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Leselupe.de > Erz├Ąhlungen
die uhr, aus meinen memoiren
Eingestellt am 03. 02. 2001 07:51


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flammarion
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Der Regulator
Zu unserem Mobiliar geh├Ârte auch eine Standuhr. Ein fast zwei Meter hoher, schwarzer Schrein, in den die Zeit eingesargt war. Ich habe diese Uhr gehasst und geliebt. Gehasst, weil sie neben meinem Bett stand und ich sie unter Androhung schlimmster Strafe nicht ber├╝hren durfte, und ich habe sie geliebt f├╝r ihre Zuverl├Ąssigkeit, f├╝r ihren harmonischen Klang, wenn sie die Stunde schlug und f├╝r ihre schn├Ârkelreichen Verzierungen.
Sie stand auf kleinen gedrechselten S├Ąulenbeinen, es sah aus, als w├Ąren zwei dicke schwarze Perlen zwischen zwei dicke schwarze W├╝rfel geklemmt worden. Dar├╝ber folgte das Glasteil, in dem man die gleichf├Ârmigen Bewegungen des goldenen Pendels verfolgen konnte, und man sah auch die Gewichte, die den Gang der Uhr regelten. Ihre Bewegungen waren erst nach Stunden festzustellen. Als ich in die romantische Phase des Backfischalters eintrat, waren diese Gewichte f├╝r mich Sinnbilder des Lebens: Wer hoch steigt, kann tief fallen, nur wer die tiefsten Tiefen durchmessen hat, wei├č Freude und Gl├╝ck zu sch├Ątzen, Freud und Leid halten sich oft die Waage, was dich dr├╝ckt, kann dich einst erheben, usw.
In f├╝r mich ehrfurchtgebietender H├Âhe leuchtete das Zifferblatt mit seinen reich verzierten r├Âmischen Zahlen und den filigranen Zeigern. Wie unerbittliche Augen wirkten die zwei ├ľffnungen, durch welche man mit einem Spezialschl├╝ssel die Uhr aufziehen konnte, damit sie alle Viertelstunden schlug. Bei einem Viertel tat sie ein Bing, bei zwei Vierteln zwei Bing, bei drei Vierteln drei Bing und bei der vollen Stunde tat sie zuerst vier Bing und dann so viele Bong, wie der kleine Zeiger bestimmte. H├Ąufig hielt ich in meiner Besch├Ąftigung inne, um diesem Klang zu lauschen. Jeder Gast unterbrach seine Rede, wenn unsere Uhr schlug.
Auf dem Geh├Ąuse sa├čen zwischen h├Âlzernen Ranken und Rosetten zwei kleine pausbackige Englein mit erhobenem Zeigefinger. Daher war ich als Dreij├Ąhrige fest ├╝berzeugt, dass sie diese Harmonie von Sch├Ânheit, Zeit und Wohlklang erzeugten. Meine diesbez├╝gliche Bemerkung wurde mit schallendem Gel├Ąchter honoriert. Aber das verletzte mich nicht. Ich freute mich, die Oma zum Lachen gebracht zu haben, denn nichts war sch├Âner f├╝r mich, als frohe Menschen um mich zu haben.
Im zweiten Schuljahr lernten wir, die Uhrzeit zu erkennen. Das hei├čt, bei mir m├╝hte sich die Lehrerin vergeblich. Ich begriff ihre Rede nicht. Ida fragte, warum ich eine 5 bekommen hatte und ich antwortete: "Ick wee├č die Uhrzeit nich." Sie eilte in die Stube und sagte: "Det is zehn nach einzen, aba wat soll det deine Lehrerin jetz n├╝tzn?" Ich erkl├Ąrte nun, dass in unserem Rechenbuch Uhren abgebildet sind und wir die Zeit auf diesen Uhren angeben sollten. Zuf├Ąllig war Gerda gerade bei uns zu Besuch. Sie sah in das Buch und sagte: "Na, Mensch, det is doch janz einfach! Un det kannst de nich?" - "Nee.", erwiderte ich traurig. Sie sagte: "Na, ick mu├č jetz leida jehn. Du lernst det schon. Tsch├╝├č."
Mein Lehrbuch blieb offen auf dem K├╝chentisch liegen. Ida versuchte, mir die Uhr zu erkl├Ąren, aber ihre Rede glich der der Lehrerin, ich verstand gar nichts. Grete L. kam, um etwas zu borgen. Ida erz├Ąhlte ihr von dem neuen "Kumma mit die J├Âre, die zu bl├Âd is, det Einfachste zu bejreifn". Grete L. kam zu mir in die Stube und bemitleidete mich, da├č ich die Uhr an einem r├Âmischen Zifferblatt lernen musste und brachte mir erst einmal bei, dass die drei Striche eben eine drei bedeuten und dass es dann viertel ist. Das war alles, was ich von ihrer wortreichen Erkl├Ąrung begriff. Ich wurde schon selber ganz w├╝tend dar├╝ber, dass ich die Uhr nicht lesen konnte. F├╝r meine Mitsch├╝ler war es keine Kunst, die meisten von ihnen gingen selbst├Ąndig zur Schule und wussten genau, zu welcher Uhrzeit sie von zu Hause losgehen mussten.
Endlich ├╝berlie├č Grete L. mich wieder mir selber. Ich stand vor der Uhr und blickte sie hasserf├╝llt an. Wie oft hatte ich schon begeistert zugesehen, wie der gro├če Zeiger langsam von Ziffer zu Ziffer glitt! Ich wusste, da├č die Uhrzeiger ├╝ber hundert unterschiedliche Stellungen einnehmen konnten. ├ťber hundert! Das war eine so gro├če Zahl, dass ich mich au├čerstande f├╝hlte, diese Stellungen jemals unterscheiden und verstehen zu k├Ânnen.
Irma kam nach Hause, begr├╝├čte Ida in der K├╝che und wunderte sich, dass mein Lehrbuch aufgeschlagen auf dem Tisch lag. Grete L. sagte: "Die doowe Krille bejreift die Uhr nich!"
Irma kam zu mir, legte einen Arm um mich und sagte: "Det gloob ick einfach nich, det du dazu zu deemlich sein sollst. Wir schtelln uns jetz ma hier hin un sehn der Uhr zu, denn wern wa schon dahintakomm, wat se uns saacht." Endlich r├╝ckte der gro├če Zeiger einen Strich weiter. "Siehste", sagte Irma, "nu is eene Minute um." Ich nickte. "Der Abschtand von eem Schtrich zum andan is eene Minute", erkl├Ąrte sie. "Jede Schtunde hat sechzich Minutn. Det hei├čt, det der jro├če Zeija an eem Tach zw├Âlfmal um det janze Ziffablatt mu├č, weil der Tach zw├Âlf Schtundn hat. Wenn a eenma rum is, is eene Schtunde um. Janz oohm schteht die zw├Âlf, danehm is die eins. Det macht nischt, dass det hier r├Âmische Zahln sind. Du kannst doch von eins bis zw├Âlf zeehln, also wee├čte ooch, uff welche Zahl der kleene Zeija jetz schteht." - "Uff jakeene!" - "Richtich, jetz schteht a zwischen zwee Zahln." So erkl├Ąrte sie mir geduldig alles, und am n├Ąchsten Tag konnte ich die schlechte Zensur ausb├╝geln.
Als ich ├Ąlter war, fragte ich Ida, warum sie die Uhr "Rejelata" nennt, sie regelt doch die Zeit nicht, sondern zeigt sie nur an? Da sagte sie unwirsch: "Du wee├čt aba ooch allet bessa!"
Eines Tages tat es in der Uhr einen lauten Knacks, begleitet von einem disharmonischen Singen. Dem hundertj├Ąhrigen Uhrwerk war eine Feder gebrochen, und niemand konnte sie ersetzen. So wurde das Familienerbst├╝ck zu Brennholz zerspellt. Die Metallteile kamen in den M├╝ll. Gern wollte ich einen Zeiger als Andenken aufbewahren, aber Ida verbot es mit dem Bibelzitat: "Du sollst dein Herz nicht an eitlen Tand h├Ąngen!" Mit wehem Herzen sah ich aus dem Fenster zu, wie die Nachbarskinder die Zeiger aus der M├╝lltonne holten und mit ihnen spielten, bis die kleinen filigranen Kunstwerke nur noch unansehnliches Metall waren.


__________________
Old Icke

Version vom 03. 02. 2001 07:51

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Druidencurt
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die Uhr, aus meinen memoiren

eine wundersch├Âne Geschichte, die das Leben schrieb,
hast du es erlebt ???


Gru├č
Druidencurt


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Tri-Tra-Trullala =
denn der Troll ist wieder da!
Das finden viele sonderbar!

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flammarion
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ja,

lieber druide, das ist alles authentisch. auch alles weitere, was ich aus meinen memoiren hier ins net stelle. ich hoffe auf zahlreiche kritik, weil ich mit der sache nicht ganz gl├╝cklich bin. ich wei├č nicht, was wirklich interessiert und was ich besser weglassen sollte. lieben gru├č
__________________
Old Icke

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bluefin
Guest
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nein, @ flammarion, hier wird wurde nicht kommentiert, sondern total ├╝berinterpretiert - dein bericht (der, wie du sagst, eine selbst erlebte episode ist) gibt leider keinerlei direkten anlass zur filosofie.

wohl aber bereitet er dem leser stirnfalten bez├╝glich gewisser dtails und, vor allem, der scheinbaren gef├╝hllosigkeit der prota.

ein solcher riesiger und demgem├Ą├č laut tackender regulator in einem schlafzimmer, sintemal dem eines kleinen m├Ądchens? ein albtraum! f├╝r die prota scheint es aber v├Âllig normal zu sein: sie hasst die uhr nur, weil sie sie nicht ber├╝hren darf. lautes gebonge um mitternacht st├Ârte nie und machte nie angst? sonderbar. stattdessen moralinsaure sinnbildnereien ├╝ber hoch- und tiefst├Ąnde von gewichten.

der leser wundert sich ├╝ber art und zuschnitt der gegenst├Ąndlichen berliner stadtwohnung - die uhr soll so laut gewesen sein, dass jeder besuch sofort verstummte, wenn sie vom schlafzimmer heraus zu rappeln begann. waren alle t├╝ren immer ge├Âffnet? oder schlief das kind bis ├╝ber seine pubert├Ąt hiaus etwa auf dem gang oder im wohnzimmer (wo in aller regel solche uhren aufgestellt zu werden pflegten)?

"schallendes gel├Ąchter" ├╝ber r├╝hrende fragen eines kindes gelten als humor statt als billige pr├Ąpotenz; ├╝berhaupt dr├Ąngt sich dem sorgf├Ąltigen leser der eindruck auf, das kind sei wohl nicht zwischen besonders zartf├╝hlenden h├Ąnden gro├č geworden - die zerhacken lieber ein erbst├╝ck, dem nur ein popeliges schlagwerk-federchen gebrochen ist, statt dieses von einem halbwegs kundigen uhrmacher (in berlin!!) ersetzen zu lassen, und sie hindern das kind unter hinweis auf die zehn gebote, etwas von den tr├╝mmern f├╝r sich zu behalten: aus heutiger sicht w├Ąren derlei verhaltensmuster knapp an der kindersch├Ąndung vorbei, w├Ąre da nicht der bereits erw├Ąhnte hinweis auf die sinnbildende kraft der uhrgewichte gewesen: sie erschlossen sich ja erst dem "backfisch". mithin wurden erst diesem die zeiger vorenthalten.

liebe @flammarion, sei mir bitte nicht b├Âse, wenn ich feststelle, dass es sich bei dem text um eine ganz und gar unreflektierte kindheitserinnerung handelt. sie l├Ąsst den leser am schluss mit dem unbehagen zur├╝ck, dass ihr autor entweder keine lust hatte, aus dem erlebnis etwas wirklich anr├╝hrendes zu machen, oder es nicht besser konnte.

vielleicht nimmst du nochmal einen neuen anlauf?

liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

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gareth
Fast-Bestseller-Autor
Registriert: Dec 2003

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Hallo flammarion,

ich denke, dass bluefins Kritik unberechtigt ist und es da nicht viel zus├Ątzlich zu reflektieren gibt.

Wenn man sich etwas nicht ohne weiteres vorstellen kann, bluefin, hei├čt das noch lange nicht, dass es nicht so gewesen oder unangemessen beschrieben ist.

Das f├Ąngt beim Standort der Uhr an und ihren Ger├Ąuschen und h├Ârt bei den verweigerten oder einfach abgebrochenen Erkl├Ąrungsversuchen zum Uhren ablesen dem Kind gegen├╝ber auf.

Auch f├╝r die Zerst├Ârung der Standuhr kann es gute Gr├╝nde geben. Reparaturkosten oder man findet lange Zeit niemand, der sowas noch reparieren kann, Platzbedarf oder der einfache Wunsch nach einer moderneren Uhr, auf die man vielleicht schon l├Ąngere Zeit ein Auge geworfen hat. Die heutige Denkweise, dass alte M├Âbel oder Gebrauchsgegenst├Ąnde erhaltenswert oder zumindest vermarktbar sind, ist ├╝brigens noch nicht sehr alt.

Das schallende Gel├Ąchter nach der kindlichen Frage, lieber bluefin, hat flammarion nicht also Humor gewertet, sondern erz├Ąhlt, dass das Kind sich (erfreulicher Weise) dadurch nicht verletzt f├╝hlte, sondern sich vielmehr dar├╝ber gefreut hat, die Oma zum Lachen gebracht zu haben. Das ist vollkommen glaubhaft.

Einen leisen Zweifel hege ich lediglich am Erinnerungsverm├Âgen der Autorin, was ihre Erlebnisse im Alter von 3 Jahren angeht. Das st aber sehr subjektiv und kommt daher, dass ich selbst mich an ├╝berhaupt nichts erinnern kann aus diesem Lebensalter.

Wat aba Irmas Erl├Ąuterungen anjeht, liebe flammarion:

Det hei├čt, det der jro├če Zeija an eem Tach zw├Âlfmal um det janze Ziffablatt mu├č, weil der Tach zw├Âlf Schtundn hat.

Damit det klar is: der Tag hat in echt vierundzwanzig Stunden :o)

Gr├╝├če
gareth
__________________
Wie h├Ąsslich ist ein schr├Ąges Treiben,
da lob ich mir mein tr├Ąges Schreiben.

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

hallo @gareth,

du schriebst:

quote:
Wenn man sich etwas nicht ohne weiteres vorstellen kann, bluefin, hei├čt das noch lange nicht, dass es nicht so gewesen oder unangemessen beschrieben ist.
ich bin zwar kein m├Ądchen, aber selbst bei trockenen schilderungen der hier vorliegenden art versuche ich, wenn ich mich mit ihnen besch├Ąftige, den beschriebenen personen oder sachverhalten nachzuf├╝hlen. ich stell mir vor, ich w├Ąr eine dreij├Ąhrige und m├╝sste neben einem solchen ungeheuer schlafen, w├╝rde schallend verlacht, wenn ich an engel glaubte, w├╝rde (wie ich ja schon vermutet habe) keinen wirklichen raum f├╝r mich haben und d├╝rfte, obwohl ich schon ein "backfisch" bin, nicht einmal bruchst├╝cke eines gegenstandes behalten, wenn mir denn daran l├Ąge (wobei ich nach wie vor die zerst├Ârer des erbst├╝ckes f├╝r rohlinge halte): wenn ich mir das alles vorstelle, wei├č ich, dass ich nicht gl├╝cklich sein k├Ânnte damit.

ich wei├č nicht, ob es gut ist oder ein fluch, dass man solche dinge sieht und sie anspricht - vor allem dann, wenn sie, so wie hier, von der mehrheit gar nicht wahrgenommen oder f├╝r unwichtig gehalten werden.

anyway - das macht mich nicht zum (literarisch) blinden, wie du mir unterstellst, lieber @gareth. sicher gibt's immer welche, die auch direkt neben einer autobahn oder einer bahntrasse schlafen k├Ânnen, wenn sie's lange genug tun m├╝ssen (und kirre genug daf├╝r sind, h├Ątte man noch hinzuf├╝gen sollen) - aber von so einem wesen hat die autorin ja nicht berichten wollen. ganz im gegenteil. die von ihr geschilderte welt hat keine spr├╝nge - bis auf jenen mit den f├╝r immer verlorenen zeigern. den halte ich ihr auch zugute.

oft ist es mit der prosa wie mit der musik, @gareth: wer die leisen t├Ânt nicht h├Ârt, ist der eigentlich taube.

nichts f├╝r ungut und liebe gr├╝├če aus m├╝nchen

bluefin

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