standort? „Rot und Schwarz“ ist ein Buchtitel. Dort geht es um einen jungen Mann, der sich eine Karriere wählen will: Soll er das Schwarz der Kirche oder das Rot der Richterroben wählen? Rot und schwarz zeigt sich das Schicksal beim Roulette. Rot und Schwarz aber auch die Farben des Tangos, weil doch die Farben von Leidenschaft und Tod. Es klingt ein bisschen sehr viel an in diesem Titel. Und damit wird der, meinem Empfinden nach, eher auf kleine Alltagsbeobachtungen als schicksalshafte Entscheidungen zielende Text wohl doch etwas zu sehr belastet mit „Bedeutungen“.


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14.11.2015 Forum Lupanum Threads Höhe Zeit Aufklärung Verteidiger: Es ist genug.

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Arno Abendschön
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Danke, Dominik ...

... für die freundlich-akkurate Besprechung. Ich revanchiere mich so: Du hast das Schwergewicht deiner Kritik kompetent auf genau das gelegt, was auch ich als weniger geglückt ansehe. Die Narzissmus-Theorie - nein, ich hänge ihr nicht an. Sie war wohl in den 70ern und 80ern weit verbreitet, ich habe mich seinerzeit mit ihr herumgeärgert und mit ihr herumgespielt, sie aber nie wirklich akzeptiert. Warum spielt sie dann hier eine Rolle? Ich könnte mich damit herauszureden versuchen, sie charakterisiere eben den Kopfinhalt einer Figur, die damals jung war. Doch auch in diesem Fall nimmt sie zu viel Raum ein. Es erklärt sich mit meiner persönlichen Situation während der Niederschrift 1989. (Es würde zu weit führen, das hier darzustellen.) Bei der Überarbeitung 2003 habe ich alle übrigen Details mit dem gleichen Hintergrund getilgt, nur den Narzissmus nicht, aus einem Bedürfnis nach theoretischer Unterfütterung. Du hast jedoch Recht: So breit ausgewalzt, bleibt es ein Fremdkörper.

Was den Titel angeht: Der Anklang an Stendhal ist kaum mehr als ein billiger Effekt ohne Zusammenhang. Die beiden Farben stehen hier im Wesentlichen für die gegensätzlichen politischen Überzeugungen. Außerdem meint das Schwarze das zweckmäßige, rationale Handeln, das Rote das Bedürfnis nach einem Leben jenseits davon. Die Geschichte handelt also davon, wie zwei Männer die Kontrolle über sich und die Situation nicht verlieren.

Arno Abendschön
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Ich lernte früh, dass man zur Mehrheit gehören und dennoch als Nonkonformist durchgehen kann. (Jan Fleischhauer)

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