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Wie an vielen Freitagen saß ich auch an diesem in einem der bummeligen Züge, die von Örtchen zu Örtchen rollen, um dann irgendwann an einem der grauen, kleinen Bahnhöfe auszusteigen und mal wieder meine Eltern für ein Wochenende zu besuchen. In Gedanken war ich noch an meinem Studienort, als ein Geräusch meine Aufmerksamkeit in den Zugwagen zurückholte. Ich lauschte am Lärm des fahrenden Zuges vorbei in die Stille des Abteils hinein: Da, war das nicht ein Schluchzen, ein mühsam unterdrücktes, aber dennoch hörbares? Eine Frau weinte in der Sitzgruppe vor mir. Spontan wollte ich nach der Weinenden sehen, da fiel mir der gute Ratschlag eines Freundes ein: „Misch dich nicht ewig ein! Lass mal die Leute in Ruhe! Du belästigst nur …!“ Das war starker Tobacc! Diese Mahnungen stellten das von meinen Eltern erlernte „Sich-um- Andere-kümmern“ in Frage und verunsicherten mich als damals Zwanzigjährige so, dass ich sitzen blieb.
Erst als ich sah, dass zwei Frauen auf der gegenüberliegenden Wagenseite ohne Skrupel die Traurige mit ihren Blicken belästigten, schob ich diesen wohl eher nur gut gemeinten als guten Ratschlag beiseite, stand auf, machte acht Schritte und setzte mich neben eine Frau, die in ihr Taschentuch hinein weinte. Eine Weile schwieg ich, dann sagte ich vorsichtig fragend : "Sie weinen?..“ Die Frau schüttelte den Kopf als Zeichen, dass sie nicht sprechen wolle, doch im nächsten Atemzug erzählte sie: Ihre Mutter sei vor zwei Tagen verstorben, das sei schlimm. Doch ebenso schlimm sei, dass sie nicht um sie trauern dürfe. Ihr Mann mache ihr Vorhaltungen, dass dies albern sei und außerdem lächerlich. Sie sei schließlich kein kleines Kind mehr.
Sofort war mein Widerstand geweckt. Was für eine gefühlskalte Reaktion! Ich war empört, suchte aber zugleich nach Worten, die der Dame helfen konnten. „Ich möchte Ihnen eine kleine Geschichte erzählen.“, sagte ich zu der Trauernden, „Sie heißt: „ Ein Hut kann Ihr Leben verändern.“ Ich schaute aufmunternd zu der Frau hin, die sich jetzt mit dem Taschentuch die Tränen trocknete und sich mir mit müden Augen zuwandte. Die neugierigen Personen von gegenüber dagegen drehten ihre Gesichter weg, brachten ihre Ohren jedoch in Lauscherstellung. Und so begann ich:
„Ein Hut kann Ihr Leben verändern.“, sagte nicht unfreundlich, aber ein wenig herablassend der Verkäufer zu der jungen Kundin, die gerade zaghaft einen Designerhut in der schicken Hutboutique probierte. Sein geringschätziger Blick auf ihr etwas abgewetztes Kostüm entging ihr nicht und verunsicherte sie noch weiter, zugleich aber bestärkte es sie in dem Wunsch, endlich einmal etwas zu besitzen, was sie mit Stolz vorzeigen konnte. So opferte sie ihr Erspartes für diesen Hut, setzte ihn auf und verließ die Boutique. Ihr Weg nach Hause führte auch am Friedhof des Ortes vorbei. Hinter der halbhohen Mauer aus roten Backsteinen wurde gerade der Eigentümer einer großen ortsansässigen Papier- und Plastikfabrik zu Grabe getragen, als sie vorbeiging. Der Tote war ein unangenehmer und bissiger Großunternehmer gewesen, der Höflichkeit gegenüber anderen in seinem Leben eher selten praktiziert hatte, geschweige denn Freundlichkeit. Und so war das Wetter am Beerdigungstag so wie sein Leben gewesen war – ungemütlich und kalt. Selbst der Wind kam stürmisch daher und trieb böse Scherze. Mit einer Windbö griff er der jungen Frau unter den breiten Hutrand, hob das teure Stück hoch und trug es - zu ihrem Entsetzen – über die Mauer hinweg geradewegs in das offene Grab. „Mein Hut“, ihre Lippen formten stumm diese Worte als sie auf den Friedhof eilte und ihre Arme verzweifelt Richtung Grab streckte. Ihr Hut, ihr ganzes kleines Vermögen war mit einem Schlag dahin. Während sie noch außer sich war und Tränen immer schneller ihre Wangen hinunterliefen, trat aus der Menge der vornehmen und von der Beerdigung dieses Toten wenig beeindruckten Verwandtschaft ein elegant gekleideter distinguierter Herr auf sie zu. Mit einer Hand berührte er ihren Arm und tätschelte ihn: „Ist ja gut.“, redete er in beruhigendem Ton auf sie ein.“Es wird alles wieder gut..“ Kurz darauf verabschiedete er sich von ihr, jedoch mit der Bitte, am nächsten Tag zur Testamentseröffnung zu kommen. „Ich bin der Notar des Verstorbenen und erwarte Sie .“ fügte er erklärend hinzu und ging.
Am nächsten Tag fürchtete sich die junge Frau ein wenig, sich in die Versammlung der Verwandten zu begeben. Und mit Recht, denn als sie verspätet eintraff, bedachten die Verwandten des Toten sie mit bösen Blicken so als wäre sie eine Erbschleicherin. Der Notar jedoch bat sie Platz zu nehmen. Dann eröffnete er das Testament. „Liebe werte Anverwandte, “ , so las er die ersten Zeilen, „ich habe weder Frau noch Kinder, die um mich trauern und denen ich zum Trost mein Vermögen hinterlassen könnte. Ihr hättet meine Familie sein können, doch Ihr habt mich gemieden, mich von Euren Festen ferngehalten, kein freundliches Wort auf mich verschwendet.... und jetzt seid Ihr gekommen, nicht um mich zu beweinen, sondern um zu erben. Doch so soll es nicht sein. Ich vermache deshalb ausschließlich demjenigen mein gesamtes Vermögen, der um mich trauert und an meinem Grabe weint.“ Bei diesen Worten schaute der Notar zu der jungen Frau und lächelte ihr aufmunternd zu.
„Der Hutverkäufer hat also recht behalten,“, fuhr ich fort und war selbst begeistert von dem Verlauf der Geschichte „denn ihr Leben war mit einem Schlag ein anderes. Nun war sie mehr als reich. Beim nächsten Hutkauf saß sie im roten Plüschsessel und der Verkäufer tat alles, um die Wünsche der reichen Kundin zu erfüllen.“, beendete ich schließlich mein Erzählen und schaute meine Zuhörerin an, die jetzt munterer guckte. „Doch was will uns diese Geschichte eigentlich sagen ?“, damit wollte ich zum Kernpunkt kommen, wusste aber, dass ich ein bisschen übertreiben musste, um das Resümee so hinzu biegen, dass es mir in meinen Plan passte: „Diese Geschichte sagt uns, dass Ihr Mann Unrecht hat.“ , behauptete ich mutig. „Jeder - selbst dieser menschenunfreundliche, hartherzige Unternehmer - möchte, dass jemand um die eigene Person trauert. Und wie traurig wäre ihre Mutter, wenn nicht einmal die Tochter um sie weinen würde?“, setzte ich ich energisch hinterher. Bei diesen Worten drehten die Neugierigen von Gegenüber spontan ihre Köpfe und … - ich stellte es erleichtert fest - nickten der Trauernden freundlich und bestätigend zu. Da lächelte die Dame neben mir, ihre Augen blinkten.
Als ich schließlich an einem der grauen kleinen Bahnhöfe aussteigen musste, lehnte sich eine Frau, die froh war, dass sie traurig sein durfte, noch lange aus dem Bummelzugfenster und winkte und winkte.
Vielleicht hat der Designerhut nicht nur in der Geschichte das Leben einer Frau verändert, vielleicht ein wenig auch das Leben dieser Dame, hoffte ich, während ich den Hülsenberg hoch wanderte, auf dessen halber Höhe das Haus meiner Eltern steht.
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