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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
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Eingestellt am 05. 06. 2003 18:24


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strumpfkuh
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Tag 1

Ich sitze in einem winzig kleinen Zimmer. Wahrscheinlich war das fr├╝her einmal die Besenkammer. Oder es ist einfach ein St├╝ckchen Raum, das nach Umbauma├čnahmen ├╝brig geblieben ist. Es ist ungef├Ąhr zwei Meter breit und genauso lang daf├╝r aber bestimmt drei Meter hoch. Deshalb schaue ich in meiner Verzweiflung nach oben, weil da der meiste Platz ist f├╝r meine Blicke, die in alle anderen Richtungen zu schnell abprallen, sich nirgends verlieren k├Ânnen, dabei sind sie verloren.

Ich sitze in einem Wartezimmer f├╝r Angeh├Ârige von Patienten der Intensivstation des Stadtkrankenhauses. Hierhin hat mich vorhin eine Krankenschwester gebracht. Sie war sehr freundlich gewesen, hat sich mir mit Namen vorgestellt, leider habe ich den Namen aber schon wieder vergessen.
Sie hat gesagt, da├č es meinem Mann sehr schlecht ginge, da├č er wahrscheinlich einen Herzinfarkt gehabt habe und noch immer schwere Herzrhythmusst├Ârungen habe. Der Arzt und ein Krankenpfleger seien bei ihm. Mehr k├Ânne sie mir im Moment noch nicht sagen, aber sobald Zeit daf├╝r sei, w├╝rde der Arzt kommen und mir alles genau erkl├Ąren. Es t├Ąte ihr leid, da├č sie keine besseren Nachrichten f├╝r mich h├Ątte, und ob sie mir vielleicht etwas zu Trinken bringen k├Ânne.
Sie war sehr verst├Ąndnisvoll gewesen, aber diese Worte, die mich v├Âllig zu Boden warfen, kamen ihr fl├╝ssig von den Lippen, wahrscheinlich hatte sie das Gleiche schon zu vielen Anderen sagen m├╝ssen.

Wenigstens bin ich alleine in diesem Raum. Ich k├Ânnte es nicht ertragen, die knappe Luft, die mir zum Atmen bleibt, mit einem Fremden teilen zu m├╝ssen. Ich hoffe, es dringt niemand ein in meine Verzweiflung, die dieses Zimmer vollst├Ąndig ausf├╝llt, die mit jeder Minute, die ich hier warten mu├č, w├Ąchst und w├Ąchst. Gleich schreie ich, denke ich, dabei sitze ich hier auf einem der vier Wartest├╝hle ganz ruhig, fast bewegungslos, und starre einfach nur L├Âcher in die Decke. Ich schreie, oder ich platze, oder vielleicht platzt sogar der ganze mit meiner Verzweiflung angef├╝llte Raum. Aber nichts passiert. In Wahrheit bin ich sogar unf├Ąhig, mich zu bewegen. Mein K├Ârper f├╝hlt sich an wie bet├Ąubt, ich bin zu keinem Schrei f├Ąhig. Zu keinem jedenfalls, den man h├Âren k├Ânnte, denn in meinem Kopf schreit es unaufh├Ârlich. Es schreit, da├č dies Alles nicht wahr sein kann. Es schreit, da├č ich es nicht aushalten kann. Es schreit Hilfe, Hilfe, Hilfe, hilf mir doch irgend Jemand. Mach doch irgend Jemand, da├č mein Mann wieder gesund wird. Wolfgang, werde bitte, bitte, bitte wieder gesund. Lass mich nicht alleine.

Durch die halboffene T├╝r entdeckte ich eine Uhr an der Wand im Flur. Es ist 14:03h.
Um genau 12:54h hatte ich zu Hause das Telefongespr├Ąch mit der Polizei beendet. Aus irgendeinem Grund hatte ich danach auf die Uhr im Telefon geschaut. Als ob die Zeit noch eine Wichtigkeit h├Ątte. Der Polizist, der mich ├╝ber das Ungl├╝ck informiert hatte, hatte mir geraten, ein Taxi zu rufen, auf keinen Fall selbst Auto zu fahren. Das hatte ich getan. Es hatte ewig gedauert, bis das Taxi gekommen war. Wie lange war ich jetzt schon hier? Wie lange versuchten sie schon, meinem Mann zu helfen? Der Polizist hatte mir erz├Ąhlt, eine junge Frau habe sein Auto mitten auf einer Landstra├če vorgefunden, mit ihm auf dem Fahrersitz, pulslos und ohne Atmung. Sie habe dann sofort mit ihrem Handy den Notarzt benachrichtigt, ganz alleine meinen Mann aus dem Auto auf die Stra├če gezerrt und mit Wiederbelebungsma├čnahmen begonnen. Danach war ich nicht mehr f├Ąhig zuzuh├Âren. ‚Pulslos und ohne Atmung, Wiederbelebungsma├čnahmen‘ das bedeutete doch, da├č Wolfgang tot war. Tot. Wolfgang tot!
Der Polizist hatte den Namen des Krankenhauses drei Mal wiederholen m├╝ssen, bis ich ihn verstanden hatte.

Die Uhr auf dem Gang zeigt 14:05h. Ich versuche meinem K├Ârper zu befehlen, da├č er aufstehen soll. Aber es gelingt mir nicht. Ich w├╝rde gerne einen Blick in das Zimmer meines Mannes werfen, nur um zu sehen, ob er noch lebt, ob er ‚wieder lebt‘, ob er wach ist, ob er Schmerzen hat, ob er Angst hat. Aber ich wei├č nicht einmal, wo sein Zimmer ist. Statt dessen versuche ich, mich auf die Ger├Ąusche, die von Au├čen zu mir vordringen, zu konzentrieren, in der Hoffnung, sie k├Ânnten mir eine Information ├╝ber Wolfgang geben. Aber dem ist nicht so. Ich h├Âre ein entferntes Gespr├Ąch, viel zu leise, um die Worte zu verstehen. Ich h├Âre elektronische Piept├Âne und ein Telefon, das l├Ąutet. Je l├Ąnger ich zu h├Âre, desto lauter scheint mir die Ger├Ąuschkulisse, die ich vorher ├╝berhaupt nicht wahr genommen hatte. Ein furchtbar lautes Brummen, dreimal kurz hintereinander, erschreckt mich fast zu Tode, aber es hat meinen K├Ârper immerhin dazu gebracht aufzustehen, wenn jetzt auch meine H├Ąnde zittern, und mein Herz wie wild schl├Ągt. Ich mache die T├╝r vorsichtig ein St├╝ck weiter auf, sehe den Flur, durch den ich vorhin gelaufen bin, zum ersten Mal, gehe ein St├╝ck, langsam, weil auch meine Beine zittern. Ein junger Mann in Blau kommt mir entgegen mit einer Urinflasche in der Hand. Er beachtet mich gar nicht, das gibt mir Mut weiter zu gehen. Die n├Ąchste T├╝r steht auf, ich schaue in das Zimmer. Da sitzt ein anderer Mann an einem Computer, er hat auch diese blaue Kleidung an. Er schaut sofort zu mir hin, fragt mich, ob er mir helfen kann. Ich mu├č mich erst zweimal r├Ąuspern, bevor es mir gelingt, ihn zu fragen, ob er vielleicht w├╝├čte, wie meinem Mann gehe.
„Wenn sie mir sagen, wer ihr Mann ist“ antwortet er mir l├Ąchelnd, aber es gelingt mir nicht, zur├╝ck zu L├Ącheln.
Ich entschuldige mich statt dessen, sage: „Wolfgang Hall. Er ist vor ungef├Ąhr einer halben Stunde mit dem Notarzt zu ihnen gekommen.“
Der Pfleger steht auf, erz├Ąhlt, da├č sein Herzrhythmus jetzt stabil sei, da├č der Arzt ihm gerade einen zentralen, ven├Âsen Zugang legen w├╝rde, und da├č dann bald jemand zu mir kommen w├╝rde. Er f├╝hrt mich derweil wieder zur├╝ck in den Warteraum, setzt sich aber zu mir. Fragt mich nach meiner Telefonnummer, schreibt sie in ein gro├čes Buch, in dem bestimmt schon viele ungl├╝ckliche Menschen ihre Nummer hinterlassen haben. Ich frage mich ob das Buch wohl ‚Nummern des Leides‘ hei├čt. Ich kann irgendwie keinen einzigen sinnvollen Gedanken fassen, h├Ątte so viele Fragen, und keine einzige kommt mir wirklich ├╝ber die Zunge. ‚Sein Rhythmus ist stabil‘ bedeutete das jetzt, da├č er lebte, da├č er ├╝ber den Berg war?
Der Pfleger schaut mich an, scheint meine Gedanken zu erraten, sagt, man k├Ânne jetzt noch nicht viel sagen, mein Mann w├Ąre noch nicht bei Bewu├čtsein, das Herz sei geschw├Ącht, sie w├╝rden ihm Medikamente geben m├╝ssen, die den Blutdruck unterst├╝tzen. Dann steht er auf, legt mir kurz eine warme, kr├Ąftige Hand auf die Schulter und verspricht mir zu schauen, ob der Arzt fertig sei.
Ich bin wieder alleine, aber nicht lange. Der Arzt kommt kurze Zeit sp├Ąter. Ich erkenne ihn an seinem wei├čen Kittel. Er setzt sich mir gegen├╝ber, auf den gleichen Stuhl, auf dem vorher der Pfleger gesessen hatte, und stellt sich vor. Die T├╝r hat er geschlossen. Jetzt wirkt der Raum noch kleiner.
„Guten Tag. Ich bin hier der zust├Ąndige Stationsarzt. Mein Name ist Berthold. Sie sind die Ehefrau von Hrn. Hall?“
Ich nicke und betrachte sein Gesicht. Aber ich kann darin nicht lesen, ob es gut ist oder schlecht, was er mir zu sagen hat. Mir f├Ąllt nur auf, da├č es ein sehr h├╝bsches sehr junges Gesicht ist. Ich staune wieder ├╝ber die Sinnlosigkeit meiner Gedanken, die sich seit dem ich hier bin, einfach nicht dazu bringen lassen, sich auf das einzig Wichtige zu konzentrieren.
„Ihr Mann hatte mit ziemlicher Sicherheit einen Herzinfarkt, als er heute mittag mit dem Auto unterwegs war.“ sagt er und macht eine Pause, wahrscheinlich um abzuwarten, ob ich verstanden habe.
Ich nicke wieder. Ich habe verstanden, das hatte mir die Schwester auch schon gesagt.
„Er hatte Gl├╝ck. Es kam nicht zu einem Unfall. Sein Auto kam auf der Stra├če zum Stehen. Eine junge Frau hat ihn gefunden.“
Es ist gut, da├č er ganz von vorne beginnt, mir alles noch einmal erz├Ąhlt. Ich habe das Gef├╝hl, ich werde es noch viel ├Âfter h├Âren m├╝ssen, um es wirklich zu verstehen.
„Er hatte mit gro├čer Wahrscheinlichkeit einen Herz- und Atemstillstand, sie hat gleich mit der Wiederbelebung begonnen.“
Diesmal nickte ich nicht. Ich w├╝rde gerne fragen, ob das denn bedeute, da├č er tot gewesen war, aber ich kann dieses Wort nicht aussprechen. Au├čerdem glaube ich, die Antwort zu kennen, und ich will sie gar nicht h├Âren.
„Der Notarzt mu├čte ihrem Mann einen Schlauch durch den Mund in die Lunge schieben, um ihn k├╝nstlich beatmen zu k├Ânnen. Er mu├čte sein Herz auch mit Strom behandeln, also ddefibrillieren, weil er Kammerflimmern hatte. Das ist eine Herzrhythmusst├Ârung, die dem Herzstillstand gleichkommt.“
Ich nicke und stelle mir vor, wie Wolfgangs K├Ârper unter dem Strom zusammen zuckt. Ich hatte das im Fernsehen schon ├Âfter gesehen.
„Wir mu├čten ihn hier auf Station auch defibrillieren, weil er die gleiche Rhythmusst├Ârung noch einmal hatte. Au├čerdem ist sein Blutdruck sehr niedrig, er braucht Medikamente, damit der Kreislauf ├╝berhaupt aufrecht erhalten werden kann.“
Er wartet kurz, dann fragt er: „Ist bei ihrem Mann eine Herzerkrankung bekannt?“
Ich sch├╝ttle den Kopf: „Nein. Er war bisher kerngesund.“
„Wer ist der Hausarzt?“
„Er hatte keinen. Er war nie bei einem Arzt.“
Dr. Berthold notiert sich das. „Gibt es in der Familie Herzerkrankungen?“
Ich erz├Ąhle, dass Wolfgangs Vater jung an einem Herzinfarkt verstorben ist.
„Gibt es andere Erkrankungen in der Familie, Bluthochdruck zum Beispiel, Asthma oder Diabetes?“ fragt er weiter.
Ich antworte: „Nicht das ich w├╝sste.“
„Sind Allergien bekannt?“
Ich sch├╝ttle wieder den Kopf: „Nein keine.“
Wir schweigen kurz.
Ich frage: „Wie sind seine Chancen?“
Der Arzt ├╝berlegt kurz. Dann antwortet er: „Unter unserer Behandlung sind sein Blutdruck und sein Rhythmus jetzt einigerma├čen stabil. Wir werden versuchen, die verschlossene Herzarterie mit einem Katheter wieder aufzudehnen, sobald das Herzkatheterlabor frei ist. Dadurch k├Ânnen wir die Durchblutung des Herzmuskels verbessern und den Schaden m├Âglichst gering halten. Es kann aber w├Ąhrend der Aufdehnung zu Komplikationen kommen, wie zum Beispiel Herzrhythmusst├Ârungen oder Blutungen, denn wir m├╝ssen ihm gerinnungshemmende Medikamente geben.“
Er macht wieder eine kurze Pause, dann fragt er: „Eine Schilddr├╝senfunktionsst├Ârung ist auch nicht bekannt?“
Ich sage: „Nein.“
„Hat ihr Mann schon mal ein Kontrastmittel f├╝r eine R├Ântgenuntersuchung gespritzt bekommen?“
„Ich glaube nicht. Meines Wissens war er nur einmal in ├Ąrztlicher Untersuchung, und das war wegen seiner Sterilit├Ąt. Er hatte wohl in der Jugend eine schwere G├╝rtelrose und konnte deswegen keine Kinder zeugen.“
„Nierenerkrankungen sind auch nicht bekannt?“
„Nein. Auch das nicht.“
Die erneute Pause nutze ich, um noch einmal zu fragen: „Hat er eine Chance, wieder gesund zu werden?“
Dr. Berthold antwortet ausweichend: „Ich kann dazu jetzt nicht viel sagen. Nat├╝rlich hat er eine Chance, sonst w├╝rden wir nicht all das mit ihm machen...“
In seinem Gesicht lese ich jetzt doch Besorgnis. Ich warte auf das Aber, und es kommt sofort.

„Aber wir wissen nicht, wie lange ihr Mann schon tot war, bis die junge Frau ihn gefunden hat. Sein Gehirn war in dieser Zeit nicht durchblutet. Es ist m├Âglich, da├č er eine Hirnsch├Ądigung hat.“
Jemand klopft an die T├╝r. Die junge Schwester, deren Namen ich vergessen habe, steckt ihren Kopf herein. Mir f├Ąllt auf, da├č sie schielt.
Sie l├Ąchelt mir kurz zu, entschuldigt sich bei mir f├╝r die St├Ârung, sagt dann zu dem Arzt, da├č der Oberarzt angerufen habe, sie k├Ânnten jetzt kommen.
Der Arzt steht sofort auf. Sagt, ich k├Ânne ganz kurz mitkommen zu meinem Mann, denn sie w├╝rden ihn jetzt in das Herzkatheter- Labor fahren, um das verschlossene Herzkranzgef├Ą├č, das den Infarkt verursacht habe, wieder zu er├Âffnen, oder es zumindest zu versuchen.
Wir laufen durch den Flur. Ich sehe die Uhr. Es ist 14:15h.
Wir betreten zusammen ein gro├čes Zimmer. Es ist ├╝berf├╝llt von Piept├Ânen und Pumpger├Ąuschen. Zuerst sehe ich nur Maschinen und Pflegepersonal, das gesch├Ąftig hin und her l├Ąuft, immer noch mehr Ger├Ąte bringt und Medikamente, alles an einem Bett befestigt, wo ohnehin schon kein Platz mehr ist. Doch dann entdecke ich Wolfgang. Zwischen Schl├Ąuchen, Kabeln, Infusionsflaschen, gro├čen Spritzen in Pumpen liegt er in diesem Bett.
Ich darf kurz zu ihm hintreten, traue mich nicht, ihn zu ber├╝hren, weil ich Angst habe, irgend etwas kaputt zu machen. Sehe, da├č seine Augen ge├Âffnet sind, aber sie blicken nur geradeaus, bewegen sich nicht. Auch seine Lider bewegen sich nicht. Er sieht aus, als ob ihn das Alles um ihn herum nichts anginge. Ein dicker Schlauch steckt in seinem Mund. Er ist um den Kopf herum festgebunden. ├ťber diesen Schlauch dr├╝ckt ihm eine Schwester mit einem Beutel Luft in die Lungen. Sein Brustkorb hebt und senkt sich dabei periodisch. Ansonsten ist sein K├Ârper bewegungslos. Etwas f├Ąllt mir noch auf. Es macht mir Angst. Wolfgang sabbert. Aus seinem Mund l├Ąuft der Speichel in einer dicken blutig durchsetzten Spur bis auf das Kopfkissen unter ihm.
Jemand sagt: „Tut uns sehr leid. Aber wir m├╝ssen jetzt los. Je fr├╝her das Blutgef├Ą├č wieder er├Âffnet wird desto besser. Sie k├Ânnen sp├Ąter nochmal zu ihm.“
Das Bett setzt sich in Bewegung, mit ihm Wolfgang. Er geh├Ârt jetzt ganz diesen Menschen und den Maschinen, denke ich. Dann ist er weg. Der leere Platz um das Bett herum sieht aus wie ein Schlachtfeld. Kabel h├Ąngen auf den Boden herunter. M├╝ll liegt ├╝berall herum. Elektronische Ger├Ąte piepen laut und aufdringlich, andere sind ausgestellt. Auf dem Boden sind Blutflecke, auf einem Wagen liegen Spritzen und Nadeln, sie sehen benutzt aus. Hier hat wirklich eine Schlacht stattgefunden. Die Frage ist nur: Wer hat sie gewonnen?
Eine Schwester, die Schielende, nimmt mich am Arm, f├╝hrt mich aus dem Zimmer heraus.
„K├Ânnen wir vielleicht jemanden f├╝r sie anrufen, damit sie nicht so alleine warten m├╝sse?“ fragt sie.
„Ja“, antworte ich „meine Tochter“. Eigentlich hatte ich noch warten wollen, bis ich bessere Nachrichten f├╝r sie h├Ątte, aber diese Hoffnung habe ich aufgegeben.
Die Schwester f├╝hrt mich in den Raum, in dem vorher der Pfleger am Computer gesessen hatte. Sie fragt mich nach der Telefonnummer. Ich gebe ihr die Nummer von Tanjas Arbeitgeber. Sie w├Ąhlt f├╝r mich und reicht mir den H├Ârer. Es klingelt, Freizeichen.
„Foto Scheuermann. Scheuermann“ meldet sich Tanjas Chef.
„Ja, hier Hall. Kann ich bitte meine Tochter sprechen?“ frage ich unter ├Ąu├čerster Anstrengung. Dann h├Âre ich die freundliche Stimme meiner Tochter.
„Mama, was gibt’s? fragt sie besorgt, denn ich rufe ├╝blicherweise nicht auf ihrem Arbeitsplatz an.
„Tanja, es ist etwas Schlimmes passiert. Wolfgang hatte einen Herzinfarkt. Es geht ihm sehr schlecht“ sage ich, und dann fange ich an zu Weinen. Ich kann nichts mehr sagen. Die Schwester nimmt mir den H├Ârer aus der Hand, telefoniert kurz mit Tanja. Dann nimmt sie mich in den Arm und dr├╝ckt mich sanft auf einen Stuhl. Ich weine und kann nicht mehr aufh├Âren. Die Schwester riecht nach Rauch.
„Ihre Tochter kommt sofort“ sagt sie, als ich mich endlich beruhigt habe.
„Wie lange wird das dauern, dieser Herz...?“
„Herzkatheter?“
„Ja.“
„Das ist unterschiedlich. Aber eine Stunde bestimmt“ antwortete die Schwester.
„Vielleicht m├Âchten sie jetzt doch einen Kaffe trinken?“ fragt sie.
Ich nicke.
Dann bringt sie mich wieder in den Warteraum. Ich frage sie nach ihrem Namen.
„Schwester Karin“ sagt sie.
Diesmal will ich ihn mir merken.
Dann bin ich wieder alleine. Eine Tasse Kaffee steht neben mir auf einem kleinen Tisch. Er schmeckt furchtbar, aber ich trinke ihn trotzdem. Ich habe das Bild von Wolfgang in meinem Kopf. Wolfgang mit starrem Blick. Wolfgang, wie er sabbert. Ich mu├č an etwas Anderes denken, sonst werde ich verr├╝ckt. Also denke ich zur├╝ck an die Zeit, in der ich Wolfgang kennenlernte. Es scheint mir eine Ewigkeit her zu sein.





























Mai 1978



Es war ein wundersch├Âner Fr├╝hlingstag. Die knapp hundert Kilometer lange Fahrt auf meinem Motorrad hatte zwar meinen K├Ârper trotz des Sonnenscheins durchgek├╝hlt, aber meine Stimmung war dank des strahlend blauen Himmels gestiegen. Ich ├╝berlegte, als ich meinen Geburtsort erreichte, doch nicht erst an der ehemaligen Wohnung meiner Eltern vorbei zu fahren, wie ich das urspr├╝nglich geplant hatte. Statt dessen fuhr ich gleich zu dem neuen Haus, das ich noch als leerstehende Ruine in meiner Erinnerung hatte. Mein Vater hatte es vor Jahren zu einem Spottpreis gekauft, und seit dem davon getr├Ąumt, eines Tages dort einzuziehen. Trotzdem war es f├╝r mich eine gro├če ├ťberraschung gewesen, als meine Mutter mir vor einem Monat am Telefon erz├Ąhlt hatte, sie seien umgezogen, und ich solle kommen und das neue Haus bewundern. Sie hatte, glaube ich, damit gerechnet, dass ich mich mit ihnen freuen w├╝rde, aber ich war erst einmal vollkommen entsetzt gewesen. Ich hatte mich um mein Zuhause betrogen gef├╝hlt. Nicht einmal Abschied hatte ich nehmen k├Ânnen von der Wohnung, in der ich aufgewachsen war. Nun, dachte ich, als ich in die Stra├če einbog, in der meine Eltern von nun an beheimatet waren, mein zu Hause war jetzt schlie├člich auch die kleine Bude von der ich gerade kam. Ich war es gewesen, die unbedingt hatte ausziehen wollen, um selbst├Ąndig zu sein. Meine Eltern hatten mir keine Steine in den Weg gelegt, warum also hatte ich mich nicht mit ihnen freuen k├Ânnen? Ich nahm mir gerade vor, mich zu entschuldigen, als ich das Haus erblickte, das ich schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Ich musste rechts anhalten, so gro├č war mein Erstaunen. Das kleine H├Ąuschen sah wunderh├╝bsch aus. Es war nicht mehr wieder zu erkennen. Der Au├čenputz erstrahlte wei├č in der Sonne, durchsetzt von Fachwerk, das wie neu aussah. Im ersten Stock gab es einen kleinen Balkon, der mir vorher nie aufgefallen war, darauf standen bereits bl├╝hende Topfpflanzen. Der ehemals ├╝berwucherte Garten war gepflegt, auch hier bl├╝hten die ersten Blumen. Es wurde mir richtig warm um das Herz. Wann hatten meine Eltern dieses Wunder vollbracht? Ich wusste, sie hatten im letzten Jahr eine kleine Erbschaft gemacht, aber damit hatte ich trotzdem nicht gerechnet.
Ich fuhr weiter und parkte mein Motorrad. Das gro├če benachbarte Grundst├╝ck mit den zwei Geb├Ąuden war eine Schreinerei. Meine Mutter hatte so begeistert von den neuen Nachbarn, einem Ehepaar Hall, erz├Ąhlt. Sie waren etwa im gleichen Alter, und schon jetzt waren sie Freunde geworden, die mehrmals in der Woche einen Abend gemeinsam verbrachten. Auch heute abend hatten meine Eltern die Nachbarn zum Essen eingeladen, damit ich sie gleich kennen lernen konnte.
Ich ging die wenigen Schritte bis zu der Haust├╝r, und als auf mein Klingeln niemand ├Âffnete, benutzte ich den Schl├╝ssel, den mir meine Mutter gleich nach dem Telefonanruf per Post geschickt hatte. „Damit du dich wie zu Hause f├╝hlst“, hatte sie geschrieben. Wahrscheinlich hatte sie meinen ├ärger gesp├╝rt.
Das Haus war von innen ein einziger Traum. Fachwerk, Rauputz an den W├Ąnden, Parkettboden, Holzm├Âbel und ein paar Teppiche, das alles schaffte eine Gem├╝tlichkeit, um die ich meine Eltern fast beneidete. Ich ging durch das ganze Geb├Ąude. Es gab ein kleines Arbeits-, ein Schlaf-, ein Badezimmer mit Dusche und WC im ersten Stock, au├čerdem ein weiteres Zimmer mit einem Bett und einer Sitzecke, von dem ich annahm, dass ich mich hier h├Ąuslich niederlassen sollte. Im Erdgeschoss waren die K├╝che mit offenem Wohn- und Essbereich, ein weiteres Badezimmer, das aussah, als sei es gerade erst fertig gestellt und ein Abstellraum untergebracht. Alles war perfekt, allerdings fehlten im Essbereich, oder was ich daf├╝r hielt, der Tisch und die St├╝hle. Ob wir heute abend wohl auf dem Boden essen w├╝rden?
Meine Eltern hatte ich nirgends finden k├Ânnen, aber ich war auch fr├╝her gekommen als erwartet. Sie w├╝rden sicher bald kommen. Ich entschloss mich, die Wartezeit mit einem sch├Ânen warmen Bad zu ├╝berbr├╝cken, denn mir war immer noch kalt von der Fahrt. Meine Motorradjacke und den Helm brachte ich nach oben in das Zimmer, das ich f├╝r meines hielt. Meine Tasche nahm ich mit in das Badezimmer im Erdgeschoss.

Ich hatte bestimmt eine halbe Stunde in der Wanne gelegen, als ich jemanden in das Haus kommen h├Ârte. Schnell verlie├č ich das sowieso nur noch lauwarme Wasser, denn ich brannte darauf, meine Eltern endlich zu dem neuen Heim zu begl├╝ckw├╝nschen. Ich wollte mir ein Handtuch umbinden, aber ich fand keines in dem Badezimmer, vielleicht war ich ja tats├Ąchlich die Erste, die hier gebadet hatte. So ging ich nass und nackt, wie ich war, in das gro├če offene Wohn- Esszimmer, um meine Eltern zu begr├╝├čen und fand mich statt dessen einem mir v├Âllig fremden Mann gegen├╝ber. Er hatte offensichtlich gerade den vorhin noch fehlenden Tisch gebracht. Jedenfalls stand er neben einem solchen, und starrte mich an, als ob er noch nie eine nackte Frau gesehen h├Ątte, und ich starrte zur├╝ck, weil mir auch nichts einfiel, das ich in einem solchen Moment h├Ątte sagen k├Ânnen. „Ich bin die Tochter“ schien mir genauso unpassend wie „Wissen sie vielleicht, wo ein Handtuch ist?“.

Er war gro├č, hatte die Arbeitskleidung eines Handwerkers an, sah aber ansonsten eher aus wie ein m├Ąnnliches Fotomodell, denn er war der sch├Ânste Mann, den ich je gesehen hatte, auch wenn er bestimmt mindestens 5 Jahre ├Ąlter war als ich. Und ich war immerhin schon 20.

„Entschuldigung“ sagten wir beide gleichzeitig, und dann fingen wir an zu lachen. Es blieb mir nichts Anderes ├╝brig, als mich umzudrehen und, mir seiner Blicke auf mein nacktes Hinterteil bewusst, in das Badezimmer zur├╝ck zu kehren. So nackt vor diesem fremden Mann zu laufen war schwieriger, als einfach nur nackt vor ihm zu stehen. Aber im Bad waren wenigstens meine Kleider, wenn auch kein Handtuch. Schnell wie der Blitz zog ich mich an, allerdings nicht ohne vorher noch einen pr├╝fenden Blick in den Spiegel zu werfen. Schlie├člich steht man nicht alle Tage nackt vor so einem Bild von einem Mann. Aber ich war zufrieden. Mein K├Ârper war der einer wohlgeformten jungen Frau, und auf mein Gesicht hatte er ja sowieso kaum geachtet, nahm ich an.
Er war noch da, als ich endlich fertig war. Aber noch immer fiel es mir schwer, die richtigen Worte zu finden.
„Sch├Âner Tisch“ sagte ich, und ├Ąrgerte mich, dass mir das nicht schon vorher eingefallen war, denn da w├Ąre es wirklich l├Ąssig gewesen.
„Sch├Âne Frau“ gab er mir zur Antwort, und ich wurde puterrot im Gesicht. Da hatte ich es gemeistert nackt vor ihm zu stehen und nackt vor ihm her zu laufen, ohne meinen Stolz zu verlieren, und jetzt wurde ich doch rot wie eine Vorpubert├Ąre.
Doch meine Schamesr├Âte schien ihm zu gefallen, denn er l├Ąchelte mich an, sagte er hie├če Wolfgang. Ich sah in seine braunen Augen, meine Blicke schienen darin unterzugehen, sagte ich hie├če Sabine und war verliebt, wie noch niemals vorher in meinem Leben.
Ich half ihm, die noch fehlenden St├╝hle von der benachbarten Schreinerei zu holen, und erfuhr dabei, dass er der 28 j├Ąhrige Sohn der Halls, ebenfalls Schreiner von Beruf war und vor Kurzem die Meisterausbildung beendet hatte.
Er hatte sich gerade verabschiedet, als meine Eltern mit Einkaufst├╝ten beladen das Haus betraten. Nachdem wir uns begr├╝├čt hatten, bestaunten wir gemeinsam die neue Essecke. Mein Vater erz├Ąhlte mir, dass die Halls sie ihnen zum Einzug geschenkt hatten. Eigentlich hatte er ein so teures Geschenk gar nicht annehmen wollen, aber sie hatten darauf bestanden, meine Eltern hatten nur das Material bezahlt.
Sp├Ąter stand ich gemeinsam mit meiner Mutter in der K├╝che und half ihr beim Kochen. Ich war so nerv├Âs, dass mir nichts gelang, obwohl ich immer gerne und gut gekocht hatte. Ich lie├č die Kl├Â├če zerkochen, w├╝rzte die So├če zu scharf, dann warf mich meine Mutter aus der K├╝che. Ich h├Ątte doch zu gerne erfahren, ob Wolfgang auch zum Essen kommen w├╝rde, aber ich traute mich nicht zu fragen, weil ich meine Gef├╝hle nicht verraten wollte.
Irgendwann war es schlie├člich soweit. Die G├Ąste kamen. Ich sa├č auf einem der neuen St├╝hle und lauschte auf die Stimmen, die von der Eingangst├╝r zu mir drangen. Es waren viele, aber ob die von Wolfgang mit dabei war konnte ich nicht erkennen. Meine Finger trommelten unruhig auf der Tischplatte, nur um das Zittern zu unterdr├╝cken. Ich war sitzen geblieben, weil ich meinen Beinen nicht traute. Es war unglaublich, wie nerv├Âs mich dieser Mann machte, obwohl ich ihn doch fast gar nicht kannte. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt, und ich ├Ąrgerte mich ├╝ber meine Unsicherheit. Wie sollte ich Eindruck auf ihn machen, wenn ich mich benahm wie ein Schulm├Ądchen?
Zuerst kam eine freundliche, warmherzige Frau Anfang 60, gab mir die Hand und stellte sich als Ursel vor. Gleich danach sch├╝ttelte ich die Hand ihres Mannes, Hans, von ihm hatte Wolfgang sein gutes Aussehen geerbt, das sah man sofort. Und dann endlich kam Wolfgang, nickte mir kurz zu und stellte mir Angelika vor.
Ich konnte gar nicht erst auf die Idee kommen, dass diese Frau seine Schwester w├Ąre, denn sie legte gleich besitzergreifend ihren Arm um seine H├╝fte.
Der Abend war f├╝r mich gelaufen.

Die G├Ąste blieben bis nach Mitternacht. Danach ging ich sofort in mein Bett, denn ich wollte nur noch alleine sein. Dort lag ich bis in die fr├╝hen Morgenstunden wach und dachte ├╝ber den vergangenen Tag nach. Nat├╝rlich hatte ich kaum davon ausgehen k├Ânnen, dass solch ein Mann sein Leben lang nur auf mich gewartet hatte. Er war ja schon fast 30 Jahre alt. Aber trotzdem hatte ich keine Sekunde damit gerechnet, gleich am selben Abend seiner Lebensgef├Ąhrtin vorgestellt zu werden. Immerhin, ich hatte mich gut gehalten. Man hatte mir bestimmt nichts anmerken k├Ânnen. Ich war sogar besonders freundlich zu Angelika gewesen, die ich eigentlich vom ersten Augenblick an nicht hatte leiden m├Âgen. Sie war eine Puppe, aufgedonnert, unnat├╝rlich, ohne jeden Charme. Was konnte Wolfgang nur an ihr finden? Allerdings hatte ich das Gef├╝hl, dass er das eigentlich selbst nicht mehr so genau wusste. In jedem Fall hatte er auf alle Versuche von ihr, K├Ârperkontakt aufzunehmen, abweisend reagiert. Statt dessen hatte er mich immer wieder beobachtet. Ich war mir ganz sicher. Ich hatte seine Blicke gesp├╝rt. Nur leider hatte ich mich nicht getraut, zur├╝ck zu schauen. Dabei hatte ich mich so danach gesehnt, noch einmal in diese wundersch├Ânen, rehbraunen Augen zu blicken.
Ich gr├╝belte und gr├╝belte. Kurz bevor ich schlie├člich doch noch einschlief, war ich zu folgendem Ergebnis gekommen:
Punkt 1: Ich hatte den Mann meines Lebens kennen gelernt, daran gab es nicht den geringsten Zweifel!
Punkt 2: ├ťber seine Gef├╝hle war ich mir nicht im Geringsten im klaren. Ich vermutete, dass ich ihm auch ein kleines Bi├čchen gefiel, aber das konnte auch nur Wunschdenken sein.
Punkt 3: Angelika war in jedem Fall nicht die Richtige f├╝r ihn, und ich w├╝rde alles dazu tun, damit er das auch einsehen w├╝rde.


Punkt 3 erwies sich allerdings schon nach dem Aufwachen als gar nicht so einfach, denn Wolfgang war mit Angelika unterwegs, und ich musste nach Hause, bevor die beiden wieder zur├╝ck waren. Es war Sonntag, das Wochenende war vorbei.





Tag 1 Wolfgang


Tanja ist da. Sie nimmt mich in den Arm. Tr├Âstet mich wie eine Mutter ihr Kind.
Dann fragt sie: „Was ist mit Papi?“
Ich sage: „Es geht ihm sehr schlecht.“ Und dann erz├Ąhle ich alles von Anfang an. Wiederhole die Worte des Arztes des Arztes, so gut ich kann. Ich merke, ich habe alles soweit verstanden, auch das mit dem Herzkatheter. Aber das Schlimmste habe ich noch nicht erz├Ąhlt.
W├Ąhrend ich erz├Ąhle, wird mir auf einmal klar, dass ich es von Anfang an gewusst habe. Seit dem Telefongespr├Ąch mit dem Polizisten hatte ich versucht, der Wahrheit nicht in die Augen sehen zu m├╝ssen. Der Herzinfarkt meines Mannes ist alleine schon schrecklich genug. Ich kann kaum das verarbeiten, denn es bedeutet vielleicht seinen Tod. Aber es ist sogar noch schlimmer gekommen. Noch schlimmer als das Schlimmste.
‚Aber wir wissen nicht, wie lange ihr Mann schon tot war, bis die junge Frau ihn gefunden hat. Sein Gehirn war in dieser Zeit nicht durchblutet. Es ist m├Âglich, dass er eine Hirnsch├Ądigung hat’ hatte der Arzt gesagt.
Ich wei├č die Worte auswendig, weil es die Worte sind, die ich nicht hatte h├Âren wollen, obwohl ich gewusst hatte, dass sie gesagt werden w├╝rden.
Und jetzt muss ich sie an meine Tochter weitergeben, die sie genauso wenig ertragen kann wie ich. Ich tue es, wie eine Maschine. So wie der Arzt kurze Zeit vorher.

Ich schweige. Tanja schweigt. Ich kann das Echo unseres Schweigens h├Âren. Wir h├╝llen uns ein in unserem Schweigen, als k├Ânnte es uns sch├╝tzen vor dem, was noch kommen w├╝rde.

Sie weint nicht. Ich habe auch nicht gleich geweint. Es dauert, bis etwas so Schreckliches vordringt in deinen Kopf. Ich habe jetzt auf einmal wahnsinnig viele Fragen.

Ich m├Âchte Tanja so gerne helfen. Ihr etwas tr├Âstliches sagen. Aber es gibt nichts tr├Âstliches.

Schwester Karin kommt. Sie sagt, mein Mann sei wieder auf Station, wir k├Ânnten gleich zu ihm gehen, in etwa 5 Minuten.

Ich versuche Tanja zu beschreiben, wie Wolfgang aussieht, damit sie vorbereitet ist. Kann man jemand darauf vorbereiten, einen Menschen, den er liebt, daliegen zu sehen wie ein hilfloses Baby?

Meine Tochter nimmt mich wieder in den Arm. „Er ist der beste Vater, den ich mir w├╝nschen kann“ meint sie. Ihre Worte tun mir gut. Sie geben mir das Gef├╝hl, es w├Ąre alles noch so, wie es war, als w├Ąre das hier ├╝berhaupt nicht passiert.
Sie sagt: “Mama, egal was passiert, ich habe die besten Eltern der Welt, und wir stehen das jetzt hier gemeinsam durch“, und sie dr├╝ckt mich fest dabei. Ich frage mich, woher sie die Kraft hat. Merke, dass wir die Rollen vertauscht haben. Sie ist die Tr├Âstende. Ich bin die Schutzsuchende. Ich frage mich, wann sie so erwachsen geworden ist. Und warum ich das bisher nicht gemerkt habe. Aber es f├Ąllt mir eine Last von den Schultern. Ich hatte Angst gehabt, dass sie zusammenbrechen w├╝rde. Ich bin unglaublich stolz auf sie, und auf Wolfgang, denn er hat ihr viel gegeben.
Wir d├╝rfen zu ihm. Wir stehen auf. Gehen gemeinsam den Weg zu seinem Zimmer. Es ist jetzt ein anderes, f├Ąllt mir auf. Es ist kleiner als das erste, und es liegt noch ein anderer Patient im Zimmer, hinten am Fenster. Aber ich konzentriere mich nur auf Wolfgang. Der Speichelfaden ist verschwunden. Die Schwester f├╝hrt uns an sein Bett, sagt, wir sollen ruhig mit ihm sprechen, vielleicht w├╝rde er unsere Stimmen h├Âren und erkennen. Tanja stellt sich auf die andere Seite des Bettes, streicht ihrem Vater ├╝ber die Stirn, als ob er schon immer all die Schl├Ąuche in sich gehabt h├Ątte. Sie spricht mit ihm, fragt ihn, wie es ihm ginge, ob er Schmerzen h├Ątte. Wolfgang reagiert ├╝berhaupt nicht. Ich nehme seine Hand in meine und bin erleichtert, dass sie warm ist. ├ťber seinem Bett h├Ąngt ein Monitor. Eine gelbe Linie wandert unaufh├Ârlich in Zacken dar├╝ber hinweg. Ich bin sicher, das ist sein Herzschlag. Daneben steht eine Zahl, sie schwankt zwischen 55 und 65. Eine weitere rote, kurvenf├Ârmige Linie ist darunter und noch eine Dritte und noch mehr Zahlen. Ich wei├č nicht, was sie bedeuten. Der Schlauch, der aus seinem Mund kommt, ist nun verbunden mit einem sehr gro├čen Ger├Ąt. Es pumpt jetzt die Luft in seine Lungen. Atmet er nicht alleine? Seine Lungen sind doch gesund, oder nicht?
Da sind noch Schl├Ąuche in seiner Nase, an seinem Hals, in seinem Arm. Ein weiterer kommt unter der Decke hervor, den ich als Urinkatheter erkenne, denn er bef├Ârdert eine gelbe Fl├╝ssigkeit in einen Beutel, der an seinem Bett befestigt ist.
Ich nehme dieses Bild in mir auf, ich wei├č dass ich es niemals vergessen werde. Es ist wie ein Foto in meinem Kopf. Dann beuge ich mich an sein Ohr und fl├╝stere: „Ich liebe dich!“. Ich bekomme einen Stuhl gebracht.

Dr. Berthold kommt herein, stellt sich Tanja vor und kl├Ąrt uns ├╝ber den Befund des Herzkatheters auf. Er zeigt uns ein Photo, auf dem sich Wolfgangs Herzkranzgef├Ą├če wie kleine W├╝rmer entlang schl├Ąngeln. Das Blutgef├Ą├č, das den Herzinfarkt verursacht hat, ist aufgedehnt worden, erkl├Ąrt er. Aber da sei noch eine weitere Engstelle im Hauptstamm, das sei ein sehr gro├čes Gef├Ą├č, und die m├╝sse man operieren, wenn es meinem Mann wieder besser ginge.
Schon wieder ein ‚Aber’. Ich will kein ‚Aber’ mehr h├Âren. Sie legen sich um mein Herz und dr├╝cken es zusammen, diese ‚Abers’.
Der Arzt will wieder den Raum verlassen, aber diesmal nehme ich all meinen Mut zusammen, frage mich dabei, warum ich ├╝berhaupt so viel Angst habe, und sage, dass ich noch ein paar Fragen h├Ątte. Er bleibt stehen und wartet auf meine Fragen. Irgendwie h├Ątte ich angenommen, dass wir in ein anderes Zimmer gehen w├╝rden. Aber so frage ich eben hier: “ Glauben sie denn, dass es meinem Mann wieder besser gehen wird?“
„Das kann man jetzt noch nicht sagen“ antwortet der Arzt, „wir geben ihm jetzt alle erforderlichen Medikamente, und ansonsten k├Ânnen wir nur abwarten, wie es sich weiter entwickelt“. Es ist die Antwort, mit der ich gerechnet hatte.
Ich frage weiter: „Was f├╝r eine Operation ist das?“
Diese Antwort f├Ąllt dem Arzt leichter. Sie kommt ohne Z├Âgern: „Eine Bypass- Operation. Man entnimmt ein St├╝ck Vene aus dem Oberschenkel und ├╝berbr├╝ckt damit die verengte Herzarterie.“
Davon hatte ich schon geh├Ârt. Es ist eine gro├če Operation, die sicher nicht ungef├Ąhrlich ist.
„Wie lange wird es dauern, bis er wieder wach wird?“ fragt Tanja.
„Auch das kann man noch nicht sagen, tut mir leid. Es kann bald sein, es kann auch Tage und Wochen dauern. Wir wissen nicht einmal, ob er ├╝berhaupt wieder wach wird.“
Tanja schweigt.
„Kann er denn nicht alleine atmen?“ frage ich.
„Das werden wir sp├Ąter versuchen“ sagt Dr. Berthold, „wenn ein Bi├čchen mehr Ruhe eingekehrt ist.“
Viele Fragen, keine Antworten. Der Arzt kann nichts daf├╝r, er war einfach nur ehrlich.


Dr. Berthold ist gerade gegangen, da kommt der Pfleger. „Mein Name ist ├╝brigens Bernhard, ich glaube, ich habe mich vorhin noch nicht vorgestellt“ sagt er zu mir. Ich wei├č nicht, ob das sein Vor- oder Nachname ist.
„Ich muss ihrem Mann noch mal Blut abnehmen“. Er f├╝llt ein R├Âhrchen mit Blut aus dem Schlauch an Wolfgangs Arm. Ich registriere, dass er mit ihm nicht gesprochen hat.

Tanja und ich sind wieder allein an Wolfgangs Bett.
„Gestern hat er meinen Computertisch fertig gemacht“ sagt sie.
Ich kann nur nicken.
„Papa, du musst wieder wach werden!“
Jetzt weint sie, leise, legt ihren Kopf dabei auf seine Schulter. Ich gehe um das Bett herum und lege meinen Arm um ihre Schultern. Wir weinen beide. Ich bin froh, dass sie hier ist. Ich bin froh, dass ich sie habe. Ich sage ihr das.

Wir wollen Wolfgang nicht alleine lassen, besprechen, dass ich die Nacht ├╝ber hier bleiben werde, und sie mich morgen fr├╝h abl├Âsen kommt. Es ist schon fast 17:00h. Wir fragen Schwester Karin, ob ich die Nacht hier auf Station verbringen darf. Ich darf. Tanja f├Ąhrt nach Hause. Sie muss Wolfgangs Mutter, meinem Vater und ihrem Freund Alex noch die traurige Nachricht ├╝berbringen. Wolfgangs Mutter, Ursel, ist 83 Jahre alt und geistig schon sehr verwirrt, wir beschlie├čen, ihr nur zu sagen, dass er im Krankenhaus liege, weil er einen kleinen Herzinfarkt gehabt habe.

Um ungef├Ąhr 18:00h werde ich aus dem Zimmer geschickt, weil Karin und Bernhard (Hr. Bernhard?) meinen Mann auf die Seite drehen wollen. Das w├Ąre wichtig, damit er sich nicht wund liegen w├╝rde. Ich warte vor der T├╝r. Ich h├Âre sie miteinander sprechen, kann aber nicht verstehen, was sie sagen, aber ich glaube, sie sprechen auch mit Wolfgang.

Ungef├Ąhr 2Stunden sp├Ąter: Das Pflegepersonal bringt mir einen bequemeren Stuhl und ein Badetuch als Decke. Man kann den Stuhl sogar ein wenig nach hinten kippen. Es sind alle sehr freundlich hier zu mir.

Wolfgang hat sich w├Ąhrend dieser ganzen Zeit nicht einmal bewegt und auch sonst nicht reagiert. Seine Augen sind immer noch offen. Er starrt weiterhin gegen die Decke. Jemand hat ihm Salbe in die Augen gemacht. Ich wei├č nicht, wie ich mit ihm sprechen soll. Sein Anblick tut mir weh, so furchtbar weh, es ist unbeschreiblich.

Kurz vor Mitternacht kommt der Nachtdienst, zwei Krankenschwestern. Sie wollen ihn noch mal auf die andere Seite drehen. Ich darf im Zimmer bleiben. Vorher saugen sie Schleim aus seiner Lunge. Pl├Âtzlich fangen seine Arme an zu zucken. Erst denke ich, er w├╝rde sich bewegen, aber ich erkenne sehr schnell, da├č es keine normalen Bewegungen sind. Der Monitor ├╝ber seinem Bett macht einen H├Âllenl├Ąrm, und auch die Beatmungsmaschine gibt Alarm. Ich bekomme schreckliche Angst, da├č etwas Schlimmes passiert ist. Eine Schwester eilt aus dem Zimmer, sie kommt mit einem Arzt zur├╝ck, der ein Medikament in den Schlauch an Wolfgangs Hals spritzt. Die andere Pflegekraft schiebt w├Ąhrend dessen mit Gewalt einen Keil zwischen seine Kiefer, weil er den Schlauch in seinem Mund zubei├čt. Danach dr├╝ckt sie verschiedene Tasten an der Beatmungsmaschine, und das Ger├Ąt h├Ârt endlich auf zu piepsen. Der Arzt sagt zu mir, da├č Wolfgang einen Krampfanfall habe. Das k├Ąme von dem Sauerstoffmangel, den sein Gehirn erlitten habe. Es w├╝rde gleich vor├╝ber sein. Mir erscheint es endlos, bis die Zuckungen wieder aufh├Âren. Seine Lippen sind aufgeplatzt, Blut l├Ąuft aus seinem Mund, als sie den Keil wieder entfernen.


Das Personal hat das Zimmer verlassen. Auf der Station scheint Ruhe einzukehren. Es ist nicht mehr ganz so laut und hell wie vorher.
Eine der beiden Krankenschwestern hat mich gefragt ob ich das Gef├╝hl habe, dass er irgendwie auf mich reagieren w├╝rde. Ich h├Ątte gerne ‚Ja’ gesagt, damit sie ihn nicht aufgeben.

Wenn ich meine Augen schlie├če, erschrecken mich die Ger├Ąusche um mich herum noch viel mehr. Wieder entfliehen meine Gedanken in die Vergangenheit.














































1978 – 1981



Ich konnte meine Eltern unm├Âglich so schnell wieder besuchen fahren, ohne dass es aufgefallen w├Ąre. Normalerweise war ich nicht ├Âfter als einmal im Monat bei ihnen zu Besuch, wenn nicht noch seltener. Ich hatte ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft gemietet, in dem ich mich bis zu diesem Tag sehr wohl gef├╝hlt hatte. Doch jetzt dachte ich nur noch an Wolfgang. Von morgens bis abends klang dieser Name in meinen Gedanken, gleich nach dem Aufstehen als erstes und vor dem Einschlafen als letztes dachte ich an ihn.
So rief ich wenigstens einmal in der Woche meine Mutter an, um zu h├Âren, ob es irgend etwas neues gab. Aber wenn ich nach den Halls fragte, erfuhr ich meistens nur langweilige Dinge ├╝ber seine Eltern, Ursel und Werner. Aber eines h├Ârte ich doch auch von Wolfgang. Er und Angelika w├╝nschten sich wohl schon seit l├Ąngerer Zeit ein Kind, aber sie wurde nicht schwanger. Diese Information trug nicht gerade zu meinem Wohlbefinden bei, und so kam es, dass ich es nach knapp 3 Wochen nicht l├Ąnger aushielt, eine Woche Urlaub nahm und wieder in mein Heimatdorf fuhr. Meine Eltern freuten sich riesig, dass ich mich eine ganze Woche bei ihnen einquartieren wollte. Sie hatten nat├╝rlich keine Ahnung davon, dass ich eine Mission zu erf├╝llen hatte. Wolfgang musste von dieser Angelika befreit werden, bevor es zu sp├Ąt war.
In meiner Wohngemeinschaft wohnten au├čer mir zwei Frauen und ein Mann. Eine von ihnen, Sybille, war meine Freundin. Sie studierte Psychologie im 4. Semester. Sie hatte Henna- rote, lange Haare trug immer ihren Pal├Ąstinenser Schal wie ein Markenzeichen und war wirklich eine ganz liebe Person. Ihr hatte ich selbstverst├Ąndlich gleich von Wolfgang erz├Ąhlt. Zuerst war sie der Meinung gewesen, dass solch ein Spie├čer (Schreinermeister) niemals wirklich zu mir passen w├╝rde, aber dann hatte ich sie davon ├╝berzeugen k├Ânnen, dass auch ich in der Tiefe meines Herzens nicht unspie├čisch war (Ich war gerade dabei, eine Ausbildung zur B├╝rokauffrau zu beenden), und seit dem stand sie v├Âllig auf meiner Seite. Was ich unbedingt brauchte, hatte sie gesagt, sei ein Foto von Wolfgang und Angelika, das wir gemeinsam in feierlicher Zeremonie entzweiteilen k├Ânnten, um anschlie├čend Angelikas Antlitz in offenem Feuer zu verbrennen. Aus diesem Grund gab mir Sybille eigens ihren Fotoapparat mit auf die Reise, den ich nat├╝rlich dankend annahm. Allerdings hatte ich nicht vor diese schreckliche Angelika damit aufzunehmen. Ich wollte rehbraune Augen, sonst nichts.
So machte ich mich also auf die Reise, gewappnet mit Foto und den besten Klamotten, die unsere WG zu diesem Zeitpunkt zu bieten hatten, einschlie├člich der zerfetzten Lewis- Jeansjacke von Andreas, unserem m├Ąnnlichen Mitbewohner. Sybille hatte stundenlang auf ihn eingeredet, um sie ihm zu entlocken. Ich bezweifelte allerdings, dass ich damit gro├čen Eindruck machen w├╝rde auf Wolfgang, den der war kein pickeliger J├╝ngling mehr, nein der war ein echter Mann in den besten Jahren. Wolfgang, oh Wolfgang, dachte ich, ob du genauso auf mich wartest, wie ich auf dich?

Die Fahrt war mir endlos erschienen, aber irgendwann war sie zu Ende. Ich war zwar nicht bei IHM, aber immerhin ein Haus daneben. Es war Freitag mittag. Acht verhei├čungsvolle Tage lagen vor mir. Ich war gl├╝cklich.

Doch die Tage vergingen nicht wie erhofft im Fluge, sondern sie zogen sich endlos dahin wie Kaugummi, denn ich bekam keine Gelegenheit, Wolfgang zu sehen. Es war eine Qual, ihn so nahe zu wissen und doch keine M├Âglichkeit zu haben, ihn zu treffen. Ich zermarterte mir das Hirn, aber es fiel mir einfach keine weitere Ausrede ein, der Schreinerei einen Besuch abzustatten. Gleich am ersten Tag war ich morgens zum B├Ącker gegangen und hatte f├╝r die Familie Hall ein paar Br├Âtchen mit eingekauft, die ich ihnen dann pers├Ânlich ├╝berbrachte. Aber so sehr ich mich auch angestrengte, Wolfgang konnte ich nirgends entdecken, wahrscheinlich hatte er ausgerechnet an diesem Tag au├čerhalb zu tun. So fand ich mich dann seiner Mutter bei einer Tasse Kaffee gegen├╝ber und wusste schon nach kurzer Zeit nicht mehr, ├╝ber was ich noch mit ihr sprechen k├Ânnte. 10 Minuten sp├Ąter sa├č ich wieder in meinem Zimmer und beobachtete den benachbarten Hof durch das Fenster. Immerhin hatte ich den Ausblick nach dieser Seite, und das war besser als nichts. Manchmal sah ich ihn im Hof Autos be- oder entladen. Ich beobachtete ihn dann heimlich durch den Vorhang durch. Er war unbeschreiblich gut aussehend. Seine Haare waren dunkelblond und gerade so lang, dass sie sich in seinem Nacken ein klein wenig lockten. Das Gesicht war fast viereckig, es erinnerte mich an Paul Newman, nur das Wolfgang die sch├Âneren Augen hatte. Und dann sein K├Ârper. Das war Sex pur. Wenn ich ihm beim Arbeiten zusah, glaubte ich seine Muskeln durch die Kleidung hindurch zu erkennen. Sein Po schien ├╝berhaupt nur aus Muskeln zu bestehen. Aber das sch├Ânste an ihm waren seine Arme. Sie sahen aus, wie die eines S├╝deurop├Ąers, mit ihrer zart schimmernden, gebr├Ąunten Haut und der leichten, dunklen Behaarung, nur waren sie eben auch noch so kr├Ąftig, wie die eines deutschen Schreiners. Er war perfekt. Und ich war so ungl├╝cklich.
Nachdem ich schon volle 3 Tage dort war und ihn noch immer nicht zu Gesicht bekommen hatte, war ich der Panik nahe. Ich musste mir einen Plan ausdenken. Dem Zufall konnte ich mein Gl├╝ck nicht ├╝berlassen. Soviel stand fest. Also schnappte ich meinen Helm und meine Jacke und widmete mich meinem Motorrad.
Einen Lappen in den Luftfilter wollte ich nicht legen, das h├Ątte er zu schnell durchschaut. Auf keinen Fall wollte ich Benzin in den ├ľltank f├╝llen, denn ein Kolbenfresser w├Ąre erstens zu teuer gekommen, und zweitens liebte ich mein Motorrad daf├╝r viel zu sehr. Ich entschied mich dazu, ein Z├╝ndkabel zu opfern. Erst fuhr ich ein paar Stra├čen von zu Hause weg, auf keinen Fall wollte ich bei meinem Vorhaben beobachtet werden. Als ich mich sicher f├╝hlte, nahm ich einen Stein, knickte das Z├╝ndkabel um und haute mit dem Stein auf diesen Knick ein, bis die Maschine nach dem Starten h├Ârbar nur noch auf einem Zylinder lief. Zufrieden fuhr ich zur├╝ck. Mein Vater war nicht zu Hause, er war arbeiten, und meine Mutter hatte gleich die Idee, nebenan um Hilfe zu fragen. Mein Plan funktionierte. Wolfgang kam sofort, und er nahm mich zur Begr├╝├čung sogar kurz in den Arm. Meine Lederjacke hatte ich dank des warmen Tages schon ausgezogen, und so fiel die Umarmung alles andere als br├╝derlich aus, wenn sie vielleicht auch so gemeint war. Es war ein himmlisches Gef├╝hl, meinen K├Ârper an seinem zu sp├╝ren, und er roch so gut. F├╝r einen winzig kurzen Moment sahen wir uns am Ende der Umarmung in die Augen, und ich war mir ganz sicher, auch in seinem Blick etwas zu lesen, das Angelika ganz und gar nicht gefallen h├Ątte. Was verr├Ąt die Verliebtheit in einem Blick? Es ist der Scham, der darin verborgen ist, weil man an etwas gedacht hat, das nicht der Gelegenheit entsprach.
Er war Handwerker. Und Handwerk ist Handwerk. Es dauerte viel zu kurz, bis er das defekte Kabel entdeckt hatte, denn wir sa├čen w├Ąhrend dieser Zeit romantisch nebeneinander auf den warmen Pflastersteinen, und ich tat mein M├Âglichstes dazu bei, dass sich unsere Schultern hin und wieder ber├╝hrten. Aber gerade als er den Fehler bemerkt hatte, kam auch Angelika, die uns mi├čtrauisch beobachtete und mich keinesfalls st├╝rmisch begr├╝├čte, und die Romantik w├Ąre sowieso vorbei gewesen. Wolfgang bot mir an, mich zu dem n├Ąchsten Honda H├Ąndler zu fahren, worauf Angelika gleich einwarf, sie w├╝rde auch mitkommen. Ich dachte schon, der sch├Âne Tag w├Ąre jetzt zu Ende, aber Wolfgang sagte, er w├Ąre eigentlich gerne mal wieder mit seinem Motorrad gefahren, worauf sie beleidigt von dannen schwebte. Ich war vollkommen ├╝berrascht. Schon alleine, weil ich gar nicht gewusst hatte, dass er auch ein Zweirad fuhr. Und dann haute mich die Vorstellung, gleich hinter ihm auf dem Sattel zu sitzen, fast um. Es gab kaum etwas erotischeres, als die Mitfahrerin eines attraktiven Mannes auf dem Motorrad zu sein. Liebend gerne h├Ątte ich auf die Lederjacke verzichtet. Aber das w├Ąre dann vielleicht doch zu auff├Ąllig gewesen. Trotzdem wurde es eine traumhaft sch├Âne Fahrt. Ich war so nah an ihn heranger├╝ckt, wie es nur irgend ging, und er war ein wunderbarer Fahrer. Im Ort fuhr er vorsichtig und r├╝cksichtsvoll, aber auf der Landstra├če drehte er auf, und unsere K├Ârper zerschmolzen zu einem, wenn wir uns in die Kurven legten. Als wir bei dem H├Ąndler abstiegen, sagte er, ich sei der beste Mitfahrer den er je gehabt habe, und ich h├Ątte fast geantwortet, dass sicher auch kein anderer je so verliebt in ihn gewesen sei. Statt dessen l├Ąchelte ich nur, mein bestes L├Ącheln, und er l├Ąchelte zur├╝ck, das beste L├Ącheln, das es gab.
Auf dem Heimweg bog Wolfgang ├╝berraschend in einen kleinen Nachbarort ab und stoppte an einer Eisdiele, die ich noch nicht kannte, sie musste neu sein. Ich war im siebten Himmel, als ich ihm gegen├╝ber an einem kleinen, gem├╝tlichen Tisch Platz nahm, nachdem der Inhaber, ein sympathischer Mann Mitte vierzig, sch├Ątzte ich, meinen Begleiter mit Schulterschlag begr├╝├čt hatte.
„Welche h├╝bsche kleine Frau bringst du denn da mit?“ fragte der Chef des Ladens, als er mit zwei Eiskaffees an unseren Tisch kam.
„Sabine, meine neue Nachbarin“ sagte Wolfgang und zu mir gewandt: „Herbert, ein Freund von mir“.
Nun, seine Freunde sollten auch meine Freunde sein, und so fragte ich Herbert interessiert, wie lange er denn diese Eisdiele schon habe. Begeistert nahm der gleich an unserem Tisch Platz, und wir sprachen ├╝ber dieses und jenes. Viel lieber w├Ąre ich mit Wolfgang alleine gewesen, aber ich hoffte durch meine Geselligkeit, Eindruck auf ihn zu machen. Irgendwann stand Herbert dann auf, weil andere G├Ąste kamen. Wir schwiegen f├╝r einen kurzen Moment und sahen uns wieder in die Augen. Seltsam, wie nahe ich mich dabei f├╝hlte, ihm nur in die Augen zu schauen. Mit anderen M├Ąnnern, oder eher Jungs, verglichen mit Wolfgang, war ich viel intimer geworden, ohne ihnen so nahe zu sein.
„Ich f├╝rchte Angelika ist sauer“ sagte er und zerst├Ârte damit, wahrscheinlich absichtlich, den Moment.
„Aber wir haben doch nichts Schlimmes getan“ warf ich unbeholfen ein.
„Sie ist im Moment etwas empfindlich“ versuchte er, sie zu verteidigen.
Ich dachte schon, er w├╝rde mir jetzt mitteilen, dass sie schwanger sei, aber er fuhr fort: „Sie w├╝nscht sich so sehr ein Kind. Aber sie wird einfach nicht schwanger.“
Er schaute mich an. Aber mir fiel nichts ein, das ich dazu sagen k├Ânnte.
„Sie tut mir leid“ sagte er deshalb.
Ich nickte. Sie tat mir auch leid, aber das war doch kein Grund, mit ihr zusammen zu bleiben, wenn er das vielleicht gar nicht mehr wollte.
„Das ist bestimmt schwer“ sagte ich.
Diesmal nickte er nur.
„Wie alt ist sie eigentlich?“ fragte ich.
„30“ antwortete er.
„Und du?“ fragte ich, in dem ich all meinen Mut zusammen nahm, „w├╝nschst du dir auch ein Kind?“
Er dachte nach. „Am Anfang schon. Aber jetzt bin ich mir nicht mehr so sicher. Au├čerdem, vielleicht liegt es ja auch an mir.“
„Habt ihr das schon mal testen lassen?“
„Bisher noch nicht.“
„Wie lange seit ihr denn schon zusammen?“
„Im Winter werden es 5 Jahre.“
Das war eine lange Zeit dachte ich. Ich h├Ątte das Gespr├Ąch gerne in eine andere Richtung gelenkt, aber ich sp├╝rte, das es nicht richtig gewesen w├Ąre.
Wir schwiegen wieder, und dann lenkte er das Gespr├Ąch in eine andere Richtung, denn er nahm meine Hand in seine. Es war f├╝r mich vollkommen ├╝berraschend.
Ich blickte zu Herbert, aber Wolfgang sagte: „Der ist in Ordnung, der sagt nichts.“
Ich ├╝berlegte kurz, woher er sich da so sicher war, und ob er schon ├Âfter hier so mit anderen Frauen gesessen hatte, aber das konnte ich mir nicht vorstellen. Dann dachte ich: „Sei nicht so bl├Âd und genie├če den Moment“ und konzentrierte mich auf Wolfgangs Hand. Es war eine rauhe Hand, eine kr├Ąftige Hand mit viel Hornhaut. Ich stellte mir vor, wie diese Hand mich an anderen Stellen meines K├Ârpers ber├╝hrte, und eine Hitzewelle durchstr├Âmte mich, ausgehend von meinem Scho├č. Ich war so unglaublich erregt, nur weil er meine Hand genommen hatte, wie w├╝rde das wohl sein, mit ihm ins Bett zu gehen?
Doch genauso pl├Âtzlich, wie er meine Hand genommen hatte, lies er sie auch wieder los.
„Es tut mir leid“ sagte er.
„Was?“ fragte ich, „was tut dir leid?“
„Es war ein Fehler..., ich glaube es ist besser, wir fahren jetzt wieder.“
Damit stand er auf. Wir gingen, ohne zu bezahlen. Herbert lachte mir noch aufmunternd zu, nachdem Wolfgang schon drau├čen war. Aber das half mir wenig. Meine Gef├╝hle waren innerhalb k├╝rzester Zeit von einem Extrem in das andere gefallen. Ich f├╝hlte mich, wie ein H├Ąufchen Elend. Die Heimfahrt wurde nicht ann├Ąhernd so sch├Ân wie die Hinfahrt. Im Gegenteil. Mir tat alles so weh. Dabei presste ich meine Oberschenkel gegen Wolfgang, als w├╝rde mein Leben davon abh├Ąngen.
Zuhause bedankte ich mich bei ihm. Er sagte: „Keine Ursache, soll ich dir noch helfen, das Kabel zu wechseln?“
„Ich denke, das kriege ich alleine hin, schlie├člich habe ich es auch alleine kaputt gemacht.“
Wolfgang stutzte, dann sagte er, das glaube er einfach nicht, l├Ąchelte aber dabei, und mein Herz schmerzte noch viel, viel mehr.
„Wie lange bleibst du?“ wollte er wissen.
„Ein paar Tage“ antwortete ich.„Es war ein sch├Âner Tag“ sagte er und lie├č mich alleine.
Ich wei├č nicht mehr, wie ich den Benzinschlauch wechselte, denn in Gedanken war ich ganz woanders. Wolfgang war auch verliebt in mich, das war mir jetzt klar. Aber trotzdem erschien er mir unerreichbarer als vor diesem Tag. Er w├╝rde sich niemals von seiner Freundin trennen, das hatte ich begriffen. Vielleicht w├╝rde dieser kurze Moment, in dem er meine Hand gehalten hatte, das einzige bleiben, das uns miteinander verband.

Ich blieb noch zwei Tage, in denen ich ihn nicht mehr sah, ich traf mich mit alten Freunden, nur um mich irgendwie zu besch├Ąftigen. Schlie├člich packte ich Sybilles Fotoapparat, die zerfetzte Jeansjacke von Andreas, beides hatte ich nicht gebraucht, und meine eigenen wenigen Sachen in meine Tasche und fuhr wieder nach Hause. Dort verbrachte ich die n├Ąchsten Wochen damit, mir die Augen auszuheulen. Dann war der schlimmste Schmerz zu einem dumpfen Gef├╝hl der Leere zusammen geschmolzen, und ich war wieder f├Ąhig, am normalen Leben teilzunehmen. Ich konzentrierte mich auf meine Arbeit, und das war auch gut so, denn die Abschlusspr├╝fung stand kurz bevor. Abends ging ich im Stadtpark joggen, ich rannte immer so schnell und so lange, bis ich kurz vor dem Zusammenbrechen war, denn der k├Ârperliche Schmerz lenkte mich von meinem seelischen Kummer ab und war wesentlich leichter zu ertragen.
Die Zeit verging. Nach der Pr├╝fung lud ich meine Eltern zu mir in die WG ein. Sie kamen mich f├╝r zwei Tage besuchen, brachten sch├Âne Gr├╝├če mit von den Halls und einen herzlichen Gl├╝ckwunsch. Meine Mutter erz├Ąhlte mir in einer stillen Minute, Wolfgang w├╝rde oft von mir sprechen. Ich merkte, dass sie meine Gef├╝hle erahnte, aber das hatte ich mir schon gedacht, einer Mutter konnte man nichts verheimlichen.

Meine Firma ├╝bernahm mich nach der Ausbildung. Die Arbeit machte mir zwar keinen Spa├č, aber ich hatte nicht die Kraft, mich um irgend etwas anderes zu bem├╝hen. Au├čerdem hatte ich sowieso an Nichts Freude. Mein Leben tropfte einfach so dahin. Mit den Monaten wurde Wolfgang nur noch zu einer fernen, verschwommenen Erinnerung, aber vergessen konnte ich ihn nicht. Noch immer sp├╝rte ich nach jedem Telefonanruf, der nicht von ihm war, eine grenzenlose Entt├Ąuschung, dabei hatte er mich kein einziges Mal angerufen. Unz├Ąhlige Male war ich kurz davor, mich bei ihm zu melden, aber ich lie├č es jedes Mal bleiben, denn es h├Ątte doch nichts ge├Ąndert. Er h├Ątte den ersten Schritt tun m├╝ssen, aber er tat es nicht. Von meiner Mutter erfuhr ich am Telefon, dass die ├Ąrztlichen Untersuchungen ergeben hatten, dass Wolfgang zeugungsunf├Ąhig war. Ich dachte nur, dass mich das eigentlich gar nichts anginge, war aber doch froh, dass sie es mir erz├Ąhlt hatte. Meine Eltern kamen in stiller ├ťbereinkunft jetzt immer mich besuchen, ich wollte ihn nicht mehr sehen m├╝ssen. ├ťber ein Jahr verging. Ich dachte schon, ich w├╝rde mich nie mehr verlieben. Dann lernte ich Ralf kennen.

Sybille war es, die mich mit auf diese Party schleppte. Sie selbst hatte zwar eigentlich gar keine Lust dort hinzugehen, weil nur verklemmte Leute dort seien w├╝rden, aber da ich ja offensichtlich auf Spie├čer stehen w├╝rde, lie├č sie keinen Widerspruch zu. Ich holte mir ein Bier nach dem anderen, machte Konversation mit Ingenieuren und Architekten, als mir auffiel, dass irgendwie einer von ihnen nicht mehr von meiner Seite wich. Also betrachtete ich ihn mir n├Ąher und stellte fest, dass er gar nicht so schlecht aussah. Er war mittelgro├č und schlank und hatte einen fast sp├Âttischen Ausdruck im Gesicht, der ihn unheimlich attraktiv machte. Er schien auch nicht einen Augenblick an seinem Erfolg zu zweifeln, jedenfalls legte er schon seinen Arm um mich, bevor wir uns mit Namen vorgestellt hatten. Ich nannte ihn dann einfach Architekt 12, weil er ungef├Ąhr der 12. Architekt dieses Abends war, mit dem ich mich unterhalten hatte. Seinen Arm lie├č ich wo er war, denn die Ber├╝hrung tat mir unerwarteter Weise richtig gut. Ein wenig sp├Ąter k├╝sste er mich, und noch ein wenig sp├Ąter erfuhr ich, dass er Ralf Sennenfelder hie├če und wahnsinnig verliebt in mich sei.
Ich genoss seine Komplimente und die Z├Ąrtlichkeiten, mit denen er mich ├╝berwarf, aber zu mehr war ich an diesem Abend nicht bereit. Er akzeptierte das sofort und imponierte mir dadurch sehr.
Wochen nach dieser Party rief er mich t├Ąglich an, wir gingen oft miteinander essen oder trafen uns bei ihm zu Hause, einer kleinen modernen und aufger├Ąumten Wohnung in einem Altbau. Nur bei mir, in der WG, f├╝hlte er sich nicht wohl, aber er passte da auch wirklich nicht hin. Sybille mochte Ralf ├╝berhaupt nicht und sagte, da w├Ąre sogar der Schreiner bestimmt hundert Mal besser gewesen. Ich widersprach ihr nicht, aber mir gefiel Ralf von Tag zu Tag mehr. Ihm schien alles im Leben einfach zu gelingen. Er hatte immer gute Laune. Aber das Wichtigste war, er schien tats├Ąchlich richtig verliebt in mich zu sein, und das genoss ich unheimlich. Wenn ich ihn besuchen kam, erwarteten mich langsame Musik, Kerzenlicht und ein gutes Essen vom Italiener um die Ecke.
Wir besuchten zusammen meine Eltern in ihrem neuen Haus. Irgendwann musste ich mich dem stellen, und an Ralfs Seite schien es leichter. Aber ich war wahnsinnig nerv├Âs. Meine Mutter schien sich zu freuen, dass ich wieder einen Freund hatte, aber ich glaubte, so richtig sympathisch war er auch ihr nicht. Unser Zusammensein war etwas steif, keiner schien sich wirklich wohl zu f├╝hlen, doch schlie├člich musste man sich auch erst einmal kennen lernen. Ich schlug vor, f├╝r den Abend die Nachbarn zum Essen einzuladen und war ├╝ber meinen eigenen Mut erstaunt. Ich wollte unbedingt Wolfgang wiedersehen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich auf ihn reagieren w├╝rde.

Sein Anblick gab mir einen m├Ąchtigen Stich in mein Herz. Er sah noch immer genauso gut aus, und in meinen Augen verblasste Ralf neben ihm zu einem Schatten. Aber die zwei kamen prima miteinander aus, zumindest hatte es den Anschein. Ralf belegte Wolfgang mit Beschlag, sobald der zur T├╝r herein kam. Ich unterhielt mich mit Angelika, die mir auf einmal gar nicht so unsympathisch vorkam und beobachtete derweil die beiden M├Ąnner, um die sich mein Liebesleben drehte. Vielleicht konnten wir ja wenigstens Freunde werden, dachte ich und sp├╝rte, wie der Schmerz in meinem Herzen zum ersten Mal nicht einfach nur bet├Ąubt war, sondern wirklich nachlie├č. Das hatte ich Ralf zu verdanken. Ich hatte ihn wirklich aufrichtig gerne.
Tags darauf ging ich r├╝ber in die Schreinerei, um mich zu verabschieden. Ich traf zuerst Wolfgangs Vater, der am Eingang der Werkstadt stand und seinem Sohn dabei beobachtete, wie er eine Holzplatte zus├Ągte. Ich stellte mich neben ihn. Wie zu sich selbst sagte Hans: „Es ist sch├Ân, alt zu werden und zu wissen, dass hier alles auch ohne dich l├Ąuft“. Ich wunderte mich ├╝ber die Worte, aber seinen Stolz ├╝ber seinen Sohn konnte ich nachvollziehen. Ich sagte Hans, er solle alle noch von mir gr├╝├čen und verabschiedete mich.
Als wir bei Ralf zu Hause ankamen, schliefen wir miteinander. Ich dachte an Wolfgang. Es w├╝rde vergehen, mit der Zeit, glaubte ich.
Ich zog in Ralfs Wohnung. Es tat mir leid, die WG zu verlassen, aber ich war doch kaum mehr dort gewesen. Es begann eine sch├Âne leichte Zeit. Ralf und ich unternahmen viel gemeinsam, wir hatten keine Geldsorgen, denn wir verdienten beide und hatten nur eine Miete zu bezahlen. Wir hatten jeder seine Freunde und auch mittlerweile ein paar gemeinsame.
Fast unmerklich schlich sich der Alltag ein. Mit ihm verschwanden die langsame Musik und auch die Kerzen. Statt dessen erwarteten mich jetzt schmutzige Socken, wenn ich nach Hause kam. Mein Freund war auch nicht mehr immer gut gelaunt, sondern mehr und mehr m├╝rrisch und unzufrieden. Er schimpfte ├╝ber seinen Arbeitsplatz in einem Architekturb├╝ro, und auch die Komplimente und Aufmerksamkeiten blieben aus.
An einem Morgen sagte ich zu Ralf: „Wir m├╝ssen uns ├╝ber Verh├╝tung unterhalten.“
„Wieso? Du nimmst doch die Pille?“
„Aber ich vergesse sie immer, und dann bekomme ich sofort meine Periode. Mittlerweile habe ich bald jede Woche eine Blutung. Das geht so nicht mehr weiter.“
„Dann musst du eben daran denken, sie zu nehmen.“
„Glaubst du etwa, das h├Ątte ich nicht versucht.“
„Dann geh eben zum Frauenarzt und erkundige dich, was du sonst noch machen kannst.“
Ich ├Ąrgerte mich ma├člos. Als ob das allein mein Problem w├Ąre. Ich hatte einen Chauvinisten zum Freund.
Ich beschloss, ├╝berhaupt nicht mehr zu verh├╝ten. Als er das n├Ąchste Mal mit mir schlafen wollte, sagte ich, das ginge nicht, weil ich nicht mehr verh├╝ten w├╝rde. Darauf verlie├č er beleidigt die Wohnung. Die n├Ąchsten Wochen gifteten wir uns nur an. Jeder lebte sein Leben neben dem anderem her. Ich wusch nur meine W├Ąsche, kochte nur f├╝r mich Essen und lie├č seine Unordnung einfach liegen, wenn ich aufr├Ąumte. Ich konnte ├╝berhaupt nicht einsehen, warum ich alles alleine machen sollte, denn so hatte es sich mit der Zeit ergeben. Als ob ich nicht, genauso wie er, auch arbeiten ginge. Wir wurden beide immer unfreundlicher. Es war kaum mehr zum Aushalten. Dann sagte er, wir m├╝ssten uns unterhalten, womit er nat├╝rlich Recht hatte, nur dass sicher unsere Vorstellungen von dieser Unterhaltung unterschiedlich waren.
„Ich wei├č nicht, was ich dir getan habe, dass du nicht mehr mit mir schlafen willst“ er├Âffnete er das Gespr├Ąch. Ich hatte es von ihm nicht anders erwartet. Als ob das unser Problem w├Ąre, und alles andere sich von selbst bereinigen w├╝rde, wenn wir nur wieder miteinander im Bett w├Ąren. Ich war vollkommen niedergeschlagen, weil ich das Gef├╝hl hatte, ihm mit keinen Worten dieser Welt erkl├Ąren zu k├Ânnen, wie es in mir aussah.
Ich sagte nur zornig: „Du hast ├╝berhaupt kein Anrecht mit mir zu schlafen.“
Er schaute mich verst├Ąndnislos an. Das machte mich noch zorniger.
„Ich koche dir dein Essen, putze deine Wohnung, wasche deine schei├č Str├╝mpfe und Unterhosen, und zur Belohnung soll ich dann noch jeden Abend freudig in dein Bett h├╝pfen?“ giftete ich los. Jetzt war es drau├čen. Ich hatte meinem Zorn Luft verschafft.
Ralf war ganz blass geworden. Mit offenem Mund sa├č er da. Dann sagte er traurig: „Wenn du es so siehst.“
Ich hatte gehofft, dass er auch w├╝tend werden w├╝rde, denn ich h├Ątte mich gerne so richtig sch├Ân gestritten. Statt dessen stand er auf, nahm mich in den Arm und fl├╝sterte mir in mein Ohr: „Ich liebe dich doch.“
Dann begann er aufzur├Ąumen.
Am n├Ąchsten Tag hatte er Pariser gekauft. Und er kochte f├╝r mich. Es schmeckte grausam. Danach schliefen wir zusammen. Wir verga├čen die Kondome.



Ein paar Tage sp├Ąter rief meine Mutter an.
„Hans ist gestorben“ sagte sie weinend, „er hatte einen Herzinfarkt. Wolfgang hat ihn in der Werkstatt gefunden. Er lag am Boden, und sein K├Ârper war schon kalt.“
„Um Gottes Willen“ brachte ich nur hervor. Das war unsagbar schrecklich.

Ich fuhr auf die Beerdigung, alleine, ohne Ralf. Er hatte Hans ja noch weniger gekannt als ich. Am Grab umarmte ich zuerst Ursel, sagte ihr, wie unendlich leid mir das t├Ąte. Was sollte ich sonst sagen? Sie war ganz gefasst, wahrscheinlich, weil sie die Beerdigung nicht ├╝berstanden h├Ątte, wenn sie sich h├Ątte gehen lassen. Ich hatte Tr├Ąnen in den Augen, als ich Wolfgang gegen├╝ber stand. In diesem Moment liebte ich ihn so sehr. Ich wollte nur, dass er wieder gl├╝cklich w├Ąre, ganz unabh├Ąngig von mir. Es tat mir so leid, ihn so traurig zu sehen. Ich nahm ihn in den Arm, und wir standen ganz lange so. Ich sp├╝rte, dass er meinen Trost wollte. Aber ich sp├╝rte auch, wie gut unsere K├Ârper zusammen passten. Nicht sexuell. Einfach nur Liebe war da und ├╝bertrug sich von mir auf ihn. Aus den Augenwinkeln nahm ich Angelika wahr, die traurig neben Wolfgang stand. Deshalb lie├č ich ihn los.
Bei dem folgenden Leichenschmaus erz├Ąhlte ich Wolfgang von dem, was mir sein Vater k├╝rzlich in der Werkstatt erz├Ąhlt hatte, als ich mich verabschieden wollte. Ich konnte mir denken, dass er sich Sorgen machte, wie es jetzt mit der Schreinerei weiterginge. Ich wollte, dass er wusste, dass sein Vater ihm voll vertraut hatte. Wolfgang weinte, als er die Worte seines Vaters h├Ârte. Ich war genauso ungl├╝cklich wie er. Ich fragte mich, ob ich auch mit Ralf so mitf├╝hlen w├╝rde, aber ehrlich gesagt, konnte ich mir das nicht vorstellen. In diesem Moment dachte ich dar├╝ber nach, mich von Ralf zu trennen. Es w├╝rde ihm das Herz brechen, denn trotz all unserer Schwierigkeiten rechnete er damit ├╝berhaupt nicht.

Eine Woche sp├Ąter kam ich mit Ralf zusammen wieder. Ich wollte sehen, wie es den Halls ginge. Es war furchtbar. Ursel kam mit dem Tod ihres Mannes ├╝berhaupt nicht zu recht. Sie weinte viel, und war nicht f├Ąhig den Haushalt zu erledigen. Den machte statt dessen Wolfgang auch noch mit. Es hing jetzt alles an ihm. Die Firma, mitsamt der B├╝roarbeiten, seine Mutter, die vollkommen fertig war, und zumindest der Haushalt von Ursel. Ich hoffte inst├Ąndig, dass Angelika wenigstens den von ihr und Wolfgang alleine erledigte, denn arbeiten ging sie zumindest meines Wissens nicht.
Ich schaute mit Ursel zusammen alte Fotos von ihrem Mann an, und sie erz├Ąhlte mir dabei viel von ihm. So lernte ich ihn wenigstens im Nachhinein ein wenig kennen, die paar Male, wo ich ihn gesehen hatte, hatte ich ja nur Augen f├╝r seinen Sohn gehabt. Ich begann Respekt vor Hans zu haben. Er hatte viel geleistet und viel durchgemacht. Er war im Krieg gewesen, dann in russischer Gefangenschaft, damals musste er ein ganz junger Mann gewesen sein. Wie konnte man damit fertig werden, nach Hause kommen und schon kurze Zeit sp├Ąter eine Firma aufbauen? Ich dachte an meine eigenen Gef├╝hle wegen Wolfgang damals, als es mir so schlecht ging, und wie gel├Ąhmt ich gewesen war, ich h├Ątte nichts fertig bringen k├Ânnen. Was war denn schon mein bi├čchen Liebeskummer gegen einen Krieg? Woher hatte ich das Recht genommen, mich so gehen zu lassen? Und Wolfgang jetzt, wie er schaffte und schaffte und sich nichts anmerken lie├č, von seinem eigenem Schmerz, wie er seine Mutter tr├Âstete, mit ihr redete bis sie abends eingeschlafen war. Nie mehr w├╝rde ich so ein Waschlappen sein. Ich schwor mir, egal, was noch auf mich zuk├Ąme im Leben, ich w├╝rde versuchen, stark zu sein.
Ralf verstand nicht, warum ich so viel Zeit mit den Nachbarn meiner Eltern verbrachte. Nat├╝rlich sei es schlimm f├╝r sie, aber ich w├╝rde die Leute doch kaum kennen, sagte er zu mir, kurz bevor wir wieder nach Hause fuhren. Ich antwortete nicht, wir waren einfach zu verschieden.

Dann kam der Abend, an dem Ralf mir er├Âffnete, dass er eine Stelle in Singapur bekommen k├Ânnte. Er m├╝sse nur noch den Vertrag unterschreiben. Man w├╝rde dort eine internationale Schule bauen, und er w├Ąre der Bauleiter.
„Was h├Ąltst du davon?“ fragte er mich.
Ich war v├Âllig ├╝berrascht. „Was soll ich jetzt davon halten?“
„Ich meine, k├Ânntest du dir vielleicht vorstellen, mit mir zu kommen?“
Nein. Nein. Nein. Das konnte ich mir nicht, absolut nicht vorstellen.
„Das kommt jetzt ziemlich pl├Âtzlich“ sagte ich.
„Ich wei├č. Wir haben auch drei Monate Zeit, uns zu entscheiden. Bitte, denk mal dr├╝ber nach.“
Ich musste nicht dar├╝ber nachdenken. Meine Entscheidung stand sofort fest. Au├čerdem hatten wir keine drei Monate Zeit, denn Ralf musste schon 4 Wochen sp├Ąter den Vertrag unterschreiben. Es war genau das Richtige f├╝r ihn. Auf so eine Chance hatte er immer gewartet. Er wollte der Chef sein. Ich konnte ihm diese Gelegenheit nicht nehmen, aber ich konnte auch nicht mit ihm fahren. Ich erz├Ąhlte ihm nichts davon, dass meine Tage lange ├╝berf├Ąllig waren, und er unterschrieb den Vertrag. Er wollte so oft nach Hause fliegen, wie m├Âglich. Und ich k├Ânnte ihn ja auch besuchen kommen. Er glaubte tats├Ąchlich, dass er beides haben k├Ânnte, mich und diese Stelle. In Wahrheit hatte er mich l├Ąngst verloren, und mit seiner Unterschrift hatte er das besiegelt.
Ralf gab ein paar Tage vor seinem Abflug ein gro├čes Abschiedsfest f├╝r all seine Freunde. Ich trank kaum einen Schluck Alkohol an diesem Abend, obwohl ich schon wusste, es w├╝rde auch meines sein. Ich hatte ebenfalls vor, umzuziehen, wenn auch nicht nach Singapur. Ich w├╝rde nach Hause fahren, zu meinen Eltern. Ich war im 4. Monat schwanger. Ralf hatte ich noch immer nichts davon erz├Ąhlt.

Sybille und Andreas aus meiner ehemaligen WG halfen mir bei all dem, was zu erledigen war. Ich k├╝ndigte den Mietvertrag von Ralfs Wohnung, das Telefon und mein Bankkonto. Die M├Âbel, die alle ihm geh├Ârten, stellten wir bei einem Freund von Andreas unter, der einen riesigen Keller hatte. Auch meine Arbeit musste ich k├╝ndigen, obwohl ich damit auf den Mutterschafts- Urlaub verzichtete. Aber ich wollte keinen Tag l├Ąnger, als unbedingt n├Âtig mehr hier bleiben. Es war nicht Wolfgang, warum ich unbedingt zu meinen Eltern wollte, diesmal war es tats├Ąchlich meine Mutter. Ich war schwanger, ich war alleine, und ich brauchte Hilfe. Ich wollte zu einem Menschen, den ich liebte, und der sich mit mir zusammen auf dieses Kind freuen w├╝rde.
Ich feierte meinen Abschied in meiner ehemaligen WG. Am n├Ąchsten Morgen fuhr ich, nur eine Tasche auf dem Gep├Ącktr├Ąger, mit meinem Motorrad nach Hause. Meine Eltern wussten noch nichts von ihrem Gl├╝ck.



Diesmal traf ich zuerst auf Wolfgang, der gerade aus der T├╝r meines Elternhauses kam.
„Sabine.. !“ rief er begeistert.
„Wolfgang“ sagte ich genauso ├╝berrascht und einfallslos wie er.
„Wie lange bleibst du?“ wollte er gleich wissen, er schien sehr in Eile.
„Lange.“ Mehr wollte ich zwischen T├╝r und Angel nicht zu ihm sagen.
„Diesmal darfst du aber nicht einfach so sang- und klanglos wieder verschwinden, ohne mir vorher Bescheid zu sagen. Du brichst mir jedes Mal das Herz.“
Ich versprach es, gl├╝cklich ├╝ber die warmherzige Begr├╝├čung. Ich h├Ątte ihn schon fr├╝her mal ├╝berraschen sollen. Die Freude stand ihm wirklich im Gesicht geschrieben. Er sah mit seinen 30 Jahren aus, wie ein kleiner Bub kurz vor Weihnachten. All meine Probleme schienen sich in Luft aufzul├Âsen. Es hatte sich nichts ge├Ąndert, mein Wohlbefinden hing allein von der Zuneigung dieses Mannes ab. Wenn er mich schon als Frau nicht wollte, musste ich mich eben damit begn├╝gen, ein Freund zu sein. Aber wie hatte ich nur glauben k├Ânnen, mit Ralf gl├╝cklich zu werden?
„Wir sehen uns sp├Ąter.“ sagte er.
„Versprochen?“ Nichts war mir lieber.
„Versprochen!“ gab er lachend zur├╝ck, dann eilte er davon.
Alles w├╝rde gut werden, wenn der Tag so freudig begann. Ermutigt trat ich ins Haus. Mein Vater kam mir schon entgegen. Es war Samstag, er hatte frei. Ich umarmte ihn. So lange hatte ich ├╝berlegt, wie ich ihnen diesen Schlamassel beibringen k├Ânnte, sie wussten ja nicht einmal, dass ich kommen w├╝rde. Aber auch Papa schien sich wahnsinnig zu freuen, mich zu sehen. Ich hielt ihn noch in meinem Arm und sagte einfach: „Ich bin schwanger.“. So war schon mal das Wichtigste gesagt, ohne dass ich ihm dabei in das Gesicht sehen musste.
„Das gibt’s doch nicht!“ stotterte er.
„Doch.“
„Wei├č es Mutter schon?“ fragte er und rief, ohne meine Antwort abzuwarten nach meiner Mutter: „Monika, komm doch mal. Sabine ist schwanger.“
Mama kam, mit v├Âllig verdutztem Gesicht. Sie hatte bisher nicht mal meine Ankunft mitbekommen, wie es schien.
„Schatz, was machst du denn hier?“
„Sabine ist schwanger.“ wiederholte mein Vater aufgeregt. Er schien ganz au├čer sich.
Meine Mutter brauchte nur einen kurzen Augenblick, dann erschien auf ihrem Gesicht ein breites Lachen, und sie nahm mich in den Arm, um mich ganz fest zu dr├╝cken. Die erste H├╝rde war genommen.
Ich kochte mit Mama zusammen das Mittagessen. Das hatten wir schon so oft gemacht, und es war immer eine prima Gelegenheit, sich miteinander zu unterhalten.
Ich musste mich nicht sehr anstrengen mit dem Erz├Ąhlen, denn sie erfragte von sich aus alles, was wichtig war.
„Wei├č es Ralf schon?“
„Nein, um ehrlich zu sein.“
„Wie? Nein? Wie weit bist du denn schon?“
„Im 4.Monat.“
„Und er wei├č es noch nicht? Habt ihr euch getrennt?“
„Er ist in Singapur.“
„In Singapur? Wo in aller Welt ist das denn, und was macht er da?“
„Er ist dort Bauleiter bei einem Projekt. Sie bauen eine internationale Schule.“
„Du musst es ihm sagen. Er kommt bestimmt zur├╝ck.“
„Mama, ich will nicht, dass er zur├╝ck kommt.“
„Habt ihr euch doch getrennt?“
„Noch nicht. Aber ich werde mich von ihm trennen.“
„Um Gottes Willen, das Kind ist doch von ihm, ...?“
„Ja, das Kind ist von ihm.“
Meine Mutter legte eine kurze Verschnaufpause ein. Das musste sie erst einmal verarbeiten.
„So richtig gemocht habe ich ihn eigentlich nicht.“ begann sie das Gespr├Ąch von Neuem.
„Ich wei├č.“
„Vielleicht ist es besser so.“
„Es ist besser so.“
„Aber wie willst du ihm das Alles beibringen?“
„Ich hoffe, ehrlich gesagt, dass es sich von alleine erledigt, wenn er erst mal eine Zeit da unten ist.“
„Wie meinst du das?“
„Er wird eine andere kennen lernen.“
„Meinst du?“
Ich nickte.
„Aber das Kind. Du musst es ihm sagen.“
„Ja, das muss ich wohl. Ich wei├č nur noch nicht, wann und wie.“
Wir verstummten erneut f├╝r einen kurzen Moment. Bis Mama die n├Ąchste Frage einfiel.
„Aber was hast du denn jetzt vor?“
Jetzt kam das Schwierigste. „Also... , wenn ihr nichts dagegen h├Ąttet, w├╝rde ich..., also nur, wenn das f├╝r euch nicht zu viel w├Ąre, ihr m├╝sst es ehrlich sagen, ich w├╝rde gerne... „
Nun war es meine Mutter, die nach meinem Vater rief. „Werner, Werner, Sabine kommt zur├╝ck. Sie will bei uns bleiben.“. Und mit diesen Worten lief sie nach oben, wo mein Vater in dem kleinen Arbeitszimmer sa├č und die Zeitung las. Ich atmete auf, es sah so aus, als ob sie sich ├╝ber diese Neuigkeit freuen w├╝rde. Und wenn sie sich freute, dann freute Papa sich auch. Ich legte meine H├Ąnde auf meinen Bauch. Er war schon ein ganz klein wenig vorgew├Âlbt. Ich legte eine Hand auf meine linke Brust, sie war gr├Â├čer als sonst und ganz prall. Mein K├Ârper f├╝hlte sich gut an. Er f├╝hlte sich ganz wahnsinnig gut an. Es war Zeit, sich auf das Kind zu freuen. Ich fing an zu Heulen.




Nach dem Mittagessen ging meine Mutter zu Ursel, um nach ihr zu schauen. Es ging ihr immer noch nicht gut. Seit dem Tod ihres Mannes war sie zunehmend zerstreut, dabei war sie erst Anfang 60. Zwar konnte sie die t├Ąglichen Arbeiten mittlerweile wieder alleine verrichten, und Essen bekam sie bei Angelika und Wolfgang, aber hin und wieder verga├č sie, die Kaffeemaschine auszuschalten, oder Waschmittel in die Waschmaschine zu f├╝llen oder ├Ąhnliches, so dass man des ├ľfteren nach ihr schauen musste. Das hatte Mama ├╝bernommen, um Wolfgang zu entlasten. Angelika k├Ânnte man Ursel nicht zumuten, hatte meine Mutter gesagt, die w├╝rde immer unausstehlicher. Nat├╝rlich k├Ânne sie einem leid tun, wo sie sich doch so ein Kind gew├╝nscht hatte, aber warum hatte sie denn dann keines adoptiert?
‚Oder warum haben sie sich nicht einfach getrennt?’ f├╝gte ich im Stillen hinzu.
Ich begleitete meine Mutter, denn ich wollte Ursel auch gerne wiedersehen. Bei ihrem Anblick erschrak ich, sie sah gut 10 Jahre ├Ąlter aus, als ich sie das letzte Mal gesehen hatte. Aber immerhin erkannte sie mich und wusste auch gleich meinen Namen. Wir erz├Ąhlten ihr vorerst noch nichts von meiner Schwangerschaft, denn sicher litt auch sie darunter, dass Wolfgang, ihr einziges Kind, keine Kinder bekommen konnte. Ursel kochte uns Kaffee, wir sprachen mit ihr ├╝ber Politik. So schien sie geistig vollkommen fit zu sein. Es war schwer zu verstehen, woher ihre Zerstreutheit kam, und auch die ├ärzte wussten es nicht. Man hatte alle m├Âglichen Untersuchungen gemacht, aber nichts gefunden. Ursel selbst litt sehr darunter, denn sie war sich dieses Problems sehr wohl bewusst. „Wenn Hans noch leben w├╝rde...“ sagte sie immer dann, wenn sie wieder einmal etwas Wichtiges vergessen hatte, beendete aber ihren Satz nie, so dass keiner wusste, ob sie damit meinte, dass ihr dann diese Dinge nicht passieren w├╝rden, oder ob sie sich vor ihm sch├Ąmen w├╝rde.
Am Nachmittag ging ich eine Runde Joggen. Ich wusste nicht, wie lange ich dazu noch in der Lage sein w├╝rde. Bisher ging es mir k├Ârperlich gut. Ich litt nicht unter ├ťbelkeit und hatte auch ansonsten keinerlei Beschwerden. Das wollte ich ausnutzen, so lange es ging. Ich w├Ąhlte eine Strecke durch den nahe gelegenen Wald. Das Laufen war wunderbar, obwohl es schon ziemlich kalt war, denn es war November. Aber ich genoss die Ruhe im Wald. Ich h├Ârte nichts anderes, als das Ger├Ąusch meiner Schuhe auf dem Weg und mein eigenes Atmen. Und ich war ganz alleine im Wald unterwegs, niemand begegnete mir, und auch das liebte ich. Ich f├╝hlte mich eins mit der Natur, und ich dachte an das Kind in meinem Bauch und f├╝hlte mich auch eins mit ihm. Alle unangenehmen Gedanken wollte ich bis auf Weiteres von mir schieben. In ein paar Tagen, oder sogar Wochen, w├╝rde auch noch Zeit sein, sich damit auseinander zu setzen.

Wolfgang sa├č mit meinem Vater in der K├╝che, als ich nach Hause kam.
„Ich halte meine Versprechen.“ sagte er l├Ąchelnd. Ich setzte mich zu ihnen. Sie tranken Bier, mein Vater ging in den Keller, um auch mir eines zu holen.
Ich nutzte die Gelegenheit und sagte: „Ich ziehe bei meinen Eltern ein.“
„Wann?“ fragte Wolfgang.
„Ab jetzt.“
„ Oh,...Ralf auch?“
„Nein. Wir werden uns trennen.“
„Das... tut mir sehr leid.“
„Das muss dir nicht leid tun, mir tut es das auch nicht.“
„Oh, na dann, dann freue ich mich, dass du hier bleibst.“
„Ich bin schwanger.“ Ich wollte ihm gleich alles erz├Ąhlen, solange wir noch alleine waren.
„Oh! Das... freut mich auch, wenn es dich freut.“. Er schaute mich fragend an.
„Mich freut es. Ich bin selbst ├╝berrascht, wie sehr es mich freut. Ich glaube, ich bin noch nie in meinem Leben so gl├╝cklich ├╝ber etwas gewesen, wie ├╝ber diese Schwangerschaft.“
Er l├Ąchelte und fragte, ob man denn schon etwas sehen k├Ânne, dann stand er auf, ging um den Tisch herum auf mich zu, und legte seine gro├če Hand ganz sachte auf meinen Bauch. Es war fast, als ob er der Vater w├Ąre, und mir schossen schon wieder die Tr├Ąnen in die Augen. Schnell nahm er seine Hand weg, als er das sah.
„Hat sie dir schon die gro├če Neuigkeit erz├Ąhlt?“ fragte mein Vater, der in diesem Moment wieder zu uns kam.
„Ja, ich freue mich auch f├╝r euch.“ Wolfgang legte Papa einen Arm um die Schulter. Mein Vater war ganz stolz, dass er bald Opa werden w├╝rde. Die beiden fingen schon an, sich Namen f├╝r das Ungeborene auszudenken. Soweit hatte ich noch nicht einmal gedacht. Wolfgang schien sich wirklich aufrichtig mit mir zu freuen. Leider verlie├č er uns gleich nach dem Bier. Er hatte noch B├╝roarbeiten zu erledigen.
Ich ging fr├╝h zu Bett und dachte mal wieder ├╝ber den vergangenen Tag nach. Alles h├Ątte nicht besser laufen k├Ânnen. Nur eines war schwerer als gedacht. Und das waren meine Gef├╝hle f├╝r Wolfgang. So oft hatte ich sie bet├Ąubt, niedergedr├╝ckt, versucht zu vergessen. Aber sah ich ihn auch nur einmal wieder, egal wie kurz das war, schienen sie sofort noch st├Ąrker aufzuleben, als je zuvor. Wie w├╝rde das werden, wenn ich ihn von nun an so oft sehen w├╝rde?
Kurz vor dem Einschlafen hatte ich eine Idee. Ich w├╝rde ihm im B├╝ro helfen. Ich hatte ja jetzt viel Zeit.
Es war, als ob ich mich selbst qu├Ąlen wollte.



Am n├Ąchsten Morgen weckte mich meine Mutter sehr fr├╝h. Ralf war am Telefon, hatte gefragt, ob ich hier sei. Unter unserer Nummer sei niemand mehr zu erreichen. Das wunderte mich nicht, denn den Anschlu├č hatte ich abgemeldet. Noch m├╝de ging ich an den Apparat.
„Hallo Ralf.“
„Hallo Sabine. Wieso ist unser Telefon abgemeldet?“
Seine Stimme klang erstaunlicher Weise ganz nah, als l├Ągen nicht fast 10000 km zwischen uns. Ich hatte keine Ahnung, was ich ihm jetzt sagen sollte und z├Âgerte daher einen Moment.
„Wieso bist du bei deinen Eltern?“
Irgend etwas mu├čte ich ihm antworten. Warum nicht gleich alles erz├Ąhlen? Dann hatte ich es wenigstens hinter mir.
„Ich bin hierher gezogen, weil ich im 4.Monat schwanger bin. Ich habe es dir noch nicht eher gesagt, weil ich schon l├Ąnger in unserer Beziehung nicht mehr gl├╝cklich war. Ich mu├č ├╝ber vieles nachdenken und brauche Zeit.“
Wums. Das war’s. Hatte ich das tats├Ąchlich so gesagt? Einfach so am Telefon? War ich ein Ungeheuer? Das hatte Ralf wirklich nicht verdient. Er konnte ja eigentlich gar nichts dazu.
Schweigen am anderen Ende der Leitung, am anderen Ende der Welt.
„Ralf? Es tut mir so verdammt leid...!“
Immer noch Schweigen.
„Ich wollte dir nicht weh tun.“
„Ist das Kind von mir?“
„Nat├╝rlich, was denkst du denn?“
Wie konnte er nur daran zweifeln?
„Ich komme sofort heim, ich meine zu deinen Eltern, wir reden ├╝ber alles. La├č uns noch einmal ganz von vorne beginnen.“
„Nein. Ich m├Âchte das nicht. Es tut mir leid. Ich m├Âchte im Moment nichts als meine Ruhe und alleine sein.“
„Warum hast du es mir nicht vorher gesagt? Ich h├Ątte doch diese Stelle niemals angenommen.“
„Dann h├Ątte ich mich irgendwann von dir getrennt, und du h├Ąttest gar nichts mehr gehabt.“
„Aber es ist doch auch mein Kind.“
„Es ist doch noch nicht mal auf der Welt.“
Pause.
Dann sagte Ralf sarkastisch:
„Ich, ... ich brauche auch Zeit. Ich melde mich wieder. Meine Handy- Nummer hast du ja auch, falls du doch einmal das Bed├╝rfnis haben solltest, mit mir ├╝ber irgend etwas zu sprechen, was mich genauso viel angeht wie dich. Mach’s gut.“
Die Verbindung war unterbrochen, bevor ich mich verabschieden konnte.
Er war stinksauer und zutiefst getroffen, und das vollkommen zu Recht. Ich hatte mich ihm gegen├╝ber benommen wie ein Schwein. Was war nur in mich gefahren. Er konnte doch wirklich nichts daf├╝r, da├č ich ihn nicht liebte. Ich ging wieder in mein Zimmer, und weinte und weinte. Ich konnte nicht mehr aufh├Âren damit. Meine Mutter kam und wollte mich tr├Âsten, aber ich wollte das nicht. Ich wollte alleine sein, nicht dar├╝ber reden m├╝ssen. Ich erinnerte mich wieder, warum ich damals vor vielen Jahren unbedingt hatte ausziehen wollen. Ihre m├╝tterliche F├╝rsorge hatte mich erdr├╝ckt.
Sie sagte, er w├╝rde mich schon verstehen mit der Zeit, und wir w├╝rden uns einig werden ├╝ber alles. Ich glaubte nicht daran. Ich war hundsgemein gewesen. An seiner Stelle w├╝rde ich mir nicht verzeihen, niemals.

Die n├Ąchsten Tage war ich niedergeschlagen. Ich merkte sogar, da├č ich Ralf vermisste, jetzt wo ich seine Liebe verspielt hatte f├╝r alle Zeiten. Manchmal war ich tats├Ąchlich kurz davor, ihn anzurufen, weil ich mir w├╝nschte, er w├Ąre hier bei mir. Aber ich wu├čte, dass dieses Gef├╝hl nicht lange anhalten w├╝rde und rief ihn nicht an. Statt dessen schrieb ich ihm einen Brief, in dem ich ihn aufrichtig um Entschuldigung bat. Ich versuchte ihm zu erkl├Ąren, wie es in mir ausgesehen hatte die letzte Zeit, und warum ich mich von ihm trennen wollte. Ich war sehr ehrlich, wenn auch nicht ganz, denn ich schrieb nichts von Wolfgang. Ich erkl├Ąrte, dass ich ihm sein Kind nicht wegnehmen wollte, und dass ich hoffte, wir w├╝rden eine M├Âglichkeit finden, uns zu einigen, schon alleine dem Kind zu Liebe. Der Brief war am Ende mehrere Seiten lang. Ich brachte ihn gleich zur Post. Danach ging es mir ein wenig besser. Ich hoffte, er w├╝rde nicht allzu lange unterwegs sein, ich hatte ihn per airmail geschickt. Vielleicht konnte Ralf mir doch noch verzeihen.

Ob die Schwangerschaft dazu beitrug, dass ich in letzter Zeit so unter Stimmungsschwankungen litt? Von oberster Gl├╝ckseligkeit bis hin zu echten Depressionen hatte ich alles erlebt. Nie wu├čte ich, wie es mir auch nur 5 Minuten sp├Ąter gehen w├╝rde. Manchmal sah ich ganz optimistisch in die Zukunft und war fest davon ├╝berzeugt, alles w├╝rde gut werden. Dann wurde ich auch schon wieder von Sorgen ├╝bermannt und f├╝hlte mich einsam und kraftlos. Es waren gen├╝gend Probleme da, ├╝ber die ich mir den Kopf zerbrechen konnte. Alleine die finanzielle Seite war schon schwierig genug. Ich hatte ein bi├čchen Geld gespart, seit ich mit der Ausbildung fertig gewesen war. Vorerst konnte ich umsonst bei meinen Eltern wohnen und essen, so dass ich kaum Geld ben├Âtigte, aber das war kein Dauerzustand. Wenn das Kind erst einmal da war, wollte ich mich nach einer Stelle hier in der N├Ąhe umsehen, aber ich hatte ja auch noch nichts f├╝r das Kind. Und ein Auto w├╝rde ich ebenfalls brauchen. Ich konnte schlie├člich schlecht mit einem Baby Motorrad fahren.
Es blieb mir nichts anderes ├╝brig, als alles auf mich zukommen zu lassen. Im Moment konnte ich nichts ├Ąndern. Kommt Zeit kommt Rat, dachte ich mir. Es war ein schwacher Trost.


Vorerst mu├čte ich mich zumindest irgendwie besch├Ąftigen. Ich hatte schon meine alten Freunde alle mehrmals aufgesucht, vor allem die wenigen, die selbst mittlerweile Kinder hatten. Aber das st├Ąndige Rumsitzen oder Spazierengehen ging mir mittlerweile m├Ąchtig auf die Nerven. Ich wollte etwas Sinnvolles tun. Daher ging ich eines Abends in die Schreinerei. Ich wu├čte, dass Wolfgang um diese Tageszeit immer in dem kleinen B├╝ro neben der Werkstatt arbeitete, und wollte meine Idee von neulich in die Tat umsetzen, ihm bei der kaufm├Ąnnischen Arbeit zu helfen. Als ich dann tats├Ąchlich neben ihm stand, war ich sehr nerv├Âs. Im Bett, in Gedanken, war es mir ganz einfach erschienen, ihn zu fragen. Jetzt kamen mir Bedenken. Was war, wenn er es gar nicht wollte?
Aber er war sofort ganz angetan von meinem Vorschlag. Ich w├╝rde ihm damit einen riesigen Gefallen tun, sagte er und holte einen Stuhl, den er neben sich an den Schreibtisch stellte. Dann zeigte er mir, wie sie ihre Angebote, Rechnungen und Mahnungen schrieben. Es war alles ganz einfach, ich fand mich sofort gut zu Recht.
Schon bald lies Wolfgang mich alleine an seinem Schreibtisch und ging hin├╝ber, um die Werkstatt zu s├Ąubern. Ich hatte gut eine Stunde zu tun, Wolfgang war schon gegangen, nachdem er mich mehrmals gefragt hatte, ob das auch wirklich in Ordnung sei. Danach schloss ich das B├╝ro mit dem Schl├╝ssel ab, den er mir gegeben hatte. Ich war m├Ąchtig stolz.
Jeden Morgen arbeitete ich seitdem knapp zwei Stunden in dem kleinen B├╝ro. Oft war Wolfgang zu dieser Zeit nebenan in der Werkstatt besch├Ąftigt. Manchmal auch Klaus, ein Schreiner, den Hans vor mehr als 10 Jahren angestellt hatte. Wir drei kamen prima miteinander aus. Wenn ich zur Arbeit kam, kochte ich als erstes Kaffee f├╝r die Fr├╝hst├╝ckspause der M├Ąnner. Manchmal putzte ich sogar die Toilette. Abends kam ich manchmal in die Werkstatt und half Wolfgang beim Aufr├Ąumen. Ab und zu fuhr ich sogar mit einem kleinen LKW Material holen. Ich machte alles das freiwillig und gerne, was ich bei Ralf als Zumutung empfunden h├Ątte. Ich h├Ątte sogar Wolfgangs Socken gewaschen, aber das machte ja Angelika.
Nach ein paar Wochen kam er zu mir in das B├╝ro. Er hatte eine Abrechnung ├╝ber meine Arbeitszeit bei sich und wollte mir Geld geben, das ich aber nicht annehmen wollte. Er bestand darauf mich zu bezahlen, und ich wollte auf keinen Fall Geld von ihm haben. Zum ersten Mal, seit wir uns kannten, bekamen wir Streit. Das war nun wirklich das Letzte, was ich gewollt hatte. Es ging soweit, dass Wolfgang sagte, er k├Ânne meine Hilfe nicht mehr annehmen, und ich erwiderte, dann k├Ąme ich eben nicht mehr.
Pl├Âtzlich verstummten wir. Wie zwei Boxer nach der ersten Runde, standen wir uns in seinem B├╝ro gegen├╝ber. Mir kam der absurde Gedanke, ihn zu k├╝ssen.
Bei Ralf hatte ich immer jede k├Ârperliche Ber├╝hrung abgelehnt, wenn wir uns gestritten hatten. Jetzt hatte ich ein geradezu schmerzhaftes Verlangen, Wolfgang zu ber├╝hren.
„Ich m├Âchte aber gerne, dass du weiter machst.“ sagte er vollkommen unerwartet, und ich dachte: „Mein Gott, wie ich diesen Mann liebe.“
„Wei├čt du ├╝berhaupt, wie viel Spa├č mir das hier macht?“ fragte ich ihn.
Er trat einen Schritt n├Ąher, sagte: „Du musst aber auch mich verstehen. Ich kann deine Hilfe nicht annehmen, wenn ich sie nicht bezahlen darf. Au├čerdem ist es doch nicht mein Geld, es ist von der Firma.“
Wir einigten uns darauf, dass er mir t├Ąglich die zwei Stunden B├╝roarbeit bezahlte. Wenn ich aber abends mit aufr├Ąumte, war das freiwillig und unbezahlt.
Wir waren verschiedener Meinung gewesen, wir waren laut geworden, wir hatten einen richtig handfesten Streit gehabt, aber wir hatten uns unterhalten, wir hatten uns geeinigt, und es war ├╝berhaupt nicht schwer gewesen. Das hatte ich in meinem Leben bisher nicht mit vielen Menschen zu Stande gebracht.
Am n├Ąchsten Abend war Wolfgang noch am Arbeiten, als ich aufr├Ąumen wollte. Er schreinerte ein Babybett.



Meine Eltern hatten ihren Abstellraum im Erdgeschoss ausger├Ąumt. Er war gerade so gro├č, dass ihr Bett herein passen w├╝rde. Ich sollte mit meinem Baby den gesamten ersten Stock zur Verf├╝gung haben. Ich war zu Tr├Ąnen ger├╝hrt. Es war bald Weihnachten. Ich war im sechsten Monat schwanger. Mein Kind w├╝rde Tanja oder Martin hei├čen.

Ich rief Ralf an. Er hatte sich nicht mehr gemeldet, seit unserem letzten Gespr├Ąch.
Er meldete sich gesch├Ąftsm├Ą├čig: „Sennenfelder speaking, hallo“
„Hallo, ich wollte nur mal h├Âren, wie es dir geht.“
Sein Tonfall ├Ąnderte sich schnell. Er wurde ├Ąrgerlich, traurig, ich konnte es nicht so genau sagen: „Sabine...“
„Was macht der Job?“ fragte ich, nur um etwas zu sagen.
Aber er antwortete nicht auf meine Frage. „Wie geht es dir?“ fragte er zur├╝ck.
„Gut. Es ist alles in Ordnung mit der Schwangerschaft.“
„Ich komme im Januar. Eigentlich wollte ich dich ├╝berraschen.“
Ich wollte etwas Nettes erwidern. „Das ist gut. Ich freue mich, dann k├Ânnen wir ├╝ber alles sprechen.“
„Wie siehst du aus? Ist dein Bauch schon sehr rund?“
Wie sah ich aus? Ich hatte mir wenig Gedanken darum gemacht. „Die Hosen passen nicht mehr.“
Ich benutzte zur Zeit einen Haargummi, um sie zu verschlie├čen, aber lange w├╝rde auch das nicht mehr funktionieren.
„Hast du meinen Brief schon bekommen.“
„Ich lese ihn jeden Tag.“
„Und wie geht es dir?“
Er antwortete ehrlich: „Nicht sehr gut.“
„Ist denn wenigstens die Arbeit so, wie du sie dir vorgestellt hast?“
„Es ist sehr stressig.“
Mir fiel nichts mehr ein, was ich noch zu ihm sagen k├Ânnte. Dabei stand so viel ungesagtes zwischen uns.
Es war seltsam, am Telefon zu schweigen. Man hatte immer das Gef├╝hl, etwas sagen zu m├╝ssen.
„Ja dann,“ beendete Ralf schlie├člich das Gespr├Ąch, „wir sehen uns im Januar.“
„Ich freue mich.“ meinte ich nicht ganz der Wahrheit entsprechend. Ich hatte eher Angst davor.
„Ich mich auch. Lass es dir gut gehen.“
Ich nahm an, auch er f├╝rchtete sich davor, wenn er ehrlich war.


Weihnachten verbrachte ich mit meinen Eltern alleine. Es waren sehr ruhige Tage. Ich war froh, als die Feiertage vor├╝ber waren, und die Firma Hall ihren Betrieb wieder aufnahm.
An Silvester feierte Sybille ein gro├čes Fest in der WG. Es waren viele nette Leute da. Wir diskutierten und tanzten bis zum n├Ąchsten Morgen. Das hatte ich schon lange nicht mehr gemacht, und es tat gut, sich mal wieder so richtig jung zu f├╝hlen. Das Jahr 1981 hatte begonnen. Mein kleines Kind in mir wuchs pr├Ąchtig heran. Ich konnte seine Bewegungen schon f├╝hlen.

Der Januar kam und mit ihm Ralf. Ich hatte keine Ahnung, wie lange er bei uns bleiben wollte, bis er da war. Als sich dann heraus stellte, da├č er uns schon am gleichen Tag wieder verlassen wollte, war ich mehr als erleichtert, obwohl ich mich daf├╝r sch├Ąmte. Aber in seiner Gegenwart f├╝hlte ich mich wie ein Schwerverbrecher. Es war mittag als er kam, wir gingen zusammen in eine Pizzeria am Ort, damit wir uns ungest├Ârt unterhalten konnten.
Gleich nach dem wir uns gesetzt hatten sagte er: „Gut siehst du aus.“
Ich konnte das Kompliment nur zur├╝ck geben. Er war von der Sonne gebr├Ąunt und attraktiver als je zuvor. Ich dagegen mit meinem Bauch kam mir eher vor wie ein Schwerlasttransporter, als wie eine h├╝bsche junge Frau.
Wir bestellten eine Cola und die Speidekarte.
„Ich werde wahrscheinlich f├╝r l├Ąnger als geplant in Singapur bleiben. Ich denke, da├č ich nicht vor dem n├Ąchsten Jahr zur├╝ck kommen kann.“
Er wartete, bis ich nickte. Dann fuhr er fort.
„Ich hoffe, wenn ich wieder hier bin, eine Rolle in dem Leben meines Kindes spielen zu d├╝rfen.“
Wie steif er sprach. Wahrscheinlich hatte er diesen Satz auswendig gelernt.
„Selbstverst├Ąndlich, ich m├Âchte das auch. Ich will weder dem Kind den Vater, noch dem Vater das Kind wegnehmen.“
„Das hast du aber.“
Er wollte mich verletzen, wie ich ihn verletzt hatte.
Ich antwortete darauf nichts, denn mit einem Streit w├Ąren wir in der Situation sicher nicht fertig geworden.
Also sprach er weiter: „Ich m├Âchte deine Kontonummer. Ich werde dir Geld ├╝berweisen. Da wir nicht verheiratet sind, werde ich wohl kein gemeinsames Sorgerecht bekommen. Ich hoffe, du bringst das Kind nicht gegen mich auf?“
Das waren drei Punkte auf einmal. Ich ├╝berlegte, worauf ich etwas erwidern sollte. Ich entschied mich f├╝r den ersten Punkt, weil er mir am Wichtigsten war.
„Ich m├Âchte kein Geld von dir.“
Er wurde sofort aggressiv: „Du kannst mir nicht verbieten, f├╝r mein Kind zu bezahlen, das Geld ist ja nicht f├╝r dich.“
Irgendwie dr├Ąngten mir in letzter Zeit alle Geld auf, das ich nicht haben wollte. Aber in diesem Fall sp├╝rte ich, da├č er Recht hatte. Ich entschloss mich im Stillen, ├╝ber dieses Geld Buch zu f├╝hren und es sogar m├Âglichst f├╝r sp├Ąter, wenn Tanja gr├Â├čer war, zu sparen. Ihm gab ich nur zur Antwort: „OK. Wenn du darauf bestehst. Ich will nur, da├č du wei├čt, da├č es nicht sein mu├č. Wenn du also mal knapp bei Kasse bist...“
„Lass das mal meine Sorge sein.“ entr├╝stete er sich sofort.
Es tat mir sehr weh, wie er mich behandelte. „Er hasst mich.“ dachte ich traurig.
Aber dann ├Ąnderte er sein Verhalten in das genaue Gegenextrem.
Er entschuldigte sich bei mir und nahm dabei meine H├Ąnde in seine. Er hatte Tr├Ąnen in den Augen. „Wenn du es sagst, k├╝ndige ich sofort. Ein Wort von dir, und wir w├Ąren eine richtige kleine Familie.“
Offensichtlich war mein Brief nicht deutlich genug gewesen. Ich wollte ihm nicht noch mehr weh tun m├╝ssen. Mir stiegen auch die Tr├Ąnen in die Augen, weil ich ihn schon wieder verletzen mu├čte.
„Nein, Ralf. Mach dir keine Hoffnungen mehr. Das wird niemals passieren.“
Er nickte, blickte f├╝r einen kurzen Augenblick auf meine H├Ąnde herab, die er noch immer festhielt, dann lie├č er sie los, holte ein kleines Buch und einen Kugelschreiber aus seiner Jackentasche.
„Schreibst du mir deine Bankverbindung auf?“ fragte er wieder eisig.
Ich schrieb. Er steckte den Zettel ein. Er stand auf und ging. Wir waren kaum eine Stunde hier gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wo er jetzt hinwollte. Mir war schlecht. Ich stand auch auf, bezahlte und ging nach Hause. Wir hatten nicht mal gegessen.


Im Februar war das Arbeitszimmer meines Vaters ausger├Ąumt. Er baute es f├╝r mich zu einer kleinen K├╝che aus. Bei dem Ausbau des Hauses hatten meine Eltern, f├╝r den Fall dass ich jemals wieder bei ihnen einziehen wollte, Wasseranschl├╝sse in dieses Zimmer verlegen lassen. Auch hatte ich mittlerweile einen eigenen Telefonanschluss und eine eigene Klingel. Ich konnte bei meinen Eltern wohnen und doch relativ selbst├Ąndig sein. Niemals vorher war ich ihnen so dankbar gewesen.
Wolfgang kam und brachte das Babybett. Als er es aufgebaut hatte tranken wir Kaffe zusammen in meinem Zimmer. Wir sa├čen uns unsicher gegen├╝ber. Es war das erste Mal, dass wir wirklich alleine und ungest├Ârt waren. Selbst in seinem B├╝ro konnte jederzeit jemand zur T├╝r herein kommen. Ich dachte daran, wie oft ich mir gew├╝nscht hatte, mit ihm alleine zu sein. Jetzt sa├č ich dickb├Ąuchig da und kam mir in etwa so erotisch vor, wie Helga Fedderson bei der Fu├čpflege. Pl├Âtzlich begann Tanja heftig gegen meine Bauchdecke zu treten.
Ich sagte: „Autsch!“, und Wolfgang fragte erschrocken, was denn sei.
„Komm mal her und leg deine Hand dahin.“
Ich zeigte mit einem Finger auf die Stelle an meinem Bauch, wo eine kleine Beule entstanden war.
Er kniete sich neben mich auf den Boden, legte seine Hand genau auf die Beule, und das Baby trat im gleichen Moment wieder zu.
„Das ist ja..., ist das ein Fu├č?“
Ich bejahte. Wir schauten uns lachend an. Seine Hand lag noch auf meinem Bauch, aber jetzt war Ruhe eingekehrt. Ich dankte meinem Kind im Stillen, da├č es noch einmal getreten hatte. Dann legte ich meine Hand auf Wolfgangs.
Es war ein so unbeschreiblich friedlicher Moment, wie wir da so sa├čen. Die Zeit h├Ątte einfach stehen bleiben sollen. Nichts h├Ątte sch├Âner sein k├Ânnen. Wolfgang lehnte seinen Kopf an meine Seite, ich hielt seine Hand ganz fest an meinem Bauch. Aber es war uns nicht lange geg├Ânnt. Das Telefon klingelte. Zum ersten Mal, seit ich es hatte, wurde ich angerufen, und ich erschrak derma├čen, da├č die Stimmung zerst├Ârt war.
Ich stand auf und ging an den Apparat. Es war jemand, der mich wegen eines gebrauchten Polos zur├╝ckrufen sollte. Ich machte mit ihm einen Termin f├╝r sofort aus.
Wolfgang bot sich an, mitzufahren. Ich nahm es dankbar an, denn ich hatte keine Ahnung von Autos.
Wir kauften das Auto, aber nicht bevor er den Preis um 500 Mark runter gehandelt hatte. Ich fuhr gleich damit zur Zulassungsstelle und meldete es um. Jetzt hatte ich ein Auto, wenn es auch schon uralt war.
Am n├Ąchsten Tag war Kinderflohmarkt bei uns im Dorf. Meine Mutter und ich kauften einen Babysitz f├╝r das Auto, einen Kinderwagen und W├Ąsche, die wahrscheinlich sogar f├╝r Zwillinge ausreichen w├╝rde. Das Wichtigste hatte ich nun beisammen. Es waren noch drei Wochen bis zu dem Geburtstermin. Alles w├Ąre perfekt gewesen, wenn sich Angelika einfach in Luft aufgel├Âst h├Ątte. Ich war nicht nur verliebt in Wolfgang. Ich liebte ihn, liebte ihn von Tag zu Tag mehr. Es war nicht zu ├Ąndern.






Am 11. M├Ąrz um 6:54h kam meine Tochter Tanja auf die Welt. Ich hatte nur ungef├Ąhr zwei Stunden Wehen gehabt, aber die waren so schmerzhaft gewesen, dass ich alle Frauen dieser Welt bewunderte, die das stundenlang aushalten mussten. Als ich aber dieses kleine, s├╝├če Wesen in meinem Arm hielt, und als es sp├Ąter das erste Mal zart an meiner Brust saugte, wurde ich f├╝r alles tausendfach entsch├Ądigt. Dieses Baby war so klein und hilflos, die Mutterliebe str├Âmte durch meinen ganzen K├Ârper, sogar Wolfgang schien nicht mehr wirklich wichtig zu sein.
Im Krankenhaus brachte sie mir Tanja aber nur stundenweise, deswegen wollte ich so schnell wie m├Âglich nach Hause. Ich f├╝hlte mich wie amputiert, wenn ich ohne sie war. Immerhin hatte ich sie ja neun Monate lang in mir gehabt. Also packte ich unsere Sachen schon nach wenigen Tagen, und wir fuhren heim. Die n├Ąchsten Wochen geh├Ârten ausschlie├člich Tanja und mir. Von morgens bis abends und auch die halbe Nacht schmuste ich mit ihr. Ich konnte gar nicht genug davon kriegen. Solch eine W├Ąrme, eine Verbundenheit, solch ein riesiges Gl├╝ck hatte ich nicht erwartet. Das Allt├Ąglichste der Welt erschien mir wie das aller gr├Â├čte Wunder, das es je gegeben hatte. Sie war das liebste Kind, das ich mir vorstellen konnte, und auch das h├╝bscheste. In meinen Augen sah sie ihrem Vater sehr, sehr ├Ąhnlich. Sie hatte seine blonden Haare, seine Gr├╝bchen und auch seine blauen Augen geerbt, falls die Farbe sich nicht doch noch ├Ąndern w├╝rde. Es st├Ârte mich nicht, sie war so sch├Ân. Wenn sie weinte, gab ich ihr die Brust. Ihr kleiner Mund suchte dann blind und unter Schreien in allen Himmelsrichtungen nach der Milchquelle. Wenn er sie endlich gefunden hatte, ging das hartn├Ąckige Schimpfen ├╝ber in ein zufriedenes Saugen und Schlucken, und mir wurde das Herz warm. Am allerliebsten stillte ich sie, wenn ich alleine war. Manchmal drehte ich die Heizung auf, und gab ihr nur in Unterhose bekleidet die Brust. Ich deckte auch sie dabei nur leicht mit einer Decke zu, so dass ich ihre Haut auf meiner Haut sp├╝ren konnte. Es war unbeschreiblich sch├Ân. Schon bald zuckte ihr Mundwinkel, wenn sie satt war, fast wie bei einem L├Ącheln, dann schlief sie ein. Ich hielt sie dann noch ewig in meinem Arm und konnte mich gar nicht satt sehen an ihrem winzigen Gesichtchen, den klitzekleinen Fingerchen, den s├╝├česten F├╝├čchen, die es je gegeben hatte.
Ich dachte, das war es also, warum die Natur eine Frau dazu brachte, sich zu verlieben, warum unsere Triebe uns immer wieder in die Arme eines Mannes lockten. Ich konnte ├╝berhaupt nicht mehr verstehen, dass ich jemals mit einem Mann schlafen konnte, ohne schwanger werden zu wollen, und ich glaubte, dass ich, nun wo ich Tanja hatte, nie mehr einen Mann vermissen w├╝rde. Ich war so zufrieden ja befriedigt in dieser Zeit, dass ich auf einmal f├╝r Angelika alles Verst├Ąndnis der Welt hatte. Und ich schwor mir, mich von Wolfgang fernzuhalten. Sie tat mir so leid. Ich hatte sie nicht oft getroffen, seit ich wieder bei meinen Eltern wohnte. Jetzt wollte ich mich ein bi├čchen mehr um sie bem├╝hen.
Ein paar Wochen verlie├č ich meine Wohnung im Ersten Stock nur ganz, ganz selten. Ich bekam au├čer Tanja nur meine Eltern zu Gesicht, die sich schon beschwerten, dass sie ihr Enkelkind nicht ├Âfter zu sehen bekamen. Aber sie lie├čen mich in Ruhe, ich rechnete ihnen das sehr hoch an. F├╝r meine Mutter musste das wirklich schwer gewesen sein. Aber schlie├člich dr├Ąngte es mich doch, meine vier W├Ąnde wieder zu verlassen. Vor dem Fenster wurde es Fr├╝hling. Ich packte Tanja in ihrem Kinderwagen warm ein, und begann, t├Ąglich mit ihr spazieren zu gehen und Freunde zu besuchen. Ich wollte mein Wunderkind jedem zeigen, vor allen anderen Wolfgang.



































Tag 2


Es ist kurz nach 5 Uhr. Ich habe die ganze Nacht nicht geschlafen. St├Ąndig war da dieses Brummen und Piepen gewesen, das mich aufschrecken lies, weil ich jedesmal dachte, es k├Ânnte Wolfgang betreffen. Aber er hatte immer nur dagelegen, wie am Tag zuvor, als w├Ąre er aus Stein gemei├čelt. Nichts hatte sich ver├Ąndert.
Eine der Nachtschwestern, sie hei├čt Simone und ist etwa in meinem Alter, ist gekommen und saugt ihn wieder ab, zuerst im Mund und in der Nase, dann in der Lunge. Es dauert ziemlich lange, in den letzten Stunden hat sich viel Sekret gesammelt. Sie erkl├Ąrt mir alles, was sie macht. Zwischendurch spricht sie auch mit meinem Mann, ber├╝hrt in sachte an der Schulter, beobachtet sein Gesicht. Sie erkl├Ąrt mir auch die Kurven am Monitor, als ich sie danach frage. Das EKG, der Blutdruck und die Sauerstoffanreicherung im Blut werden dort ├╝berwacht. Ich m├Âchte gerne alles wissen, nicht weil ich denke, da├č es Wolfgang irgend etwas nutzen k├Ânnte, aber die vielen Schl├Ąuche und Kabel erscheinen mir weniger bedrohlich, wenn ich ihren Sinn verstehen kann.
Ich w├╝rde sie gerne nach ihrer Meinung, ihrem Gef├╝hl fragen, denn sie scheint mir sehr erfahren zu sein, aber ich habe nicht den Mut. Meine Angst, Wolfgang k├Ânnte f├╝r immer bewu├čtlos bleiben, ist grenzenlos geworden. Sein wundersch├Ânes Gesicht ist so ohne jedes Leben, da├č es fast fremd auf mich wirkt, und der Verstand, der Geist dahinter ist unerreichbar. Der Herzinfarkt, die notwendige Bypassoperation, die Rhythmusst├Ârungen, die Medikamente, die er zur Kreislaufunterst├╝tzung ben├Âtigt, das alles macht mir nicht halb so viel Angst, wie die Tatsache, das sein Gehirn Schaden genommen hat. Ich m├Âchte wissen, wie es in seinem Kopf aussieht, ob er vielleicht doch etwas mitbekommt, ob er leidet. Immer wenn ich ihn anschaue, tue ich es in der Hoffnung, da├č er sich pl├Âtzlich bewegt, da├č seine Augen mich fixieren, da├č es versucht zu sprechen, aber nie werden sie erf├╝llt.
Simone dreht ihn diesmal ganz alleine auf die Seite, schiebt eine Decke hinter seinen R├╝cken, damit er nicht zur├╝ckfallen kann, vorsichtig wegen der Kabel. Die Beatmungsmaschine gibt Alarm, der Schlauch ist abgeknickt, so da├č Wolfgang keine Luft mehr bekommt. Die Schwester behebt es sofort, der Alarm erlischt. Mein Herz rast, wie nach jedem Piepen oder Brummen, Simone ist ganz ruhig und routiniert.
Zu letzt hebt sie seine Arme und zieht eine d├╝nne Decke bis an die Achseln. Er ist darunter ganz nackt. Diese Nacktheit verdeutlicht seine Hilflosigkeit. Er ist dem Krankenhaus vollkommen ausgeliefert, kann sich nicht wehren, selbst wenn er wollte.
Ich wei├č nicht, ob seine Seele noch in seinem K├Ârper wohnt.
Die Nachtschwester geht, sagt, sie w├╝rden jetzt bald ├ťbergabe machen, danach k├Ąme der Fr├╝hdienst. Ich verabschiede mich von ihr. Ich m├Âchte mit den Menschen die hier arbeiten gut auskommen, denn ich wei├č, da├č auch ich ihnen ausgeliefert bin.
Meinen Stuhl r├╝cke ich wieder so an Wolfgangs Bett, da├č ich seine Hand halten kann. Es gibt mir ein gr├Â├čeres Gef├╝hl der N├Ąhe zu ihm, als wenn ich mit ihm spreche. Ich lege meinen Kopf vorsichtig neben unsere H├Ąnde auf die Matratze.
Bis der Fr├╝hdienst kommt, bin ich doch noch eingeschlafen.


Wieder ein neues Gesicht, ein neuer Pfleger.
Er stellt sich mir nicht vor, sagt nur: „Guten Morgen. Sie m├╝├čten jetzt mal das Zimmer verlassen, weil ich Hrn. Hall waschen m├Âchte. Sie k├Ânnen im Warteraum Platz nehmen, bis ich sie wieder rufe.“
Es bleibt mir nichts anderes ├╝brig, als hinaus zu gehen.

Ich mu├č ├╝ber eine Stunde warten. Diesmal bin ich nicht alleine. Ein junger Mann sitzt neben mir. Wir sprechen nicht miteinander. Er sieht sehr ungl├╝cklich aus.
Karin l├Ąuft im Flur an uns vorbei. Sie gr├╝├čt freundlich, als sie mich erkennt. Kurze Zeit sp├Ąter kommt sie wieder, bringt uns jedem einen Kaffee. Die W├Ąrme tut gut. Sie l├Ąsst mich meinen eigenen K├Ârper sp├╝ren, hilft gegen das Gef├╝hl der L├Ąhmung und Taubheit. Er ist auch einfach eine Geste der Menschlichkeit f├╝r die ich sehr, sehr dankbar bin.

Als Tanja kommt, ist gerade Arztvisite bei Wolfgang. Ich sitze schon wieder im Wartezimmer. Ich kenne jeden Fleck an den W├Ąnden. Wir beschlie├čen ein paar Schritte nach drau├čen zu gehen. Die frische Luft w├╝rde mir gut tun.
Unterwegs fragt sie als Erstes: „Wie geht es ihm? Ist er wach geworden?“
Ich erz├Ąhle ihr traurig und m├╝de von dem Krampfanfall.
Wir laufen durch eine Gartenanlage. Sie ist sehr sch├Ân, aber meine Beine schmerzen, und mein R├╝cken auch.
Keine von uns spricht viel, es gibt nicht viel zu sagen. Unsere dunkelsten Ahnungen sind wir noch nicht bereit, auszusprechen, und Positives ist nichts mehr geblieben.
Tanja erz├Ąhlt mir, dass sie die ganze Woche Urlaub bekommen habe. Ihr Chef w├Ąre sehr verst├Ąndnisvoll gewesen, sie solle erst wieder kommen, wenn sie arbeiten wolle.
Dann fragt sie unvermittelt: „Mama, warum f├Ąhrst du nicht einfach heim, und legst dich ein bi├čchen hin? Ich bin ja jetzt hier, und wenn sich irgend etwas ver├Ąndert, rufe ich dich sofort an.“
Tanja hat Recht. Ich verabschiede mich, und fahre mit ihrem Auto nach Hause, weil ich einfach keine Kraft mehr habe, mich noch l├Ąnger auf den Beinen zu halten.

Als ich daheim ankomme, f├╝hle ich mich noch einsamer, alles erinnert mich hier an Wolfgang. In meiner Vorstellung sehe ich in im Hof stehen, wie er einen Schrank in einen LKW hebt, ich sehe ihn in dem B├╝ro sitzen, in der K├╝che kochen, unter der Dusche. Egal wohin ich blicke, ├╝berall sp├╝re ich ihn. Die Vorstellung, dass er nie mehr hier sein k├Ânnte, ist mir unertr├Ąglich. Ich liebe ihn so sehr. Ich hatte mir niemals Gedanken dar├╝ber gemacht, ohne ihn alt werden zu m├╝ssen. Er ist erst 52 Jahre alt, ich bin 44. Da denkt man nicht ├╝ber das Sterben nach. Warum hatte ich nicht vorher darauf bestanden, dass er zu einem Arzt ginge? Gerade weil sein Vater mit 60 verstorben war. Vielleicht w├Ąre er jetzt noch hier bei mir? Ich mache mir schreckliche Vorw├╝rfe.
So wie ich bin, lege ich mich in unser Bett, nachdem ich kurz mit meinem Vater gesprochen habe. Ich lege mich auf Wolfgangs Seite. Es riecht noch nach ihm. Mein Telefon stelle ich auf den Nachttisch. Ich schlie├če meine Augen und sehe ihn vor mir im Krankenhausbett, unbeweglich und sabbernd. Die vielen Schl├Ąuche, die in seinen K├Ârper dringen, werden in meinem Gedanken zu Schlangen, die ihn w├╝rgen und bei├čen, er wehrt sich nicht dagegen, und ich stehe zu weit entfernt, um ihm zu helfen. Eine Krankenschwester h├Ąlt mich fest, l├Ąsst mich nicht zu ihm, sagt, dass dies jetzt wichtig f├╝r ihn w├Ąre.
Ich bin irgendwo zwischen Wachen und Schlafen, Tr├Ąume und Phantasien gehen ├╝bergangslos ineinander ├╝ber. Ich nehme die Ger├Ąusche des Tages um mich herum wahr, ohne sie richtig einordnen zu k├Ânnen.
Drei Stunden sp├Ąter schaue ich auf die Uhr. Es ist 14:30h. Ich bin ├╝berrascht, dass es nicht schon sp├Ąter ist.
Ich fahre wieder in das Krankenhaus. Zu Hause kann ich doch auch keine Ruhe finden. Ich will bei ihm sein.


Tanja sitzt an seinem Bett, als ich ankomme.
„Er hat wieder einen Krampfanfall gehabt.“ begr├╝├čt sie mich traurig. Immer nur schlechte Nachrichten.
Ich betrachte meinen Mann, gebe ihm einen Kuss auf die Wange, der Schlauch in seinem Mund ber├╝hrt dabei mein Gesicht.
Der Patient, der neben Wolfgang liegt, hat auch Besuch. Eine alte Frau sitzt neben seinem Bett. Ich blicke ├╝ber einen Vorhang hinweg, der beide Betten voneinander trennt. Zum ersten Mal sehe ich mir den anderen Patienten bewusst an. Er ist bestimmt schon ├╝ber 80, wird auch von einer Maschine beatmet, aber er scheint wach zu sein, er bewegt seine Arme und blickt mir in die Augen, als ich ihn anschaue. Ich sehe schnell weg. Ich wollte nicht neugierig sein.
Ich setze mich zu Tanja.
Sie erz├Ąhlt weiter: „Vorhin war eine Krankenschwester hier. Sie hat die Beatmungsmaschine umgestellt, so dass Papa alleine atmen konnte. Aber er atmet nicht richtig, nur ganz unregelm├Ą├čig. Sie sagt, das k├Ąme auch von dem Sauerstoffmangel. Sein Gehirn w├╝rde die Atmung nicht mehr richtig steuern.“
Ich nehme ihre Hand. Alles erscheint hoffnungslos. Vielleicht w├Ąre es besser gewesen, man h├Ątte ihn einfach sterben lassen. Ich erschrecke ├╝ber meine eigenen Gedanken.
Meine Blicke werden von dem Monitor angezogen. Ich sehe, dass sein Puls ├╝ber 100 ist, auch das macht mir Angst. Daf├╝r ist sein Blutdruck besser geworden, glaube ich zu Mindest. Ich wei├č, dass diese vielen Werte mich nur verwirren, aber ich beobachte sie trotzdem. Es h├Ąngen jetzt auch noch mehr Infusionsflaschen und Spritzen neben seinem Bett.
Pl├Âtzlich brummt der Monitor wieder, aber diesmal noch lauter und schriller als sonst, die Kurven auf ihm sehen ganz anders aus, ich blicke zu Wolfgang, um zu sehen, ob seine Arme wieder zucken, aber das ist nicht der Fall, ich will hinaus rennen und Hilfe holen, aber es kommt schon ein Pfleger gerannt mit einem roten Ger├Ąt im Arm. Er schubst uns beiseite, br├╝llt nach dem Arzt, aber auch Dr. Berthold steht schon im Zimmer. Eine Krankenschwester schiebt mich und meine Tochter hinaus auf den Flur, auch die andere Besucherin muss nach drau├čen, sie schaut mich im Vorbeigehen mitleidig an, nehme ich wahr. Ich bin der Panik nahe, ich habe schreckliche Angst, dass Wolfgang stirbt.
Ich bete zu Gott, dass das nicht passiert, lieber m├Âchte ich ihn als Pflegefall und ohne Bewusstsein bei mir zu Hause haben. Nur soll er nicht sterben. Vorhin hatte ich noch ganz anders gedacht.
Tanja und ich halten uns an den H├Ąnden, so fest dass es fast weh tut. Im Zimmer br├╝llt jemand: „Weg vom Bett!“, ein mir bisher unbekannter Alarmton ist zu h├Âren, dann sagt er: „Sinusrhythmus. Wie ist der Druck?“
Eine andere Stimme: „70 zu 40, ich stell das Arterenol hoch.“
Es dauert endlos lange Minuten, bis Dr. Berthold aus dem Zimmer kommt. Er nimmt uns mit in das Arztzimmer.
„Ihr Mann hatte wieder Kammerflimmern. Wir mussten ihn defibrillieren.“
Ich kann nichts dazu sagen, Tanja auch nicht. Immer noch wird es schlimmer und schlimmer. Es ist die H├Âlle auf Erden.


Gegen Nachmittag f├Ąhrt Tanja nach Hause zu ihrem Freund. Ich bin froh, dass sie nicht alleine sein muss. Wolfgang geht es schlechter als gestern. Die Blutdruck- steigernden Medikamente mussten immer weiter erh├Âht werden. Ein R├Ântgenbild von der Lunge hatte ergeben, dass sich Wasser in seiner Lunge angesammelt hatte. Das k├Ąme von der Herzschw├Ąche, hatte mir Hr. Bernhard erkl├Ąrt, der Pfleger, der auch schon am Vortag da gewesen war. Bernhard war sein Nachname, Karin hatte ihn mit Michael angesprochen, hatte ich zuf├Ąllig geh├Ârt.
Ich bleibe bis abends, dann fahre auch ich nach Hause, mit dem Bus, denn ich habe kein Auto hier. Ich habe den ganzen Tag nichts gegessen, und nur ein paar Schlucke Wasser getrunken, die mir der Pfleger gebracht hatte.
Meine H├Ąnde zittern, und wenn ich aufstehe, wird mir schwindlig. Ich muss nach Hause, um ein wenig zu schlafen und etwas zu essen. Wolfgang wird es nicht helfen, wenn ich hier zusammen breche. Aber ich habe gro├če Angst, dass er in meiner Abwesenheit verstirbt. Ich verabschiede mich mit einem schlechten Gef├╝hl.

In der Nacht tr├Ąume ich, ich laufe durch einen endlos langen Flur. Zu beiden Seiten sind T├╝ren, und von irgendwoher h├Âre ich Wolfgang um Hilfe schreien. Ich ├Âffne jede einzelne T├╝r, um ihn zu finden, aber ├╝berall sind nur gro├če, leere R├Ąume. Sein Schreien wird immer lauter, je mehr T├╝ren ich ├Âffne. Auf dem Gang kommen mir fremde Menschen entgegen, die ich beiseite schieben muss, um weiter gehen zu k├Ânnen. Sie l├Ącheln mich an. Ich muss Wolfgang finden, er scheint furchtbare Schmerzen zu haben, so wie er schreit. Irgendwann schreie ich auch, und werde davon wach. Es ist mitten in der Nacht. Ich rufe auf der Intensivstation an, frage, wie es ihm geht. Unver├Ąndert, hei├čt es.
Ich bin nassgeschwitzt und friere. Die Dunkelheit, die Erinnerung an den Traum und die schreckliche Realit├Ąt schaffen in mir ein Gef├╝hl des Horrors. Ich denke ├╝ber die Situation nach. Stelle mir vor, er w├╝rde den Herzinfarkt ├╝berleben, aber f├╝r immer bewusstlos bleiben und ├╝berlege, wie ich Wolfgang helfen k├Ânnte, denke ├╝ber M├Âglichkeiten nach, sein Leiden zu beenden, und bin im gleichen Augenblick entsetzt ├╝ber meine Gedanken. Im Stillen entschuldige ich mich bei meinem Mann daf├╝r, dass ich f├Ąhig bin, ├╝ber so etwas auch nur nachzudenken.
Kurz darauf entschuldige ich mich, dass ich niemals f├Ąhig w├Ąre, es zu tun. Ich k├Ânnte ihn nicht t├Âten, selbst, wenn er mich darum anflehen w├╝rde.

Den Rest der Nacht kann ich nicht mehr schlafen. Ich lege mich in die Badewanne, um mich aufzuw├Ąrmen, denke an den Tag, an dem wir uns kennen lernten, damals hatte ich auch gebadet. 24 Jahre ist das her. 24 Jahre, auf die ich niemals verzichten will. Sch├Âner h├Ątte die Zeit nicht sein k├Ânnen, das ist mehr, als andere Menschen haben, denke ich.
Um 4:30h fahre ich wieder in das Krankenhaus.




















Tag 3


Um 7h kommt Schwester Karin. Sie hat heute Fr├╝hdienst und pflegt meinen Mann. Ich darf bei fast allem, was sie macht im Zimmer bleiben, und auch sie erkl├Ąrt mir alles. Ich kann nicht verstehen, wie man freiwillig so einen Beruf aus├╝ben kann, aber ich bewundere sie f├╝r die Herzensw├Ąrme, die sie ausstrahlt. Sie spricht auch mit Wolfgang, erkl├Ąrt ihm immer wieder, wo er ist, ber├╝hrt ihn dabei an der Schulter oder an den H├Ąnden. Ich bin froh, dass sie heute hier bei Wolfgang ist, und nicht wieder der Pfleger von gestern vormittag, der mich zum Waschen hinaus geschickt hatte.
Sie ist fast ununterbrochen mit meinem Mann besch├Ąftigt, verbindet die Zug├Ąnge in seine Vene und Arterie neu, wechselt die Infusionen, dreht ihn von einer Seite auf die andere, saugt ihn ab, kontrolliert immer wieder seine Werte, gibt ihm fl├╝ssige Nahrung ├╝ber den Schlauch, der durch die Nase in seinen Magen f├╝hrt.
Einmal sagt sie zu mir: „Er ist ein gut aussehender Mann.“
Ich freue mich, dass ihr das aufgefallen ist. „Ja sage ich, ein sehr gut aussehender.“
Dann fange ich an, zu erz├Ąhlen, von seinem Beruf, von unserem Leben. Sie h├Ârt interessiert und geduldig zu. Es tut mir gut, ihr zu schildern, was f├╝r ein Mensch Wolfgang ist. Er soll nicht einfach nur ein Patient mit einem Herzinfarkt und einem Sauerstoffmangel f├╝r sie sein, sondern ein Mensch, der f├╝hlt, der denkt, der liebt, eben einer, der lebt und nicht tot ist.
Ich bedanke mich bei ihr, dass sie mir zugeh├Ârt hat, sie l├Ąchelt und sagt, das sei doch selbstverst├Ąndlich.
„Nein“, denke ich, das ist es nicht. Ich bin froh, dass es Menschen wie sie gibt. Es macht meine schreckliche Welt ertr├Ąglicher.
Mittags ist dann doch der Pfleger vom Vortag da, der mir so unsympathisch ist. Ich frage ihn nach seinem Namen. Er hei├čt Brand. W├Ąhrend des ganzen Nachmittags spricht er kaum ein Wort mit mir und auch nicht mit Wolfgang, soweit ich das mitbekomme. Daf├╝r wird er um so freundlicher, als Tanja kommt, kein Wunder, sie ist eine h├╝bsche, junge Frau. Ich denke, dass dies nicht der richtige Ort ist um zu flirten, vor allem ist meiner Tochter kaum danach. Sie behandelt ihn abweisend, wirkt unangenehm ber├╝hrt von seiner ├╝bertriebenen Freundlichkeit. Als er das merkt wird er wieder kurz angebunden. Er ist hier fehl am Platz, auch wenn ich keine Ahnung von Medizin habe, bin ich sicher, er kann kein guter Pfleger sein.
Dr. Berthold hat auch wieder Dienst. Ich freue mich ├╝ber sein bekanntes Gesicht. Als ich ihn frage, ob es etwas Neues gebe, nimmt er mich und Tanja wieder mit sich in das Arztzimmer.
„Es geht ihrem Mann nicht gut. Im EKG sieht es so aus, als ob das Blutgef├Ą├č, das mit dem Herzkatheter aufgedehnt worden wurde, wieder zugegangen ist. Der Oberarzt hat eine Ultraschalluntersuchung des Herzens gemacht. Er hat eine ausgepr├Ągte Herzschw├Ąche. Der Herzmuskel ist vergr├Â├čert, wahrscheinlich litt er schon l├Ąnger unbemerkt unter Bluthochdruck. Das Herz ist so schwach, das sich schon Wasser in die Lunge zur├╝ckstaut. Wir m├╝ssen ihm jetzt mehr Sauerstoff und etwas zur Entw├Ąsserung geben, auch braucht er hohe Dosen, von dem Blutdruck- unterst├╝tzenden Medikament.“
Es ist dem Arzt sichtlich schwergefallen, das alles mitzuteilen, er holt tief Luft und f├Ąhrt fort:
„Au├čerdem wird er nicht wach, mit jedem Tag, der vergeht wird die Wahrscheinlichkeit geringer, dass sein Gehirn sich wieder erholt. F├╝r morgen haben wir eine Computertomographie des Sch├Ądels geplant, um unsere Diagnose des Sauerstoffmangels abzusichern. Das ist eine schichtweise R├Ântgenuntersuchung des ganzen Kopfes.“
Wir haben keine weiteren Fragen, es gibt nichts zu fragen, es ist alles gesagt.
Der Arzt sagt zum Abschied, wir k├Ânnten uns jederzeit bei ihm melden, wenn wir doch noch eine Frage h├Ątten. Er wirkt sehr mitf├╝hlend.


Tag 4


Wieder eine unruhige Nacht. Mit wie wenig Schlaf kann ein Mensch auskommen? Diese Nacht habe ich Kerzen angez├╝ndet und gebetet, obwohl ich nie sehr gl├Ąubig gewesen bin. Vielleicht warte ich auch nur auf ein Wunder.
Hr. Bernhard pflegt meinen Mann, heute morgen. Ich bin froh dar├╝ber, ich habe Vertrauen zu ihm.
Auf die Frage, wie es meinem Mann geht, bekomme ich von ihm zum ersten Mal etwas positives zu h├Âren.
„Der Blutdruck wird besser. Wir konnten mit dem Arterenol runtergehen. Den Sauerstoff haben wir auch reduziert.“
„Hei├čt das, es geht ihm besser?“ frage ich gleich ├╝berschwenglich, ich bin so ├╝berrascht, einmal kein ‚Aber‘ oder ‚Leider‘ zu h├Âren.
Hr. Bernhard antwortet mit einem vorsichtigen Ja. „Der Kreislauf hat sich stabilisiert.“
Ich wei├č, dass es nicht angebracht ist, aber ich freue mich wahnsinnig ├╝ber diese Nachricht, gehe zu Wolfgang, gebe ihm einen Kuss, werde nass von seinem Speichel, der aus dem Mundwinkel heraus l├Ąuft.
Der Krankenpfleger steht auf der anderen Seite des Bettes, zerst├Ârt meine Euphyrie, in dem er sagt: „Wacher ist er noch nicht geworden.“
├ťber mittag fahre ich nach Hause. Ich will mit Klaus sprechen, dem Schreiner aus Wolfgangs Firma. Ich mu├č auch die B├╝roarbeit machen. Das Leben geht weiter.
Tanja und ich essen zusammen eine Fertigpizza.
Sie sagt: „Er wird wieder nach Hause kommen.“
Ich m├╝├čte ihr widersprechen, um sie auf das Schlimmste vorzubereiten, statt dessen stimme ich ihr zu: „Ich hoffe das auch immer noch.“
Gegen 15:00 Uhr fahren wir gemeinsam wieder zu Wolfgang. Sie haben die Computertomographie gemacht. Die Untersuchung hat ihre Diagnose best├Ątigt, sein Gehirn war von dem Sauerstoffmangel gesch├Ądigt. Tanja und ich, die an ein Wunder geglaubt hatten, nehmen es zur Kenntnis. Im Stillen frage ich mich, wann sie ihn aufgeben werden.





















Tag 5


So einfach ist das nicht mit dem Aufgeben, erfahre ich im Gespr├Ąch mit Hrn. Bernhard, der wieder Fr├╝hdienst hat.
„Halten sie es f├╝r m├Âglich, dass er noch wach wird?“ frage ich ihn resigniert.
Der Pfleger antwortet, dass er mir etwas zeigen will, geht zu der Beatmungsmaschine, dr├╝ckt mehrere Tasten, und ich merke, wie die Atmung meines Mannes sich ver├Ąndert. Das gleichm├Ą├čige Heben und Senken seines Brustkorbes bleibt aus. Ich denke schon, er atmet ├╝berhaupt nicht, da f├Ąngt er pl├Âtzlich an, ganz tief Luft in sich einzusaugen, wie nach einem Marathonlauf. Dann werden die Atemz├╝ge immer flacher, bis sie schlie├člich ganz ausbleiben. Nach einer Pause, die mir endlos erscheint, fangen wieder die tiefen Atemz├╝ge an. Das geht immer so weiter.
Hr. Bernhard sagt: „Das nennt man eine Cheyne- Stokes- Atmung. Sie ist in diesem Fall Zeichen einer Hirnsch├Ądigung.“
Er stellt die Beatmungsmaschine wieder um, nimmt einen kleinen Wattetr├Ąger und ber├╝hrt damit Wolfgangs Auge.
„Sehen sie, er reagiert gar nicht. Normaler Weise m├╝ssten sich seine Augenlider schlie├čen, das ist ein Schutzreflex.“
Jetzt f├Ąhrt er mit dem gleichen Wattetr├Ąger an der Fu├čsohle meines Mannes entlang. Wolfgangs Zehen verkr├╝mmen sich seltsam.
„Das ist ein Reflex, der krankhaft ist, bei einem Gesunden ist er nicht vorhanden. Man nennt ihn Babinski. Auch er ist Zeichen einer massiven Hirnsch├Ądigung.“
Er schaut mich an. Ich bin zu keiner Antwort f├Ąhig.
„Das alles deutet darauf hin, dass ihr Mann nie mehr so werden wird, wie er einmal war.“
Ich schlucke, diese Antwort best├Ątigt meine schlimmsten Bef├╝rchtungen.
„Macht das Alles denn dann ├╝berhaupt noch einen Sinn?“ frage ich ihn und meine Blicke deuten auf die Beatmungsmaschine, die Infusionen, all die vielen Ger├Ąte und Medikamente.
Er ├╝berlegt kurz, antwortet dann: „Ich glaube, diese Frage kann ihnen niemand wirklich beantworten. Es ist eine Frage, die wir alle uns hier sehr oft stellen, und auf die es viele verschiedene Antworten gibt, die alle gleich richtig und falsch erscheinen.“
Ich will von ihm wissen: „Wie lange werden sie die Behandlung weiterf├╝hren?“
„Solange, es n├Âtig ist. Wir d├╝rfen zum Beispiel das Beatmungsger├Ąt gar nicht einfach so ausstellen. Es w├Ąre aktive Sterbehilfe, und die ist in Deutschland verboten.“
„Dann bleibt er vielleicht f├╝r immer an dieser Maschine?“ frage ich entsetzt.
Der Pfleger antwortet: „Nein das glaube ich nicht. Seine Atmung ist zwar unregelm├Ą├čig, aber wenn das Wasser aus seiner Lunge verschwunden ist, wird sie ihm wahrscheinlich zum Leben reichen.“

Ich blicke meinen Mann an. Es f├Ąllt mir auf, wie d├╝nn er geworden ist. Seine Muskeln sind merklich weniger geworden und die Haut wirkt ausgetrocknet. Er blickt noch immer starr in die Luft. Ist das ├╝berhaupt noch Wolfgang? Oder ist es nur noch ein menschlicher K├Ârper, der langsam zerf├Ąllt, weil schon lange kein Leben mehr in ihm wohnt?
Ich wei├č nicht mehr, was ich denken soll. Es ist mir keine Hoffnung geblieben, nicht das kleinste, winzigste St├╝ckchen ist mehr da. Die Leere in mir wird nur durch grenzenlose Verzweiflung verdr├Ąngt.

Ich betrachte den Pfleger, er ist ungef├Ąhr Ende 30, gro├č und kr├Ąftig, hat kleine Lachf├Ąltchen um die Augen. Wie kann man nur an einem solchen Ort arbeiten? Ich frage ihn das.
„Ich vergesse durch meine Arbeit niemals, wie gl├╝cklich ich bin, dass ich und meine Familie gesund sind. Au├čerdem bekomme ich viel Anerkennung, und es sind ja auch nicht alle Patienten so schwer krank, wie ihr Mann.“
Es ├╝berzeugt mich nicht. Wenn das alles hier vorbei war, w├╝rde ich keinen Fu├č freiwillig auf eine solche Station setzen.
Am Abend nehme ich meinen Vater mit zu Wolfgang. Er bleibt nicht lange im Zimmer, dr├╝ckt ihm nur kurz die Hand, spricht ein Paar Worte, geht dann mit Tr├Ąnen in den Augen nach drau├čen. Auf mich wirkt es, als nehme er Abschied.











































Tag 6

Wolfgang hat Fieber, ├╝ber 40 Grad Celsius. Der Blutdruck ist wieder schlechter. Das Wasser in der Lunge ist mehr geworden.
Er bekommt Antibiotika, erkl├Ąrt mir eine Krankenschwester, die ich noch nicht kenne.
Auch die ├ärztin, die heute Dienst hat, habe ich bisher nicht gesehen. Sie hei├čt Ahrenz, und spricht mit mir so mitleidig, wie mit einem Kind, das sich weh getan hat.
Ich bin mit Tanja zusammen hier. Sie sieht schlecht aus, hat Ringe unter den Augen vom vielen Weinen. Wie ich selbst aussehe, wei├č ich gar nicht. Ich habe schon tagelang nicht mehr in einen Spiegel gesehen.

Kurz bevor wir nach Hause gehen wollen, dr├Âhnt der Monitor los. Er hatte schon so oft Alarm gegeben, und meistens war es nichts Schlimmes, so dass ich mich schon fast daran gew├Âhnt habe, aber dieses Mal ist es wieder dieses laute Dr├Âhnen, und fast gleichzeitig kommen zwei Schwestern mit dem roten Ger├Ąt in das Zimmer gelaufen. Wolfgang hat wieder Kammerflimmern.
Tanja und ich gehen hinaus in den Flur, wie das letzte Mal, und ich habe schreckliche Angst.
Als ob ich nicht w├╝├čte, dass es f├╝r Wolfgang das Beste w├Ąre, wenn er einfach sterben w├╝rde.
Eine der Schwestern ruft nach der ├ärztin. Ich h├Âre sie ├Ąrgerlich sagen: „Wann kommt denn die endlich?“
Fr. Ahrenz rennt an uns vorbei in das Zimmer. Da br├╝llt die Schwester auch schon: „Weg vom Bett“ und der mir schon bekannte Signalton des Defibrilators ert├Ânt.
Im Zimmer f├Ąllt etwas zu Boden, es macht einen H├Âllenl├Ąrm.
„Entschuldigung.“ h├Âre ich die ├ärztin sagen.
„Sinusrhythmus“ sagt eine der beiden Schwestern.
Fr. Ahrenz: „Ich hol eine Ampulle Cordarex.“
„Das l├Ąuft doch schon.“ antwortet die andere Schwester.
Die ├ärztin kommt aus dem Zimmer. Sie erkl├Ąrt uns kurz die Situation, aber wir wissen schon Bescheid. Sie zittert, merke ich, als ich vor ihr stehe.
Wenn es nicht hoffnungslos w├Ąre f├╝r Wolfgang, w├╝rde ich jetzt vor Angst sterben. Zu dieser ├ärztin habe ich kein Vertrauen.

Tanja und ich bleiben doch noch bis der Nachtdienst kommt. Dann fahren wir nach Hause

Um 1:30 Uhr klingelt mein Telefon.
















1981

Ich schob den Kinderwagen mit Tanja als erstes in die Werkstatt. Dort traf ich auf Wolfgang und Klaus, die Schubladen f├╝r einen Schreibtisch zusammen bauten. Es schien ziemlich kompliziert, jedenfalls bemerkten sie mich eine ganze Zeit lang nicht, so dass ich sie einfach bei der Arbeit beobachtete. Dabei wurde mir bewusst, wie sehr ich Wolfgang vermisst hatte. Alleine seine Stimme zu h├Âren tat mir so gut, dass ich den Entschluss fasste, schon am n├Ąchsten Tag wieder im B├╝ro zu arbeiten, wenn er damit einverstanden war.
Nach wenigen Minuten entdeckte mich Klaus, und er kam gleich auf mich und Tanja zu, um mir zu gratulieren. Auch Wolfgang wurde jetzt auf uns aufmerksam. Er stand da, eine Schublade in den H├Ąnden, und l├Ąchelte gl├╝cklich.
Er sagte nur: „Endlich!“, dann ging er auf mich zu, nahm mich in den Arm und fl├╝sterte mir in mein Ohr: „Ich w├Ąre dich besuchen gekommen, aber Angelika, hat mir gedroht, auszuziehen, wenn ich es tun w├╝rde. Sie ist ganz schrecklich eifers├╝chtig auf dich und dein Baby.“
Er beugte sich ├╝ber den Kinderwagen und betrachtete Tanja.
„Sie wird genauso h├╝bsch, wie ihre Mutter.“ erkl├Ąrte er ├╝berzeugt.
Und schon waren all meine guten Vors├Ątze dahin. Meine Sehnsucht nach diesem Mann war so gro├č wie eh und je. Ich verabschiedete mich und ging spazieren, denn ich wollte nicht, dass er meine heftige Reaktion auf seine Worte mitbekam.

Einen Tag sp├Ąter traf ich Angelika auf der Stra├če. Sie tat so, als ob sie mich nicht sehen w├╝rde und ging einfach weiter. Ich konnte es ihr nicht ver├╝beln, denn es war schlimm genug f├╝r sie, da├č sie mich um Tanja beneidete, sie kannte auch meine Gef├╝hle f├╝r Wolfgang, dessen war ich mir sicher.
Die Situation war unertr├Ąglich geworden. Auf Dauer konnte es so nicht bleiben, das war mir klar. Aber, selbst wenn ich bereit dazu gewesen w├Ąre, weg zu ziehen, ich h├Ątte mir doch gar keine Wohnung leisten k├Ânnen, und auch auf das Geld, das ich bei Wolfgang verdiente, konnte ich nicht ohne Weiteres verzichten, verteidigte ich mich selbst.
Ich war doch nicht schuld an meinen Gef├╝hlen, und au├čerdem konnte eine so reine, aufrichtige Liebe, wie ich sie empfand, doch nichts Schlechtes sein.
Ich jedenfalls war nicht bereit, mich daf├╝r zu sch├Ąmen. Aber mit jeder Minute, die ich mit ihm verbrachte, wuchs unsere N├Ąhe zu einander. Auch Wolfgang mu├čte das sp├╝ren. Meine Sehnsucht nach seiner k├Ârperlichen N├Ąhe war bis ins Unendliche gewachsen, und ihm ging es genauso. Ich wu├čte das, weil er sich kaum mehr M├╝he gab, es zu verbergen. Da mu├čte ich nur an den Tag zuvor denken, oder an diesen Morgen, als ich das erste Mal wieder im B├╝ro gearbeitet hatte. Er war fast st├Ąndig bei mir gewesen, hatte immer wieder eine M├Âglichkeit gefunden, mich zu ber├╝hren.
Wir geh├Ârten zusammen. Es war einfach so.

Mehrere Wochen vergingen. Tanja wuchs, und sie war unglaublich s├╝├č. Meine Eltern, meine Freunde, jeder bot mir an, auf sie aufzupassen. Ich solle ruhig mal was f├╝r mich alleine machen. Aber ich hatte kein Interesse daran. Ich nahm sie ├╝berall mit hin, auch zur Arbeit. Wenn sie einmal unruhig wurde, stillte ich sie, und schon war sie wieder zufrieden.
Es gab seit Kurzem einen Lehrling in der Firma Hall. Er hie├č Marco, war 18 Jahre alt, und ich hatte von dem Moment, wo wir uns kennen lernten, das Gef├╝hl, dass er ein wenig verliebt in mich sei. Erst l├Ąchelte ich dar├╝ber, denn er erschien mir wie ein Kind mit seinen 18 Jahren, dabei war ich selbst erst 23. Mit der Zeit aber begann mir seine kleine Schw├Ąrmerei zu gefallen, wenn ich sie auch niemals ernst nahm oder gar erwiderte. Er war ein wirklich netter Junge und schien auch ein guter Schreiner zu werden. Oft baute er in seiner freien Zeit M├Âbel, die er selbst entworfen hatte, und sie waren ausnahmslos gut, wenn auch f├╝r meinen Geschmack ein bi├čchen zu modern.
Eines Morgens, ich sa├č im B├╝ro und stillte Tanja, kam er sch├╝chtern zu mir und fragte mich, ob er ein Foto von mir machen d├╝rfte.
├ťberrascht antwortete ich: „Wenn du einen Moment wartest, bis ich hier fertig bin.“
Aber er wollte mich gleich fotografieren, mit Tanja an meiner Brust, hier an meinem Schreibtisch. Ich ├╝berlegte einen kurzen Augenblick und dachte dann: „Warum nicht?“
Das Ganze dauerte dann fast eine halbe Stunde, denn Carlo baute zu meinem Erstaunen erst einmal ein Stativ und eine Art Studio- Beleuchtung auf. Er schob meine Schreibmaschine hin und her, forderte mich auf, Tanja ein wenig nach links, dann wieder nach rechts zu halten, meinen Kopf zu drehen und noch vieles mehr, bis er endlich zufrieden war. Ich konnte meine Tochter kaum mehr zum Trinken bringen. Endlich schaute Carlo durch die Linse, sagte: „Das ist es. Jetzt schau deinem Baby in die Augen. Ja gut. Prima.“ Das Foto war gemacht.
Es war das sch├Ânste Bild, das ich jemals von mir gesehen hatte, und es dr├╝ckte etwas aus, das man kaum in Worte fassen konnte. Es war eine stillende Mutter an ihrem Arbeitsplatz, die Zeit schien still zu stehen, so innig waren Kind und Mutter miteinander verbunden. Das Bild war eine Schwarz- Wei├č- Aufnahme, aber eine ganz weiche Beleuchtung schien auf mein Gesicht. Man konnte darin die Liebe zu meinem Kind erkennen, er hatte sie fest gehalten mit diesem Bild. Ich wollte es unbedingt haben. Er schenkte mir mehrere verschieden gro├če Abz├╝ge.
„Es ist unglaublich gut.“ sagte ich ihm, und er wurde rot. Es war das erste Mal, dass ich das bei einem Mann gesehen hatte. Ich fand es r├╝hrend.
Auch Wolfgang wollte einen Abzug. Er steckte ihn in einen Umschlag in seine Jackentasche.
Am gleichen Abend h├Ârte ich einen lautstarken Streit zwischen ihm und Angelika. Ihr Geschrei drang durch ein ge├Âffnetes Fenster bis her├╝ber zu mir in die Wohnung. Ich verstand zwar nicht, worum es ging, aber ich konnte es mir denken. In der n├Ąchsten Zeit h├Ârte man sie ├Âfter miteinander streiten.
Monatelang hielt dieser Zustand an. Am Ende stritten sie fast t├Ąglich. Irgendwann blieben die lauten Diskussionen dann aus, ich nahm an, sie hatten die n├Âtige Energie dazu verloren.

Tanja war acht Monate, fing gerade an zu Krabbeln, da klingelte Wolfgang an einem Sonntag Morgen bei mir und lud uns beide zu einem Ausflug ein.
„Und Angelika?“ fragte ich fassungslos. Damit hatte ich nicht gerechnet.
„Das ist mir vollkommen egal. Ich will einfach mal einen netten Tag mit guter Laune und ohne Streit verbringen. Sonst drehe ich durch.“
Ich konnte nicht anders, ich mu├čte mit gehen.
Es wurde ein netter Tag, mit guter Laune und ohne Streit. Es wurde ein ganz wundervoller Tag.

Wir packten Kinderwagen, Windeln, Karottengem├╝se und ein paar Kleider f├╝r Tanja, und eine Kanne Kaffee f├╝r uns in sein Auto. Dabei hatten wir schon so viel Spa├č, dass Tanja vor Freude laut lachte.

Sie kannte Wolfgang ziemlich gut. Im B├╝ro spielte er oft mit ihr, oder er nahm sie einfach auf seine Schultern und zeigte ihr die ganze Werkstatt.
„Sie wird mal Schreiner.“ sagte er dann mit einem Augenzwinkern zu mir.
„Sicher.“ gab ich schmunzelnd zur Antwort.
Aber Marco war nicht einverstanden. Er beeilte sich dann stets zu sagen: „Sie wird Fotografin, gar keine Frage.“

Jetzt sa├č Tanja in ihrem Babysitz hinter Wolfgang im Auto und brabbelte vor sich hin. Ich hatte noch keine Ahnung, wo wir ├╝berhaupt hinfuhren. Es war Januar und winterlich kalt.
Unser Ziel war eine Schlittenbahn ungef├Ąhr eine Autostunde von uns entfernt. Wolfgang hatte einen Schlitten unter einer Decke im Kofferraum versteckt, um mich zu ├╝berraschen. Allerdings mu├čten wir zu dritt ganz sch├Ân zusammen rutschen, was mir nat├╝rlich nicht unrecht war. Er sa├č ganz hinten, dann kam ich, und auf meinem Scho├č sa├č Tanja, der es gar nicht schnell genug gehen konnte. Wir lachten alle drei fast ununterbrochen, br├╝llten „Hui!“ und „Achtung wir kommen!“, ich kam mir vor, wie ein kleines Kind, und es war ein tolles Gef├╝hl. Wenn wir unten ankamen, blieben wir jedes Mal noch f├╝r einen kurzen Augenblick sitzen. Ich lehnte mich an Wolfgang, und er umarmte mich und Tanja von hinten. Es nahm mir den Atem.
Den Berg hoch setzten wir meine kleine Tochter auf den Schlitten und zogen sie abwechselnd. Die letzten Male nahm er einfach meine Hand in seine, und wenn wir nicht nach hinten blickten, um nach Tanja zu schauen, sahen wir uns verliebt in die Augen.
Schlie├člich waren wir alle drei bis auf die Haut durchgefroren. Wir gingen in ein kleines Restaurant, wo ich erst einmal meine Tochter stillte. Als ich fertig war, nahm Wolfgang gleich Tanja auf seinen Scho├č und begann sie zu kitzeln. Wir sa├čen ganz eng bei einander und f├╝hlten uns so richtig wohl. Irgendwann schlief Tanja auf seinem Arm ein, er hielt sie w├Ąhrend des ganzen Essens und war nicht bereit, sie an mich weiter zu reichen, damit sie nur ja nicht wach werden w├╝rde. Immer wieder strich er ihr sanft ├╝ber die Wange, und ich stellte mir vor, dass er statt dessen mich so ber├╝hren w├╝rde.
Nach dem Bezahlen brachte die Kellnerin einen Lik├Âr und einen Schnaps f├╝r die „nette, kleine Familie“, was Wolfgang sichtlich peinlich war. Ich beschloss, dass so ein kleiner Schluck wohl nicht schaden w├╝rde.
Drau├čen packten wir meine noch schlafende Tochter in den Kinderwagen, um ein bi├čchen spazieren zu gehen. Sehr weit kamen wir nicht, weil es sich durch den Schnee so schlecht schieben lie├č, aber immerhin weit genug, dass wir alleine auf einem Waldweg waren.
Wir blieben stehen und schauten uns an. Ich war von dem Lik├Âr ein wenig angetrunken, und schon sein Blick erregte mich in einem Ma├če, wie ich es nie f├╝r m├Âglich gehalten hatte.
Wir sprachen kein Wort. Wieder war es mir, als ob ich in seinen Augen versinken w├╝rde. Wie von selbst kamen wie uns n├Ąher, wir konnten uns nicht dagegen wehren. Dann k├╝ssten wir uns. Vorsichtig erst, so dass sich unsere Lippen nur ganz z├Ąrtlich ber├╝hrten. Als sein Mund sich von meinem entfernte, l├Âsten sich unsere Lippen nur ganz langsam, die Haut klebte ein wenig fest. Es war ein kribbelndes Gef├╝hl, ich bekam eine G├Ąnsehaut, aber nicht durch die K├Ąlte. Wir schauten uns noch immer in die Augen, und dann k├╝├čten wir uns richtig. Es war, als wollten wir mit diesem einen Kuss all unsere Leidenschaft, unsere Begierde, unsere Sehnsucht der letzten Jahre ausleben. Wir erforschten jede Stelle in dem Mund des anderen, die wir nur irgendwie erreichen konnten, wir saugten mit den Lippen und wir bissen uns mit den Z├Ąhnen, so fest, kr├Ąftig, leidenschaftlich, als ob die Welt im n├Ąchsten Moment untergehen w├╝rde. Dabei standen wir uns gegen├╝ber, ber├╝hrten uns fast nur mit unseren Gesichtern. Wir konzentrierten uns ganz fest auf diesen Kuss.
Nie mehr wollte ich anders k├╝ssen, anders gek├╝sst werden. Nie mehr w├╝rde ich einen anderen Mann k├╝ssen.
Es dauerte bestimmt fast eine halbe Stunde, keiner von uns versuchte ├╝ber diesen Kuss hinaus zu gehen, denn es war schon mehr, als wir uns je erhofft hatten. Wir h├Ątten nie damit aufgeh├Ârt, wenn nicht Tanja wach geworden w├Ąre.
„Und nun?“ fragte Wolfgang, und ich wu├čte nicht, was er damit meinte. Sollte ich ├╝ber diesen Augenblick entscheiden oder ├╝ber unser ganzes Leben?
Deshalb sagte ich nur: „Ich wei├č auch nicht.“
Wir fuhren schlie├člich zu dem kleinen Kaffee, in dem wir schon einmal miteinander gewesen waren, aber es hatte geschlossen. Eine Menge Fragen standen auf einmal zwischen uns. Sie machten uns unsicher. Unsere Beziehung hatte sich ge├Ąndert. Alles das, was wir bislang nur gef├╝hlt, gedacht, vielleicht getr├Ąumt hatten, war durch diesen Kuss zur Tatsache geworden.
Als wir wieder im Auto sa├čen wu├čten wir beide, dass wir jetzt nach Hause fahren w├╝rden. Der Tag war zu Ende. Ich hatte keine Ahnung, ob wir ihn je wiederholen w├╝rden. So sch├Ân die gemeinsame Zeit mit Wolfgang war, so schlimm war jedesmal der Abschied.

Zu Hause erwartete uns Angelika schon auf der Stra├če. Sie begr├╝├čte uns sarkastisch: „Na, ist die gl├╝ckliche Familie wieder zur├╝ck?“
Wolfgang antwortete ganz ruhig: „Danke, wir hatten einen sch├Ânen Tag.“, worauf sie noch zorniger wurde: „Habt ihr es denn endlich miteinander getrieben? Ja? Das wolltest du doch schon immer! War es sch├Ân? War es besser mit ihr? Das Kind dazu hat sie ja gleich mitgebracht!“
Es tat mir so leid, dass ich dies alles mit anh├Âren musste. Es ging nur sie und Wolfgang etwas an.
Er sagte leise: „Ich glaube, es w├Ąre besser, wenn wir hinein gehen w├╝rden.“ und ber├╝hrte sie dabei sachte am Arm.
„Ich gehe mit dir heute nirgends mehr hin!“ gab sie mit schriller Stimme zur├╝ck. „Fa├č mich nicht an!“
Dann rannte sie laut weinend davon.
Er ging ihr nicht nach. Es war seine Entscheidung. Wir trennten uns kurz darauf. Es war uns beiden nicht nach einem Gespr├Ąch zumute.
Er sprach mit ihr am n├Ąchsten Tag. Sie heulte, weinte, schrie, bettelte ihn an, es doch noch einmal zu versuchen. Als das alles nichts nutzte, fing sie an, ├╝ber mich her zu ziehen. Ich h├Ątte es von Anfang an darauf angelegt, ihn zu bekommen, mir zwischendurch noch schnell ein Kind machen lassen, weil er dazu ja nicht f├Ąhig war. Ich sei eine durchtriebene Nutte, und er w├╝rde das schon merken mit der Zeit. Wie oft wir es in all den Jahren schon heimlich gemacht h├Ątten? Alle w├╝rden ├╝ber sie lachen, alle h├Ątten es gewusst.
Wolfgang sagte zu all dem gar nichts, bot ihr nur an, f├╝r die Zeit, bis sie eine neue Wohnung gefunden h├Ątte, bei ihm bleiben zu k├Ânnen. Er w├╝rde solange zu seiner Mutter ziehen.
Er erz├Ąhlte mir das alles am darauf folgenden Tag in der Werkstatt. Sie taten mir beide leid. Keiner hatte das so gewollt. Ich h├Ątte gl├╝cklich sein k├Ânnen, aber ich war es nicht.
Wolfgang und ich gingen uns die n├Ąchste Zeit sogar eher aus dem Weg. Wir waren beide niedergeschlagen und f├╝hlten uns schuldbewu├čt, sobald wir uns auch nur ansahen. Angelika lauerte uns st├Ąndig auf und ├╝berh├Ąufte mich mit Vorw├╝rfen, ohne R├╝cksicht darauf, wer sonst noch zuh├Ârte. Aber sie machte keine Anstalten auszuziehen. Weder packte sie ihre Sachen, noch bekam man mit, dass sie sich auch nur um eine Wohnung bem├╝hte. Daf├╝r war sie abends oft weg. Wo sie hin ging, wusste keiner, aber es interessierte uns auch nicht.
Wieder vergingen mehrere Wochen, in denen mir nichts blieb, als meine Sehnsucht. Ich tr├Ąumte fast jede Nacht von Wolfgang, und immer waren es sexuelle Tr├Ąume, das wusste ich, wenn ich mich auch nie genau an sie erinnern konnte. Aber in Wirklichkeit war uns beiden nicht nach k├Ârperlichem Zusammensein. Ich dachte, das war genau das, was Angelika mit ihrer Anwesenheit erreichen wollte, aber ich konnte mich nicht dagegen wehren.

Zu allem ├ťberdruss stand auch noch Ralf eines Sonntages vollkommen unerwartet vor meiner T├╝r.
„Du bist es... „ sagte ich entt├Ąuscht, als ich die T├╝r ├Âffnete, nat├╝rlich hatte ich gehofft, es w├Ąre Wolfgang.
„Ja, sch├Ân dass du dich so freust.“ gab er ver├Ąrgert zur├╝ck.
„Nat├╝rlich freue ich mich“, sagte ich „komm erst mal rein.“
Er blickte sich suchend um.
„Sie ist oben.“ beantwortete ich seine unausgesprochene Frage und f├╝hrte ihn die Treppe hinauf. Tanja spielte auf dem Boden in meinem Schlafzimmer. Es war unser beider Lieblingsplatz.
Ralf blieb im T├╝rrahmen stehen und betrachtete verz├╝ckt aber auch unsicher seine Tochter beim Spielen. Er sah sie das erste Mal. Wir hatten ein paar Mal telefoniert, und ich hatte ihm Bilder geschickt, das waren unsere einzigen Kontakte, seit dem letzten kurzen Treffen vor ihrer Geburt gewesen.
Ich wollte ihm Zeit lassen, sie zu beobachten. Aber Tanja blickte von ihrem Spiel auf und fing gleich an zu weinen, als sie den fremden Mann sah. Deshalb ging ich zu ihr und nahm sie auf den Arm. Sogleich wurde sie ruhig.
Sie war neun Monate alt und fremdelte ziemlich. Au├čerdem bekam sie gerade ihre ersten Z├Ąhne und weinte dadurch ziemlich viel. Vielleicht litt sie aber auch nur darunter, dass ich in den letzten Wochen sehr ungl├╝cklich gewesen war.
„Wie gro├č sie schon ist.“ staunte Ralf.
Ich bot ihm einen Kaffee an, den er dankend annahm. Ich mu├čte Tanja auf dem Arm behalten, weil sie Angst vor ihm hatte, als ich in der K├╝che am Werkeln war. Ralf setzte sich zu uns ins Zimmer an den Tisch.
Ich fragte ihn neugierig: „Bleibst du hier, oder mu├čt du zur├╝ck nach Singapur?“
Er wirkte m├╝de, als er antwortete: „Nein, unser Projekt ist noch mal verl├Ąngert worden. Nichts klappt, wie geplant. Es ist alles ganz anders, als bei uns in Deutschland. Jedenfalls wird es bestimmt Ende des Jahres, bis wir fertig sind. Aber ich bleibe zwei Wochen. Ich wohne bei meinen Eltern und w├╝rde Tanja gerne mitnehmen.“
Ich dachte, ich h├Ątte nicht richtig geh├Ârt. Das konnte ja wohl nicht wahr sein. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, freundlich und ruhig mit ihm umzugehen, wenn ich ihn wiedersehen w├╝rde, aber meine Nerven waren momentan nicht die besten. Allein schon, weil Tanja nicht mehr durch schlief, seit sie zahnte, aber vor allen Dingen wegen der unertr├Ąglichen Situation, die zwischen Angelika, Wolfgang und mir entstanden war. Deshalb reagierte ich keinesfalls gelassen auf seine Bitte.
„Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Meinst du etwa, du kannst einfach hier unangemeldet auftauchen, zu deiner Tochter sagen, du seist ihr Vater, und das gebe dir irgendein Recht auf ihre Liebe? Sie kennt dich doch ├╝berhaupt nicht. Ich kann sie nicht einem v├Âllig Fremden einfach so mitgeben.“
Ralf schluckte und sagte ebenfalls aggressiv: „Nat├╝rlich nicht. Meinst du, ich bin bl├Âd? Ich will sie langsam kennen lernen. Ich dachte, du w├╝rdest mir dabei helfen, aber das scheint nicht deine Absicht zu sein.“
Ich hatte ihm Unrecht getan. Was war es nur, dass dieser Mann immer meine schlechtesten Eigenschaften ans Tageslicht brachte?
Ich entschuldigte mich kleinlaut: „Es tut mir leid. Ich habe dich falsch verstanden.“

Wir tranken unseren Kaffee, dann versuchte Ralf mit seiner Tochter zu spielen, die aber sofort zu Schreien anfing, wenn er nur in ihre N├Ąhe kam. Statt dessen packten wir sie in den Kinderwagen und gingen spazieren, ich f├╝hlte mich in etwa so entspannt dabei, wie bei einem Zahnarzttermin. Erst als Ralf begann, ein bi├čchen von seiner Arbeit, von Singapur, von den Menschen dort zu erz├Ąhlen, wurde es ein bi├čchen leichter. Als wir nach Hause kamen, lachten wir sogar miteinander. Genau in diesem Moment begegneten wir Wolfgang. Er blickte erst Ralf und dann mich an, gr├╝├čte kurz und verschwand dann ohne ein weiteres Wort. Ich verstand nicht, warum er sich so unfreundlich verhielt, es tat mir sehr weh. Auch Ralf schien sich ├╝ber Wolfgang zu wundern, jedenfalls blickte er fragend von ihm zu mir. Ich tat, als ob nichts gewesen w├Ąre.
Tanja war im Kinderwagen eingeschlafen. Ralf trug sie nach oben in ihr Bett. Es fiel ihm sichtlich schwer, sie aus seinem Arm zu geben, es war die erste k├Ârperliche Ber├╝hrung mit seinem Kind.
Wir vereinbarten, dass er vorerst jeden Tag hier her kommen wollte, bis sie sich an ihn gew├Âhnt h├Ątte. Vielleicht konnte er sie dann am Ende der 2 Wochen tags├╝ber mit zu seinen Eltern nehmen, aber ├╝ber nacht sollte er sie in jedem Fall zur├╝ck bringen, weil sie da noch gestillt wurde. Tags├╝ber gab ich ihr fast nur noch die Flasche, meistens wollte sie sogar lieber Brei oder Gem├╝se.
Es schien ihm tats├Ąchlich ernst zu sein. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er nach so langer Zeit wirklich noch Interesse an einem Kind hatte, das er nicht kannte. Ich rechnete es ihm hoch an, aber ├╝ber die Tatsache, dass ich ihn von nun an t├Ąglich mehrere Stunden um mich haben sollte, konnte ich mich nicht im Geringsten freuen. Ich wollte doch nur Wolfgang. Konnten nicht alle Angelikas und Ralfs dieser Welt uns einfach in Frieden lassen?




Als er abends endlich verschwunden war, bat ich meine Mutter, sich um Tanja zu k├╝mmern. Ich mu├čte unbedingt mit Wolfgang sprechen. Seine Reaktion von mittags hatte mich tief verletzt und verunsichert. Seit er sich von Angelika getrennt hatte, war alles ganz anders gekommen, als ich erhofft hatte. Er hatte mich gebeten, ihm Zeit zu lassen, bis sie endlich ausgezogen w├Ąre. Auch mir war das lieber so. Unsere Liebe sollte sch├Ân und rein beginnen. Niemand sollte mir oder ihm das Gef├╝hl geben, etwas Schmutziges zu tun. Aber unsere Beziehung war merklich abgek├╝hlt unter Angelikas Beschimpfungen, ich hatte schreckliche Angst, dass es ihr gelingen k├Ânnte, uns auseinander zu bringen, bevor wir ├╝berhaupt je richtig zusammen gewesen w├Ąren.
Ich klingelte bei seiner Mutter und war froh, dass er mir die T├╝r ├Âffnete.
„Hast du Zeit f├╝r mich?“ fragte ich ihn nerv├Âs.
Er fragte zur├╝ck: „Ist Ralf bei Tanja?“
Ich sch├╝ttelte den Kopf. „Nein, meine Mutter. Ralf ist schon weg.“
Wolfgang sagte, ich solle doch rein kommen, aber ich fragte, ob er nicht Lust h├Ątte, mit mir auf ein Bier zu Herbert zu gehen. Er war einverstanden, aber begeistert wirkte er nicht.
Eine ganze Zeit liefen wir wortlos nebeneinander her. Schlie├člich fragte er mich leise: „Warum hast du mir nicht erz├Ąhlt, dass Ralf kommt?“
Konnte er sich dar├╝ber so ge├Ąrgert haben?
Ich verteidigte mich: „Weil ich es selbst nicht gewu├čt hatte, er stand heute morgen einfach vor meiner T├╝r.“
Wolfgang sagte traurig: „Ihr hattet ja viel Spa├č miteinander.“
Jetzt verstand ich erst, dass er eifers├╝chtig war, eifers├╝chtig auf Ralf! Deshalb war er so k├╝hl zu mir. Warum hatte ich mir das nicht gleich denken k├Ânnen? Meine Sorgen waren vollkommen ├╝berfl├╝ssig gewesen.
In der Zwischenzeit waren wir angekommen. Bevor ich die Eingangst├╝r ├Âffnete, erkl├Ąrte ich ihm noch: „Spa├čig ist das f├╝r mich wahrhaftig nicht. Er will jetzt jeden Tag kommen die n├Ąchsten zwei Wochen, um Tanja kennen zu lernen. Dann f├Ąhrt er wieder nach Singapur. Ich will aber niemanden um mich haben au├čer Tanja, weil ich doch nur den ganzen Tag an dich denke.“
Er wirkte nicht ├╝berzeugt, als wir das Lokal betraten.
Herbert brachte uns an einen Tisch, stellte zwei Bier vor uns, grinste mich an und fragte: „Wann ist denn nun die Hochzeit?“ worauf Wolfgang ihm seinen Ellenbogen in die Seite stie├č. Ich jubelte innerlich, er hatte Herbert von mir erz├Ąhlt. Deshalb sagte ich fr├Âhlich: „Wenn er mich nicht heiratet, nehme ich dich!“
Das Eis war gebrochen. Auch Wolfgang lachte.

Sp├Ąter sagte er zu mir: „Morgen schicke ich Angelika zum Teufel.“
Ich war absolut einverstanden, aber ich dachte an Ralf und schlug daher vor:
„Lass ihr doch noch zwei Wochen Zeit.“
Er hatte verstanden und l├Ąchelte. „Aber keinen Tag l├Ąnger!“
Dieses Mal war ich es, die seine Hand ergriff. Ich wollte ihn nur ber├╝hren, seine W├Ąrme sp├╝ren, mehr nicht.
Ich sagte pathetisch: „Wei├čt du, wenn man fast drei Jahre vor Sehnsucht vergeht, dann kommt es auf zwei Wochen auch nicht mehr an.“
Er nickte und erz├Ąhlte: „Ich hab dich gleich gemocht, von Anfang an. Und gefallen hast du mir nat├╝rlich auch, besonders wie du so nackt vor mir gestanden hast...“, er blickte mich neckend an, „aber ich dachte, ich w├Ąre viel zu alt f├╝r dich, und du w├╝rdest dich bestimmt schnell in einen anderen Mann verlieben. Eine ewige Zeit bist du gar nicht mehr gekommen und dann erz├Ąhlte mir Ursel eines Tages, du w├╝rdest mit deinem neuen Freund zu Besuch kommen. Und es kam dieser Gigolo und war sogar noch ├Ąlter als ich. Ich hab mich selbst verflucht, dachte, es w├Ąre zu sp├Ąt.“
Ich unterbrach ihn: „Aber Angelika, die ist auch nicht viel besser.“
Wolfgang streichelte meinen Unterarm. Es war g├Âttlich.
„Ich frage mich, warum die zwei sich nicht in einander verliebt haben, sie h├Ątten doch prima zusammen gepasst.“
Die beiden hatten sich in Wahrheit kaum jemals eines Blickes gew├╝rdigt.
„Schade, dass es nicht so einfach sein kann.“ entgegnete ich und w├╝nschte, mein Pullover w├Ąre nicht so eng. Seine Finger kamen nicht sehr weit.
Er fuhr fort: „Seit du bei mir im B├╝ro angefangen hattest, konnte ich es kaum aushalten. St├Ąndig stellte ich mir vor, dich zu ber├╝hren oder zu k├╝ssen. Du bist so wundersch├Ân und ich konnte mich nur zu gut erinnern, wie du nackt aussiehst“
Er schaute mir in die Augen. Alles in mir sehnte sich nach seinem K├Ârper
„Ich wei├č nicht, warum ich mich nicht schon viel eher von Angelika getrennt habe. Es w├Ąre auch ihr gegen├╝ber fairer gewesen. Aber damals, als heraus kam, dass ich steril bin, nicht zeugungsf├Ąhig, ...“ er schaute mich fragend an, wollte sehen, ob ich dar├╝ber Bescheid wu├čte. Ich nickte. „Damals hatte sie so prima reagiert. Ich habe ihr das nicht vergessen k├Ânnen, ich f├╝hlte mich fast verpflichtet, ihr gegen├╝ber.“
Er sprach nicht weiter, deshalb sagte ich: „Ich h├Ątte dich nicht halb so gerne, wenn du nicht so treu geblieben w├Ąrst.“
„Ich bin mir vorgekommen wie ein Idiot. Da war die beste Frau der Welt, und ich war fast sicher, dass sie mich wollte, aber ich war zu feige, mit den Schwierigkeiten fertig zu werden.“
Es tat mir so gut, seine Worte zu h├Âren. Wir redeten und redeten, das Gespr├Ąch ging uns keinen Moment aus. Ich merkte, wieviel mehr zwischen uns war, als nur k├Ârperliches Verlangen. Es war fast zwei Uhr, als uns Herbert hinaus warf.
Arm in Arm liefen wir nach Hause. Zum Abschied fl├╝sterte mir Wolfgang in mein Ohr: „Ich werde auf dich aufpassen!“
Ich fragte ihn weshalb. Er antwortete: „Jeder Mann ist gleich angetan von dir. Es ist nicht nur dein Aussehen sondern dein Wesen, dein Lachen. Du bist so humorvoll und ernsthaft zu gleich und dabei so nat├╝rlich und ungezwungen. Dein Gesicht verr├Ąt immer deine Gef├╝hle, du kannst gar nicht anders als aufrichtig sein. Und au├čerdem...“
„Au├čerdem?“ fragte ich erwartungsvoll. Er hatte mir die sch├Ânsten Komplimente gemacht, die ich mir vorstellen konnte.
„Au├čerdem hast du den h├╝bschesten Hintern der Welt!“
Ich hatte bisher nicht die leiseste Ahnung gehabt, dass Worte alleine so anmachen konnten.

Nachdem wir uns verabschiedet hatten, blieb ich noch einen Augenblick drau├čen stehen. Nach dem heutigen Abend war ich endlich gl├╝cklich. Niemand konnte das, was zwischen Wolfgang und mir war zerst├Âren. Es war viel zu stark!


Wer immer von unseren beiden Familien und der Firma Hall bisher noch nichts von unserer Verliebtheit geahnt hatte, mu├čte es die kommenden 14 Tage merken, wenn er Wolfgang und mich nur anschaute. Man konnte es in unseren Blicken lesen, wie in einem offenen Buch. Wir schauten uns in die Augen und l├Ąchelten einander an, so oft sich die M├Âglichkeit dazu bot. Selbst Ralf, der f├╝r die Gef├╝hle anderer Menschen ziemlich unsensibel war, fiel es auf.
„So ist das also.“ sagte er, nachdem Wolfgang mich einmal kurz besucht hatte, „der ist schuld, dass du mich so abserviert hast!“
Ich entgegnete nichts darauf, sollte er doch denken, was er wollte. Aber in Wahrheit h├Ątte es mit Ralf und mir niemals gut gehen k├Ânnen, selbst wenn es Wolfgang nicht gegeben h├Ątte.
Ich war so gut gelaunt, dass ich mich ├╝ber gar nichts wirklich ├Ąrgern konnte. Au├čerdem lief es auch mit Tanja und Ralf richtig gut. Er hatte viel Geduld mit ihr, lie├č dem Kind die Zeit, die es brauchte, um sich an ihn zu gew├Âhnen. Schon nach einer Woche ging er alleine mit ihr spazieren, konnte sie f├╝ttern und wickeln, ohne dass sie zu Weinen anfing. In der zweiten Woche nahm er sie daher tats├Ąchlich mit zu seinen Eltern. Erst nur f├╝r ein paar Stunden, dann f├╝r ganze Tage. Erstaunlicher Weise schien es f├╝r Tanja kein gro├čes Problem zu sein, auch die lange Autofahrt nicht. Seine Eltern wohnten fast 70 km entfernt. Aber mir machte es ganz ordentlich zu schaffen, so lange von ihr getrennt zu sein. Am Ende der Woche machte ich mir dann kaum mehr Sorgen um ihr Wohlergehen, und ich konnte die Zeit nutzen, einmal so richtig zu tr├Ąumen und zu entspannen.

Endlich wurde es Sonntag. Ralf hatte uns schon verlassen, aber Angelika hatte tats├Ąchlich bis zum letzten Tag mit ihrem Auszug gewartet. Nachmittags beobachtete ich vom Fenster aus, wie Wolfgang ihre Koffer und Kisten auf einen Transporter lud. Sie stand daneben, ohne ihm zu helfen. Dann endlich fuhren sie los. Nach etwa einer halben Stunde kam er alleine zur├╝ck. Ich wartete im Hof auf ihn. Auf seinem eher finsteren Gesicht erschien ein L├Ącheln, als er mich erblickte.
„Kommst du zum Essen zu mir?“ fragte er mich und nahm mich in seine Arme. Er f├╝hlte sich so gut an. Mein Herz fing sofort an zu rasen.
„Wann immer du willst.“
„Sagen wir in einer Stunde? Ich mu├č erst noch duschen.“
Es w├╝rde eine lange Stunde werden.
„Wohin hast du sie ├╝berhaupt gebracht?“ fragte ich noch.
Er sagte l├Ąchelnd: „Zu einem Anderen.“
Sie hatte keine Zeit verschwendet.
Unter gr├Â├čter Anstrengung schafften wir es, uns voneinander zu trennen.

Ich brachte Tanja zu meinen Eltern und erz├Ąhlte ihnen, dass ich zu Wolfgang ginge, woraufhin meine Mutter vorsichtig fragte, was denn nun eigentlich sei, mit uns beiden. Vielsagend erwiderte ich: „Kann sein, dass es morgen fr├╝h wird, bis ich zur├╝ck komme.“
„Endlich!“ h├Ârte ich sie im Gehen noch sagen.

Einige Minuten zu fr├╝h betrat ich seine Wohnung. Ich konnte kaum glauben, dass ich wirklich bei ihm war. In all den Jahren war ich nicht einmal hier gewesen. Auch bei ihm war fast alles aus Holz und sehr gem├╝tlich, ich h├Ątte mich bestimmt sofort wohl gef├╝hlt, wenn ich nicht so wunderbar aufgeregt gewesen w├Ąre. W├Ąhrend er mich durch die Wohnung f├╝hrte, k├╝sste er mich auf den Hals, auf die H├Ąnde, ins Gesicht. Er k├╝├čte jedes St├╝ckchen Haut an mir, das nicht bekleidet war. Am liebsten h├Ątte ich mich sofort und auf der Stelle ausgezogen, aber er schien es nicht so eilig zu haben, denn er schob mich in die K├╝che, wo zwei T├Âpfe auf dem Herd standen. Es sah so aus, als ob er tats├Ąchlich vorhatte, zu essen. Ich w├╝rde keinen Bissen herunter bringen. Da war ich mir sicher.
Er sagte: „Es gibt leider nur Nudeln. Zu mehr hat die Zeit nicht gelangt. Wenn du willst, kannst du ja schon mal den Tisch decken.“
Ich versuchte es, nachdem er mir gezeigt hatte, wo das Geschirr war. Erstaunlicher Weise bekam ich es hin, ohne einen Teller fallen zu lassen, oder einen anderen gr├Â├čeren Schaden anzurichten. Wolfgang brachte das Essen. Wir standen beide noch neben den St├╝hlen.
Ich sagte: „Sch├Âner Tisch!“, und er antwortete prompt: „Sch├Âne Frau!“
Es war, als ob wir noch einmal da beginnen w├╝rden, wo wir angefangen hatten.

Wolfgang a├č mit gutem Appetit. Ich stocherte nur in meinen Nudeln herum und trank ab und zu einen Schluck Wein.
Als er endlich fertig war, stand ich auf und sagte: „Ich glaube, es wird Zeit.“
Er fragte fassungslos: „Du willst doch wohl nicht schon gehen?“
„Nein,“ erwiderte ich und ging um den Tisch herum zu ihm, „du hast mich falsch verstanden, ich meinte, es wird Zeit, dass ich dich endlich auch einmal nackt zu sehen bekomme.“

































Letzter Tag

Das Klingeln des Telefons reist mich aus einem traumlosen, unruhigen Schlaf. Ich bin sofort der Panik nahe und hellwach. Ohne nachzudenken melde ich mich mit meinem Namen, ich wei├č, dass es das Krankenhaus ist, das mich mitten in der Nacht anruft, es muss etwas passiert sein. Mein Herz rast wie verr├╝ckt.
Es ist Dr. Berthold: „Ihrem Mann geht es sehr, sehr schlecht. Es ist m├Âglich, dass er bald verstirbt. Wir haben ihn in der letzten Stunde noch mehrere Male defibrillieren m├╝ssen und sein Blutdruck wird immer niedriger, obwohl das Arterenol in H├Âchstdosis l├Ąuft. Es tut mit sehr leid. K├Ânnten sie gleich kommen?“
Mechanisch ziehe ich mich an und gehe in das Nachbarhaus um Tanja zu wecken. Sie will es nicht glauben, steht aber trotzdem auf und macht sich fertig, nat├╝rlich kommt sie mit mir. Ich kann sie gut verstehen, auch f├╝r mich ist es unfassbar, dass Wolfgang sterben soll, obwohl so vieles darauf hin gedeutet hat.
Ihr Freund Alex ist bei ihr, er steht auch mit auf, bietet uns an, uns in das Krankenhaus zu fahren. Ich sage, dass dies nicht n├Âtig sei, aber er besteht darauf. Er ist ein netter, junger Mann, ich bin froh, dass Tanja ihn hat.
W├Ąhrend der Autofahrt sprechen wir fast kein Wort miteinander. Jeder ist in seine eigenen Gedanken versunken, auch wenn meine Tochter und ich wahrscheinlich das gleiche denken. Es kann einfach nicht wahr sein. Es ist unm├Âglich, dass er stirbt. Wir brauchen ihn doch noch viel zu sehr, wir lieben ihn, wir hatten doch an ein Wunder geglaubt.
Mein Mann und ich, wir hatten noch so Vieles miteinander vorgehabt, und ohne ihn will auch ich nicht mehr alt werden.
Ich betrachte Tanja von hinten. Sie ist noch viel zu jung, um ihren Vater zu verlieren, denke ich. Kann man ├╝berhaupt alt genug sein, wenn die eigenen Eltern sterben? Ich denke zur├╝ck an den Tag vor ca. 2 Jahren, als meine Mutter starb. Mittags sagte sie zu meinem Vater, es sei ihr nicht gut, und sie w├╝rde sich einen Moment hinlegen. Als er ein paar Minuten sp├Ąter nach ihr schauen wollte, lag sie schon r├Âchelnd da und konnte nicht mehr antworten. Der Notarzt brachte sie in die Neurologie. Vier Stunden sp├Ąter war sie tot. Sie hatte einen Schlaganfall gehabt. Ich trauerte zum ersten Mal in meinem Leben, ich hatte sie so gerne gehabt. Sie war immer dagewesen f├╝r mich, mein ganzes Leben lang. Es war unvorstellbar f├╝r mich, dass sie einfach nicht mehr da sein sollte.
Wolfgang half mir so sehr in dieser Zeit. Er hatte das ja mit seinem Vater auch schon durchgemacht. F├╝r ihn stand fest, dass wir uns alle irgendwo einmal wiedersehen w├╝rden, daran glaubte er ganz fest. F├╝r meinen Vater war es noch schlimmer, aber er lie├č sich nicht h├Ąngen. Tanja war dann in den ersten Stock meines Elternhauses gezogen, damit er nicht ganz alleine in dem gro├čen Haus war. Wolfgang und ich wohnten ├╝ber der Schreinerei.
Die Zeit verging, und die Wunden heilten. Auch, wenn ich meine Mutter noch heute, gerade heute vermisse. Ich f├╝hle mich unendlich einsam.

Eine halbe Stunde nach dem Anruf sind wir auf Station. Alex f├Ąhrt wieder nach Hause. Er kennt Wolfgang kaum.
Dr. Berthold bringt uns zu Wolfgang. Hr. Bernhard und eine Schwester Nadja haben Nachtdienst, wir hatten sie am Abend schon kurz gesehen. Alle sind sehr ernst.
Der Arzt bleibt einen Moment in der T├╝r stehen, er wei├č auch nicht, was er sagen soll. Schlie├člich l├Ąsst es uns alleine.
Wolfgang sieht noch schlechter aus als vor wenigen Stunden, das sehe ich sofort. Er ist noch blasser und eingefallener. Tanja geht gleich zu ihm, legt ihren Arm um ihn und weint. „Papa, Papa“ ruft sie verzweifelt, aber er reagiert wie immer nicht. Ich nehme wieder nur seine Hand in meine, ich habe diese H├Ąnde so lieb. Ich registriere, dass sie sich kalt anf├╝hlt. Es ist wahr, er wird sterben. Lautlos f├╝llen sich meine Augen mit Tr├Ąnen. Ich will hier nicht weinen, versuche dagegen anzuk├Ąmpfen.
Der Monitor zieht wieder meine Blicke auf sich. Wolfgangs Puls schl├Ągt ganz unregelm├Ą├čig ungef├Ąhr 160 Mal in der Minute, aber es schwankt sehr. Der Blutdruck ist nur noch 60/ 30. Ich will das alles gar nicht wissen. Wenn ich meinen Mann anschaue, sagt mir das viel mehr, als all die Werte, aber ich kann nicht anders, ich muss immer wieder die Kurven betrachten. Sie leuchten hell in dem d├Ąmmrigen Zimmer. Ich stehe kurz auf, laufe ein paar Schritte hin und her, viel Platz gibt es nicht. Dabei schaue ich kurz ├╝ber den Vorhang zu dem Nachbarpatienten. Ich sehe, dass der Schlauch aus seinem Mund verschwunden ist, er atmet alleine. Er hat es wohl geschafft. Ich finde es unsagbar ungerecht, er ist doch viel ├Ąlter als Wolfgang. Ob er wohl mitbekommt, dass neben ihm im Zimmer jemand stirbt? Es sieht nicht so aus. Er hat die Augen geschlossen und liegt ganz ruhig da. Ich wende mich von ihm ab, gehe wieder zu Wolfgang, lege mein Gesicht m├╝de auf seine k├╝hle Hand, als ob es etwas n├╝tzen w├╝rde, wenn ich sie auf diese Art und Weise w├Ąrme.
Wir haben 20 Jahre zusammen verbracht. Es waren die sch├Ânsten Jahre, die ich mir vorstellen kann. Ich glaube, keine andere Familie kann so gl├╝cklich sein, wie wir es waren. Vielleicht war es einfach zu sch├Ân, um wirklich wahr zu sein, wahr zu bleiben. Wir haben alles gemeinsam gemacht, die Firma, unsere Freizeit, Tanja. Eine Freundin hatte einmal gemeint, das k├Ânne nicht gut gehen, wir sollten uns mehr trennen, sonst w├╝rden wir uns irgendwann auf die Nerven gehen. Sie hatte nicht Recht gehabt. Wir sind uns niemals auf die Nerven gefallen. Wir hatten sehr wenig Streit. Eigentlich nur, wenn einer von uns eifers├╝chtig war, das kam schon ab und zu vor. Wolfgang sah so gut aus, sieht es noch immer, finde ich und streichle ├╝ber sein Gesicht. Selbst jetzt, wo er sterbend da liegt. Viele Frauen fanden ihn attraktiv, und manche hatten das sehr deutlich gezeigt. Eine alte Bekannte von ihm hatte ihm auf einem Fest einmal st├Ąndig ihren Arm um seine Schulter gelegt. Ich sa├č daneben und war furchtbar eifers├╝chtig gewesen. Was hatten wir gestritten, als wir wieder zu Hause waren! Wie war die Vers├Âhnung so sch├Ân gewesen! Ich glaube, unsere Verliebtheit hat niemals aufgeh├Ârt. Vielleicht, weil wir solange aufeinander verzichten mussten. Ich bin f├╝r jeden Tag dankbar, den wir miteinander verbracht haben. Ich bin ├╝ber jeden Tag w├╝tend und verzweifelt, den ich nicht mehr mit ihm verbringen darf.

Hr. Bernhard gibt Wolfgang eine Spritze in den Bauch.
„Das ist Morphium“ sagt er, „f├╝r den Fall, dass er doch irgendwie Schmerzen haben sollte oder leidet.“
Er legt mir eine Hand auf die Schulter. „Sch├Ân, dass sie gekommen sind.“
Ich frage: „Was glauben sie, wie lange ...?“ Dann verstumme ich, mir fehlen die richtigen Worte.
Aber er hat mich verstanden, holt sich einen Hocker, setzt sich zu mir auf gleiche H├Âhe und antwortet: „Das kann man nicht sagen. Es ist bei jedem anders.“
„Wird er denn sicher sterben?“
Der Pfleger nickt traurig. „Seine Haut beginnt sich schon zu marmorieren. Wir glauben nicht, dass es noch sehr lange dauern wird.“
Tanja schluchzt.
Wir schweigen f├╝r einen Moment.
„Es ist vielleicht das Beste so.“ sage ich um meine Tochter zu tr├Âsten. Ich wei├č, dass es ein schwacher Trost ist.
Hr. Bernhard antwortet f├╝r sie: „Das denke ich auch.“
Ich frage: „Haben sie schon viele Menschen sterben sehen?“
„Ich arbeite schon seit ├╝ber 7 Jahren hier. Hier liegen nur Schwerstkranke. Es kommt sehr h├Ąufig vor, dass ein Patient stirbt.“ erkl├Ąrt er uns.
Ich denke ├╝ber seine Antwort nach. Ein bi├čchen verstehe ich jetzt seine Worte von neulich, als ich ihn gefragt hatte, wie er auf einer solchen Station arbeiten k├Ânnte. Hier besinnt man sich wahrhaftig auf das Wesentliche. Nur Gesundheit z├Ąhlt, alles Andere ist unwichtig. Der Patient wird mit Respekt vor dem Menschen an sich behandelt. Es ist vollkommen unerheblich, ob man hier B├╝rgermeister oder Hilfsarbeiter ist. Am Ende ist jeder gleich.
Der Pfleger erz├Ąhlt uns von Menschen, die er im Sterben gepflegt hatte und die bei Bewu├čtsein gewesen waren. Manche seien ganz friedlich eingeschlafen, obwohl sie vorher noch schlimmste Luftnot oder auch Schmerzen gehabt h├Ątten. Einen h├Ątte er Minuten vor seinem Tod gefragt, wie es ihm ginge. „Mir? Gut.“ h├Ątte der verwundert geantwortet, als ob er gar nicht mehr gewu├čt h├Ątte, wo er war, und dass er so krank war. Andere h├Ątten tagelang gek├Ąmpft, bis der Tod sie erl├Âst h├Ątte. Es sei erstaunlich, wie der Mensch am Leben hinge. Selbst, wenn es nicht mehr lebenswert sei.
Wolfgang ist nicht bei Bewu├čtsein. Ich hoffe, dass er nicht leiden muss.

Schwester Nadja bringt uns eine Flasche Wasser und zwei Tassen Kaffee. Er brennt mir im Bauch, als ich ihn trinke. Wir sind jetzt wieder alleine im Zimmer.

Ab und zu gehe ich auf den Flur und schaue auf die Uhr, die dort h├Ąngt. Die Minuten vergehen in Zeitlupe. Ich warte ungeduldig auf etwas, von dem ich ├╝berhaupt nicht m├Âchte, dass es passiert. Warum kann ich nichts ├Ąndern an der Situation, warum k├Ânnen die ├ärzte und das Pflegepersonal nicht helfen, warum l├Ąsst Wolfgang mich einfach alleine? Ich sp├╝re eine grenzenlose Wut in mir, aber in Wahrheit kann ich sie gegen niemanden richten. Niemand und nichts gibt mir einen Grund, sie an ihm auszulassen. Ich sehe meinem Mann in das Gesicht, die Wut verschwindet so schnell, wie sie gekommen ist. Ich liebe ihn so, er tut mir so leid. Wie mag es f├╝r ihn sein?

Ein Gespr├Ąch f├Ąllt mir ein. Vor ein paar Wochen war es gewesen. Ich frage mich, warum ich nicht schon fr├╝her daran zur├╝ck gedacht habe.
Es war ein Wochenende, morgens oder schon fast mittags. Wolfgang und ich waren noch im Bett, wir hatten zusammen geschlafen. Ich lag auf dem R├╝cken, er mir zugewandt auf der Seite, einen Arm unter meinem Kopf. Die Zeit direkt nach dem Sex mit ihm fand ich immer am Sch├Ânsten, es war so unglaublich intim.
Er sagte neckend: „Ich finde, ich habe mir ein Fr├╝hst├╝ck am Bett verdient.“
Ich antwortete lachend: „Wenn sich das einer verdient hat, dann ich. Schlie├člich habe ich die Hauptarbeit geleistet.“
Er widersprach: „Das war ja wohl ich. Immerhin habe ich oben gelegen.“
„Eben. Und das bedeutet, dass ich ├╝ber 90 kg ausgehalten habe.
Er lachte und k├╝sste mich auf die Nasenspitze. Dann stand er auf und sagte: „Ich mach das Fr├╝hst├╝ck, und wei├čt du warum?“
„Nein...“ antwortete ich gespannt.
„Weil ich der gl├╝cklichste Mensch auf der Welt bin, und das habe ich nur dir und Tanja zu verdanken. Ich bin froh ├╝ber jeden Tag, den ich mit dir verbringen darf!“
Als ob er es geahnt h├Ątte. Es waren nicht mehr viele Tage ├╝brig gewesen zu diesem Zeitpunkt.

Tanjas Kopf liegt auf seiner Schulter. Ich erz├Ąhle ihr von seinen Worten.
Sie sagt: „ich liebe ihn so.“
Ich wei├č das. Wolfgang und sie haben eine ganz besondere Beziehung. Er wusste fast immer, was in ihr vorging. Einmal, es war an einem Geburtstag von mir, kam Tanja von der Schule nach Hause. Sie muss damals so ungef├Ąhr 15 Jahre alt gewesen sein. Ich war gerade dabei, den Tisch zu decken, ich hatte sie an diesem Tag noch nicht gesehen, weil ich morgens l├Ąnger liegen geblieben war. In der Erwartung eines Gl├╝ckwunsches, drehte ich mich zu ihr um, als die T├╝r aufging. Aber sie rannte einfach an mir vorbei, brummte kurz „Hallo“, ging in ihr Zimmer und warf die T├╝r zu. Ich hatte keine Ahnung, was mit ihr los war und wollte ihr gleich hinterher gehen, aber in diesem Moment kam Wolfgang zum Essen. Ich erz├Ąhlte ihm von ihrem Verhalten. Er war der Meinung, wir sollten sie alleine lassen. Egal, was der Grund war, er tippte auf Liebeskummer, wenn sie die T├╝r hinter sich geschlossen h├Ątte, wollte sie ihre Ruhe haben. Es sei ihr Zimmer, ihre Privatsph├Ąre, in die ich jetzt besser nicht eindringen sollte. Ich gab ihm Recht, aber ich wollte es auch nicht auf sich beruhen lassen, ihr einerseits meine Hilfe anbieten, und andererseits war ich auch verletzt. So benahm man sich nicht innerhalb einer Familie. Wolfgang ├╝berlegte kurz, dann schrieb er einen Zettel. „Einladung zum Geburtstagsessen, mit Gr├╝├čen von Sabine und Wolfgang“ stand darauf. Er schob ihn unter ihrer T├╝r hindurch. Nur Minuten sp├Ąter umarmte mich Tanja, entschuldigte sich und gratulierte mir herzlich. Ein paar Tage sp├Ąter erz├Ąhlte sie mir von ihrem Liebeskummer, ein paar Wochen sp├Ąter war er schon wieder vergessen. Wolfgang hatte immer f├╝r alles eine einfache L├Âsung gewusst. Jetzt m├╝ssen wir ohne ihn auskommen. Es ist unvorstellbar f├╝r mich. Ich f├╝hle mich hilflos und schwach. Aber dann dr├╝cke ich seine kalte Hand und verspreche ihm lautlos, dass er sich keine Sorgen machen muss. Ich werde es schon schaffen. Ich will es ihm nicht schwerer machen. Vielleicht sp├╝rt er, wie es in mir aussieht. Vielleicht kann er sogar noch nach seinem Tod f├╝hlen, wie es mir geht und bleibt damit doch ein Wenig bei mir. F├╝r ihn w├╝rde ich es schaffen, f├╝r ihn w├╝rde ich alles tun.

Es ist kurz nach 3:00 Uhr, sehe ich auf dem Weg zur Toilette. Als ich wieder zur├╝ck komme, steht ein Teller mit gesch├Ąlten ├äpfeln im Zimmer.
„Der Pfleger hat sie gebracht.“ sagt Tanja. „Falls wir eine Kleinigkeit essen wollen.“
Ich kann nicht, mein Magen brennt noch immer. Wir warten weiter. Bestimmt eine Stunde vergeht.
Pl├Âtzlich brummt der Monitor wieder. Wolfgangs Puls wird langsamer. Er ist schon unter hundert, sehe ich. Hr. Bernhard ist bereits bei ihm und macht den Alarm aus. Er bleibt neben dem Bett stehen und betrachtet die elektronischen Kurven. Ich blicke von ihm zum Monitor und wieder zur├╝ck, aber sein Gesicht ist ausdruckslos, ich habe keine Ahnung, was er denkt. Der Puls wird immer langsamer, jetzt ist er nur noch 80. Wolfgang sieht aus wie vorher. Tanja ist aufgestanden, wir blicken beide fragend zu dem Pfleger. Die Zahl n├Ąhert sich
der 60.
Wieder gibt der Monitor diesen schrecklichen Alarm, wieder unterdr├╝ckt ihn Hr. Bernhard.
Der Puls ist auf 40 gefallen. Der Pfleger nickt uns zu. Meine Brust verkrampft sich. Die Zahl f├Ąllt immer weiter, 30, 20, 10. Die Kurve ver├Ąndert sich. Die Beatmungsmaschine pumpt immer weiter Luft in die Lunge meines Mannes. Auf und Ab bewegt sich sein Brustkorb unter der d├╝nnen Decke. Am Monitor sind nur noch vereinzelte unf├Ârmige Zacken zu sehen. Dr. Berthold steht auf einmal bei uns, ich wei├č nicht, wie lange er schon im Zimmer ist. Er nickt dem Pfleger zu. Der sagt zu uns: „Er ist tot. Ich stelle die Beatmungsmaschine jetzt aus.“, dann dr├╝ckt er einen Schalter seitlich an dem Ger├Ąt. Einfach so. Stille.
Wolfgang ist tot.
Endg├╝ltig.

Tanja nimmt mich in den Arm. Wir stehen neben ihm, fassen ihn an, rufen seinen Namen, wollen es nicht begreifen.
Sekunden oder Ewigkeiten sp├Ąter, ich wei├č es nicht, schl├Ągt uns Hr. Bernhard vor, kurz nach drau├čen zu gehen. Er w├╝rde all die Schl├Ąuche entfernen. Wir k├Ânnten dann besser Abschied nehmen.
Im Flur weine ich. In Tanjas Armen. Wolfgang ist tot, tot, tot. Niemals mehr werde ich seine Arme um mich sp├╝ren, niemals! Sie weint auch.

Wir d├╝rfen wieder zu ihm. Sein Gesicht ist ganz wei├č. Mund und Augen sind geschlossen, der Unterkiefer ist meinem Tuch hoch gebunden worden. Ein Betttuch liegt ├╝ber ihm, bedeckt ihn bis zum Hals. Darunter sind seine H├Ąnde ├╝ber dem Bauch gefaltet, kann man erkennen. Alle Schl├Ąuche sind entfernt worden. Verb├Ąnde verraten noch ein paar der Stellen, in die sie eingedrungen waren. Die Beatmungsmaschine steht ausgeschaltet neben dem Bett. Es tut so weh, seinen K├Ârper anzuschauen, und zu sehen, dass nicht mal mehr der kleinste Rest Leben in ihm ist. Der geliebte K├Ârper wirkt so fremd, so be├Ąngstigend.
So viele Stunden haben wir in diesem Zimmer bei ihm verbracht. Es war nun alles zu Ende. In mir ist ein Gef├╝hl von aller st├Ąrkstem Heimweh, eine Mischung aus Sehnsucht, Einsamkeit, Verlassenheit. Es wird mir bleiben f├╝r den Rest meines Lebens, dieses Heimweh, nur das es mein Zuhause nicht mehr gibt, in das ich zur├╝ck gehen k├Ânnte. Wolfgang war meine Heimat.

Tanja und ich bleiben nicht mehr lange, es macht keinen Sinn. Aber es f├Ąllt so schwer, ihn zu verlassen. Nur ganz m├╝hsam drehe ich mich um und setze einen Fu├č vor den anderen. Ich gehe aus dem Zimmer, ohne mich noch einmal umzudrehen.
Im Flur treffen wir auf Hrn. Bernhard. Ich frage ihn, wie es nun weitergeht.
Er antwortetet: „Von uns aus kommt ihr Mann in die Pathologie. Sie suchen sich ein Beerdigungsinstitut, und das k├╝mmert sich dann um alles weitere.“
Ich frage: „In der Pathologie... wird er da...aufgeschnitten?“
„Er wird obduziert, wenn keine Angeh├Ârige von sich aus dagegen Einspruch erheben, ja.“
Meine Tochter und ich sprechen kurz dar├╝ber. Ich bin sicher, dass es Wolfgang egal gewesen w├Ąre. Er wollte sowieso verbrannt werden. Das hatte er mir nach der Beerdigung meiner Mutter gesagt.
Wir informieren den Pfleger, dass wir nichts gegen eine Obduktion einzuwenden haben. Mir f├Ąllt es trotzdem schwer, mir nicht vorzustellen, wie jemand den Bauch meines toten Mannes aufschneidet oder sogar den Kopf.
Ich bedanke mich f├╝r die liebevolle Pflege. Wir haben hier sehr viel Menschlichkeit erfahren, mehr als ich f├╝r m├Âglich gehalten h├Ątte an so einem Ort. Wir verabschieden uns noch von dem Arzt. Ich kann mich kaum ├╝berwinden, die Station wirklich zu verlassen. Es ist die letzte Bindung zu ihm. Er liegt nur ein paar Meter von mir entfernt. Kurz denke ich daran, ihn mit nach Hause zu nehmen, ihn in sein Bett zu legen und dort Totenwache zu halten. Vielleicht w├Ąre es so leichter, Abschied zu nehmen.
Hr. Bernhard ├╝bergibt mir Wolfgangs Ehering. Ich nehme in fest in meine Hand. Er ist eine Erinnerung an eine bessere Zeit.

Tanja sagt schlie├člich: „Wollen wir gehen?“. Sie hat Recht. Wir m├╝ssen nach Hause, es allen anderen sagen.
Wir fahren mit dem Bus, sind die einzigen Fahrg├Ąste. Es ist ja fast noch Nacht. Tanja hat ein Handy, sie telefoniert mit Ralf. Mir f├Ąllt ein, wie sie mich als vierj├Ąhriges Kind gefragt hat, warum sie eigentlich zwei Papas h├Ątte. Ich hatte ihr erkl├Ąrt, Ralf sei ihr Papa geworden, als sie noch bei mir im Bauch gewesen sei, dann musste er aber weit weg ziehen bis an das andere Ende der Welt, bevor sie ├╝berhaupt auf die Welt gekommen war. Deshalb h├Ątten wir zwei uns dann eben noch einen Papi gesucht. F├╝r eine Vierj├Ąhrige war das ausreichend, sp├Ąter kamen nat├╝rlich noch mehr Fragen von ihr, die waren dann schwerer zu beantworten. Heute bin ich sehr froh, dass sie einen so guten Kontakt zu Ralf behalten hat. Er hat ein Jahr nach mir und Wolfgang eine sehr nette Frau geheiratet und noch eine Tochter bekommen, so dass Tanja eine Schwester hat, mit der sie sich auch gut versteht.
Meine Tochter reicht mir den H├Ârer, Ralf will mir sein Beileid sagen. Sein Ton ist ganz aufrichtig. Unsere Schwierigkeiten haben wir schon lange ├╝berwunden. Ich bedanke mich und beende das Gespr├Ąch. Es ist mir ein Gedanke gekommen. Ich w├Ąhle die Nummer der Auskunft und lasse mich mit Angelika verbinden. Mit ihr hatten wir uns nie wieder vertragen. Sie hatte immer so getan, als ob sie uns nicht kennen w├╝rde, wenn wir sie zuf├Ąllig getroffen hatten. Und das war oft, denn sie bekam zwei Kinder, und man lief sich deshalb zwangsl├Ąufig ├╝ber den Weg. Ich wei├č selbst nicht, warum ich ausgerechnet sie jetzt anrufe, als eine der ersten, fast noch in der Nacht, als sie sich auch schon verschlafen meldet.
„Angelika?“ frage ich nach, denn ich bin nicht sicher, ob es ihre Stimme ist.
„Ja?“ fragt sie verwundert zur├╝ck.
„Hier ist Sabine. Ich wollte dir nur erz├Ąhlen, dass Wolfgang gestorben ist, eben gerade im Stadtkrankenhaus. Ich finde du solltest es nicht aus der Zeitung erfahren.“
Sie hatte bestimmt von seinem Herzinfarkt geh├Ârt. Im Ort spricht sich das ja schnell herum. Jetzt schweigt sie.
„Angelika?“ Ich bin nicht sicher, ob sie noch dran ist.
„Das, das tut mir ganz furchtbar leid f├╝r dich.“ sagt sie ziemlich ersch├╝ttert. Ihre Freundlichkeit tut mir gut. Sie w├╝nscht mir alles Gute dann beenden wir das Gespr├Ąch.
Ich bin froh, dass ich sie angerufen habe. Es ist f├╝r mich, als ob Wolfgang jetzt in Frieden gehen k├Ânnte.
Am Fenster zieht die Welt an mir vorbei, in der der Mann, den ich ├╝ber alles geliebt hatte, nun nicht mehr zu Hause ist. Es ist eine graue Welt geworden. Die Einsamkeit in mir tut k├Ârperlich weh. Ich wei├č nicht, woher ich die Kraft nehmen soll, um weiter zu machen, ich wei├č nur, dass ich nicht aufgeben darf. Da sind noch so viele Menschen, die mich brauchen. Ich m├Âchte jetzt nur noch nach Hause. M├Âchte Wolfgang dort sp├╝ren und endlich weinen d├╝rfen, meine Trauer nicht mehr l├Ąnger unterdr├╝cken m├╝ssen, weil ich sie ausleben muss, wenn ich jemals mit diesem Verlust fertig werden will.

Er war der Mann meiner Tr├Ąume, er war f├╝r so kurze Zeit der Mann meines Lebens, und jetzt bleibt mir nur mehr die Erinnerung, aber die kann mir nicht genommen werden, niemals!

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blaustrumpf
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Hallo, strumpfkuh

Danke f├╝r ein au├čergew├Âhnliches Leseerlebnis!

blaustrumpf
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Daf├╝r bin ich nicht aus dem Schrank gekommen, um mich in eine Schublade stecken zu lassen.

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anemone
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ausgezeichnet

geschildert. Du vermagst es wunderbar den Unterschied
herauszustellen zwischen Liebe und dem, was man vielfach daf├╝r h├Ąlt.

lG
anemone

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kaffeehausintellektuelle
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liebe strumpfkuh

ich muss zun├Ąchst sagen. ich konnte die geschichte nicht ganz lesen. nicht jetzt. ich werd das nachholen.
dein stil gef├Ąllt mir, er ist einfach, schn├Ârkellos und eindringlich.

ein bisschen ├╝berfordert war ich als laiin von den vielen medizinischen ausdr├╝cken. kann aber sein, dass das absicht war, um zu zeigen, wie man in solchen situationen mit medinzinischer fachsprache zugepflastert wird.

was mich ein bisschen gest├Ârt hat, waren die vielen plusquamperfekte. sie waren zwar grammatikalisch richtig, erschweren aber f├╝r mich den lesefluss.
als ich begonnen hab, mehr zu schreiben, hab ich mal eine autorin gefragt, wie man damit umgehen soll, ob correctness vor lesbarkeit geht. sie hat gesagt, es reicht, den oder die ersten s├Ątze eines absatzes in der vorvergangenheit zu schreiben, damit man wei├č, in welcher zeit es ist und damit man merkt, der autor wei├č um die richtige verwendung der zeiten. aber dann soll man aus gr├╝nden der leichteren lesbarkeit in den imperfekt wechseln.
(wollte dich an dieser erkenntnis teilhaben lassen).


es gr├╝├čt
die k.

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strumpfkuh
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Hallo,
und Danke f├╝r eure netten Worte. Ich habe mit dem Schreiben erst vor kurzem begonnen und freue mich daher besonders ├╝ber jede Art von Schulterklopfen aber auch konstruktiver Kritik.

An diese Erz├Ąhlung habe ich einen Anspruch gestellt: Ich wollte etwas L├Ąngeres schreiben, das sich fl├╝ssig und interessant lie├čt. Das mit den Fachausdr├╝cken war also keineswegs meine Absicht. Aber wenn man das beim Lesen vermutetet, ist es vielleicht gar nicht so schlimm?

Also: Ihr habt mir mit eurem Lob eine gro├če Freude gemacht.
Liebe Gr├╝├če
Doro

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Rote Socke
Guest
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Mein lieber Herr Gesangverein!

Ein Novum f├╝r die blinde Socke. Seit meiner Lupenmitgliedschaft, die erste laaaaaaaaaaaange Erz├Ąhlung die ich zu lesen begann und mit Genuss zu Ende brachte.
Ist ja auch kein Kunstst├╝ck bei diesem Text. Er ist vollgepfropft mit Handlung, und Handlung animiert zum lesen.
Aber nicht allein das, auch die fl├╝ssige Schreibe, der Sprachstil und vor allem die Details waren ein Genuss. Ob Krankenhausger├Ątschaften, Motorradz├╝ndkabel, Schreinerei, Russlandkrieg, Verh├╝tung, Bauleiter in Singapur, Schwangerschaft (Leben), Herzinfarkt (Sterben), sypathisches und unsympathisches Krankenpersonal: Tja und: Drama, Liebe, Drama -- R├╝ckblenden, Gegenwart.

Ei padaus doro, f├╝r diese feinarbeit w├╝rde ich gerne 20 Points dr├╝cken. Ein Lektorat w├╝rde ich hier nie machen, h├Âchstens ein Korrektorat, aber das kann ich eh nicht.
Hach, es war sch├Ân zu lesen und ein HIGHLIGHT in Lupanien.

Eigentlich kann man doch so etwas nur schreiben wenn man es selbst erlebt hat. Aber selbst wenn man das erlebt hat, muss man es erst schreiben k├Ânnen.

Dickes anerkennendes Lob! Eine Kunst, so lange Texte kurzweilig zu schreiben. Ich beherrsche das leider noch nicht.

Socke

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strumpfkuh
???
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Liebe Socke,
Bei so viel Lob bin ich sprachlos! Danke.
Liebe Gr├╝├če
Doro

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