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Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

Kent Haruf: Unsere Seelen bei Nacht

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Was für eine wunderbare, zarte und bezaubernde Geschichte liegt uns hier vor!

Man ist schon nach den ersten Zeilen gefangen und kann sich dem Sog dieser Erzählung nicht entziehen.

Addie Moore ist eine Witwe von 70 Jahren. Sie geht eines Tages zu Louis Waters und macht ihm einen Vorschlag: ob er nicht nachts bei ihr schlafen möchte, denn sie fühlt sich einsam.
Sie könnten sich immer etwas erzählen vor dem Einschlafen

Louis ist ebenfalls Witwer und 70 Jahre alt.

Er traut seinen Ohren kaum, und kann sich nicht vorstellen, wie das vor sich gehen soll.
Sie leben in Holt, einem kleinen Städtchen in Colorado. Jeder kennt jeden und geklatscht wird viel.
Nun, Addie ist eine unabhängige und selbstständige Frau, die keine Risiken scheut. Das Gerede der Nachbarn ist ihr so wie so egal.

Also beginnt diese Geschichte mit einem teils zarten aber doch bestimmten Antrag ihrerseits.

Er geht zum Frisör und trifft Vorbereitungen, die ihn adrett und sauber eines Abends bei ihr erscheinen lassen. In einer Papiertüte bringt er Pyjama und die Zahnbürste mit.

Schüchtern steigen sie zu Bett und beginnen, sich ihre Lebensgeschichten zu erzählen.

Ihre jeweiligen Ehen und der Gang der Dinge von Beginn an bieten genügend Stoff für lange Abende und kurzweilige Erzählungen.

Der Klatsch und Tratsch blüht, doch Addie und Louis meistern das Gerede mit überzeugender Schlagfertigkeit.

Die nächtlichen Verabredungen gehen in gemeinsame Unternehmungen und abwechslungsreiche Zusammenkünfte über.

Wie das Leben so spielt, bleibt nicht alles dabei. Das Ende bringt kein happy end. Melancholisch, zu Herzen gehend und zart, wie die Geschichte beginnt, so endet sie auch.

Diese wunderbare Erzählung entführt einen in die Welt des Alterns, der Vergänglichkeit und kleinen Hoffnungen, die doch das Leben erst lebenswert machen. Liebevoll werden die handelnden Figuren beschrieben, und malerisch sind die Orte, die man aufsucht, und wo man seine kleinen Abenteuer erlebt. Der Leser meint sich auf den Feldern und Wiesen bei Sonnenschein und Regen wiederzufinden. Dieses Miterleben macht den kleinen Roman so liebenswert.

Kent Haruf ist ein mit zahlreichen Preisen ausgezeichneter Erzähler, dem man gerne in seine
Welt des kleinbürgerlichen Alltags in Amerika folgt. Er starb bereits 2014.

Die Geschichte ist sehr empfehlenswert!

Kent Haruf
Unsere Seelen bei Nacht
208 Seiten, gebunden
Diogenes, März 2017
ISBN-10: 3257069863
ISBN-13: 978-3257069860
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Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

Ursula Ott: Das Haus meiner Eltern hat viele Räume

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In diesem Buch des Abschieds und der Erinnerungen kann sich sicher jeder in irgendeiner Weise wiederfinden, der seine alten Eltern ins betreute Wohnen oder in ein Altersheim verabschieden muss.

Die Eltern der Autorin gehörten zur Nachkriegsgeneration, in der noch sehr andere gesellschaftliche Vorstellungen über die Regeln des Zusammenlebens herrschten als in der Welt ihrer Kinder, die zu Beginn der sechziger Jahre geboren wurden. 

Als die Mutter der Autorin nach dem frühen Tod des Vaters zusehends älter wird und zu vereinsamen droht, fassen ihre Töchter und sie selber den Entschluss, in ein betreutes Wohnen umzuziehen. Da die Töchter beruflich und familiär in weit entfernte Städte gezogen sind, ist der Besuch und die Betreuung der Mutter schwierig geworden.

Sie wird vom Bodensee nach Stuttgart ziehen. Der Entschluss ist gefasst, doch bis der Umzug erfolgen kann, müssen alle das Haus ausräumen. Mit diesem Vorgang befasst sich die Autorin in ihrem vorliegenden Büchlein.
Jedes Blatt, jedes Bild und jedes Möbelstück, wird auf seine Verwertbarkeit begutachtet. Was will man behalten, was soll entsorgt werden, was kann man verschenken oder verkaufen?

Und natürlich sind alle Gegenstände mit Erinnerungen verbunden.
Ursula Ott versteht es vorzüglich, das Design der Dinge, seien es Wohn- oder Küchenmöbel, Teppiche oder praktische Geräte, mit dem Geschmack der sechziger und siebziger Jahre in Verbindung zu bringen, so dass fast eine kleine Geschichte familiären Lebens entstanden ist.
Melancholie und gelegentlich sogar Tränen lassen den Abschiedsgedanken aufkommen, der das Haus und sein Inneres mit der Aufgabe des Schutzes früherer Jahre in Verbindung bringt. 

Hoch reflektiert und talentiert zeigt die Autorin, dass es sich so leicht anhört: „ins Heim gehen“, doch in Wahrheit ist das ein langer Prozess. Die Familie löst diesen Konflikt blendend, in dem sie der Mutter ein Jahr für den endgültigen Abschied gewährt. So lange dauert die Auflösung des elterlichen Haushalts, und so lange bleibt Mutter noch die Besitzerin des Hauses.

Ursula Ott hat ein anrührendes und zu Herzen gehendes Stück eigener und allgemeiner Zeitgeschichte verfasst.
Es ist ein sehr lesenswertes Erinnerungsbuch für Menschen, die Abschied von den Wurzeln des Zuhauses in irgendeiner Weise ja alle erleben werden. Zu Kriegszeiten gab es keine Muße des Abschieds, alles geschah schnell und überrannte die Menschen. Heute in unserer langen Friedenzeit darf man sich diesem Geschehen mit der notwenigen Zeit und Besinnung überlassen. Ursula Ott hat alles gekonnt in ihren Gedanken und mit ihren Worten zusammengefasst. 

Sehr lesenswert!

Ursula Ott
Das Haus meiner Eltern hat viele Räume
192 Seiten, gebunden
btb Verlag, März 2019
ISBN-10: 3442758246
ISBN-13: 978-3442758241
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Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam

Bernard MacLaverty: Schnee in Amsterdam

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Ein schon älteres Ehepaar macht sich von Glasgow aus auf eine Reise nach Amsterdam.

Stella ist gläubige und praktizierende Katholikin und war Lehrerin. Gerry ist Architekt mit einer Professur an der Universität in Glasgow. Er steht Religion und Kirche eher distanziert gegenüber. Sie hat ihm die Reise zu Weihnachten geschenkt.

Minutiös wird die Reise in ihrer Planung und zu Beginn des Aufenthalts beschrieben. Jedes kleine Detail in den Hotels, in den Straßen, Plätzen, Pubs und mit den Menschen in ihrem Umfeld findet Erwähnung. Die beiden sind wirklich lange verheiratet, denn man spürt die langjährige Vertrautheit und unterschwellige Öde, die das Leben der beiden bestimmt.

Was als Abwechslung aus dem etwas abgestandenem Ehealltag gedacht war, entpuppt sich als Bilanz der Vergangenheit und schmerzhafte Erkenntnis über ein zunehmend unbefriedigendes Leben. Besonders Stella, Gerrys Ehefrau, sucht einen neuen Sinn im Leben, nachdem der einzige Sohn mit seiner Familie in Kanada lebt.

Durch Stellas Reflexionen erfährt der Leser, wie belastend sie ihre momentane Lebenssituation empfindet. Im Alter neue Perspektiven zu suchen und zu entwickeln, ist kein leichtes Unterfangen.

Auf ihren Wegen und Erlebnissen in Amsterdam entspinnt sich in kleinen Einschüben ihr früheres Leben, das einen normalen und genügsamen Alltag bildete. Ein Ereignis zu Beginn ihrer Ehe spielte allerdings eine gravierende Rolle für das weitere Leben der beiden. Es hat mit den kriegerischen Auseinandersetzungen in Irland zu tun.

Mit fein gesponnenen Erinnerungen besinnen sie sich an Ereignisse ihrer Vergangenheit.

Bernard MacLaverty hat eine sensible und feine Ehestudie entwickelt. Seine Diktion zeugt von hoher Bildung und Feingefühl für die Tücken und Stolpersteine des Lebens.

Gerry wird mehr und mehr zum Trinker, der mit allerlei Tricks seinem Alkoholkonsum frönt und ihn gleichzeitig zu verstecken trachtet. Diese und ähnliche Malaisen führen zu Überdruss und Abneigung bei Stella. Blendend und faszinierend berichtet der Autor, wie gut die Ehe zu sein scheint. Zuletzt sieht es eher nach einem Ende der Geneinsamkeit aus! Das vermeintliche Liebesgeflüster und die Eintracht zwischen beiden wird unterminiert von Stellas stiller Abkehr von ihrem Mann.

MacLaverty holt nicht weit aus, sondern setzt die Erinnerungseinschübe und Gegenwartserlebnisse einem Mosaik gleich aneinander. Auf diese Weise entsteht eine tiefe und profunde Studie einer Ehe, die sich im Niedergang befindet.

Sprachlich vollkommen und zuweilen der biblischen Sprache gleich, geht er den Weg des Paares auf ihrer Reise nach, die synonym für ihr ganzes Leben steht.

„Gerry nickte und sagte: Und sie kehrten unter einem anderen Himmel heim als dem, der Zeuge ihres Aufbruchs war.“(S.282) Das Ende der Geschichte ist weise, klug und einsichtig.

Ein überzeugender und sehr anrührender Roman ist dem anerkannten Autor Bernard MacLaverty gelungen. Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet und lebt mit seiner Familie in Glasgow.

Bernard Laverty
Schnee in Amsterdam
288 Seiten, gebunden
C.H.Beck, August 2018
ISBN-10: 340672700X
ISBN-13: 978-3406727009
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Lisa Halliday: Asymmetrie

Lisa Halliday: Asymmetrie

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Eine junge Frau und ein viel älterer Herr begegnen sich. Alice sitzt alleine auf einer Parkbank in New York, als sich ein älterer Herr mit einem Eishörnchen neben sie setzt. Sie erkennt ihn schon bald als den Schriftsteller Ezra Balzer alias Philip Roth, den sie bewundert.

Eine ganz zarte aber stetige Liebe zwischen Alice und Ezra nimmt den Leser mit zu einer ganz und gar ungewöhnlichen Freundschaft. Alice ist Assistenzlektorin bei einem renommierten Verlag, Ezra eingetragener Schriftsteller bei demselben Verlag. Sie lesen sich zum gegenseitigen Vergnügen Texte aus bekannten Werken vor. Was ganz harmlos beginnt, endet schon bald im Bett. Die ganze Zeit bleibt die Beziehung offen, denn man weiß nie, ob sie weitergehen wird. Je länger sie dauert, desto mehr zeichnet sich die Gebrechlichkeit des 40 Jahre älteren Mannes gegenüber der jungen Alice ab. Man weiß, dass diese Beziehung irgendwann ein Ende nehmen wird. Aus Liebe wird eine lebenslange Freundschaft im wahren Leben der beiden, wie man in einem Porträt über Lisa Halliday in der FAS vom 22.07.2018 nachlesen kann. In diesem Artikel wird ihre Liebesaffäre und spätere Freundschaft zu dem um viele Jahre älteren Schriftsteller Philip Roth beschrieben, wenn es auch heißt, der Roman sei Fiktion.

Halliday hat eine ganz eigene Art der Auffassung von ihrer Beziehung zu dem Schriftsteller.

Die Begegnungen sind von beiden Seiten eng und zugleich distanziert. Man bemerkt, dass jeder Tag des Zusammenseins der erste und der letzte sein kann. Alice wünscht sich, auch schreiben zu können. Die alltäglichen Ereignisse treten ganz zurück hinter die Beziehungsgeschichte, die in ihrem Äquivalent zwischen Nähe und Distanz, Freiheit und Gleichheit ungewöhnlich beeindruckend ist. Als bindendes Glied gilt sicher für Ezra und Alice die Leidenschaft für die Literatur und das Schreiben.

In einem zweiten Teil des Romans geht es um die „Asymmetrie“ zwischen West und Ost.

Der in Los Angeles lebende Doktorand und Wissenschaftler Amar will seine Eltern im Irak besuchen und nach seinem verschwundenen Bruder suchen helfen. Auf dem Flug dahin wird er in London festgehalten, weil seine Papiere und er selbst endlosen Untersuchungen unterzogen wird. Inzwischen erinnert er sich an seine Kindheit, Jugend, Freunde und Lieben.

Hier geht es um die Unterschiede zwischen West und Ost. Familienzusammenhalt und Nähe wird hier wie dort aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet. Dieser Teil liest sich nicht so geschmeidig wie der erste, weil sich einem der Zusammenhang zum ersten Teil nicht erschließt. Er entspricht jedoch sehr den literarischen Vorgaben von Philip Roth.

In einem letzten Teil lässt Lisa Halliday Ezra nochmals während eines Interviews zu Wort kommen.

Welche Musik liebte er? Wie war sein Leben, wie hat es sich verändert?

Lisa Halliday hat eine liebevolle Hommage an den verstorbenen Dichter Philip Roth geschrieben. Die Zuneigung zu dem Menschen Roth wird in jeder Zeile deutlich.

Sie schreibt so locker, leicht und unangestrengt und doch voller Tiefe und Teilnahme, auch von ungewöhnlich künstlerischem Niveau beseelt, dass man das Buch hingerissen verschlingt.

Lisa Halliday
Asymmetrie
320 Seiten, gebunden
Carl Hanser Verlag, Juli 2018
ISBN-10: 3446260013
ISBN-13: 978-3446260016
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Barbara Ehrenreich: Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle

Barbara Ehrenreich: Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle

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Die meisten von uns tun viel, um den Tod hinauszuschieben. Aber irgendwann wird dennoch Schluss sein. Auch wenn uns das bewusst ist, verdrängen wir es im Alltag, so gut es geht. Wir verwenden teure Pflegeprodukte, zwingen uns ein Sportprogramm auf, folgen den neusten Ernährungstrends, machen ständig Diäten, gehen zu allen Vorsorgeuntersuchungen, schlucken unsere Nahrungsergänzungsmittel und verhalten uns achtsam. Wir hoffen, damit Kontrolle über unser Leben zu erlangen. Doch das wir die nicht haben, schwant und spätestens im mittleren Lebensalter. Also verschärfen wir unsere Aktivitäten, auch wenn der Körper sich sträubt und ersinnen eine noch bessere Verdrängungstaktik, was das immer näher rückende Ende betrifft, und bauen die Hoffnung auf, dass etwas von uns bleiben wird.

Barbara Ehrenreich, Jahrgang 1941, ist in einem Alter, in dem ein Rückblick möglich ist. Sie beleuchtet die vergangenen Jahrzehnte hinsichtlich unseres Umgangs mit dem Leben und dem Tod. Dabei zeigt die Autorin auch ihre eigenen Erfahrungen und die dadurch gewonnenen Erkenntnisse auf. Es ist ernüchternd, ermöglicht aber auch, sich eine andere Denkweise zuzulegen!

Es geht um unsere eigenen Bestrebungen und natürlich auch um die von Medizin und Wissenschaft, den Tod hinauszuschieben. Nicht nur der Nutzen, sondern auch die Sinnlosigkeit mancher gesundheitlicher Maßnahmen, die daraus entstehen, wird beleuchtet. Was hilft es, das Leben zu verlängern, wenn es dann nicht mehr lebenswert ist. Und wie kommt es, dass der Körper trotz aller Therapien, der Aktivierung der Selbstheilungskräfte und der Stärkung des Immunsystems, sein Programm zur Selbstzerstörung fortsetzt?

Ratschläge gibt es im Buch nicht. Es wird kein Programm vorgestellt, das uns weitere Lebensjahre verschaffen könnte. Es geht vielmehr darum, die Wahrnehmung zu schärfen, über unsere Art zu leben. Es ist ja die Frage, ob die Maßnahmen, die wir so verbissen ergreifen, wirklich helfen. Oder ob es besser ist, etwas entspannter zu sein, das Leben zu genießen und das Ende zu akzeptieren?

Rezension von Heike Rau

Barbara Ehrenreich
Wollen wir ewig leben? – Die Wellness-Epidemie, die Gewissheit des Todes und unsere Illusion von Kontrolle
Aus dem Englischen von Ursel Schäfer und Enrico Heinemann
Verlag Antje Kunstmann
240 Seiten, gebunden
ISBN-10: 3956142349
ISBN-13: 978-3956142345
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André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

André Heller: Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr

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102 Jahre alt ist Elisabeth Heller, die Mutter des Autors André Heller. 1914 wurde sie geboren, wuchs in Wien und Südtirol auf, heiratete 1933 den Großindustriellen Stephan Heller und bekam zwei Söhne. Nach dem Tod ihres Mannes im Jahre 1958 wurde sie Directrice in Gertrud Höchsmanns Haute-Couture-Salon.

Elisabeth Heller sieht sich innerlich manchmal noch jung. Sie versteht es, zu träumen. Sie denkt aber auch mit Melancholie ans Verabschieden. Sie verdrängt das Thema nicht.

In den Gesprächen mit dem Sohn werden Erinnerungen wach. Es geht nicht mehr um Essentielles, die Gegenwart oder die Zukunft betreffend. Dennoch sind diese Gespräche innig und klar, klären sogar manchmal Missverständnisse zwischen Mutter und Sohn. Es wird geredet über Alltägliches, über Begegnungen und Gedanken, die in den Sinn kommen. Die Annäherung der beiden und ihr wachsender Respekt voreinander sind spürbar.

Vielleicht stellt sich so mancher das Leben mit über 100 Jahren als Last vor, beschwert von so vielen Erinnerungen. Die schönen, die melancholisch machen und die leidvollen, die für Kummer sorgen. Aber es ist auch von Weisheit, Nachsicht und Herzenswärme geprägt. Und daraus wiederum kann man Zuversicht schöpfen.

André Heller hat die Gespräche kaum gelenkt. Er ist im Hintergrund geblieben. Hat Stichworte gegeben und sanft nachgefragt. Hat auch das Schweigen zugelassen. Er hat aufgefangen, was die Mutter gerade beschäftigt oder was ihr einfach so in den Sinn gekommen ist.

Es ist ein beeindruckendes Buch, ein kleines Kunstwerk entstanden, das unglaublich viele sanfte Gefühle in sich trägt. Es verursacht eine etwas melancholische Stimmung, aber keine tieftraurige. Das Leben, auch im Alter, mit Humor zu nehmen, macht das Abschiednehmen doch etwas einfacher. Und Humor beweist Elisabeth Heller im Gespräch immer wieder.

Rezension von Heike Rau

André Heller
Uhren gibt es nicht mehr – Gespräche mit meiner Mutter in ihrem 102. Lebensjahr
112 Seiten, gebunden
Paul Zsolnay Verlag
ISBN-10: 3552058311
ISBN-13: 978-3552058316
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Minna Lindgren: Rotwein für drei alte Damen

Minna Lindgren: Rotwein für drei alte Damen

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Wie es Menschen im Alter überall auf der Welt ergehen mag…

Hier können wir einen Eindruck davon bekommen.

Der Einband und der Beginn der Erzählung lässt an eine lustige Geschichte denken.
Doch so lustig ist sie dann leider nicht!

Drei über neunzigjährige alte Damen leben in ihrer Heimat Finnland. Dort spielt sich ihr Leben in dem Altenheim „Abendhain“ ab.
Toll ist es dort nicht gerade. Aber drei Dämchen mit Namen Irma, Siiri und Anna-Liisa sind noch gut drauf, trinken gerne ihren Rotwein und beobachten mit wachen Augen, was um sie her vor sich geht.

Als der junge Koch Tero eines Tages unerklärlicherweise zu Tode kommt, sind sie alarmiert und machen sich allerhand Gedanken über seinen Tod. Sie werden aktiv in einer Weise, die gefährlich für sie werden könnte.

In einer langen Abhandlung erfährt man von den Intrigen und den Tricks, mit denen man alte Menschen in Heimen ausbeutet, für dement erklärt und ihnen das Leben schwermacht.
Man hört von unerklärlichen Todesfällen und von undankbaren Verwandten und gewitzten Ausbeutern. Selbst vor kriminellen Machenschaften ist man in den einschlägigen Heimen nicht geschützt! Da bleibt zuweilen kein Auge trocken. Doch die über 94 Jahre alten Damen sind noch voller Elan und schaffen es, sich aus allerlei Unbilden zu befreien.

Alter und wie man mit alten Menschen umgeht ist überall auf der Welt ein Problem.
Die Schilderung aus dem hohen Norden von Minna Lindgren bietet da keine Ausnahme. Teilweise unterhaltsam, witzig und kurzweilig fahren einem gelegentlich doch auch Schauer über den Rücken! Gott sei Dank schwankt die Erzählung zwischen Humor und Ernsthaftigkeit.

In Finnland gilt der Roman von Minna Lindgren über das „Abendhain“ als Bestseller.

Als einen gelungenen Einstieg in die Welt des hohen Alters kann man den Roman mit Gewinn lesen. Zu hohe literarische Ansprüche darf man nicht erwarten, denn eine gewisse Langatmigkeit haftet dem Roman an.

Übersetzer sind die auch bei uns bekannten Autoren Niina und Costin Wagner, die Finnland als ihre zweite Heimat ansehen.

Minna Lindgren
Rotwein für drei alte Damen
288 Seiten, broschiert
KiWi-Paperback, März 2016
ISBN-10: 3462047248
ISBN-13: 978-3462047240
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Peter Härtling: Verdi

Peter Härtling: Verdi

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Lebensbild des Giuseppe Verdi auf der Höhe seines Ruhms und seiner Größe.

Mit dem Leben des alternden Verdis, der bereits zu Ruhm und Ansehen gelangt ist, beginnt der neue Roman von Peter Härtling über den Komponisten und bekannten Musiker Giuseppe Verdi.

Dieser besitzt zu dieser Zeit um 1870 mehrere Wohnsitze, eine ihn liebevoll umsorgende Frau, und er macht sich gerade an die Komposition zu einem ersten Streichquartett.

Wir erleben ihn knurrig, leicht unzufrieden und ebenso leicht despotisch. Kritik gegenüber ist er hoch empfindlich. Er komponiert und arbeitet, trifft sich mit Sängerinnen und Sängern und lebt ein ausgefülltes Leben. Voller Unrast und Unruhe reist er von einem Wohnsitz zum nächsten und ist auch von seiner Frau nicht zur Ruhe zubringen.

Als ihn 1883 die Nachricht vom Tod Richard Wagners erreicht, ist er getroffen, wenn er auch dessen musikalisches Werk nicht schätzte.

Doch gerade schwingt er selber sich zu neuen ungeahnten Erfolgen auf: Otello und Falstaff stehen vor den Erstaufführungen. Auch ein Requiem zu Ehren des verstorbenen Dichters Alessandro Manzoni bringen ihm Ruhm und Ehre ein.

Peter Härtlings bedient sich in seinem neuen Roman einer abgeklärten und behäbigen Erzählweise.

Detailversessen beschreibt er die damalige Musikszene in Mailand, Berlin und London. Sänger und Librettisten buhlen um seine Gunst, doch auch die Neider sind nicht fern.

Für den Musikkenner enthält der Roman atmosphärisch dichte Partien. Der ganze Roman entspricht in den Kapiteln einer groß angelegten Fuge.

Härtling ist ein ausgewiesener Musikkenner. In seinen früheren Romanen hat er sowohl Schumann als auch Schubert und Fanny Mendelssohn Denkmäler gesetzt. Unübertroffen bleibt für mich sein Roman über Hölderlin, der mich zu seinem Lesefan gemacht hat.

Dieser letzte Roman erscheint mir ein wenig zu ausufernd. Es gibt u.a. musiktheoretische Anmerkungen, die eine gewisse Fachkenntnis voraussetzen. Im letzten Teil über den Tod und das Sterben findet man feinfühlige poetische Ausführungen. Hier zeigt sich Härtlings Fähigkeit, in unübertroffener Weise Stimmungen und Zeitbilder herauf zu beschwören.

Für Verdifans ist die Lektüre gewiss eine lebendige Quelle der Freude und Information.

Peter Härtling
Verdi
224 Seiten, gebundn
Kiepenheuer&Witsch, August 2015
ISBN-10: 3462048082
ISBN-13: 978-3462048087
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Roz Chast: Können wir nicht über was anderes reden?

Roz Chast: Können wir nicht über was anderes reden?

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Die Komik des Lebens dargestellt an eigenen Erinnerungen über die Eltern und eine nicht nur fröhliche Kindheit!
Roz Chast hat einen wunderbaren Comic geschaffen!

Wir müssen reden… reden… reden…
Worüber denn?
Gedanken über das Lebensende, Patientenverfügung, Testament, Vollmacht, Heim…
Oh weh!

Es geht um ihre Eltern, deren Ängste, ihr Alter, Verhalten, Wohnen und so fort…

Mit einer Überzahl an eindeutigen Bildern und den dazu passenden Gedanken und Worten schafft sie einen Eindruck davon, was Kindern mit ihren alt gewordenen Eltern blühen kann.

Während die Tochter 11 Jahre nicht mehr zu Hause war, entschließt sie sich endlich, sich um diese alten Eltern zu kümmern. Sie waren wirklich und immer schon sehr „alte Eltern“. Inzwischen sind sie über neunzig Jahre alt.

Roz Chast lebt ihr eigenes Leben mit Kindern und Mann auf dem Lande, während die Eltern nie aus Brooklyn und aus ihrem langjährig bewohnten Heim ausgezogen sind.

Voller Eigensinn, Starrköpfigkeit und immer wieder Einwänden und Ängsten gegen jede Art von Veränderung in ihrem Leben fasst die Autorin in ihren Bildern und Worten zusammen, wie sich das Alter bei ihren Eltern zeigt, und wie es ihr selber dabei ergeht. Grotesk bis makaber sind dazu ihre Beispiele. Dass der „Seniorenanwalt“, den die Tochter ins Spiel bringt, womöglich zugunsten der Tochter an ihr (der Eltern) Geld gehen könnte, das sie in zahlreichen Sparbüchern, verfallenen und noch gültigen, verwahren; vom „Fahrsteig des Lebens“ ist die Rede, und dass er bald endet.

Mit den grimmig drein schauenden Eltern und ihrer eigenen reflektierenden Beobachtung macht Roz Chast den Abstand zwischen sich und den Eltern deutlich. Und ist es nicht so, dass Eltern oft in eine Sphäre entschwinden, zu der man keinen Zugang mehr hat?

Was man als Kind nie auszusprechen wagt, das zeigt uns die Zeichnerin mit ihren Bildern: das wahre Gesicht des Altwerdens und ihre Gedanken dazu. Sehr alte Eltern vermögen recht wunderlich und misstrauisch zu werden gegen alles, was ihre Ruhe beeinträchtigen könnte. Sie wollen oft nicht wahrhaben, dass Änderungen, Krankheit, womöglich Pflegeheim und der Tod unausweichlich sind. Sie hängen an allem, was sie im Laufe eines langen Lebens zusammen getragen haben. Trennen können sie sich von gar nichts! „Augen zu und durch“ scheint die unausgesprochene Devise geworden zu sein.

Das Dilemma zwischen dem Werden, Wachsen und Vergehen ist eines, dem man sich im Alter immer weniger stellt. Roz Chast hat es in unübertroffener Weise ins Bild gesetzt. Beim Lesen und Schauen rührt es bei aller Überzogenheit und Groteske an die Seele und ans Herz. Sogar verborgene Zärtlichkeit und Wärme meint man aus den gedrängt wieder gegebenen Erinnerungen zu spüren!
In einem Nachwort wird Roz Chast von Rubinowitz in ihren Zeichnungen mit einem Kind verglichen „ein Kind, das sich in der Welt ohne Eltern zurechtfinden muss und sich seine eigene baut…“.
Sie sprüht über von Einfällen und Geschichten aus der Vergangenheit, die bis in die Gegenwart reichen.
Roz Chast ist langjährige Cartoonistin des „New Yorker“ mit hohem Ruhm, Auszeichnung und Anerkennung! Sie ist einfach wunderbar!

Roz Chast
Können wir nicht über was anderes reden?
240 Seiten, gebunden
Rowohlt, August 2015
ISBN-10: 3498009443
ISBN-13: 978-3498009441
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Atul Gawande: Sterblich sein

Atul Gawande: Sterblich sein

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Wie werden wir am Lebensende leben?

Dieser Frage ist Atul Gawande nachgegangen. Er ist Arzt und Amerikaner von indischer Herkunft und berichtet über seine Erfahrungen in den USA. Sie sind mit den Entwicklungen anderer zivilisierter Länder vergleichbar.

In verschiedenen Kapiteln handelt er den Status des Lebensendes ab und zieht u.a. den Vergleich zwischen früher und heute.

Gawande zeigt auf, dass mit dem demographischen Wandel neu einzurichtende Versicherungssysteme erforderlich wurden. Verlängerte Lebenszeit, die Möglichkeiten moderner Medizin und Mobilität in der heutigen Arbeitswelt sind Bedingungen, die den Zusammenhalt unter den Familien verändert haben. Damit einher ging die Verlagerung der Fürsorge aus dem früher mehr dem Familienverband überlassenen Aufgaben der Altenfürsorge an die so genannte öffentliche Hand. Die ersten Betreuungs – und Pflegeeinrichtungen wurden in Amerika durch engagierte Ärzte und betroffene Familienmitglieder gegründet. Sie endeten häufig im Desaster zwischen sicherer Versorgung, straff organisiertem Tagesablauf und Vereinsamung.

Gawande stellt fest, dass es einen Perspektivwechsel zwischen jungen und sehr alten Menschen gibt: hier wird vermehrt nach einer nach außen gerichteten Aktivität und Lebensgestaltung gesucht; im Alter hingegen wird der Rückzug in die Familie und zu den Kindern und alten Freunden angepeilt, und es herrscht eine allgemeine Abneigung gegen alles Neue.

Aus der Geriatrie (Altersheilkunde) führt der Autor Beispiele an, die uns zeigen, wie anders die Gesundheitsfürsorge für alte Menschen gegenüber jungen Menschen aussehen müsse. Altersmalaisen können vielerlei Ursachen haben, die nichts mit den Symptomen kranker Menschen in der Mitte des Lebens zu tun haben.

Atul Gawande zitiert Philip Roth mit seinem Satz aus dem Buch „Jedermann“, dass das Alter ein Massaker sei. Wie wahr! Er führt aus, dass im letzten Ende das Alter von einer ununterbrochenen Folge von Verlusten gekennzeichnet ist. Verlust von Angehörigen, Freunden, körperlichen Fähigkeiten und nicht zuletzt der eigenen Unabhängigkeit. Mit der häufig am Lebensende zu beobachtenden Versorgung im Heim geht die selbständige Gestaltung des Lebens und Handelns endgültig verloren. Fremdbestimmung und Verlust der Autonomie sind die bitteren Begleiterscheinungen um das Wissen darum, dass wir alle sterblich sind.

Neben den allgemeinen Fakten und Berichten erlebt man in Atul Gawande eine sehr Anteil nehmende Persönlichkeit. Er hat sich mit Patienten aber auch mit dem Sterben und Ende seines Vaters intensiv und liebevoll auseinandergesetzt.

Sein Buch ist ein Appell an die Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft für ein Miteinander, dass dem alten Menschen die Würde lässt und den Tod respektiert. Doch auch jeder einzelne von uns ist aufgerufen, sich der eigenen Sterblichkeit zu stellen und die Verleugnung des Todes zu beenden.

Im Anhang findet man eine Reihe von Anmerkungen zu diesem außergewöhnlichen Buch.

Atul Gawande

Sterblich sein
336 Seiten, gebunden
FISCHER, September 2015
ISBN-10: 3100024419
ISBN-13: 978-3100024411
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