Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5328
Themen:   88967
Momentan online:
78 Gäste und 1 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Science Fiction
Überreaktion
Eingestellt am 07. 07. 2015 11:07


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
FrankK
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2006

Werke: 23
Kommentare: 1966
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um FrankK eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Überreaktion

   „Fähnrich Irvenka?“ Captain Longley betrat die Brücke des Forschungsschiffes Magellan von seinem Bereitschaftsraum aus. Sein Blick war auf ein paar Pads in seiner Hand gerichtet, den Weg zu seinem Kommandosessel hätte er mit verbundenen Augen gefunden. Nach einigen Schritten stutzte er, blieb stehen und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Wachoffizier. „Drescher? Irre ich mich, oder hätte Fähnrich Irvenka Sie nicht vor einer halben Stunde ablösen müssen?“ Captain Longley wanderte weiter zu seinem Platz, ohne den Angesprochenen aus den Augen zu lassen.
   Lieutenant Drescher stand hinter den taktischen Kontrollen. „Nein, Sir, Sie irren sich nicht.“
   Der XO räusperte sich.
   Longley blickte zu seinem Ersten Offizier hinab. Er hatte seinen Platz neben dem des Captains, Longley stand jetzt unmittelbar vor ihm. „Commander Crow, einen Guten Morgen!“
   Der XO schluckte, er kannte seinen kommandierenden Offizier lange genug, um zu wissen, dass dieser gerade in einer gefährlichen Stimmung war. „Fähnrich Irvenka hat sich noch nicht zum Dienst gemeldet, Sir!“
   Der Captain legte den Kopf schief: „Sie werden es nicht glauben, XO, aber das ist mir aufgefallen. Ebenso wie die Tatsache, dass es in dieser Woche bereits das dritte Mal ist.“ Er deutete mit seiner freien Hand auf die Bordkommunikation: „Dürfte ich Sie dann bitten?“
   Alex Crow beugte sich über die Kommunikationsanlage, wählte aus dem Verzeichnis den Kommunikator von Fähnrich Irvenka und betätigte den Prioritätsruf: „Fähnrich Irvenka, melden Sie sich auf der Brücke!“
   Die Sekundenanzeige der Borduhr schien zu rasen, schnell war eine halbe Minute abgelaufen, ohne dass eine Antwort erfolgte.
   Crow rief noch einmal: „Fähnrich Irvenka, melden Sie sich!“
   Longley warf die Computerpads achtlos auf seinen Sitz und wandte sich zum Ausgang. „Da wird wohl jemand unseren Fähnrich wecken müssen.“
   Crow sprang auf, wollte die Tür vor dem Captain erreichen, dieser hob aber die Hand und winkte rückwärts über die Schulter: „Schon gut, XO! Das übernehme ich heute mal selbst!“

***

   Das Sensorfeld neben der Kabinentür zeigte außer dem Namen des Bewohners ein rot leuchtendes Schlüsselsymbol als Zeichen, dass die Kabine verriegelt war.
   Longley betätigte den Summer und schlug gleichzeitig mehrmals kräftig mit der Faust gegen die Tür. „Fähnrich Irvenka!“
   „Sie müsste in Ihrer Kabine sein, ich hab sie heute noch nicht gesehen. Jedenfalls … beim Frühstück war sie zumindest nicht.“
   Der Captain drehte sich um, musterte den nervösen Mann, der hinter ihm im Gang aufgetaucht war. „Crewman … Dexter?“
   „Ja, Sir.“ Der junge Mann wurde noch unruhiger angesichts der Tatsache, dass der Captain seinen Namen kannte. „Ich bin gerade zufällig hier, habe dienstfrei, ich meine … im Moment …“
   „… haben Sie kein dienstfrei mehr sondern fungieren ab sofort als mein Zeuge. Sie warten hier!“
   Longley hatte keine Lust, auf die Empfindsamkeiten eines jungen Crewmitglieds Rücksicht zu nehmen. Er fingerte seine ID-Card aus der Brusttasche seiner Uniformjacke und zog diese durch den Türscanner. Mit einem kaum wahrnehmbaren Klicken erlosch das Schlüsselsymbol, leise zischend öffnete sich die Tür. Der Raum vor ihm lag im Dunkeln, zielsicher fand seine Hand den Lichtsensor an der Innenwand. Im aufflammenden Licht erfasste er schnell die Situation, erkannte die Offizierin, die reglos auf der Seite in ihrem Bett lag. Mit wenigen Schritten war er bei ihr, berührte sie an der Schulter, dann mit zwei Fingern am Hals, um den Puls an der Schlagader zu kontrollieren.
   Eilig wandte er sich ab und kehrte zur Tür zurück.
   Der Crewman stand bleich vor ihm. „Mein Gott … ist sie …?“
   Longley antwortete nicht, sondern betätigte den Zentralruf der Bordkommunikation. „Kommandant an Krankenstation – medizinischer Notfall im Quartier Fähnrich Irvenka, Deck siebzehn, Raum Eins-Acht-Drei! Kommandant an Brücke – Sicherheitsalarm! Alle Triebwerke stopp! Ein Sicherheitsteam ins Quartier von Fähnrich Irvenka!“

***

    „Sie wollten mich sprechen, Doktor?“
   Gregor Eibenhardt, der zivile Schiffsarzt, schaute von seinen Unterlagen auf. „Ah, Captain, danke, dass Sie so schnell Zeit für mich gefunden haben. Würden Sie mich bitte in den Kühlraum begleiten?“
   „Sie sind aber fix mit der Autopsie fertig geworden.“
   Sie gingen einige Schritte, bevor der Arzt ihm antwortete: „Ob Sie es glauben oder nicht, ich habe noch gar nicht angefangen!“
   Captain Longley zog eine Augenbraue hoch, erwiderte aber zunächst nichts. Ein Todesfall in dieser Form gehörte nicht zum Alltag an Bord eines Raumschiffes. Es war einfach ungewöhnlich, dass ein Besatzungsmitglied vom Tod in seinem Quartier überrascht wurde.
   Mit einer herrischen Bewegung verscheuchte der Arzt zwei Assistenten, die sich aus irgendeinem Grund ebenfalls im Kühlraum aufhielten.
   „Wieso haben Sie noch nicht mit der Untersuchung begonnen?“
   „Zum Ersten, weil ich Arzt bin und kein verdammter Leichenfledderer …“
   „Sie meinen Pathologe?“
   „… und zum Zweiten, weil ich es nicht darf. Nicht bei ihr.“
   „Wieso?“
   „Sie stammt von Orstwill. Da gibt’s irgend so eine merkwürdige Glaubensrichtung von wegen Unversehrtheit der sterblichen Überreste.“
   „Die Jamaron-Sekte. Ein Familienmitglied muss der Untersuchung zustimmen. Es gibt aber Ausnahmeregelungen. Haben Sie mich deshalb hierher gerufen?“
   „Nein, ich wollte Ihnen etwas zeigen.“
   Die tote Offizierin lag mit einem Leinentuch bedeckt in der Mitte des Raumes auf einem Untersuchungstisch. Der Arzt hob das Tuch etwas an und zog es bis zu den Schultern zurück. Er fluchte leise: „Verdammte Gaffer!“
   „Doktor?“
   „Die beiden von gerade. Keinen Respekt mehr, die Leute!“
   „Was wollten Sie mir zeigen?“
   Der Arzt deutete schweigend auf den Hals der Frau.
   Longley beugte sich herab, um ihn sich näher zu betrachten. In ihrem Quartier hatte er nur die linke Seite gesehen und dort nach dem Puls gefühlt. An der rechten Seite waren deutlich zwei rote Flecken zu erkennen. „Wollen Sie mir etwa erzählen, sie sei gebissen worden?“
   „Ich datiere die Todeszeit auf etwa Mitternacht bis ein Uhr.“
   „Doktor!“ Longleys Stimme war eindrücklich, aber nicht übermäßig laut. „Ich glaube nicht, dass diese Frau durch einen Vampir getötet wurde!“
   Der Arzt grinste schief. „Ich auch nicht. Zumindest ist sie nicht an Blutmangel gestorben.“
   „Woran dann?“
   „Ein genauerer Befund steht noch aus, die toxikologischen Analysen laufen noch, aber außer dem da …“, er deutete wieder auf die roten Male, „… ich stehe vor einem Rätsel. Keine weiteren äußeren Verletzungen. Die Bioscans sind nicht schlüssig, unsere Geräte an Bord taugen einfach nicht zur Untersuchung von totem Fleisch. Da hilft wirklich nur aufschneiden und reingucken. Ich kann nicht ausschließen, dass sie an einem einfachen Herz-Kreislauf-Versagen gestorben ist.“
   „Sie war Offiziersanwärterin. Die gesundheitlichen Untersuchungen der Raumflotte …“
   Mit einer eindeutigen Geste winkte der Arzt gelangweilt ab: „Ja, ja, die Raumflotte. Niemand interessiert sich noch großartig für die Raumfahrt. Schon mal daran gedacht, dass die von der Flotte ihre Untersuchungen selbst nicht mehr so genau nehmen angesichts des fortschreitenden Personalmangels?“
   „Schon gut, Doktor, ersparen Sie mir Ihren Zynismus. Ich weiß, dass unser Schiff hoffnungslos unterbesetzt ist.“ Nachdenklich schaute Captain Longley ein paar Sekunden die Tote an, bevor er sich zur Tür wandte. Über die Schulter rief er dem Arzt noch zu: „Ich erwarte absolutes Stillschweigen über diese sichtbaren Wundmale!“
   Mit einem bitteren Lachen fragte Doktor Eibenhardt zurück: „Wie stellen Sie sich das denn vor?“
   Longley blieb stehen, drehte sich steif um. „Was soll das heißen?“
   „Captain, glauben Sie allen Ernstes, die beiden Gaffer haben sich für die nackten Titten einer Toten interessiert?“
   Eine scharfe Erwiderung lag ihm auf den Lippen, schließlich erkannte er die simple Wahrheit in den bissigen Worten des Arztes. „Ich erwarte profundere Erkenntnisse um vierzehn Uhr bei einer Besprechung in meinem Bereitschaftsraum!“
   „Ich weiß nicht, ob ich bis dahin …“
   „Vierzehn Uhr, Doktor!“

***

   Gemeinsam betraten der erste Offizier und der Bordarzt den Bereitschaftsraum des Captains, auf ein Handzeichen nahmen sie vor dem großen Arbeitstisch Platz.
   „XO, der Bericht der Sicherheit?“ Captain Longley hatte sich mit vor der Brust verschränkten Armen in seinem Sessel zurückgelehnt, schaute den Ersten Offizier erwartungsvoll an.
   „Nichts Ungewöhnliches, Captain. Fähnrich Natalja Irvenka hat ihr Quartier um Neunzehn – Sechsunddreißig betreten und verriegelt. Es blieb verschlossen bis Null – Sieben – Zweiundfünfzig. Zur Öffnung wurden die Daten Ihrer ID-Card registriert. Zum Zeitpunkt ihres Todes muss sie sich alleine im Quartier befunden haben.“
   „Danke, XO. Doktor?“
   Eibenhardt zog eine Grimasse. „Keine wirklich profunderen Erkenntnisse, Captain.“
   „Doktor!“
   Eibenhardt atmete tief durch. „Keine Vergiftung, keine Blutarmut. Für meinen Teil bleibe ich bei einem Herz-Kreislauf-Versagen. Es sei denn …“ Er zögerte.
   „Es sei denn … was?“
   „Sie liefern mir eine Möglichkeit, wie ich doch noch eine Autopsie durchführen könnte. Schädelscans zeigten ein paar Schatten in einem bestimmten Teil des Gehirns. Das könnten Einblutungen sein.“
   „Und das bedeutet?“
   „Ich kann es nicht ausschließen, dass sie einem Schlaganfall erlegen ist.“
   „Und die Wundmale?“
   „Keine Verletzungen, die tief genug reichen, um eine ernsthafte Schädigung zu vermuten, für einen massiven Blutverlust sind die Male zu weit von der Schlagader entfernt. Mich verwundert nur eine leichte Veränderung im Elektrolythaushalt des umliegenden Gewebes.“
   „Das bedeutet?“
   „Eine Energiewaffe?“ Der Erste Offizier mischte sich mit ein.
   „Nein.“ Doktor Eibenhardt schüttelte energisch den Kopf. „Für eine Energiewaffe findet sich keine energetische Restsignatur im Gewebe. Die betroffenen Areale sind dafür außerdem viel zu klein, viel zu begrenzt.“
   „Ein Elektroschocker?“
   „Diese Martergeräte hinterlassen Brandspuren wegen der zu hohen Entladung. Nein, verbrannt ist an dem Gewebe nichts.“
   „Was könnte diese Verletzungen sonst noch verursacht haben?“
   „Ich habe nicht die leiseste Vorstellung. Ich dachte anfangs noch an subkutane Injektionen mittels Hypospray. Es ließen sich aber keine körperfremden Substanzen im Gewebe finden.“
   „Welches Analyseverfahren?“ Longley hatte das Gespräch aufmerksam verfolgt.
   „Was meinen Sie?“
   „Unbekannte Fremdsubstanzen werden von den Standardanalysen nicht erfasst, das sollten Sie wissen, Doktor.“
   „Unsere letzte Exkursion ist über vier Wochen her und hatte keine biologischen Funde gebracht. Der Felsbrocken, den wir uns angesehen hatten, war tot. Ich kann mir nicht vorstellen, wie sie sich dort hätte etwas einfangen können. Außerdem dauert so eine volle Analyse mindestens drei Tage.“
   „Dann würde ich Ihnen empfehlen, sofort damit anzufangen.“
   „Geben Sie mir die Erlaubnis zu einer Autopsie, dann kommen wir eher zu einer Antwort.“
   „Darüber habe ich mich bereits eingelesen“, Captain Longley winkte ab. „Können Sie mir eine Fremdeinwirkung bestätigen? Oder eine erhöhte Gefahr für das Schiff?“
   „Nein, ich …“
   „Dann gibt es auch keine Autopsie. Nicht, bevor wir die Angehörigen erreicht haben. Sonst noch etwas, Doktor?“
   „Verdammt, Captain, ich bin mir noch nicht einmal sicher, ob diese beiden Exantheme überhaupt etwas mit dem Tod der Frau zu tun haben!“
   „Dann liefern Sie mir irgendetwas, womit ich eine Autopsie begründen kann!“
   „Ich kann mir nicht irgendwas aus der Luft … XO! Gab es eine Verletzung der Sicherheitsprotokolle beim Außenteam? Irgendein Schaden vielleicht an einem der Raumanzüge?“
   Commander Crow schüttelte den Kopf: „Nein Doc, nicht dass ich wüsste. Alle benutzten Geräte sind in einwandfreien Zustand. Sie vermuten, dass sie etwas eingeatmet haben könnte?“
   „Alles ist möglich. Wenn ich mit einer Autopsie ihre Lungen untersuchen könnte …“
   „Eine Vergiftung über die Atemwege? Sollte das nicht schneller auftreten?“
   Nachdenklich rieb sich der Arzt das Kinn: „Von bestimmten Sporen, etwa diversen Schimmelpilzen, weiß man, dass sie Jahrzehntausende im Vakuum und bei absoluten Minusgraden überstehen können. Warum also nicht in der Atmosphäre eines anderen Planeten?“
   „Weil es auf dem zuletzt besuchten Planeten keine Atmosphäre gab und weil Pilzsporen nicht die beiden Male am Hals erklären können?“ Der Erste Offizier grinste sarkastisch.
   „Mein Gott, Crow, vergessen Sie doch mal diese beiden Flecken. Ich sagte doch schon, dass ich mir nicht sicher bin, ob die überhaupt etwas mit ihrem Tod zu tun haben. Solange ich nichts anderes finde, betrachte ich diese Flecken als … ich weiß nicht … Knutschflecken!“
   „Sagen Sie das nicht zu laut, Doc, das wäre Futter für die Gerüchteküche.“
   Longley beugte sich vor. „Was meinen Sie damit, XO?“
   Alex Crow räusperte sich. „Unter der Besatzung kursiert ein Gerücht, dass jemand … nicht ganz so freundlich gesinnt … an Bord … sozusagen … sein Unwesen treibt.“
   „Wow!“ Eibenhardt klatschte sich vor Lachen in die Hände. „Das haben Sie ja großartig umschrieben. Nennen Sie es doch beim Namen: Es geht das Gerücht, wir hätten einen Vampir an Bord!“
   „Doktor!“ Longley schnippte mit den Fingern. „So etwas will ich nicht hören! Es gibt keine Vampire, das ist Unsinn! Doktor, Sie setzen Ihre Untersuchungen fort und Sie …“, er deutete energisch mit dem Finger auf seinen Ersten Offizier, „… werden dafür sorgen, dass dieser Gerüchtesumpf trockengelegt wird. Schnappen Sie sich den Urheber!“

***

   Es war kurz nach zwei Uhr morgens, als er durch einen Ruf geweckt wurde: „Captain Longley, bitte melden!“
   „Hier Longley, was gibt es?“ Er war sofort hellwach.
   „Lieutenant Drescher, Sir. Wir haben Sicherheitsalarm! Es geht um Fähnrich Sachiko Tanaii, sie wurde im Fitnessraum gefunden. Der Doktor erwartet Sie auf der Krankenstation.“
   „Danke, ich bin unterwegs.“
   Während sich Longley hastig die Uniform anzog, ging er kurz in Gedanken durch, was er über die Frau wusste. Sie war als Kartografin an Bord gekommen, ebenso wie Fähnrich Irvenka frisch von der Raumakademie. Eine zierliche, schlanke, fast zerbrechlich wirkende, junge Frau von ursprünglich asiatischer Abstammung.
   Er trat auf den Gang hinaus, es war ruhig im Schiff, um diese Uhrzeit schliefen die meisten Leute.
   Auf dem letzten Treppenabsatz vor dem Deck, auf dem die Krankenstation lag, holte ihn sein Erster Offizier ein: „Kurze Nacht, was, Captain?“
   „Gewisse Teile Ihres Gehirns scheinen jedenfalls noch zu schlafen. Oder sollte das einen anständigen Gruß darstellen?“
   Crow war verblüfft, die Schlagfertigkeit des Captains war berüchtigt, aber so was hatte er um diese Uhrzeit nicht erwartet. Von der Seite erkannte er ein leichtes Schmunzeln seines Vorgesetzten.
   Weiter vorne im Gang tauchten zwei Sicherheitsleute auf, die sich vor der Tür zur Krankenstation postiert hatten.
   „Ein bisschen viel Aufwand für jemanden, der sich im Fitnessraum die Knochen verdreht hat“, brummte Crow leise vor sich hin.
   „Abwarten, XO, für eine Sportverletzung wird normalerweise kein Sicherheitsalarm ausgelöst.“ Longleys Stimme klang eher besorgt als belehrend.
   Unaufgefordert blieb der XO stehen, um sich den Bericht der beiden Sicherheitsleute anzuhören, während Longley die Krankenstation betrat.
   Überrascht blickte er sich um, es war nur der Bordarzt anwesend: „Doktor?“
   „Kommen Sie näher. Das müssen Sie sich ansehen.“
   „Was ist mit ihr?“
   „Sie ist schon ein paar Stunden tot. Hier, schauen Sie sich mal den Hals an!“
   Deutlich waren zwei rote Hautflecken an der rechten Halsseite zu erkennen.
   „Doktor, ich will nichts mehr hören von …!“
   „Ich habe alles Personal für heute Nacht entlassen. Die Sanitäter, die sie herbrachten, sitzen drüben im Bereitschaftsraum. Ich kann nicht für den Mann sprechen, der sie gefunden hat, aber von Seiten meines Personals versuche ich, diese Schwätzerei soweit als möglich zu unterbinden. Ich beginne gleich mit der Autopsie, möchten Sie vielleicht dabei sein?“
   „Ich denke nicht. Ergebnisse bis wann?“
   „Reicht Ihnen elf Uhr? Dann könnte ich auch schon geduscht haben.“
   Der Captain nickte und verließ die Krankenstation. „Elf Uhr, in meinem Bereitschaftsraum.“

***

    „Wie bei Fähnrich Irvenka, hier aber deutlich nach der Autopsie zu erkennen: Einblutungen und Veränderungen in verschiedenen Arealen des Hirns. Keine sonstigen Schädigungen der inneren Organe, der Lunge oder sogar des Herzens. Nach meinen bisherigen Erkenntnissen kommt als Todesursache nur ein zerebraler Insult in Frage.“ Doktor Eibenhardt sah den Einspruch des Captains voraus: „Ich bin mir darüber im Klaren, dass gemäß dem Gesetz der Wahrscheinlichkeit zwei derartige Vorfälle bei solch jungen Menschen innerhalb eines so kurzen Zeitraums bei einer wie hier stark begrenzten Population nahezu ausgeschlossen sein müssen!“
   Longley schwieg, der ebenfalls anwesende Erste Offizier sprach die Gedanken des Captains aus: „Es muss eine Gemeinsamkeit bei beiden Fällen geben.“
   „Blutanalysen auf unbekannte Stoffe bei beiden Opfern, umfangreiche Gewebeanalysen auf unbekannte Stoffe und Spurenelemente bei Fähnrich Tanaii. Darüber hinaus umfangreiche Biokulturen mit Überwachung auf Fremdwachstum.“
   „Die Flecken am Hals?“
   Eibenhardt atmete tief durch, bevor er dem XO antwortete: „Außer einer leichten Veränderung im Elektrolythaushalt des geröteten Gewebes und einigen winzigen Punktierungen nichts Ungewöhnliches.“
   „Insektenstiche?“
   „Unwahrscheinlich, aber nicht auszuschließen.“
   „Vampire?“ Crow fing sich einen bösen Blick des Captains ein.
   Der Doktor reagierte amüsiert: „Ausgeschlossen. Blutarmut führt nicht zu einem Insult und beiden Frauen fehlt nicht genügend Blut, als dass es todesursächlich hätte sein können.“
   „Entschuldigen Sie, Doktor, auch wenn die Tatsache, dass es sich beides mal um junge Frauen handelte, eher auf einen männlichen Vampir deutet, dachte ich viel mehr an so was wie Fledermäuse.“
   „Es gibt keine Spuren von Krallen, mit denen sich Fledermäuse an ihren Opfern festhalten. Außerdem sind die Punktierungen zu klein. Die dadurch entnehmbare Blutmenge wäre viel zu gering.“
   „Eine Tierart, die sich von Gewebeflüssigkeit ernährt, die mit nesselähnlichen Fäden entnommen wird?“
   Der Arzt richtete sich erstaunt auf, drehte sich aufmerksam dem XO zu: „Wissen Sie mehr?“
   „Auf Vandra gibt es die Mutation einer Spinnenart, die so etwas entwickelt hat. Über die gleichen Nesselfäden wird dem Opfer ein Gift zur Lähmung injiziert.“
   „Das sind bekannte Gifte. Es fand sich nichts Derartiges.“
   „Und wenn wir es mit einer neuen Kolonialmutation zu tun haben?“
   „Wie sollte die an Bord gekommen sein?“
   „Die Lagerräume sind voll mit Versorgungsmaterialien und Lebensmitteln von den verschiedenen Kolonien.“
   Doktor Eibenhardt kratzte sich am Hinterkopf, Longley, der ihm gegenübersaß, registrierte die Schweißflecke unter den Armen des Arztes, der den Blick bemerkte. Peinlich berührt nahm er den Arm wieder herunter. „Hat es so was schon mal gegeben?“
   „Öfter, als Sie glauben, Doktor. Obstfliegen, Maden, Spinnen, Mücken – der übliche Kleinkram. Hin und wieder Mäuse oder sogar Ratten.“ Crow grinste. „Angeblich soll sogar schon ein Hund auf diesem Weg an Bord eines Schiffes gekommen sein.“
   „Nicht angeblich, XO“, warf Captain Longley ein. „Ein Welpe in einem Frachtcontainer. Das Tier blieb an Bord der Erasure, wurde fast sechzehn Jahre alt.“
   „Waren Sie damals an Bord?“
   „Ja, als Offiziersanwärter. Da war das Tier aber schon Zehn.“
   „Gibt es eigentlich Vampirhunde?“ Die Frage des Doktors sollte witzig wirken, verfehlte beim Captain, wie dessen düsterer Blick bewies, allerdings seine Wirkung. „Okay, also irgendeine Abart irgendeines kleinen Tieres. Wie bekommen wir das raus? Jagen?“
   Stumm blickte Captain Longley den Bordarzt an, versuchte ihn einzuschätzen. Ein ziviler Arzt, freiwillig an Bord und wahrscheinlich mit den erforderlichen Protokollen überfordert. Vermutlich zur Zeit auch noch hoffnungslos übermüdet. „Haben Sie eine Idee, XO?“
   „Es gibt zu viele Versteckmöglichkeiten an Bord. Wir bräuchten eine volle Crew, um uns Deck für Deck durchzuarbeiten. Selbst dann könnte uns ein einigermaßen gewitztes Tier entwischen. Alles, was kleiner ist als – sagen wir mal – ein Kaninchen, entgeht uns auf diesem Weg sowieso.“
   „Wir haben gerade mal sechs Mann mehr als die mindestnotwendige Rumpfcrew. Keine Idee für eine Alternative?“
   „Drastische Maßnahmen erlaubt?“
   Longley nickte.
   „Dann schlage ich Quarantäneprotokoll sieben vor. Schiffsweite, atmosphärische Evakuierung. Wir sammeln zwar einen Haufen Dreck, aber dieses – was auch immer – wird schon in den Filtern dabei sein.“
   „Eine neue Spezies“, Eibenhardt war empört, „und Sie wollen es umbringen?“
   „Doktor!“ Longley schaute seinem Bordarzt eindringlich in die Augen. „Soll ich warten, bis diese neue Spezies noch ein paar von meiner dünn gesäten Crew umbringt?“
   Eibenhardt zögerte, bevor er antwortete: „Nein, natürlich nicht.“
   „Also dann. XO, bereiten Sie alles vor, Sammelpunkt für die Crew wird Hangar drei, Quarantäneprotokoll sieben tritt ab sofort in Kraft. Doktor, die notwendigen Unterlagen können Sie später unterschreiben. Sie sollten ausgiebig duschen, bevor Ihr eigener Mief Sie in Ihrem Raumanzug umbringt.“
   Eibenhardt schluckte trocken. „Raumanzug?“

***

    „Quarantäneprotokoll sieben …“
   Captain Longley sprach über den Masterkanal, er war sicher, dass jeder in seinem Raumanzug ihn hören konnte. Der Sergeant, der an der einzigen offenen Schleusentür die Personalkontrolle durchführte, hatte ihm signalisiert, dass nun die gesamte Crew anwesend war. Abgesehen von den paar Leuten, die auf den Stationen für die Umweltkontrollen die erforderlichen technischen Maßnahmen durchführten. Longley stand auf einer kleinen Empore, die normalerweise Wartungsarbeiten diente. Von hier hatte er einen guten Überblick über seine Besatzung, konnte seine Leute dirigieren, wenn es irgendwo Probleme mit den Zivilisten gab.
   „… bedeutet nichts anderes als die Kontaminierung des Schiffes durch Ungeziefer. Um eine Störung des Schiffsbetriebes zu vermeiden und zur Aufrechterhaltung Ihrer aller Gesundheit, müssen wir zu solchen Maßnahmen greifen. Seien Sie versichert, dass wir selbstverständlich auf Ihre persönlichen Haustiere wie Flöhe und spezielle Lausarten Rücksicht nehmen. Diese sind in den Raumanzügen ebenso geschützt wie Sie selbst.“
   An der Reaktion der Leute erkannte er, dass die kleine Pointe ihre Wirkung nicht verfehlte, er erhielt die volle Aufmerksamkeit.
   „Im Verlauf der nächsten zwei bis drei Stunden wird aus dem gesamten Schiff die Atmosphäre abgelassen. Für diese Zeit sind Sie in den Raumanzügen geschützt, trotz Vakuum in Ihrer unmittelbaren Umgebung können Sie ganz normal weiteratmen. Sollten Sie Probleme feststellen, wenden Sie sich an einen der regulären Angehörigen der Raumflotte, diese erkennen Sie an den orangefarbenen Armbinden. Wenn Sie sich zu Gruppen zusammengefunden haben, können Sie sich auch ohne Funksystem unterhalten, indem Sie einfach nur eine beliebige Stelle am Anzug Ihres Gesprächspartners berühren. Über die Schaltgeräte am Gürtel können Sie die einzelnen Funkkanäle zu- und abschalten. Verwenden Sie für einfache Gespräche bitte nicht den Masterkanal, der soll nur für Notfälle reserviert bleiben. Wenn Sie meinen Erläuterungen weiter lauschen möchten, können Sie ab sofort Kanal Zwei einschalten, für all diejenigen, die ich bereits ausreichend ermüdet habe – Sie sind jetzt erlöst.“
   Er schaltete für einige Sekunden sein Gerät ab, genoss die kleine Pause. Es strengte ihn an, diesen jovialen, lockeren Stil aufrecht zu halten, er wusste aber, dass gerade dieser Tonfall dabei half, die Ruhe unter den zivilen Begleitern zu gewährleisten. Er atmete noch ein paar Mal tief durch, bevor er sein Funkgerät auf Kanal zwei schaltete und mit seinen Erläuterungen fortfuhr.

***

    „Nichts, rein gar nichts außer Unmengen von Dreck und Müll.“ Alex Crow war müde, er selbst war sich nicht zu schade gewesen, mit im Dreck zu suchen.
   Longley grinste süffisant, er war ausgeschlafen und frisch geduscht: „So ist es halt, XO, Protokoll sieben wirbelt immer eine Menge Staub auf.“
   Crows Augen funkelten giftig.
   „Wie kommt es eigentlich, XO, dass ein einfacher Crewman mich eher über den Misserfolg der Aktion unterrichten konnte, als mein Erster Offizier?“ Er schob ein Computerpad über den Tisch.
   Crow nahm es in die Hand, überflog die Textzeilen, fluchte: „Dieser verdammte Mistkerl, was bildet der sich ein?“
   „Hatten Sie schon das Vergnügen?“
   „Ja, Sir, er war mit beim Suchteam, allerdings unauffällig.“
   „Würden Sie mir einen persönlichen Gefallen tun, XO?“
   „Sir?“
   „Nehmen Sie sich diesen Schwätzer einmal vor.“
   „Mit dem größten Vergnügen, Sir!“

***

   Schmutzig, verschwitzt, müde und mächtig sauer, machte sich Crow auf die Suche. Seine schlechte Laune schien ihm auf die Stirn tätowiert, jeder, der ihm entgegenkam, machte einen Bogen um den Ersten Offizier der Magellan. Auf dem Gang vor der Mannschaftskombüse wurde er fündig.
   „McDurvin!“, seine Stimme donnerte durch den Gang, es war ihm egal, dass man ihn auch in der Kombüse hören konnte.
   „Kann ich Ihnen helfen, Commander?“ Der Crewman grinste selbstgefällig.
   Crow war mit schnellen Schritten bei ihm, zwang ihn rückwärts gegen die Gangwand.
   „Haben Sie wirklich gedacht, mit diesem lächerlichen Protokoll könnten Sie etwas gegen Vampire ausrichten?“, zitierte Crow aus der elektronischen Nachricht.
   „Ich verstehe nicht …“ Der Crewman grinste immer noch.
   „Haben Sie ein so kurzes Gedächtnis, McDurvin?“ Crow fauchte. „Auch wenn Sie so schlau waren, Ihre Absender-ID zu verschleiern, der Absendeterminal in dem Sektor war schnell ermittelt. Seit Tagen unbenutzt, nur Ihre Kennung war hinterlegt! Was haben Sie dazu zu sagen?“
   Der Gesichtsausdruck des Bedrängten veränderte sich übergangslos, Wut und unverhohlener Hass machten sich breit. „Und was hat der feine Captain dazu zu sagen? Hat der wirklich an Ungeziefer geglaubt? Warum verschließt er die Augen vor der Wahrheit? Steckt er mit denen unter einer Decke?“
   Crow ruckte vor, sein Arm presste den Hals des Mannes gegen die Wand. Gefährlich leise zischte er: „Ich gebe Ihnen einen einmaligen und kostenlosen Rat, McDurvin! Duschen Sie einmal ausführlich und möglichst kalt! Vielleicht bringt Sie das wieder zur Vernunft! Und verschonen Sie den Captain und mich mit Ihrem Blödsinn!“
   Mit einer heftigen Bewegung wandte er sich zum Gehen, als der Crewman mit kratzender Stimme antwortete: „Ich gebe Ihnen auch einen kostenlosen Rat, Alex. Schauen Sie ab und an mal nach den Toten. Nicht, dass die eine oder andere plötzlich wieder munter wird!“
   Crow wirbelte herum, ein sauberer Uppercut seinerseits, punktgenau auf das Kinn von McDurvin platziert, beendete die Diskussion.

***

   Eibenhardt setzte sich keuchend in den Sessel gegenüber des Captains, der erste Offizier war schon anwesend. „Entschuldigen Sie die Verspätung, Captain, aber ...“
   Longley winkte ab: „Ich möchte Ergebnisse hören, keine Ausreden.“
   Alex Crow verkniff sich ein Grinsen, er hatte noch keine Ahnung, wie der Captain auf seine Auseinandersetzung mit McDurvin reagieren würde.
   Der Bordarzt räusperte sich. „Keine Drogen, keine Fremdstoffe, keine Gifte. Nichts, was einen derartigen Anfall erklären könnte. Nur etwas völlig Verrücktes.“
   „Was, Doktor? Lassen Sie bitte nicht jedes einzelne Wort aus sich herauskitzeln.“
   „Ich weiß nicht, wie ich es ausdrücken soll. Sind Sie vertraut mit Endorphinen, insbesondere Dopamin und Serotonin?“
   „Neurotransmitter, Botenstoffe, die auf das Nervensystem und das Gehirn wirken.“
   Eibenhardt nickte dem Captain zu: „Ja, ganz recht. Diese Botenstoffe lassen sich zum Teil auch im Serum nachweisen, finden sich aber hauptsächlich dort, wo sie benötigt werden, in unserem Fall im Gehirn von Fähnrich Tanaii.“
   Interessiert beugte sich Crow etwas vor und schaute den Arzt an. „Und, wie sind diese Neurotransmitter ins Gehirn gelangt?“
   „Sie wurden dort produziert“, Eibenhardt grinste vergnügt den verblüfften Crow an.
   „Sie meinen, die haben sich nichts injiziert oder so? Auch keine Augentropfen?“
   „Sie sind gut informiert, Alex“, Eibenhardt nickte dem Ersten Offizier zu, sein Grinsen verschwand. „Sie denken natürlich an Fluke oder SkyHigh. Das sind bekannte Drogen, deren chemische Zusammensetzung auf künstlichen Neurotransmittern basiert. In unserem Fall waren es körpereigene Endorphine.“
   „Wie kann so etwas tödlich sein?“
   „Das ist der springende Punkt. Kreislaufüberlastung mit Hirnblutungen nach einer Überproduktion.“
   „Überproduktion? Wie ist so was möglich?“
   Eibenhardt zögerte einen Moment, dann schien ihm ein Geistesblitz zu kommen, wie ein Lausbub grinste er den Ersten Offizier an: „Alex, was schätzen Sie, wie lange Ihr Orgasmus dauert? Ich meine den eigentlichen Höhepunkt, das Feuerwerk, nicht die Wellen davor und danach.“
   Verlegen schaute Crow vom Arzt zum Captain und wieder zurück. „Ich weiß nicht, was das mit diesem Fall zu tun haben sollte.“
   „Wie lange?“
   Crow seufzte: „Keine Ahnung, vielleicht – eine Minute?“
   „Seien Sie nicht all zu enttäuscht, Alex. Der eigentliche Orgasmus, das Feuerwerk im Gehirn, dauert bei einer Frau durchschnittlich zwischen zwanzig und dreißig Sekunden, bei einem Mann sogar nur zwischen zehn und zwanzig Sekunden.“
   „Sie meinen …“
   Crow versuchte, den Arzt zu unterbrechen, dieser fuhr aber unbeirrt fort: „Die dabei ausgeschütteten Mengen an Neurotransmittern liegen bei beiden Geschlechtern in einer Größenordnung von 250 bis 350 pro Million.“
   „Sie reden von der Molekülzahl?“
   „Ja, natürlich. Je länger Neurotransmitter produziert werden, um so mehr findet sich im Serum. Da diese Endorphine allerdings sehr schnell zerfallen, bleibt zum serologischen Nachweis nur die Bestimmung über die Coenzyme. Allerdings werden auch diese recht schnell abgebaut oder, besser ausgedrückt, sie zerfallen in ihre chemischen Bestandteile.“
   „Auch bei einer Toten?“
   „Ganz recht.“ Eibenhardt nickte dem Captain zu.
   „Wie“, fragte Longley nach, „kann es dabei zu einer tödlichen Situation kommen?“
   Eibenhardt zögerte einen Moment mit der Antwort: „Die Zerfallsrate in Abhängigkeit der Körpertemperatur sowie die geschätzte Zerfallsmenge in Abhängigkeit von der Zeit … ich kann es nur schätzen …“, Eibenhardt schluckte trocken, „die Neurotransmittermenge lag etwa um das neunzig bis hundertfache über Normal.“
   Longley lehnte sich in seinem Stuhl zurück, er ließ den Arzt nicht aus den Augen.
   Crows Lippen bewegten sich, er rechnete: „Ausgehend von zwanzig Sekunden und dem hundertfachen Wert … oh mein Gott, das ist ja über eine halbe Stunde!“
   „Rechnen Sie lieber mit einem noch höheren Wert.“
   Der Erste Offizier wurde blass: „Salopp ausgedrückt … Todesursache: übergeil.“
   Longley wollte empört reagieren, aber der Doktor kam ihm zuvor. Eibenhardt schnaufte verächtlich: „Ich weiß nicht, was Sie daran so faszinierend finden! Eine halbe Stunde Muskelkrämpfe, Spasmen, Blutdruck doppelt bis dreifach über normal, Puls sogar bis vierfach!“
   „Schon klar, Doc. Kein Zuckerschlecken. Kein Wunder, dass Fähnrich Irvenka häufiger zu spät zum Dienst erschien. Ich frage mich nur … wie? Und vor allem … wer?“
   Eibenhardt wischte sich mit einer Hand über die Stirn: „Wie, habe ich noch nicht herausgefunden. Über das Wer kann ich sie aber beruhigen, Alex. Niemand. Fähnrich Tanaii war noch Jungfrau, ihr Hymen war noch intakt.“
   Der Captain hakte nach: „Irgendeine Idee? Drogen? Spielzeug? Hypnose?“
   „Keine Ahnung, Captain. Hypnose? Nein, wohl eher nicht. Drogen? Bis jetzt keine Spuren irgendwelcher Fremdstoffe. Spielzeug? Nein, ich glaube nicht. Zumindest nicht im herkömmlichen Sinne von irgendwelchen …“
   Die Tür wurde aufgerissen, Lieutenant Drescher schaute herein: „Captain? Entschuldigen Sie die Störung, aber …“
   „Wir sind hier mitten in einer Besprechung, Lieutenant, was glauben Sie wohl, warum ich die Kommunikationsanlage hier abgeschaltet habe?“
   „Entschuldigung, Sir, aber die Krankenstation meldete einen Notfall!“
   Eibenhardt drehte sich auf seinem Stuhl um: „Was denn? Ein eingewachsener Zehnagel wird ja wohl noch Zeit haben?“
   „Nein Sir, die Krankenstation meldet einen Verdacht auf Hirnschlag. Fähnrich Trepton kam mit Nasenbluten und ist dann zusammengebrochen.“

***

    „Danke, dass Sie gekommen sind“, der Arzt nickte dem Captain und dem Ersten Offizier zu.
   „Fähnrich Charline Trepton?“, Longley deutet auf eine abgedeckte Bahre.
   „Ja“, bestätigte der Arzt. „Sie kam mit Nasenbluten und Schwindelgefühl auf die Krankenstation, ich konnte ihr nicht mehr helfen.“
   „Flecken?“, fragte Crow knapp, der Arzt nickte nur.
   Longley fluchte: „Verdammt, wenn wir nicht bald herausfinden …“
   „Sie hat etwas mitgebracht“, unterbrach Eibenhardt und deutete auf seinen Schreibtisch.
   „Was halten Sie davon, XO?“ Skeptisch betrachtete der Captain das Gerät.
   Crow nahm es auf und wog es in der Hand, dann betrachtete er es genau. Ein schwarzes Gehäuse, ein einfacher Drehregler, eine LCD-Anzeige, kleinere LEDs und drei kleine Taster. Eine flexible Leitung, ein Meter lang, endete in einer rechteckigen Klebeelektrode. Fragend schaute er den Doktor an.
   Dieser grinste: „Da haben Sie die Ursache für die Flecken am Hals. Ein zweipoliger, selbsthaftender Nerveninduktor. Kommt aus der Neurologie, wird bei Nervenschädigungen, nach Amputationen und Transplantationen eingesetzt.“
   „Das sieht auf jeden Fall selbst gebaut aus.“ Crow drückte mit den Fingernägeln auf die Schmalseite des Gehäuses und zog zwei Schalen auseinander. „Standard-Klammergehäuse“, erklärte er. „Nicht viel drin. Sauber ausgearbeitet, kleine Energiezelle, Leiterplatte mit ein paar Chips.“
   Er drehte das Gehäuse unter der Schreibtischlampe, dann erklärte er weiter: „Ein kompakter FM-Transponder, ein Speicherkreis, ein Verstärker und, vermutlich, ein Chip für die Klebeelektroden.“
   „Können Sie feststellen, wer das gebaut hat und welchem Zweck es dient?“ Die Stimme des Captains klang scharf.
   Crow nickte: „Klar, ich rufe die Inventarliste auf und stelle fest, wer diese Bauteile aus dem Magazin abgerufen hat. Der Zweck wird schon etwas komplizierter. Ich muss mir erst ansehen, wie die Schaltung aufgebaut ist. Das dauert eine Weile.“
   „Oh, der Zweck dürfte klar sein.“ Eibenhardt grinste, als er die Aufmerksamkeit der beiden Offiziere auf sich ruhen fühlte. „Naja, direkter Lustgewinn durch Nervenstimulation.“
   „So was geht?“ Crow hob die Hand, in der er die Elektronik hielt, dem Arzt entgegen. „Wie?“
   Der Arzt machte einen Schritt rückwärts, er fühlte sich durch den aggressiven Ton etwas bedroht. Dann hob er die rechte Hand und deutete mit zwei Fingern auf den Teil des Halses, an dem bei den Frauen die Flecken zu sehen waren.
   „Hier verläuft der Vagusnerv“, begann er zu erklären. „Er ist einer der Hirnnerven und verläuft hier mit der Arteria Carotis. Er innerviert unter anderem direkt den Sinus Transversus, einem venösen Blutleiter, und über Acetylcholinrezeptoren den Parasympathikus. Dieser ist …“
   Longley hob abwehrend beide Hände: „Stopp, Doktor, bitte eine verständliche Kurzform!“
   „Kurzform … nun … durch Stimulation der richtigen Nervenbahnen erzeugen sie eine sexuelle Erregung, ohne sich im Intimbereich berühren zu müssen.“
   Der Captain drehte sich zur Seite. „XO, in einer Stunde erklären Sie mir genau, wie das Ding funktioniert, und danach will ich mit der Person sprechen, die das hier gebaut hat! Verstanden?“
   „Jawohl Sir!“

***

    „Fähnrich Alexandra Deering meldet sich wie befohlen, Sir!“
   Crow verließ den Besprechungsraum, schloss langsam die Tür.
   „Setzen Sie sich, Fähnrich.“ Longley deutete mit der Hand auf einen Stuhl vor seinem Schreibtisch. „Haben Sie eine Idee, wieso ich Sie sprechen möchte?“
   „Nein, Sir“, sie runzelte etwas die Stirn.
   „Ihre Uniform entspricht nicht ganz den Vorschriften.“
   „Ich verstehe nicht, was Sie meinen, Sir“, ihr Stirnrunzeln verstärkte sich.
   „Ihr Halstuch, Fähnrich!“
   Unwillkürlich fuhr ihre rechte Hand nach oben, berührte den Hals: „Verzeihung, Sir, aber seit wann kümmert sich der Captain um …“
   „Abnehmen!“
   „Ich versteh nicht …“
   „Sie sollen das Halstuch abnehmen, Fähnrich! Was gibt es daran nicht zu verstehen?“
   Sie zögerte, öffnete dann den Knoten des Tuches und drehte den Kopf zur Seite, sie wusste genau, was er sehen wollte.
   „Möchten Sie mir irgendetwas zu erklären, Fähnrich?“
   „Bei allem Respekt, Sir, aber was ich in meiner Freizeit mache, geht niemanden etwas an.“
   „Gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge inbegriffen?“
   „Ich …“, sie schluckte. „Ich weiß nicht, was Sie meinen, Sir.“
   Longley griff nach einem Pad: „Erfüllen Sie sich und Ihrem Partner ungeahnte erotische Erlebnisse mit dem neuen Orgasmussynchronisator“, zitierte er den Werbetext, dann warf er ihr das Pad über den Schreibtisch zu. Erschrocken fing sie es auf, starrte darauf und der Captain fuhr fort: „Commander Crow hat bei Durchsuchungen in den Quartieren von Fähnrich Irvenka und Fähnrich Tanaii nicht nur die Geräte, sondern auch diesen Katalog gefunden. Sie haben gemeinsam ein solches Gerät gekauft?“
   Sie kam nicht dazu, ihm zu antworten.
   „Dann kamen Sie wohl auf den Gedanken, anstelle der Kabelverbindung ein Funksystem einzubauen? Zu viert kann man es wohl noch mehr genießen, als nur paarweise?“
   Sie wurde blass.
   „Anschließend musste noch ein Verstärker mit rein, um die Intensität zu regeln. Zum Schluss noch ein Rekorder. Für die einsamen Stunden?“
   „Rekorder und Verstärker waren Nataljas Idee! Ihr ging es nie heftig genug!“, platzte es aus ihr heraus, dann schwieg sie betroffen.
   Captain Longley lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Sie haben keinerlei Sicherheitsmaßnahmen ergriffen! Die Schaltung des Funkchips ist ungeschützt!“
   „Ich habe extra einen FM-Empfänger gewählt, weil hier keinerlei Geräte auf dieser Frequenz arbeiten.“
   „Wir befinden uns hier auf einem Raumschiff, Fähnrich!“ Er reichte ihr ein weiteres Pad, ein Frequenzdiagramm war darauf abgebildet.
   Mit zitternden Händen nahm sie es entgegen, starrte stumm darauf.
   „Sie sehen darauf die Frequenzen und Amplituden eines Radiosterns, den wir in der Nacht passierten, als Fähnrich Irvenka und Fähnrich Tanaii starben! Haben Sie noch irgendetwas zu Ihrer Verteidigung zu sagen?“
   Jetzt brauste sie auf: „Die wollten doch, dass ich ein Funksystem einbaue, damit sie von ihren Quartieren aus …“
   „Die waren also selber schuld?“, fuhr er dazwischen. „Schon vergessen? Sie sind die ausgebildete Technikerin! Sie hätten es wissen müssen!“
   Fähnrich Deering senkte betroffen den Blick. Longley musterte sie, er wusste sie nicht einzuschätzen. Plötzlich hob sie den Kopf und sah ihm direkt in die Augen: „Darf ich offen sprechen, Sir?“
   In Sekunden hatte Longley seine Entscheidung getroffen: „Nein.“
   Ihre Augen weiteten sich erstaunt, sie hatte dies immer für eine Floskel gehalten, auf die es nur eine Antwort gab.
   „Sie hatten genug Zeit, offen zu sprechen!“, fuhr der Captain fort. „Mehr als genug Gelegenheiten, um dies zu tun! Sie hätten nach dem Tod von Fähnrich Irvenka und Fähnrich Tanaii offen reden können! Sie hätten vor der Durchführung des Quarantäneprotokolls offen sprechen können! Stattdessen haben Sie es vorgezogen, auch noch über den Tod von Fähnrich Trepton hinaus zu schweigen!“ Er machte eine kurze Pause, damit die Worte ihre Wirkung entfalten können, dann erhob er sich und nahm Haltung an.
   Mit tränenerfüllten Augen folgte sie seinem Beispiel.
   „Fähnrich Deering!“, seine Stimme hatte jetzt einen offiziellen Tonfall. „Hiermit degradiere ich Sie mit sofortiger Wirkung zum Crewman! Ihre Privilegien als Offiziersanwärterin sind Ihnen hiermit entzogen! Es erfolgt ein entsprechender Eintrag in Ihrer Personaldatei!“
   Dann setzte er sich wieder. „Melden Sie sich beim Bordarzt, anschließend bekommen Sie von Commander Crow ein neues Quartier zugewiesen!“
   „Aber ich fühle mich …“
   „Das war ein Befehl, Crewman! Wegtreten!“
   „Jawohl, Sir!“, würgte sie hervor und stürmte aus dem Raum.
   Crow schaute herein. „Soll ich …?“
   Captain Longley winkte ab: „Kommen Sie rein, Alex.“
   Der Erste Offizier schloss die Tür, und noch bevor er auf dem Stuhl saß, redete der Captain weiter: „Ich habe sie zum Doktor geschickt, der will sie gründlich untersuchen.“
   „Hat sie auch …?“, Crow deutete mit zwei Fingern auf seinen Hals.
   „Hat sie“, Longley nickte. „Eibenhardt will sicherstellen, dass ihr Gehirn unbeschädigt ist. Er vermutet darüber hinaus ein gewisses Suchtpotenzial auf psychischer Ebene.“
   „Dann haben wir es jetzt wohl hinter uns?“
   „Wenn nicht noch ein paar von diesen Dingern im Umlauf sind.“
   „Haben Sie sie nicht gefragt?“
   „Sie hat es kein bischen bereut, keine Trauer, nichts. Das hat mich wütend gemacht, XO! Darüber habe ich vergessen, danach zu fragen. Es wäre auch sinnlos gewesen, weil ich ihr nicht mehr geglaubt hätte!“ Er schnaufte vor Zorn. „Keine Chance, den ursprünglichen Datenbestand zu rekonstruieren?“
   Crow war die Inventarlisten durchgegangen, sie waren offensichtlich schon länger nicht mehr aktualisiert worden: „Nein Sir, keine Chance.“
   Longley nickte langsam, schloss die Augen und atmete tief durch: „Wir sollten uns dann …“
   Ein Alarm ertönte, kurz darauf eine Durchsage: „Sicherheitsalarm! Tätlicher Angriff, Deck vierzehn, Sektion drei!“
   „Die Krankenstation! Deering!“, stöhnte der Erste Offizier.

***

   Crewman Deering lag mit dem Kopf in einer Blutlache, Doktor Eibenhardt untersuchte sie. Als er den Captain und seinen ersten Offizier bemerkte, schüttelte er den Kopf: „Sie ist tot, Captain.“
   Longley blickte sich um, zwei andere Crewman standen nervös im Gang. „Was ist passiert?“
   „Wir waren …“, einer der beiden Crewman begann nervös mit einer Erklärung, er musste sich räuspern, er hatte einen dicken Kloß im Hals. „Ich meine … wir waren gerade hier um die Ecke, als wir sie schreien hörten. Als wir zurückkamen, lag sie da schon.“ Er deutete auf den Mann, der von zwei Sicherheitskräften festgehalten wurde. „Er hatte sich über sie gebeugt und wollte ihr noch diesen … diesen Holzpflock ins Herz rammen!“
   Ein blutiger Hammer und ein angespitzter, farbig lackierter Holzstab lagen auf dem Boden. Langsam drehte sich Captain Longley zu den Sicherheitsleuten um und deutete den Gang hinunter: „Bringen Sie McDurvin zur Luftschleuse Drei.“ Seine Stimme klang gefährlich ruhig.
   Die beiden Sicherheitskräfte tauschten einen kurzen Blick, McDurvin grinste unverschämt: „Hey, Captain, ich bin doch noch nicht fertig!“
   Longley reagierte nicht, er stand neben dem toten Fähnrich und schaute ausdruckslos die Szene an, schließlich drehte er sich um und folgte McDurvin. „Kommen Sie mit, XO. Sie auch, Doktor, sobald Sie hier fertig sind.“
   Crow hatte ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, der Arzt blickte etwas verwundert.
   „Was haben Sie vor, Captain?“ Crow hatte seinen Kommandanten mühelos eingeholt, mit langsamen, fast andächtigen Schritten ging er den Gang entlang.
   Als die wütenden Schreie voraus verstummten, wusste Crow, dass McDurvin jetzt in der Luftschleuse eingesperrt war. Die beiden Sicherheitskräfte bewegten sich einige Meter in den Gang hinein, als Crow und der Captain die Schleuse erreichten. Sie hielten respektvollen Abstand, wohl auch aus Unsicherheit, was jetzt gleich folgen würde.
   „Ich nehme an“, Longley sprach ruhig, fast gelassen, „Sie sind mit Artikel 105, Unterabschnitt 2 der Raumordnung vertraut?“
   „Ich ahne, worauf Sie hinauswollen, Captain.“
   „Wir haben einen Mörder an Bord. Er wurde bei Ausführung der Tat angetroffen, er hatte sich mit den notwendigen Werkzeugen versorgt. Das war somit keine spontane Tat, sondern kühl überlegt und durchgeführt. Stimmen wir da überein?“
   Crow nickte, er hatte einiges an Farbe verloren.
   „In den meisten Kolonien steht auf Mord die Todesstrafe, ebenso innerhalb der Raumflotte.“
   „Sie wollen den Mann in einem Schnellverfahren zum Tode verurteilen?“
   „Artikel 105, Unterabschnitt 2 gibt uns die Möglichkeit, in einer Krisensituation entsprechend zu reagieren.“
   „Krisensituation? Wieso?“ Der Arzt war eben hinzugekommen, er schien etwas außer Atem.
   „Standgericht!“, empörte sich Crow. „Der Captain will ein Standgericht abhalten!“
   Sekundenlang starrte Eibenhardt den Kommandanten an, dieser erwiderte den Blick schweigend, er wirkte ruhig und gelassen. Eibenhardt räusperte sich: „Nun, meine Herren, dann will ich Sie mal nicht weiter stören.“
   „Tut mir leid, Doktor“, Longley hielt ihn auf, als der Arzt sich umdrehen wollte, „aber Sie sind der leitende medizinische Offizier.“
   „Captain …“, Eibenhardt versuchte, sich herauszuwinden. „Ich dachte, wir hätten die Krisensituation überwunden? Und überhaupt … ich bin doch gar kein Offizier!“
   „Es ist nicht ganz so einfach, Doktor.“ Der Captain strahlte eine ungeheure Ruhe aus. „In Ihrer Rolle als oberster Mediziner an Bord füllen Sie die Position eines Offiziers aus. In dieser Position sind Sie geeignet zur Teilnahme an einem Schnellverfahren. Es geht um die Schuldfeststellung des Angeklagten, und darum, ob die angemessene Strafe entsprechend festgesetzt werden kann. Die Schuldfrage ist in diesem Fall recht einfach zu klären. McDurvin ist noch während der Tat festgesetzt worden. Er ist des Mordes schuldig.“
   Eibenhardt nickte. „Nicht nur des Mordes.“
   „Was meinen Sie?“
   „Er war wohl vorher noch im Kühlraum und hat da ein paar Hölzer hinterlassen.“
   „Pflock durchs Herz?“, fragte Longley nach.
   „Noch gründlicher! Einen Pflock durchs Herz und jeweils einen durch die Augen bis ins Hirn!“
   Crow lehnte sich an die Gangwand, er stöhnte und verdrehte die Augen.
   Longley schloss die Augen, er zählte in Gedanken langsam bis zwanzig, atmete dabei ruhig und gleichmäßig ein und aus. Aufmerksam sah er seinen Ersten Offizier an: „Kommen wir zur Abstimmung. Alex?“
   Crow schüttelte heftig den Kopf: „Sie wollen den Mann hinrichten? Ohne dass er sich verteidigen kann?“
   „Er hatte es auch nicht zugelassen, dass sich Crewman Deering verteidigt. Ein offener Sarg wird für die anderen Opfer unmöglich, sodass sich deren Familien auch nicht verabschieden können. Wir könnten McDurvin festsetzen, damit ihm auf der nächsten Kolonie ein regulärer Prozess gemacht werden kann. Sie wissen doch aber, was das für uns bedeutet?“
   „Das wäre doch eine Möglichkeit, Captain“, Eibenhardt sah einen Hoffnungsschimmer, „dann bräuchten wir uns doch nicht die Finger schmutzig machen.“
   „Das ist die Krisensituation, die der Captain vorhin meinte“, Crow seufzte. „Wir müssten vier Mann von der Stammcrew zu seiner Bewachung abziehen. Ihn selbst mit einbezogen, würden für den regulären Betrieb des Schiffes fünf Leute fehlen. Wir waren hundertzwölf, als wir aufbrachen. Hundertsechs ist die Mindeststärke. Vier sind tot, vier als Bewachung und ein Häftling, wir wären also drei zu wenig für den zulässigen Dienstbetrieb. Flögen wir trotzdem weiter, würde der Captain im Endeffekt sein Patent verlieren. Wir müssen also ausharren, bis ein Schiff mit Verstärkung hier eintrifft.“
   „Dann warten wir eben!“
   „Das könnte eine Weile dauern, Doc.“
   „Wie lange?“
   „Wir sind von der Randzone des erforschten Gebietes nun etwa viereinhalb Monate kreuz und quer durch unerforschte Sektoren geflogen. Selbst wenn wir sofort Kontakt zur Raumflotte erhielten, wird es einige Zeit dauern, bis sich ein Schiff auf den Weg hierher machen kann. Eine weitere Zeit wird verstreichen, bis die uns dann gefunden haben.“
   „Wie lange?“, Eibenhardt wich zurück.
   Longley versperrte den Weg, legte ihm eine Hand auf die Schulter: „Vermutlich irgendwo zwischen ein und zwei Jahren, Doktor.“
   „Jahre?“ Der Arzt keuchte, wischte sich mit dem Handrücken über die schweißnasse Stirn.
   „Alex?“ Longley beobachtete wieder eindringlich seinen Ersten Offizier.
   „Bei allem Respekt Sir, aber … Nein!“
   Longley nickte ihm zu: „In Ordnung, XO. Doktor, wie steht es mit Ihnen?“
   „Captain?“, Eibenhardt stellte sich dumm.
   „Das Strafmaß, Doktor. Todesstrafe – ja oder nein?“
   Eibenhardt starrte den Kommandanten an: „Sie wissen, dass ich von Zentaja stamme?“
   Longley nickte: „Ja. Und?“
   „Ich bin mit der Todesstrafe vertraut. Auf Zentaja gibt es sie nicht nur für Mörder, sondern auch für Vergewaltiger und Kinderschänder.“
   Longley nickte erneut: „Ja, das weiß ich. Und?“
   Der Arzt zögerte einen Moment, bevor er sich dazu durchrang: „Ich stimme für die Todesstrafe.“
   Longley nickte erneut: „Danke, Doktor.“ Dann drehte er sich um. „Tut mir leid, Alex. Sie sollten sich abwenden.“ Mit wenigen Schritten war er an der Kontrolltafel der Luftschleuse, das Gesicht von McDurvin grinste selbstgefällig vom Monitor herunter. Longley zog seine ID-Card durch den Scanner, entriegelte die Sicherheitssperren und schaltete das Mikro ein: „Crewman McDurvin! In einem Schnellverfahren gemäß Artikel 105, Unterabschnitt 2 der Raumordnung, wurden Sie wegen Mordes in einem Fall und Leichenschändung in mindestens drei Fällen für schuldig befunden. Die Höchststrafe hierfür kommt mit zwei von drei Stimmen zur Anwendung. Sie sind zum Tode verurteilt. Das Urteil wird sofort vollstreckt.“
   Entsetzt starrte Crow auf den Monitor, entsetzt starrte McDurvin zurück. Der Mann brüllte und tobte wie ein Wahnsinniger, kein Geräusch war zu hören, die Tonübertragung vom Inneren der Luftschleuse war deaktiviert. Nun schaltete der Captain auch den Monitor aus. Nur Augenblicke später betätigte er mit zwei Tastern die Sicherheitsentriegelung. Ein leichter Stoß war zu spüren, als die Schleusenluke schlagartig geöffnet wurde, ein leises, dumpfes Geräusch, als die Luft explosionsartig aus dem Schleusenraum entwich.
   „Explosive Dekompression“, flüsterte Eibenhardt benommen. „Der Tod tritt in Sekundenbruchteilen ein.“
   „Was macht Sie da so sicher?“, Crows Stimme war nicht mehr als ein heiseres Krächzen. Der Arzt antwortete ihm nicht.
   Captain Longley trat von den Kontrollen zurück und kam auf Crow zu, dicht vor ihm blieb er stehen. „Sie wissen, was Sie jetzt zu tun haben, Alex?“
   Der Erste Offizier der Magellan nickte, er musste sich mehrmals räuspern, bevor er einen klaren Ton herausbekam: „Captain Longley, als Erster Offizier ist es meine Pflicht, Sie mit sofortiger Wirkung Ihres Postens zu entheben. Sie sind bis zur Klärung des Vorfalls durch einen unabhängigen Richter von allen Pflichten entbunden. Ich muss Sie auffordern, sich in Ihr Quartier zu begeben.“
   Longley reichte ihm die Hand. „Gut gemacht, Captain, Sie haben nun das Kommando. Ich würde empfehlen, die Mission abzubrechen und zur nächstgelegenen Kolonie zurückzukehren.“
   „Natürlich, Captain … Mister Longley.“
   „Was hat das jetzt zu bedeuten?“ Eibenhardt war sprachlos dem Gespräch gefolgt und sah jetzt dem Captain hinterher.
   „Raumordnung“, erklärte Crow leise. „Bei nicht einstimmigem Beschluss muss der Vorsitzende bis zur Klärung durch einen unabhängigen Richter festgesetzt und aller Dienste enthoben werden.“
   „Und dann?“
   „Wenn der Richter das Urteil bestätigt, ist alles wieder in Ordnung. Wenn nicht … kommt eine Anklage auf unseren Captain zu.“ Crow drehte sich zu den Schleusenkontrollen um, schaltete den Monitor ein und kontrollierte die Anzeigen.
   Die Luke hatte sich geschlossen, der Luftdruck war wieder normal.
   Der Schleusenraum war leer.

ENDE



__________________
Leben und leben lassen.

Version vom 07. 07. 2015 11:07

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


fnsuf
Hobbydichter
Registriert: Feb 2009

Werke: 1
Kommentare: 3
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um fnsuf eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil
Viele Groß/Klein-Schreibungs-Fehler

Korrekt ist bekanntlich:

* "Sie" für die höfliche Anrede
* entsprechend "Ihr", "Ihres", "Ihrem" und "Ihren"

* "sie" für die weibl. 3. Person Einzahl
* entsprechend "ihr", "ihres", "ihrem" und "ihren"
(außer am Satzanfang).

Im Text sind viele Verstöße gegen diese Regel; das ist beim Lesen doch sehr anstrengend. Beispiel:

"Sie müsste in Ihrer Kabine sein, ich hab Sie heute noch nicht gesehen. Jedenfalls - beim Frühstück war Sie zumindest nicht."

(Der verwirrte Leser fragt sich, ob ggfls. folgendes gemeint ist: "Sie müssten in Ihrer Kabine sein, ich hab Sie heute noch nicht gesehen. Jedenfalls - beim Frühstück waren Sie zumindest nicht.")

Auf eine Komplettkorrektur des Textes unter diesem Aspekt verzichte ich.


Bearbeiten/Löschen    


11 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Science Fiction Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.



Leselupe-Bücher





Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!