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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Weihnachten
Eingestellt am 17. 02. 2008 09:12


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loussi
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Registriert: Feb 2005

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Fest in Omas Manier


Weihnachten war stets Omas Fest gewesen. Nach Moms Scheidung, spĂ€testens nach Opas Tod war es ehernes Gesetz, dass wir die Weihnachtsfeiertage bei ihr verbrachten. Zwar sagte sie jedes Mal „NatĂŒrlich mĂŒsst ihr nicht kommen, wenn ihr etwas anderes vorhabt.“ Aber schon ihr Tonfall machte deutlich, dass wir keine Wahl hatten.
Mom hasste Weihnachten. Je nĂ€her das Fest rĂŒckte, umso ĂŒbellauniger wurde sie. „Verlogen! Sinnentleert! Nur Konsum und Kommerz!“, schimpfte sie. „Familienharmoniegeheuchel!“ Sie schnaubte verĂ€chtlich, verwies auf die gehĂ€ufte Suizidrate, die Zunahme innerfamilialer Gewalt sowie die vielen FamilienkrĂ€che und Trennungen gerade an den Festtagen. Danach verengte sich ihr Blickwinkel aufs Private. „Das sentimentale Getue meiner Mutter! Ihr unablĂ€ssiges Geplapper! Ich kann es nicht mehr hören! Auch ich brauchÂŽ einfach mal Ruhe!“ Sie holte tief Luft. „Nur einmal, ein einziges Mal,“ fuhr sie mit erhobener Stimme fort, „möchte ich Weihnachten so verbringen, wie ich will. NĂ€mlich gar nicht!“
Mein Bruder und ich hingegen freuten uns auf das Fest. Auch dann noch, als wir lÀngst erwachsen waren.
*
Mit den Vorbereitungen begann Oma bereits Mitte Oktober. Dann nĂ€mlich fischte sie einen vergilbten Kanzleibogen aus ihren Unterlagen und heftete ihn mit vier Tesastreifen an die KĂŒchenwand. Akribisch hatte sie darauf die Rezepturen fĂŒr ihre zwanzig Sorten weltbester Weihnachtskekse notiert, in exakt aufeinander abgestimmter Backabfolge. An den folgenden fĂŒnf Tagen zog sie jeden Morgen Punkt neun Uhr mit ihrem Einkaufsroller los. Kiloweise transportierte sie Mehl, Butter und Zucker, NĂŒsse, Dutzende von Eiern und sonstigen Backzutaten nach Hause. Ende Oktober forderte sie unsere Wunschzettel ein. Der November war dem Backen vorbehalten, außer den Montagen. Da fuhr sie mit dem Bus in die Innenstadt, um Geschenke zu besorgen. Am ersten Advent prĂ€sentierte sie stolz ihr Werk: 2118 PlĂ€tzchen, die sie nun nach einem bestimmten SchlĂŒssel uns, sich selbst sowie irgendwelchen Leuten zuteilte, denen sie sich verpflichtet fĂŒhlte. NatĂŒrlich bekamen wir den Löwenanteil: jeder 360 StĂŒck, spĂ€ter Omas noch dazu. Mom verdrehte stets abwehrend die Augen. Ausgerechnet im Dezember musste sie dringend auf ihre Figur achten. Dabei stopfte sie das ganze Jahr ĂŒber tafelweise Schokolade in sich rein. Die verbleibenden Adventswochen verfasste Oma Weihnachts- und NeujahrsgrĂŒĂŸe, verpackte aufwĂ€ndig ihre Geschenke und schmĂŒckte die Zimmer mit TannengrĂŒn, Kerzen, Goldhaarengeln und RĂ€uchermĂ€nnchen aus dem Erzgebirge. Nur einen Weihnachtsbaum gab es seit Opas Tod nicht mehr.
Je nĂ€her das Fest rĂŒckte, desto umtriebiger und aufgekratzter wurde sie, was sich in der HĂ€ufigkeit ihrer Anrufe bei uns niederschlug.
*
Wie jedes Jahr saß Oma am KĂŒchenfenster und wartete auf uns. Wie jedes Jahr kamen wir verabredungsgemĂ€ĂŸ gegen 14 Uhr angereist und hatten doch stets das GefĂŒhl, zu spĂ€t zu sein. Das Auto war vollgepackt mit unseren Reisetaschen, Geschenken, einem ausufernden Gesteck fĂŒr Opas Grab, einem etwas kleineren fĂŒr die Urgroßeltern, zwei WĂ€schekörben mit Lebensmitteln und vorbereiteten Speisen. Die Zubereitung des Weihnachtessens hatte mittlerweile Mom an sich gerissen, da Oma stur die neuesten ernĂ€hrungswissenschaftlichen Erkenntnisse missachtete. Nachdem wir den Wagen ausgerĂ€umt hatten, drĂ€ngte Oma auf den Friedhof. Mit diesem Gang begann die alljĂ€hrliche Zeremonie des Heiligen Abends. Oma, die wie immer darauf beharrte das große Gesteck zu tragen, trippelte vorneweg, tapfer gegen ihre Trauer um Opa anplappernd, die sie an solchen Tagen verstĂ€rkt befiel. „Hubert, wann holst du mich endlich zu dir?“ fragte sie vorwurfsvoll, als sie vor Opas Grab stand. Zu Hause verschwand sie sogleich im Wohnzimmer. „Ihr noch nicht!“, tat sie geheimnisvoll. Erst auf ein dreimaliges dĂŒnnes Gebimmel hin stĂŒrmten Marius und ich hinein, Mom langsam hinterher. Auf dem runden Esstisch stapelten sich die Weihnachtsgeschenke. Doch erst war Oma dran. In diesem Jahr bekam sie von uns eine Vibrationsmassagenfußbadewanne. Sie bedankte sich wortreich, konnte es aber kaum abwarten ihre Geschenke loszuwerden. Zu jedem PrĂ€sent wusste sie etwas ganz Besonderes zu erzĂ€hlen. Ich bekam die heiß ersehnte Digicam, begleitet von einer extra langen Geschichte.
Auch wĂ€hrend des Abendessens wirkte Oma entspannt. Sie trank sogar ein Glas Sekt, nippte an allen Salaten, Dipps und Pasteten, die Mom zubereitet hatte, lobte deren KochkĂŒnste, aß und trank jedoch nicht ĂŒbermĂ€ĂŸig. VorĂŒbergehend schwĂ€chelte ihr Redefluss. Als Marius nach dem Essen eine CD von Jopie Heesters in Omas Mini-Stereoanlage schob, die wir ihr letzte Weihnachten geschenkt hatten, blĂŒhte sie auf, begann mit dem rechten Fuß zu wippen und die Texte mitzutrĂ€llern. Als sie merkte, dass ich sie mit der neuen Digicam filmte, warf sie sich in Pose und sang kraftvoller. Dann erzĂ€hlte sie der Kamera, wie sie Opa kennenlernte, von ihrer Hochzeit und Moms Geburt. Nichts Neues also. GlĂŒckstrahlend schwelgte sie in der Vergangenheit. Gegen Mitternacht meinte sie unvermittelt, sie habe genug geredet. Abrupt stand sie auf. „Ich habe ein schönes Leben gehabt,“ sagte sie. „DafĂŒr bin ich dankbar!“ und ging zu Bett.

Oma ĂŒberlebte dieses Weihnachtsfest nicht. Sie verstarb 86jĂ€hrig in den frĂŒhen Morgenstunden des ersten Feiertages an Herzversagen.
*
Obwohl schon der erste Advent nahte, hatte sich Mom noch nicht geĂ€ußert, wie sie die Weihnachtstage zu verbringen gedachte. Mein Bruder und ich hielten uns seit geraumer Zeit zum Studium im Ausland auf; Marius in New York, ich in Kairo. Beide gingen wir davon aus, Mom wĂŒrde vorschlagen sich gemeinsam in Kairo zu treffen. Umso ĂŒberraschter waren wir, als sie uns in einer Mail kurz und bĂŒndig mitteilte sie erwarte uns am 24. Dezember zur ĂŒblichen Zeit in Omas Haus. Erst jetzt wurde uns bewusst, dass sie das Haus noch nicht vermietet hatte.
Wir fanden das Haus verschlossen vor. Auch Moms Auto war nirgends zu sehen. Marius war ĂŒbellaunig. Sein Flieger hatte drei Stunden VerspĂ€tung gehabt und er litt unter dem time lag. Ich war ĂŒbellaunig, denn ich hatte die ganze Zeit seinetwegen im Flughafen ausgeharrt. Doch statt sich ĂŒber unser Wiedersehen zu freuen, verbreitete er nur Muff. „Was soll das Ganze hier ĂŒberhaupt? Da meckert sie seit Jahrzehnten wegen Weihnachten. Jetzt kann sie endlich machen was sie will und kommt trotzdem hierher! Ich wĂ€rÂŽ lieber in New York geblieben oder zu dir nach Kairo gekommen! Wo ist sie ĂŒberhaupt?“ Es dĂ€mmerte bereits. GewohnheitsmĂ€ĂŸg trabten wir Richtung Friedhof. TatsĂ€chlich parkte dort ihr Wagen. Das schmiedeeiserne Tor war schon abgesperrt, Mom nirgends zu entdecken. Seltsam! Wir kletterten ĂŒber die Mauer. Der Friedhof lag in gespenstischem Dunkel. Wir tapsten den Hauptweg entlang. In einiger Entfernung entdeckten wir linkerhand, dort wo wir das Familiengrab vermuteten, einen Lichtschein. Wir tasteten uns an BaumstĂ€mmen und Grabsteinen einen schmalen Seitenpfad entlang, von dem wir annahmen, dass er zum Grab fĂŒhrte. Marius vorneweg, mich hinter sich herziehend. „Hörst du das?“ Unvermittelt blieb er stehen. „Ach du lieber Himmel!“ sagte er fassungslos. Omas Stimme! Sie sang mit Jopie Heesters im Duett. Auf dem Grab stand ein mannshoher Weihnachtsbaum. Im Flackern des Kerzenlichts entdeckten wir Mom, eingemummt in eine Decke in einem von drei Sesseln kauernd, die nebst einem Tisch um einen rot glĂŒhenden Heizpilz herum standen. Auf dem Tisch ihr Laptop, auf dessen Monitor ĂŒberlebensgroß das Gesicht der singenden Oma erstrahlte. Daneben eine Sektflasche, mehrere PĂ€ckchen, Omas Keksdose sowie ein Picknickkorb. Mom schien uns erwartet zu haben. Sie schwenkte ein Sektglas, prostete erst uns, dann Oma zu. „Die Kinder sind da, Mama! Die Bescherung kann beginnen!“ Sie stellte den Ton ab. Oma sang stumm auf dem Monitor weiter.

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