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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Schorsch Denkmal
Eingestellt am 28. 12. 2007 16:17


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Alte MÀnner waren wir, solche, die ihren alten Frauen aus dem Weg gingen, Rentner oder Witwer wie ich. Mich brauchte auch dort auf dem Museumsplatz wohl keiner. Nun muss ich selbstkritisch eingestehen, eher zu den unauffÀlligeren alten MÀnnern zu gehören. Und eigentlich fiel auf dem Platz ohnehin nur einer wirklich auf. Georg Rossmann.
Er stand bei gutem Wetter vom spĂ€ten Nachmittag bis zum frĂŒhen Abend an den BĂ€nken neben der Telefonzelle. Groß, aufrecht, breitschultrig, knapp siebzig, immer schwarz gekleidet, winters mit einem langen Webpelz-Mantel, Stiefeln und FellmĂŒtze, aus der seine graue MĂ€hne hervorquoll, und sommers nur mit einem T-Shirt, dĂŒnner Stoffhose und Sandalen bekleidet. Mit uns sprach er selten. Fremde hingegen verwickelte er hĂ€ufig in GesprĂ€che.
Den rechten Fuß stellte er stets auf die gleiche der vier alten BĂ€nke, deren Messingschilder verrieten, einst habe die Kreissparkasse mit diesen Sitzgelegenheiten Rentnern einen Gefallen tun wollen. Mit der rechten Hand stĂŒtzte er sich auf dem rechten Oberschenkel ab. Seine Blicke ließ er in die Ferne schweifen, obwohl das im klassizistischen Stil erbaute Museum sie hinderten, den Horizont zu erreichen.
„Der sieht aus wie ein Denkmal!“ befand irgendwann Nicole, eine der Jugendliche, die sich hier gegen Abend mit Freundinnen und jungen MĂ€nnern traf. Und als er, wie immer nach einer gewissen Zeit, den rechten Fuß von der Bank nahm und stattdessen den linken dorthin stellte, um sich mit der linken Hand auf dem linken Oberschenkel abzustĂŒtzen, begann das MĂ€dchen zu kichern und nannte ihn Herr Denkmal. Die ĂŒbrigen Jugendlichen lachten mit. „Herr Denkmal. Genau. So sieht er aus, der Alte.“ Und da an dem warmen, sonnigen Junitag die Nachmittagsbesetzung des Museumsplatzes – wir Alten - noch nicht gehen wollten und die Jugendlichen und jungen MĂ€nner und Frauen der Abendbesetzung, noch warteten, um die BĂ€nke in Besitz zu nehmen, konnten auch wir laut mitlachen.
Friedrich Wahlke, den wir BĂŒrgermeister nannten, weil er vor Jahren eine Wahlperiode lang fĂŒr die Kommunisten im Stadtrat saß, schlug ihm auf die Schulter. „Schorsch Denkmal. Klingt besser als Georg Rossmann.“ Und schweigend sah das Denkmal in die Ferne, fuhr sich mit der freien Hand durch die imposante graue dicht gewachsene MĂ€hne und meinte mit freundlicher Bassstimme, auch wenn er etwas nach Tod klinge, gefalle ihm der Name.

NĂ€herten sich dem Denkmal fremde Leute, die ĂŒber den Platz zum Stadtmuseum gingen, brach Rossmann sein Schweigen, begrĂŒĂŸte sie freundlich und wollte von ihnen wissen, ob sie bereit seien, mit ihm ĂŒber alles, nur nicht ĂŒber das Wetter zu reden. Im Übrigen sei er zwar neugierig, wie es ihnen wirklich gehe. Aber danach werde er sie nicht fragen. Ihn interessiere ihr Leben. Von dem wolle er leben. Im Museum seien doch nur Werke Verstorbener ausgestellt.
Die meisten gingen Kopf schĂŒttelnd und gesenkten Blicks an ihm vorbei, bis sie außer seiner Hörweite waren, um dann zu tuscheln und sich noch einige Male verstohlen nach ihm umzusehen.
Er murmelte wĂŒtend vor sich hin, wer sie denn seien. Doch wohl auch nichts anderes als armselige LĂŒckenbĂŒĂŸer, die an Stellen lebten, die ihnen andere Menschen zugewiesen hĂ€tten.
Unter uns alten MĂ€nnern, die bei warmem Wetter bis in den frĂŒhen Abend hinein auf den vier BĂ€nken saßen, galt er als Unikum, aber auch als gebildeter Philosoph, obwohl wir wussten, dass er nie studierte und vor fĂŒnf Jahren noch als Mechaniker in einer eigenen kleinen Autowerkstatt am Autofriedhof arbeitete.
Frauen gegenĂŒber spielte er stets seinen erstaunlichen Charme aus und gestand ihnen, wie sehr er alles Weibliche verehre. Dabei lebte er, solange ich mich erinnern kann, allein am Stadtrand in einer selbst gezimmerten Holzbude in einem kleinen Obstgarten, der unmittelbar an den Schienen einer viel befahrenen Vorortbahnlinie lag. Von dort konnte er einst, wenn er ĂŒber die niedrige Hecke seines Garten stieg und die Schienen ĂŒberquerte, in wenigen Minuten seine Werkstatt am Autofriedhof erreichen. Inzwischen steht anstelle der Werkstatt und des Autofriedhofes das BĂŒrohochhaus einer Versicherung.
Könne er denn eine Frau in seine Holzbude mitnehmen, fragte er, wenn er von uns MĂ€nnern auf dem Museumsplatz gelegentlich gefragt wurde, ob er nicht noch Lust habe. Und schließlich waren wir, ohne es ihm zu offenbaren, irgendwann einig, er sei schwul, zumal er zu den typischen Handbewegungen neigte, und, wenn er seine Bank und den Museumsplatz verließ, mit eindeutigem HĂŒftschwung davonging.
Außerdem ließ er vor allem bei GesprĂ€chen mit Frauen den Blick weiter in die Ferne schweifen. Junge MĂ€nner hingegen beĂ€ugte er durchaus wohlgefĂ€llig.
„Die Liebe sucht sich ihre Opfer. Gerade Opfer brauchen Liebe.“ Behauptete er. Und wenn wir ihn fragten, wie er das denn meine, zuckte er mit den Schultern und zeigte lachend sein erstaunlich vollzĂ€hliges Gebiss.

Die Augustsonne wĂ€rmte an jenem frĂŒhen Abend noch den Museumsplatz. Wir Alten mochten die BĂ€nke nicht rĂ€umen, wĂ€hrend die Jungen schon ungeduldig warteten. Schließlich rĂŒckten wir zusammen, sodass sich wenigstens einige Jugendliche zu uns setzen konnten.
Georg Rossmann unterhielt sich, wie hĂ€ufig in der letzten Zeit, mit Nicole und blickte ins Weite. Sie trug ein nabelfreies enges rotes T-Shirt, stellte sich schließlich neben ihr Denkmal, legte ihm die nackten Arme um den Hals und setzte sich auf seinen Schenkel.
„Ein echtes Denkmal ist aus Stein!“ rief BĂŒrgermeister Wahlke und hatte junge wie alte Lacher auf seiner Seite.
„Du musst das Denkmal kĂŒssen, Nicole!“ forderte grinsend ein pickelgesichtiger JĂŒngling, der auf den Namen Jörg hörte und dem anzusehen war, dass er am liebsten der GekĂŒsste wĂ€re. Die junge schlanke Frau lehnte sich mit dem RĂŒcken an ihr Denkmal. Und ich spĂŒrte einen gewissen Neid, den ich auch in all den alten und jungen Gesichtern zu erkennen meinte.
Nicole blinzelte in die Abendsonne, die gerade noch ein paar Strahlen ĂŒber das Museumsdach hinweg schickte und flĂŒsterte mit Georg Rossmann. Der nickte, schob sie behutsam von sich und nahm seinen Fuß von der Bank. Einen Moment lang stand sie allein auf der Bank. Sofort sprang ein gut gewachsener junger Mann hinzu, den sie Tim riefen und der als Nicoles derzeitiger Freund galt. Er stellte seinen rechten Fuß auf die Bank und schlug sich auffordernd auf den Schenkel. „Setz dich!“ Nicole aber sprang von der Bank, stellte sich neben Rossmann und lehnte sich an ihn.
Der lachte Tim an, legte seinen Arm um Nicoles Schultern und sagte leise: „Musst sie dir schon holen.“
„Komm, Alter, lass sie los!“ Georg legte den anderen Arm um ihre nackten HĂŒften. Sie beugte sich zurĂŒck und gab ihm einen Kuss auf die Wange.
„Ohhohoh!“ Wir Alten klatschten Beifall. Nicole lĂ€chelte.
Tim zog langsam seinen Fuß von der Bank zurĂŒck. Nicole nahm Georg Rossmann an die Hand und stieg wieder auf die Bank. „Komm, Denkmal. Ich brauch deinen Halt!“
Sie setzte sich auf den Schenkel des Denkmals und blieb dort sitzen, bis sich kurz darauf die Sonne hinter das Museum zurĂŒckzog.
Tim versammelte wĂ€hrenddessen alle mĂ€nnlichen Jugendlichen um sich. Sie tuschelten und sahen ab und zu hinĂŒber zu Nicole und Rossmann.
Vor dem Museum wurde es schnell kĂŒhler. Wir Alten verließen den Platz. Georg Rossmann hob Nicole von seinem Schenkel und der Bank und, obwohl er an anderen Tagen immer noch eine Zeit bei dem jungen Volk blieb, machte er sich mit uns auf den Weg. Nicole schloss sich ihm an. Hand in Hand gingen sie hinter uns her.
„Ihr alten Lustmolche“ brĂŒllte uns Tim hinterher und erntete damit den Beifall seiner Altersgenossen.
Da Rossmann als einziger von uns Alten in der Vorstadt wohnte, verabschiedete er sich an einem Park, durch den ein schmaler Weg fĂŒhrte, ĂŒber den er sich den Heimweg abkĂŒrzen konnte. Nicole ging mit ihm.
Am nĂ€chsten Nachmittag trafen wir Alten uns frĂŒher als sonst auf dem Museumsplatz.
BĂŒrgermeister Wahlke fehlte und Rossmann. Wir warteten lange. Die jugendliche Abendbesetzung kam nicht. DafĂŒr Wahlke. Er ging zu Rossmanns Bank, hob mĂŒhsam sein rechtes Bein und stellte den Fuß auf die SitzflĂ€che. „Sie haben ihm die Gartenbude angesteckt. War zum GlĂŒck nicht zu Hause. Wohnt jetzt erstmal bei Nicoles Mutter. Der ist doch vor zwei Jahren der Mann abgehaun.“

Danach bin ich nur noch an wenigen Nachmittagen auf dem Museumsplatz gewesen. Erst starb BĂŒrgermeister Wahlke. Wir Alten waren alle bei seiner Beerdigung, auch Rossmann mit Nicole und ihrer Mutter, die er untergehakt hatte. Von den Jungen kam ansonsten niemand.
Es blieben immer mehr Alte weg und gegen Abend tauchte auch keiner der Jugendlichen mehr auf.
Als mich zwei Frauen, die das Museum besuchen wollten, fragten, wo denn der große schwarz gekleidete Grauhaarige sei, der da immer an der Bank gestanden habe, erwiderte ich knapp. „Hat ne Frau gefunden!“
Die beiden nickten. „Kein Wunder, der hatte auch was.“

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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 28. 12. 2007 16:17
Version vom 28. 12. 2007 20:42


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Limba
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Nov 2007

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Hallo Karl,
Ich finde ein klarer und ordentlicher Stil, Du schreibst gut verstĂ€ndlich und ĂŒbertreibst auch nicht in Deinen mir gefallenden Beschreibungen.
Deine Ortographie ist besser als meine, deshalb unterlasse ich lieber Korrekturversuche.
Die Geschichte allerdings...
Wenn es bei der Kernaussage geblieben wĂ€re- Brandstifterei ist keine Lösung- Gewalt zerstört soziale Bindungen, ok. Auch die scherzhafte? eine Vaterfigur suchende? Beziehung zwischen MĂ€dchen und altem Mann kann ich nachvollziehen und mich sogar hineinfĂŒhlen. Allerdings geht meiner Meinung nach das, ich wiederhole sinngemĂ€ĂŸ: >Durchschieben seines Knies zwischen ihre fast nackten Beine< gar nicht, dadurch bekommt Deine ansonsten gute ErzĂ€hlung einen Lolita- Anstrich, den sie nicht verdient und der sogar in den Augen weniger pazifistisch denkender Menschen ein begrenzt nachvollziehbares Motiv fĂŒr die Brandstifterei abgeben könnte.
MfG Limba

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Reden ist Silber! Ist Schweigen Gold?

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Kommentare: 4439
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Liebe/r Limba,

danke fĂŒr deine Kritik. Ich habe darĂŒber nachgedacht. Es geht mir in der ErzĂ€hlung tatsĂ€chlich weniger um den "Lolita"-Effekt sondern mehr um den Konflikt zwischen Jungen und Alten und um deren jeweiligen eigenen und gemeinsamen Lebensraum.
Ich habe daher jene "Lolita"-Szene "entschÀrft".
Ich hoffe, dass sie so auch deine Zustimmung findet.
Herzliche GrĂŒĂŸe
Karl
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Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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