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Autor: Claudine Borries

Elizabeth Taylor: Angel

Elizabeth Taylor: Angel

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Angel ist ein unausstehliches Geschöpf.

Sie ist die einzige Tochter ihrer Mutter Mrs. Deverell, die einen kleinen Einzelhandelsladen Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts in einer englischen Kleinstadt betreibt. Der Vater ist schon lange tot.

Mrs. Deverell erfährt von ihrer Schwester, Tante Lottie, Unterstützung gegen die aufsässige Tochter. Diese aber lässt sich nicht beirren: sie fantasiert sich in eine kitschige Oberklassewelt, in der alles nur so glänzt wie Gold. Damit macht sie sich bei ihren Klassenkameradinnen und Lehrerinnen unbeliebt. Mit 15 Jahren verweigert sie jede weitere Schulbildung und beginnt, Romane aus ihrer verstiegenen Fantasiewelt zu schreiben.

Unbeirrt und energisch bietet sie ihre Romane verschiedenen Verlagen an. Sie bleibt ohne Kompromisse, wenn es um die Entschärfung besonders auffälliger Stilblüten geht.

Zwei Verleger können sich nicht ganz einigen, ob man diesen Schund dem lesenden Publikum zumuten könne. Einer gibt den Ausschlag dafür, dass Angel einen unerwarteten Siegeszug mit ihren Büchern antritt. Der Zeitgeist lässt ihren Kitsch gut ankommen. Sie kann mit ihre Mutter dank ihrer Einnahmen aus der bisher eher ärmlichen Gegend in eine vornehmere Gegend umziehen und sich ein besseres Leben gönnen.

Am Ende erreicht sie viel, wird wohlhabend und findet sogar einen Mann. Auch dieser ist mehr Opfer als Zweck zum Erfolg. Zu wahrer Liebe ist sie gar nicht fähig. Die sie umgebenden Menschen sind ihr untertan, weil sie Arbeit und Geld brauchen.

Einfache Menschen mögen ihre Bücher, die Gebildeten ergötzen sich an ihren Schilderungen und die Kritiker verreissen sie. Auf Kritiken reagierte Angel mit Wut, Zorn und Ärger. Sie arbeitete ohne Unterlass, um nur niemanden ihren Platz in der Rangliste der gelesenen Bücher zu überlassen.

Elizabeth Taylor hat das Bild einer ungewöhnlichen Frau entworfen. Schon als junges Mädchen fühlt sie sich ihren ärmlichen Verhältnissen entrückt, ist frech und zickig zu Mutter und Tante und plant zielstrebig ihren eigenen Weg: eine erfolgreiche Schriftstellerin zu werden.

Wie die Autorin das Panorama dieser verqueren Persönlichkeit vor uns ausbreitet, ist bemerkenswert. Da wimmelt es nur so von fantastischen und unwirklichen Lebensgeschichten. Angel bleibt angeberisch, prahlt und ist geltungssüchtig. In ihrem Denken dreht sich alles um ihre eigene Person, alle anderen Menschen sind in ihren Augen dumm und ignorant. Von dem angestrebten Weg zur erfolgreichen Schriftstellerin kann diese Frau niemand abbringen. Die Projektion der eigenen Unvollkommenheit auf die Umwelt ist ein gekonnter psychologischer Trick, mit dem Elizabeth Taylor ihre Menschenkenntnis unter Beweis stellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts mögen die Schichtunterschiede in England noch auffälliger gewesen sein als heute. Arm zu sein ist immer eine traurige Angelegenheit. Hier aber setzen der Wille und die Energie einer aufstrebenden Person diesem Schicksal Grenzen. Auch deshalb konnte Angela so erfolgreich werden: weil die Hoffnung auf Glück und Reichtum die Armen immer berückt.

Taylor hat die Zeichen ihrer Zeit mit ihrem Roman erfasst.
Sie lebte von 1912 bis 1975. Nicht nur in ihren Geschichten wurden Träume wahr. Ihre Protagonistin Angel lebt diesen verwegenen Traum und realisiert ihn. Das Gesellschaftsbild hochfahrender Eitelkeit gewinnt in der Gestalt von Angel eine unerwartete Parallele zu ihren erfundenen Geschichten. E. Taylor entwirft ein sprachlich und inhaltlich lebhaftes Gemälde einer längst vergangenen Zeit. Die Übersetzung von B. Abarbanell rundet die Geschichte zum Wohl einer geneigten Leserschaft sehr schön ab.

Elizabeth Taylor
Angel
400 Seiten, gebunden
Dörlemann; 1. Auflage Februar 2018
ISBN-10: 3038200522
ISBN-13: 978-3038200529
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Laetitia Colombani: Der Zopf

Laetitia Colombani: Der Zopf

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Von drei Frauen soll hier die Rede sein, die es zu unerwarteter Aufmerksamkeit bringen.

Es geht um Smita aus Indien, Giulia aus Palermo/Italien und Sarah, ashkenasische Jüdin aus Montreal/Kanada.

Sie leben in sehr unterschiedlichen Welten und Kulturen. Smita gehört der untersten Kaste in Indien an und muss unerhörte Erniedrigungen erdulden und schmutzigste Arbeit verrichten, um sich und ihre kleine Familie mit dem Nötigsten zu versorgen. Giulia gehört zu einer großen Familie in Italien, die fest verankert im Dunstkreis ihrer Großfamilie lebt. Ihre heimliche Liebe zu einem Inder darf nicht bekannt werden. Sie arbeitet in der Fabrik ihres Vaters, in der Perücken hergestellt werden. Sarah ist anerkannte Rechtsanwältin in einer Großkanzlei. Sie ist geschieden, hat drei Kinder zu versorgen und befindet sich im Dauerstress, ohne das je zuzugeben.

Wie lassen sich diese drei Schicksale miteinander verknüpfen?

Indem eine jede in ihrem Kampf um ein würdiges, freies Leben geschildert wird. Verbindendes Glied in der Kette sind die Haare der Inderinnen, die in Italien zu Perücken verarbeitet werden, um zuletzt Sarah bei ihrer Krebserkrankung Schutz vor neugierigen Blicken zu gewähren.

Vom unvorstellbar niedrigsten Stand in Indien geht die Geschichte über Italien mit ihren Großfamilien bis nach Montreal, wo die erfolgreiche Sarah dringend nach einer passenden Perücke sucht.

Alle drei Frauen sind den Tabus und Regeln ihrer Gesellschaftsordnung ausgesetzt, in denen die Rechte der Frauen erst in jedem Einzelfall erkämpft werden wollen.

Laetitia Colombani hat eine schlüssige Geschichte verfasst. Mit Einfühlungsvermögen und Sinn für die Einmaligkeit einer jeden Frau, in welcher Gesellschaft auch immer sie leben.

Der Kampfgeist einer jeden der drei Protagonistinnen gibt Kunde von den Möglichkeiten, sich aus den verschiedensten Kulturen mit ihren einschränkenden Regeln und Tabus als Frau zu befreien. Mit Spannung folgt man der Flucht von Smita mit ihrer kleinen Tochter aus ihrem Dorf in Indien, dem Weg in die Selbstständigkeit und in die Eigenverantwortung von Giulia und der Auflehnung gegenüber den mobbenden Kollegen von Sarah.

Die Haare der Inderinnen werden zum Verkauf nach Italien in die Perückenfabrik von Giulias Familie gebraucht, und die Endverbraucherin Sarah bildet Schlusspunkt einer Geschichte, die sich mit den Schicksalen der drei Frauen aus verschiedenen Kulturen und Lebensbereichen vollendet.

Der Debütroman von Laetitia Colombani ist sehr lesenswert, wenngleich der Titel und das Titelbild des Romans zunächst keine große Neugierde bei mir ausgelöst haben! In gutem Sinne ist das ein Emanzipationsroman.

L.Colombani ist Filmschauspielerin und Regisseurin und lebt in Frankreich.

Laetitia Colombani
Der Zopf
288 Seiten, gebunden
S. FISCHER, 2. Auflage, März 2018
ISBN-10: 3103973519
ISBN-13: 978-3103973518
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Verena Carl: Die Lichter unter uns

Verena Carl: Die Lichter unter uns

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Schicksalswende!

Anna und Jo haben zwei Kinder: Judith und Bruno. Alles scheint seine Ordnung in der Ehe zu haben. Doch dann will Jo unbedingt im Herbst nach Sizilien. Dorthin hatte er mit Anna einst die Hochzeitsreise gemacht.
Anna findet gar nicht mehr alles so romantisch und glücklich wie damals. Die heranwachsenden Kinder sind aufsässig und für Anna sieht alles so gar nicht mehr rosig aus. Sie müssen mit ihrem Geld haushalten und außerdem ist sie innerlich unzufrieden. Doch nun sind sie einmal da.
Dann taucht Alexander auf. Er ist smart und hat eine schöne Frau. Anna beäugt ihn und lässt ihrer Fantasie freien Lauf. Wie mag es ihm und seiner schönen Frau miteinander gehen? Anna sieht neidisch dem Glück der beiden zu. Wohin hat ihr eigener Lebensweg sie nur geführt?

In einer Doppelerzählung werden die beiden Ehen einander gegenübergestellt. Es zeigt sich, dass keine alleine vom Glück gesegnet ist.
In jeder Ehe gibt es den verheißungsvollen Anfang, der nach und nach in verzwickte und schicksalhafte Bahnen gerät.

Verena Carl bemüht sich um eine differenzierte Analyse der Lebenswege aller ihrer Protagonisten, und es zeigt sich, dass jeder einen eigenen Charakter und eigene Wünsche hat, und ein jeder sehr unterschiedliche Lebensziele verfolgt. Die Träume der Einen sind unerfüllbar, die der Anderen voller Erwartung und Zukunftsvisionen.
Insgesamt bemüht sich Verena Carl um Tiefenschärfe und realitätsgerechte Beobachtung. Ihre psychologischen Ansätze sind flach, die der Realitätseinschätzung kommen der Wahrheit schon näher.
Die Vergeblichkeit aller Lebensschicksale sind ernüchternd. Ist die Wahrheit immer so oder gibt es eine dazwischen? In der Tat liegen Glück, Freude und Lebenserfüllung nicht immer beieinander. Doch gibt es eine Mischung von allem, und diese alleine machen das Leben lebenswert.
Es ist ein leicht verdaulicher und zu lesender Lesestoff, der Unterhaltung für einen gemütlichen Nachmittag bietet.

Verena Carl
Die Lichter unter uns
320 Seiten, gebunden
S. FISCHER, 25. April 2018
ISBN-10: 3103973632
ISBN-13: 978-3103973631
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Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt

Jürgen Seidel: Die Rettung einer ganzen Welt

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Mit diesem Roman eröffnet sich nochmal das Panorama zur zweiten Hälfte des 20.Jahrhunderts. Angefangen bei Hitlerdeutschland mit der Verschärfung der Judenverfolgung 1939 geht es über Berlin mit Bella, der Hauptprotagonistin, zum Ende hin nach Amerika.

Das Versteck für die jüdische Familie in Berlin bietet ein Ägyptischer Arzt, der auch eine arrangierte Hochzeit für Bella organisiert, womit sie nicht mehr Jüdin ist sondern zur Muslima wird.

Abenteuerreich und fantasievoll geht es durch das ganze Buch. Bella wird Ärztin, heiratet in Amerika einen lieben Mann, der früh stirbt. Mit 43 Jahren ist sie Witwe mit zwei kleinen Töchtern.

Ein Familientreffen alle paar Jahre führt die Familie immer einmal wieder zusammen. Bei dieser Gelegenheit erfährt man die Schicksale und Lebenswege der verschiedenen Familienzweige und ihrer Sprösslinge, die auch in Irland Wurzeln hat.

Die Vielfalt der Charaktere und das Auf und Ab der Lebenswege ist von spannender Detailgenauigkeit. Zeitsprünge machen den Zusammenhang zuweilen etwas unübersichtlich, so dass man Mühe hat, immer richtig Schritt zu halten. Dass Bella ihre große Liebe in Berlin zurücklassen musste und ihn später unter anderem Namen in Amerika wiederentdeckt, gibt der Geschichte den besonderen Kick.

Alles in allem ist das Buch ein lesenswerter Schmöker mit zahlreichen Verwicklungen, die sowohl jüdisches als auch muslimisches Leben widerspiegeln. Amerika mit seinem Gesellschaftsbild spielt eine eher nachrangige Rolle. Allerdings ist New York ein Schmelztiegel der Nationen, was durchaus eine Rolle bei der ganzen Geschichte spielt.

Jürgen Seidel
Die Rettung einer ganzen Welt
480 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft, Februar 2018
ISBN-10: 3423261668
ISBN-13: 978-3423261661
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Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

Johann Scheerer: Wir sind dann wohl die Angehörigen

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Ein 13 jähriger Junge erlebt unerwartet und schockierend den Zusammenbruch seiner Welt der Geborgenheit und Sicherheit.

Johann Scheerer ist der Sohn von Jan Philipp Reemtsma, dem anerkannten und tief in seine Bücher versunkenen Sozialwissenschaftler. Man besitzt zwei Häuser in Hamburg und ist wohlhabend. Der Vater pflegt abends nochmals in seinem Haus mit den vielen Büchern zu verschwinden. Als er an jenem Abend um Ostern 1996 herum nicht wieder im Haus der Mutter erscheint, wird diese unruhig, und es beginnt eine unruhige und dramatische Suche nach dem Vater. Man erfährt sehr bald, dass er entführt wurde, um ein hohes Lösegeld mit seiner Freilassung zu erpressen. Die Geschichte machte Furore und hielt ein ganzes Volk in Atem.

Johann Scheerer berichtet über seine Erinnerungen an die dramatische Nacht und deren Folgen. Im Haus wimmelt es von Freunden der Familie, Anwälten und Polizeiangehörigen.

Es wird alles versucht, um möglichst kein Aufsehen zu erregen. Mehrere Geldübergaben scheitern und es folgen bange Tage des Wartens, der Verzweiflung im Wechsel mit Hoffnung.

Der Junge macht sich seine eigenen Gedanken, die den Tod des Vaters einschließen. Er bildet mit der Mutter eine Einheit, obwohl sie immer wieder versucht, ihn vor den gröbsten Enttäuschungen zu bewahren. Mit einer gewissen Distanz, gelegentlichem Humor, immer aber mit kritischem Blick sucht der Junge der größten Verzweiflung Herr zu werden. Er beobachtet, registriert und bleibt bei einer sehr trockenen Darstellung. Ihm haftet keine Sensationslust, Eitelkeit und Aufgeregtheit an. Mit Einsamkeit lässt sich wohl sein Gemütszustand am ehesten beschreiben. Es gibt wirklich nur einen Freund, dem er sich mitteilt.

Die Atmosphäre verzweifelter Entschlossenheit gepaart mit irrlichternden Strategieversuchen, einen Ausweg zu finden, teilt sich dem Leser durch die Darstellung von Johann Scheerer unmittelbar mit. Man kann sich vorstellen, was es für einen pubertierenden Jugendlichen bedeutet, gerade in der jugendlichen Ablösungsphase durch das Ereignis aller Lösungsmöglichkeiten beraubt zu werden. Die Sorge um den Vater gibt dem Jungen nur schwer eine Möglichkeit, zuzulassen, dass ihn und den Vater gravierende Interessensunterschiede trennen. Ob Musik oder Bücher: Johann geht einen eigenen Weg und lässt sich vom Vater nicht davon abbringen.

Die Erzählung lässt vermuten, dass hier ein spannungsreicher Konflikt aufgeschoben wird, weil das Wohl des Vaters über allem steht. Deutlich wird aber auch, wie sehr Jan Philipp an seiner kleinen Familie hängt und um seine Wiederkehr bangen muss.

Wir wissen, wie die Geschichte ausging. Johann Scheerer hat ihr einen eigenen Klang verliehen, mit dem man aus Sicht eines Jungen spannungsreiche und die Nerven angreifende Stunden und Tage erlebt. Es lohnt sich, das Buch zu lesen!

Johann Scheerer wird aus der Lektüre als eigenständiger, klarer und seinen eigenen Weg meisternder Mensch sichtbar.

Johann Scheerer
Wir sind dann wohl die Angehörigen
240 Seiten, gebunden
Piper, März 2018
ISBN-10: 3492059090
ISBN-13: 978-3492059091
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Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt

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Subtile Suche nach den Grundlagen unserer aller Existenzen.

Eine seltsame Geschichte hat uns der bekannte Autor Peter Stamm mit diesem kleinen Roman vorgelegt.
Christopher ist ein alternder Mann. Er hat einen nicht ganz fassbaren Doppelgänger, den er beobachtet, und dessen Spuren er verfolgt.

Gleichzeitig erzählt er einer zwanzig Jahre jüngeren zufälligen Bekannten von seiner vergangenen Liebe zu Magdalena. Verwirrend und irritierend wechseln Zeit, Ort und Handlung. Christopher ist Schriftsteller. Er hat schon lange kein Buch mehr geschrieben.
Seine Spaziergänge, Begegnungen und schließlich auch Liebesnächte mit der jungen Lena sind so mysteriös wie die ganze Handlung. Die assoziativ dargestellten Begebenheiten beziehen sich immer wieder auf die Liebe, das Warum und Wie des Lebens und unseres Endes. Lena, seine junge Begleiterin, ist Schauspielerin. In gewisser Weise wiederholt sich die Liebesgeschichte von Chris mit der der jungen Lena und deren Freund.

Das Verwirrspiel um das Doppelgängertum verschiedener Figuren ist zweitweise kaum zu durchschauen.

So wie das ganze Buch einer langen Lebensreflexion gleicht ist auch das Ende. Christopher sieht einem alten Mann zu, der in einem Haus verschwindet und man meint, dass er sich selber schon zusieht, wie er im Alter des alten Mannes sein wird.

Der Titel des Romans stammt aus dem Roman „Der Fremde“ von Peter Stamms Lieblingsschriftsteller Albert Camus. Mit Camus wird auch Peter Stamm zuweilen gleichgesetzt.

Existenzfragen hier wie dort sind das Lebensthema beider Schriftsteller.

Peter Stamm
Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
160 Seiten, gebunden
S. FISCHER, 2. Auflage Februar 2018
ISBN-10: 3103972598
ISBN-13: 978-3103972597
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Angelika Klüssendorf: Jahre später

Angelika Klüssendorf: Jahre später

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In einer fein ziselierten Sprache, hoch sensibel und gleichzeitig distanziert erzählt A. Klüssendorf von einer Ehe, die auf merkwürdige Weise zustande kam.

April, die Hauptprotagonistin, spricht von sich als Suchende und Einsame. Ludwig, ein Chirurg, interessiert sich brennend für sie und lässt nicht nach in seinem Werben. Sie wird schwanger, und sie heiraten.

Während Ludwig als großes Kind erscheint, der allerdings voller Dynamik immer neue Pläne für sie beide schmiedet, lässt sich April treiben. Sie steht den Dingen mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber. Aus einer anderen Beziehung hat sie einen 11jährigen Sohn, Julius, der fest in die neue Gemeinschaft eingegliedert wird.

Nachdem sie von Berlin nach Hamburg gezogen sind, wo Ludwig eine neue Stelle in einem Krankenhaus angetreten hat, wird Samuel geboren.

Hier fühlen sich April und Julius nicht zu Hause. Julius ist in der Pubertät und betrachtet seine Mutter und Ludwig kritisch. Als er zu seinem Vater zieht, bleibt die kleine Familie alleine.

Mehr und mehr gerät Ludwig in den Fokus der Erzählung. Durch die Augen von April finden wir einen Getriebenen, der voller Ideen ist und zwischen Ehrgeiz, Eitelkeit und Selbstverherrlichung schwankt. April tut, was sie kann, um seinem bürgerlichen Anspruch zu genügen. Sie kocht, backt und bewirtet seine Kollegen. Doch das ist nicht ihr Leben.

Mit kleinen spitzbübischen Schabernackaktionen versuchen die beiden, ihrer Gemeinschaft etwas Leben einzuflößen.

Mit fortschreitender Erzählung spürt man jedoch, wie aufgesetzt und brüchig die Beziehung zwischen April und Ludwig ist. Man ahnt, dass diese Ehe kein gutes Ende nehmen kann.

Doch noch quält sich das Paar durchs Leben, er unreflektiert und blind für seine eigenen Schwächen, und sie abwartend und bemüht. Doch eine Kälte macht sich breit, die einen erschauern lässt.

Angelika Klüssendorf hat einen empfindsamen Ausdruck für alles, was zwischen Menschen passiert. Ihre kühle, sezierende Sprache, vermittelt uns einen Einblick in das innerpsychische Geschehen, das sich hier zwischen zwei sehr verschiedenen Menschen abspielt. Es kann nicht gehen, wenn eine Frau auf der ständigen Suche nach dem wahren Leben ist, und ihr Mann nur nach Anerkennung, Aufmerksamkeit und Bestätigung sucht.

Geschickt versucht die Autorin uns zu zeigen, wie bemüht beide sind, an ihrer Ehe festzuhalten. Einer aber schafft es nicht: Ludwig kann seine innere Leere im Zusammensein mit seiner Frau nicht überwinden. Er geht, kommt wieder und geht schließlich für immer. April, die literarische Versuche auf dem Weg zur Schriftstellerin unternimmt, bleibt alleine mit einem Sohn, den sie kaum versteht, und zu dem der Zugang immer mehr verloren geht. Reue über den Verlust ihres ersten Sohnes überkommt sie, und sie weiß, alle ihre intensiven Bemühungen um ein ausgewogenes Leben waren umsonst.

Die Sprache und der Ausdruck von A. Klüssendorf zeigen eindrücklich diese einsame, suchende Frau, deren Verlorenheit einen anrührt. Ludwig löst in seiner Selbstsucht eher Abwehr beim Leser aus. Zweitweise bleibt die Empathie auf der Strecke. Zu kalt und sezierend ist die Darstellung der Beziehung.

Der Eindruck einer misslungenen und tragischen Verstrickung zweier Menschen, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft und Wesenszügen nicht zusammenfinden können, bleibt bis zuletzt bestehen. Die lakonischen und kurzen Sätze vermitteln einen Eindruck von dem innerpsychischen Drama, das Mann und Frau einander entfremdet.

Dass Angelika Klüssendorf mit dem verstorbenen Frank Schirrmacher verheiratet war, sei in einem Nebensatz erwähnt. Autobiographische Züge sind in ihre Erfahrungen eingeflossen. Sie betont aber in Interviews, dass ihre Figuren fiktiv sind.

Angelika Klüssendorf
Jahre später
160 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, Januar 2018
ISBN-10: 3462047760
ISBN-13: 978-3462047769
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Herman Koch: Der Graben

Herman Koch: Der Graben

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Lebensschicksale…

Robert Walter ist ein getriebener Mann. Seine Lebenssituation sieht gut aus, denn er ist Bürgermeister von Amsterdam und verkehrt in illustren Kreisen. Doch gleich zu Beginn des Romans von Herman Koch merkt man, wie seinen Protagonisten Ängste und Sorgen umtreiben, die seiner Fantasie entsprungen zu sein scheinen. Ist seine Frau ihm treu? Was könnte sie, hier Sylvia genannt, mit den Dezernenten Hoogstraten gemein haben? Robert sieht sie flüstern und fantasiert sich Schreckliches zusammen.

Tochter Diana ist aus dem Haus, so dass er mit seiner Frau eine neue Basis finden müsste.

Öffentliche Empfänge und Begegnungen mit Obama und Hollande sind in Roberts Job an der Tagesordnung. In seinem Kopf mahlt es ohne Unterlass: er beobachtet, sinniert und argwöhnt überall Unheil. Jede Bemerkung und jede noch so kleine Beobachtung am Verhalten seiner Frau nähren den Verdacht, sie könnte ihn verlassen wollen.

Fast sieht er seine Ehe schon am Ende, und jede Geste, jede Erinnerung lösen neue ängstliche Gedanken in ihm aus.

Herman Koch versteht es wunderbar, den psychischen Nöten eines von Ängsten getriebenen Mannes nachzugehen. Man fühlt und ängstigt sich mit, möchte den armen Mann aber gleichzeitig befreien. Denn mit seinen Verdächtigungen macht er nach und nach seine Beziehungen kaputt. Niemand hält es aus, dauernd unter unbegründetem Verdacht zu stehen. Wie lange kann diese Ehe halten?

Geheimnisvoll und mit vagen Andeutungen erfährt man von einem möglichen Verbrechen, das er in seiner Jugend begangen haben soll. Aber nicht nur eine Journalistin ist ihm in dieser Angelegenheit auf den Fersen: auch er selbst sieht sich mit kritischem Blick. Die Eltern kündigen ihren Freitod aus Altersgründen an, und sein guter Freund Bernhard, ein herausausragender Physiker, berichtet von einer schweren Krankheit, die ihn ereilt hat, und infolgedessen er seinem möglichen vorzeitigen Ableben entgegensieht.

Niemand außer Robert Walter kommt wirklich zu Wort. Alle Ereignisse sind ganz auf ihn zentriert.

Ab einem gewissen Zeitpunkt fängt der Leser an, den armen Mann in seinem psychischen Elend zu bedauern. So viel Not auf einmal! Das ist nur schwer zu ertragen.

Hermann Koch hat seinen Protagonisten, der doch erfolgreicher Bürgermeister von Amsterdam ist, mit einem melancholischen Charakter und mit unheilvollen Visionen ausgestattet. Das Buch liest sich ein wenig schwerfällig, weil das viele Unheil die frohen Stunden und Erinnerungen zumeist überschattet.

Die Herkunft seiner Frau aus einem ungenannten südlichen Land mit andren Sitten und Gebräuchen bleibt verborgen. Warum dürfen wir das nicht wissen?

Das Ende kommt abrupt, so wie die einzelnen Kapitel auch in Zeitsprüngen stattfinden.

Da diese fast biographische Romanform flüssig abläuft, bleibt der Leser am Ball und kann sich ganz auf den Hauprotagonisten einlassen. Es bleibt der Blick auf eine tiefsinnige Geschichte, die aufzeigt, welche Irrtümer und Geheimnisse Lebensschicksale ausmachen können.

Herman Koch
Der Graben
304 Seiten, gebunden
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2018 (15. Februar 2018)
ISBN-10: 3462050826
ISBN-13: 978-3462050820
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Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

Dorothy Baker: Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft

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Rick Martin ist ein begnadeter und musikbegeisterter Junge. Dorothy Baker hat sich von dem Jazz-Genie Bix Beiderbecke (1903 -1931) zu diesem Roman inspirieren lassen.

Rick stammt aus den Slums von Los Angeles. Jeden Morgen sitzt er am Klavier der All Souls’ Mission und formt auf dem Klavier Töne nach, die er einmal gehört hat. Dafür versäumt er die Schule und nimmt allerlei Unbilden auf sich.

Schließlich lernt er den farbigen Jazzmusiker Smoke Jordan kennen. Die beiden Jungen werden unzertrennlich und sind vereint in der Musik. Rick beneidet Smoke um die Geborgenheit seiner Familie, die ihm, Rick, in seiner Onkel-Tante -Familie nicht vergönnt ist.

Man begleitet Smoke und Rick auf ihren Streifzügen durch die Musikhalls und dort finden sie eines Tages ihren Platz. Rick wird Trompeter, wird entdeckt und nach New York engagiert.

Wunderbar versteht Dorothy Baker in das Milieu der Musikszenen einzutauchen und einen teilhaben zu lassen an musikalischen Entwicklungen. Sie zeigt uns, wie durch die Besessenheit vom Klang und Rythmus aus Laien professionelle Trompeter, Klavierspieler oder Drummer werden.

Höhen und Tiefen des vom Jazz besessenen Rick ziehen sich durch alle Stadien seines Lebens. Es endet früh, noch nicht einmal 30 Jahre alt, wie bei so vielen Genies seines Genres.

Man liest das Buch mit Aufmerksamkeit und Interesse. Sind doch Existenzen wie die von Rick Martin häufig in den Jazzszenen zu finden. Alkohol und der Rausch der Musik mit den exzessiven Konzerten in langen Nächten bringen nicht nur Rick Martin den Tod. Betrauert von der Jazzgemeinde enden diese von ihrer Musik Betäubten häufig in Einsamkeit und körperlichem Ruin. Auch Ricks tragisches Schicksal vollendet sich mit seinem Tod. Er blieb bei seinen zwei engen Freunden Jeff Williams und Smoke Jordan unvergessen und tief betrauert.

Freundschaften, Begegnungen und immer wieder die Musik schaffen das Klima, in das uns Dorothy Baker entführt. Es sind die dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts, die in ihrem Roman vor uns erstehen und uns Erinnerungen bescheren an eine Zeit unvergesslicher Jazzgrößen. Ein gelungener Roman für alle, die sich dem Jazz zugeneigt fühlen.

Dorothy Baker
Ich mag mich irren, aber ich finde dich fabelhaft
272 Seiten, gebunden
dtv Verlagsgesellschaft, November 2017
ISBN-10: 3423281359
ISBN-13: 978-3423281355
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Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich?

Elena Lappin: In welcher Sprache träume ich?

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Wächst ein Mensch in unterschiedlichen Ländern, Orten und Sprachstationen auf, kann man möglicherweise nicht mehr festmachen, welches die (Mutter)- Sprache oder der Ort der Verwurzelung ist.

So erging es Elena Lappin. Geboren wurde sie 1954 in Moskau. Mit 4 Jahren zog sie mit ihrer ledigen Mutter zum zukünftigen Mann der Mutter nach Prag. Von dort wechselte die Familie 1970 nach Deutschland. Später folgten Kanada, USA und Israel. Jetzt lebt die Schriftstellerin mit ihrer Familie in London. Ihre Mutter studierte Geographie, der Vater ist Schriftsteller und Übersetzer literarischer Werke.

In Moskau lebten die Großeltern und Urgroßeltern von Elena. Ihre junge Mutter erscheint selbstständig und selbstbewusst. Als sie zu ihrem künftigen Mann nach Prag zieht, nimmt er das Kind als eigenes an. Sie bilden nun eine kleine, glückliche Familie. Ihr leiblicher „Vater“ ist Amerikaner, doch diese Verbindung war nicht von Bestand. Spät erst erfährt Elena, dass sie einen anderen Vater hat als den von ihr sehr geliebten bisherigen. Ihre Eltern bekamen 1960 noch einen gemeinsamen Sohn, der als Schriftsteller Maxim Biller bekannt ist.

In Elenas Familie gab es viele Merkwürdigkeiten, und es ist gar nicht so schnell zu verstehen, wer da alles mit wem verheiratet war und wann und woher man eigentlich kam.

Die zahlreihen Länderwechsel spiegeln die Geschichte der russischen und sowjetischen Ära wieder. Juden wurden wie immer und überall als Außenseiter betrachtet. In Moskau herrschte die Nach-Stalinära, und in Prag ereignete sich 1968 der so genannte Prager Frühling. Der Aufstand wurde bekanntlich von russischen Truppen niedergeschlagen.

Infolge der vielfältigen politischen Bedrohungen zog die Familie 1969 nach Hamburg.

Zu Russisch und Tschechisch wurde nun Deutsch zur Heimatsprache. Doch war Deutschland Heimat für die entwurzelte Familie?

Temporeich, sprühend vor Neugierde und Lebenslust bewegt sich Elena Lappin durch die Stationen ihres Lebens. Sie trifft überall Menschen, zu denen sie sich hingezogen fühlt und schließt schnell gute Freundschaften. Nach Hamburg bricht sie zum eigenen Leben nach Israel auf, wo sie ihren Mann kennenlernt. Sie heiraten und bekommen Kinder. Einmal leben sie in Tel Aviv, dann wieder in Kanada, erneut in Haifa, dann USA und zuletzt England. Nicht alle Sprachen können den Kindern nach den vielen Wohnortwechseln erhalten bleiben.

Die Verständigung mit den russischen Verwandten bleibt auf der Strecke.

Elena Lappin wird eine selbstständige, agile und leidenschaftliche Literaturliebhaberin.

Sie schreibt, dichtet und arbeitet als Journalistin.

Die Biographie richtet den Fokus zum Ende hin immer mehr auf Sprachen und Dichtung. Wo findet man sich zu Hause? Wo lebt man am liebsten? Welche Rolle spielen Sprachen für das eigene Leben und Gedeihen?

Die Familie ist wichtig, und für ihre Biographie interessiert sich Elena immer mehr für die weitverzweigten Familienbindungen, die nach Russland und Amerika weisen. Der leibliche Vater tritt in Erscheinung, und wieder tun sich neue Familienzweige auf.

Die Suche nach Familie und Zugehörigkeit bestimmen richtungsweisend die Erzählung und lassen ahnen, wie sehr Familie zum Bestimmungsort der eigenen Identität wird.

Die Lebenserinnerungen sind lebendig, warmherzig und mit Herzblut geschrieben.

Hier gibt es kein kleinliches Miteinander. Die Verbindungen und der Umgang untereinander lassen auf einen gebildeten, liberalen und wohlwollenden Geist schließen. Zeigen sie doch ein weltoffenes und tolerantes Familienklima. Dass die Wanderungen der Familie auch politisch mit verursacht sind, ist exemplarisch für das traurige Schicksal unser aller geschichtlichen Vergangenheit.

Man liest diese Lebenserinnerungen als Zeitdokument mit hohem Interesse.

Elena Lappin
In welcher Sprache träume ich?
352 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, September 2017
ISBN-10: 3462050451
ISBN-13: 978-3462050455
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