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Schlagwort: Betrug

Lesley Kara: Die Lügen

Lesley Kara: Die Lügen

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Lizzie und Alice waren enge Freundinnen, bis Alice auf den Bahngleisen zu Tode kam. Lizzie, die einen epileptischen Anfall hatte, kann sich nicht an das Zugunglück erinnern. Die 13-jährige vermisst Ihre Freundin und doch sieht sie sich Vorwürfen ausgesetzt. In der Schule wird ihr das Leben zur Hölle gemacht. Catherine, die Schwester von Alice, glaubt, dass Lizzie eine Mörderin ist.

Auch viele Jahre später kann Lizzie sich nicht an das Unglück erinnern. Aus ihren bruchstückhaften Erinnerungen, die in Form von schrecklichen Albträumen über sie kommen, lassen sich die Geschehnisse nicht rekonstruieren. Es macht ihr sehr zu schaffen, dass sie nicht sicher sein kann, eine gewisse Schuld an Tod von Alice zu haben. Und doch ist es ihr gelungen, ein neues Leben zu beginnen. Sie wohnt zusammen mit ihrem Freund Ross, der Arzt ist, in einem schönen Haus. Doch seltsame Hinweise lassen die Vergangenheit wieder aufleben.

Das Buch verläuft zunächst recht unspektakulär. Der Unfall belastet Lizzie zwar noch immer, aber sie hat Strategien entwickeln, damit umzugehen. Auch ihre gesundheitlichen Probleme hat sie besser im Griff. Sie schmiedet gemeinsam mit Ross Pläne für die Zukunft. Doch dann erscheint Catherine wieder auf der Bildfläche. Und von da an baut sich eine seltsame Stimmung auf, die die Autorin zunächst geschickt zwischen den Zeilen hält. Aber das Misstrauen ist geweckt und wird gefüttert von kleinen Details, die zunächst übersehen werden könnten. Auch Lizzie bedient sich dieser Strategie. Sie redet sich selbst gut zu, schlägt Warnungen in den Wind. Als Leser hat man nur ihre Sicht auf die Dinge, denn die Autorin lässt Lizzie aus der Ich-Perspektive erzählen. Würde man sich verhalten wie sie? Wahrscheinlich nicht. Und was bedeuten diese geschickt eingestreuten kursiven Passagen? Um wen und um was es hier geht, bleibt zunächst unklar.

Und dann, mit einem Paukenschlag, kommt es zu einer Wende, die unvorhersehbar war und die den Atem stocken lässt. Es ergibt sich nun ein völlig neues Bild, ein ungeahnt gefährliches Bild, da das Lügengespinst am Zerfallen ist. Die Spannung, die eigentlich schon auf dem Höhepunkt war, wird noch einmal gesteigert. Und so bleibt es bis zum Ende äußerst dramatisch. Ein wirklich gelungener Thriller!

Rezension von Heike Rau

Lesley Kara
Die Lügen
336 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10:‎ 3423263210
ISBN-13: 978-3423263214
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Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt – Montevideo-Romane Teil 3

Mercedes Rosende: Der Ursula-Effekt – Montevideo-Romane Teil 3

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Gerade mal ein Tag ist vergangen seit dem Überfall auf den Geldtransporter. Ursula hatte das Chaos genutzt und die Sache für sich entschieden. Nun wartet sie. Sie wartet sehr geduldig. Germán wird so lange mit der Beute untergetaucht bleiben wie nötig und sich dann melden.

Inspektor Clemen und Doktor Antinucci sind fassungslos. Der Überfall auf den Geldtransporter ist gründlich schiefgegangen. Was für eine Verwüstung hat Ricardo hier angerichtet? Aber man kann der Sache durchaus auch etwas Positives abgewinnen. Immerhin ist das Geld nicht verloren. Es hat nur den Besitzer gewechselt. Man wird herausfinden können, wo es ist und es zurückholen.

Germán ist außer Gefecht gesetzt. Seine Panikzustände machen ihm das Leben schwer. Und doch muss er einen Weg finden, die Beute in Sicherheit zu bringen. Noch ist es im Fluchtauto, doch hier kann es nicht bleiben.

Ursula ahnt nicht, dass das Misstrauen, das ihr ihre Schwester Luz entgegenbringt, bedenklich angewachsen ist, und diese erwägt, einen Privatdetektiv auf sie anzusetzen, um endlich Klarheit zu erhalten.

Kommissarin Leonilda, Inspektor Clemen hat ihr den Fall mal wieder entzogen, ist ebenfalls weiter im Spiel. Sie ermittelt nun jedoch auf eigene Faust. Dabei beschränkt sie sich aufs Beobachten. Da ist sie nicht die Einzige.

Wieder wird der Krimi aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Ursula selbst kommt zu Wort. Und da ist dann noch ein Erzähler, der nicht nur erzählt, sondern auch wertet. Er teilt seine Einschätzungen mit dem Leser. Diese innere und äußere Sichtweise ergibt ein facettenreiches Bild. Der gewohnt bissige und sezierende Humor kommt dabei nicht zu kurz.

Ursula kann diesmal nicht alles dem Zufall überlassen. Da ist eine Schlinge, die sich so langsam zuzieht. Ihr ist klar, dass ihr die Beute abgejagt werden soll. Sie weiß zudem, dass die Täter dabei einiges riskieren werden. Aber mit fähigen Leuten hat sie es wohl kaum zu tun, wenn man bedenkt, wie der Überfall abgelaufen ist. Es ist interessant zu sehen, wie sie agiert. Wie sie plant und vorausdenkt, aber auch den Zufall zu nutzen weiß. Ursula hat viel dazugelernt. Aber hat sie tatsächlich eine Chance, aus der Sache herauszukommen? Mit dem Geld? Es bleibt spannend bis zum Schluss.

Rezension von Heike Rau

Mercedes Rosende
Der Ursula-Effekt
Montevideo-Romane Teil 3
Aus dem Spanischen von Peter Kultzen
288 Seiten, Klappenbroschur
Unionsverlag, Juli 2021
ISBN-10: 3293005764
ISBN-13: 978-3293005761
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Romy Hausmann: Marta schläft

Romy Hausmann: Marta schläft

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Da liegt er nun in seinem eigenen Blut. Er ist selbst schuld. Er hat es provoziert. Doch erst hinterher wird Laura bewusst, was es für Folgen haben könnte. Sie kann nicht ins Gefängnis gehen, hat sie doch eine kleine Tochter, um die sie sich kümmern muss. Also ruft sie Nadja an. Vielleicht kann sie ihr helfen. Sie arbeitet in der Anwaltskanzlei von Lauras Mann Gero. Eine Freundin ist sie nicht, aber sie war es einmal.

Nadja hat eigene Probleme. Sie ist eine verurteilte Mörderin, die die Tat immer bestritten hat und die nun nach der Haftentlassung versucht, für Normalität in ihrem Leben zu sorgen. Nach außen hin gelingt ihr das. Doch in ihrem Inneren sieht es anders aus. Dennoch ist sie bereit, Laura zu helfen. Nicht auszudenken, wenn Lauras Ehemann herausfindet, dass sie ihn betrogen hat. Gero darf nicht wissen, was im Haus geschehen ist. Die Leiche muss weg! Und so ersinnt Laura einen Plan, den sie mit Nadjas Hilfe ausführen will. Nadja ahnt nicht, was in Wirklichkeit hier gespielt wird.

Der Einstieg in die Geschichte ist ziemlich schwerfällig. Vielleicht liegt es an den verwirrenden Zeitsprüngen, den unterschiedlichen Perspektiven und den Briefen zwischen den Kapiteln, deren Sinn sich zunächst nicht erschließt. Nadja, die Hauptfigur in diesem Buch, ist nicht eben eine sympathische Persönlichkeit. Und auch zu den anderen Figuren bekommt man kaum Zugang. Dabei erscheint der Plan zur Vertuschung des Mordfalls genial. Erst nach und nach entdeckt man mit Verblüffung, welche Rolle den handelnden Personen tatsächlich zugedacht ist. Unglaublich! Doch erneut ist man auf dem Holzweg, denn immer wieder gibt es Wendungen, die für eine dramatische Änderung der Lage sorgen.

Die verschiedenen Erzählstränge werden schließlich zusammengeführt, sodass man glaubt, klarer zu sehen. Die Geschichte fesselt, auch wenn zwischendurch ab und an die Orientierung verloren geht. Am Ende wird der Leser dann noch einmal mit einer Erkenntnis überrascht, die so nicht zu erwarten war.

Rezension von Heike Rau

Romy Hausmann
Marta schläft
400 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423262508
ISBN-13: 978-3423262507
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Jessica Barry: Free Fall – Die Wahrheit ist dein Tod

Jessica Barry: Free Fall – Die Wahrheit ist dein Tod

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Das Flugzeug ist aus unerklärlichen Gründen in den Rocky Mountains abgestürzt. Der Pilot ist tot. Aber Allison hat überlebt. Sie wartet nicht auf Hilfe, sondern flieht, obwohl sie verletzt ist. Sie weiß, dass ihr jemand auf den Fersen ist.

Maggie kann nicht glauben, dass ihre Tochter bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen sein soll, zumal ihre Leiche nicht gefunden wurde. Sie hatte keinen Kontakt mehr zu Allison und ist erstaunt, was für ein Leben sie in den letzten Jahren geführt haben soll. Der Pilot und Besitzer des Flugzeugs, er war CEO des Pharmaunternehmens Prexilane, soll ihr Verlobter gewesen sein. Allison hat an seiner Seite ein glamouröses Leben geführt.

Allison kämpft sich durch unwegsames Gelände. Sie kann keine Rücksicht auf ihr Befinden nehmen. Dabei ist sie dem Tod näher als dem Leben. Doch sie hat ein Ziel vor Augen. Sie muss die Wahrheit über Prexilane ans Licht bringen, sonst war alles umsonst.

Zeitgleich versucht Maggie, mehr über ihre Tochter herauszubekommen. Sie recherchiert und erkennt ihre Allison kaum wieder. Doch sie ahnt auch, dass mehr dahinter steckt, als es den Anschein hat.

Das Buch beginnt außergewöhnlich spannend! Man begleitet Allison nach dem Flugzeugabsturz durch die Wildnis. Und man weiß zunächst nicht, vor wem oder was sie flüchtet. Immer wieder werden Szenen aus ihrem früheren Leben eingespielt und man erfährt, wie es dazu kam, dass sie die Verlobte von Ben Gardener wurde. Es ist eine unglaubliche Geschichte!

Die Autorin lässt in abwechselnden Kapiteln Allison und Maggie zu Wort kommen, während die Polizei, das wirkt nicht ganz stimmig, die Ermittlungsarbeit sehr schleifen lässt. Beide Erzählstränge laufen parallel. Die Geschichte fügt sich nach und nach zu einem Bild zusammen und es wird klar, von welcher Brisanz sie ist und um was es hier wirklich geht. Für Allison und Maggie wächst spürbar die Gefahr. Es gibt interessante Wendungen in der Handlung. Die Spannung steigt zunehmend an bis hin zu einem nervenaufreibenden Ende. Ein sehr gelungener Thriller!

Rezension von Heike Rau

Jessica Barry
Free Fall – Die Wahrheit ist dein Tod
Deutsch von Susanne Goga-Klinkenberg
432 Seiten, Klappenbroschur
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423262397
ISBN-13: 978-3423262392
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Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

Bettina Balàka: Die Tauben von Brünn

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Johann Karl von Sothen ist ein bekannter Großhändler und Bankier. Zu seinem Reichtum ist er durch Betrug gekommen. Er hatte dem Brieftaubenzüchter Wenzel Hüttler am Sterbebett den Lottoschein gestohlen. Seine Tochter, die neunjährige Berta, hatte davon nichts mitbekommen. Ihr ein Jahr älterer Bruder Eduard dagegen schon. Johann Karl nahm sich den beiden Waisenkindern an und brachte sie zu einer Tante, die Wirtin eines Gasthauses in Brünn war. Siebzehn Jahre alt war er damals gewesen und ließ sich noch Hans nennen. Gut gegangen war es ihm damals nicht mit seinem trunksüchtigen Vater. Der Tabaktrafikant und Lottokollektant konnte sich und seinen Sohn kaum über Wasser halten.

Berta war ihrem Vater bei der Taubenzucht immer eine große Hilfe gewesen. Auch bei ihrer Tante ist sie für die Tauben verantwortlich. Als Berta erwachsen ist, holt Johann Karl sie schließlich zurück nach Wien. Tabaktrafik und Lottokollektur bestehen nun nicht mehr nur aus einem schäbigen Gewölbe, sondern einem ganzen Gebäudekomplex. Johann Karl ist ein reicher Mann. Die Mansardenwohnung, in der einst Berta mit ihren Eltern und dem Bruder wohnte, ist nun auch in seinem Besitz. Johann Karl ist kaum wiederzuerkennen. Sein Reichtum spiegelt sich in seiner Leibesfülle wider. Doch genug hat er nicht. Er beginnt Berta für sich einzunehmen und abhängig von sich zu machen, denn sie kann ihn noch viel reicher machen.

Was für eine Geschichte! Johann Freiherr von Sothen ist eine sehr interessante Persönlichkeit. Er präsentierte sich als Wohltäter, war aber ein äußerst geschickter Betrüger und Ausbeuter und stets auf seinen eigenen Vorteil bedacht. Die Autorin hat das, was über Johann Karl bekannt ist, in diesem Roman fantasievoll aufgearbeitet. Sie lässt den Leser über Berta Hüttler ganz nah an ihn herankommen. Während ihr Vater, die Geschichte spielt im 19. Jahrhundert, noch auf Aberglaube setzte bei der Ermittlung der Gewinnzahlen, hält der Freiherr von Sothen sich doch lieber an Tatsachen. Mithilfe der Brieftauben, sie sind schneller als der Bote, versucht er vorab an die Gewinnzahlen heranzukommen und glaubt, dass niemand seinem genialen Plan auf die Schliche kommen wird. Er hat Berta schließlich in der Hand. Aber nicht nur sie muss sich mit ihrem ärmlichen Leben abfinden, während Johann Karl immer reicher und reicher wird.

Die Autorin hat ein tragisch-komisches Schauspiel entwickelt, das sehr gut unterhält. Ihre Erzählweise ist besonders, ihre Wortwahl raffiniert! Spöttische und ironische Untertöne beleben den Text. Es ist unglaublich, wie Johann Karl von Sothen vorwärts strebt und seine Position weiter ausbaut. Und doch sind seiner Macht Grenzen gesetzt. Die Geschichte hat ein Ende, mit dem der Freiherr wohl nicht gerechnet hat!

Rezension von Heike Rau

Bettina Balàka
Die Tauben von Brünn
192 Seiten, gebunden
Deuticke Verlag
ISBN-10: 3552063994
ISBN-13: 978-3552063990
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Emmanule Carrère: Der Widersacher

Emmanule Carrère: Der Widersacher

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Emmanuel Carrère hat sich eines Genres für seine Geschichte angenommen, die man nicht anders als eine romanhafte Dokumentation beschreiben kann.

Als er in der Zeitung von einem Hochstapler liest, der innerhalb kurzer Zeit seine nahe Familie umgebracht hat, kann er nicht anders, als sich dieses Falls literarisch anzunehmen.

Diese Erklärung setzt er seiner Erzählung voran.

Er hat Kontakt zu dem Ungeheuer und verfolgt dessen Prozess.

Nun aber einmal langsam: minutiös geht er dem Geschehen nach und erkennt, dass hier wirklich ein kranker Mensch gehandelt hat.

Am 19.Januar 1993 erschlug der vermeintliche Arzt und hoch angesehene Wissenschaftler Jean-Claude Romand zuerst seine Frau, kurz darauf seine beiden kleinen Kinder und danach auch noch seine beiden Eltern mit dem geliebten Familienhund. Er zündete sein Haus an und nahm Schlaftabletten. Unglücklicherweise für ihn rettete ihn die Feuerwehr und seine ganze erlogene Existenz flog auf.

Hier setzt Carrère mit seinem Bericht an. Er befragt die Freunde von Romand, seine Nachbarn und erkundet sein Umfeld. Erschrocken nimmt er zur Kenntnis, dass hier die Abgründe der menschlichen Psyche ihren Ausdruck gefunden hat. Unter der Maske bürgerlicher Wohlanständigkeit mit erfolgreichem Lebensweg verbirgt sich ein Mann, der nichts zuwege gebracht hat: weder sein Arztexamen ist echt noch seine Anstellung bei der WHO in Genf mit häufigen Dienstreisen und Vorträgen überall in der Welt.

Grundlage der finanziellen Existenz dieses Lebens waren großzügige Finanztransaktionen, mit denen Romand vorgeblich durch Anlagen in der Schweiz den arglosen Geldgebern riesige Gewinne versprach. Und hier lauerte denn auch der Fallstrick, der ihn buchstäblich zu Fall brachte.

Wie E. Carrere das alles langsam aufdeckt und den Leser an dieser Erkundungsreise teilnehmen lässt ist atemberaubend und lässt den Leser erschauern. Seine Sprache wird der Brutalität der Vorgänge gerecht; sie ist lebendig und lebensnah, doch lässt sie sowohl den Autor als auch den Leser erstaunen, mit welch einer Leichtigkeit sich Verbrechen begehen lassen.

Wie konnte nur niemand darauf kommen, dass dieses ganze Leben eine Fiktion war?

Man liest das Buch mit höchster Spannung, weil es auch eine Studie über die Psyche eines Mannes birgt, der sich und andere in ein vollständiges Missverhältnis zwischen Wahn und Wirklichkeit führt.

Obwohl ich kein wirklicher Krimifan bin, reizt dieses Buch bis zuletzt als gelungene Sozial- und Psychostudie.

Emmanuel Carrere
Der Widersacher
195 Seiten, gebunden
Matthes & Seitz Berlin, August 2018)
ISBN-10: 3957576121
ISBN-13: 978-3957576125
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Maxim Biller: Sechs Koffer

Maxim Biller: Sechs Koffer

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Maxim Biller bezieht sich in seinem Roman auf seine verwirrende Familiengeschichte.

Von Moskau über Prag nach Hamburg und Zürich ziehen sich die Schilderungen über seine Familie, die einen geheimnisvollen Hintergrund hat: was geschah mit dem Großvater der Sippe, der 1960 in Moskau hingerichtet wurde?

Sie sind Juden und werden immer und überall verfolgt. Die Sowjetunion hatte jedoch ihre eigenen Regeln, mit denen unliebsame und nicht folgsame Bürger willkürlich zu Tode kamen.

Der kleine Maxim fragt und schaut und beobachtet und zeigt schon früh sarkastische und selbstironische Charakterzüge in seinem Verhalten.

Ein wenig verwirrend für den Leser sind die Familienpersonen in ihren Beziehungen zueinander. Brüder, Onkel und Tanten: wer gehört wie zu wem und woher kamen sie? Man ist gelegentlich ein wenig angestrengt, sich in die diversen Beziehungen einzufühlen. Fest steht aber, dass in der Familie mitbedingt durch unterschiedlich politische Regime ein Klima der Verunsicherung und Angst herrschte. Der Großvater machte Waffen-und Devisengeschäfte, die ihn in Moskau unter Verdacht und schließlich zur Hinrichtung brachten. Jeder/ jede verdächtigt danach jeden der Denunziation und brachte die Familienmitglieder gegeneinander auf. Verfeindete Brüder und unglückliche Liebesbeziehungen taten ein Übriges, um das allgemeine Familienklima zu vergiften.

Das bunte Kaleidoskop einer jüdischen Familie tut sich auf, in dem auch der Ernst der Lage durch den Holocaust nicht ausgespart wird. Für den reflektierten Leser ist es erleichternd, zu erfahren, wie Familien immer und überall auch zerstritten sein können. Das ist kein jüdisches Phänomen. Im Gegenteil: schienen doch bisher bedingt durch die Erfahrungen der nahen Vergangenheit gerade jüdische Familien einen besonderen Zusammenhalt zu genießen, während man aus der ehemaligen DDR von Familientragödien hörte, in denen durch Bespitzelung und gegenseitigen Argwohn Unglück und Verzweiflung in Familien herrschten.

In diesem Familienroman wird die Zerrissenheit durch die politischen Systeme in Ost und West thematisiert. Ein wenig Schwejk blitzt gelegentlich durch: nur durch Chuzpe kommt man zuweilen weiter. Letzte Fragen bleiben offen.

Es ist ein witziger, spannender und spritziger Erzählstil, mit dem uns Maxim Biller hier erfreut.

Maxim Biller
Sechs Koffer
208 Seiten, gebunden
Kiepenheuer&Witsch, August 2018
ISBN-10: 3462050869
ISBN-13: 978-3462050868
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Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

Annie Ernaux: Erinnerung eines Mädchens

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Annie Ernaux bedient sich wie in ihrem ersten biographischen Roman „Die Jahre“ einer Verfremdung ihrer Person, die sie als „Das Mädchen“ betitelt. Von ihr und ihrem Erwachsenwerden handelt auch diese biographische Abhandlung.

Es ist der Sommer 1958. Das Mädchen ist 18 Jahre alt. Sie lebt mit ihren Eltern in der französischen Provinz. Die Eltern sind nach Herkunft und Gemüt einfach und haben alles für ihre begabte Tochter getan. Wie so viele junge Leute verbringt diese den Sommer mit einem Job als Betreuerin in einer Ferienkolonie. Bisher in einem streng katholischen Mädchenpensionat untergebracht naht für sie ungeahnte Freiheit und Ungebundenheit.

Die Freude sollte nicht lange dauern. Unbeholfen und unerfahren fällt sie dem Chefbetreuer schon nach wenigen Tagen als Sexobjekt zum Opfer. Er verbringt eine brutale Sexnacht mit ihr und lässt sie gleich darauf fallen. Erschüttert fängt sie wahllos immer neue Männerbeziehungen an.

Zerquält und entwürdigend sind die Tage und Wochen nach dem Ereignis. Die anderen Betreuer und Betreuerinnen machen sich über sie lustig, und sie wird verfemt. Ihr ganzes Sinnen und Trachten ist auf diesen ersten Liebhaber gerichtet. Sie sehnt sich nach ihm, der sie gedemütigt und in eine ihr unerklärliche Abhängigkeit getrieben hat.

Das Trauma dieser Nacht durchzieht ihr weiteres Leben und lässt sie nicht mehr los. Jahrelang steht das Jahr 1958 in ihrem Tagebuch. Sie kann nicht und will doch darüber berichten. Jetzt erst, 55 Jahre später, gelingt es ihr.

Die Erzählung durchzieht ein Schmerz, der nie vergeht. Das Mädchen war vollkommen unschuldig und ist in etwas hineingeraten, das ihren Willen gelähmt und ihre Selbstachtung zerstört hat. Mit unübertroffener Genauigkeit und zähem Durchhaltewillen scheint die Erzählerin den Spuren ihrer frühen Jahre nachzuforschen. Es war die Zeit, in der die allgemeine bürgerliche Moral spröde Abstinenz und Enthaltsamkeit forderte und freie Liebe verpönt und doch heimlich ersehnt war. Wer gegen die gesellschaftlichen Regeln verstieß, verlor seine Selbstachtung und fühlte sich schuldig. Mit feinem und sensiblen Gespür für die Scham, die den Zeitgeist spiegelt, geht Annie Ernaux ihren Erinnerungen nach so vielen Jahren nach.

Es folgen Irrwege und die Suche nach dem richtigen Beruf. Die Autorin begegnet schließlich den Schriften von Simone de Beauvoir, die sie nachdenklich und aufmerksam machen. Der Stil der Erzählung wandelt sich mit fortlaufender Entwicklung. Die Protagonistin in der Erzählung wechselt immer häufiger zum „Ich“. Entsprechend nimmt die Identitätsfindung Form an und dem Philosophiestudium steht nichts mehr im Wege.

Die schonungslose Offenheit dieser eigenen Entwicklungsstudie ist bemerkenswert.

Hier zeigt eine Schriftstellerin ihren Werdegang mit rückhaltloser Selbstentblößung.

Letztendlich geht es um den Wandel moralischer Verhaltensweisen über die letzten fünfzig Jahre und den Schaden, den starre Tabus anrichten können. Die hohe Reflexionsgabe beeindruckt den Leser und lässt an Erkenntnissen über den Wandel der Zeiten keine Fragen offen.

Annie Ernaux
Erinnerung eines Mädchens
163 Seiten, gebunden
Suhrkamp Verlag, Oktober 2018
ISBN-10: 351842792X
ISBN-13: 978-3518427927
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Steve Hockensmith: Weiße Magie – Vorsicht Stufe!

Steve Hockensmith: Weiße Magie – Vorsicht Stufe!

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Alanis McLachlan hat nun den kleinen Laden „Weiße Magie – gut & günstig“ von ihrer Mutter übernommen. Sie will allen, die ihre Mutter mit ihren Kartendeutungen betrogen hat, etwas Gutes tun. Allerdings wird sie von ihrem Vorhaben bald abgelenkt, aber es kommt ohnehin wenig Kundschaft. Eine neue Freundin braucht ihre Hilfe. Marsha, die auch schon Kundin von Alanis‘ Mutter war, hat Stress mit ihrem gewalttätigen Mann. So versucht Alanis, sie zur Trennung zu bewegen. Als ihr Mann dann aber ermordet wird, steht Marsha bald unter Verdacht. Alanis will ihre Unschuld, von der sie felsenfest überzeugt ist, beweisen und benutzt dazu ein Tarot-Handbuch, schließlich ist sie noch am Lernen, was das Kartendeuten betrifft.

Als Leser kann man nun versuchen, ebenfalls die Karten zu deuten und diese Deutungen mit dem tatsächlichen Verlauf der Handlung zu vergleichen. Das macht sehr viel Spaß, denn dieses Tarot-Handbuch ist … nun ja … nicht eben konservativ in den Deutungen, sondern eher extrem fantasievoll. Aber das passt zu Alanis. Sie ist ein draufgängerischer Typ. Und so stehen die Karten auch mal Kopf, was die junge Frau aber keineswegs bremst! Alanis kann sehr direkt, aber auch liebevoll sein. Und von Männern, die ihr an die Gurgel gehen wollen, lässt sie sich nicht abschrecken. Sie ist ein sehr witziger Typ. Und ihr Witz und ihre Schlagkraft bestimmen die rasante Handlung, die immer mehr an Spannung gewinnt.

Davon mal abgesehen, läuft aber nun mal ein Mörder herum. Es wird also gefährlich für Alanis und wem sie vertrauen kann und wem nicht, vermag man als Leser nicht zu sagen. So geht es ordentlich drunter und drüber und Alanis ist nicht immer Herr der Lage.
Der Tarot-Krimi bietet also sehr gute Unterhaltung. Der Schreibstil des Autors ist unschlagbar. Ich hatte einige vergnügliche Stunden mit dem Buch.

Rezension von Heike Rau

Steve Hockensmith
Weiße Magie – Vorsicht Stufe!
Deutsch von Britta Mümmler
Kriminalroman
352 Seiten, broschiert
dtv Verlagsgesellschaft
ISBN-10: 3423216646
ISBN-13: 978-3423216647
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Louise De Vilmorin: Der Brief im Taxi

Louise De Vilmorin: Der Brief im Taxi

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Liebeswirren im edlen Bürgertum.

In diesem kurzen Roman, der fast einer Novelle gleicht, beginnt eine unbekannte Icherzählerin unvermittelt mit der geselligen Geschichte einer gehobenen Bürgerschicht.

Sie berichtet von einem Mann, den sie liebte, der ihr aber eine andere vorzog. Gustave ist ein heiterer Mann, der von einem leichten Leben auf den Meeren der Welt träumt. Dazu muss er zuerst einmal reich werden. Er liebt Cécilie, eine gute Freundin der Erzählerin. Diese ist unkonventionell, verspielt, locker und schöner als ihre erzählende Freundin und heiratet den Galan.

Zunächst sieht alles nach einem glücklichen Leben aus; doch Gustave wandelt sich mit dem beruflichen Erfolg zu einem geldgierigen, langweiligen Banker. Sein Umgang ist entsprechend, und Cécilie vermag sich nicht so recht in den konventionellen Umgang mit den anderen angesehenen Bürgern einzureihen.

Eines Tages begleitet Cécilie die langweilige Freundin ihres Bruders Alexandre zum Zug. Auf dem Weg im Taxi verliert sie einen frankierten Brief, den sie zur Post geben wollte. Nun beginnt das eigentliche Abenteuer! Was stand in dem Brief, und an wen war er adressiert?

In wunderschönen Worten beschreibt Louise De Vilmorin die Personen ihrer Handlung.

Sie alle sind unterschiedliche Charaktere mit eigenem Gewicht. Vermutungen tauchen auf wie diese: könnte der Brief zu einer Erpressung führen? Beinhaltet er den Hinweis auf eine versteckte Liebesgeschichte von Cécilie?

Man wird neugierig, und die Spannung steigt!

Es geht in der Erzählung um das französische Bürgertum, um Adel, Gesellschaft, Gewohnheiten und das Lebensgefühl zu Beginn des 20.Jahrhunderts. Die Geschichte kreist voller Charme und gepflegter Unterhaltung um Menschen, die lieben und sich im geselligen Treiben verlustieren. Der vergessene Brief im Taxi ist das Medium, um das sich eine Geschichte rankt, die jenes edle Bürgertum mit allen seinen guten und maroden Seiten aufzeigt, wie wir sie aus der Historie kennen. Es gibt die Angepassten, die Angeber, Intrigen aller Art und die unkonventionellen Individuen, die das Salz in der Suppe bilden. Die Geschichte im Brief bietet überraschende Eindrücke und Auflösungen, mit denen man nicht gerechnet hat.

Der Leser fühlt sich gut unterhalten. Er goutiert die gepflegten Umgangsformen und das malerische und bestrickende Ambiente.

Das Büchlein ist eine kleine Rarität, das sich in Aufmachung und Geschmack hervorragend als Geschenk eignet. Beim literarisch gebildeten Leser kann man damit nichts falsch machen.

Dem Dörlemann Verlag verdanken wir immer neue Wiederentdeckungen aus dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts. Louise De Vilmorin lebte von 1902 -1969. Sie war mit de Saint-Exupérie verlobt und langjährige Lebensgefährtin von André Malraux. Ihr verdanken wir so manches literarische Kleinod wie dieses hier.

Louise De Vilmorin
Der Brief im Taxi
208 Seiten, gebunden
Dörlemann, August 2016
ISBN-10: 3038200336
ISBN-13: 978-3038200338
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