Camera silens, camera silens singsangt der Schamane
Zweige, grau, Zäune, sind deine Lippen, sind (nicht) nur
Blindschleichen, silencio, silencio, black box. Im Moment
muss - komische Gesellschaftsmigräne -, während ich
uriniere, ich uriniere kontrolliert, das schwöre ich, momentan
muss ein Vogelzwitschern nahe einem Haus in der Provence
die horizontfarbene Ergänzung meiner Persönlichkeit, muss
eine Ente im Regenwasser zeitlose Ästhetik sein, zeitlos
wie: silencio, während meine Zunge wässert beim Gedanken
an Pflaumenträume, Magenrufen höre ich aus Magentiefen
erinnert mich an Halluzinationen, in denen ich schlank, ganz
schlank, camera silens, sssht, war. Wiederum, erinnre mich
an Dich, du, Instrument der Libido, siehst du nicht
ich suche noch trotz Singsangs des Schamanen, urkomisch
diese Gesellschaft, diese meine generation
- schattenhaft
treibe eigens einen Beat in deine Höhen, niemals schweigen, nie
silencio, 1 2 3, zählen wenigstens, Logik & Struktur, sssht
wo, an welchem Ort sind deine Schenkel anzutreffen,
im Baumhaus vielleicht, oder...
voller Schatten jedenfalls.
ja, du bist es, nicht wahr: du bist prosaiker... ich habe damals deine lyrik nur so in mich hineingesaugt, diese lyrik von einem "frechen jungen", der singt, rülpst, brummt, sich um keine konvention schert, der geräuschen eine lyrische atmosphäre zu geben vermag, der deutlich wird und undeutlich, der im keller einen rumtopf mit wörtern ansetzt. himbeeren, erdbeeren und brombeeren, aber auch pfirsiche sprechen mit ihm und für ihn: der rausch kommt aus jedem seiner worte.
ich war sehr traurig, als ich hier wieder anfing und prosaiker war nicht mehr da... aber du musst es sein, ich kenne die art, wie du wörter, wissenschaft, ulk und ernsthaftigkeit in einen lyrischen raum verwandeln kannst: camera silens... da bist du also, und ich bin froh, dass du da bist, um uns an die wortverbindungen zu erinnern, die wir zu prägen uns nie wagen würden, die wir so nie ans licht holen könnten, da uns die dingverbindungen schon lange unter das gedächtnis gerutscht sind, in dieses unterbewusste, aus dem auge geratene bilder, später auch aus der hirnrinde nicht mehr abrufbare, vibrierende, verschlierende, sich verlierende bilder, die nie bei uns bleiben, doppelspurig, gespeichert zwar im mandelkern, aber für uns nie mehr abrufbar. so kam mir dein schreiben schon immer vor: da kamst du mit deiner an verspieltheit grenzenden lyrik, um irgendwann uns diese verlorenen bilder wieder vor augen zu führen: angstaufgeladen oder emotional unauffällig, auf jeden fall aber verspielt und ernsthaft zugleich, verzwirbelt, verwirbelt, ach, es gibt keine möglichkeit diesen umstand ausreichend zu beschreiben. im wortsinne ist dein schreiben, deine lyrik für mich: verwirbelungspunkt, der unsere sensorischen und motorischen ein- und ausgänge miteinander verhäkelt, obwohl sie wirklich schwer wiegt im kopf und überall, ein von ausdrücken und konventionen sich befreiender impuls, manchmal so schwer wiegend, daß sie mitunter durchrutscht bis in die eingeweide und ich sie wieder hochwürgen, hinaufwürgen muß, und dann kommt es vor, daß ganz andere sachen das schöngeistige verätzen: blut und kot etwa oder das angefressene fett der verzweiflung. und wenn so etwas geschieht, haben wir es nach meiner meinung mit einem echten gedicht zu tun...
p.s. übrigens hieß ich damals "dockanay". vielleicht erinnerst du dich, vielleicht nicht... und: ich hätte diesem gedicht den titel "camera obscura" gegeben...
Wusst ichs doch (mehr oder weniger): dockanay. Vor zwei Jahren warst du der erste, der diesen Text kommentierte. Dann verschwunden, treffen wir uns jetzt, zwei Jahre später, unterm gleichen Gedicht wieder. Ich bin froh über das, was du zu meiner (älteren) Lyrik sagst. Manches davon hatte ich fast vergessen. Und lief Gefahr, ein Plagiat meiner selbst zu werden. Langsam komme ich wieder dahinter: was der lyrizistische Gedanke bedeutet. Eine Unmöglichkeit nach wie vor, die der Versuch zu fassen sich bemüht.
ja, und deshalb frage ich dich: wo sind deine gedichte, die hierhin gehören... das meiste deiner hier veröffentlichten werke hast du wieder gelöscht, wie es deiner eigenart ja auch sehr entspricht, da du selten mit dir zufrieden bist, das weiß ich längst... aber, das geht mir doch genau so: alle gedichte, die ich in der letzten zeit eingestellt habe, mussten sich einer jahrelangen prozedur unterziehen, bevor ich sie überhaupt für eine veröffentlichung vorsehen konnte, sind die gedichte von damals, als ich noch dockanay war... aber trotzdem: wo sind die gedichte von dir, deine echte sprache, die in dem versessenen ausdruck eines lyrischen daseins sich erst entfaltet... ja, natürlich, ich finde deine prosa ist lesenswert, ja, sie ist literatur, aber dein gedicht war damals für mich durchgehend das einzige "aufputschmittel", das mich aufrecht erhielt, erhalten konnte. denn: ich durfte lyrik in seiner reinsten form lesen, und das fehlt mir. deshalb: bitte mehr davon, auch wenn du vielleicht einen wandel durchgemacht hast (was ich gut verstehen kann), bleibst du ein dichter, bist du wortschöpfer einer exakt reduzierten sprache, die sich auf sich selbst und auf das wesentliche konzentriert... du bist lyriker rene, auch wenn du es selbst nicht so sehen willst, bist du einer der wenigen echten dichter dieses forums, den ich schon vor jahren ins herz eingeschlossen habe...
lg dockanay
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Ich ist ein Anderer. (Rimbaud)
Ihr Lieben, noch einmal vielen Dank, und entschuldigt die verspätete Antwort. Arbeit und Urlaubsvorbereitung haben mir nicht genügend Zeit gelassen für entsprechende Antwort (Urlaub? - Bis 17. seid ihr mich erstmal los): die Sprache eines Versessenen, dockanay, unterscheidet sich von anderen. Man spricht sie nicht besser mit der Zeit. Im Gegenteil, es steht Gefahr, sie zu verlernen; spätestens, wenn sie einem vollends Zunge und Hirn verdreht. Der Ausdruck eines Gedichts, seine Möglichkeiten sind so weitläufig, dass sie bereits durch diese Weite von einem verdrehten Geist beschränkt werden können. Dann bliebe es stets nur beim Versuch der Bändigung, die weiter nichts wäre, als die Verstümmelung der Melodie. Ich bemühe mich, dieser Verstümmelung keine Stimme zu geben, und den Weg zum Verständnis des, nun ja, lyrischen Gedankens neuen Auges zurück zu gehen.
Viele Grüße,
René.
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Outliner
Guest
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Einfach nur SENSATIONELL.
Es gibt wenig moderne und gleichzeitig gute Lyrik hier zu lesen.
Dieses ist ein Paradebeispiel dafür wie Lyrik in der heutigen Zeit sein sollte.
Wortgewandt, kreativ und voller bildhafter Stärke.
Neidische Grüße
Michael
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